Quelle: Archiv MG - NAHOST GOLFKRIEG-1 - Iran gegen Irak
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Wie sich der Westen zum Ende des Golfkriegs stellt
WIE DIE GEIER
Wer ist eigentlich kaltschnäuziger: Die Iraner, die Kinder in Mi-
nenfelder jagen und die Iraker, die Giftgas verwenden, damit Ira-
ner sterben wie die Fliegen? Oder die Staaten der westlichen
Welt, die acht Jahre lang das Gemetzel am Golf mit Interesse -
nicht nur - verfolgt haben? Wie haben sich denn diese Staaten die
ganze Zeit über, die er gedauert hat, zu diesem Krieg gestellt,
den sie immer mal wieder für "sinnlos" erklärt haben? Alles in
ihrer Macht Stehende zu tun, damit dort am Golf Frieden eintritt,
war wirklich nicht Anliegen der NATO-Welt. So "sinnlos" erschien
ihr der Krieg nämlich gar nicht.
Verständnis für die Kriegsziele der beiden Gegner, sich nämlich
eine Vormachtstellung in der Region zu erkämpfen, hat der Westen
schon gehabt. Nur war er dagegen, daß eine Nation dort zu viel
Macht gewinnt.
"Es liegt im Interesse des Westens,
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daß beide Seiten verlieren."
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So hat der ehemalige US-Außenminister Kissinger 1984 kurz er-
klärt, daß der Krieg am Golf auch seine sinnvollen Seiten hatte
für die Freunde von Frieden und Freiheit. An diesem Kriegsziel
hat sich nichts geändert. In diesem Sinne hat man den Krieg
schwer am Laufen gehalten. An die dreißig Nationen und ihre Waf-
fenhändler haben - mit oder ohne offizielles Waffenembargo - mit
der Lieferung von Kriegsgerät an beide Kriegsgegner ein Bombenge-
schäft gemacht. Dann kam heraus, daß ein Kriegsziel des Westens
war, den Iran in seine Grenzen zu verweisen und die "Revolution"
Khomeinis zu ruinieren. Man ergriff eindeutig Partei und griff
ziemlich direkt in das Kriegsgeschehen ein. Eine gewaltige See-
streitmacht der USA und anderer NATO-Staaten führte mit dem Pro-
gramm der Verteidigung der Freiheit der Meere zur See und in der
Luft Krieg gegen den Iran, wobei auch ein vollbesetzter Air-Bus
dran glauben mußte. Eine Parteinahme für den Irak, daß dieser nun
die Vorherrschaft am arabischen Golf einnehmen sollte, war das
aber auch wiederum nicht. Die Angebote für eine künftige imperia-
listische Zusammenarbeit mit dem Iran blieben nach wie vor offen.
Ein sinnloser, ein grausamer Krieg? Wo war sie denn, die ernst-
hafte Kritik am Massensterben auf dem Schlachtfeld? Wo haben denn
die potenten Mächte Anstrengungen unternommen, dem Gemetzel ein
Ende zu machen? Der Einsatz von Giftgas soll "entsetzlich" sein
und ist völkerrechtlich sogar verboten. Aber obwohl die Sache
längst klar war, hat man jahrelang nach Beweisen gesucht und Un-
tersuchungskommissionen gebildet. Beim Irak hatte man eben Ver-
ständnis dafür, daß er sich so gegen die iranischen Menschenmas-
sen wehrt.
Jetzt hat der Iran klein beigegeben. Und das vor allem gefällt
dem Westen. Das soll die gute Seite am Waffenstillstand sein, der
sonst keineswegs aufatmend und mit Befriedigung registriert wird,
mögen westliche Politiker solches auch noch so oft beteuern.
Feine Probleme mit einem Frieden am Golf
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Das gute Gewissen des Imperialismus heuchelt Zufriedenheit über
das Ende des furchtbaren Krieges, und man schlägt schon den UNO-
Generalsekretär für den Friedensnobelpreis vor, weil dieser Mann
angeblich erreicht hat, daß die Feinde den Krieg nicht mehr wol-
len. Doch gleichzeitig kommen Sorgen auf. Immerhin hat der Krieg
ja nicht schlecht ins westliche Konzept gepaßt und war ein Ge-
schäft dazu, so daß man die Frage stellt: Was nun, da die Waffen
schweigen? Sinnloser Frieden?
Das ist natürlich das Dumme am Frieden, daß für die Rüstungsindu-
strien und Waffenhändler, die an dem "teuren und verlustreichen"
Krieg so hervorragend gut verdient haben, nun der Boom der
Kriegsgewinne zu Ende ist. Die Munitionsproduzenten seien am här-
testen betroffen, heißt es. Und ein anerkannter israelischer Waf-
fenhändler erklärt glatt Frieden am Golf für einen "schweren
Schlag".
Sorge bereitet auch die Entwicklung auf dem Erdölmarkt. Der Öl-
preis stieg schlagartig nach Bekanntwerden eines voraussichtli-
chen Waffenstillstands: Die Händlerwelt ist verunsichert. Halten
sich die OPEC-Staaten jetzt womöglich an ihre Förderabsprachen,
so daß die Ölpreise weiter steigen? Oder sinken die Ölpreise gar,
weil Iran und Irak wieder in der Lage sind, mehr zu fördern?
Im nachhinein wird offen zugegeben, welche Sicherheiten der
Krieg, solange er stattfand, dem Westen geboten hat. Der Frieden
nämlich, der bringt Unsicherheiten: Bleibt der Irak nach seinem
Punktgewinn gegen den Iran eine "berechenbare Kraft" im Nahen
Osten? Israel stößt schon Drohungen gegen das Regime in Bagdad
aus und warnt den bis an die Zähne bewaffneten Irak vor einer mi-
litärischen Kehrtwende gegen Israel. Wie schön war es doch, als
die irakische Militärmacht an der Front gegen den Iran gebunden
war.
