Quelle: Archiv MG - NAHOST ALLGEMEIN - Schalom aleikum


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 41, 20.10.1981
       
       Naher Osten:
       

EIN WAFFENSTILLSTAND UND EIN ATTENTAT

Schlachtfeld Libanon -------------------- In diesem Sommer wurde der "Friedensprozeß" in Nahost durch einen Waffenstillstand zwischen Israel und seinen christlichen Schütz- lingen bzw. Hilfstruppen im Südlibanon auf der einen und Syrien und der PLO auf der anderen Seite verstärkt. Bevor die Waffen stillstanden, hatten die Israelis die Stationierung syrischer Luftabwehrraketen im Libanon zum Verteidigungsfall erklärt, weil diese Raketen angeblich die längst durchgesetzte Lufthoheit Is- raels über den Südlibanon gefährdeten; die Durchführung der Vor- neverteidigung bestand in massivem Beschuß von allem, was sich im Bereich israelischer Artillerie und Luftwaffe bewegte, sowie von syrischer Seite im Abschuß zweier unbemannter israelischer Auf- klärungsflugzeuge. Das Neue an diesen "Spannungen im Nahen Osten" war die Art und Weise ihrer Bewältigung. Die Syrer und die saudiarabischen Geld- geber der syrischen Friedenstruppe im Libanon setzten gegen die Israelis auf die Autorität der USA, und die Israelis fügten sich der Vermittlung des amerikanischen Berufsdiplomaten Habib. Daß Israel deshalb, weil es die Amerikaner im Rücken hat, die überle- gene Gewalt im Nahen Osten darstellt (wofür seine sommerlichen Militäraktionen im Libanon einen erneuten schlagenden Beweis lie- ferten), ist Israels Feinden nicht mehr Anlaß zum Bündeln mit der Sowjetunion, sondern dazu, die USA zum Schiedsrichter darüber an- zurufen, wer in Nahost was darf. Um sich neben dem militärisch überlegenen Vasallen Amerikas zu behaupten, erkennen sie die ame- rikanische Oberhohheit über ihre Ecke der Welt an und setzen dar- auf, daß die amerikanischen Vorstellungen über eine Friedensord- nung in Nahost nicht nur Israel, sondern jedem von ihnen einen Platz zuweisen: nämlich jedem seinen Platz an der südlichen Frontlinie zur Verteidigung der freien Ölquellen - gegen wen wohl? (Kenntlich ist der Feind z.B. daran, daß der stellvertre- tende sowjetische Ministerpräsident immerhin noch einen Einfluß auf den Nahen Osten behauptete, als er Syrien freundschaftlich zur Mäßigung gegen Israel aufforderte.) Und weil dem so ist, des- halb erfolgt der amerikanische Schiedsspruch durch Entscheidungen über Waffenlieferungen. Die symbolische Bestrafung Israels für den Angriff auf den Atomreaktor in Bagdad - der Aufschub der Lie- ferung von sechs F16-Bombern - wurde um ein paar Wochen verlän- gert und Saudiarabien bekommt AWACS-Flugzeuge (Ägypten versteht sich von selbst). Die Leistungen von Anwar el-Sadat --------------------------------- Der gewaltsame Tod eines ägyptischen Fellachensohns ist keiner deutschen Zeitung eine Meldung wert, es sei denn, er herrscht über den Rest der Söhne und Töchter Ägyptens. Dann wird das le- sende Publikum eine Woche lang über jedes Detail von Tod und Be- gräbnis unterrichtet und über die Wellen informiert, die Sadats gewaltsamer Tod unter seinesgleichen schlägt: Ronald Reagan be- klagt persönlich "die Welt habe einen großen Staatsmann verloren, die Menschheit einen Mann des Friedens und Amerika einen guten Freund". Amerika, die Menschheit, ja die Welt sollen durch Sadats Ableben betroffen sein? Die Bildzeitung ging noch einen Schritt weiter und verkündete dem gemeinen Volk: "Es geht um Krieg oder Frieden für uns alle." Wer