Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-1 - Iran gegen Irak
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FANATIKER DER GEWALT
Spätestens seit die westliche Führungsmacht mit einer kriegsent-
scheidenden Flotte im Persischen Golf aufgekreuzt ist und dem
Iran die Generalabrechnung in Aussicht stellt, ist für unsere
aufgeklärte freie Öffentlichkeit eines sonnenklar: daß das ge-
waltsame Fertigmachen des Mullah-Staates längst überfällig ist
und die Perser die sehnlichst erwartete Bestrafung mehr als ver-
dient haben.
Das Feindbild steht unverrückbar fest. Wie jedes Feindbild ist es
durch keine Tatsachen und Argumente zu widerlegen. Weil alle Tat-
sachen automatisch gegen den Feind sprechen. Und weil, wer das
nicht von vornherein glaubt, damit doch wohl zur Genüge beweist,
daß er selber nur die 5. Kolonne des Feindes ist.
"BILD-Kommentar
Die Lunte am Pulverfaß
Mehr als 400 Tote in Mekka, eine neue Offensive des Iran gegen
den Irak, Drohungen mit Kamikaze-Attacken auf die US-Flotte - die
Brandstifter aus Teheran haben die Lunte an das Pulverfaß gelegt,
die Lage im Golf ist noch explosiver geworden.
Der Konflikt kann die Ölströme des Westens versiegen lassen; er
kann sogar die Welt in Brand setzen.
Die Europäer aber tun so, als ginge sie das alles nichts an. Ein
Kriegsschiff? Wenigstens ein Minensuchboot? Sollen die Amerikaner
doch die Kastanien allein aus dem Feuer holen! Biedermann will
sich die Finger nicht verbrennen.
Beschämend. pol."
* "400 Tote"! Keine Frage, wer die "Toten" waren, und vollkommen
überflüssig die Prüfung, wer sie produziert hat. Daß iranische
Pilger in Mekka gegen die USA demonstrierten, reicht vollkommen
als Beweis, daß s i e das Blutbad angerichtet haben, dessen Op-
fer sie wurden.
* Daß der Iran sich nicht gleich der amerikanischen Übermacht er-
gibt, sondern mit verstärkten Gummibooten gegen Flugzeugträger
anzutreten droht, beweist, daß er das Pulver zünden will, das die
amerikanischen Kriegsschiffe vor seine Küste transportiert haben.
* Daß die Mullahs "unser" Öl fördern und (an uns!) verkaufen wol-
len, beweist schlagend, daß sie uns demnächst den Ölhahn abdrehen
werden, wenn wir den ihnen überlassen.
So geht die Logik der Denunziation. Die berufsmäßigen Bildner un-
serer Meinung fürchten offenbar nicht, daß ihr unbedingter Wille,
in jeder beliebigen Tat der iranischen Sorte Staatsgewalt den In-
begriff des Bösen, Teuflischen, Fanatischen etc. am Werk zu se-
hen, als purer Fanatismus gewertet werden könnte. Als Fanatismus
vom gleichen Kaliber, wie diese Meinungsmacher ihn umgekehrt dem
"Brandstifter" Khomeini und seinen Anhängern attestieren. Sie un-
terstellen einfach, daß jedermann - weil guter Deutscher - das
Feindbild teilt, das die Politiker der NATO, also "unsere Politi-
ker", in die Welt setzen, um ihre Gewalttaten mit der Bösartig-
keit des Gegners zu rechtfertigen. Dessen Verbrechen - also das
des Iran - besteht letztlich in nichts anderem als darin, daß er
sich weigert, ein willfähriger Statthalter und Stützpunkt westli-
cher Geschäfts- und Herrschaftsinteressen zu sein.
D e s h a l b ist kriegerische Bestrafung des Abtrünnigen
"unsere" moralische Pflicht. Und Kritik besteht in der Überprü-
fung, wer sich dieser Pflicht entzieht. Wo bleiben die Europäer?
Wo die Juniorpartner der USA in demonstrativer Unabhängigkeit ih-
ren nationalen Beitrag zur antirussischen Frontstabilisierung am
Golf kalkulieren; wo Briten und Franzosen zuerst Minensuchboote
für die US-Flotte verweigern, dafür mit eigenen Flugzeugträgern
und Fregatten vor Ort aufkreuzen, um dann zu d e r e n Unter-
stützung Minensucher nachzuschicken; wo unsere friedliebende Bun-
desrepublik es ebenso für unter ihrer Würde hält, daß Schiffe ih-
rer Bundeswehr als bloße Wasserträger für die US-Kriegsmaschine-
rie fungieren und deshalb im Grundgesetz die nötige Erlaubnis
vermißt; wo Bonn es deshalb stattdessen für geboten hält, Ami-
Flottenverbände im weiteren Atlantik oder Mittelmeer zu ersetzen
und ansonsten in schöner Arbeitsteilung ihre diplomatischen Er-
pressungs- und ökonomischen Geschäftsmittel im Iran (und Irak)
wirken zu lassen; da wittert die BILD-Zeitung pazifistische Feig-
heit und schämt sich glatt - im Namen des deutschen Volkes - ih-
rer eigenen Obrigkeit.
Warum klopfen diese Leute eigentlich an ihren sicheren deutschen
Schreibtischen noch radikale Sprüche, während unsere tapferen US-
Boys im Golf für sie und uns Europäer die Kastanien aus dem Feuer
holen? - Na klar. Diese Volksmeinungsbetreuer sind sich bei ihrer
nationalistischen Kriegshetze doch sehr sicher, daß die Ansprüche
der nationalen Gewalt bei den wirklichen Herrschern in Bonn und
Brüssel in guten Händen sind.
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