Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin

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       Die "nationale Frage" in der Arbeiterbewegung
       

EIN FEHLER MACHT GESCHICHTE

Der Kampf der Kommunisten wäre ein Kinderspiel, wenn sie nur Lü- gen zu bekämpfen hätten; weil diesen die wirklichen Verhältnisse schnell kurze Beine machen würden. Die Opfer von Staat und Kapi- tal werden jedoch hauptsächlich mit bitteren Wahrheiten legiti- miert: Für Frieden, Freiheit und Vaterland hat der Mensch Geld und Leben zu opfern - im Krieg wie im Frieden. Die Ideologie be- steht in der Vorstellung über die Zwecke, nicht in ihnen selbst und in den Opfern, die dafür verlangt werden. Diese hohen Zwecke sind nämlich ohne Opfer nicht zu haben. Ihre agitatorische Wucht erhalten sie dadurch, daß sie von den Opfern geteilt werden. Insofern Kommunisten am Nationalismus ihrer Adressaten eine harte Nuß zu knacken haben, ist er permanenter, aber eben negativer Ge- genstand ihrer Agitation. Daß die Geschichte der Arbeiterbewegung bis in unsere Tage eine des erbitterten Streits um die "korrekte" Stellung der diversen Sozialisten und Kommunisten zur "nationalen Frage" gewesen ist, verweist darauf, daß diese einfache Antwort nicht zum allgemeinen Repertoire der Arbeiterbewegung gehört. Dabei haben sie Marx und Engels, was ihre Relevanz für die o r g a n i s i e r t e A r b e i t e r b e w e g u n g betrifft, unmißverständlich, so sollte - man meinen, beantwortet: "Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf der Pro- letarier gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler." (Marx/Engels, Werke MEW - Band 4, S. 473) Aus der hier angegebenen S c h r a n k e der proletarischen Be- wegung, daß sie als unmittelbaren Gegner eine nationale Herr- schaft und ein nationales Kapital vorfindet, der nationale Zusam- menhang also ein vom Feind aufgemachtes Gewaltverhältnis ist und nicht positive Bedingung des Kampfes oder die Nation ein gar durch ihn zu verfolgendes Ziel, machte sich die Arbeiterbewegung n a c h Marx und Engels das aparte Problem, wie denn das Ver- hältnis zwischen "nationaler Frage" und Kommunismus beschaffen sei. Der Fortschritt bei der Beantwortung dieser "Frage" reicht von Versuchen, nationalistische Bestrebungen für den Kommunismus zu funktionalisieren über ihre Diskussion als "Bündnisfrage" bis hin zur I d e n t i f i k a t i o n von Nation und Revolution im "sozialistischen Vaterland", für die dessen Wohl das höchste Gut des Sozialismus ist. Lohnarbeit und Kapital ---------------------- Dabei wäre die prinzipielle Kritik am Nationalismus bei Marx nachzulesen gewesen, auch wenn er das "Buch vom Staat" nicht ge- schrieben hat. Daß Nationalismus nicht bloße Ideologie, sondern ein sehr praktisches Verhältnis von Staat und Bürgern darstellt, ist seinem Aufsatz "Zur Judenfrage" zu entnehmen: "Der vollendete politische Staat ist seinem Wesen nach das G a t t u n g s l e b e n des Menschen im G e g e n s a t z zu seinem materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoisti- schen Lebens bleiben a u ß e r h a l b der Staatssphäre in der b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t bestehen, aber als Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Wo der politi- sche Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken, im Bewußtsein, sondern in der W i r k l i c h k e i t, im Leben ein doppeltes, ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben im p o l i t i s c h e n G e m e i n w e s e n, worin er sich als G e m e i n w e s e n gibt, und das Leben in der b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t, worin er als P r i v a t m e n s c h tätig ist, die anderen Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird. Der politische Staat verhält sich ebenso spiritualistisch zur bürgerlichen Gesellschaft wie der Himmel zur Erde. Er steht in demselben Gegensatz zu ihr, er überwindet sie in derselben Weise wie die Religion die Beschränktheit der profanen Welt, d.h. indem er sie ebenfalls wieder anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr beherrschen lassen muß. ... In dem Staat dagegen, wo der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität, ist er seines wirklichen individuel- len Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemeinheit er- füllt." (MEW 1, S. 354 f.) Die N o t w e n d i g k e i t des Gegensatzes des Staates zu seiner Gesellschaft verbietet jeden Gedanken an eine Versöhnung der beiden Seiten, jeden frommen Wunsch, den Staat nun doch "wirklich" zum "Staat des ganzen Volkes" machen zu wollen, weil er Staat des ganzen Volkes eben in diesem Gegensatz ist. Im Bild von Himmel und Erde macht Marx deutlich, da die B e h e r r s c h u n g der Klassengesellschaft der Dienst des Staates an ihr ist; sie "anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr beherrschen lassen" - diese, Leistungen vollbringt er, indem er sie unterwirft, ihr ihre Gesetze aufzwingt, Kapital u n d Lohnarbeit kraft seiner Macht schützt und erhält. Seine Trennung von der Gesellschaft, seine Absolutheit und Freiheit entspringen einer Gesellschaft, deren Gegensatz nur gewaltsam aufrechterhal- ten werden kann. Die immer wieder beklagte Trennung des Staats vom Volk ("Oben-unten", "Verselbständigung der Bürokratie" usw.) geschieht also grade des Volkes wegen, "und man kommt dem Problem durch tausendfache Zusammensetzung des Worts Volk mit dem Wort Staat auch nicht um einen Flohsprung nä- her" (MEW 19, S. 28). Als "Volk" begreift und behandelt der Staat seine Gesellschaft und bewährt die Gesellschaft sich selbst als Voraussetzung und