Quelle: Archiv MG - NAHOST ALLGEMEIN - Schalom aleikum
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Nah-Ost
EIN AMERIKANISCHER FRIEDEN
Seit dem 6. Oktober 1981 hat auch der freie Westen seinen Märty-
rer im vorderen Orient. Zwar hat Anwar as-Sadat nicht gerade sein
Leben aufs Spiel gesetzt. Nur in der ersten Reihe hat er geses-
sen, als sein von den USA frisch ausgerüstetes Militär seine bru-
tale Pracht zur Schau stellte; nur einer Demonstration der Waffen
hat er beigewohnt, über die er als treuer Freund der USA inzwi-
schen verfügt und in denen sich daher immerhin einiges von seiner
weltpolitischen Bedeutung als treuer Freund der USA widerspie-
gelt. Seine Attentäter haben ihn aber erwischt. Und das ist schon
Beweis genug, daß Anwar für was Höheres hat dran glauben müssen.
Unser Mann in Kairo
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Nun stirbt nicht jeder Staatsmann, den einer umlegt, automatisch
für höhere Werte. Kommen beispielsweise die Führer des Iran nach-
einander bei Bombenattentaten um, dann verhehlt kein freiheitli-
ches Öffentlichkeitsorgan im freien Westen seine mehr als bloß
klammheimliche Freude; die Attentäter können sich eines sympathi-
sierenden (Ein-)Verständnisses sicher sein, auch wenn niemand sie
kennt, geschweige denn ihre Beweggründe; mit einem heuchlerischen
Seitenblick auf die "Leiden des Volkes" wird den Verblichenen po-
stum die Rechnung aufgemacht, daß sie ihr rasches Ableben wohl
nicht anders verdient hätten. Anders Sadat. Daß er mindestens für
den Frieden umgebracht worden war, stand schon fest, noch ehe er
richtig tot war.
E i n e Heuchelei ist ihm dabei immerhin erspart geblieben: Daß
es für die Würdigung des "großen Toten" irgendwie auch nur ent-
fernt darauf angekommen wäre, was seine Untertanen von ihrem Prä-
sidenten gehalten haben, oder gar darauf, was er mit ihnen ange-
stellt hat, das ist niemandem ernstlich in den Sinn gekommen. Die
Ernennung Sadats zum Märtyrer des Camp-David-Abkommens vollzog
sich, ehrlicherweise, ganz jenseits aller Mutmaßungen darüber,
was denn wohl seine Attentäter gegen ihn gehabt haben mögen; es
machte überhaupt nichts aus, daß im Verlauf eines Nachmittags dem
einen westdeutschen Chefkommentator die große Popularität Sadats
- aber auch nicht wegen jenes Friedensschlusses, sondern wegen
"seines" angeblichen Sieges im Oktober 73 - aufgefallen sein
wollte, dem anderen umgekehrt seine Unpopularität infolge von
Korruption und Verelendung. Bis hinein in die Bildberichterstat-
tung des deutschen Fernsehens vom Begräbniszeremoniell waltete
solche Ehrlichkeit vor: Das Volk habe man ursprünglich ausschlie-
ßen wollen, hieß es ganz vorurteilsfrei; h i n t e r dem offi-
ziellen Trauerzug sei es dann dennoch zusammengelaufen; im Bild
dazu rufende Araber, denen durchaus nicht anzusehen war, ob sie
ihrem Präsidenten nun einen letzten Fußtritt oder die letzte Ehre
geben wollten - und auch das war scheißegal. Denn hier wurde von
vorn bis hinten d e m o n s t r i e r t, worauf es auch
tatsächlich einzig und allein ankam: Mit Sadat wurde d e r
M a n n d e s f r e i e n W e s t e n s zu Grabe getragen.
Der Mann - natürlich n i c h t d i e S a c h e: dann wäre es
ganz anders zugegangen. Dann wären nicht aus der gesamten westli-
chen Welt die Staatsmänner eingeflogen - der Hinweis auf die feh-
lenden Ostblock-Diplomaten fehlte nie! -, um sich zu der Demon-
stration zu versammeln, daß sie den Toten ganz als einen der Ih-
ren betrachteten. Die Frage hieß bloß, ob der Nachfolger auch ein
genauso guter Mann des Westens sein würde - die sofort eingelei-
tete Überprüfung, Genscher war schon Stunden später am Tatort,
fiel eindeutig positiv aus. Seine offizielle Bestellung zum
Staatspräsidenten durch eine Volksabstimmung ohne Alternative war
ab da eine reine Formsache - und auch hier war die westliche Be-
richterstattung wieder von einer bodenlosen Unbefangenheit: Offen
und ohne alle bösartigen Zwischentöne, in der Gewißheit, daß es
sich so auch gehört, wurde der Wahlakt der Ägypter der Welt als
eine bloße Formsache vorgestellt, über deren Ausgang man beruhigt
sein durfte.
