Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl

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       Das ist der neue Weltfrieden:
       

AUFMARSCH AM GOLF

Vor zehn Jahren hat der Irak den Iran angegriffen. Warum war es damals der ganzen Weltöffentlichkeit nicht schlagartig klar, daß es sich bei Hussein um den "Wahnsinnigen von Bagdad" handelt? Of- fenbar ist es für den Westen - entgegen dem allgemeinen Geschrei im Moment - noch kein Verbrechen, einfach ein Nachbarland mit Krieg zu überziehen. Da kommt es schon sehr darauf an, ob der Überfall "uns" nützt. Und das fanden die hiesigen Politiker damals gar nicht schlecht, daß sich ein Staatsmann vor Ort fand, der "u n s e r e n" Feind, den Iran, bekriegen wollte. Dafür wurde der "Wahnsinnige" auch mit reichlich Waffen aus bester NATO-Produktion versorgt, um acht Jahre lang den antiwestlich gesinnten Iran zu schwächen. Man sollte also einmal Pause machen mit der Beschimpfung Saddam Husseins als krankhafter Killer, sich daran erinnern, daß der Mann von Beruf P o l i t i k e r ist, und sich fragen, worum es erstens ihm, bei seinem Unternehmen gegen Kuwait, und zweitens den Amerikanern bei ihrem Aufmarsch am Golf geht. Was hat Saddam Hussein eigentlich verbrochen, um sich die ge- ballte Feindschaft der gesamten Staatenwelt zuzuziehen? 1. Das irakische Staatsprogramm... ---------------------------------- Saddam Hussein ist arabischer Nationalist. Wie jeder anständige nationale Führer will er aus seinem Staat etwas machen: er soll schöner, größer, reicher, mächtiger werden. Und er verfügt auch über Machtmittel, dieses Programm in die Tat umzusetzen: er ge- bietet nämlich über ein Volk von etlichen Millionen und über reichlich fließende Einnahmen aus Ölverkäufen ans westliche Aus- land. Diese Einnahmen machen den Irak bei westlichen Banken kreditwürdig und erlauben einem Hussein die Finanzierung von al- lerlei Einkäufen im Westen: Maschinen, Lebensmittel, Waffen. Das hat er kräftig getan - die bezweckte Erweiterung irakischer Macht und irakischen Reichtums hat sich allerdings nur bedingt einge- stellt. Was die Einnahmen aus dem Öl betrifft, ist der Irak nach Preis und Menge abhängig geblieben vom Geschäftsgang der Ölmul- tis; und die Kredite, aus denen das Programm nationaler Machter- weiterung finanziert wird, haben sich beim Irak als wachsende Schulden bei westlichen Banken angesammelt, die aus den Öleinnah- men bedient werden müssen. D i e s e s Ergebnis der nationalen Ambitionen eines Hussein ist den kapitalistischen Führungsnatio- nen übrigens gerade recht: so ist der Irak nämlich als zu- verlässiger Öllieferant und Kunde der westlichen Geschäftswelt in den Weltmarkt "integriert". Hussein war mit diesem Ergebnis seiner Anstrengungen allerdings nie zufrieden. Denn seine nationalen Ziele waren von Anfang an höher gesteckt, als den Irak zum guten Geschäftspartner und damit anerkannten Mitglied der westlichen Völkerfamilie zu machen. Im Gegenteil: Ölverkäufe und Kredite waren als Mittel gedacht, um den Irak gerade von der Abhängigkeit vom westlichen Ausland zu b e f r e i e n, in die Hussein seine Nation verstrickt sah, und ihm die Rolle als Vormacht in der Golfregion zu verschaffen - wie es sich ja auch gehört für einen verantwortungsbewußten Führer, dem die "nationale Souveränität" über alles geht. Deshalb hat er die Einnahmen aus dem Ölgeschäft und den westlichen Krediten vor allem zum Ausbau der irakischen Staats- und Militärmacht einge- setzt und nach Kräften an einer eigenen Rüstungsproduktion geba- stelt. Die sollte ihm die Macht verschaffen, im arabischen Lager nach seinen Kriterien Ordnung zu schaffen - wie jeder deutsche Verteidigungsminister weiß Hussein eben, daß eine Nation in der Staatenwelt nichts zählt, wenn sie nicht auf eine eigene Militär- macht verweisen kann. Auch was den T i t e l betrifft, unter dem Hussein die iraki- sche Vormacht vorantreibt, erweist er sich als gelehriger Schüler westlicher Machthaber. Als F a n a t i k e r d e s n a t i o n a l e n i r a k i s c h e n E r