Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin
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Bürgerliche Wissenschaft und Marx
EIN UNVERSCHÄMTES SELBSTBEKENNTNIS
Aus Anlaß des 100. Todestages von Karl Marx fühlt sich die bür-
gerliche Öffentlichkeit bemüßigt, ausführlich an ihn zu erinnern
- in sämtlichen Fernsehprogrammen und für die Intelligenzbestien
der Nation extra in den Feuilletons aller Tageszeitungen und in
universitären Ringvorlesungen. Gefeiert wurde im wahrsten Sinn
eine Leiche; von Professoren, denen das Urteil: wissenschaftlich
erledigt, die Mühe nicht wert war, sich für eine Kritik der ihnen
so offensichtlichen theoretischen Schnitzer des alten Rausche-
barts herzugeben. Von den paar Wahrheiten über die Natur des ka-
pitalistischen Produktionsprozesses, die Marx heraugefunden hat,
war deshalb keine Rede.
Stattdessen ließen sie Marx durch die Instanz erledigen, deren
untertänige Begleitung durch besorgte Prognosen heutiger wissen-
schaftlicher Geist als seine einzige Verantwortung gelten lassen
will.
"Keine Prognose von Marx erfüllte sich." (N. Lobkowicz).
Das stolze Bekenntnis, keine Zeile vom "Kapital" gelesen zu ha-
ben, gehörte ebenso selbstverständlich zum guten Ton der akademi-
schen Marx-Feiern wie die Anbetung der Realität, die nicht die
Geschichte, sondern staatliche Gewalt setzt als oberster Maxime
bescheidenen Denkens: wahr ist, was Gewalt hat.
Daß es sich bei der Beschäftigung mit Marx um einen geistigen Lu-
xus handelt und deshalb die Einvernahme ins nationale geistige
Erbgut wie die Exkommunikation zu stolzen Selbstbezichtigungen
der eigenen Dummheit gerät, machte das Selbstverständnis all de-
rer aus, die sich zu Marx zu Wort meldeten. So hätte sich Engels
die Verwirklichung seiner Grabfloskel, die er sich auch hätte
sparen können, sicher nicht vorgestellt: "Sein Name wird durch
die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk!"
Heutige Wissenschaftler, die Marx nicht die Ehre antun wollen,
ihn als theoretischen Gegner zu kritisieren, treibt nur ein ein-
ziges Interesse, sich als Marxkenner aufzuspielen. Ausgegraben
wird der tote Hund zum Nachweis, daß die BRD als menschenfreund-
lichste aller nur denkbaren Herrschaftsformen mit "Man-
chesterkapitalismus" rein gar nichts zu tun hat und daß deshalb
eine unversöhnliche Kampfansage an den Ostblock fällig ist,
dessen Unmenschlichkeit ein einziger Appell an die Menschheit
ist, dieses historisch überlebte System mit allen dazu nötigen
Mitteln seinem "unvermeidlichen Niedergang" entgegenzutreiben.
Rechts und links kann man dabei auch in der Wissenschaft nicht
verwechseln: Die einen retten Marx vor dem Feind im Osten, die
anderen sehen in Marx den ersten russischen Zaren.
Marx - ein "Mann der Wissenschaft"?
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Die wissenschaftliche Anstrengung, die der Verfasser der "Kritik
der Politischen Ökonomie" auf die Widerlegung der Schriften dama-
liger Nationalökonomen verwandt hat, ist Marx von seiten der bür-
gerlichen Wissenschaft nie zuteil geworden. Die Gründungsväter
der modernen Wissenschaftsdisziplinen hatten freilich noch ein
Bewußtsein davon, warum sie sich dieser Mühe nicht unterzogen. Es
ging ihnen nicht um die W i d e r l e g u n g, sondern um die
A b s e t z u n g von der Marxschen Kritik der kapitalistischen
Gesellschaft, um deren Aussagen mit einem anderen Wissenschafts-
verständnis zu bekämpfen.
Ein schlechter Ökonom...