Das Gerede von einer neuen, unvermuteten Nahost-K r i s e,
"Kriegsgefahr" inklusive (wer hätte den bloß führen sollen, und
gegen wen?), hat sich denn auch schnell in jenes Wohlgefallen
aufgelöst, mit dem die maßgeblichen westlichen Weltbürger eine
Weltregion betrachten, die ihnen politisch sicher ist, in der ihr
Militär sich wie zu Hause fühlen darf, deren Bevölkerung zwar
nichts nützt, bei allem Elend aber auch nicht entscheidend stört,
und deren ortsansässige Politiker ihren ganzen Nationalismus in
das Bemühen legen, dem Westen noch viel nützlicher zu sein und
s o der eigenen Macht zu erweitertem Respekt zu verhelfen. Im-
merhin: eine Präsidentenleiche war angefallen. Und wo nun an de-
ren Sarg sowieso schon alle entscheidenden Interessenten in ägyp-
tischen Fragen versammelt waren, was lag da näher, als dem Heim-
gegangenen mit der Beschleunigung und Ausweitung aller längst ge-
planten Vorhaben des Westens eine letzte Ehre zu erweisen?
Schließlich sollen auch derart reibungslose Personalwechsel die
absolute Ausnahme bleiben.
Denkwürdige Wandlungen eines "Pulverfasses"
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Die Rede vom Nahen Osten als "Krisenherd" und "Pulverfaß" hat,
wie das bequemen diplomatischen Sprachregelungen nun einmal eigen
ist, die Situation schon längst überdauert, zu der sie einmal
eingeführt worden war. Es gab ja einmal Zeiten, in denen deckten
sich die Gründe, aus denen zwischen Mittelmeer und Indischem
Ozean lauter selbständige Souveräne eingerichtet worden waren,
keineswegs mit den Zwecken, die diese verfolgten. Nach der ersten
Generation botmäßiger feudaler Sachwalter westlicher Interessen
an der geschäftlichen und strategischen Nutzung der Region hatten
Militärs, die eben in jeder Hinsicht in die Schule des abendlän-
dischen Nationalismus gegangen waren, für sich das Ideal ent-
deckt, ihrer Staatsgewalt die Freiheit zu "wirklich" autonomer
Zwecksetzung zu verschaffen. Einen Inhalt, womöglich gar einen
ökonomischen, brauchte dieses Ideal nicht weiter, um seine Anhän-
ger zu erfolgreichen Staatsstreichen zu beflügeln und zu
"arabischen Sozialisten" zu machen. Es genügte vollauf, daß nach
Beseitigung der einheimischen Fürsten nach wie vor in Gestalt des
Fremdstaates Israel ein gewalttätiger I n b e g r i f f ihrer
höchst bedingten, vom Imperialismus stets kontrollierten Autono-
mie zur Verfügung stand. An seiner Beseitigung wollten die Ge-
schöpfe des Imperialismus ihre wahre Souveränität und nationale
Reife beweisen - ein inhaltsleerer Nationalismus, der bei der so-
wjetischen Weltfriedensmacht gerade genügend militärische Unter-
stützung fand, um gegen deren Rat und Interessen "antizioni-
stische" Kriege anzufangen und zu verlieren. "Pulverfaß" hieß
dieser Zustand, weil sich hier doch wahrhaftig andere Staaten als
die imperialistischen das Recht herausnahmen, ihre Gewalt so zu
gebrauchen, daß die Interessen des Westens, die ökonomischen wie
die strategischen, nicht zuverlässig aus der Schußlinie blieben.
