Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl
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GEGENARGUMENTE ZU FANGFRAGEN UND VORWÜRFEN VON LEUTEN,
DENEN DER PROTEST NICHT PASST
1.
"Wer heute demonstriert, muß sich fragen lassen, wo er am 2. Au-
gust, dem Tag des Überfalls auf Kuwait war."
Von wegen - mit einer Demo am 2. August hätte man sich das
"Recht" erworben, heute gegen den Krieg des Westens zu demon-
strieren! In Wahrheit soll man doch gerade h e u t e n i c h t
protestieren, sondern die Schnauze halten und den Politikern das
Geschäft des Regierens und des Krieges überlassen! Oder hätte der
Westen die Antwort auf den irakischen Einmarsch in Kuwait lieber
den Friedensdemonstranten als seinen Truppen anvertraut? Wohl
kaum!
2.
"Nicht die USA sind der Aggressor. Schließlich ist der Irak in
Kuwait einmarschiert. (Der Krieg hat am 2. August begonnen.)"
Was soll eigentlich das Unerträgliche daran sein, wenn ein dikta-
torischer Staat wie der Irak einen anderen, feudal regierten wie
Kuwait einkassiert? Warum soll man sich zum Anwalt ausgerechnet
eines dieser Staaten machen? Was soll Schlimmes daran sein, wenn
es einen Staat weniger auf der Welt gibt und dasselbe, das vorher
in Kuwait gelaufen ist, nun unter irakischer Flagge passiert?
Unerträglich ist das nur für die Staaten, die die Grenzen in der
arabischen Welt so gezogen haben, wie es ihrem Aufsichtsinteresse
entspricht.
3.
"Die Hoffnung auf eine friedlichere Welt wird sich nur dann er-
füllen, wenn nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Grundre-
geln des Völkerrechts gelten."
Wer ist denn in diesem Fall der Stärkere? Was Stärke angeht, so
gibt es schon einen wichtigen, hier unterschlagenen Unterschied:
Saddam Hussein w o l l t e stärker werden, die USA s i n d
s t ä r k e r. D a s wollen d i e sich nicht mehr nehmen las-
sen.
Übrigens: Sind nicht die auf der Seite der Allianz gegen den Irak
kämpfenden Staaten heute deshalb so groß und stark, weil sie ihre
eigenen Eroberungskriege schon längst hinter sich haben? Versucht
nicht Saddam Hussein dasselbe - die Erweiterung seiner Macht
durch Annexion eines Gebiets -, bloß mit dem Unterschied, daß ihm
der "Erfolg" von der stärkeren Seite nicht gelassen wird?
Vor dem Völkerrecht kann sich so eine Annexion übrigens nur bla-
mieren, wenn die USA es zu so einem Fall machen: Wo waren denn
die Völkerrechtstruppen, als die USA in Grenada einmarschiert
sind, Panama bombardiert haben, den Krieg gegen die Sandinistas
in Nicaragua indirekt geführt haben? Die USA entscheiden nach
Lage ihrer Interessen, welcher Übergriff auf einen anderen Staat
erlaubt oder von ihnen bestraft wird. Daß sie dabei als Exekuto-
ren eines höheren, eben des Völkerrechts auftreten, dokumentiert
die Unwidersprechbarkeit, die den amerikanischen Interessen durch
die restliche Staatenwelt zu zollen ist. Die Gültigkeit des
Völkerechts steht und fällt mit der Überlegenheit der amerikani-
schen Militärmacht, die jeden anderen Staat von der Verletzung
der bestehenden Weltordnung abschreckt. Wenn er sich nicht von
selbst abgeschreckt zeigt, dann wird es ihm wie jetzt dem Irak
mit dem kriegerischen Einsatz der Gewaltmittel beigebracht. Und
deswegen soll man auch noch hoffen, daß durch diesen Krieg eine
"friedlichere Welt" unterwegs ist?!
4.
"Der irakische Diktator hat alle Appelle und UNO-Resolutionen
mißachtet. Dieses Verhalten kann nicht toleriert werden."
Von wegen "kann nicht". Der Westen w o l l t e keinen Kompromiß
mit Saddam Hussein schließen, sondern den bedingungslosen Rückzug
aus Kuwait u n d seine Abdankung. So, freiwillig und ohne Ge-
genleistung dankt aber kein einziger Machthaber dieser Welt ab.
Der Krieg war also fällig, weil die USA ihn beschlossen hatten.
Und jetzt führen sie ihn entsprechend: Ausschaltung des Irak als
Militärmacht ist der Zweck ihres totalen Krieges, nicht nur die
Wiedereinsetzung des Emirs von Kuwait.
5.
"Wer etwas anderes behauptet, muß sich den Vorwurf der Einseitig-
keit gefallen lassen."
Zu einem Krieg gehören immer zwei Seiten. Wie kann jemand, der
den Krieg verurteilt, damit "einseitig" sein? Soll mit diesem
Vorwurf nicht umgekehrt behauptet werden, daß man die beiden Sei-
ten der kriegführenden Parteien nicht auf eine Stufe stellen
darf? Gewalt sei nicht immer gleich Gewalt, sondern auf der west-
lichen Seite sogar so legitim, daß sie gar nicht mehr kritisiert
werden darf?
Ist das nicht eine Verpflichtung zur Einseitigkeit, die jede Kri-
tik verbieten möchte?
6.
"Wer jetzt demonstriert, muß sich fragen lassen, warum er nicht
gegen die irakische Androhung der Auslöschung Israels protestiert
hat."
Warum hört man eigentlich von dieser Seite nicht dieselbe morali-
sche Entrüstung, wenn die Israelis über einen "fraglos
gerechtfertigten" Vergeltungsschlag beraten?
Und was die USA und Großbritannien mit ihren Flächenbombardements
bei den Menschen im Irak schon alles anrichten, darf man dank
Pressezensur erst hinterher mit geheuchelter Erschütterung zur
Kenntnis nehmen:
7.
Kohl: "Bei manchen Demonstranten bestürzt mich die moralische
Gleichgültigkeit."
Was Moral ist, legt also der Kanzler fest, der zugleich die Auf-
stockung des deutschen Beitrags zum Krieg verkündet. Wer nicht
für den Krieg demonstriert, ist "moralisch gleichgültig".
8.
"Der Einschlag einer Scud in Tel Aviv war ein brutaler Terrorakt
gegen unschuldige Opfer."
Und was sind Bombenteppiche auf Bagdad und Basra? - Ein
"Meisterstück moderner Kriegsführung"?!
9.
"Gerade wir Deutschen haben die Verpflichtung, uns nicht her-
auszuhalten, wenn Israel bedroht wird. Das würden uns die
Nachkommen der Holocaust-Opfer nie verzeihen."
Warum soll eigentlich ein Krieg dadurch gut werden, daß die Über-
lebenden eines früheren Krieges ihn rechtfertigen und er im Namen
von dessen Opfer geführt wird? Warum sollen die Nachfahren der
Holocaust-Täter für einen antiirakischen Holocaust sein, bloß
weil die Nachkommen der Holocaust-Opfer das verlangen?
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