Mittel des Staates, eben dadurch, daß jeder Bürger sein ihm er- laubtes Privatgeschäft erledigt und sich so zum "Spielball frem- der Mächte" macht. Gerade so beträgt er sich dem "Gattungszweck" gemäß als Staatsbürger, der im Rahmen von Recht und Gesetz ent- sprechend seinen - je nach Klasse sehr unterschiedlichen - Vor- aussetzungen seinen Teil zum Funktionieren des Ganzen beiträgt. All das ist der Grund für den Nationalismus des Staatsbürgers und alles, was dann zum Inhalt von National b e w u ß t s e i n wird. Das alltägliche Brot des Arbeiters, seine Leistung und seine Abgaben sind der "Himmel", den er sich auf E r d e n lei- stet und mit dem er seine eigene Knechtschaft, ein lebenslanges Arbeitsleben beständig reproduziert. Und darum hat Marx, noch ehe Demokratie praktisch existierte, wo sie bloß als Fortschrittsideal gegen monarchischen Absolutismus in den Köpfen spukte, dieser nichts Positives abgewinnen können: weil er sie als die adäquate Herrschaftsform der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft erkannte, die die Herrschaft des Staates durch die Tugend der Selbstbeherrschung der Beherrschten ergänzt: "Die Demokratie ist die Wahrheit der Monarchie, die Monarchie ist nicht die Wahrheit der Demokratie. Die Monarchie ist notwendig Demokratie als Inkonsequenz gegen sich selbst, das monarchische Moment ist keine Inkonsequenz in der Demokratie." (MEW 1, S. 230) "Die repräsentative Verfassung ist ein großer Fortschritt, weil sie der o f f e n e, u n v e r f ä l s c h t e, k o n s e- q u e n t e Ausdruck des modernen Staatszustandes ist. Sie ist der u n v e r h o h l e n e Widerspruch." (MEW 1, S. 279) An der allgemeinsten Bestimmung des Staats hat Marx die Notwen- digkeit der Analyse des ö k o n o m i s c h e n Inhalts der Konkurrenz von Staatsbürgern entdeckt: Privatmenschen sind sie überhaupt nur in ihrer besonderen Stellung zum Eigentum, deren Gegensätzlichkeit die höhere Gewalt notwendig macht. Wenn Marx also im "Kapital" den ökonomischen Inhalt bürgerlicher Eigentums- verhältnisse untersucht, dann ist dort zwar der Staat nicht abge- leitet, als notwendige V o r a u s s e t z u n g des Kapital- verhältnisses kommen seine Leistungen jedoch in allen Kapiteln vor, und gerade in ihnen erweist sich der Staat immer als K l a s s e n staat: - Freiheit und Gleichheit als Pflicht zur Lohnarbeit und Recht auf Ausbeutung - Beschränkung des Arbeitstages als Bewahrung der Arbeitskraft vor ihrem maßlosen Verschleiß und schließlich selbst noch - die vom Arbeiter konsumierten Lebensmittel, seine Familie als Moment des Reproduktionsprozesses des Kapitals! Deshalb wäre Marx auch nie auf die Idee verfallen, diese partei- ischen Leistungen ihres Inhalts zu entkleiden, also Allgemeinwohl und Klassenherrschaft als Gegensatz zu behandeln, oder gar die Institution der Gewalt zur Beherrschung der Ausgebeuteten als Mittel für diese anzusehen. Herrschaft als Chance zu begreifen, ist dagegen der der staatsbügerlichen Praxis entsprechende ideo- logische Überbau, indem der Bürger das Unterwerfungsverhältnis auch noch bewußt antizipiert und zum aktiven Nationalisten wird. Der zentrale Angriff gegen das Gothaer Programm der Sozialdemo- kraten - "fast jedes Wort zu kritisieren" (Engels) - richtete sich darum auch gegen deren N a t i o n a l i s m u s. Den Vor- wurf der "Heiligsprechung der Lassalle'schen Glaubensartikel" er- hoben Marx und Engels, weil das Programm den Staat zum Christo- phorus der proletarischen Sache erhob, ausgerechnet vom Staat Bismarcks Hilfe für die Arbeiter forderte, "würdig der Einbildung Lassalles, daß man mit Staatsanlehn eben- sogut eine neue Gesellschaft bauen kann wie eine neue Eisenbahn " (MEW 19, S. 26), Für "verwerflich" hielten sie die "Litanei" demokratischer Forde- rungen: "Sie sind bloßes Echo der bürgerlichen Volkspartei, des Friedens- und Freiheitsbundes. Es sind lauter Forderungen, die, soweit nicht in phantastischer Vorstellung übertrieben, bereits r e a l i s i e r t sind. Nur liegt der Staat, dem sie angehö- ren, nicht innerhalb der deutschen Reichsgrenze, sondern in der Schweiz, den Vereinigten Staaten etc. ... Selbst die vulgäre De- mokratie, die in der demokratischen Republik das Tausendjährige Reich sieht und keine Ahnung davon hat, daß gerade in dieser letzten Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft der Klassenkampf definitiv auszufechten ist - selbst sie steht noch berghoch über solcherart Demokratentum innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und logisch Unerlaubten." (MEW 19, S. 29) Man vergleiche damit den heutigen "Kampf" um Recht und Demokra- tie, um den amtlich geprüften Revolutionär und den staatlich ge- nehmigten Umsturz. Proletarier aller Länder ------------------------ Aber nicht die E i n s i c h t e n von Marx und Engels haben Geschichte in der Arbeiterbewegung gemacht: Nach ihnen und bis auf den heutigen Tag stürzt sich der Revisionismus mit sicherem Gespür für die Brauchbarkeit von Klassikerzitaten auf die Stellen und Schriften, bei denen den Alten tatsächlich theoretische Feh- ler unterlaufen sind, wo sie ihre eigenen Einsichten t a k t i s c h e n Erwägungen zum Opfer brachten (was sie durchaus gewußt haben, was sich im Briefwechsel untereinander nachlesen läßt!) oder wo sie vom Standpunkt einer sich herausbil- denden Arbeiterbewegung und tatsächlicher Kämpfe und Auseinander- setzungen im Zuge der Durchsetzung des Imperialismus sich zu dem falschen Optimismus hinreißen ließen, der im Prozeß der Heraus- bildung objektiver und subjektiver B e d i n g u n g e n für die proletarische Revolution auch schon ihre Chance