war denn Sadat, daß anläßlich seiner Ermordung ein "Krieg für uns alle" in den Bereich des Möglichen gerückt sein soll? Zunächst ein Offizier in englischen Kolonialdiensten, sodann ei- ner der Verschwörer gegen die ägyptische Monarchie, der es unter dem notorischen Russenfreund Nasser bis zum Vizepräsidenten brachte. Als frischgebackener Präsident schloß er 1971 einen Freundschaftsvertrag mit der SU ab und initiierte 1973 den Jom Kippur-Krieg gegen Israel: der mit russischen Waffen und zehntau- senden toter Ägypter erbrachte Beweis, daß Ägypten eine halbwegs konkurrenzfähige Militärmacht darstellte. Darauf vollzog er den Schwenk ins westliche Lager - vollkommen folgerichtig für einen ägyptischen Nationalisten. Die SU hatte Ägypten gegen Israel auf- gerüstet; zu welchem Zweck bemerkte Sadat, als er die Rüstung ge- gen Israel zum Einsatz brachte: die SU hielt sich mit Nach- schublieferungen ziemlich zurück, um sich bei der Schutzmacht Is- raels als potenter und umgänglicher Verbandlungspartner für eine "Friedensregelung" in Nahost zu empfehlen. Da erschien es Sadat attraktiver, das Bündeln mit den Russen, das ihm nur eine be- dingte Handlungsfreiheit verschaffte, aufzugeben und Ägyptens Größe im freiwilligen unbedingten Handlangertum gegenüber den USA zu suchen. Dafür kündigte Sadat den Freundschaftsvertrag mit der SU, wies die 20 000 russischen Militärberater aus und ersetzte sie durch amerikanische. Die Russen trollten sich, ohne zu muck- sen, um mitten in der Entspannung ihren Entspannungswillen zu be- weisen und ohne den geringsten Versuch, durch Behauptung ihrer Position den Entspannungswillen der Amerikaner auf die Probe zu stellen. Die unter amerikanischer Regie durchgeführte Versöhnung mit Israel brachte Sadat die Wiedereröffnung des Suezkanals - der einzigen Einnahmequelle Ägyptens, an der der SU jedoch nichts ge- legen war, weil sie weder am nahöstlichen Öl noch an der Ausbeu- tung der natürlichen Reichtümer Ostafrikas und des fernen Ostens ein Interesse hat -, vor allem aber die Anerkennung Ägyptens als zweite nahöstliche Ordnungsmacht. Dementsprechend bestand Sadats Beitrag zum "Friedensprozeß" in Nahost in der Anerkennung und Durchsetzung des westlichen Protektorats über diese Ecke der Welt. Unter amerikanischer Oberaufsicht nahm er die arabische Zu- ständigkeit für die "Lösung der Palästinenserfrage" wahr, indem er jahrelang darüber verhandelte, während die Israelis dabeiwa- ren, sie einer Endlösung zuzuführen. Er nahm sich des gestürzten Schah an, stellte den USA Stützpunkte zur Verfügung, befriedigte das amerikanische Bedürfnis nach Wüstenmanövern der neuen Ein- greiftruppe und beliefe die afghanischen Moslemkämfper mit russi- schen Waffen aus ägyptischen Beständen; wobei es ihm nichts aus- machte, zugleich die Gesinnungsgenossen der afghanischen "Freiheitskämpfer" im eigenen Land blutig zu unterdrücken. Und nicht nur sie: schließlich machte die Verelendung des Volks unter seiner Herrschaft rapide Fortschritte. Wozu Sadats Tod taugt --------------------- war den demokratischen Meinungsbildnern sofort klar. Ganz gleich, wer Sadat aus welchen Gründen umgebracht hatte - das Attentat auf den Kumpanen des Westens ist ein trefflicher Anlaß, wieder einmal herauszustreichen, wie die weltpolitischen Bösewichter heißen: vielleicht Arafat, jedenfalls Ghaddafi, vor allem aber und in je- dem Fall Breschnew. BILD brachte gleich die Konterfeis dieser drei neben Bildern von Sadats Leiche, während die