Quelle: Archiv MG - NAHOST AEGYPTEN - Staat am Nil
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Anwar as-Sadat
GRABREDEN AUF EINEN PROWESTLICHEN FELLACHEN
Passen die folgenden Botschaften zur Friedenspolitik?
"Als Moskau mit dem Druckmittel seiner Waffenlieferungen an Ägyp-
ten seinen Einfluß auf Kairo immer nachdrücklicher geltend machen
wollte, verwies Sadat kurzerhand die sowjetischen Militärberater
des Landes und verschaffte sich so freie Hand für den Oktober-
krieg 1973, den er in Anwesenheit der sowjetischen Berater kaum
hätte führen können." (Süddeutsche Zeitung, SZ)
"Der Oktoberkrieg war ein Krieg für den Frieden" (Süddeutsche
Zeitung) -,
Führen mußte er ihn -
"um einen ehrenvollen Ausgang für Ägypten zu erreichen, was ihm
dann erlaubte, die Friedenspolitik zu machen." (Neue Zürcher Zei-
tung, NZZ)
Logo: der Krieg "gab Ägypten das verlorene Selbstbewußtsein wie-
der" (SZ), ohne das ein Frieden nicht gegangen wäre, den er aber
Ägypten bringen wollte, da ihn, den "einfachen Fellachen-Sohn,
das Wissen um die Leiden derer trieb, die Kriege wirklich führen
müssen" (Abendzeitung, AZ). Nachdem er also den Fellachen das
"Leiden", "Kriege führen zu müssen" ersparte, indem er ihrem
"wiedererwachten ägyptisch-arabischen Nationalismus" (Frankfurter
Rundschau, FR) den "Vorstoß zum Sinai und einzigen Sieg, den die
Ägypter je über ihren Erzfeind Israel errungen haben" (AZ),
schenkte, kann man nur noch
"den listenreichen Weg bewundern, auf dem Sadat dieses Ziel ange-
strebt hat." (NZZ)
In seinem "unshakable commitment to peace" (Los Angeles Times)
mußte er sich über unendliche Hürden hinwegsetzen mit den Russen
"keinen Krieg führen zu können" (FR), ohne die Russen auch keinen
definitiv zu gewinnen, "wirtschaftliche Spannungen, die Staats-
kasse durch den Krieg leer" (AZ) - und nicht zuletzt ganz gewal-
tig über sich selbst:
"Auch Sadat selbst war dieser Sprung nicht leichtgefallen... er-
zogen, Israel als Tabu zu betrachten. Die mit ihm verknüpften
emotionellen Assoziationen hinderten einfach jedermann daran,
auch nur eine Annäherung zu versuchen." (Die Welt)
Jedermann vielleicht - aber Sadat sprang, ließ vor lauter Frie-
densliebe sich selbst
"über den eigenen Schatten springen und seinen eigenen Haß ver-
gessen." (FR)
Er hat nämlich
"die wahren Interessen Ägyptens erkannt und es gewagt, ihnen zum
Durchbruch zu verhelfen." (NZZ)
Wahres Interesse Ägyptens war es nicht, "immer tiefer in sowjeti-
sche Abhängigkeit zu geraten" (Die Welt), in der man nicht einmal
ein kleines Krieglein führen durfte. Wahres Interesse war
"die Loslösung aus der sowjetischen Patronage", frei hinein in
die "immer stärker werdende Bindung Ägyptens an die USA." (SZ)
Dies - das ist der feine Unterschied zwischen Patronage und Bin-
dung - ist eine "politische Partnerschaft" (SZ). Zu bieten hatte
er dem Partner eine "Vision",
"die Ausschaltung des sowjetischen militärischen Einflusses auf
die strategische Zone Mittelost.",
und dazu
"brauchte er vor allem die Amerikaner" (FAZ)
eben als Partner.
