Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl
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Irak macht seinen Anschluß mit Kuwait:
EIN FALL FÜR DIE OBERGEWALT DES FREIEN WESTENS
1.
Vor einer Woche hat der Araber-Staat Irak den Nachbarn Kuwait
überfallen, innerhalb weniger Stunden besetzt, ein paar Hundert
Leute umgelegt, eine ihm genehme neue Regierung eingesetzt und
anschließend seinen Rückzug angekündigt. Das hat in den letzten
Tagen jeder mitbekommen.
Eine Nachricht, wie sie jeden Tag in der Zeitung stehen könnte -
meistens allerdings in etwas unscheinbarerer Aufmachung.. Und
nach den üblichen zynischen Maßstäben, an denen Kriege hier-
zulande gemessen werden, würde ein solcher Vorfall an sich sogar
ein gutes Echo verdienen: ein Blitzkrieg, wie ihn unsere israeli-
schen Freunde kaum flotter hinbekämen; taktisch geschickt "von
langer Hand vorbereitet" (Tagesschau); dazu noch relativ 'human':
die Bevölkerung bekam wenig mit ("Rund 30 Kuwaiter standen gedul-
dig vor einem Videoverleih Schlange, als die Panzer durch die
Stadt rollten", WAZ); ein gerade in der freien Welt sehr
anerkannter Kriegsgrund: "Motiv: Geld" (Bild); und sogar ein
"historisches Recht", das wir als Deutsche nur zu gut verstehen
müßten: "Die Phase der widernatürlichen Abtrennung des Landes von
seiner irakischen Mutter ist beendet", verbreitete Radio Bagdad
voller Nationalstolz die frohe Kunde von 'Irak einig Vaterland',
denn unter osmanischer Herrschaft gehörte heute kuwaitisches
Territorium früher mal zu Irak...
Doch all diese "guten Argumente" nützen dem Irak in der Weltöf-
fentlichkeit bekanntlich überhaupt nichts.
2.
Die öffentliche und politische Verurteilung ist einhellig. Seit
letzten Donnerstag ist Iraks Führer Saddam Hussein ein
"blindwütiger Despot", ein "großmannssüchtiger Diktator", der
"Irre von Bagdad", ein Kinderschänder, abwechselnd Hitler, Stalin
oder Ceaucescu, dem schnellstens das Handwerk gelegt werden muß.
Übrigens: Haargenau der selbe Hussein, dessen Kriegsmaschinerie
bis gestern noch von West und Ost ausgestattet und angeheizt
wurde; haargenau der selbe Aggressor, dessen Überfall auf den
Iran vor 10 Jahren von der zivilisierten Welt wohlwollend unter-
stützt und waffenmäßig am Laufen gehalten wurde , weil er sich in
dem Staat mit dem einen anderen Buchstaben den - aus "unserer"
Sicht - "richtigen" Feind ausgesucht hatte, der einen auf den
Turban verdiente; haargenau der selbe arabische Gorilla ist also
heute in den Augen seiner Ex-Züchter und Ex-Waffenlieferanten to-
tal unten durch. Wie kommt's?
3.
Daß mal wieder Menschen über die Klinge springen mußten, weil sie
Angehörige einer für fremde Interessen hinderlichen Staatsgewalt
sind, ist also ganz bestimmt nicht der Grund für die von Kom-
mentatoren und Politikern ausgerufene "weltweite Bestürzung".
Auch nicht die Senfgaseinsätze und die Foltermethoden des Herrn
Hussein.
Das alles ist seit Jahren bekannt und den Abscheu heuchelnden
Weltpolitikern aus Washington, Paris, Brüssel und Bonn auch viel
zu vertraut, als daß sie deswegen gleich den "Hitler"-Vorwurf
auspacken würden. Die Aufregung ist noch nicht einmal etwa des-
halb so groß, weil Kuwait ein befreundeterer, also pflegeleichte-
rer Staat war als das Khomeini-Regime. Nein, den kuwaitischen
Scheichs, geschweige denn ihren erschossenen Untertanen weint
kein Verantwortlicher hierzulande eine Träne nach.
