Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Wissenschaftlicher Sozialismus
Teleologischer Reklamefeldzug für Marxsche Theorie
ENGELS, DIE ENTWICKLUNG DES SOZIALISMUS
VON DER UTOPIE ZUR WISSENSCHAFT
In dieser Reihe besprechen wir in loser Folge Klassiker des Mar-
xismus, die es in der Geschichte der Arbeiterbewegung und/oder in
der bürgerlichen Wissenschaft zu einigem Ansehen gebracht haben:
entweder als weltanschauliche Berufungsinstanz oder als Beleg für
bedingte Brauchbarkeit.
Den alten Schriften soll die Ehre angetan werden, daß ihre Aussa-
gen einmal zur Kenntnis genommen werden - woraus sich dann auch
mancher Aufschluß darüber gewinnen läßt, warum sie die einen für
so brauchbar halten und die anderen für so verwerflich. Daß der
Umgang mit Klassikern ziemlich wenig damit zu tun hat, ob sie
stimmen oder nicht, ist uns schon seit geraumer Zeit aufgefallen:
deswegen haben sie ja auch Konjunkturen bei Freund und Feind!
Deswegen gefällt das 'Kapital' so manchem Philosophen, die
"Deutsche Ideologie" vielen Soziologen, Lenins "Was tun?" keinem
Grünen - und seit der Bekehrung der VR China vom sozialistischen
Modell zum Entwicklungsland will keiner mehr die Ansichten von
Mao Tse-tung kennenlernen. Gewissermaßen als Korrektur an diesem
geschmäcklerischen Umgang mit den verehrten und gehaßten Lehrern
der Revolution möchten wir ganz unverbindlich zum dogmatischen
Umgang mit ihren Ideen raten, wodurch sich vielleicht das Pro-
blem, ob es sich bei der Marxistischen Gruppe um eine M-L-Sekte
handelt, erledigt: Glauben tun wir an keinen, und wenn L was
Richtiges verlauten läßt, ist er uns genauso lieb wie M...
1875, in demselben Jahr, in welchem die beiden Fraktionen der
deutschen Sozialisten - Eisenacher und Lassalleaner - in Gotha
ihre Vereinigung beschlossen hatten, trat der Privatdozent Dr.
Eugen Dühring mit dem Anspruch auf, als "Reformator des Sozialis-
mus" der Marxschen Theorie ein neues und "allumfassendes System
der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus"
entgegengestellt zu haben. Da Dühring mit seiner Theorie offen-
sichtlich Anhänger fand, entschloß sich Engels auf Betreiben der
"Freunde in Deutschland" dieses System einer gründlichen Kritik
zu unterziehen und "mit der Vernachlässigung anderer Arbeiten in
diesen sauren Apfel zu beißen." (Marx/Engels-Werke, MEW, Bd. 20,
S. 5 ) Der dann zunächst als Artikelserie ab 1877 im "Vorwärts",
später unter dem Titel "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wis-
senschaft" erschienene "Anti-Dühring" (MEW 20) war also gedacht
als eine Streitschrift, die die neugegründete Sozialistische Ar-
beiterpartei in der Kritik falscher Auffassungen vom Klassenkampf
unterstützen sollte. Der Plan für den "Anti-Dühring" war mit Marx
abgestimmt, das Manuskript hat er zur Kenntnis genommen und ein
Kapitel zudem selbst verfaßt (20/210 ff). Bei Gelegenheit dieser
Kritik sah sich Engels genötigt, dem Dühring
"überallhin zu folgen und seinen Auffassungen die meinigen entge-
genzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die Polemik
schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung
der von Marx und mit vertretenen dialektischen Methode und kommu-
nistischen Weltanschauuung, und dies auf einer ziemlich umfassen-
den Reihe von Gebieten." (20/8)
Von Auflage zu Auflage betonte Engels in seinen Vorworten genau
diesen "positiven" Gesichtspunkt der Streitschrift und ließ 1880
nach einer Aufforderung von Paul Lafargue drei Kapitel des "Anti-
Dühring", in denen sich die "mehr oder minder zusammenhängende
Darstellung" der "kommunistischen Weltanschauung" konzentrierte,
als eigenständige Broschüre unter dem Titel "Die Entwicklung des
Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" (MEW 19) folgen. In-
nerhalb von gut einem Jahrzehnt erlebte diese Abhandlung mehr
Auflagen als das "Kommunistische Manifest" oder als "Das Kapi-
tal".
Der Herausgeber der MEW, das Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der KPdSU, gerät in der einleitenden Würdigung des "Anti-
Dühring" und "Der Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft" (i.f.: "Entwicklung..." ) geradezu in Ekstase. Er
bedenkt die Engels'sche Abrechnung mit Eugen Dühring mit so zwei-
felhaften Komplimenten wie: Sie sei
"tatsächlich eine wahre Enzyklopädie des Marxismus. Hier werden
alle drei Bestandteile der Lehre von Marx und Engels: der dialek-
tische und historische Materialismus, die politische Ökonomie und
die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus allseitig darge-
legt."
Und:
"Das geniale Werk von Engels behält seine unvergängliche Bedeu-
tung sowohl als unerschöpfliche Schatzkammer (!) der marxisti-
schen Theorie als auch als ideologische Waffe gegen die heutigen
Feinde des Marxismus..." (20/VIII und XIII)
Damit ist das ursprüngliche Anliegen von Engels und Marx, nämlich
mit einer vernichtenden Kritik der Theorie von Eugen Dühring der
Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands falsche Freunde vom
Hals zu schaffen, vollends verdreht. Wenn Engels in der Beurtei-
lung seiner Schrift zunächst recht vorsichtig auf den "positiven"
Charakter einiger Teile des "Anti-Dühring" verwies, wenn Marx in
der Vorbemerkung zur französischen Ausgabe zurückhaltend schrieb,
daß "Die Entwicklung..."
"gewissermaßen (!) eine Einführung in den wissenschaftlichen So-
zialismus" bilde (19/185),
so machen die Herausgeber der MEW kein Hehl mehr daraus, daß sie
mit diesen beiden Schriften eine ergiebige "Schatzkammer" gefun-
den haben, aus der sie so ziemlich jede Revision Marxscher Theo-
rie als authentischen Gedanken - wenigstens - von Engels belegen
können. Leider haben sie recht!
Die nachfolgende Rezension setzt sich aus diesem Grunde weniger
mit dem "Anti-Dühring" als vielmehr mit der "Entwicklung..." als
einem der klassischen Schulungstexte jeder revisionistischen Par-
tei oder Gruppierung auseinander. Sie führt den Nachweis, daß En-
gels gerade in dem Kernstück dieser Schrift, der Darlegung der
"materialistischen Anschauung der Geschichte (Teil III, 19/210
ff.), Fehler unterlaufen sind, die seine E i g n u n g a l s
K r o n z e u g e revisionistischer Theorien erklären.
