Quelle: Archiv MG - NAHOST AEGYPTEN - Staat am Nil
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Tod am Nil:
SADAT + - ein Kriegsgrund?
Der gewaltsame Tod eines ägyptischen Fellachensohns ist keiner
deutschen Zeitung eine Meldung wert, es sei denn, er herrscht
über den Rest der Söhne und Töchter Ägyptens. Dann wird das le-
sende Publikum eine Woche lang über jedes Detail von Tod und Be-
gräbnis unterrichtet und über die Wellen informiert, die Sadats
gewaltsamer Tod unter seinesgleichen schlägt: Ronald Reagan be-
klagt persönlich "Die Welt habe einen großen Staatsmann verloren,
die Menschheit einen Mann des Friedens und Amerika einen guten
Freund."
Amerika, die Menschheit, ja die Welt sollen durch Sadats Ableben
betroffen sein? Die Bildzeitung ging noch einen Schritt weiter
und verkündete dem gemeinen Volk: "Es geht um Krieg oder Frieden
für uns alle."
Wer war denn Sadat, daß anläßlich seiner Ermordung ein "Krieg für
uns alle" in den Bereich des Möglichen gerückt sein soll?
Zunächst ein Offizier in englischen Kolonialdiensten, sodann ei-
ner der Verschwörer gegen die ägyptische Monarchie, der es unter
dem notorischen Russenfreund Nasser bis zum Vizepräsidenten
brachte. Als frischgebackener Präsident schloß er 1971 einen
Freundschaftsvertrag mit der SU ab und initiierte 1973 den Jom
Kippur-Krieg gegen Israel: der mit russischen Waffen und zehntau-
senden toter Ägypter erbrachte Beweis, daß Ägypten eine halbwegs
konkurrenzfähige Militärmacht darstellte. Darauf vollzog er den
Schwenk ins westliche Lager - vollkommen folgerichtig für einen
ägyptischen Nationalisten. Die SU hatte Ägypten gegen Israel auf-
grüstet; zu welchem Zweck bemerkte Sadat, als er die Rüstung ge-
gen Israel zum Einsatz brachte: die SU hielt sich mit Nach-
schublieferungen ziemlich zurück, um sich bei der Schutzmacht Is-
raels als potenter u n d umgänglicher Verhandlungspartner für
eine "Friedensregelung" in Nahost zu empfehlen. Da schien es Sa-
dat attraktiver, das Bündeln mit den Russen, das ihm nur eine be-
dingte Handlungsfreiheit verschaffte, aufzugeben und Ägyptens
Größe im freiwilligen unbedingten Handlangertum gegenüber den USA
zu suchen. Dafür kündigte Sadat den Freundschaftsvertrag mit der
SU, wies die 20 000 russischen Militärberater aus und ersetzte
sie durch amerikanische. Die unter amerikanischer Regie durchge-
führte Versöhnung mit Israel brachte Sadat die Wiedereröffnung
des Suezkanals der einzigen Einnahmequelle Ägyptens, vor allem
aber die A n e r k e n n u n g Ägyptens als zweite nahöstliche
O r d n u n g s m a c h t. Dementsprechend bestand Sadats Bei-
trag zum "Friedensprozeß" in Nahost in der Anerkennnung und
Durchsetzung des westlichen Protektorats über diese Ecke der
Welt. Unter amerikanischer Oberaufsicht nahm er die arabische Zu-
ständigkeit für die "Lösung der Palästinenserfrage" wahr, indem
er jahrelang darüber v e r h a n d e l t e, während die Is-
raelis dabeiwaren, die einer Endlösung zuzuführen. Er nahm sich
des gestürzten Schah an, stellte den USA Stützpunkte zur Verfü-
gung, befriedigte das amerikanische Bedürfnis nach Wüstenmanövern
der neuen Eingreiftruppe und belieferte die afghanischen Moslem-
kämpfer mit russischen Waffen aus ägyptischen Beständen; wobei es
ihm nichts ausmachte, zugleich die Gesinnungsgenossen der afgha-
nischen "Freiheitskämpfer" im eigenen Land blutig zu unter-
drücken. Und nicht nur sie: schließlich macht die Verelendung des
Volks unter seiner Herrschaft rapide Fortschritte.
