Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl

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       Der Fall Irak:
       

ES GEHT UM VIEL MEHR ALS "UNSER ÖL"

Alle Welt ist sich einig: In Bagdad regiert ein wahnsinniger Diktator. Derselbe Mann, dem ein Krieg gegen den Iran vor einigen Jahren wenig Kritik, aber reichlich Waffen aus bester NATO-Pro- duktion beschert hat, bedient sich - so heißt es jetzt - rück- sichtslos der Gewalt. Dafür muß er bestraft werden und zwar mit noch viel mehr Gewalt. Vor lauter Interesse, ob, wann und wie denn wohl die USA und ihre Verbündeten, Russen eingeschlossen, zuschlagen, kümmert sich schon gar keiner mehr darum, warum ei- gentlich die Weltmächte, die USA allen voran, so unerbittlich mit Krieg oder Kapitulation kalkulieren. "Unsere Ölstaaten" ------------------ am Golf heißen zutreffend so, weil die Souveränitäten dort dazu ausersehen sind, die kapitalistischen Industrienationen mit dem wichtigen Rohstoff zu beliefern, der unter den arabischen Ge- genden reichlich lagert. Diese Staaten beruhen tatsächlich auf Öl, das sie an Nationen verkaufen, die aus dem Rohstoff kapitali- stischen Reichtum machen. Der Reichtum dieser Länder hängt aus- schließlich davon ab, daß und für wieviel Geld ihnen ihr Öl vom kapitalistischen Westen abgenommen wird. Das i s t nicht nur so. Die Abnehmerstaaten betrachten es auch als ihr g u t e s R e c h t, daß es so ist und bleibt und diese Staaten in der Funktion aufgehen, die sie für den Nationalreichtum anderswo ha- ben. Insofern ist es auch nicht unpassend, daß hierzulande vor die Länder am Golf das besitzanzeigende Fürwort gesetzt wird. Der Irak ist auch so ein Ölstaat. Im Unterschied zu den meisten anderen arabischen Ölstaaten verfügt er aber über eine ganze Menge Volk und will mit dieser Machtbasis auch etwas anfangen. Mit den Einnahmen aus sei- ner nationalen Ölquelle und mit seinem Volk will er eine großara- bische Macht am Golf errichten, die sich von keinem mehr etwas sagen zu lassen braucht. Für dieses Ziel hat er den Nachbarstaat Kuwait erobert. Mit dem Programm, aus dem eigenen Staat per Er- oberung eine respektable Großmacht zu machen, liegt der Chef des Irak zwar ziemlich neben den ökonomischen Grundlagen seines Öl- staates, aber nach allen Regeln der internationalen Staatenwelt im Prinzip goldrichtig. Mehr Geldquellen, mehr Leute, mehr Land - die erfahrenen bundesdeutschen Politiker machen es gerade vor, daß das die Mittel der Wahl für einen nationalen Fortschritt sind. Das Pech des Saddam Hussein --------------------------- der sich von den Weltwirtschaftsmächten unabhängiger machen will, ist nur, daß er damit die Rolle aufkündigt, die sein Staat nach westlichem Interesse spielen soll. Ein aufstrebender Machthaber, der meint, er könne auf eigene Faust und im eigenen Interesse handeln, ist ein Anschlag auf die Weltordnung, wie der Westen sie versteht und durchgesetzt hat. Deshalb fällt das Urteil über die Machtpolitik des irakischen Präsidenten so vernichtend aus. Das stempelt den gelehrigen Schüler westlicher Weltpolitik zum "Verbrecher". Dabei hat der Irak die militärischen Mittel für seine nationalen Ambitionen nicht zuletzt von denen erhalten, die sich jetzt daran stören. Bis neulich war nämlich der "Wahnsinnige" von heute eine bevorzugte Adresse westlicher Waffenexporte. Und das aus gutem Grund: Die Waffenexportnationen, also schon wieder dieselben, die die Ölquellen als ihre behandeln, haben ja nach Kräften darum konkurriert, wer vor allem über das Spit- zengeschäft mit militärischem Gerät und Know-how die