Utopie: Gut gemeinte Parteilichkeit für die "leidende Klasse"
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"Die Entwicklung..." verfolgt ein für eine "Propagandaschrift"
merkwürdiges Anliegen. 'Reklame'zu machen für die Notwendigkeit
der revolutionären Erhebung der Arbeiterklasse gegen das Kapital
und seinen Staat heißt doch, den wissenschaftlichen Nachweis zu
führen, daß die Armut der arbeitenden Klasse n o t w e n-
d i g e s M i t t e l ihrer Ausbeuter ist, daß folglich weder
die extensive Benutzung der Lohnarbeit selbst, noch die zahllosen
Staatsreformen des Lohnarbeitsverhältnisses (Sozialstaat) den
G r u n d proletarischer Armut beseitigen. Dieses Anliegen ist
nicht zu realisieren, ohne den Nachweis der Fehlerhaftigkeit
jener Theorien zu führen, die entweder die U n a b ä n-
d e r l i c h k e i t der Lage der arbeitenden Klasse z.B. mit
einem "Bevölkerungsprinzip" (Malthus, vgl. Das Kapital, 23/640
ff.) beweisen, oder deren Ü b e r w i n d u n g z.B. mit
"Tauschbanken" (Proudhon, 19/200; 25/357 ff.) bewerkstelligen
wollten. All dies ist von Marx im "Kapital" hinreichend
kritisiert worden und gerade jene "falschen Sozialisten" oder
Apologeten der bürgerlichen Ordnung hat er sich erschöpfend vor-
geknöpft, deren Einfluß auf das Denken und Handeln der interna-
tionalen Arbeiterklasse es zurückzudrängen galt.
Ganz anders Engels in der "Entwicklung...". Wenn er sich Saint-
Simon, Fourier, Owen und Hegel vornimmt, dann verfolgt er
n i c h t die Absicht, die Arbeiterklasse und ihre Parteien auf
die Fehler dieser Theoretiker aufmerksam zu machen:
"Die materialistische Geschichtsanschauung und ihre spezielle An-
wendung auf den modernen Klassenkampf zwischen Proletariat und
Bourgeoisie war nur möglich (!) vermittels der Dialektik... - wir
deutschen Sozialisten sind stolz darauf, daß wir abstammen nicht
nur von Saint-Simon, Fourier und Owen, sondern auch von Kant,
Fichte und Hegel." (19/187 f.)
Der Fehler der französischen und britischen "utopischen Soziali-
sten" und der Idealismus des deutschen Staatsphilosophen Hegel,
um die keiner besser Bescheid wußte als Marx und Engels (vgl. MEW
1; 4/489 ff; 25/623; 27/461), werden hier dagegen für den Zweck
einer sehr interessiert verfaßten Theoriegeschichte herangezogen,
die genau dem Prinzip folgt, welches Engels selbst in einem spä-
teren Vorwort zu eben dieser seiner eigenen Schrift kritisch ge-
gen Dühring vorstellt:
Dühring sei ein typischer deutscher Vertreter des "fundamentalen
Tiefsinns oder einer tiefsinnigen Fundamentalität." Als solcher
hat er "zu beweisen, daß sowohl die ersten Prinzipien der Logik
als auch die Grundgesetze des Universums von aller Ewigkeit her
zu keinem anderen Zweck existiert haben als dazu, in letzter In-
stanz zu dieser neuentdeckten, allem die Krone aufsetzenden Theo-
rie hinzuleiten." (19/524)
In Sachen 'wissenschaftlicher Sozialismus' geht dieser Beweis wie
folgt: Wenn die Marxsche Theorie dem Sozialismus allererst die
"Krone aufgesetzt" hat, indem er ihn zu einer Wissenschaft ge-
macht hat, dann war er sozusagen die Erfüllung zweier Abteilungen
des vorangegangenen Geisteslebens. Deren M ä n g e l soll Marx
überwunden und deren p o s i t i v e Momente soll er integriert
haben. Über die früheren Sozialisten urteilt Engels folglich:
"Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende Pro-
duktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären,
also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach
als schlecht verwerfen." (19/208 f.)
Die 'Zwar-Aber-Logik' der historischen Teleologie verfertigt hier
aus der theoretischen Befassung mit der entstehenden kapitalisti-
schen Ökonomie ein P l u s, nur weil die A b s i c h t dieser
ersten Sozialisten kritisch, ihre P a r t e i n a h m e für die
Interessen der "leidenden Klasse" (4/490) nicht zu leugnen war.
Daß genau jene Kritik, mit deren Lob Engels beginnt, nichts taugt
und sogar dort, wo sie praktisch wird, verheerende Konsequenzen
nach sich zieht (sie wollen immer gleich "die ganze Menschheit
befreien" - siehe dazu das Kommunistische Manifest, 4/489 ff.),
bildet dann den Inhalt des M i n u s: Die Kritik war leider
b e g r i f f s l o s; womit Engels hier auch weniger auf die
bestimmten theoretischen Fehler dieser Sozialisten, als vielmehr
auf die A b w e s e n h e i t der korrekten Kritik der kapita-
listischen Ausbeutung durch Marx verwiesen haben will.
Um die so verrissenen Theorien - zusammengefaßt heißt das Urteil
von Engels nämlich: begriffslose Parteinahme für die Elendigsten
- zu einem Schritt auf dem Wege zum Sozialismus als Wissenschaft
von Marx und Engels zu verfabeln, muß Engels selbst zwei Fehler
machen: Zum einen muß ihm das B e k e n n t n i s eines Saint-
Simon, es "sei ihm überall und immer zuerst zu tun um das Ge-
schick 'der zahlreichsten und ärmsten Klasse'" (19/195), bereits
für sich als Leistung gelten, getrennt von den Ausführungen, die
diesem Bekenntnis folgen. Weite Teile des "Anti-Dühring", die
Marxsche Kritik an Proudhon usw. sind eine einzige Blamage dieses
Gedankens. Das A n l i e g e n der Theorie erweist sich doch
allererst in dem, was sie selbst an Gedanken zuwege bringt und
nicht in ihren Absichten und Bekenntnissen. Schärfer: Erst der
Zusammenhang der Urteile selbst gibt die Absichten preis, die der
Theoretiker verfolgt. Wäre dem nicht so, dann wäre das "Elend der
P h i l o s o p h i e" Proudhons damit e n t s c h u l d i g t,
daß es als die "Philosophie des E l e n d s" gedacht war. Dann
wäre auch ein Herr Dühring aus dem Schneider, der es an Bekennt-
nissen nicht fehlen läßt, einen Beitrag zum endgültigen Gelingen
des Sozialismus liefern zu wollen, und dieses sein Bekenntnis mit
der Erfindung einer Wirtschaftskommune Lügen straft, in der aus-
gerechnet das "Grundgesetz der Warenproduktion", wie es im Kapi-
talismus Gültigkeit hat, der Austausch von Arbeit gegen Arbeit,
erstmal zu - bewußten - Ehren kommen soll (20/291).
Zum anderen erfindet sich Engels einen G e g e n s t a n d,
weil es ihm um den Nachweis geht, dieser hätte in der Marxschen
Theorie den Höhepunkt seiner "E n t w i c k l u n g" erreicht.