"Die politische Partnerschaft, wirtschaftliche Partnerschaft, mi-
litärische Partnerschaft, Investitionen westlicher Staaten, mas-
sive Hilfsprogramme und Kredite der USA" (SZ),
mit denen die USA Sadat behilflich waren, seine "Vision" zu ver-
wirklichen, "zum festen Turm für Israel und die USA" (SZ) zu wer-
den, sind natürlich bei weitem keine Entschädigung für den
"Mut, gegen Haß, gegen scheinbar unüberwindliche Feindschaft an-
zugehen, auf blutgetränktem Boden einen neuen Anfang des Friedens
zu wagen." (AZ)
Er wagte es aber mit geradezu unternehmerischer Risikobereit-
schaft:
"He invested his hard-won, despotic power in one fateful mission,
an enterprise of humanity and national interest brilliantly com-
bined." (New York Times)
Und er wagte es wahrhaftig, seine "hard-won despotic power" mit-
tenhinein ins "strategische Dispositiv der Vereinigten Staaten
von Amerika" (Welt) zu führen: Darin
"sichert Ägypten 1. die Ölfelder und Versorgungswege der westli-
chen Industriestaaten, 2. das strategische Hinterland Europas, 3.
die militärischen Nachschubwege zwischen den Vereinigten Staaten
und dem Nahen und Mittleren Osten." (Die Welt)
Und das entschädigt wohl auch die Fellachen für ihre einstmals
erlittene "Enttäuschung"
"nichts anderes zu sein als eine Figur im sowjetischen Interes-
senspiel im Nahen Osten." (FR)
An diesem Fortschritt kann sich das ägyptische Volk ergötzen und
wir mit ihm "Humanity an national interest brilliantly combined"
= "das Verdienst Sadats, das Vierzig-Millionen-Volk wieder aus
den Fängen Moskaus gewunden zu haben" (Welt) und es mit Hilfe ei-
nes "wiedergewonnenen Selbstbewußtseins" (AZ) "zu einem festen
Faktor im Kalkül westlicher Diplomaten geformt" (Welt) zu haben.
"Man kann" - und muß! - "den listenreichen Weg bewundern" (NZZ),
denn "niemand wußte besser als Sadat, daß Ägypten nach dem Bruch
mit Moskau nur eine politische Alternative blieb: die Wiederannä-
herung an den Westen und vor allem an die USA." (FR)
Nach einem halb-gewonnenen Krieg gegen Israel hielt er als erstes
"den Frieden im Mittleren Osten durch die Sowjetunion und den
Kommunismus für gefährdet" (FAZ) -
ja von wem denn sonst! Der gute Mann, er hatte gemerkt, daß man
in dieser "Dritten Welt" nur als Feind Moskaus solide regieren
kann. Er war eben "a man of vision" (Los Angeles Times),
"beschloß die Aufhebung des ägyptisch-sowjetischen Freundschafts-
abkommens von 1971" (FR)
und schritt zur philosophischen Verallgemeinerung dieser Ein-
sicht: "Friendship was for Sadat a very important quality." (Los
Angeles Times). Friendship, nicht nur gegenüber Rommel (aus der
Ferne), Schmidt, Beckenbauer und Strauß, Begin, Weizman, Dayan,
Kissinger, Nixon, Ford, Carter und Reagan, nein auch gegenüber
dem armen Schah:
"Wenn er nicht von sich aus gekommen wäre, hätte ich ihn dazu ge-
zwungen." (Sadat zu "Bild")
Sein Geschmack steht dem seiner amerikanischen Liebhaber in
nichts nach. Für sie wurde er mit Camp David gleich ein guter
Mensch, in gewissem Sinn der erste Araber, der überhaupt einer
wurde.
"Charming and suave to Westerners and expecially to Americans,
for whom he became the polite, gallant and perhaps first
'acceptable' Arab." (Washington Post)
Aber wer kann sich schon der "Ausstrahlung" (NZZ) eines Mannes
entziehen, der
"in der von tiefer Religiosität durchtränkten, und oft von Fana-
tismus erschütterten, nahöstlichen Region eine Konstante des po-
litischen Lebens" geschaffen hat? "Sadats Staatskunst hat Ägypten
zu einem festen Faktor im Kalkül westlicher Diplomaten geformt.
Es ist ein Konzept eben und gleich wie die gleitenden Wasser im
Nil." (Welt)
Und was für ein Konzept - "eben und gleich", locker", "frei",
"milde und human".