Ölmilliarden auf seine nationalen Konten gutschreiben kann, die der Irak ein- genommen hat. Und die Führungsnationen in Sachen High tech haben gleichzeitig darum konkurriert, am Waffenbedarf des Irak erstens zu verdienen und zweitens Einfluß auf die irakische Politik zu kriegen. Die politischen Herren und Wächter über diese zwi- schenstaatlichen Milliardengeschäfte haben lange Zeit sogar einen extra guten Grund dafür gehabt, den Irak vom Giftgas bis zur Ra- kete mit modernsten Waffen und Waffenfabriken auszustatten. So- lange nämlich, wie diese Waffen gegen den Iran zum Einsatz kamen und dessen gegen den Westen gerichtete Macht kleingemacht haben. Das war durchaus einige hunderttausend Tote wert. Jetzt benutzt Hussein die Machtmittel nicht mehr in einem Stell- vertreterkrieg, also im Sinne ihrer Erfinder und Lieferer; jetzt macht er sich zunutze, daß Waffen nicht nur abhängig, sondern auch mächtig machen. Prompt fällt den Ausstattern ein, daß hier ein zweiter Verstoß gegen ihre Weltordnungsprinzipien ----------------------------------------- vorliegt: Mit den Gewaltmitteln, die die Führungsnationen aller Welt liefern, soll auch deren genehmer politischer Gebrauch ga- rantiert sein. Ein Anspruch, der die Chefs der militärisch poten- ten Nationen gegen denjenigen aufbringt, der sich der gewonnenen Freiheit nicht ihren Vorstellungen entsprechend bedient. Wenn das passiert, dann ist das für die Freie Welt das Alarmsignal, daß sie dort eine regionale Macht hat zu eigenständig werden lassen. Der Ruf nach Kontrolle wird laut. Der souveräne Einsatz der Waf- fen ist ein Vorrecht der Weltmächte und soll es bleiben. Die fällige Kontrolle --------------------- fällt dem Charakter der Sache entsprechend gewaltsam aus und reicht von der wirtschaftlichen und diplomatischen Erpressung bis zur Option auf totalen Krieg. Ob der nottut, entscheiden die weltpolitischen Subjekte unter sich; und daß er nottut, wenn der Irak nicht klein beigibt, lassen nicht nur die USA so gut wie täglich während ihres Aufmarsches wissen. Der Irak muß, das steht im Westen erst einmal fest, zur "Ordnung gerufen" werden. Das heißt in letzter Konsequenz: Ihm soll ein für allemal die F ä h i g k e i t genommen werden, seinen jetzt gar nicht mehr passenden regionalen Ehrgeiz in die Tat umzusetzen. Mit einem Rückzug aus Kuwait ist es da längst nicht mehr getan. Ernsthafte Einwände sind gegen dieses Vorgehen bei den Nationen, die zählen, bisher nicht laut geworden. Denn es geht dabei auch um die Lektion für die restliche Staatenwelt ------------------------------------- daß die Golfregion der Hinterhof der Freien Welt ist und keine arabische Macht mehr darf, als die USA und ihre Verbündeten für nützlich befinden. Also um die Prinzipienfrage, wer für die Herstellung, Kontrolle oder Korrektur der bestehenden Machtver- hältnisse allein zuständig ist. Das ist allerdings eine Frage, die aus ganz anderen Gründen aktu- ell ist als wegen des irakischen Vorgehens. Die USA sehen sich durch die gesamte Weltlage Als Weltführungsmacht herausgefordert ------------------------------------- Diese Lage ist nämlich nicht mehr so eindeutig durch die Feind- schaft zwischen dem Freien Westen unter Führung der Weltmacht Nr. 1 und dem Lager des Sozialismus unter Führung der Sowjetunion bestimmt. Die USA haben es deswegen für nötig gehalten, ihrem An- spruch auf die Führungsrolle unübersehbar Nachdruck zu verleihen - mit Gewalt, wie auch sonst. Das ist ein guter Grund - und nicht der letzte -, weswegen das Engagement und der Aufmarsch der USA am Golf so überaus machtvoll