und Beförde- rung sehen will. So begleiteten sie, vor allem als Vertreter der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) Konflikte und Kriege, die der Herstellung moderner Nationalstaatlichkeit galten und da- durch das Kapitalverhältnis durchsetzten, mit solidarischen Gruß- adressen, weil sie darin auch die Schaffung des Proletariats als einer g e s e l l s c h a f t l i c h e n M a c h t bemerkten und ihm die Hoffnung mit auf den Weg gaben, es möge wenn es schon da ist, gar noch k ä m p f t - sich auf seine wirklichen Inter- essen besinnen und kommunistisch werden. Dabei lag Marx und En- gels nichts ferner als die Manier moderner Verfechter "internationaler Solidarität", überall, wo sich überhaupt etwas rührt, eine "Haupttendenz Revolution" auf der Welt am Wirken zu wähnen, eindeutig borniert-nationalistischen Bewegungen die eige- nen Intentionen mit der Begründung "o b j e k t i v" fort- schrittlich unterzujubeln und im Namen der "Solidarität aller Fortschritts-" (oder aktuell "Friedens-")"kräfte" sich jeglicher Kritik an ihnen zu enthalten. Selbst die überschwenglichsten Grußadressen sind noch vom Willen getragen, sich e i n z n m i s c h e n für den Kommunismus. Deshalb trägt auch das "Manifest", in dem die angeführten Fehler kämpferischoptimi- stisch zusammengefaßt worden sind, immer noch den Titel "kommunistisch" und nicht einen der - bei revisionistischen Flachköpfen und ihren "Massen"organisationen vorzufindenden - Tarnnamen, mit denen die idiotischsten Interessen dieser Gesell- schaft gleich a f f i r m i e r t werden, weil sie für den Kom- munismus gar nicht benutzt werden k ö n n e n. Von dem begeisterten, aber falschen Schluß her, daß die Existenz der revolutionären Klasse auch der Garant der Revolution sei, ge- raten Marx und Engels die Beurteilungen von Kriegen und Aufstän- den zur E i n s c h ä t z u n g, zur Frage also: Ist diese Aus- einandersetzung eine günstige Bedingung für den Erfolg des Prole- tariats? So feiert Marx gegen besseres Wissen den amerikanischen Bürgerkrieg nicht nur als Kampf gegen die Sklaverei, sondern als Verbesserung der Kampfbedingungen der Arbeiter: "Die Arbeiter Europas sind von der Überzeugung durchdrungen, daß, wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Mittelklasse einweihte, so der amerikani- sche Krieg gegen die Sklaverei eine neue Epoche der Machtentfal- tung für die Arbeiterklasse einweihen wird." (MEW 16, S. 19) Das ökonomische Wissen um den Gegensatz von Lohnarbeit und Kapi- tal ist hier getrübt von einer historischen Betrachtungsweise, mittels derer er das Faktum der allgemeinen Durchsetzung der Lohnarbeit in den USA zum Fanal des Aufstandes der Arbeiterklasse machen möchte. Während er zur gleichen Zeit im "Kapital" die öko- nomische Unvereinbarkeit der Sklavenarbeit mit dem Kapitalver- hältnis analysiert, die vielfach behauptete "humane" Unverträg- lichkeit als Kapitalistenideologie kennzeichnet und zwischen - dem Elend von Lohn- und Sklavenarbeiter keinen Unterschied gelten lassen will (vgl. MEW 23, S. 210 f. und 270), verfaßt er "An Ab- raham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika" als Sekretär der Internationale einen Brief, in dem er ihn feiert als "starksinnigen, eisernen Sohn der Arbeiterklasse, (dem) das Los zugefallen ist, sein Vaterland durch den beispiellosea Kampf für die Erlösung der geknechteten Race und für die Umgestaltung der sozialen Welt hindurchzuführen." (MEW 16, S. 19) Ausgerechnet solche Stellen müssen auch heute noch herhalten, um zu "beweisen", daß Marx in "Tageskämpfen" Partei ergriffen habe auch für Kämpfe, die mit kommunistischen eingestandenermaßen nichts zu tun haben. Dabei hat sich zumindest Marx bei der Ab- fassung solcher "Adressen", wo er in der eben erst gegründeten IAA taktische Rücksichten nahm auf Mitglieder, die er selbst dem bürgerlichen Lager zuordnete, nichts vorgemacht, von den abfälli- gen Bemerkungen über die Person Lincolns im Briefwechsel mit En- gels mal ganz abgesehen: "Das Schlimme bei solcher Agitation ist, daß man sehr geplagt wird, sobald man sich daran beteiligt. Z.B. jetzt galt es wieder Adresse an Lincoln, und ich hatte das Zeug wieder aufzusetzen (was viel schwerer als eine inhaltliche Arbeit) - damit die Phra- seologie, auf die sich solche Sorte Schreiberei beschränkt, we- nigstens sich distinguiert von der demokratischen Vulgärphraseo- logie" (MEW 31, S. 33) Zur Rechtfertigung der Parteinahme für "nationale Befreiungs- kämpfe" heutzutage müssen vor allem auch die Stellungnahmen zur irischen, polnischen, italienischen und deutschen "Frage" herhal- ten, zumindest solange sich die entsprechende Befreiungsbewegung nicht durch allzu offensichtliche Anbiederung an den Imperialis- mus desavouiert hat. Der Kampf von Nationen gegen eine F r e m d herrschaft, die ih- nen die Alternative Tod oder Aufstand aufmachte, und um die In- stallation einer ganz eigenen - polnischen, ungarischen, irischen - Herrschaft wird von den Klassikern nicht nur als unterstützens- wertes Anliegen behandelt. Weil solche Erhebungen sich gegen die Herrschaft einer kapitali- stischen Nation richten, beurteilten sie diese vom Standpunkt des revolutionären Weltproletariats und machten sie zum Gegenstand internationaler Solidarität - auch wenn sich der Inhalt der Kämpfe gar nicht gegen den k a p i t a l i s t i s c h e n Staat wandte, sondern um die Einrichtung einer eigenen nationalen Herrschaft ging. Die staatliche Selbständigkeit Irlands ist ihnen selbstredend identisch mit dem Schaden Englands, dem Schädiger der Iren, ergo deren Nutzen. Neben Bemerkungen von Marx in der Korrespondenz