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An den praktischen Konsequenzen der theoretischen Kritik der ka-
pitalistischen Klassengesellschaft entscheiden sich Volkswirt-
schaftslehre und Soziologie dafür, daß Wissenschaft in der par-
teilichen S o r g e um ihre Untersuchungsgegenstände, in ihrer
apologetischen V e r t e i d i g u n g zu bestehen hat. Daß man
sich das ökonomische Treiben als allseitige, mehr oder weniger
gelingende Bemühung um Nutzenmaximierung vorzustellen hat, ist
eine theoretische Annahme, die allein für das Ideal erfunden ist,
sich "das Wirtschaften" gleich welcher Produktionsweise als wah-
res Wunderwerk der Bedürfnisbefriedigung vorzustellen. Ebensowe-
nig ist der Einfall Max Webers, "die Gesellschaft" als Regelwerk
von Institutionen und sozialem Handeln zu betrachten, eine Erklä-
rung der kapitalistischen Gesellschaft, sondern ihre offensive
Verteidigung gegenüber dem Marxschen Nachweis eines Klassengegen-
satzes, der die Lohnarbeiter zum Material des gesellschaftlichen
Reichtums, von dem sie ausgeschlossen sind, und der staatlichen
Gewalt macht. Daß Weber einen Standpunkt g e g e n M a r x in
die Welt setzen will, spricht er deutlich aus:
"Nachstehend soll keinerlei 'Wirtschaftstheorie' getrieben wer-
den, sondern es sollen lediglich einige weiterhin gebrauchte Be-
griffe definiert und gewisse allereinfachste soziologische Bezie-
hungen innerhalb der Wirtschaft festgestellt werden. Die Art der
Begriffsbildung ist auch hier rein durch Zweckmäßigkeitsgründe
bedingt... Der viel umstrittene Begriff 'Wert' konnte terminolo-
gisch ganz umgangen werden." (Wirtschaft und Gesellschaft I, 43)
Definitionen sind eben keine Erklärung, sondern eine dem Gegen-
stand als dessen Bestimmung angehängte Sinnstiftung: So will ich
die Welt sehen! - Um so leichter ist es dann, Marx rein termino-
logisch um die Ecke zu bringen!
Seitdem weiß jeder Wissenschaftseleve, woher der Geist weht. Man
darf Marx als veraltet und vorwissenschaftlich abtun.
"Daß in der Gegenwart kein Wirtschaftswissenschaftler, der ernst-
genommen werden will, sich auf die Arbeitswertlehre in der klas-
sischen Form beruft" (W. Becker),
ist doch wohl ein schlagendes Argument für eine Wissenschaft, die
auf nichts so sehr aus ist wie auf ihre gesellschaftliche Aner-
kennung (von wem wohl?).
Allenfalls bleibt heute in der VWL die spannende Frage: Ist das
M a r x s c h e "M o d e l l" tauglich für die Lösung des Allo-
kationsproblems, der Preisentwicklung, des Gleichgewichts etc.?
Die Antwort ist wenig überraschend. Ignoranz und Analphabetentum
gehören zum stolzen Selbstbewußtsein dieser Abrechnung, wenn Marx
als moderner Ökonom betrachtet wird, um ihn daran zu blamieren:
"...völlig grotesker Schluß, daß zwar das eingesetzte Kapital ein
Produktbildner ist, daß aber ein Mehrwert nur durch die einge-
setzte Arbeit, nicht aber durch das eingesetzte Kapital erzielt
werden kann. Auf dieser Grundlage ist es selbstverständlich nicht
nur unmöglich, irgendeine Zurechnung, sondern Überhaupt eine
richtige Wirtschaftsrechnung durchzuführen." (A. Montaner, Ge-
schichte der Volkswirtschaftslehre)
Das Interesse, die Natur des kapitalistischen Produktionsprozes-
ses als ein harmonisches Miteinander von Produktionsfaktoren auf-
zufassen zwecks Erstellung eines Rechenmodells, ist doch Argument
genug, um eine Kritik an dem Marxschen Unterschied von Wertüber-
tragung und Neuwertbildung für überflüssig zu halten und sich
nicht daran zu stören, einen weiteren Beleg für die von Marx iro-
nisierte Idiotie geliefert zu haben, Produktionsmittel und Kapi-
tal gleichzusetzen. Es ist schon fast lächerlich zu fragen, ob
der Verfasser wirklich meint, Marx habe seine "Kritik der Politi-
schen Ökonomie" als Anweisung für kapitalistische Rechnungsfüh-
rung verstanden. Ihm kommt es auf die Feier des Kapitalismus als
ziemlich gelungener Form des "Wirtschaftens" an, und so viel hat
er in all seiner Dummheit mitbekommen, daß es Marx
"grotesk"erweise nicht zum Feiern zumute war. Wenn in der DDR die
"Verwirklichung des Wertgesetzes" zum Motor des realen Sozialis-
mus gemacht, das "Kapital" also als sehr taugliche Anweisung und
als Lehrbuch des Wirtschaftens betrachtet wird, ist das freilich
nur die andere Seite, sich weder um die Erklärung der kapitali-
stischen Mehrwertproduktion noch um den aufgedeckten unangenehmen
Inhalt seines Zwanges für die Lohnarbeiter scheren zu wollen, um
diesen ohne den Umweg des Privatkapitals durch den sozialisti-
schen Staat im Namen der Arbeiter zu einem allgemeinen gesell-
schaftlichen Gesetz zu machen.
