Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl


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WORUM GEHT ES BEIM AUFMARSCH AM GOLF?

Vor zehn Jahren hat der Irak den Iran angegriffen. Warum war es damals der ganzen Weltöffentlichkeit nicht schlagartig klar, daß es sich bei Hussein um den "Wahnsinnigen von Bagdad" handelt? Of- fenbar ist es für den Westen - entgegen dem allgemeinen Geschrei im Moment - noch kein Verbrechen, einfach ein Nachbarland mit Krieg zu überziehen. Da kommt es schon sehr darauf an, ob der Überfall "uns" nützt. Und das fanden die hiesigen Politiker damals gar nicht schlecht, daß sich ein Staatsmann vor Ort fand, der "unseren" Feind, den Iran, bekriegen wollte. Dafür wurde der "Wahnsinnige" auch mit reichlich Waffen aus bester NATO-Produktion versorgt, um acht Jahre lang den antiwestlich gesinnten Iran zu schwächen. Man sollte also einmal Pause machen mit der Beschimpfung Saddam Husseins als krankhafter Killer, sich daran erinnern, daß der Mann von Beruf P o l i t i k e r ist, und sich fragen, worum es erstens ihm, bei seinem Unternehmen gegen Kuwait, und zweitens den Amerikanern bei ihrem Aufmarsch am Golf geht. 1. Die Golfstaaten: Ölquelle mit Scheich ---------------------------------------- Kuwait, Saudi-Arabien und ihre Nachbarstaaten haben in der Welt- wirtschaft ihren festen Platz. Sie verkaufen das Erdöl, das in großen Mengen unter ihrer Oberfläche lagert. Und zwar an die kapitalistischen Industrienationen, für die das ein wichtiger Rohstoff ist. Die machen daraus Energie und Chemie, und legen größten Wert darauf, daß der Dreck vom Golf nicht zu teuer wird. Für dieses Ziel eignen sich die Wüstenstaaten am Golf ausgezeich- net. Sie haben nämlich so viel Öl und so wenig Volk, daß auch bei billigen Exportpreisen ganz schöne Einnahmen pro Kopf anfallen. Und sie selber können mit ihrem Öl ohnehin nichts anfangen, weil es in ihrer Wüste gar keine nationale Wirtschaft gibt, die das Öl in Waren und Waren in Geld verwandelt. Genau genommen können sie zu Hause bei sich noch nicht einmal mit dem Geld etwas lohnendes anfangen, das sie für ihr Öl kriegen. Zu Kapital, das Reichtum schafft, wird i h r Reichtum nur an- derswo, nämlich in Ländern, wo es eine ganze Kapitalistenklasse und die dazugehörigen Lohnarbeiter, Märkte und Banken, Zwischen- händler und Wirtschaftspolitiker gibt. Das sind schon wieder dieselben Staaten, die ihnen ihr Öl abkau- fen. So beziehen die kapitalistischen Nationen aus der Golfregion erstens ihr Öl; und zweitens wird ihnen ihr Geld, das sie bezah- len, regelmäßig wieder abgeliefert. Zwei schöne Geschäfte. Mit ihrer Ölquelle stellen die Wüstenstaaten eine eigene Klasse von Nationen dar, die mit ihrem Reichtum immer nur den Reichtum a n d e r e r befördern können. Mit den Zinsen aus ihren Geldanlagen im Ausland können sie zwar ihre Grünanlagen wunderbar bewässern - über ihren Status als reine Diener der wirklich po- tenten Nationen dieser Welt kommen sie aber nie hinaus. Genau ge- nommen gibt es sie nur, damit sie die Wüste über den Erdölquellen unter Kontrolle halten; einschließlich Nomaden. Was sie mit denen sonst noch anfangen, ist scheißegal. Ob sie daheim ihren Dieben die Hand abhacken oder ihren Frauen den Führerschein verweigern, ist "uns" egal. Das sind eben keine richtigen, sondern Ö l s t a a t e n. 2. Diktator mit Ölquelle ------------------------ Der Irak ist einerseits auch so ein Staat, dessen Einnahmen zu 95 % aus Ölverkäufen ans Ausland bestehen. Andererseits ist er eine Macht, die zusätzlich über ein Volk von etlichen Millionen gebie- tet und mit d i e s e r Machtbasis a u c h etwas anfangen will. Saddam Hussein will mit dem Ölreichtum seines Staates nicht immer nur die ausländischen kapitalistischen Mächte bedienen. Mit den Einnahmen aus seiner nationalen Ölquelle und mit seinem Volk will er eine großarabische Macht am Golf errichten, die sich von keinem mehr etwas sagen zu lassen braucht. Für dieses Ziel hat er den Nachbarstaat Kuwait erobert. Mit dem Programm, aus dem eigenen Staat per Eroberung eine re- spektable Großmacht zu machen, liegt der Chef des Irak nach allen Regeln der internationalen Staatenwelt im Prinzip goldrichtig. Mehr Geldquellen, mehr