mit Engels, in denen er sein theoretisches Bauchgrimmen bei der Abfassung der diversen Resolutionen und Adressen für die europäischen Befrei- ungskämpfe bekundet - "Soweit in der Adresse International Politics vorkommt, spreche ich von countries, nicht von nationalities... Nun wurde ich ver- pflichtet, in das Preamble... zwei duty und right Phrasen, ditto truth, morality and justice aufzunehmen, was aber so placiert ist, daß es einen Schaden nicht tun kann." (MEW 31, S. 15) -, gibt es leider von Engels keineswegs privat dahingeplauderte, sondern in theoretischer Absicht veröffentlichte Auslassungen zum Kampf der Iren oder über die Querelen auf dem Balkan, die solchen Auseinandersetzungen höhere natürliche und historische "Interpretationen" zukommen lassen: "Und selbst tagelanger Regen, wie er im Spätherbst vorkommt, hat nicht den chronischen Anstrich wie in England. Das Wetter, wie die Bewohner, hat einen akuteren Charakter, es bewegt sich in schärferen unvermittelteren Gegensätzen; der Himmel ist wie ein irisches Frauengesicht. Regen und Sonnenschein folgen sich auch da plötzlich und unerwartet; aber für die graue englische Lange- weile ist kein Platz... Nur mit den Irländern sind die Engländer nicht fertig geworden. Die enorme Elastizität der irischen Race ist schuld daran." (MEW 16, S. 475 und 499) "Unter allen den Nationen und Natiönchen Östreichs sind nur drei, die die Träger des Fortschritts waren, die aktiv in die Ge- schichte eingegriffen haben, die noch jetzt lebensfähig sind - die D e u t s c h e n, die P o l e n, die M a g y a r e n. Daher (!) sind sie jetzt revolutionär. Alle andern großen und kleinen Stämme und Völker haben zunächst die Mission (!), im re- volutionarem Weltsturm unterzugehen. Daher (!) sind sie jetzt konterrevolutionär." (MEW 6., S. 168) Während aber Engels ansonsten sehr heftig gegen nationale Verein- nahmungen protestierte - "Einen Gefallen müssen Sie mir aber tun, und mir im Blatt nicht immer den 'Genossen' an den Kopf werfen. Erstens ist mir die sämtliche Titelwirtschaft verhaßt... Dann aber sind wir hier auch keine 'Genossen' im engeren Sinn. Wir gehören der deutschen Par- tei kaum mehr an als der französischen und amerikanischen oder russischen und können uns ebensowenig durch das deutsche Programm gebunden halten wie durch das Programm-Minimum. Auf diese unsere Sonderstellung als Vertreter des i n t e r n a t i o n a l e n Sozialismus halten wir etwas. Sie verbietet uns aber auch, einer besonderen nationalen Partei anzugehören..." (Engels an Bern- stein, MEW 35, S. 442) -, fällt den Herausgebern der MEW zu Engels Völkercharakterologie auf, daß seine historische Prognose über den Untergang "verkom- mener Völker" oder des "Völkerabfalls" nicht eingetroffen ist, er sich in der "Lebenskraft" einiger Balkannationen "getäuscht" habe! Mit dem, was Nationalismus heute ausmacht, hatten es die Klassi- ker sowieso nicht zu tun. Daß gerade voll entwickelte kapitali- stische Staaten mit ihrer rechtsstaatlichen Verwaltung des Klas- sengegensatzes sich auf die staatsbürgerliche Reife ihres Prole- tariats verlassen können, so daß sie ihm mit dessen demokrati- scher Zustimmung die Produkte seiner Arbeit als Machtmittel gegen die anderen Staaten zum Einsatz bringen können - das haben die Klassiker sich 1848 nicht vorstellen können: "Die Arbeiter haben kein Vaterland." (MEW 4, S. 479) Darum entwickelten sie, lange bevor der Imperialismus existierte, die falsche Vorstellung, aus- gerechnet die Herstellung des Weltmarkts werde die nationalen Ge- gensätze zurückdrängen: "Die nationelen Absonderungen und Gegensätze der Völker ver- schwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bour- geoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichför- migkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse." "Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung. In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere auf- gehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander." (MEW 4, S. 479) Allerdings läßt sich daraus nie und nimmer die Theorie drechseln, der nationale Kampf sei, in welcher Form, Stufe oder was auch im- mer, ein Beitrag zum Klassenkampf, oder gar der Klassenkampf selbst. Der letzte Satz betont den Klassenkampf als Mittel der Beseitigung der nationalen Gegensätze. Völker, hört die Signale ------------------------ Für die Zitatenfledderer der Arbeiterbewegung allerdings sind derlei Aussagen ein gefundenes Fressen. Die Nationalisten der Ar- beiterbewegung haben die Form gegen den Inhalt ausgespielt, und von Engels' - mehr vom Hegelschen Welt- und Volksgeist inspirier- ten, als von der Kritik der politischen Ökonomie getragenen - Einteilung der Welt in "fort- oder rückschrittliche" N a t i o n e n bezog der Revisionismus schon früh seine Beleg- stellen, obwohl dem alten "Genießer von Militaria" mit Sicherheit nichts mehr zuwider gewesen wäre, als sich die Welt in "objektiv r e v o l u t i o n ä r" und "s u b j e k t i v reaktionär" einzuteilen, mit der sich die späteren Mitglieder und Freunde des "sozialistischen Lagers" noch jede nationalistische Borniertheit als förderungswürdigen Beitrag zur internationalen Solidarität zurechtgemacht haben. Das historisch berühmteste Beispiel lieferte die deutsche Sozi- aldemokratie: "Gegen den aggressiven und reaktionären Zarismus" hat die SPD 1914 dem eigenen Staat die Kriegskredite bewilligt und den "Burgfrieden" (Einstellung der Lohnkämpfe mit dem Klas- senfeind) geschlossen und so - ebenso wie die übrigen europäi- schen Arbeiterparteien - ihren Segen erteilt, daß die Proletarier aller Länder aufeinander