Solche Zeiten sind nun vorbei. Nicht als ob das Sterben im
Dienste nationaler Feindschaften und entsprechender
"militärischer Verwicklungen" aufgehört hätte. Was sich so an re-
gionalen Kriegen abspielt, hat jedoch seinen weltpolitischen Cha-
rakter ziemlich grundlegend geändert. Die ägyptische Führung hat
als erste und am gründlichsten die "Lektion" gelernt, daß es sich
für die materielle Macht, über die man als orientalischer Staats-
führer zu gebieten hat, durchaus nicht auszahlt, sich ihre Souve-
ränität durch ihren Einsatz gegen den amerikanischen Vorposten
Israel beweisen zu wollen. Im Unterschied zur Sowjetunion, die
ihre militärischen Hilfsdienste stets an dem widerspruchlichen
Ziel bemessen hat, dem Imperialismus die eigenen Ansprüche auf
weltpolitische Berücksichtigung schmerzhaft und nachdrücklich in
Erinnerung zu bringen, und deswegen ihre Schützlinge in ihrem
"Antizionismus" auch immer wieder praktisch gebremst hat, haben
die USA ihrem Vorposten Israel nie enge Schranken gesetzt, wenn
dieser sich daran machte, seine Nachbarn das Fürchten zu lehren.
Warum auch? Der so geführte praktische Beweis, daß man sich als
amerikanischer Verbündeter gegen seine antiamerikanischen Nach-
barn jede Freiheit herausnehmen k a n n und d a r f, während
es sich als politischer Feind der USA eben deswegen höchst unan-
genehm und gefährlich lebt - der imperialistischen Weltmacht
konnte dieser Nachweis, für den sie sich noch nicht einmal selbst
die Hände schmutzig zu machen brauchte, sondern sich voll auf den
Faschismus ihrer Judenkolonie verlassen konnte, doch allemal nur
Recht sein. Ausgezahlt hat er sich jedenfalls so gründlich, daß
neben der auf diese Weise errungenen amerikanisch-ägyptischen und
der gefestigten amerikanisch-saudiarabischen "Freundschaft" die
Rolle Israels als imperialistisches Beweismittel der USA sich
längst relativiert hat was für den Vorposten westlicher Zivilisa-
tion im Araberland noch lange keinen Zwang zu "Mäßigung" und Be-
scheidenheit bedeutet, einige andere Anliegerstaaten sind ja erst
noch zu überzeugen von dieser Elementarlektion imperialistischer
Bündnispolitik.
Unter nur noch rhetorischer Fortführung seiner alten Nationali-
deologie des Antizionismus hat vor gut einem Jahr sogar der
"revolutionäre" Irak sich einen anderen Nachbarn zum Exerzierfeld
seiner ungeschmälerten Souveränität erkoren, und zwar ausgerech-
net die mit den USA zutiefst verfeindete islamische Gottesrepu-
blik in Persien. Das hat ihm zwar noch längst nicht den Status
eines geschätzten Verbündeten der USA eingetragen. Dafür ist aber
umgekehrt unmißverständlich Auskunft darüber gegeben worden, wie
dieser aufsässige souveräne Nachfolger der alten kapitalistischen
Kolonialmächte auf mesopotamischem Boden seine Aufsässigkeit ver-
standen haben will und wogegen er seine "Autonomie" nicht mehr zu
richten gedenkt. Und erst recht ist nichts lächerlicher, als mit
Verweis auf das tägliche Palästinenserschlachten im Libanon ein
S c h e i t e r n der amerikanischen Befriedungspläne für den
Nahen Osten zu beklagen, wie das von ihren unterschiedlichen na-
tionalen Sonderinteressen her besorgte europäische Freunde der
USA ebenso pflegen wie der sowjetische Hauptfeind. Von den Opfern
abgesehen die ja eben deswegen bloß Opfer sind, weil es auf sie
nicht ankommt, und umgekehrt können mit diesen Schlächtereien
doch alle maßgeblichen Mächte glänzend leben: Die Israelis gewöh-
nen ihren letzten Todfeinden ihre Feindschaft ab, und allen ande-
ren Staatsgewaltigen ist es ganz offenkundig recht, daß aller An-
tizionismus und Antiamerikanismus sich auf ein paar Quadratkilo-
meter im Libanon k o n z e n t r i e r t: auf die hat er sich
damit auch r e d u z i e r t.