Was soll denn eigentlich dieser "Sozialismus" sein, d e r sich
"entwickelt" habe? Was ist denn das I d e n t i s c h e dieses
Gegenstandes, ohne welches seine Entwicklung nicht gedacht, ge-
schweige denn nachvollzogen werden kann? Das Dementi dieser Er-
findung enthält der Titel der Schrift von Engels selbst: Wenn
sich der "Sozialismus" von der "U t o p i e" zur "W i s s e n-
s c h a f t" entwickelt hat, dann handelt es sich eben im einen
Fall um die Erfindung "gesellschaftlicher Zukunftsvorstellungen"
und im anderen Fall um die wissenschaftliche Erklärung des
Kapitalismus. Größere Gegensätze sind auf dem Feld der
t h e o r e t i s c h e n Befassung mit der Welt kaum
auszumachen: Die Kritik der Verhältnisse einmal als Hirngespinst
von einer besseren Zukunft und zum anderen als ihre richtige
Durchführung. Die praktische Konsequenz dieser Fehler haben Marx
und Engels bereits im "Kommunistischen Manifest" nachgewiesen:
"Sie appellieren fortwährend an die ganze Gesellschaft ohne Un-
terschiede, ja vorzugsweise an die herrschende Klasse. Man
braucht ihr System ja nur zu verstehen, um es als den bestmögli-
chen Plan der bestmöglichen Gesellschaft anzuerkennen. Sie ver-
werfen daher alle politische, namentlich revolutionäre Aktion,
sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Wege erreichen und versuchen,
durch kleine, natürlich fehlgeschlagene Experimente, durch die
Macht des Beispiels dem neuen Evangelium Bahn zu brechen."
(4/490)
Von "Entwicklung" d e s Sozialismus kann also keine Rede sein:
weder in dem Sinne, daß ohne jene frühen Sozialisten das
"Kapital" nicht geschrieben worden wäre - wie soll auch ausge-
rechnet eine Ansammlung von f a l s c h e n Erkenntnissen und
"Zukunftsvorstellungen" bei der Erfassung der W a h r h e i t
über den Kapitalismus hilfreich sein -, noch in dem Sinne, daß
jene utopischen Sozialisten in sich den Keim des wissenschaftli-
chen Sozialismus getragen hätten - das ginge nur vermöge einer
"Dialektik", die ausgerechnet in Fehlern immer den Keim der Wahr-
heit entdeckt.
Die Erfindung des Gegenstandes "Sozialismus" und "seiner Entwick-
lung", die den angeblichen Vorläufern neben dem Verriß - 'Sie wa-
ren noch nicht so weit!' - zugleich die Ehrenrettung - 'Sie waren
irgendwie auf dem richtigen Wege!' - angedeihen lassen muß, dient
folglich nur als Beweis der besonders hervorragenden Bedeutung
des Endpunkts, eben von Marx. Aus diesem Zweck leitet sich auch
der Maßstab des Urteilens über die "frühen Sozialisten" her: En-
gels unterzieht nämlich diese Theoretiker in seiner Minus-Abtei-
lung gar keiner Kritik, sondern macht ein V e r h ä l t n i s
zum Endprodukt seiner erfundenen Entwicklung auf. So stellt er
zusammen, was sie alles noch nicht herausgefunden haben (oder gar
haben konnten), "kritisiert" folglich Saint-Simon, Fourier und
Owen nur in ihrer A b w e i c h u n g von Marx. In der Plus-Ab-
teilung verfährt er ebenso. Ganz besonders ärgerlich ist es al-
lerdings, wenn Engels zum Beweis der Genialität der frühen Sozia-
listen ausgerechnet auf solche Gedanken verweist, die mit Marx-
scher Theorie nichts, wohl aber einiges mit Engels Mißverständnis
derselben zu tun haben:
Beispiel 1:
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"Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz
auf, daß 'alle Menschen arbeiten sollen'". (19/195)
Aus der Marxschen N o t w e n d i g k e i t -
"Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die
Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Exi-
stenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den
Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Le-
ben zu vermitteln." (23/57) -
wird hier ganz umgekehrt ein Imperativ gemacht; die Existenzbe-
dingung wird zum Existenzzweck verdreht, so daß das ganze Elend
des Kapitalismus dann in fehlender Arbeit zu liegen scheint,
statt daß es in dem ständig reproduzierten Ausschluß von den Exi-
stenz m i t t e l n gesehen wird.
Beispiel 2:
-----------
Fourier habe entdeckt, daß "in der Zivilisation die Armut aus dem
Überfluß selbst entspringt." (19/197)
Eine Entdeckung, die Engels begeistert kommentiert:
"Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben
Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel." (a.a.O.)
Wenn an diesen Sprüchen mehr eine "Denkform" (20/33) als ihr In-
halt interessiert, dann ist es kein Wunder, daß Engels der Fehler
der Aussage von Fourier nicht auffällt. Aus Überfluß kann beim
besten Willen keine Armut entspringen. Allein wenn der Überschuß
die Form des a b s t r a k t e n Reichtums annimmt, er über-
haupt nur als solcher gilt, wenn er als Mittel für Profit taug-
lich ist, dann ist damit über den Ausschluß der Arbeiterbevölke-
rung vom Reichtum der Gesellschaft entschieden. Doch genau dies
hatte Fourier mitnichten erkannt. Wenn aber die abstrakte Form
des Reichtums nicht geklärt ist, wird das Rätsel, daß im Kapita-
lismus nicht etwa zuviel Reichtum produziert wird, sondern
"periodisch zuviel Reichtum in seinen kapitalistischen, gegen-
sätzlichen Formen" (Das Kapital, 25/268) nicht gelöst und - ver-
rückterweise - d e r Überfluß als Grund für Armut, statt als
Mittel ihrer Überwindung vorgeführt. Man stelle sich nur die
praktische Konsequenz dieser Fourierschen Botschaft vor: Statt
'Abschaffung des Kapitalverhältnisses' hieße sie: Überschußpro-
duktion überhaupt, nein danke!
Wissenschaft = Dialektik
------------------------
"Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte e r
(!) erst auf einen r e a l e n Boden gestellt werden." (19/201)
Das soll nun nicht etwa heißen, daß Marx, nachdem er zu der Fest-
stellung gelangt war, daß alle sozialistischen Theoretiker das
"Elend der arbeitenden Menschen" nicht zu erklären vermochten,
sich wohl oder übel selbst an die Arbeit machen mußte, sich dazu
die "Sache im Detail" anzueignen und ihren inneren Zusammenhang
zu enthüllen hatte. Engels denkt anders: Er stellt sich die
Frage, wie jene "Entwicklung" zum wissenschaftlichen Sozialismus
von Marx m ö g l i c h war! Eine Frage, die der Logik seines
falschen Anliegens folgt: Wenn nämlich der Ausgangspunkt der
"Entwicklung" d e s "Sozialismus" eben nur "Utopie" war, mithin
Hirngespinst, das Gegenteil von wissenschaftlicher Ergründung des
entstehenden Kapitalismus, dann muß, damit aus Falsch Richtig,
aus Utopie Wissenschaft werden kann, im "Entwicklungsprozeß" des
erfundenen Gegenstands "Sozialismus" irgendeine Wende eingetre-
ten, irgendein die Wissenschaftlich k e i t beförderndes Element
- gottlob - dazwischengetreten sein. Und das hat Engels in
Gestalt der "Dialektik" entdeckt, welche die "realistische" (=
materialistische) Wende "des Sozialismus" eingeleitet haben soll:
"Die materialistische Geschichtsanschauung und ihre spezielle An-
wendung (!) auf den modernen Klassenkampf zwischen Proletariat
und Bourgeoisie war nur m ö g l i c h v e r m i t t e l s
d e r D i a l e k t i k." (19/187).