geschossen haben - im Auftrag und für ihr nationales Kapital. Die Fehler von Marx und Engels sind jedoch nicht der Grund für diese Entwicklung, die weder ein "Schwenk", noch ein "Verrat" ge- wesen ist, sondern die notwendige Konsequenz einer Partei, die seit ihrem Bestehen all ihre staatsfeindlichen Aktivitäten darauf richtete, ihr Gothaer Ideal vom arbeiternützlichen Staat einzu- klagen. Nun galt es diesen Staat in der "Stunde der Gefahr" zu verteidigen, das "Blut des eigenen Volkes" dafür zu vergießen: "Unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder ohne Unterschied der Partei. (Lebhaftes allseitiges 'Bravo!' und Händeklatschen)... Für unser Volk und seine frei- heitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotis- mus, der sich mit dem Blute des eigenen Volkes befleckt hat (Lebhafte Rufe 'Sehr wahr!' bei den Sozialdemokraten), viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. (Erneute Zustimmung) Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres ei- genen Landes sicherzustellen. ('Bravo!') Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. (Lebhaftes 'Bravo!') Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jeden Volkes auf nationale Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat..." (Erklärung der SPD-Fraktion, 4.8.1914) Nicht mit der Herstellung von Nationalstaaten, sondern mit dem Kampf ausgewachsener kapitalistischer Staaten um den Ausschluß der anderen von der Benutzung des Globus und einer Arbeiterbewe- gung, die ihre alten internationalistischen Parolen in leicht verwandelter Form in die kritische Solidarität mit den imperiali- stischen Zwecken ihres Staates einbrachte, hatte Lenin es zu tun. Außer den Bolschewiki hatten sich alle betroffenen Arbeiterpar- teien der zweiten Internationale für die "Vaterlandsverteidigung" entschlossen und tatkräftig den "gerechten Verteidigungskrieg" propagiert. Dagegen 'hat Lenin an "ein paar einfachen Wahrheiten des Marxismus" festgehalten, wenngleich seine Erklärung dafür, warum der "Renegat Kautsky" die proletarische Revolution v e r r a t e n habe, Zeugnis davon ablegt, daß er nicht gewußt hat, was Nationalismus wirklich ist und warum deshalb aus Führern der Arbeiterbewegung "Opportunisten" und "Sozialchauvinisten" ge- worden sind: "Wenn ein Deutscher unter Wilhelm oder ein Franzose unter Clemen- ceau sagt: Ich als Sozialist habe das Recht und die Pflicht, meine Heimat zu verteidigen, falls der Feind in mein Land einge- drungen ist, so ist das nicht die Argumentation eines Soziali- sten, eines Internationalisten, eines revolutionären Proleta- riers, sondern die eines k l e i n b ü r g e r l i c h e n N a t i o n a l i s t e n. Denn in dieser Argumentation ver- schwindet der revolutionäre Klassenkampf des Arbeiters gegen das Kapital, verschwindet die Einschätzung des g e s a m t e n Kriegs als Ganzes vom Standpunkt der Weltbourgeoisie und des Weltproletariats, d.h. es verschwindet der Internationalismus, und was übrig bleibt, ist ein armseliger, verknöcherter Nationa- lismus." (Lenin, Ausgewählte Werke in 6 Bänden - LAW -, Bd. IV, S. 611 f.) Insofern Lenin die Wertschätzung der parlamentarischen Demokratie durch die Sozialdemokraten kritisiert, Illusionen über die Beför- derung der Sache des Proletariats innerhalb j e d e r Form des bürgerlichen Staates, auch der Demokratie, bekämpft; insofern er daraus folgert, daß a l l e Varianten und Begründungen der Va- terlandsverteidigung den Klassengegensatz negieren und die Herr- schaft des Kapitals zementieren, traf seine Polemik ins Schwarze und trifft ganz aktuell heute auf "linke" Bürger des Deutschlands der beiden Helmuts, des Frankreichs eines Mitterrands und That- chers Großbritannien zu. Daß Lenin aber nie den Nationalismus überhaupt und sans phrase kritisiert, sondem ihn immer durch Ad- jektiva ("kleinbürgerlich", "armselig", "verknöchert" usw.) d e n u n z i e r t, belegt, daß er den Nationalismus für eine v o n d e r B o u r g e o i s i e e r f u n d e n e I d e o l o g i e hielt, seine Grundlage in Staat und Ökonomie nicht kannte, deshalb die ihm anhängenden Arbeitermassen als "verführt" oder von ihren Führern "verraten" falsch erklärte und den "Kautskys und Scheidemännern" nur ein "Abweichen" von früher gemeinsam vertretenen Idealen vorzuwerfen vermochte: "Sowohl Kautskys theoretische Analyse des Imperialismus wie auch seine ökonomische und politische Kritik des Imperialismus sind v ö l l i g von einem mit dem Marxismus absolut nicht zu verein- barenden Geist der Vertuschung und Verwischung der grundlegenden Gegensätze durchdrungen, von dem Bestreben, die zerfallende Ein- heit mit dem Opportunismus in der europäischen Arbeiterbewegung um jeden Preis aufrechtzuerhalten." (LAW, Bd. II, S. 764) Weil Lenin an den p r i n z i p i e l l e n Aussagen der II. Internationale und ihres Theoretikers Kautsky wenig auszusetzen hat - teilte er sie doch im wesentlichen -, verurteilt er die T a t e n der deutschen Sozialdemokratie als im Gegensatz dazu stehend, wirft ihren Wortführern böswillige "Vertuschung und Ver- wischung" vor und kann sich deren theoretisch begründete und praktisch vollzogene Prokriegslinie nur so erklären, daß sie von der Bourgeoisie b e s t o c h e n worden sind. Dabei leistet ihm seine eigene falsche Imperialismustheorie (vgl. MSZ Nr. 3/1981: Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita- lismus: Ein aktueller, aber falscher Klassiker) gute Dienste: "Worin besteht das ökonomische Wesen der 'Vaterlandsverteidigung' im Kriege des Jahres 1914/15? Die Bourgeoisie aller Großmächte führt den Krieg wegen der Aufteilung und Ausbeutung