Für heutige Ökonomen ist Marx erledigt - allein aus ihrem festen
Interesse heraus, die freie Marktwirtschaft, also die täglich
stattfindende Ausbeutung, als ein Wunderwerk an Koordination von
Abermillionen Rechengrößen zu betrachten, über dessen Klappen zu
staunen, schon die ganze Weisheit ihrer Wissenschaft ist.
Ein bedingt tauglicher Soziologe
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Für Soziologen ist Marx bedingt tauglich als Gesellschaftskriti-
ker. Man muß nur die kapitalistische Produktion, in der nach Marx
die Scheidung des gesellschaftlichen Reichtums von denen, die ihn
produzieren, bewirkt und täglich neu reproduziert wird, als ein
Element des "gesellschaftlichen Systems" betrachten - und schon
ist Marx ferner Ahnvater soziologischer S c h i c h t e n-
t h e o r i e. Daß der Klassengegensatz etwas anderes ist als
die gesellschaftliche Schichtenpyramide, fein differenziert nach
Einkommen, Status und Ansehen, ist auch Soziologen klar, aber zu
mehr als einem Bekenntnis zu ihrer eigenen Fiktion von einer über
alle Zeiten und Gesellschaftsformen schwebenden Gesellschaft, die
Normen setzt und Verhalten regelt, raffen sie sich nicht auf, um
Marx daran zu blamieren:
"One of his errors, indeed, was to treat class conflict as almost
the only source of institutional change." (H.M. Johnson)
Irgendetwas wird sich der alte Mann ja wohl gedacht haben, wo
bleibt also der error, Herr Soziologe?
Devotes Denken ist eben sehr gemütlich eingerichtet: Marx ist tot
und als schlechtem Soziologen ist ihm ein exotisches Eckchen als
Vertreter der Konflikttheorie und des "sozialen Wandels" einge-
richtet:
"Zusammenfassend kann die Marxsche Klassentheorie als eine Theo-
rie des sozialen Strukturwandels bezeichnet werden. Dieser wird
hervorgerufen durch Konflikte zwischen antagonistischen Interes-
sengruppen, die zu einem revolutionären Umbruch führen. Im Gegen-
satz zu den Integrationstheorien wird Gesellschaft nicht als ein
auf Funktionieren und Bestand gerichtetes Ordnungsgefüge verstan-
den, sondern als eine im Wandel begriffene, durch inhärente Wi-
dersprüche zur Struktreränderung bestimmte historische Erschei-
nungsform analysiert." (W. Zingg/G. Zipp: Basale Soziologie)
Ob Mrx sich im Kapital mit der Erklärung von "Ordnungsgefügen"
oder "Strukturveränderungen" herumgeschlagen hat, tut auch wirk-
lich nichts zur Sache - ein einvernehmlicher Anknüpfungspunkt für
die Traditionspflege des eigenen Faches ist gefunden. Selbst der
postulierte "Gegensatz", der Marx zugebilligt wird, ist keiner:
Nach soziologischer Auffassung muß sich die Gesellschaft andau-
ernd ä n d e r n, damit sie beständig b l e i b t, und Revo-
lution ist daher der schlechteste Wandel, Marxens Auffassung von
der Notwendigkeit einer proletarischen Umwälzung der kapitalisti-
schen Verhältnisse der denkbar schlechteste "soziologische Be-
griff" vom "gesellschaftlichen Wandel". Der Borniertheit bürger-
licher Wissenschaft ist es glatt unvorstellbar, daß irgendjemand
eine Kritik und theoretische Kampfansage an der Welt des Kapitals
und der Demokratie äußern könnte, statt dieser zu ihrem Bestehen
zu gratulieren. Da ist es freilich nur die andere Seite des ge-
mütlichen Sich-Einrichtens des Geistes als Lobhudler der Macht,
daß er die eigenen Marxsprüche vergißt und den staatlichen Büttel
ruft, wenn einmal in Vorlesungen sein Einverständnis mit der Welt
und die dazu passenden Dummheiten mit Marx kritisiert und ange-
griffen werden. Die Einvernahme gilt ja immer noch einem zum gei-
stigen Gewalttäter erklärten Gegner.