Die alte Unzufriedenheit mit dem flagranten Mißbrauch einer vom
Westen zugestandenen, vom Osten aufgerüsteten Souveränität ist es
also ganz gewiß nicht mehr, die westliche Politiker - und zwar
nicht bloß auf ihre spezielle Chance schielende europäische, son-
dern auch die maßgeblichen amerikanischen - nach wie vor vom Na-
hen Osten als dem erstrangigen "Krisengebiet" der Welt schwärmen
läßt. Die "Kriegsgefahr" in der Region haben die USA als
"Friedensstifter" von Camp David allemal fest im Griff. So fest
jedenfalls, daß sie von ortsansässigen Souveränen, die ihrem Na-
tionalismus einen dem Imperialismus nachempfundenen militärischen
Inhalt zu geben suchen, nicht mehr ausgeht. So fest, daß umge-
kehrt, wo immer in der Region von "Kriegsgefahr" die Rede sein
kann - und die Vorfälle, die westlicherseits mit geheuchelter Be-
sorgnis als denkbare Kriegsanlässe verhandelt werden, nehmen ganz
unübersehbar zu -, die direkte oder indirekte U r h e b e r-
s c h a f t d e r U S A überhaupt kein Geheimnis ist. Im
Unterschied zu ihren westeuropäischen Freunden, die etwas andere
Vorstellungen vom passendsten I m a g e freiheitlicher
Weltpolitiker pflegen, haben amerikanische Politiker jedenfalls
keinerlei Hehl daraus gemacht, daß sie mit den Manövern ihrer
Mittelmeerflotte in der von Libyen als Hoheitsgebiet beanspruch-
ten Großen Syrte die provokative Zurückweisung dieses Anspruchs
bezweckt haben; sie haben keinen Zweifel daran gelassen, daß ih-
nen die völkerrechtliche Berufungsklausel über die "Freiheit der
Meere" in den Kram gepaßt hat für die Demonstration, daß das Völ-
kerrecht nur so viel wert ist, wie sie an Gewalt dahintersetzen,
und daß sie es deswegen von vornherein immer auf der Seite ihrer
überlegenen Waffen haben; und sie haben ganz offen ihre Begeiste-
rung darüber heraushängen lassen, daß ihnen die Provokation des
libyschen Oberhäuptlings, bis hin zum blitzsauberen Abschuß sei-
ner Abfangjäger, so rundherum gelungen ist wie schon lange keine
mehr auf diesem Sektor. Praktisch und höchst wirksam haben die
USA damit Libyen zur akutesten "Kriegsgefahr" in ganz Arabien
d e f i n i e r t. Prompt hat die ägyptische Regierung, da noch
unter Sadat, die Parole aufgegriffen und entdeckt, daß ihre lange
Grenze mit Gadafis Republik sie eigentlich schon längst zu tief-
sten Sorgen und der Ausrufung einer ziemlichen "Kriegsgefahr" von
libyscher Seite berechtige. Gleiche Erkenntnisse müssen dem suda-
nesischen Oberidioten Numeiri am Grabe Sadats gekommen sein. Tags
darauf jedenfalls, ganz als wollte er den ägyptischen Nachwuchs-
mann Mubarak in diesem edlen Wettbewerb ausstechen und sich als
wahren Sadat-Nachfolger dem amerikanischen Außenminister ans Herz
legen, hatte auch er eine libysche "Kriegsgefahr" anzubieten, mit
einigen Zuspitzungen sogar: So fraglos wollten die Libyer seinen
Sudan überfallen, daß umgekehrt jeder Angriff seinerseits als
reine Defensivaktion zu werten sei. Spezifizierte Wünsche nach
"Waffenhilfe" waren noch gar nicht bekanntgeworden, da wurden und
werden sie schon erfüllt und übererfüllt. AWACS-Flugzeuge - deren
Eignung zur überdimensionierten Feuerleitstelle zu Unrecht neben
ihrer Ausspähfunktion ein wenig in Vergessenheit geraten ist -
fliegen die ägyptische Westgrenze ab; Kriegsgerät ist in den Su-
dan unterwegs, von dem kaum 3 einheimische Generäle eine Ahnung
haben dürften; drum folgt im Rahmen kurzfristig vorverlegter Mam-
mutmanöver in der Wüste das entsprechende Personal nach: eine
amerikanische 5.000-Mann-Spezialarmee - alles nach dem Motto:
Wenn schon "Kriegsgefahr", dann gründlich! Erste diplomatische
Sprachregelungen, denen zufolge der gebildete Mann von Welt
(West) Tripolis, Addis-Abeba und Aden als höchst "kriegs-
gefährliche" A c h s e zu durchschauen hat, kündigen gleich-
artige verschärfte westliche Feindschaftserklärungen an Äthiopien
und (mindestens Süd-)Jemen an, die von einem gleichartigen
Anschwellen von Waffenexporten und Beweisen westlich-arabischer
Waffenbrüderschaft an Saudi-Arabien begleitet sein werden; das
deutsche Fernsehen, beflissen wie immer, färbt seine Landkarten
schon generalstabsmäßig ein - rot gegen grün und faselt von einer
feindseligen "Einkreisung" des Sudan - die gemeinsame Grenze mit
Ägypten zählt d a b e i nicht! -, ganz als hätten die Libyer
einen blühenden Grenzverkehr zwischen den Sudanesen und der
Zentralsahara unterbunden und in der Hauptstadt des Tschad eine
strategische Bomberflotte versteckt. Die verlegen dafür die USA
ganz wirklich und leibhaftig in den Sudan... usw. usf. Kein Tag
ohne neue einschlägige Nachrichten.
