Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-1 - Iran gegen Irak
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 21, 16.10.1980
IRAK-IRAN: EIN KRIEG, IN DEM ES NICHT UM FREIHEIT GEHT
Wenn irgendwo auf der Welt ein Krieg losgeht, dann sind bei uns
Regierung und sonstige Meinungsmacher nie um eine klare und
prompte Auskunft verlegen, welche Seite Recht hat, weil sie die
Freiheit verteidigt, und wer die Schurken sind. Viel zu überlegen
gibt es da ja auch nicht; denn in der Regel wird eine Seite vom
feststehenden Hauptfeind unterstützt. Ganz anders beim Krieg zwi-
schen Irak und Iran! Außer ein paar französischen Fregatten hat
der Irak alle seine Waffen aus der Sowjetunion; jahrelang hatte
man sich, wenn überhaupt an eine, dann an die offizielle Meinung
gewöhnt, daß die Iraker ziemlich böse semitische Russenfreunde
sind, für die man gar nichts übrig hat; sogar in der sonst so
aufgeregt diskutierten moralischen Grundsatzfrage, wer angefangen
hat und also schuld ist, gab es nichts zu deuteln: die Iraker wa-
ren einmarschiert - und jetzt? Kein Hauch einer Verurteilung der
Irakis, stattdessen lauter vor Wohlwollen berstende Fernsehbe-
richte über den friedlichen Fortschritt im Nachbarland des Iran.
Der Sowjetunion wurde bescheinigt, sie hätte ihre Hände nicht im
Spiel; und die Regierung wußte sich gar nicht zu lassen vor lau-
ter Neutralität und Nicht-Einmischung. Muß einem da nicht der
Verdacht kommen, daß dieser Krieg dem Westen ganz außerordentlich
gut ins Konzept paßt?
Noch mehr Absonderlichkeiten. Seit Monaten wird hierzulande vom
"Pulverfaß Mittlerer Osten" geredet, die dortige Ölförderung zur
Überlebensfrage der Freiheit auf dem Globus erklärt, Den zustän-
digen Scheichs jede böse Absicht unterstellt. Nun jagen Irak und
Iran tatsächlich wechselseitig ihre Bohrstellen, Pipelines und
Raffinerien in die Luft - und im Westen macht sich Gelassenheit
breit: statt Panik die stolze Nachricht, daß die freie Welt schon
längst wieder - in einem Überschuß von Öl ersäuft, und die ebenso
stolze Präsentation der internationalen Armada, die die Straße
von Hormuz und damit den Ölnachschub aus den wichtigsten Liefer-
ländern sichert. Sieht das nicht ganz danach aus, als wäre es dem
Westen überaus recht - und als hätte er weitblickend dafür vorge-
sorgt -, daß, von Menschenleben mal ganz abgesehen, Milliarden-
reichtümer buchstäblich verpulvert werden, und zwar zu keinem an-
deren Zweck als zur Klärung der Frage, welcher Staat fortan das
"Wächteramt am Golf" übernimmt, also die wohlfeile
V e r f ü g b a r k e i t des orientalischen Ölreichtums zu sei-
nem Anliegen erklärt -?
Das Schöne für den Westen ist dabei, daß es ihn ganz offensicht-
lich noch nicht einmal zu stören braucht, wenn diese Frage unent-
schieden bleibt. Denn in jedem Fall ist der Iran mit seinem so
unbegreiflich kompromißlosen Antiwestlertum als Bedrohung der
Golfregion und ihrer segensreichen Stabilität ausgeschaltet; und
wenn der Irak zu kaputt ist, um sich zum Sachwalter dieser Stabi-
lität zu machen, dann kommt der Westen dank seiner gründlich auf-
gemöbelten Freundschaft zu den bösen Scheichs auch ohne ihn mit
dem Schutz der Region ganz gut zurecht. Also merke, mündiger Bür-
ger, nicht jeder Krieg ist Deine Aufregung wert. Hauptsache, die
Sowjetunion bleibt draußen. Und als Forum für die dazu nötigen
Drohungen des Westens eignet sich die UNO doch immer noch vor-
trefflich. Denn was hat es wohl zu bedeuten, wenn die imperiali-
stischen Mächte sich dort in aller Öffentlichkeit angesichts ei-
nes heißen K r i e g e s schwere Sorgen um die B e-
d r o h u n g d e s W e l t f r i e d e n s machen? Wer be-
droht denn da eigentlich wen?
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