Daß eine bestimmte "Denk m e t h o d e" (19/202) der richtigen
Erkenntnis des Kapitalismus v o r a u s g e s e t z t sei, kann
nur jemand behaupten, der den bestimmten Zusammenhang etwa von
Lohn, Preis, Profit Kredit usw. nicht in den ökonomischen Gegen-
ständen selbst entdeckt sondern in einer bestimmten A r t d e s
D e n k e n s. Verrückte Vorstellung, zu der sich Engels in sei-
ner Absicht, teleologisch die Überlegenheit der Marxschen Theorie
zu beweisen, bekennt. Der alte, gerade von deutschen Philosophen
wie Hegel bereits kritisierte erkenntnistheoretische Zirkel muß
hier herhalten: Zur richtigen Erkenntnis des G e g e n s-
t a n d e s bedarf es danach nämlich einer richtigen M e t h o-
d e d e s D e n k e n s, die - sofern man sie sich einmal vom
Inhalt des Denkens getrennt vorstellt das Kriterium ihrer eigenen
Richtigkeit doch aus nichts anderem als dem z u e r k e n-
n e n d e n G e g e n s t a n d selbst beziehen kann, was
hieße, i h n a l s e r k a n n t e n bereits vorauszusetzen,
um die Adäquanz der Methode zu s e i n e r Erkenntnis be-
urteilen zu können.
Was Engels jedoch in der "Entwicklung..." als "Dialektik"
v o r s t e l l t, löst den Zirkel - falsch - auf. Von einer
"Denkmethode" kann wirklich nicht die Rede sein bei der losen An-
sammlung logischer Kategorien:
Dialektik, faßt "die Dinge und (!) ihre begrifflichen Abbilder
wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewe-
gung, ihrem Entstehn und Vergehn auf... mit steter Beachtung der
allgemeinen Wechselwirkung des Werdens und Vergehens, der fort-
und rückschreitenden Änderungen", stellt sie "als in steter Bewe-
gung, Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen" dar, so
daß "von diesem Gesichtspunkt aus... die Geschichte der Mensch-
heit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkei-
ten..., sondern als ein Entwicklungsprozeß der Menschheit
selbst..." erschien. (19/205 f.)
Die einzige Gemeinsamkeit dieser Kategorien liegt in dem An-
spruch, als theoretische O r d n u n g s s t i f t e r zu fun-
gieren, damit der Mangel überwunden würde, den Engels als Zusam-
menhanglosigkeit etc. bei den "Vorläufern" des wissenschaftlichen
Sozialismus ausgemacht hat, so als hätten die nicht eine falsche,
sondern gar keine Erklärung geliefert. Diese abstrakten, sprich:
vom Gegenstand des Denkens getrennten
Denk v o r s c h r i f t e n verraten ihre Herkunft allesamt aus
der Kritik der politischen Ökonomie selbst: Wo Marx etwa den be-
stimmten Zusammenhang zwischen Geld und Ware erklärt, erfindet
Engels das P r i n z i p, daß die Dinge in ihrem
Z u s a m m e n h a n g aufgefaßt werden müßten; wo Marx etwa
die Formverwandlung des Kapitals als Geld-, Waren- und produkti-
ves Kapital im Kapitalkreislauf erklärt, gibt es bei Engels das
P r i n z i p, die Dinge in ihrer Veränderung und Bewegung zu
begreifen etc. Man versuche einmal, nur ausgerüstet mit einem
Haufen solcher "Denk"-Prinzipien wie "allgemeine Wechselwirkung",
"Vergehn", "Bewegung" oder "Umbildung" auf die Welt loszugehen,
um etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Schon der erste
Schritt würde das Scheitern eines solchen Weges offenbaren: Als
Methode müßten diese Prinzipien eben auf Gegenstände angewandt
werden, deren Identifizierung bereits eine Erkenntnisleistung vor
der Anwendung der Prinzipien darstellt. Ihre Anwendung auf Er-
kanntes stellt aber nicht nur die Widerlegung der behaupteten
Leistung dieser "dialektischen Methode" dar, sondern erweist die
absolute Überflüssigkeit dieses Verfahrens: Man möge sich den Ka-
pitalismus vornehmen und nun z.B. das Privateigentum an den Pro-
duktionsmitteln unter dem Gesichtspunkt "Vergehn" oder "Bewegung"
untersuchen. Dabei steht nicht infrage, d a ß dies geht. Immer-
hin werden mittels eines solchen Verfahrens Bibliotheken gefüllt.
Doch ist dieser Weg gleichgültig gegenüber der Erkenntnis des Ge-
genstandes. Er löst ihn in Betrachtungsweisen auf. Denn o b
und/oder w i e sich z.B. das Privateigentum an Produktionsmit-
teln "bewegt", "verändert" oder "wechselwirkt", ist allein den
Bestimmungen des Privateigentums zu entnehmen. Marx hat das
"Rationelle an der Methode, die Hegel entdeckt, aber zugleich my-
stifiziert hat", auch durchaus nicht in einer erkenntnisstiften-
den Funktion, sondern darin gesehen, für die "Methode des
B e a r b e i t e n s" der bereits e n t d e c k t e n Geheim-
nisse des Kapitals Dienst zu leisten. (29/, 260)
Im übrigen exerziert Engels an Hegel, dem die neuere deutsche
Philosophie die "Dialektik" verdanke, dasselbe Spielchen durch,
das an den französischen Sozialisten bereits kritisiert wurde.
Hegel war eben einerseits der bekannte Idealist, der eine
"kolossale Fehlgeburt" (19/206) hinterlassen habe,
a n d e r e r s e i t s soll gerade
"die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen
Idealismus... notwendig zum Materialismus" (19/207)
geführt haben; was ein Unding ist, denn die Einsicht in die Ver-
kehrtheit einer Theorie ist nichts anderes als eben diese und
fällt noch lange nicht mit der korrekten Erklärung der Dinge zu-
sammen - geschweige denn mit Engels' Notwendigkeit. Daß ausge-
rechnet die verfehlte Einsicht als positive Bedingung der erfolg-
ten richtigen Einsicht in die Natur des Kapitals herhalten muß,
statt daß sie als Verfehlung einfach festgehalten wird, die wei-
tere Anstrengungen des Hirns leider noch nötig macht - wie froh
wäre Marx gewesen, wenn ein Teil der Arbeit ihm von anderen be-
reits abgenommen worden wäre -, resultiert aus Engels' Absicht,
die Überlegenheit und letzte Gültigkeit der Marxschen Theorie da-
mit beweisen zu wollen, daß sie als die notwendige Vollendung der
in den Mängeln von französischem Utopismus und deutscher Philoso-
phie liegenden Keime (= Möglichkeiten) vorgestellt wird - also
als Krönung der modernen europäischen Geistesgeschichte.