Es war schon immer eine strategische Kalkulation des Imperialis-
mus, von deren Standpunkt her im Nahen Osten über "Krise" und
"Stabilität", "Sicherheit" und "Pulverfaß" befunden und entschie-
den wurde. Die Maßstäbe dieser Kalkulation haben sich allerdings
ganz beträchtlich fortentwickelt. Hatte der Westen es früher noch
mit Souveränen zu tun, die an die Bedingungen und die dementspre-
chenden Schranken ihrer Autonomie erst noch zu gewöhnen waren,
was ohne Krieg und die entsprechenden Kriegsschäden allemal nicht
zu machen ist, so kann er sich heute, nach erfolgter Gewöhnungs-
prozedur, an höhergesteckte Ziele machen. Die Sortierung der Län-
der in Freunde und Feinde erfolgt nicht mehr nach ihrer prakti-
zierten Aufsässigkeit oder prinzipieller "Aufgeschlossenheit",
sondern nach dem Grad ihrer "Kooperations"-Bereitschaft. Da nützt
es dem Irak nur wenig, daß er das Angriffsziel seines Antizionis-
mus demonstrativ im Osten, im Lande der antiamerikanischen Mul-
lahs sucht, und Libyen gar nichts, daß es brav sein Öl abliefert
- inzwischen wird ihm bloß noch die Hälfte abgenommen! - und sein
Gadafi in Moskau öffentlich zu Protokoll gibt, daß auch er sowje-
tische Truppen in Afghanistan für ganz besonders verwerflich
hält. Umgekehrt nützt es den Hauptstützen imperialistischer Macht
vor Ort durchaus, den USA ihre guten Kriegsdienste gegen Nachbarn
anzudienen, die den neuen amerikanischen Hygienevorschriften für
die Region nicht entsprechen. Dritterseits sollte man sich ruhig
einmal den Klartext der Bedingungen klarmachen, auf denen der
amerikanische Kongreß als Voraussetzung für die Lieferung von
AWACS-Flugzeugen an Saudi-Arabien besteht, daß sie nämlich auch
nach Verkauf unter der Kontrolle amerikanischen Personals blei-
ben: Nicht, daß sie nicht gegen Israel eingesetzt werden dürften,
ist der Hauptwitz, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der
für ein Waffengeschäft mit einem anerkannten Souverän diesem ab-
verlangt wird, nicht als souveräner Käufer aufzutreten, sondern
e x p l i z i t und o f f i z i e l l in der Rolle aufzutreten
und sich mit der Rolle zufriedenzugeben, die ihm auch praktisch
allein zukommt: souveräner F i n a n z i e r einer auswärtigen
Abteilung der US Air-Force zu sein. (Kein Wunder, daß das saudi-
sche Königshaus da denn doch auf der Wahrung gewisser Umgangsfor-
men besteht und es eine neue Aufgabe für Vertragstüftler ist, das
eine mit dem anderen zu verknüpfen.)