Ein origineller Sinnproblematisierer
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Inzwischen wurde das Geistesleben in seinen höheren Abteilungen
um den I d e o l o g i e k r i t i k e r Marx belebt, eine Lei-
stung, für die die Frankfurter Schule und der zu akademischen Eh-
ren gelangte Teil der Studentenbewegung verantwortlich zeichnet.
Von den von Marx aufgedeckten Zwecken, Gründen und Notwendigkei-
ten, die in einer Gesellschaft herrschen, die auf dem Kapital be-
ruht, war bei dieser "Weiterentwicklung der Marxschen Theorie" da
freilich nie die Rede - und deshalb auch nie von der praktischen
Konsequenz des proletarischen Klassenkampfes -, wenn Marx fol-
gende Erkenntnisse angedichtet wurden: Die Wirklichkeit ist ganz
wirklich, das Bewußtsein etwas anderes als die Ökonomie und des-
halb gibt es ein "Sein-Bewußtsein-" und "Basis-Überbau-Problem".
Besser als die Sätze eines Alfred Schmidt war der an den Univer-
sitäten Ende '60 ausgebrochene Neo-Marxismus leider nie:
"Stets also geht das Bewußtsein als tätiger Geist in die von ihm
reproduzierte Wirklichkeit ein. Vor ihr, die wie eine steinerne
Wand um die Menschen herumsteht, nicht zu kapitulieren, ist die
Aufgabe der Erkenntnis. Indem sie die in den ausgemachten Fakten
erloschenen menschlich-geschichtlichen Prozesse wieder verleben-
digt, erweist sie die Wirklichkeit als von Menschen gemacht und
folglich veränderbar: Praxis als wichtigster Erkenntnisbegriff
schlägt um in den politischer Aktion."
Marx heruntergebracht zum Propagandisten einer k r i t i-
s c h e n E i n s t e l l u n g zur Welt - diese mit sich
selbst zufriedene und mit der Realität einer imperialistischen
Großmacht BRD versöhnte Geisteshaltung ist das glatte Gegenteil
einer theoretischen und praktischen Kritik an ihr. Wer sich die
Aufgabe stellt, geistig nicht zu kapitulieren, hat sicher nicht
vor, seinen Verstand dazu zu gebrauchen, das, was in der Welt los
ist, zu erkennen. Wem zur Wirklichkeit nur einfällt, daß sie
Produkt der Menschen und f o l g l i c h veränder b a r sei,
der wird Staat und Kapital nie und nimmer für die harten Zwänge
verantwortlich erkennen wollen, die dem lohnarbeitenden
Staatsbürger täglich serviert werden. Und wem Revolution dasselbe
ist wie das Umschlagen eines Begriffes in einen anderen, für den
ist die Betrachtung der Welt von Ausbeutung und Krieg ein geisti-
ger Genuß und ein Mittel, sich im "Aufbrechen verkrusteter Wahr-
nehmungsstrukturen" zu gefallen.
Die nicht-linken Kollegen brauchten den Dreischritt: S e i n
b e s t i m m t B e w u ß t s e i n; k e i n S e i n o h n e
B e w u ß t s e i n; d i e w a h r e R e v o l u t i o n
s p i e l t s i c h i m g e i s t i g e n Ü b e r b a u a b,
nicht mitzumachen, um das Ende als Feier des höheren Blödsinns zu
erkennen und zu akzeptieren. Marxzitate - zumeist aus den Früh-
schriften - braucht es heute nicht mehr, wenn Psychologen ihre
Erzlüge verkünden, alle Zwänge, denen Leute ausgesetzt seien,
fänden ihren Grund darin, daß die Individuen nicht mit sich
selbst ins Reine kämen - und mit der höheren Weihe versehen, dies
sei Ausdruck gesellschaftlicher Entfremdung, die von der Putzfrau
bis zur Managergattin alle beutelt. Daß noch der hinterletzte
Dreck sozial bedingt sei und ihm deshalb eine ganz andere Bedeu-
tung zukäme, als z.B. einem Gedicht für sich genommen, das hat
die Bibliotheken sozial- und geisteswissenschaftlicher Institute
kräftig aufgeschwemmt. Marx als Verkünder einer höheren
B e d e u t s a m k e i t des höheren Blödsinns!