f o l g s trägt er sein I n t e r e s s e an irakischer Machterweiterung als R e c h t vor - nicht bloß des Irak, sondern gleich "der Ara- ber", die er mit seiner Herrschaft beglücken will. Der in seinen Augen noch unzureichende Erfolg seines Programms gilt ihm folg- lich als U n r e c h t, das fremde Interessen der "arabischen" Nation zufügen. Kommt das hiesigen Nationalisten nicht bekannt vor? Hat nicht die BRD ihr I n t e r e s s e, die DDR zu schlucken, jahrelang als "R e c h t d e r D e u t s c h e n" verkauft und die DDR deshalb als "Unrechtsstaat" verteufelt? Gel- ten nicht auch die Interessen der USA am Golf als deren un- abweisbare Rechte, die es mit aller Staatsmacht durchzusetzen gilt? Nach Husseinscher Lesart sieht die Sache genau umgekehrt aus: wenn sich an irakischen Ölverkäufen die Ölmultis bereichern und nicht der Irak, dann liegt hier ein Verstoß fremder Mächte am Recht der Araber vor, über i h r e nationalen Reichtumsquellen frei zu gebieten; und ein Hussein ist berufen, d e r e n Rechte zu verteidigen! Dem westlichen Rechtsstandpunkt "unser Öl" setzt Hussein den Rechtsstandpunkt "arabisches Öl" entgegen; und eben diesen Standpunkt setzt er seinerseits mit Gewalt durch, wenn er in Kuwait einmarschiert. Denn vom Standpunkt der nationalen ara- bischen Sache, zu dessen Vorkämpfer Hussein sich ernannt hat, ist ein Staat wie Kuwait mindestens ebenso unerträglich wie die DDR für die BRD: eine Fremdherrschaft, von den Engländern eigens auf ehemals irakischem Territorium zwecks Kontrolle des Ölabtrans- ports eingerichtet; ein Marionettenregime, das, statt der arabi- schen Sache mit seinem Geld zu dienen, sich aus niedrigen materi- ellen Beweggründen dem schnöden Schacher mit dem Hauptfeind hin- gab, sein Geld im Westen anlegte und für seine Finanzierung des Krieges gegen den Iran auch noch Zinsen haben wollte! Da ist es doch geradezu die Pflicht eines Hussein, dieses Gebiet zu "be- freien" und das kuwaitische Öl endlich seinen rechtmäßigen Nutz- nießern "wieder"zugeben - oder etwa nicht, liebe Wiedervereini- gungsfans? 2. ...stört die westliche Freiheit ---------------------------------- Saddam Husseins Programm einer auf Öleinnahmen gestützten, iraki- schen Vorherrschaft in der Golfregion hat ihm die bedingungslose Feindschaft des Westens eingetragen. Umso schlimmer, daß er seine nicht unbeträchtlichen Militärmittel dafür auch noch vorwiegend "von uns" hat! In den Augen der Macher und Beaufsichtiger des Weltmarkts hat Hussein Öleinnahmen und Kredite m i ß b r a u c h t: für ein Staatsprogramm, das darauf zielt, die fürs westliche Geschäft so gedeihlich funktionierende Abhän- gigkeit anzugreifen, statt sich in ihr einzurichten wie etwa seine Kollegen in Saudi-Arabien. In Husseins Plänen sehen westli- che Politiker einen Angriff auf die grundlegenden Funktionsmecha- nismen ihrer Weltordnung, für deren bedingungslose Gültigkeit ihre Gewalt geradesteht. U n d d a h a b e n s i e R e c h t: denn ihre schöne "Ordnung" beruht ja in der Tat auf dem freien und durch keinerlei nationale Sonderinteressen beein- trächtigten Zugriff westlichen Kapitals auf alle Naturschätze der Welt in dem Umfang und zu dem Preis, der für sie lohnend ist. Das Öl am Golf ist "unser Öl"; und deswegen ist ein arabischer Na- tionalist, der Ernst macht mit dem Ansinnen, dieses Öl in seine Verfügung zu bringen, um es zu seinen Konditionen an den Westen zu verkaufen, ein Verbrecher am höchsten Wert, den die kapita- listische Welt kennt: an der per westlicher Staatsgewalt garan- tierten Freiheit des Kapitals. Also machen die USA als westliche Führungsmacht Ernst mit dem Standpunkt, am Golf gilt nur u n s e r Interesse. Dabei gilt es: "Wehret den Anfängen!" Nicht etwa in dem Sinne, daß hier Op- fer an Menschenleben verhindert werden sollten: die sind ja fest eingeplant in dem Blutbad, das dem irakischen Volk in Aussicht gestellt ist, wenn Hussein von seinen ehrgeizigen Plänen nicht abläßt! Sondern in dem Sinne, daß ein für allemal klargestellt werden soll, an welche Grundsätze sich