Leute, mehr Land - die erfahrenen bundes- deutschen Politiker machen es doch gerade vor, daß d a s die Mittel der Wahl für einen nationalen Fortschritt sind. Das Dumme ist nur, daß ein Staat wie der Irak auf diesem Weg aus seiner ab- hängigen und untergeordneten Rolle in der Staatenwelt gar nicht herauskommt. Auch wenn er m e h r Öl hat: Er bleibt ein Öl- staat, der mit seinem Rohstoff nicht selber kapitalistischen Reichtum produziert, sondern bloß vom Ölgeschäft in anderen Na- tionen ein bißchen abkassiert. Selbst wenn er Saudi-Arabien als maßgebliche Golfmacht ablösen würde: Was sollte der Irak denn ö k o n o m i s c h mit seiner ganzen Macht und Herrlichkeit an- deres anfangen - als Öl verkaufen? Und deswegen bleibt auch seine p o l i t i s c h e Macht letztlich davon abhängig, daß die ka- pitalistischen Nationen ihm weiterhin Öl abkaufen. Die Soldaten, die Saddam Hussein kommandiert, schaffen weder den Reichtum, den sie verbrauchen, noch die Waffen, mit denen sie in die Wüste zie- hen. 3. Frieden und Freiheit im Anmarsch auf die Golfregion ------------------------------------------------------ Die Weltwirtschaftsmächte, die das Öl brauchen, lassen sich von dem Irak ihre Weltordnung nicht stören. Sie haben das Öl in der Golfregion unter die Herrschaft pflegeleichter Emire gestellt; und dabei soll es bleiben. Da ist kein Platz für aufstrebende Machthaber, die meinen, sie könnten auf eigene Faust und im eige- nen Interesse dieses Kräfteverhältnis verschieben. Wenn der Irak so etwas probiert, dann ist das für die Freie Welt das Alarmsi- gnal, daß sie dort eine regionale Macht zu wenig kontrolliert hat und zu eigenständig hat werden lassen. Deswegen fährt der Westen einiges auf an demokratischen Machtmit- teln. Diesmal nicht, um - wie es neulich hieß - "die freie Schif- fahrt zu sichern", und erst recht nicht, um für Ölnachschub zu sorgen. Diesmal geht es erstens darum, dem Irak jede Ölausfuhr und jeden Güterimport unmöglich zu machen. Das ist aber noch das Wenigste. Der Aufmarsch von zig-tausend US-Soldaten am Golf zeigt, was für eine Konfrontation der Westen in diesem Fall will: Ohne eindeutige Niederlage, ohne militärische Entmachtung darf Hussein diesmal - anders als beim Krieg gegen den Iran - nicht davon kommen. Man kann das so sehen: Die USA und ihre Verbündeten erteilen den arabischen Staaten eine Lektion. Deren Inhalt ist die Klarstel- lung, daß die Golfregion der Hinterhof der Freien Welt ist und bleibt und daß keine arabische Macht jemals mehr kann und darf, als was der Westen nützlich findet. Die Form, in der diese Lek- tion erteilt wird, entspricht diesem Inhalt. Der Irak wird mit einem Krieg über sein "Mißverständnis" aufgeklärt - wenn er vor- her kapitulieren will, so ist das seine Sache. So wird heutzutage der Weltfrieden gesichert. 4. Die Konkurrenz der Weltpolizisten ------------------------------------ Angesichts dieser Kriegsdrohung ist in der ganzen Weltöffentlich- keit Freude angesagt; denn - so heißt es -: Alle sind sich einig. Endlich ziehen gegen den irakischen Agressor alle an einem Strang, sogar die Sowjetunion. Was für ein schöner Krieg steht da bevor. Tatsache ist, daß die Sowjetunion gegen den westlichen Aufmarsch keinerlei Einwände erhebt. Sie entsendet sogar freundliche Gruß- adressen und nur ein paar Schiffe, die die Lage beobachten sol- len. Ob deswegen der Westen auch schon seine strategischen Inter- essen gegen die Sowjetunion zu den Akten legt, ist eine ganz an- dere Frage. Tatsache ist zweitens, daß keine der wichtigen westlichen Mächte sich lumpen läßt in Sachen Kriegsbeitrag. Jeder, der kann, will unbedingt mit ein paar eigenen Kriegsschiffen vor Ort vertreten sein. Das ist ein interessanter Fall von internationaler Einig- keit. Offenbar will keine der kleineren westlichen Mächte den USA die gewaltsame Erledigung dieser Affäre alleine überlassen. Auf europäische Minensuchboote und Hubschrauberträger angewiesen ist die amerikanische Eingreiftruppe nicht. Aus purer NATO-Solidarität oder wegen einer UNO-Resolution schic- ken die Europäer aber auch keine Schiffe in den Golf. Oder umge- kehrt: Das i s t die NATO-Solidarität - lauter Konkurrenten im Kielwasser der Führungsmacht. zurück