"Materialistische Geschichtsauffassung" plus Mehrwert
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Nur konsequent ist es, wenn Engels sein Beweisverfahren, welches
dem "Utopismus" den Marxschen realistischen "Materialismus" und
der verfehlten Anwendung der "Dialektik" auf die Geschichte bei
Hegel deren richtige " Anwendung" als "materialistische Ge-
schichtsanschauung" entgegensetzt, auf die Marxsche Einsicht in
die Natur des Kapitalverhältnisses selbst auch noch anwendet.
Dies beginnt damit, daß Engels bei der Darstellung der "großen
Entdeckungen" die Trennung von "Kritik der politischen Ökonomie"
u n d jener "materialistischen Geschichtsanschauung" (s. dazu
auch MSZ 1/83: Kritik der Deutschen Ideologie, S. 67), welche auf
alle Gegenstände angewendet werden müsse, durchhält:
"Es handelte sich aber darum, die kapitalistische Produktions-
weise e i n e r s e i t s in ihrem geschichtlichen Zusammenhang
und ihrer Notwendigkeit für einen bestimmten geschichtlichen
Zeitabschnitt, also auch die Notwendigkeit ihres Untergangs, dar-
zustellen, a n d e r e r s e i t s aber auch (!) ihren innern
Charakter bloßzulegen, der noch immer verborgen war. Das geschah
durch die Enthüllung des Mehrwerts." (19/209)
Und zusammengefaßt:
"Diese beiden (!) großen Entdeckungen: die materialistische Ge-
schichtsauffassung und (!) die Enthüllung des Geheimnisses der
kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken
wir Marx." (a.a.O.)
Es bleibt das Geheimnis von Engels, wie die historische Untersu-
chung des bestimmten Zusammenhangs etwa zwischen feudalistischer
und kapitalistischer Produktionsweise vonstatten gehen kann, wenn
nicht der Begriff beider Produktionsweisen und d.h. für den Kapi-
talismus allemal, die innere Natur des Mehrwerts, erklärt ist.
Daß mit der Enthüllung des Mehrwerts allererst die "historische
Frage" nach der sogenannten ursprünglichen Expropriation und der
sogenannten ursprünglichen Akkumulation entstand - dies Verhält-
nis von "Geld- oder Warenbesitzer auf der einen und auf der and-
ren bloßen Besitzern der eignen Arbeitskraft" kann kein
"naturgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das
allen Geschichtsperioden gemein wäre" (Das Kapital, 3/183 u. 741
ff.) sein -, ist einem Historiker schlecht einsichtig zu machen,
der den geschichtsmethodischen Standpunkt, die E r k l ä r u n g
einer Produktionsweise sei weitgehend eine Sache des historischen
Z u s a m m e n h a n g s der Produktions w e i s e n, bereits
vor dem B e g r e i f e n der Gegenstände eingenommen hat.
Was für den Nachweis der "Notwendigkeit" des E n t s t e h e n s
der kapitalistischen Produktionsweise gilt, hat bei Engels auch
Gültigkeit für die "Notwendigkeit ihres Untergangs". Dem Nach-
weis, daß die Marxsche Theorie die "allem die Krone aufsetzende
Theorie" sei, schließt er im III. Teil des Aufsatzes die Wer-
bungsveranstaltung für die von ihm ausgemachten, b e s t i m m-
t e n R e s u l t a t e des wissenschaftlichen Sozialismus an:
Die "Notwendigkeit des Untergangs" des Kapitalismus ist eben für
Engels nicht mit der Enthüllung des Mehrwerts, d.h. mit den darin
liegenden Gründen für das Proletariat, den Kapitalismus und
seinen Staat abzuschaffen, gegeben, sondern bedarf für Engels
eines g e s o n d e r t e n N a c h w e i s e s. Für das
"Untergehen" wird folglich ein historisches "Subjekt" erfunden,
welches sich "Notwendigkeit" nennt, und welches nicht zu
verwechseln ist mit dem logischen Sachverhalt, daß jeder Nachweis
der N o t w e n d i g k e i t eines ökonomischen Gegenstands
dessen G r u n d in einem anderen Gegenstand ausfindig gemacht
hat. Wenn für Engels der Arbeiterklasse mit der Erklärung, daß
ihre lebenslang reproduzierte Armut Mittel des Kapitals ist,
nicht zugleich die Gründe für die Abschaffung des Kapitalverhält-
nisses an die Hand gegeben sind, dann müssen ihr dafür andere
Gründe geliefert werden. I h r e können es dann nicht mehr
sein.
Untergang der Bourgeoisie - Sieg des Proletariats:
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Ein geschichtsdeterminiertes Happy-end
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Die Darstellung der "großen Entdeckungen" von Marx - und die
"Enthüllung des Mehrwerts" taucht da nicht mehr auf - gerät zu
einem einzigen Nachweis der M ö g l i c h k e i t und
U n v e r m e i d l i c h k e i t der Revolution. Die Kritik des
Kapitalismus, bei Engels historisch als sein "Entstehen", seine
"Entwicklung" und sein " Vergehn" vorgestellt, soll den Beweis
antreten, daß Revolution k l a p p e n wird. Zu diesem Zweck
erfindet sich Engels Gesetzmäßigkeiten des Kapitals, denen zu-
folge der Kapitalismus systematisch auf seine eigene Überwindung
zutreibt:
Zunächst einmal beweisen für Engels
"die Krisen die U n f ä h i g k e i t der Bourgeoisie zur
fernern Verwaltung der modernen Produktivkräfte" (19/221),
die sie selbst ins Leben gerufen haben.
Ausgerechnet in der Krise, in welcher sich das Kapital regelmäßig
als ausgesprochen fähig erweist, mittels besonderer Benutzung der
Lohnarbeiter - Entlassungen, Intensivierung der Arbeit, Lohnsen-
kung... - den Widerspruch seiner Akkumulation (vgl. MSZ 5/82) zu
bereinigen und diese auf eine neue Grundlage zu stellen, entdeckt
Engels die "Unfähigkeit" der Bourgeoisie. Zu diesem Urteil ge-
langt er nur, weil er 1. der Bourgeoisie einen falschen Zweck un-
terstellt, und sie dann 2. daran scheitern läßt! Es geht eben der
Kapitalistenklasse nicht um die "Verwaltung der Produktivkräfte",
sondern um ihren Einsatz als Mittel der Akkumulation. Und wenn
dieses "M i t t e l - die unbedingte Entwicklung der gesell-
schaftlichen Produktivkräfte - in fortwährenden Konflikt gerät
mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapi-
tals" (Das Kapital, 25/260), dann zeigt sich die F ä h i g-
k e i t der Bourgeoisie gerade in der Abwicklung der Entwertung
des Kapitals - als Kapitalwert und Kapitalsubstanz. Das aparte
Urteil, welches Engels zustande bringt, lautet dagegen: Bei den
Kapitalisten handelt es sich um lauter u n t a u g l i c h e
Brüder, die mit den von ihnen selbst eingerichteten
Produktivkräften nicht mehr zu Rande kommen. Der Beweis der
dringenden N o t w e n d i g k e i t ihrer A b l ö s u n g
ist erbracht; allerdings auf Kosten einer grandiosen
Verharmlosung des mit allen ökonomischen und politischen
Gewaltmitteln ausgestatteten Gegensatzes, den das Kapital dem
Proletariat - ganz besonders in der Krise - aufmacht.