Staaten zu halten haben, wenn sie sich nicht die Militärmacht des freien Westens an den Hals holen wollen. Sie haben gehorsame Marionetten westlicher Ge- schäftsinteressen und westlicher strategischer Kalküle zu sein; und ihr nationales Interesse darin zu entdecken, durch D i e n s t b a r k e i t an diesen Interessen in der Konkurrenz der Staaten voranzukommen und nicht durch Auflehnung gegen sie. So wie es eben die Saudis machen, die den Amis ihr Territorium als strategisches Aufmarschgebiet zur Verfügung stellen, ihre Öl- lieferungen nach den Berechnungen des Weltölgeschäfts einrichten und nicht im Traum daran denken, mit dem eingenommenen Geld irgendwelche Programme einzuleiten, die ihre westlichen Aufseher verärgern könnten. 3. Die Gewalt des Westens ist sein Recht ---------------------------------------- Weil hier das Prinzip "unseres" freien Zugangs zu einer kapitali- stischen Rohstoffreserve gegen einen Feind verteidigt wird, defi- nieren die USA ihr Kriegsziel gleich umfassend. Klar ist: es reicht ihnen nicht, wenn Hussein sich aus Kuwait zurückziehen sollte. Nicht umsonst haben die Amis kurz nach dem Einmarsch den "Einfall" öffentlich breittreten lassen, am besten wäre es, ir- gendein Iraki würde den Hussein ermorden; nicht umsonst weigern sie sich, mit Hussein überhaupt diplomatisch in Kontakt zu tre- ten, wie auch immer seine Verhandlungsangebote aussehen mögen. Ein für allemal soll dem arabischen Nationalimus eingebläut wer- den, daß er ein Projekt ist, das der Westen nicht duldet: so zu- mindest wünschen sich die USA und ihre Verbündeten das Ergebnis ihres militärischen Kraftakts. Die USA haben nicht lange gefackelt. Der Aufmarsch, den sie im Golf inszenieren, ist darauf berechnet, dem Irak jeden Zugang zu Mitteln der Lebens- und Kriegsführung zu versperren. Mit dem Mit- tel des Boykotts und der Blockade soll erreicht werden, was sonst Resultat eines veritablen Krieges ist: die bedingungslose Kapitu- lation. Dafür lassen die westlichen Regierungen auch manches gute Geschäft ihrer Kapitalisten den Bach runtergehen: um klarzustel- len, daß Geschäfte nur dann und nur solange laufen, wie der Ge- schäftspartner seine nationalen Kalkulationen bedingungslos an den Interessen des Westens orientiert. Und wenn dieses Mittel nicht schnell genug zieht; wenn der Irak zeigt, daß er länger auszuhalten gewillt ist, oder gar einen "Befreiungsschlag" wagt: dann sind die Truppen vor Ort, die die Annexion Kuwaits in ein ordentliches Blutbad überführen können. Denn das ist ja auch klar: die Militärmittel, die der Irak hat, sind ohne einen ausge- wachsenen Krieg nicht kleinzumachen. Das ist den USA die Sache offenbar wert. Der Rest der Staatenwelt hat sich beeilt, sich an den Ami-Auf- marsch anzuhängen: Dabeisein ist alles, wenn es ums Aufräumen geht! Nicht nur wurde den USA ohne langes Herumgerede alles be- reitgestellt, was sie zu ihrem Aufmarsch noch brauchen könnten: Panzer. Minensucher, Transportkapazitäten, Flughäfen. Europäische Politiker überbieten sich zusätzlich in "Beweisen", daß auch sie in der Region Interessen haben, die es mit Macht zu "verteidigen" gilt. Vorbei ist aber auch die heuchlerische Tour der Europäer, durch bedenkliches Kopfwiegen über amerikanisches "Säbelrasseln" den Schein von Distanz zu den USA zu erzeugen, um sich auf diplomati- scher Ebene als "Krisenbewältiger" ins Spiel zu bringen. Kein Genscher empfindet es mehr als nützlich für deutsches Ansehen und deutschen Einfluß in der restlichen Staatenwelt, zur "Mäßigung" zu mahnen oder sich als "Mittler" im "Konflikt" ins Spiel zu bringen; die Rolle überläßt man in diesem Falle gerne so unterge- ordneten Chargen wie dem König von Jordanien. Kein europäischer Politiker, keine Zeitung denunziert den amerikanischen Prä- sidenten als "Rambo", der mit Kanonen auf Spatzen schieße und dem man nicht trauen könne. Im Gegenteil: Bush wird überall als "umsichtiger Politiker" gehandelt, der das Nötige tut und den man zu seiner Entschlußkraft nur beglückwünschen könne. 