Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-2 - Es ging um mehr als 'unser' Öl

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BOMBENSTIMMUNG IM LAND

Der Krieg ist voll im Gange. Und die öffentliche Gleichschaltung hat ganz ohne Zensur geklappt im neuen Deutschland, das aktiv an der Kriegsführung der "Weltgemeinschaft" gegen Saddam Hussein beteiligt ist. Ein halbes Jahr Kriegsaufmarsch und - das neue Feindbild ist perfekt, also auch die Kriegsschuldfrage geklärt. Die Öffentlichkeit ist so auf Linie, daß inzwischen selbst demonstrierende Friedensfreunde zu Parteigängern des "Irren von Bagdad" erklärt werden. Mit der Parole "Wo wart ihr am 2. Au- gust!", der Warnung vor "schädlichem Antiamerikanismus" und dem Vorwurf: "Wer jetzt demonstriert, macht sich mitschuldig am zwei- ten Holocaust", ergeht die Aufforderung, gefälligst Partei zu er- greifen für den gerechten Krieg der USA und ihrer Verbündeten. Und was macht die Minderheit im Lande, die Einwände gegen diesen Krieg erhebt? Sie appelliert mit Friedensgesuchen ausgerechnet an die Verantwortung der politischen Führer, die sich aus nationaler Verantwortung für diesen Krieg engagieren. Offenbar haben sich die Kriegsgegner wenig Rechenschaft darüber abgelegt, warum diese Herrschaften die Welt immerzu mit Waffengewalt ordnen. Deswegen kriegen sie offenbar auch nicht mit, daß Politik mit ihrem Be- dürfnis nach Frieden nichts gemein hat. Obwohl sie dies gerade erfahren. Fragen an den friedensbewegten Protest -------------------------------------- 1. "Kein Blut für Öl!" Und was sagt Ihr, wenn dieser Krieg für gar nicht so kleinliche Geschäftskalkulationen geführt wird? Paßt nur auf, daß Euer Staat Euch im Ernstfall nicht so beim Wort nimmt und Euch vorbuchstabiert, daß auch er keineswegs bloß für Öl über Leichen geht. Das Geschäft mit dem Energieträger hat näm- lich nie in Frage gestanden. Saddam Hussein hat keine Ölquellen erobert, um sie zuzumachen. Was sich durch seinen Einmarsch in Kuwait geändert hat, war die Macht, die den Umgang mit dem Ölge- schäft regelt. Eine Machtverschiebung, eine Veränderung der Zu- ständigkeit, die anderen längst zuständigen Nationen nicht genehm ist - das war das "Verbrechen" des Saddam Hussein. Dafür mußte er nach allen Regeln des Völkerrechts "bestraft" werden. Von wegen also: "Blut für Öl!" Wenn die für die Weltordnung zu- ständigen Staaten sich um ihre Interessen kümmern, wird tatsäch- lich nichts geringeres als weltpolitische Verantwortung daraus. Für den Frieden sind sie dabei allemal unterwegs. Der kehrt ja regelmäßig wieder ein - nach dem Krieg. 2. "Saddam Hussein muß natürlich raus aus Kuwait; aber..." Soll es denn für Lebensqualität bürgen, daß die Einwohner von Ku- wait von einer garantiert einheimischen Herrschaft kommandiert werden? Ist Euch aufgefallen, daß Eure Forderung in nichts unterschieden ist von der öffentlichen Heuchelei, mit der die Kriegsherren einen Diktator zum Abschuß freigeben, der ihnen nun nicht mehr genehm ist? Ihr kommt gar nicht auf die Idee, all die verlogenen moralischen Rechtstitel in Sachen Kuwait zurückzuweisen und nach den wirkli- chen Gründen des weltweiten Aufruhrs zu fragen. Ihr ruft: "Die Völkerrechtsverletzung durch Saddam Hussein recht- fertigt keinen Krieg!" - und Euch entgeht, daß sie haargenau das zur Zeit tut. Denn immer, wenn Politiker gegen ihre Kollegen an- derswo moralisch werden und ihnen Völker- und Menschenrechtsver- letzungen vorwerfen, sind Kriegserklärungen auf dem Tisch - und nicht der Monatsbericht von amnesty international. Ihr unterschreibt also die Rechtstitel, die nur aufgebracht wer- den, um den Krieg zu rechtfertigen, und werdet dann beim Krieg empfindlich - wie paßt das zusammen? 