Es geht um etwas anderes: Hussein und seine Soldaten bekommen die
Rote Karte gezeigt - weil sie sich eine Freiheit herausgenommen
haben, die ihnen nach Ansicht der westlichen Oberaufseher über
Krieg und Frieden nicht zusteht. Nicht ihre blutigen Taten stö-
ren, sondern sie haben ein P r i n z i p dieser Weltordnung
verletzt: K r i e g o h n e E r l a u b n i s d e s
W e s t e n s g e f ü h r t, lautet die Anklage. Zwar hat noch
nie ein Feldherr irgendjemanden um Erlaubnis gebeten, bevor er
irgendwo einmarschiert ist - aber, so die Klarstellung von USA
und EG, für solche Staaten, deren Hoheit ja bloß von hier gespon-
sert, also k o n z e s s i o n i e r t ist, hat unabdingbar zu
gelten: Die Lizenz zum Töten wird in den M e t r o p o l e n
der freien Welt ausgestellt! Wann, gegen wen und wie lange - das
bestimmt einzig und allein der Auftraggeber der Gewalt.
Und da hat der Irak seinen Auftrag - den Iran in Schach zu halten
- jetzt eindeutig überschritten: Im e i g e n e n Interesse
sich die Vormacht am Golf unter den Nagel reißen zu wollen - das
kommt nicht in Frage, denn das ist das Privileg, das absolute
Recht des Westens!
Gegen dieses Gebot der ehrenwerten modernen Weltordnung von Ge-
schäft und Gewalt hat Hussein mit seinem "Privatkrieg" verstoßen:
darum gilt er als "geld g i e r i g" und "macht h u n g r i g",
also pfui.
4.
Ist Saddam Hussein nun also ein "gefährlicher Potentat, der die
ganze Welt in Flammen setzen kann"? - Die gesammelten und ange-
drohten Maßnahmen der Staaten, die durch den irakischen Truppen-
aufmarsch ihre "vitalen Interessen am Persischen Golf" bedroht
sehen, als auch die bisherigen Reaktionen des Irak zeigen, daß
die Sache ein wenig anders steht.
Der Ausspruch eines amerikanischen Senators "Wir werden ihm den
Ölhahn zudrehen und er wird in die Knie gehen" trifft exakt den
Kern der Angelegenheit - und in seiner praktischen Umsetzung den
Irak voll ins Mark. Die internationalen Sanktionen, Kaufboykott
und Sperrung der Pipelines durch die Türkei, sind wirksame Waf-
fen, eben weil Irak ein ökonomisch durch und durch abhängiges
Land ist, dessen M a c h t und Herrlichkeit ausschließlich von
der A n g e w i e s e n h e i t auf den Verkauf seines Öls le-
ben. Ein Widerspruch, der schon Folgen zeitigt: Keine Woche nach
dem Einmarsch hat Irak zu der Gegen-"Erpressung" gegriffen, seine
Ölförderung zu drosseln.
Daß der Westen sich dabei nicht alleine auf die Erzwingung
"wirtschaftlicher Vernunft" verläßt, ist klar. Getreu der Erklä-
rung des letzten NATO-Gipfels, daß freiheitliche Armeen und
Atombomben auch in Zukunft nötig sein werden, um "abtrünnige Re-
gimes zu bekämpfen" (sprich: wer nicht unser Freund ist, ist un-
ser Feind), wird der ökonomische Druck durch die nötige Drohung
mit Gewalt pur ergänzt: Flugzeugträger schippern gen Basra;
Saudi-Arabien, dem nächsten Nachbarn des Irak, wird aus aller
Welt "Hilfe" angedient, ob es danach gefragt hat oder nicht; der
US-Präsident sieht in Husseins Aktion "die größte Herausforderung
seiner Amtszeit" und verspricht dem Irak dafür die "totale Desta-
bilisierung"; der Rest der Welt namens UNO wird für dieses Pro-
gramm in die Pflicht genommen und beschert dem aktuellen Stören-
fried Nr. 1 ein umfassendes Waffenembargo; alles Gerät für eine
erfolgreiche "Befreiungsaktion der Geiseln", als die ein Massaker
der westlichen Staaten todsicher laufen wird, wird herange-
schafft; und wiederum der Welt oberster Gewalthaber hält sich in
aller Ruhe ausdrücklich "alle militärischen Optionen offen"
(Bush).