4. Die Russen: endlich ein Teil der westlichen Weltordnung! ----------------------------------------------------------- Das liegt wirklich nicht daran, daß sich das aktuelle amerikani- sche Zuschlagen von früheren Aktionen eines Reagan ausgerechnet durch Bescheidenheit unterscheiden würde! Eines tut ein Bush mit seinem Aufmarsch am Golf allerdings in der Tat nicht - er "gefährdet" nicht den "Weltfrieden", weswegen er sich auch nicht als leichtsinniger Cowboy beschimpfen und zur "Zurückhaltung" mahnen lassen muß. Das ist nun allerdings gar nicht sein Ver- dienst. Das liegt ausschließlich daran, daß die UdSSR es sich abgeschminkt hat, als "Schutzmacht" irgendeines arabischen Nationalismus oder auch nur als mit eigenen Interessen an der Re- gion ausgestattete Weltmacht aufzutreten. Freiweg bekundet sie, daß sie gegen die amerikanische Aktion im Prinzip nichts einzu- wenden hat. Sie reiht sich ein in die allgemeine Zustimmung von Groß und Klein, verurteilt ihrerseits den Irak, liefert ihm keine Waffen mehr, beteiligt sich selbst mit ein paar Kriegsschiffen im Golf... Die Russen haben offenbar beschlossen, die westliche Weltordnung schon deswegen für gut und richtig zu befinden, weil es sie nun einmal gibt und der Westen sie in Schuß hält. Wenn Irak sich Ku- wait einverleibt - dann ist er eben auch in russischen Augen ein "Aggressor", der einen "Frieden" stört, den es zu erhalten gilt, egal, wie gewalttätig dieser Frieden aussieht und was die USA an Mitteln auffahren, um ihren Interessen Nachdruck zu verleihen. Und wenn die SU Wert darauf legt, daß die USA ihre Seeblockade erst machen dürfen sollen, n a c h d e m die UNO sie genehmigt hat, und sich nicht die Zustimmung dafür erst nachträglich einzuholen hat - dann ist das jedem sofort als der Formalismus kenntlich, der es ist. Wenn die UNO der Hort des Welt-Rechts ist, dieses Welt-Recht zusammenfällt mit der vom Westen eingerichteten Weltordnung, die Amis deshalb als Welt-Polizist nichts anderes vollstrecken als einen Auftrag der Völkergemeinschaft, und alle Staaten diesen schon immer geltend gemachten Amistandpunkt jetzt endlich als die gültige Wahrheit e i n s e h e n - was sollte es da noch für einen Unterschied machen, ob die UNO vorher oder nachher beschließt, was die USA sowieso tun? Womit sich letztendlich auch die Behauptung als Lüge blamiert, durch das "Ende des Kalten Krieges", die "Verständigung zwischen den Blöcken" würde die Welt f r i e d l i c h e r. Jetzt gilt eben das Recht der Freien Welt u n e i n g e s c h r ä n k t, ein Einspruch der Russen, gar eine Unterstützung ihrer Feinde, ist nicht mehr zu gewärtigen. Das ist der Weltfrieden Marke Freier Westen! *** Ungereimtheiten im Feindbild? Kein Problem! ------------------------------------------- Bekanntlich kämpft der Freie Westen auf der ganzen Welt gegen "Unterdrückung", für "Demokratie" und "Freiheit". Nur dafür haben "wir" eine Bundeswehr - das weiß bei uns jedes Kind. Aber in diesem Falle? Kuwait - ein Staat, dessen Souveränität im Namen von Freiheit und Demokratie unbedingt geschützt gehört? Ausgerechnet dieses quasi-feudale Scheichtum, das ansonsten nach allen Maßstäben mitteleuropäischer Moral unten durch war: das seine Untertanen auf die Lehren des Koran verpflichtete, sich Tausende von Elendsexistenzen zur Erledigung der Dreckarbeit ins Land holte und seine Ölreichtümer für goldene Badewannen verpul- verte! Um Freiheit für Kuwait soll es gehen? Die Behauptung kriegt auch der verlogenste Journalist nicht hin; also hat es auch keiner versucht. Und was die "Unterdrückung" angeht: Wer wird beim Kampf gegen Saddam Hussein eigentlich von wem "befreit"? Auf das Bedürfnis der Völker" nach westlicher Befreiung kann sich der Westen in diesem Fall jedenfalls nicht berufen: schließlich haben die ara- bischen Massen nicht nur im Irak, sondern von Israel bis Marokko in Hussein ihren neuen Nationalhelden entdeckt. Also erklärt die freie Presse (West) in diesem Falle die Volksmassen kurzerhand allesamt für "nationalistisch verhetzt". Ganz im Unterschied zu den Litauern, natürlich... zurück