"Sadat, der Vater der großen ägyptischen Familie" (SZ) "konnte es
sich leisten, mit lockerer Hand zu regieren, weil seine Art Poli-
tik des 'Leben und Lebenlassen' der Mentalität der Ägypter nicht
schlecht entsprach." (NZZ)
Wenn auch "die entstandenen Oppositionsparteien nicht seinen Vor-
stellungen von 'konstruktiver Opposition' entsprachen" (SZ) und
er "die Liberalisierung nur im wirtschaftlichen Bereich recht
weit gedeihen ließ... man atmete unter ihm viel freier als unter
Nasser." (NZZ)
"Der Staatschef hat die Ordnung in der Armee immer wieder durch
eine geschickte Personalpolitik aufrechterhalten können. Manchmal
half auch der Zufall oder der Geheimdienst. Im März dieses Jahres
stürzte ein Hubschrauber ab, der an Bord fast die ganze militäri-
sche Spitze Ägyptens hatte. ... Gegner der Amerika- und Israel-
Politik Sadats..." (FAZ)
"Daß sein Schlag vom September gegen die islamischen Fundamenta-
listen und gegen die gesamte Opposition mit der Absicht einer
dauernden Repression und Unterbindung von Kritik verbunden war,
ist kaum anzunehmen." Kaum. "Sadat wird wohl den Ägyptern als ein
milder und humaner Herrscher in Erinnerung bleiben." (NZZ)
Ein rundum wohlgeordnetes und zufriedenes Staatswesen, das er da
hinterläßt. Es gibt nur ein Problem,
"da ja dortherum" (gemeint ist der Mittlere Osten) "an der
Staatsspitze das Persönliche eine so große Rolle spielt." (NZZ)
Warum nicht wieder was "Persönliches an die Staatsspitze" hintun?
Problem, Problem.
"Zu stark sind in jedem einzelnen arabischen Land die Gegen-
sätze." (Welt)
Da hat Sadat, der Fellachensohn,
"den das Wissen um die Leiden derer trieb, die Kriege wirklich
führen" (AZ), "dem Land Frieden gebracht und Perspektiven eröff-
net" (Welt),
"Im Gegensatz zum Iran steht die Mehrheit des ägyptischen Volkes
hinter Sadat" (SZ), und nach dieser erhebenden Würdigung der Lei-
stungen des verblichenen Staatsmanns muß man sich gleich im näch-
sten Satz die allergrößten Sorgen um sein Land machen und sich
intensivst danach fragen, ob sich dieses auch an seine
"Perspektiven" hält, wo doch der "große Sadat" auch wieder solche
"forces" ge"challenged" hat:
"How long will it take to consolidate power inside Egypt against
the forces that challenged even Sadat at this course?" (New York
Times)
Zwar hat "Sadat den wahren Interessen Ägyptens zum Durchbruch
verholfen" (NZZ), aber ob Ägypten das auch ohne ihn weiß: "Eine
Politik ermordet!" (Welt ). Und selbst das hatte Sadat gewußt:
"Der Präsident hat das Attentat dadurch verhindern wollen, daß er
in der vergangenen Woche strenge Maßnahmen gegen vermutete innen-
politische Widersacher durchführte." (Welt)
Während die fanatischen Mullahs, wenn sie ermordet werden, an ge-
nau der Gewalt umkommen, die sie gesät haben, muß ausgerechnet
der arme Sadat tragischerweise an der Gewalt scheitern, mit der
er trotz allem nicht fertig wurde. Und schon bricht das ganze
"Konzept, eben und gleich wie die gleitenden Wasser im Nil" zu-
sammen:
"Die innenpolitischen Auswirkungen dieses Attentats sind noch
nicht übersehbar. Vermutlich wird der neue Kurs noch härter. Be-
sonders in der Armee dürfte es zu Unruhen kommen, die ihrerseits
auf die ganze Region wirken können." (Welt)
Da hat er doch wahrhaftig seinem Volk soviel Frieden gebracht,
daß es nach seinem Tod in die Luft zu gehen droht. Seine
persönliche Tragik -
"Weil Sadat den Frieden wollte, zog er sich den Haß der Fanatiker
zu" (Welt) -
aber auch die Tragik Ägyptens. Erst mit Sadat "eine Familie"
(SZ), dann ohne ihn ein "Pulverfaß" (Rheinischer Merkur). Welche
unausweichliche Schlußfolgerung muß sich einem denn jetzt
unausweichlich aufdrängen?