Zum Vorwurf der "Untauglichkeit" gesellt sich der Nachweis der
"E n t b e h r l i c h k e i t" der Bourgeoisie:
Es zeigt die Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsan-
stalten in Aktiengesellschaften, Trusts und Staatseigentum die
Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck (der fernern Ver-
waltung der modernen Produktivkräfte). Alle gesellschaftlichen
Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Ange-
stellten versehen." (19/221)
Der idealistische Maßstab der Kritik befördert weitere falsche
Urteile über die Kapitalistenklasse zutage: Ausgerechnet dort, wo
das Kapital prinzipiell das Geld der ganzen Gesellschaft als Mit-
tel seiner Akkumulation einsetzen kann, wo der Privateigentümer
von Produktionsmitteln nicht mehr an sein Kapitalquantum als Mit-
tel der weiteren Verwertung gebunden ist, folglich auf ungleich
größerem Maßstab die Produktivkräfte der Arbeit als Kapital fun-
gieren lassen kann, entdeckt Engels die "Entbehrlichkeit" der
Bourgeoisie. Für einen Zweck, den die Bourgeoisie n i c h t
hat, soll sie wohl entbehrlich sein!
Doch Engels will anderes aufzeigen: Die mit dem zinstragenden Ka-
pital (Kredit) gegebene Trennung von "Kapital als Eigentum gegen-
über dem Kapital als Funktion" (Das Kapital, 25/392), die den
Grund für Rentiers, Banker, Aktionäre usw., also für weitere Ab-
teilungen der Bourgeoisie abgibt, läßt den Kapitaleigentümer als
den Organisator der A u s b e u t u n g in der Tat
"entbehrlich" werden. Das läßt er von seinen Agenten bewerkstel-
ligen. Doch bekanntlich hört die auf dem Privateigentum an Pro-
duktionsmitteln beruhende Ausbeutung nicht auf, wenn die "Arbeit
der Oberleitung, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, auf der
Straße herumläuft." (Das Kapital, 25/400) Und doch entdeckt En-
gels gerade in dem Nachweis der "Entbehrlichkeit" der Kapitalei-
gentümer für das F u n k t i o n i e r e n des produktiven Ka-
pitals die fortschreitende B e d i n g u n g für die
Ü b e r n a h m e des ganzen Ladens durch das Proletariat.
Der Fehlschluß von Engels grenzt an Antikommunismus, der den Ar-
beitern den Klassengegensatz ausreden will: Da schafft die Bour-
geoisie sich mit dem Kredit eines der gewaltigsten Mittel zur
weiteren Aussaugung der Arbeiter, leistet sich innerhalb der ei-
genen Klasse dafür die Arbeitsteilung in den Kapitalfunktionär
und in den Kapitaleigner, welcher in der Tat i n dem kapitali-
stischen Unternehmen überflüssig ist, nur noch f ü r diese Geld
organisiert und sich d u r c h sie bereichert, da setzt sie den
Kredit international als d a s Zugriffsmittel auf sämtliche
Reichtümer dieser Erde ein, finanziert ganze Nationen und paupe-
risiert deren Untertanen (vgl. Das Kapital 25/584 ff.) - und
schon erklärt Engels: "Die Bourgeoisie erweist sich als überflüs-
sige K l a s s e." (19/228) Gründlicher konnte er seinen Freund
kaum mißverstehen!
Fast hat es den Anschein, als wolle Engels über eine falsche
theoretische Analogie zwischen den beiden
g e g e n s ä t z l i c h e n Klassen sogar noch eine Schick-
sals g e m e i n s c h a f t zwischen ihnen ableiten:
"Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst Arbeiter ver-
drängt, so verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie,
ganz wie (!) die Arbeiter, in die überflüssige Bevölkerung, wenn
auch zunächst (!) noch nicht in die industrielle Reservearmee!"
(19/222)
Der kleine Unterschied zwischen den beiden Klassen, daß nämlich
die eine ihre "Entbehrlichkeit" in den Zentren des Luxus genießen
kann, die andere ihre "Überflüssigkeit" auf dem Arbeitsmarkt und
deren Auswirkungen in der Arbeit erfährt, ist Engels keiner Er-
wähnung wert. Denn die "Tendenz", daß wenigstens größere
T e i l e der Bourgeoisie - zumindest "objektiv" als O p f e r
ausgerechnet der Produktionsweise, von der sie allein profitiert,
an der Seite der Arbeiterklasse steht, ist für ihn unabweisbar:
Es bleibt für ihn überhaupt nur noch übrig:
"eine kleine Bande von Kuponschneidern." "Hier aber wird die Aus-
beutung so handgreiflich (!), daß sie zusammenbrechen muß. Kein
Volk (!) würde eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so
unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit (!) durch eine kleine Bande
von Kuponabschneidern sich gefallen lassen." (19/221)
(Deswegen müssen gestandene Revisionisten wohl heute noch statt
gegen die hingenommene Ausbeutung gegen die ungerechte Monopol-
stellung von Krupp und Flick Empörung stiften!)
Zunächst hat Engels K r i s e und K r e d i t als die besten
V e r b ü n d e t e n des Proletariats im Klassenkampf ausge-
macht - die Krise dadurch, daß sie die Unfähigkeit der Bour-
geoisie, den Kredit dadurch, daß er ihre Überflüssigkeit erweist;
jetzt ist konsequenterweise aus dem Klassenkampf ein
V o l k s kampf geworden, in welchem auch die Bourgeoisie tapfer
ihren Mann steht gegen ihre Klassenbrüder von der Kuponschneider-
fraktion. Allerdings muß von K a m p f nicht mehr geredet wer-
den: Die Sachverhalte und die Machtverhältnisse sind klar und im-
mer klarer. Eine "kleine Bande" wird von der "Gesamtheit", die
entschlossen ist kurz weggefegt, weil die Fortschritte der staat-
lich verwalteten Ausbeutung automatisch die staatsbürgerlichen
Gedanken kritisiert, mit denen die Fortschritte der Ausbeutung
als Sachnotwendigkeiten interpretiert werden.