5.
Diese relative Ruhe und Lässigkeit, mit der Amis und Europäer von
zu Hause und vor Ort die Palette ihrer Optionen des Zuschlagens
sortieren, verdanken sie nicht zuletzt - der Sowjetunion.
Deren "neues Denken" in Sachen Außenpolitik, durch betontes
Nicht-Engagement den USA und ihren Verbündeten keinen Anlaß mehr
zu geben, für jeden "regionalen Konflikt" die Russen haftbar zu
machen, hat ein Ergebnis allemal erbracht: eine, ja die Partei
weniger, mit der die NATO bei ihren internationalen Flurbereini-
gungsaktionen militärisch zu rechnen hat(te)! Als (potentielle)
Unterstützungsmacht gegen die westlichen Nationen hat die SU sich
von der Weltbühne verabschiedet - und als Dankeschön für diesen
Abgang bekommen die Russen ein Bonbon der dritten Art verab-
reicht: Zum ersten Mal in der Geschichte nach dem Zweiten Welt-
krieg fährt ein amerikanischer Außenminister nach Moskau, um ge-
meinsam mit seinem sowjetischen Kollegen einen dritten Staat
"aufs Schärfste zu verurteilen". So sehr haben die Sowjets also
mittlerweile Einsicht gezeigt in diese Sorte freier Weltordnung,
daß sie mit einer diplomatischen Note nicht nur ihr Abtreten als
konkurrierende Weltmachtalternative, sondern auch das unverbrüch-
liche Recht der Amis unterschreiben, dort unten "im Namen der
internationalen Gemeinschaft" kräftig aufzuräumen!
6.
Ist die Welt dadurch, daß "die Supermächte sich nun viel besser
vertragen", also wieder ein Stück friedlicher geworden, wie al-
lenthalben behauptet wird? Von wegen!
W e l t p o l i t i s c h gesehen ist die gemeinsame Erklärung
gegen den Irak schließlich ein Erfolg der USA in ihrer Politik
des "roll back" gegen die SU. Daran ändert auch nichts, daß der
Schewardnadse seinen Eduard druntergesetzt hat. Die Drohung und
die Anwendung von Gewalt gegen den Irak durch die Weltmacht Nr. 1
i s t d a m i t s a n k t i o n i e r t - und zwar durch deren
weltpolitischen Hauptfeind (falls das jemand vergessen haben
sollte). Gewalt als Mittel der (westlichen) Politik scheidet da-
mit keineswegs aus, sondern es entfallen gewisse Rücksichten
b e i m E i n s a t z von Gewalt. Ab sofort kann gegen
"Abtrünnige" wie Hussein umstandsloser draufgehauen werden. Man
kann es sogar bleiben lassen und ihn "nur" destabilisieren.
Und i n d e r Ö f f e n t l i c h k e i t steht das in den
letzten Tagen häufig strapazierte Bild von der "heiler und fried-
licher werdenden Welt", an der ein Hussein völlig zeitgeistwidrig
gezündelt habe, eben deswegen so hoch im Kurs, weil es unüberhör-
bar der passende Auftakt zu einem hemmungslosen Aufruf zur Gewalt
ist. Natürlich nur im Namen höchster Titel: "Die Sowjetunion und
die USA sollten ihm gemeinsam auf die Finger hauen. Im Namen des
Weltgewissens." (Bild). Unverhohlen wird hier nach Krieg ver-
langt, einem Krieg dann allerdings ganz anderen Kalibers als die
Blitzaktion gegen Kuwait. Das ist jedem dieser Hetzer klar, macht
aber nichts, denn dann kriegen's ja "die Richtigen" zu spüren...
So geht Weltfrieden. Er wird immer totalitärer. Praktisch und in
den Köpfen. Wohl bekomm's.
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