der Welt, we- gen der Unterjochung der Völker. Einem kleinen Kreis der Arbei- terbürokratie, Arbeiteraristokratie und kleinbürgerlicher Mitläu- fer können Brocken von den großen Profiten der Bourgeoisie zufal- len. Die Klassengrundlage des Sozialchauvinismus und des Opportu- nismus ist dieselbe: das Bündnis einer kleinen bevorrechteten Ar- beiterschicht mit 'ihrer' nationalen Bourgeoisie g e g e n die Masse der Arbeiterklasse, das Bündnis der Lakaien der Bourgeoisie mit ihr gegen die von ihr ausgebeutete Klasse. D e r p o l i- t i s c h e I n h a l t d e s O p p o r t u n i s m u s u n d d e s S o z i a l c h a u v i n i s m u s i s t d e r s e l- b e: Verzicht auf die Diktatur des Proletariats, Verzicht auf die revolutionäre Aktion, rücksichtslose Anerkennung der bürgerlichen Legalitat, Mißtrauen dem Proletariat, Vertrauen der Bourgeoisie gegenüber. D e r S o z i a l c h a u v i n i s m u s i s t d i e d i r e k t e W e i t e r f ü h- r u n g u n d V o l l e n d u n g d e r e n g l i s c h e n l i b e r a l e n A r b e i t e r p o l i t i k, d e s M i l l e r a n d i s m u s u n d B e r n s t e i n i s m u s." (LAW, Bd. II, S. 632 f.) So ist auch Lenins langanhaltende Hoffnung zu erklären, das euro- päische Arbeiter v o l k möge seine bestochenen Führer zum Teu- fel jagen und der russischen Revolution zur Seite stehen. Was Lenin (und Stalin) unter dem Stichwort "Nationale Frage" be- handelt haben, hat mit dem Nationalismus kapitalistischer Staaten nichts zu tun: "Das nationale Programm der Arbeiterdemokratie; absolut keine Privilegien für irgendeine Nation, für irgendeine Sprache; Lösung der Frage der politischen Selbstbestimmung der Nationen, d.h. ih- rer staatlichen Lostrennung, auf völlig freiem, demokratischem Wege; Erlaß eines für den ganzen Staat geltenden Gesetzes, kraft dessen jede beliebige Maßnahme, die in irgendeiner Hinsicht einer der Nationen ein Privileg gewährt und die Gleichberechtigung der Nationen oder die Rechte einer nationalen Minderheit verletzt, für ungesetzlich und ungültig erklärt wird... Dem nationalen Gezänk der verschiedenen bürgerlichen Parteien we- gen der Sprachenfrage usw. stellt die Arbeiterdemokratie die For- derung entgegen: unbedingte Einheit und restlose Verschmelzung der Arbeiter aller Nationalitäten... Nur bei einer solchen Ein- heit, einer solchen Verschmelzung kann die Demokratie behauptet werden, können die Interessen der Arbeiter gegen das Kapital - das bereits international ist und es immer mehr wird - behauptet, können die Interessen der Entwicklung der Menschheit zu einer neuen Lebensform, der jedes Privileg und jede Ausbeutung fremd sind, behauptet werden." (LAW, Bd. II, S. 358 f.) Der Haß gegen die großrussischen Privilegien innerhalb des Zaren- reichs erscheint ihnen als Chance und Schranke zugleich: Chance, weil Haß gegen den Zarismus - Schranke, weil Hindernis für ein- heitliche proletarische Aktion. Lenin wollte d i e s e n Nationalismus fürs erste dadurch los- werden, daß er ihm seine Forderungen erfüllte. Das aus gutem Grunde: Die Sowjetmacht hatte angesichts ihrer noch nicht einmal in Rußland erfolgten Konsolidierung andere Sorgen, als sich um die Beseitigung reaktionären Brauchtums. in Usbekistan zu küm- mern. Auch hier erscheint der Mangel des Leninschen Nationalis- musbegriffs darin, daß er die Stellung der nichtrussischen Völ- kerschaften zur Sowjetmacht als "N a t i o n a l i t ä t e n- f r a g e" diskutiert, die ihren Grund in so läppischen "Zänke- reien" wie der Sprachenfrage haben soll, anstatt zu bemerken, daß "kulturelle Eigenheiten" nur das M a t e r i a l sind, mit dem sich ein Gegensatz zur zentralen Staatsgewalt aufmachen oder die Unterwerfung unter sie vollziehen läßt. Dem stellte bereits Lenin das Ideal der E i n h e i t d e s V o l k e s d e r W e r k t ä t i g e n in, einem Staat gegenüber, der alle Besonderheiten sich von selbst aufheben läßt ("Verschmelzung"), was Stalin bis zu der verrückten Vorstellung ausbaute, im Kommunismus sei es ein heißes Problem, ob alle e i n e der bestehenden Sprachen sprächen oder "etwas ganz Neues" entstehen würde. Weil die Bolschewiki in einem Volke agitierten, das unter der Za- renherrschaft keinerlei Voraussetzungen hatte sich unter Formen d e m o k r a t i s c h e r Herrschaft mit "seinem" Staat zu identifizieren, und gerade Lenin es war, der nach der Februarre- volution sich mit seiner Auffassung durchsetzte, ohne ein "Übergangsstadium" der demokratischen Republik zur proletarischen Revolution fortzuschreiten, kämpften sie gegen jeden Vorschlag, das vom Zaren befreite Vaterland im Krieg gegen Deutschland zu verteidigen und Lenin unterlief den Vorwurf mangelnden Patriotis- mus (für ihn muß es anscheinend einer gewesen sein!) mit dem Hin- weis darauf, was für einen Bolschewik allein verteidigungswürdig ist: "Ist uns großrussischen klassenbewußten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiß nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, daß ihre werktätigen Massen (d.h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum be- wußten Leben erhoben werden, daß sie Demokraten und Sozialisten werden. - Wir sind erfüllt vom Gefühl des nationalen Stolzes, und gerade deshalb hassen wir ganz besonders unsere sklavische Ver- gangenheit (in der adlige Gutsbesitzer die Bauern in den Krieg führten, um die Freiheit Ungarns, Polens, Persiens und Chinas zu meucheln) und unsere sklavische Gegenwart, in der dieselben Guts- besitzer Krieg führen, um Polen und die Ukraine zu erdrosseln, um die demokratische Bewegung in Persien und China zu ersticken und um die Bande der Romanow, Bobrinski