Wozu Sadats Tod taugt
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war den demokratischen Meinungsbildnern sofort klar. Ganz gleich,
wer Sadat aus welchen Gründen umgebracht hatte - das Attentat auf
den Kumpanen des Westens ist ein trefflicher Anlaß, wieder einmal
herauszustreichen, wie die weltpolitischen BÖsewichter heißen:
vielleicht Arafat, jedenfalls Ghaddafi, vor allem aber und in je-
dem Fall Breschnew. BILD brachte gleich die Konterfeis dieser
drei neben Bildern von Sadats Leiche, während die seriöse Presse
das angebliche Komplizentum der Russen aus dem Mangel an geheu-
chelter menschlicher Bestürzung herauslas, den sie am diplomati-
schen Beileidstelegramm der SU monierte. Mit äußerster Pietät
behandelten dagegen Macher und Sprachrohre des Westens ihre
"Bestürzung" darüber, daß ein "historischer" Mohr seine Schuldig-
keit getan hat und nun der Friede im Nahen Osten, ja der Welt-
friede in Gefahr sei. Andererseits entdeckte man als Chance, daß
der "Friedensprozeß" nun nicht mehr mit e i n e m Araberführer
verbunden sei - zumal die so leicht wegsterben -, sondern für die
ganze "Region" in Angriff genommen werden kann. Eine interessante
Klarstellung. Friede ist, wenn der Nahe Osten sich zur Südfront
gegen die Sowjetunion formiert; alles andere bedeutet Krieg. Die
mit Sadat verbundene "Spaltung des arabischen Lagers" gegenüber
Israel hat daher aufzuhören, wie überhaupt überholt ist, daß es
im Nahen Osten um d i e s e Auseinandersetzung geht. Ihren Na-
tionalismus aufzurüsten und zu betätigen, erhalten die nahöstli-
chen Staatsmänner eine neue und sehr eindeutige Gelegenheit, eben
als Bestandteil einer westlichen Friedensfront. In dieser Rolle
kann sich als erster Mubarak, der Ägypter mit dem "Image des un-
derdog", weltpolitischer Beachtung gewiß sein. Da machte der bun-
desdeutsche Außenminister gleich einen politischen Stich. Blitz-
schnell nahm Genscher eine Einladung von Sadats Nachfolger zu ei-
nem Besuch in Kairo an, um nach einem Gespräch mit Mubarak seine
aus erster Hand gewonnene Überzeugung zu bekunden, dieser sei
sich "voll der Verantwortung bewußt, die er nach der Ermordung
Präsident Sadats zu tragen hat." Man stelle sich vor: Genscher
als Vorstandsmitglied der Fa. Freier Westen, das vom Außendienst-
personal dieser Firma selber gebeten wird, die Eignung des Perso-
nals für die selbständige Erledigung der ihm zugedachten Aufgaben
zu überprüfen und ggf. freundlich zu bestätigen!
Dem Emissär folgte die Aktion der Zentrale. Die USA stellen die
Eignung der Region und ihrer Statthalter her: Mobilisierung der
6. Flotte, gemeinsame Manöver mit Ägypten unter Einschluß der
"schnellen Eingreiftruppe", Einsatz strategischer B52-Bomber, die
scharfe Bomben an der lybischen Grenze abwerfen. Fertig, die Re-
gion ist Front. Waffenlieferungen gehen an die, die als "Freunde"
dazugehören und daraus Staat machen dürfen. Und plötzlich ist
auch der Sudan wer. "Numeiri droht Ghaddafi mit Krieg." Das darf
er sich leisten, weil und insoweit der Westen festlegt, was sich
im Nahen Osten nicht mehr gehört:
"Das politische und strategische Ziel lautet, die Vorhaben des
lybischen Staatschaefs Ghaddafi und der Sowjetunion einzudämmen
und der arabischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß Washington das
Bündnis zwischen Lybien, Äthiopien und dem Südjemen nicht taten-
los hinnehmen wird." (FAZ)
Daß der russische "Weltterrorist" auch in dieser Region d e r
Störenfried des Friedens ist, ist am schlagensten damit bewiesen,
daß seine Freunde im "arabischen Raum" isoliert und kaltgestellt
werden: Immer haben die Russen bei denen die Finger im Spiel, die
nicht in die Landschaft passen. Also tut es dem Bild vom gefähr-
lichen Hauptfeind auch überhaupt keinen Abbruch, wenn öffentlich
mit Befriedigung registriert wird, daß die SU ihren Einfluß be-
streiten läßt: "Der Moskauer Protest signalisiert Empfang der
Botschaft." (FAZ). Schließlich definiert der weltpolitische Er-
folg, wer recht und wer unrecht hat.
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