Aber auch der ziemlich matt dastehende Iran, ein Kriegsergebnis,
das den Westen erst einmal zufriedenstellt, gibt zu Sorgen Anlaß:
Was wird das Regime tun, wenn es sich wieder erholt? Werden die
"Fanatiker" des Exports der islamischen Revolution wieder Ober-
wasser bekommen, oder können sich die "Realisten" durchsetzen
(Die heißen deswegen so, weil die USA schon im Krieg ihre Fühler
zu ihnen ausgestreckt haben.)? Wie verhält sich Syrien, der Feind
Iraks? Kann die Sowjetunion die neue Lage für sich nutzen...? Die
westlichen Ordnungshüter jeder Weltgegend gestehen zu, daß die
Lage am Golf und im Nahen Osten mit Krieg besser unter Kontrolle
war als jetzt. Deshalb muß man nach Ende des Krieges schwer auf-
passen, heißt der Schluß. Auf jeden Fall bleibt bis auf weiteres
die US-Flotte im Golf.
Die schönen Aussichten des Kriegsendes
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Doch hat das Ende des Krieges für den Westen auch seine guten
Seiten; nicht einfach, weil der Krieg zu Ende ist, sondern weil
er einiges angerichtet hat im Irak und Iran. Eine Menge ist dort
kaputtgeschossen und -gebombt worden, die Wirtschaft beider Län-
der liegt infolge des Krieges und der Kriegswirtschaft ziemlich
darnieder und es wurden Schulden gemacht - das sind günstige Ge-
legenheiten für den geschäftstüchtigen Westen, dem "fanatischen
Mullah-Regime" und dem Radikalinski Hussein beim Wiederaufbau ih-
rer Länder zu "helfen", wie man so sagt. Geradezu hoffnungsvoll
wird da ausgerechnet, wie hoch die Kriegsschäden sind, und unver-
blümt wird auf die Geschäfte geschlossen, die darin "für uns"
stecken. Das fängt bei der Waffenindustrie an, die zwar jetzt
leider nicht mehr am Krieg verdienen kann, aber schon darauf spe-
kuliert, daß die beiden Staaten wohl sicher ihre dezimierte Mili-
tärmaschinerie wieder auffüllen und aufmöbeln werden. Dann kommt
die Wirtschaft: die kaputte Infrastruktur, die zerstörten Ölför-
derstätten, Ölraffinerien, Pipelines, Häfen usw. usf. Darin stec-
ken so gut wie sichere Geschäfte für den Kapitalismus im Westen.
Denn davon geht man hier aus, daß "die da hinten", trotz aller
anti-westlicher Ideologie, auf die Potenz des Kapitals des We-
stens angewiesen sind beim Wiederaufbau. Schließlich sind sie ja
mit ihren Schulden und ihrem Öl von den betuchten Industrienatio-
nen abhängig und schließlich müssen sie ja ihre Wirtschaft wieder
in Gang bringen, um aus Öl Geld zu machen und die Schulden zu be-
dienen, denkt der berechnende Verstand aus den NATO-Gefilden. Und
außerdem schaffen westliche Unternehmungen und Geschäfte dort
neue Abhängigkeiten, die die politische Kontrolle des Westens in
dieser konfliktreichen Region nur verbessern können.
Die Bundesrepublik praktiziert in Sachen Ausnutzung des Krieges
und der Kriegsfolgen mal wieder ihre ebenso widerliche wie er-
folgreiche Tour. Erst sind Siemens, Krupp, gewisse Baufirmen und
andere Mittelbetriebe mutig dageblieben - sogar im Iran -, obwohl
Krieg war und sie ihre Geschäfte reduzieren mußten. Das konnten
sie dann auch, weil made in Germany traditionell gut ankommt bei
fanatischen Moslems. Genscher hat nämlich lange und oft genug
wiederholt, daß die Bundesrepublik zwar eigentlich in der NATO,
aber recht eigentlich nicht die USA ist und deshalb grundsätzlich
neutral zum Kriegsgeschehen am Golf steht und deshalb wegen ihres
Grundgesetzes nur dazu berechtigt ist, die übrigen NATO-Staaten
im Mittelmeer zu entlasten. Dann hat der Genscher auch noch so
aufdringlich vermittelt, daß es der Khomeini nicht mehr hören
konnte und er einfach den Krieg aufhören mußte. Diese Sorte Ver-
mittlung ist weder für noch gegen jemanden gerichtet, sondern nur
gut für die Bundesrepublik: Sie hilft wiederum Siemens, Krupp und
den anderen dabei, daß sich ihr Mut dazubleiben bezahlt macht;
jetzt, wo es an die großen Geschäfte geht. Ein bißchen Anerken-
nung kann man in Bonn ja wohl dafür verlangen, daß die Bundesre-
publik nicht einmal ein Schnellboot im Golf schwimmen hat. - Un-
ter den Schmarotzern eines Krieges sind eben die Deutschen, die
im Windschatten der Weltmacht USA ihre Geschäfte abwickeln, noch
einmal extra Weltmeister.
Alles in allem zeigen der Golfkrieg und sein Ende, daß der Unter-
schied zwischen Krieg, der ja das schlimmste Übel der Menschheit
darstellt, und Frieden, dem letztlich höchsten Gut, ein recht re-
lativer ist. Der Westen sieht das jedenfalls so, daß er beide
"Zustände" erstens managen und zweitens gründlich nutzen muß.
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