Es ist doch reine Christen-Pflicht, dem armen Sadat nachträglich
Abbitte zu leisten für die Unbill, die er erleiden mußte, er,
"der feste Turm, zumindest für Israel und für die USA, die auf
ihn gesetzt haben, ihm aber auch das Leben schwer gemacht haben"
(SZ).
Nämlich
"Peace with Israel and alignment with U.S. interests have to be
rewarded and shown to be safe. The cost of opposition has to be
made high." (New York Times)
Was schuld en wir seiner Hinterlassenschaft?
"What would Egypt need from abroad? Aid from the United States,
protection on its Libyan flank..." (New York Times)
Aber auf jeden Fall läßt sich doch eine seiner wertvollen
"strategischen Anregungen" zu seinem Gedenken in die Tat
umsetzen:
"Auch die strategischen Anregungen, die Sadat gegeben hat, sind
wert" - sie sind es Adelbert - "von seinem Nachfolger aufgenommen
zu werden. Außer der Bedrohung durch Libyen sieht sich Ägypten
der Gefahr ausgesetzt, vom Süden her operativ umgangen zu
werden... Sowjetunion, Aden..., Südjemen..., Oman..., Straße von
Hormuz..., Iran..." (FAZ)
Nichts wie runter mit den B 52 und AWACS nach Ägypten. Oh daß
doch an dem Nile die Entscheidung fiele!
Die Botschaften passen zur Friedenspolitik. Sie künden von einem
arabischen Kriegshelden, der sich nicht einmal von den Russen von
einem Waffengang abbringen ließ, der ihm einen ehrenvollen
Frieden erlaubte. Von einem Opportunisten, der aus lauter Wagemut
das Lager wechselte. Von einem Staatsmann, den sein Volk so
liebt, daß mit dem Tode des Mannes der Staat in der Gunst des
Publikums verliert. Von Liebe und Haß als Leitfäden eines
nobelgepriesenen Politikers. Von den wahren Interessen Ägyptens
im Rahmen des westlichen Aufmarsches. Wie aus strategischen
Kalkulationen ein Charakterbild entsteht, das uns verpflichtet.
Wozu? Was ist das höchste Gut? Overstolz? Eckstein? I wo. Salem!
***
Anwi tot, es lebe Hosnar!
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Aufgemerkt, Schüler und Studenten der Politologie! Wenn einer
Wahlen mit 98,46% gewinnt, dabei keinen Gegenkandidaten gehabt
hat, also nur mit Ja oder Nein gestimmt werden durfte; wenn au-
ßerdem keine Wahlkabinen vorhanden sind und die Opposition im Ge-
fängnis sitzt, dann dürfen solche "Faktoren" auch weiterhin nur
als Kennzeichen totalitärer Diktaturen gewertet werden, wenn Ihr
sie in Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs registriert. Für
eine Säule des "Freien Westens" im unsicheren Wüstensand gelten
andere Kriterien - als Teil der demokratischen Erdhälfte, worüber
man bei der Kommentierung auch noch laufend redet: 98,46% in
Ägypten - das dokumentiert "den überraschend schnellen Vertrau-
enszuwachs" des westlichen Favoriten. Und geschlossene Wahlkabi-
nen würden die Ägypter nur daran hindern, ihrer "Begeisterung of-
fen Ausdruck" zu geben. "Bezeichnenderweise" hat den Wahlzettel
niemand offen mit Nein abgegeben. Der damit von den Ägyptern ab-
gegebene Volkswille lautet: "Womit Hosni Mubarak fertigwerden muß
". Die "Süddeutsche Zeitung" gibt die Antwort: mit der Opposi-
tion, mit der Mißwirtschaft und Korruption (Stoffsammlung für die
kritische Abteilung!), mit der PLO, mit Gadafi, mit dem Krisen-
dreieck und mit Moskau. Wie soll Hosni mit dem "Womit" fertigwer-
den? Militärische Mittel gegen Libyen, amerikanische Militärbera-
ter und Panzer für den Sudan, "der Ausnahmezustand gibt dem Re-
gime die Machtmittel" gegen die Opposition (wofür Mubarak dem
Ausnahmezustand auch schon öffentlich gedankt hat!), und freund-
schaftliche Beteiligung an amerikanischen Landemanövern im ganzen
Nahen Osten. Immerhin ist Oman den Ägyptern ja noch näher als den
Amerikanern!
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