Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Stichwort: Produktivkraft und Produktionsverhältnis
Die dümmsten Gesetze des Marxismus-Leninismus
PRODUKTIVKRAFT UND PRODUKTIONSVERHÄLTNIS
"Infolge ihres dynamischen Charakters geraten die Produktivkräfte
auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung mit den gegebenen
Produktionsverhältnissen in Konflikt... Dieser Konflikt wird
durch die soziale Revolution gelöst, die zur Ablösung der be-
stehenden Gesellschaftsordnung durch die nächsthöhere führt."
(Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag 1973)
Nach dieser Idee des Marxismus-Leninismus sind die Produktiv-
kräfte die treibende Kraft der Weltgeschichte. Mit wachsendem Um-
fang sollen die maschinellen Mittel der Produktion der Produk-
tionsweise widersprechen und so am Ende den Sozialismus als not-
wendige Lösung dieses Widerspruchs herbeizwingen.
Nun mag man den Kapitalismus als Widerspruch zwischen Produktiv-
kraft und Produkionsverhältnis fassen: Das private Eigentum mono-
polisiert die gesellschaftlichen Produktivkräfte in Form von Ko-
operation, Naturwissenschaft und Technologie. Aber was dabei her-
auskommt, ist eben die Akkumulation von Kapital, das auf wachsen-
der Stufenleiter die gesellschaftliche Arbeit für seine Ver-
mehrung einspannt. Und das ist das glatte Gegenteil von einem
Z u s a m m e n b r u c h der kapitalistischen Produktionsweise,
wie sie aus dem Widerspruch von Produktivkraft und Produktions-
verhältnis angeblich folgen soll.
Der Fehler der ganzen Idee ist der, daß ein Produktions-
m i t t e l den Produktions z w e c k determinieren soll.
Gerade so, als wäre mit einer stark entwickelten Maschinerie der
Sozialismus die selbstverständlich und quasi automatisch sich
einstellende Produktionsweise, im Fall zurückgebliebener
Produktionsmittel aber Kapitalismus oder Feudalismus genau das
Passende. Dabei folgt aus der Dampfmaschine oder einem Mikrochip
rein gar nichts - welche Zwecke die beteiligten Figuren sich set-
zen oder nicht mehr gefallen lassen wollen, ist der ganze Grund
für die Einrichtung oder den Umsturz einer Wirtschaftsweise.
Dagegen wenden MLer gern eine Verplausibilisierung ihres Gesetzes
ein: O h n e entwickelte Produktivkräfte wäre eine Planwirt-
schaft zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung gar nicht möglich.
Ein Einwand, der w o l l e n und k ö n n e n verwechselt:
Wenn ein Mangel an gescheiten Produktionsmitteln die allseitige
Bedürfnisbefriedigung vorerst noch beschränkt, dann folgt daraus
eben die reduzierte Erledigung d i e s e s Zwecks und keines-
falls ein W e c h s e l im Produktionszweck. Etwa nach dem
Motto: Wenn die Bedürfnisbefriedigung des Sozialismus nur einge-
schränkt gelingt, ist der Kapitalismus, der im G e g e n s a t z
dazu steht, die richtige, weil historisch notwendige Wirtschaft.
Die Weiterentwicklung der Maschinerie, die sich MLer als Voraus-
setzung ihres Sozialismus von diesem Bocksprung dann versprechen,
ist ein schlechter Witz. Als wäre die Konstruktion von produkti-
ven und kräftesparenden Maschinen für einen sozialistischen Inge-
nieur einfach nicht möglich und ausgerechnet die Ausbeutung des
Kapitalismus die passende Vernunft für die Bereitstellung ge-
scheiter Werkzeuge.
Gemäß dieser falschen Vorstellung gerät dann MLern die Mensch-
heitsgeschichte als eine Abfolge immer höherwertiger Produktions-
weisen, von der Steinzeit über den Feudalismus bis zum Kapitalis-
mus, der durch den Sozialismus abgelöst wird. Jede Sorte Ausbeu-
tung ist damit g e r e c h t f e r t i g t und k r i t i-
s i e r t in einem: Gerechtfertigt, weil selbst Sklaverei und
Fronarbeit die Produktivkräfte vorangebracht haben; kritisiert,
weil deren gesellschaftliche Ordnung die Weiterentwicklung behin-
dert haben soll. So kommt es, daß sich marxistisch-leninistische
Sozialisten dazu verstanden haben, mit ihrem Etappenmodell
gewissen Leuten vom Sozialismus a b-, und den Kapitalismus
a n zuraten: Den Chinesen nämlich, die vom Feudalismus in den
Sozialismus springen wollten, aber nicht sollten, weil das laut
ML gar nicht geht.
Daß dabei ein G e s e t z der Geschichte am Werk ist, an das
sich der Mensch wie bei einem Naturgesetz wohl oder übel halten
muß, hat schon Lenin mit seiner Revolution unfreiwillig wider-
legt: Er hat im feudalistischen Zarenreich mit den Massen einen
Sozialismus angezettelt, statt sie auf den verhaßten Kapitalismus
als nächstfolgender Etappe zu verpflichten.
Der Gehalt besagter ML-Doktrin besteht denn auch in etwas ganz
anderem, als ein wirklich gültiges Gesetz aufgedeckt zu haben.
Der Lehrsatz ist nichts als eine moralische Rechtfertigung, die
ein I n t e r e s s e zu einer unabweisbaren und nicht kriti-
sierbaren N o t w e n d i g k e i t d e r G e s c h i c h t e
macht. Sozialismus, das ist so betrachtet nichts als ein
D i e n s t a m F o r t s c h r i t t, den die Geschichte
höchstpersönlich auf die Tagesordnung gesetzt hat. Solange MLer
auf der Siegerstraße marschieren, ist diese Beweihräucherung des
eigenen Treibens praktisch bedeutungslos. Sobald sich aber Mißer-
folg einstellt, macht sich der O p p o r t u n i s m u s dieser
Denkweise geltend. Jetzt, wo die DDR aufgegeben hat und auf den
DM-Kapitalismus setzt, wollen es alle MLer immer schon gewußt ha-
ben. Der durch den BRD-Imperialismus herbeigezwungene Sin-
neswandel der SED wird als S c h e i t e r n des Sozialismus
gedeutet, das für einen geschulten ML-Philosophen nur eines be-
weist: Der Sozialismus stand noch nicht auf der historischen
Tagesordnung, also muß man dem Kapitalismus sein fröhliches Hallo
als der zeitgemäßen Produktionsweise entgegenbringen. Hier läßt's
sich dann gemütlich warten und Tee trinken, bis die Geschichte
irgendwann einmal in grauer Zukunft mit ihrer nächsten Etappe
winkt...
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ML-Dreisatz
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Der Sozialismus in der DDR ist gescheitert, weil die Produktiv-
kräfte noch nicht weit genug entwickelt waren.
Also ist der Kapitalismus die historisch notwendige Produktions-
weise.
In der sind die Produktivkräfte so hoch entwickelt, daß der So-
zialismus auf der Tagesordnung steht.
Nicht wahr? Oder doch lieber nicht?
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