und Purischkewitsch zu stär- ken, die unsere nationale Würde schänden." (LAW, Bd. II, S. 534/35) Während Lenin hier "Nationalstolz" ausgerechnet mit der Sowjet- macht und dem Sozialismus legitimiert und dessen Sieg zum Grund für jenen erklärt, hat Stalin mit seinem "Großen Vaterländischen Krieg" die Sache genau umgedreht: Die S o w j e t m e n- s c h e n sollten gegen die Hitlerarmee nicht die "sozialisti- schen Errungenschaften" verteidigen, sondern a l s R u s s e n d a s V a t e r l a n d, auch wenn sie mit dem Sozialismus in ihm nicht einverstanden waren. Mit der Existenz des ersten sozialistischen Staates - statt der erhofften Revolutionen in den imperialistischen Staaten hatten sich die Bolschewiki mit Konterrevolutionären, Interventionstrup- pen und imperialistischer Erpressung herumzuschlagen - stellte sich Lenin das Problem der Selbstbehauptung in einer Welt, die dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat lieber heute als morgen den Garaus gemacht hätte: "Angesichts einer solchen Sachlage ist eine reale - nicht papie- rene - Friedensgarantie für uns ausschließlich die Zwietracht zwischen den imperialistischen Mächten." (LAW, Bd. IV, S. 329 f.) Daß sich aber mit "Garantie" nichts schiebt, konnte Lenin an den Interventionskriegen merken, wo alle kapitalistischen Staaten, Sieger wie Verlierer, kräftig mitmischten (vgl. MSZ Nr. 6/1982). So vermengte sich bei Lenin die Hoffnung, die imperialistischen Staaten zum Frieden zu bewegen, mit dem Wissen, daß das nicht geht - ein Wissen, dem jedoch die Gründe fehlten: daher der Ver- such, mit dem t a k t i s c h e n Konzept eines pazifistischen Programms den Völkerbund zu "spalten". Mit der Ausarbeitung und den Verhandlungen in Genua beauftragt wurde der Volkskommissar für Außenbeziehungen Tschitscherin, der sich in Briefen an Lenin bitter beklagte: "Wie wir mit dem 'umfassenden Programm' fertig werden sollen, weiß ich nicht. Zeit meines Lebens habe ich die kleinbürgerlichen Illusionen bekämpft, und jetzt zwingt mich das Politbüro auf meine alten Tage, kleinbürgerliche Illusionen zu erfinden, wir wissen nicht einmal auf welche Quellen man sich stützen soll. Können Sie keine ausführlichen Anweisungen geben?" Tschitscherin hat es hingekriegt und damit den ersten Schritt des Sowjetstaates auf dem diplomatischen Parkett getan, den Grund- stein für "sozialistische, Außenpolitik" gelegt. Auf der Konfe- renz in Genua trug er den Vertretern der kapitalistischen Staaten ein Konzept vor, in dem er die sowjetische Bereitschaft bekun- dete, einvernehmlich mit den Feinden des ersten sozialistischen Staates die kapitalistische Weltwirtschaft zu ordnen und die von den imperialistischen Staaten in die Welt gesetzte Kriegsgefahr zu "bannen". Er entwickelte ein Konzept des "friedlichen Zusam- menlebens der Völker", das heute ernstgemeinte und praktizierte Politik der "Weltfriedensmacht" ist, und gleichzeitig, daß die Sowjetmacht sich über die Unmöglichkeit eines solchen Plans kei- ner Täuschung hingebe: "Ich halte es für notwendig, nochmals zu betonen, daß wir Kommu- nisten natürlich keine Illusionen über die Möglichkeit der wirk- lichen Beseitigung der Kriegsursachen und der Wirtschaftskrisen unter den gegenwärtigen Bedingungen hegen, dennnch sind wir be- reit, an der allgemeinen Arbeit ins Interesse Rußlands wie auch ganz Europas und der Millionen Menschen teilzunehmen, die durch die heutige Wirtschaftsanarchie unmenschlichen Entbehrungen und Leiden ausgesetzt sind; wir sind bereit, alle Versuche einer noch so geringfügigen Verbesserung der Weltwirtschaft und der Bannung der Kriegsgefahr zu unterstützen. Wir sind bereit, alle progres- siven Vorschläge anderer Länder zu unterstützen, die in diese Richtung weisen..." Daß die Bolschewiki damit an einem vorzüglichen Instrument der imperialistischen Intervention bastelten, haben sie geahnt, was noch alle Versuche, Sicherungen dagegen einzubauen, erkennen las- sen. Die Beteiligung der Kolonien und "die Einbeziehung der Ar- beiterorganisationen zur Teilnahme in Stärke von einem Drittel" am "Weltkongreß" genügten ihnen nicht, "denn die Spitzen der kolonialen Völker können sich ebenso wie verräterische Arbeiterführer leicht als Marionetten erweisen... Folglich ist es notwendig, noch das Prinzip der Nichteinmischung der internationalen Konferenzen oder Kongresse in die inneren An- gelegenheiten der einzelnen Völker einzuführen." Obwohl sie sich ihres negativen Ausgangspunkts bewußt waren, ent- wickelten sie damit gleichzeitig die Hoffnung auf die positive Ausnutzung des Völkergegensatzes, die so zum Prinzip der III. In- ternationale erhoben wird: "Was ist der wichtigste, der grundlegende Gedanke unserer Thesen? Die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Na- tionen... Wir stritten darüber, ob es prinzipiell und theoretisch richtig sei zu erklären, daß die Kommunistische Internationale und die kommunistischen Parteien die demokratische Bewegung in den zurückgebliebenen Ländern unterstützen müssen. Das Ergebnis dieser Diskussion war, das wir einstimmig beschlossen, anstatt von der 'bürgerlich-demokratischen Bewegung' von der national-re- volutionären Bewegung zu sprechen." (LAW, Bd. V, S. 661 f.) Bei alledem war aber die Hauptaufgabe der Komintern Lenins die Beförderung und Koordination des Klassenkampfes in den kapitali- stischen Staaten; und auch in "national-revolutionären Bewegungen " verlängte er "planmäßige Propaganda für den Kommunismus", und daß "die Sowjetregierungen ihnen mit allen verfügbaren Mitteln zu Hilfe" kommen. Vaterland aller Werktätigen --------------------------- Lenins Umtaufaktion ("national-revolutionär" statt "bürgerlich- demokratisch") hatte schon den Inhalt der Befreiungsbewegung als K r i t e r i u m der Unterstützung für gleichgültig erklärt, Z i e l der Unterstützung blieb, das Moment des "Kämpferischen" dazu zu nutzen, aus der "national-revolutionären" eine "proletarisch-revolutionäre " zu machen. Wird das Kriterium b l o ß noch als Instrument sozialistischer Außenpolitik behan- delt, dann wird der Inhalt kolonialer Kämpfe absolut gleichgültig angesichts der Frage, inwiefern Ereignisse auf dem Globus der Po- sition des sozialistischen S t a a t e s dienlich sind: "Der revolutionäre Charakter einer nationalen Bewegung unter den Verhältnissen der imperialistischen Unterdrückung setzt keines- falls voraus, daß an der Bewegung unbedingt proletarische Momente teilnehmen müssen, daß die Bewegung, ein revolutionäres bezie- hungsweise republikanisches Programm, eine demokratische Grund- lage haben muß. Der Kampf des Emirs von Afghanistan für die Unab- hängigkeit Afghanistans ist objektiv ein r e v o l u t i o- n ä r e r Kampf, trotz der monarchistischen Anschauungen des Emirs und seiner Kampfgefährten, denn dieser Kampf schwächt, zersetzt; unterhöhlt den Imperialismus..." (Stalin, Werke, Bd. 6, S. 126) Aus der Zwangslage, - den "Sozialismus in einem Lande" aufbauen zu müssen, der Lenin noch durch die weltweite Unterstützung der Revolution abhelfen wollte, macht Stalin ein positives Konzept und funktionalisiert die Bewegungen in aller Welt, auch die pro- letarischen für den Sowjetstaat, angefangen von der Unterwerfung der kommunistischen Parteien unter das außenpolitische Konzept der SU bis hin zur Opferung der Komintern für die Zusammenarbeit mit den Alliierten im Zweiten Weltkrieg, dem "Großen Vaterländi- schen Krieg". Auch nach innen wird klar gemacht, daß Arbeiter nun endlich ein Vaterland haben, für das die Opfer sich lohnen: "Die Verteidigung der Heimat ist das höchste Gut des Lebens." (Prawda, 9.6.1934) Die Stärkung des Sowjetstaates wird nun zur obersten Aufgabe des Sowjetvolks. Die Förderung seiner politischen Konkurrenzfähigkeit verlangt ihm immer neue Leistungen ab, die sich nicht in der Ver- besserung seiner Lage, sondern in der Vermehrung des Stolzes auf die Leistungen des Staates, der sich zur Weltmacht.Nr. 2 gemau- sert hat, niederschlagen. Kommunistische Nationen und nationale Kommunisten ------------------------------------------------- sind das heute zu besichtigende praktische Ergebnis, das in einer theoretischen Debatte reflektiert, die von der Feststellung über die nationalen Schranken des Proletariats bis zu der Ideologie fortgeschritten ist, die heute zum Schatzkästlein des "Marxismus- Leninismus" gehört: "Der proletarische Internationalismus ist die Grundlage des Kampfes der Arbeiterklasse für die Interessen der Nation... Die geschichtliche Entwicklung übertrug der Arbeiterklasse die Auf- gabe, die Geschicke der Nation zu lenken" (Autorenkollektiv der Parteihochschule Karl Marx beim ZK der SED, Politisches Grundwis- sen, Berlin 1970, S. 380 und 399) Der proletarische Internationalismus, mit dem sich die Arbeiter- klasse über den Zwangszusammenhalt Nation hinwegsetzen sollte, wird zur "Grundlage" des Kampfes f ü r die Nation: Interprole- tarischer Nationalismus! Der Sieg des revolutionären Proletariats ist nicht das Ende der Nation, sondern das Beste für ihre "Geschick": Weltproletarische Nationalrevolution! Ideologien, an die sich in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewe- gung gehalten wird: - Die "erste sozialistische Nation" hat sich zum "V a t e r l a n d a l l e r Werktätigen" proklamiert und die von ihm angeführten Sozialisten für die Außenpolitik der So- wjetunion instrumentalisiert. Dies impliziert, daß sie bisweilen ein Kampfverbot gegen die eigene Herrschaft verpaßt kriegen, weil das nationale Interesse der SU mit dieser "freundschaftliche Be- ziehungen" eingegangen ist und dies implizierte auch schon, daß die Kommunisten fremder Staaten dem Bündnis mit ihren Staatsmän- nern zum Opfer gebracht wurden (Ägypten, Irak, Syrien e.g.) - Zwischen den sozialistischen Nationen gibt es Verträge und Bündnisse, in denen die wechselseitige Unterstützung beim "Aufbau des Sozialismus" an n a t i o n a l e n I n t e r e s s e n gemessen wird und d e r e n Erfolg oder Mißerfolg das "Sozialistische Lager" zusammenhält oder es brüchig werden läßt (China, Rumänien, Polen e.g.). - Wenn die SU ihre Beziehungen zu den Bruderparteien in den impe- rialistischen Staaten dem Maßstab ihrer nationalen Politik unter- wirft, dann werden eben diese Beziehungen zum Hindernis für den nationalen Erfolg solcher Parteien. National- und Eurokommunisten überprüfen ihr Verhältnis zur "Partei Lenins" und zum "Land der Oktoberrevolution" an ihren (Wahl-)Chancen im eigenen Staat, ge- hen auf Distanz und suchen i h r e n politischen Erfolg in der permanenten K r i t i k an der sowjetischen Politik (Italien, Frankreich, Spanien e.g.) - Eine Partei wie die DKP, der KPdSU immer noch "brüderlich ver- bunden", kämpft ideologisch gegen den Vorwurf der "Sowjethörigkeit", statt eine Offensive daraus zu machen; weil sie auf das n a t i o n a l e I n t e r e s s e Rücksicht nimmt, d e u t s c h e und kommunistische Partei sein will. Das sieht aktuell so aus, daß gegen die NATO-Aufrüstungspläne damit agitiert wird, daß dadurch die deutsche N a t i o n zum Ziel s o w j e t i s c h e r Raketen wird. Führt also der Revisionismus zum Nationalismus, oder ist es nicht vielmehr so, daß moderne Sozialisten Revisionisten sind, weil sie nie aufgehört haben, Nationalisten zu sein? zurück