seriöse Presse das angebliche Komplizentum der Russen aus dem Mangel an geheu- chelter menschlicher Bestürzung herauslas, den sie am diplomati- schen Beileidstelegramm der SU monierte. Mit äußerster Pietät bekundeten dagegen Macher und Sprachrohre des Westens ihre "Bestürzung" darüber, daß ein "historischer" Mohr seine Schuldigkeit getan hat und nun der Friede im Nahen Osten, ja der Weltfriede in Gefahr sei. Andererseits entdeckte man als Chance, daß der "Friedensprozeß" nun nicht mehr mit e i n e m Araberführer verbunden sei - zumal die so leicht weg- sterben - sondern für die ganze "Region" in Angriff genommen wer- den kann. Eine interessante Klarstellung: Friede ist, wenn der Nahe Osten sich zur Südfront gegen die SU formiert; alles andere bedeutet Krieg. Die mit Sadat verbundene "Spaltung des arabischen Lagers" gegenüber Israel hat daher aufzuhören, wie überhaupt überholt ist, daß es im Nahen Osten um diese Auseinandersetzung geht. Ihren Nationalismus aufzurüsten und zu betätigen, erhalten die nahöstlichen Staatsmänner eine neue und sehr eindeutige Gele- genheit, eben als Bestandteil einer westlichen Friedensfront. In dieser Rolle kann sich als erster Mubarak, der Ägyper mit dem "Image des underdog", weltpolitischer Beachtung gewiß sein. Da machte der bundesdeutsche Außenminister gleich einen politischen Stich. Blitzschnell nahm Genscher eine Einladung von Sadats Nach- folger zu einem Besuch in Kairo an, um nach einem Gespräch mit Mubarak seine aus erster Hand gewonnene "Überzeugung" zu bekun- den, dieser sei sich "voll der Verantwortung bewußt, die er nach der Ermordung Präsident Sadats zu tragen hat." Man stelle sich vor: Genscher als Vorstandsmitglied der Fa. Freier Westen, das vom Außendienstpersonal dieser Firma selber gebeten wird, die Eignung des Personals für die selbständige Erledigung der ihm zu- gedachten Aufgaben zu überprüfen und ggf. freundlich zu bestäti- gen! Dem Emissär folgt die Aktion der Zentrale. Die USA stellen die Eignung der Region und ihrer Statthalter her: Mobilisierung der VI. Flotte, gemeinsame Manöver mit Ägypten unter Einschluß der "schnellen Eingreiftruppe", Einsatz strategischer B52-Bomber aus Amerika, die scharfe Bomben an der libyschen Grenze abwerfen. Fertig, die Region ist Front. Waffenlieferungen gehen an die, die als "Freunde" dazugehören und daraus Staat machen dürfen. Und plötzlich ist auch der Sudan wer. "Numeiri droht Ghaddafi mit Krieg". Das darf er sich leisten, weil und insoweit der Westen fest. legt, was sich im Nahen Osten nicht mehr gehört: "Das politische und strategische Ziel lautet, die Vorhaben des libyschen Staatschefs Ghaddafi und der Sowjetunion einzudämmen und der arabischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß Washington das Bündnis zwischen Libyen, Äthiopien und dem Süd-Jemen nicht taten- los hinnehmen wird." (FAZ) Daß der russische "Weltterrorist" auch in dieser Region d e r Störenfried des Friedens ist, ist am schlagendsten damit bewie- sen, daß seine Freunde im "arabischen Raum" isoliert und kaltge- stellt werden: immer haben die Russen bei denen die Finger im Spiel, die nicht in die Landschaft passen. Also tut es dem Bild vom gefährlichen Hauptfeind überhaupt keinen Abbruch, wenn öf- fentlich mit Befriedigung registriert wird, daß die SU sich ihren Einfluß bestreiten läßt: "Der Moskauer Protest signalisiert Empfang der Botschaft." (FAZ) Schließlich definiert der weltpolitische Erfolg, wer Recht und wer Unrecht hat. zurück