ausgefallen sind. Die USA de- monstrieren an der Affäre "der Irre von Bagdad", daß sie die Nr. 1 auf dem Globus sind und nach wie vor bleiben wollen. Was die Sowjetunion betrifft ---------------------------- so ist der Test auf die Weltmachtrolle der USA nach der Beendi- gung des Ost-West-Gegensatzes zur Zufriedenheit ausgegangen. Die USA haben - sogar auf einem Gipfeltreffen - das russische Placet zum eigenmächtigen Regeln der Angelegenheit am Golf bekommen. Einwände gegen die Kriegstreiberei der USA am Golf hat die So- wjetunion im Grunde nicht vorgebracht. Damit hat die alte öst- liche Supermacht anerkannt, worauf Präsident Bush aus war: Die Pax americana gilt - ab sofort mit sowjetischer Billigung. "Bezahlt" haben die Amerikaner dafür mit dem Zugeständnis, ihren alten Kontrahenten als quasi gleichrangige Supermacht zu Rate zu ziehen. Ein schönes Geschäft, genau von der Art, wie man sich in Washington die neue Ära der Weltpolitik vorstellt: Die USA wür- digen die Sowjetunion als ehrbares zweites Subjekt der Weltpoli- tik, sofern diese nichts anders will, als was die Amerikaner ma- chen. Die NATO-Partner ---------------- und Japan sind die andere, vielleicht sogar die wichtigere Adresse des amerikanischen Vorgehens. Mehr denn je halten es die USA nämlich für fällig, ihren Freunden gegenüber auf das arg in Frage gestellte Kräfteverhältnis zu pochen. Immerhin hat es die Bundesrepublik geschafft, ihr europäisches Einigungswerk so aus- zubauen, daß von einer ökonomischen Dominanz der USA auf dem Weltmarkt nicht mehr die Rede sein kann. Den mächtigen ökonomi- schen Konkurrenten Japan können die USA auch nicht mehr einfach als ihren pazifischen Außenposten verbuchen. Und der Dollar ge- nießt nicht mehr die Geltung des anerkannten Weltgeldes, in dem die meisten internationalen Geschäfte stattfinden und das deshalb überall begehrt ist. Und diese Konkurrenzverhältnisse werden nun nicht mehr durch einen Weltgegensatz mit Atomkriegsperspektive, den keiner der konkurrierenden Verbündeten der USA auf sich ge- stellt aushalten könnte, im amerikanischen Sinn zurechtgerückt. In dieser Situation ist den politischen Börsenmaklern der nord- amerikanischen Nation ein für Politiker unbedingt naheliegender Gedanke gekommen: nämlich den geänderten Kräfteverhältnissen in der ökonomischen Konkurrenz mit politischen Mitteln zu begegnen: mit der Demonstration der Konkurrenzlosigkeit der USA in Fragen der politischen Weltordnung. (Damit sind die Kalkulationen der politökonomischen Strategen der USA gar nicht so weit entfernt von den "teuflischen" Berechnungen Husseins, der sich ja auch mit Hilfe seiner Armee mehr Reichtumsquellen und damit Macht sichern will, als ihm von Haus aus zur Verfügung stehen ...) Die westliche Führungsmacht fühlt sich veranlaßt, mit ihrem Vor- gehen gegen den Irak auch die Konkurrenten zur Ordnung zu rufen und in die Pflicht zu nehmen und darauf zu dringen, daß sie sich nach den Ordnungsinteressen der Amerikaner richten. Japan und Eu- ropa sollen Hilfsdienste leisten bei der Bereinigung einer welt- politischen Affäre, für die die USA ganz allein die Verantwortung übernehmen und das Drehbuch verfassen wollen. Mitmachen sollen sie, die Freunde aus Europa und Japan, aber eben nur mitmachen. Ein paar Streitkräfte sind erwünscht; sogar die "symbolische Prä- senz" von Truppen soll schon hilfreich sein. Und verlangt wird vor allem, daß die Verbündeten finanziell für die Militäraktion der USA mit aufkommen und den amerikanischen Staatshaushalt ent- lasten. Der Weltpolizist waltet seines Amtes, die "Hilfssheriffs" werden