Quelle: Archiv MG - NAHOST IRAK - Ölquelle mit Volk
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WORUM GEHT'S IN KURDISTAN?
Schlamm! Eisige Kälte in den Bergen! Schnee! Erfrierende Babies!
Heulende Mütter! Erwachsene Männer, die sich um einen Sack Le-
bensmittel schlagen! Prügelnde Türken! Kürzlich auch noch amnesty
international - Mitglied Blüm mittendrin. Genscher hinterher. Ba-
ker ebenso vor Ort! Alles nicht schön, aber wahr!
Keiner kommt den Bildern aus, die tagtäglich aus den Höhen Kurdi-
stans auf allen Kanälen und in allen Gazetten zu uns kommen. Denn
wenn's drauf ankommt, kriegt die freie Welt zehnmal leichter
Fernsehteams an einen "Ort des Entsetzens" als Milchpulver und
Gummistiefel. Fragen werden aufgeworfen - welche weltpolitischen
Umstände die Kurden auf die Berge getrieben haben; wieso die Kur-
den überhaupt glaubten, ihre Stunde gegen Saddam Hussein hätte
geschlagen; wieso sie auf die Idee verfallen sind, ausgerechnet
in der Türkei wäre ihnen ein besseres Los beschert als zuhause;
warum sie um keinen Preis dem Friedensangebot aus Bagdad trauen
können, das ihre Häuptlinge bereits unterzeichnet haben -, um im-
mer dieselbe Antwort anzubringen: Saddam Hussein, Saddam Hussein,
Saddam Hussein!
Internationale Solidarität und eine gute Tat gegen den bösen Mann
aus Bagdad waren also das Gebot der Stunde; Hilfe und Kampf für
die gerechte Sache in einem. Und dieser Doppelschlag ist wun-
derbar gelungen. Suppe und Decken kamen in die Türkei und in den
Iran - gebracht von unserer Bundeswehr. Essensausgabestellen und
Lager wurden aufgebaut - durch GIs und französische Fremdenlegio-
näre im Norden des Irak. Neuerdings dürfen sich die Kurden sogar
wieder zurück auf den Weg in die angestammte Heimat machen - die
ist jetzt nämlich eine "Schutzzone mit begrenzter Autonomie" un-
ter westlicher Aufsicht.
Und? War's das jetzt? Einesteils wohl schon! Zumindest was die
Not der Kurden betrifft. Andererseits überhaupt nicht. Es gibt
nämlich anläßlich der Kurden für alle beteiligten Parteien
Höhere Gesichtspunkte
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Allen voran wieder einmal unser Genscher. Er weiß gleich eine
weltpolitische Sichtweise der Angelegenheit. Die Kurden seien
"keine innere Angelegenheit des Irak", die "Staatengemeinschaft
stehe auf dem Prüfstand" und die Vereinten Nationen müßten sich
einen "internationalen Gerichtshof" schaffen, vor dem es Saddam
dann abzuurteilen gilt. Dann lädt sich unser Blüm bei den Kurden
ein und latscht stundenlang von Zelt zu Zelt, fragt nachher be-
troffen - das Fernsehen ist natürlich schon wieder dabei -, "wie
wir es verhindern können, daß auf der Welt weiter gemordet wird"
und weiß auch gleich die Lösung: "Weltpolizei, in Form von UNO-
Truppen". Zufällig trifft sich das ziemlich haarscharf mit der
Idee seines Kabinettskollegen vom Verteidigungsministerium. Stol-
tenberg läßt seinen Staatssekretär zu Protokoll geben, daß
"Pioniere und Einheiten der Luftwaffe sowie Marine eine dauer-
hafte, schnelle Eingreiftruppe" die adäquate Kurdenhilfe sind,
während der SPD-Gansel was von "Verfassungsbruch" nörgelt, bloß
weil die SPD schon wieder nicht gefragt worden ist.
Derweil wird dem englischen Major bescheinigt, daß er sich über
die Kurdenfrage "international geschickt in den Vordergrund ge-
spielt" hat. Der Obertürke und NATO-Partner Özal ist auch für die
Kurden. Sie sollen eine "Schutzzone" bekommen - natürlich im
Irak. Für seine Kurden braucht's das selbstredend nicht. Die hie-
ßen nämlich bis vor kurzem Bergtürken und denen geht's bekannt-
lich gut. Währenddessen basteln die USA an ihrer neuen Weltord-
nung und bekunden, daß ein Kurdenstaat darin (bislang) nicht vor-
gesehen ist.
Die Kurden als Berufungstitel
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Geht's also all den neuen Kurdenfreunden doch nicht so sehr um
dieses Völkchen? Anscheinend nur sehr vermittelt. Irgendwie wird
man den Verdacht nicht los, daß die Kurden ein typischer Fall da-
für sind, wann die Weltpolitik von ihr geschaffenes Elend zur
Kenntnis nimmt. Nämlich immer dann, wenn ihre Macher ein auswär-
tiges Ordnungs- oder Korrekturbedürfnis entdecken.
Die BRD jedenfalls legt Wert darauf, mit ihrer Bundeswehr vor Ort
zu sein. Und zwar einmal ganz eigenständig wie im Iran; demnächst
eventuell aber auch als Teil einer "EG-Eingreiftruppe" oder
sonstwie im "internationalen Rahmen"; auf alle Fälle mit viel
Mitsprache und nicht in der Rolle eines Vasallen der USA. So in-
terpretiert man konstruktiv am Grundgesetz herum, das neulich
noch eine unüberwindliche Schranke für Bundeswehreinsätze war.
Die USA sollen darüber zur Kenntnis nehmen, daß ihnen von den Eu-
ropäern die Exklusivität in Sachen Irak, die sie während des
Krieges hatten, bestritten wird.
Und die Kurden? Die werden berühmt. Denn sie werden aufgewertet
zu einem Berufungstitel der Diplomatie. Deren
G e g e n s t a n d ist die Konkurrenz um imperialistische Zu-
ständigkeiten im Nahen Osten.
Humanität ist das Fremdwort für den diplomatischen Standpunkt,
daß für gewisse Staaten die Berufung auf Souveränitätsrechte di-
plomatisch nichts zählt. Und d a v o n hängt zur Zeit das Über-
leben von zwei Millionen Kurden ab.
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