3. "Krieg ist keine Lösung." Und was, wenn "das Problem" so gestellt ist, daß es anders als mit Gewalt gar nicht zu "lösen" ist? Der Irak besteht darauf, mehr zu werden als eine Ölquelle mit Volk und arabischer Selbstverwaltung. Das beansprucht er als sein Recht und für das führt er seinen Heiligen Krieg. Die USA be- stehen darauf - und haben dafür die ganze "Völkerfamilie" hinter sich gebracht -, den Irak zu einer Kleinmacht im vorderen Orient zurückzustufen und die Weltordnung überall, also auch am Golf, unter Kontrolle zu halten. Das beanspruchen sie als ihr Recht und führen ihren Krieg als Dienst an elementaren Werten des zwischen- staatlichen Anstands. Der Interessensgegensatz ist unversöhnlich; die Moral, die beide Seiten für sich in Anspruch nehmen, unter- streicht genau das. Das Völkerrecht hält sich an den, der ge- winnt. 4. "Für eine umfassende Konfliktlösung im Rahmen einer Nahostkon- ferenz" Wißt Ihr überhaupt, von was für einem Konflikt Ihr redet und wer für die vielzitierten "ungelösten Probleme" in der Region gesorgt hat? Wieso seid Ihr Euch eigentlich so sicher, daß ausgerechnet die europäischen Mächte und die USA dazu berufen sind, den Nahen Osten in Eurem Sinne zu verfriedlichen? Ausgerechnet die Mächte, die seit 40 Jahren mit dem "Pulverfaß Naher Osten" prächtig klar- gekommen sind, weil sie so die gesamte arabische Welt unter Kon- trolle hatten. Die für die nationalen Berechnungen eines Saddam Hussein immer einen Platz in ihren weltpoltischen Kalkulationen wußten, und ihn deshalb entsprechend ausgerüstet haben. Ausge- rechnet die Mächte, die jetzt Krieg führen, also offenbar keine anderen Probleme haben als solche, die mit Krieg zu lösen sind. Es findet zur Zeit also eine umfassende "Konfliktlösung" im Nahen Osten statt. Außerdem keine Sorge: Eine Nahostkonferenz wird es schon noch geben - nach dem Krieg. Wenn die Sieger den Nahen Osten ganz friedlich neu ordnen - bis zum nächsten Krieg. 5. "Zu früh geschossen - man hätte den Sanktionen erst Zeit geben müssen, zu wirken." Ihr tut so, als würden die politischen Führer - der USA, der deutschen Nation, der UNO-Weltgemeinschaft, die ihr ansprecht - jetzt etwas tun, was sie eigentlich gar nicht wollen können. Ihr ermächtigt Eure Obrigkeit noch einmal ausdrücklich zu allen Hand- lungen, zu denen sie befugt ist, außer eben zum Krieg. "Sanktionen wirken lassen" - das leuchtet jedem ein. Und jedem ist der Klartext solcher "Friedensmissionen" bekannt: Aufmar- schieren, Erpressen, Aushungern, Sich-gefügig-machen. Damit habt Ihr kein Problem. Im Gegenteil, Ihr erinnert Bush, Kohl, Genscher und Co. an ihre weltweite Macht und ihre Erpressungsmittel, deren schlagkräftigen Einsatz Ihr Euch wünscht - Hauptsache, es wird nicht geschossen. Und wenn sie dann doch schießen lassen? Dann ändert das offenbar immer noch nichts an Eurer guten Meinung. Für Euch sind Eure Po- litiker doch selbst dann, wenn sie Krieg führen lassen, lauter verhinderte Kriegsverhinderer. 6. "Aber Krieg ist doch das Allerfurchtbarste!" Wie wahr! Aber wem sagt Ihr das? Über die Wirkungen eines Krieges wissen doch die Staatsmänner, die damit drohen, am allerbesten Bescheid. Sie wollen schließlich "abschrecken" - wie soll das ge- hen ohne Schrecken? Außerdem: Ist Euch entgangen, wie kriegsentschlossene Politiker und Militärs Eure wohlmeinenden Warnungen aufnehmen und beantwor- ten? Für die folgt aus der Furchtbarkeit des Kriegs nur eins: Wenn schon, dann möglichst kurz, hart und technisch perfekt - um Opfer zu vermeiden. Der Fernsehzuschauer darf sich dann an den angeblich ach so menschenfreundlichen punktgenauen Treffern der US-Bomber erfreuen. Oder sich um den durchschlagenden Erfolg der Flächenbomardements sorgen. Die Opfer hat der Feind zu verant- worten, weil er sich wehrt. So geht saubere Kriegspropaganda. Und dagegen wollt Ihr mit der Ausmalung von Kriegsopfern und Um- weltschäden etwas ausrichten? 