Alles dies ist ein einziges Anschauungsmaterial für die Wahrheit,
daß ein rechtschaffener Imperialismus durch seine Erfolge beim
wunschgemäßen Neu-Arrangement einer Weltregion keineswegs zufrie-
dengestellt wird. Im Unterschied zur Sowjetunion, die der Welt
immerzu ihre unaufhaltsamen E r f o l g e glaubhaft machen
will, die sie nicht hat, ist der Westen i m m e r
u n z u f r i e d e n. Denn jeder Erfolg erinnert ihn nur prak-
tisch an die viel weitergehenden Wunschziele, die er n o c h
n i c h t e r r e i c h t h a t.
Radikale Freundschaftsdienste zum Schutz einer Region
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Dieses maßgebliche Wunschziel heißt im Nahen Osten bei weitem
n i c h t bloß: ein gutgehendes Ö l g e s c h ä f t. Dazu
steht der strategische Aufwand, den der freie Westen in dieser
und um diese Region treibt, in gar keinem Verhältnis mehr - wer
gefährdet es denn, das Geschäft? Wie sonst sollten die Ölstaaten
ihre "natürlichen Reichtümer" denn in Teilhabe am wirklichen
Reichtum verwandeln wenn nicht so, daß sie diese zum Mittel kapi-
talistischer Geschäfte machen? Um Esso und Texaco die nötigen Si-
cherheiten zu geben, wären strategische B 52-Bomber im sudanesi-
schen Wüstensand ein, gelinde gesagt, etwas umständliches Mittel.
Andersherum: Die "Sicherung", die die USA "unseren Ölquellen" an-
gedeihen lassen, indem sie gleich die Zentren der gesamten Region
zu einem gigantischen amerikanischen Militärcamp herrichten, ist
auf andere "Gefahren" berechnet als die, die allenfalls von
ortsansässigen Potentaten ausgehen könnten. Die immer und überall
gegenwärtige mögliche Gefahr, als welche die sowjetische Macht
den USA gilt, wo und wie auch immer sie auf der Welt zu Gange
sind, wird da ins Visier genommen. Unter diesem höheren Gesichts-
punkt ist erstens das Erdöl selbst, auf dem dieses Weltviertel
schwimmt, weit mehr als ein Geschäftsartikel erster Klasse. Wenn
die USA die weltweiten Tankerrouten vorsorglich mit Kriegsschif-
fen pflastern, als müßten demnächst Geleitzüge durch feindliche
Gewässer eskortiert werden; wenn sie gleichzeitig die Wüsten mit
Militärstädten und Kriegsgerät in einem Umfang vollstellen - al-
lein Saudi-Arabien veranschlagt in seinem 5-Jahresplan bis 1985
für Rüstung 112 Milliarden Dollar -, daß sogar die für staatliche
Gewalt immer sehr verständnisvolle "Süddeutsche Zeitung" sich das
"Mißverhältnis von Personal und Bewaffnung" nicht mehr anders er-
klären kann als so, "daß die Waffenbeschaffungen im Ernstfall
vorausgeschicktes Material für Nato-Truppen bzw. US-Einheiten
darstellen"; dann richtet die freie Welt sich offenkundig auf
jenen Fall ein, in dem vom Fluß des Öls nicht mehr "bloß" ihr
Reichtum, sondern sehr unmittelbar ihre M a c h t berührt wird:
sie schützt in Arabien ihre s t r a t e g i s c h e
Ö l r e s e r v e. Ein s o l c h e r Schutz wiederum bedeutet
weit mehr als die Notwendigkeit einer ins Unermeßliche aufgebla-
senen Wach- und Schließgesellschaft. Wenn schon Bastion gegen
j e d e m ö g l i c h e sowjetische Bedrohung, dann muß der
Nahe Osten auch logischerweise aus- und aufgerüstet werden zu ei-
nem militärischen Nebenzentrum der freien Welt, dem zugetraut
werden kann, der Wucht der Roten Armee zu widerstehen - das
a l s o seinerseits für die Sowjetunion eine Bedrohung dar-
stellt, die diese bei all ihren Operationen in Rechnung stellen
muß. Denn das ist, jenseits aller ideologischen Übertreibung des
militärtaktischen Unterschieds zwischen Offensive und Defensive
zum angeblichen Hauptmerkmal eines ganzen Militärapparates, der
Inhalt der Sorte "Verteidigung", die der Imperialismus einer von
ihm für überlebens-, also kriegswichtig deklarierten Region zu-
kommen läßt. N u r so, so aber d u r c h a u s, macht es dann
sogar einen guten Sinn, strategische Fernbomber ihren Verteidi-
gungsauftrag in der sudanesisch-ägyptischen Wüste proben zu las-
sen, von wo aus sie Moskau immerhin genauso gut erreichen können
wie von Nebraska aus über die Polroute. De facto, ohne daß noch
groß darüber verhandelt würde, wird der Nahe Osten der Nato ange-
gliedert - also mitten im Vorfeld der Sowjetunion, von dem nach
allen strategischen Maßstäben zuallererst deren Sicherheit ab-
hängt, ein komplettes strategisches Vorfeld des Westens aufge-
baut. Sehr logischerweise, nämlich dank der Logik eines auf den
weltweiten Hauptfeind hin kalkulierten Schutzes, werden die kost-
baren Ölstaaten so zum Gegenstand all jener Planungen und Zurü-
stungen für den totalen Ernstfall, die mit notwendiger Rück-
sichtslosigkeit dann auch noch den Gesichtspunkt der
V e r s o r g u n g an dem übergeordneten Kriterium der
S c h ä d i g u n g d e s F e i n d e s relativieren.