Bleibt nur noch eine Frage offen: Was treibt bei Engels eigent-
lich der "ideelle Gesamtkapitalist", der Staat? Wie steht es mit
ihm, der doch mit der gewaltsamen Aufrechterhaltung der kapitali-
stischen Eigentumsordnung, der mit der Regelung des vom Kapital
so schön benutzten Klassengegensatzes steht und fällt? Auch aus
ihm als "dem S t a a t der Kapitalisten", aus dieser
"wesentlich kapitalistischen Maschine" (19/222) verfertigt Engels
schließlich theoretisch eine g ü n s t i g e B e d i n g u n g
für die Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise:
"In den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol, kapi-
tuliert die planlose Produktion der kapitalistischen Gesellschaft
vor der planmäßigen Produktion der hereinbrechenden sozialisti-
schen Gesellschaft... So oder so, mit oder ohne Trusts, muß (!)
schließlich der offizielle Repräsentant der kapitalistischen Ge-
sellschaft, der Staat, die Leitung der Produktion übernehmen...
Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr
wird er (der ideelle Gesamtkapitalist) wirklicher Gesamtkapita-
list, desto mehr Staatsbürger beutet er aus." (19/220 f.)
Schlechte Aussichten - zunächst wenigstens. Zumal Engels genug
Verstaatlichungen - unter Metternich, Bismarck... - selbst stu-
dieren konnte. Die rangieren dann aber bei ihm unter "falschem
Sozialismus", weil sie der Staat aus "politischen und finanziel-
len Gründen" initiierte, nicht aber weil die "Verstaatlichung
ökonomisch unabweisbar geworden" war. Und nur letztere verdient
sich bei Engels das Prädikat "ökonomischer Fortschritt" (19/221,
Anm.). Was jedoch an einer staatlich organisierten Ausbeutung,
die wegen ihrer ökonomischen Unabweisbarkeit - worin diese auch
immer bestehe - stattfindet, fortschrittlicher sein soll, als an
eben derselben staatlich organisierten Ausbeutung, die der Staat
aus "ganz alltäglichen politischen und finanziellen Gründen" ins
Werk setzt, bleibt unerfindlich.
Doch ist es Engels darum gar nicht zu tun. Diese Zerlegung e i n
u n d d e r s e l b e n Staatsmaßnahme in zwei verschiedene
verdankt sich einem Fehler, der seinem falschen Beweisanliegen
gute Dienste tut: Einmal begründet Engels die Verstaatlichung aus
einer Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Ökonomie, die er auch
nicht inhaltlich entwickelt, sondern methodisch behauptet
("ökonomisch unabweisbar"). Zum anderen gibt er für sie die beim
Staat vorhandenen, "ganz alltäglichen politischen und finanziel-
len Gründe" an. Er verdoppelt damit dieselbe Staatsmaßnahme, in-
dem er sie einer d o p p e l t e n
B e t r a c h t u n g s w e i s e unterwirft. Einmal benennt er
ihre allgemeinste ö k o n o m i s c h e F u n k t i o n (deren
Wahrheitsgehalt hier dabei nicht interessiert) und zum anderen
gibt er die bestimmten Gründe für sie an, die der S t a a t bei
sich für diese Verstaatlichung entdeckt. So als wollte man die
Arbeitslosenversicherung in eine fortschrittliche zerlegen, die
sie als Beitrag zur notwendigen Erhaltung der industriellen Re-
servearmee ausweist und die sich aus dem allgemeinen Gesetz der
kapitalistischen Akkumulation erklären läßt (Das Kapital, I./23.
Kapitel), und zum anderen in eine reaktionäre, die sich der "ganz
alltäglichen" Politik des Staates verdankt, mit der er den Arbei-
tern selbst die Kosten ihrer Erhaltung als Ausbeutungsmaterial
aufbürdet und obendrein in der Versicherung noch eine hübsche zu-
sätzliche Einnahmequelle entdeckt. Damit hat er den Staat einmal
als exekutive Agentur der von ihm behaupteten
ö k o n o m i s c h e n Tendenz des K a p i t a l s vorge-
stellt und zum anderen als politisches Instrument in den Händen
der K a p i t a l i s t e n k l a s s e. Als was er nun jeweils
zu behandeln ist, kommt eben ganz darauf an. In der Tendenz ist
für Engels die Sache jedenfalls klar. Auf Dauer hat die Bour-
geoisie keine Chance, den Staat politisch für sich einzusetzen,
da muß er sich als "wirklicher Gesamtkapitalist" der historischen
Notwendigkeit beugen:
"Das Kapitalverhältnis wird (mit der unabweisbaren, ökonomisch
notwendigen Verstaatlichung) nicht aufgehoben, es wird vielmehr
auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um (!).
Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht Lösung des
Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Hand-
habe der Lösung. ... Indem sie (die kapitalistische Produktions-
weise) mehr und mehr auf Verwandlung der großen vergesellschaf-
teten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie
selbst den Weg an zur Vollziehung der Umwälzung. Das Proletariat
ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel
zunächst in Staatseigentum." (19/222 f.)
Wenn der Staat dann nur noch die verkehrte Hülle der hereingebro-
chenen sozialistischen Produktionsweise ist, dann braucht eben
das Proletariat nur noch diese Hülle wegzuziehen, d.h. die ein-
fach so daliegende, zweck- und interessenlose Staatsgewalt er-
greifen. Die Bourgeoisie ist "untauglich", "überflüssig" und ge-
schrumpft. Sie kann den Staat als ihr Instrument nicht mehr hal-
ten. Das Proletariat dagegen hat sich nach Engels genau in die
entgegengesetzte Richtung entwickelt:
"Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die
große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft
sie die Macht (!), die diese Umwälzung, bei Strafe des Unter-
gangs, zu vollziehn genötigt ist." (19/223)
Das verdrehte Szenario für den Schlußakt ist perfekt:
- In dem Umfang, wie die Leute aller Mittel, ihren Lebensunter-
halt zu bestreiten, beraubt werden, wächst ihre Macht.
- In dem Maße, wie die Bourgeoisie sich Ausbeutungsmaterial ver-
schafft und fiktiven Reichtum akkumuliert, wird sie zur unterge-
henden Klasse.
- In dem Grade, wie der Staat - d.h. die zum Zwecke des Auf-
rechterhalts des kapitalistischen Eigentums an Produktionsmitteln
monopolisierte Gewalt der bürgerlichen Gesellschaft - direkt die
Garantie der Ausbeutung übernimmt, ist er fällig zur Übernahme
durch das Proletariat.
Da paßt alles zusammen und stimmen tut nichts. Die Botschaft an
die Arbeiterklasse lautet also kurz und bündig:
Die kapitalistische Produktionsweise ist "altersschwach" und hat
"sich mehr und mehr überlebt". (Engels, Einführung im 3. Band
des"Kapital", 25/273).
Die Bourgeoisie hat abgewirtschaftet, das Proletariat steht dage-
gen machtvoll da und der bürgerliche Staat ist längst nicht mehr
Staat der Kapitalisten, sondern bietet mit den zunehmend in
Staatseigentum überführten Produktivkräften die Handhabe der Um-
wälzung. Man muß sie nur ergreifen! Und dieses 'muß' ist ein na-
turgesetzlicher Zwang, dem sich kein zum ganzen Staatsvolk gemau-
sertes Proletariat dieser Welt entziehen kann. Der "historische
Nenner" garantiert das Happy-end der Geschichte! Nicht im real
existierenden Kapitalismus liegen hier alle Gründe für die Revo-
lution, die das Proletariat g e g e n i h n erstmal
m a c h e n muß, um ihn abzuschaffen. Stattdessen verheißt En-
gels geschichtsphilosophisch H o f f n u n g, mittels derer ge-
rade die e r f o l g r e i c h e Ausbeutung die Revolution auf
die Tagesordnung setzen soll. So trösten Sprüche wie die Engel-
schen den Revisionismus bis auf den heutigen Tag: zwar nicht die
Arbeiterklasse auf seiner Seite, aber den "Historischen Materia-
lismus".