hinzugezogen und zur Kasse gebeten. So denken sich das die USA jedenfalls. Um der Aktion den Charakter einer für alle ver- pflichtenden Gemeinschaftsaktion zu geben, hat Amerika bei der versammelten UNO einen Auftrag zum Eingreifen eingeklagt - und auch bekommen. Das amerikanische Vorgehen ist eine Harte Herausforderung für die Konkurrenten der USA -------------------------------------------------- Die können es nämlich immer weniger leiden, doch nur "ökonomische Riesen" zu sein, deren weltpolitische Ambitionen sich immer nur im Schlepptau der westlichen Führungsmacht bewegen. Sie erfahren ja auch ganz praktisch, daß weltweite Geschäfte und deren gere- gelter Gang - vom Öl bis zu den Waffen - letzten Endes doch von der Fähigkeit abhängen, den nationalen Einfluß zu sichern und die Herrschaften auch gewaltsam zur Räson zu zwingen, derer man sich bedient. Sie merken es nicht zuletzt jetzt an dem amerikanischen Begehren, daß sie sich der amerikanischen Führerschaft unterord- nen und vom Waffenexport bis zum Staatshaushalt ihre nationalen Geschäfte entsprechend ausrichten sollen. Das schmerzt die Großmächte sehr: Sie wissen nämlich eine Alter- native; sie haben sie aber (noch) nicht recht. Erstens könnten sie den demonstrativen Einsatz militärischer Macht am Golf, wie ihn die USA veranstalten, gar nicht so ohne weiteres selbst voll- ziehen. Dazu fehlen ihnen die Mittel. Zweitens würde das offene Beharren auf einer eigenen, anderen Lösung der Golfkrise ihnen die Feindschaft der USA einbringen. Dafür fehlen ihnen schon wie- der und erst recht die Mittel. So finden sie sich auf eine recht unbefriedigende Rolle festgelegt: Darauf, daß sie auch Truppen an den Golf schicken, die aber gar nichts entscheiden; daß sie Geld zahlen sollen für eine Gemeinschaftsaktion, bei der sie gar nichts zu sagen haben; nur als Hilfssheriff und Geldsack ------------------------- sollen sie sich beteiligen. Also beteiligen sie sich - und kon- kurrieren darum, wie sehr sie im Namen der gemeinsamen Sache dem amerikanischen Aufmarsch doch noch eine eigene nationale Note ab- gewinnen können. Großbritannien demonstriert seinen Status als militärische Zweitmacht nach und neben den USA; Frankreich profi- liert sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Erpressung und militärischen Bedrohung des Irak als Fürsprecher möglicher diplomatischer "Alternativ"-Lösungen. Und die Bundesrepublik pocht ein wenig auf ihre politische Souveränität, indem sie Wert darauf legt, daß ihre militärische Beteiligung nur als ei- genständiger nationaler Akt im Rahmen der UNO stattfinden soll und ihr finanzieller Beitrag nicht einfach in einer Bezahlung amerikanischen Militärs, sondern in "Hilfen" für die Anrainer- staaten des Irak besteht. Alles Zeugnisse dafür, daß die Partner und Konkurrenten der USA verstanden haben, was der amerikanische Aufmarsch am Golf bedeu- tet. Und zugleich dafür, daß sie ihrerseits entschlossen sind, es dabei nicht zu belassen. Sie betonen ihre neue weltpolitische Verantwortung - die Deutschen allen voran - und meinen damit ih- ren Anspruch, selber weltweit mit aufzupassen, daß die Staaten- welt ihren nationalen Interessen entspricht. Die USA wollen mit ihrem kriegerischen Aufmarsch ihre Konkurrenzlosigkeit als mili- tärische Weltmacht klarstellen - für die ökonomischen Konkurren- ten Amerikas ist damit die Konkurrenz um die Zuständigkeit und die militärische Kompetenz für die Kontrolle der Staatenwelt er- öffnet. Das ist der Frieden, der nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes immer sicherer wird. zurück