Klar, daß dieses äußerste Kriterium imperialistischer Herrschaft
bereits in Vorkriegszeiten für die zu entsprechender militäri-
scher Verwendung vorgesehenen Staaten einen
p o l i t i s c h e n A u f t r a g enthält, der radikalere Un-
terscheidungen zwischen Freund und Feind verlangt als die inter-
nationale Geschäftemacherei, die, je nachdem, auch mit einiger
politischer Aufsässigkeit sehr gelassen zurechtkommen kann. Die
B e r e i t s c h a f t, sich als Freund der USA zu bewähren,
verlangt unter diesem Gesichtspunkt sonst nichts, das eine aber
unbedingt: ein loyales Militär. Dies gegeben, laufen die USA aber
noch lange nicht jedem aufrüstungswilligen orientalischen Macht-
haber hinterher, sondern behalten sich allemal vor, auf die ihnen
reichlich angetragenen Freundschaftsdienste nach ihrem Ermessen
ganz unterschiedlich viel Wert zu legen. Nicht jede Staatsmacht
kann auch wirklich damit rechnen, auf amerikanische Rechnung -
politisch wie oft genug ökonomisch - ihrem Gewaltapparat zu einem
rundherum erneuerten Glanz zu verhelfen und sich dadurch ein paar
armselige, für sie aber nennenswerte außenpolitische Freiheiten
gegen ihre Nachbarn herausnehmen zu können. Diejenigen aller-
dings, mit denen zu kalkulieren der Westen sich entschlossen hat,
dürfen sich durchaus mancher alten "Erbfeindschaft" neu entsinnen
und in ihrer Umgebung für die Schwächung gegnerischer Positionen
und für eigene "Sicherheitsgarantien" sorgen, wie sie im Ernst-
fall ohnehin unerläßlich sind. Als USA-Freund darf man durchaus
mit militärischen Aktivitäten in der näheren und weiteren Region
angeben, vorausgesetzt nur, sie richten sich gegen die Richten,
auch wenn man über Waffenhilfe für afghanische Aufständische
praktisch noch nicht weit hinausgekommen ist: An so etwas bemißt
sich heutzutage durchaus auch der weltpolitische Rang eines Lan-
des.
Umgekehrt nämlich ist für "Sicherheitsrisiken" unter Vorkriegs-
kriterien kein Platz mehr auf der Welt. Die USA leisten es sich,
jeden islamischen Nationalismus, der sie stört, unter den kommu-
nistischen Hauptfeind zu subsumieren, im Hinblick auf den sie so
etwas stört; und sie tun das nicht nur, sondern demonstrieren
diese neue "Weltsicht" mit Provokationen und unmißverständlichen
Feindschaftserklärungen sehr nachdrücklich als die ab sofort maß-
gebliche. (Dem ach so differenziert denkenden Verstand europäi-
scher Weltbeschau ist sie jedenfalls sehr rasch geläufig gewor-
den!) Mit dem bloßen Attribut "Russenfreund" werden inzwischen
die weltpolitischen Verantwortlichkeiten klargestellt, die es gar
nicht zu geben braucht und die trotzdem für alle Beteiligten die
wirklichen sind, weil der freie Westen so frei ist, sie seinem
sowjetischen Gegner auf der einen, jedem "Störenfried" auf der
anderen Seite z u r L a s t z u l e g e n.