7. "Stoppt den Krieg!" Und wer soll das machen? Etwa unser Kohl und unser Genscher? Da seid Ihr irgendwie an der falschen Adresse. Die sind nämlich überzeugt, daß er geführt werden muß. Euch ist zwar sicher nicht entgangen, daß die Bundesregierung gerade eine Steuererhöhung als Beitrag zur Finanzierung des Golfkriegs austüftelt. Aber die Parole "Kohl und Genscher wollen Krieg!" - haltet Ihr höchstwahr- scheinlich für völlig abwegig. Hochgradig vernünftig findet Ihr dagegen die untertänige Bitte an die maßgeblichen Machthaber des Westens, das Schießen wieder sein zu lassen. Insofern seid Ihr bei Bush, Kohl, Mitterrand... mit Eurer Parole natürlich haargenau an der richtigen Adresse. Die werden schon wieder aufhören mit dem Krieg - wenn sie gewonnen haben. Und wen beauftragt Ihr als getreue Demokraten damit, auf die Weltordnung aufzupassen? Wahrscheinlich wieder dieselben, die eben noch Krieg geführt haben. Das sind dann die Friedenspoliti- ker, die sich dann wieder an eine Nachkriegsordnung machen, die so lange ohne Krieg auskommt, bis der Weltfrieden wieder nur mit ihm zu sichern geht. 8. "Kein Einsatz der Bundeswehr am Golf!" Und warum nicht? Meint Ihr, sie wäre für so etwas nicht gemacht? Meint Ihr, eine Armee, deren bisheriger Auftrag "Abschreckung der Sowjetunion" hieß, wäre für einen Weltordnungskrieg der neuen Sorte zu friedlich? Oder meint Ihr, Ihr müßtet darauf aufpassen, daß die Befehlshaber der deutschen Wehrmacht keinen Mist bauen und in etwas "hineinschlittern", was die gar nicht wollen? Keine Angst! Die handeln schon im nationalen Interesse, wenn sie vor dem Angriffs- befehl für die Bundesluftwaffe bloß den Krieg in der UNO mitbe- schließen, mitfinanzieren und in der Türkei in Stellung gehen. Die SPD immer mit dabei. Und die Sache mit dem Grundgesetz: Glaubt Ihr wirklich, daß die Politiker sich durch die Gesetze, die sie selber machen, an etwas hindern lassen?. Zumal sie selber verkünden, daß Deutschland mehr "weltpolitische Verantwortung" übernehmen muß. Gegen letzteres habt Ihr doch nichts, oder? 9. "Schluß mit dem Waffenexport!" Und wer hat sie dann, die Waffen? Nur die USA, die BRD, die NATO, also diejenigen, die sie produzieren. Das soll's bringen, daß die waffenexportierenden Nationen sich selber kontrollieren? Das tun sie doch schon längst. Ist Euch noch nicht aufgefallen, daß der Waffenhandel einer der solidesten Posten der zivilen Außenpolitik unseres Genscher ist, der Deutschlands Einfluß in aller Welt si- chert? Von wegen Versäumnis oder Vergehen der zuständigen Politi- ker! 10. "Gerade die Bundesregierung mit ihrer besonderen friedenspo- litischen Verantwortung sollte doch..." Glaubt Ihr das immer noch, daß ausgerechnet Deutschland - von we- gen : zweimal Weltkrieg in diesem Jahrhundert - dazu berufen wäre, der Welt den Frieden zu bringen? Ihr glaubt an eine spezielle Zuständigkeit der Deutschen für die "Ordnung" am Golf. Da ist was dran. Das merkt man nicht zuletzt daran, daß Deutschland auf beiden Seiten des Kriegsgeschehens be- teiligt ist: im Irak mit deutschen Waffen, mit denen in früheren Zeiten der Bonner Einfluß in der Region gesichert wurde - und als Mitmacher bei den Amerikanern, damit Deutschland auch bei und nach der gewaltsamen Abrechnung politisch am Ball bleibt. Und schon jetzt steht fest, daß Deutschland mit seiner "gewachsenen Verantwortung" auch mehr Entscheidungsgewalt in Sa- chen Weltfriedensstiftung haben will. Oder ist Euch entgangen, welche Lehren deutsche Friedenspolitiker aus dem laufenden Waf- fengang ziehen? - Für "unsere" weltpoltische Rolle brauchen "wir" viele, gute europäische Waffen unter deutscher Kontrolle. 11. "Was tun!" Das ist doch Eure Lieblings-Parole. Jetzt habt Ihr was getan - die Demo war's doch wohl. Und jetzt? zurück