Die aktuelle Wirklichkeit des
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"wirklichkeitsphilosophischen Hokuspokus"
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Mit der "Entwicklung..." hat Engels der Partei k e i n e n
"wissenschaftlichen Sieg errungen". (Marx) So zutreffend auch die
Kritik an Eugen Dühring im "Anti-Dühring" über weite Strecken
ist, so sehr damit auch der Einfluß d i e s e s "Reformators
des Sozialismus" auf die sozialistische Arbeiterbewegung zurück-
gedrängt worden sein mag, der als "positive Darstellung" der
grundlegenden "Anschauungen" von Marx und Engels gepriesene Ex-
trakt aus dieser Kritik in Gestalt der "Entwicklung..." liefert
jedoch gerade denjenigen Belegstellen in Hülle und Fülle, die
eher das "Erbe" eines Eugen Dühring als das von Marx und Engels
beanspruchen können; gemeint ist die ökonomische Theorie des
'Realen Sozialismus'.
Im "Anti-Dühring" stellt Engels nämlich die folgenden zentralen
Fehler des Eugen Dühring zusammen:
- Die m o r a l i s c h e G e r e c h t i g k e i t d e s
R e i c h t u m s v o m S t a n d p u n k t d e r
G e r e c h t i g k e i t:
"Und hiermit haben wir denn glücklich den Reichtum unter die bei-
den wesentlichen Gesichtspunkte der Produktion und Verteilung ge-
bracht: Reichtum als Herrschaft über Dinge: Produktionsreichtum,
gute Seite; als Herrschaft über Menschen: bisheriger Verteilungs-
reichtum, schlechte Seite. Fort damit! Auf die heutigen Verhält-
nisse angewandt, lautet dies: Die kapitalistische Produktions-
weise ist ganz gut und kann bleiben, aber die kapitalistische
Verteilungsweise taugt nichts und muß abgeschafft werden. Zu sol-
chem Unsinn führt es, wenn man über Ökonomie schreibt, ohne auch
nur den Zusammenhang von Produktion und Verteilung begriffen zu
haben." (20/173)
- B e w u ß t e A n w e n d u n g d e s W e r t g e
s e t z e s i n s e i n e r "W i r t s c h a f t s-
k o m m u n e":
"Indem Herr Dühring dies Gesetz (das Wertgesetz) zum Grundgesetz
seiner Wirtschaftskommune erhebt und verlangt, daß diese es mit
vollem Bewußtsein durchführen soll, macht er das Grundgesetz der
bestehenden Gesellschaft zum Grundgesetz seiner Phantasiegesell-
schaft. Er will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Miß-
stände. ... Wie dieser (Proudhon) will er die Mißstände, die aus
der Entwicklung der kapitallstischen Produktion entstanden sind,
beseitigen, indem er ihnen gegenüber das Grundgesetz der Waren-
produktion geltend macht, dessen Betätigung gerade diese Miß-
stände erzeugt hat." (20/291)
- D e n I d e a l i s m u s d e r S o u v e r ä n i t ä t
d e s g l e i c h e n I n d i v i d u u m s a l s d e r
G r u n d l a g e d e s "s o l i z i t ä r e n Z u-
k u n f t s s t a a t e s":
"Wir haben hinlänglich gesehen, daß die völlige Gleichheit beider
Willen (bei Dühring) nur solange besteht, als die beiden Willen
nichts wollen; daß, sobald sie aufhören, menschliche Willen als
solche zu sein, und sich in wirkliche, individuelle Willen, in
die Willen von zwei wirklichen Menschen verwandeln, die Gleich-
heit aufhört; daß Kindheit, Wahnsinn, sogenannte Bestienhaftig-
keit, angeblicher Aberglaube, behauptetes Vorurteil, vermutete
Unfähigkeit auf der einen, und eingebildete Menschlichkeit, Ein-
sicht in die Wahrheit und Wissenschaft auf der anderen Seite, daß
also jede Differenz in der Qualität der beiden Willen und in der-
jenigen der sie begleitenden Intelligenz eine Ungleichheit recht-
fertigt, die sich bis zur Unterwerfung steigern kann; was verlan-
gen wir noch mehr, nachdem Herr Dühring sein eignes Gleichheits-
gebäude so wurzelhaft von Grund aus zertrümmert hat?" (20/95)
- D i e S t a a t s v o r s t e l l u n g s e l b s t, m i t
d e r D ü h r i n g d i e M i ß s t ä n d e d e r
D e m o k r a t i e b e s e i t i g e n w i l l, i n d e m
e r a u f d a s I d e a l e b e n d i e s e r
Z u s t ä n d e p o c h t, i s t f ü r E n g e l s A n l a ß
z u r P o l e m i k:
"Die 'Souveränität des Individuums' bildet die Grundlage des Düh-
ring'schen Zukunftsstaats; sie soll in der Herrschaft der Majori-
tät nicht unterdrückt werden, sondern erst recht kulminieren. Wie
geht das zu? Sehr einfach.
'Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem
anderen voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige
Hilfeleistung gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstand haben
- alsdann wird nur die Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts
verstärkt und aus keiner bloßen Übergewalt der Menge über den
einzelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein Recht abge-
leitet.' (Dühring)
Mit solcher Leichtigkeit setzt die lebendige Kraft des wirklich-
keitsphilosophischen Hokuspokus über die unpassierbarsten Hinder-
nisse weg,..." (20/292)
Das müssen bei Dühring schon merkwürdige "Übereinkünfte" sein,
die ihrer vertraglichen Regelung bedürfen und die ohne Einsatz
der Staatsgewalt für Recht nicht zu realisieren sind! Oder anders
herum: Wozu braucht es Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts,
wenn zwischen allen Menschen das schönste Einvernehmen herrscht?
Nur noch ganz gerecht soll das Recht bei Dühring eingesetzt wer-
den, nicht mehr aus "b l o ß e r Übergewalt der Menge"! Herr
Dühring trennt also das Recht von der Gewalt und stellt sich den
bürgerlichen Staat als zwecklose Gewaltausübungsmaschine vor, die
ständig das Recht, eine eigentlich für die Menschen segensreiche
Einrichtung, mißbraucht.
Diese vier Fehler sind ebenso Bestandteil der falschen Kapitalis-
muskritik des Revisionisten, wie sie auch im 'Realen Sozialismus'
praktische Gültigkeit bekommen haben. Und nur darin irrte Engels:
Aus dem "wirklichkeitsphilosophischen Hokuspokus" ist Wirklich-
keit geworden, deren Kritik in der MSZ Nr. 6/82 unter dem Titel
"Systemvergleich theoretisch und praktisch" zu studieren ist.
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