Imperialistische Unberechenbarkeit gegen "Koexistenz"
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Arabisch-sowjetische Bündnisse werden auf diese Weise nicht ge-
fördert. Nicht nur die ortsansässigen "Sozialisten" und
"Revolutionäre" können die Drohung entziffern, die in ihrer Äch-
tung als Partner der Sowjetunion enthalten ist. Auch für die So-
wjetunion selbst machen die USA sich mit ihrer wiederholten Bot-
schaft, die Präsenz sowjetischer Interessen und Macht in der Re-
gion sei allein schon ein nicht hinnehmbares Ärgernis und jegli-
che Betätigung ein höchst riskantes Abenteuer, in zunehmendem
Maße u n b e r e c h e n b a r - zielstrebig und mit offenkundi-
gem Erfolg. Denn solange die Sowjetunion für ihre weltweite Si-
cherheitspolitik auf das - Rezept der "friedlichen Koexistenz"
setzt und "Entspannung" nicht als diplomatisches Ideal einer er-
presserischen Politik, sondern als ernstlich politische Notwen-
digkeit behandelt, so lange macht sie sich im Gebrauch ihrer
Macht tatsächlich von einer gewissen Sicherheit darüber äbhängig,
daß der Westen es deswegen nicht gleich wirklich "zum Äußersten"
kommen lassen will. Und auch sie macht dabei - wieder einmal -
die Erfahrung (auch wenn sie deren Lehren nicht wahrhaben will),
daß ein richtiger Imperialismus durch die Vorsicht seines Gegners
eben nicht zufriedenzustellen ist, sondern ganz im Gegenteil
neue, weitergehende Ziele anpeilt. Inzwischen steht das jahre-
und jahrzehntelang hingenommene Vorhandensein sowjetischer Waffen
und Militärberater in zweieinhalb bis vier arabischen Staaten
selbst wieder zur Debatte!
Andersherum gesagt: Um der amerikanischen Blockbildung im Vorde-
ren Orient mit einem eigenen Block zu begegnen; um allen Staaten
klarzumachen, daß es sich bloß als sowjetischer Vasall komforta-
bel lebt, als amerikanischer aber reichlich lebensgefährlich; um
diese Lehre beispielsweise mit einem perfekten jemenitischen
Luftüberfall beispielsweise auf den Assuan-Staudamm zu unter-
streichen; um dem saudischen Köngishaus täglich die Nachricht zu-
zustellen, man hielte seine Beseitigung für längst überfällig,
und der Botschaft auch schon mal Geheimdienstler folgen zu las-
sen; um im persischen Golf einen provokativen "Luftzwischenfall"
durchzuziehen; um mit gigantischen Rüstungsexporten den Boden
ganzer Staaten als ihre "strategische Reserve" mit Beschlag zu
belegen und die Anwesenheit amerikanischer Manöverarmeen in der
Region zu einem fast schon perfekten Kriegsgrund zu deklarieren;
kurz: um sich genauso aufzuführen wie die USA - ja, dafür müßte
die Sowjetunion eben auch eine imperialistische Macht sein und
nicht bloß aus Angst um den eigenen Bestand um strategische Posi-
tionen kämpfen. Daß sie letzteres tut und ersteres nicht ist,
macht die Welt aber auch nicht sicherer. Denn das zeigt sich im
Nahen Osten ja nun wirklich in aller Deutlichkeit: Darüber, wie
"sicher" und n o c h v o r kriegsmäßig es in der Welt zugehen
soll, will die freie Welt s i c h die souveräne Entscheidung
vorbehalten. Und neben den imperialistischen Freiheiten, die sie
sich n i m m t, nehmen sogar die Gefahren sich matt aus, die
eine besorgte demokratische Öffentlichkeit der Sowjetunion be-
ständig a n d i c h t e t.
Vgl. auch die "Klarstellungen über die Sowjetunion" in MSZ Nr.
3/81
Über den Spezialnachhilfeunterricht gegen Irak steht das
Wesentliche in MSZ Nr. 4/81: "Ein amerikanischer Freund"
Bild ansehen
Eine der rasch veraltenden Lagebesprechungen
der Erfolge der USA im Nahen Osten
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