Was die in der Literaturwissenschaft beliebte Widerspiegelungs-
these betrifft, so ist da die Bedeutsamkeit der Literatur gleich
doppelt aufgemoppelt: Dichtung spiegelt "bloß" die Wirklichkeit
wider - im Klartext: ohne Reime ist die Wirklichkeit nur halb -
und sie geht als wirkliche Wirklichkeit weit über jene hinaus:
"Eindeutig bestätigt ist meine These, daß es sich beim 'Faust'
tatsächlich um die Darstellung der Herausbildung der bürgerlich-
kapitalistischen Gesellschaftsordnung handelt" (was die freie
Phantasie eines Interpreten alles vermag!) "- aber wenn das nur
der Fall wäre, dann müßte man sich fragen, was der spezifische
Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft ist, denn das hat die
Wissenschaft seit Marx' Politischer Ökonomie auch herausgefunden"
(das 'Kapital' ein reimloses Drama?) "... Weil in dem Faust über
die Darstellung der Herausbildung der kapitalistischen Gesell-
schaft hinaus diese Möglichkeiten historischer Entwicklung, die
noch für uns heute gelten, in dem Text drinsteckt, daß wir ihn so
rezipieren können, daß hier der Mensch zwischen Selbstvernichtung
und doch Herstellung einer menschenwürdigen Gesellschaft steht...
" (T. Metscher, Ringvorlesung Hamburg)
Marx, damit Goethe besser ausschaut! - da ist es schon ziemlich
überflüssig zu fragen, worin sich dieser Mitbegründer einer
"materialistischen Literaturwissenschaft" denn von seinen nicht-
materialistischen Interpretationskollegen unterscheidet. Gewiß
nicht in der Auffassung, es gäbe noch etwas anderes als Literatur
in der Welt, was ihn interessieren könnte.
Ein überholter bürgerlicher Denker
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Zur Kritik an den Ideologien ihrer bürgerlichen Zunftgenossen ha-
ben die Produkte der materialistischen Psychologie, Soziologie,
Politologie etc. deshalb auch nie getaugt. Mittlerweile bemühen
sie sich nach Kräften, Marx auf ihre Weise für überflüssig zu er-
klären, getreu der Rede von L. Kolakowski: "Der Marxismus hat
sich in die bürgerliche Wissenschaft aufgelöst." Ein Altvater
vertritt die linke Seite einer Professoren-Talkshow im Fernsehen
mit dem Gelöbnis, es gelte "Marx weiterzuentwickeln auf Basis der
bürgerlichen Wissenschaft" - und beschämt seine Gegenüber damit,
daß niemand sich tiefere Sorgen um die Krisen- und Störanfällig-
keit des Weltwirtschaftssystems macht als er. Allenfalls durch
methodische Raffinesse wollen sich die materialistischen Abtei-
lungen im institutionellen Wissenschaftsbetrieb der BRD noch als
eigene Schule unterscheiden. Ob da versprochen wird, vom bürger-
lichen Staat, von der Gesellschaft oder der Psyche zu reden, je-
desmal geht es nur um "Fragen der dialektisch-materialistischen
Erkenntnistheorie" (H.-J. Sandkühler) und darum, wie schwierig
deren Möglichkeit ist. Über die verhandelten Gegenstände wird so
nichts zu Tage gefördert außer dem Lob, wie (un)möglich Erkennt-
nis und welch raffiniertes Unterfangen demokratische Politik ist,
immer knapp vorm Scheitern - ein Standpunkt gänzlich immun gegen
jede Zeitungslektüre. Ob Marx einen separaten D e n k s t a n d-
p u n k t gebraucht hat, um die Natur der kapitalistischen
Produktionsweise zu erkennen, sollte einem allerdings um so
gleichgültiger sein, als dieses Beharren auf einer Marxschen
Denkmethode, der Dialektik, ihren Befürwortern nur zu einem
taugt: an jedem gedanklichen Schluß, den Marx gezogen hat, so
grundsätzlicn zu zweifeln, daß sich jede Kenntnisnahme schon im
vorhinein erübrigt. Die Erledigung jedes Gedankens als beliebige
Meinung ist von bestürzender Einfalt: Sozial bedingt und hi-
storisch gebunden ist jedes Denken - und deshalb ist dieses mate-
rialistische Postulat auch weit über linke Kreise hinaus verbrei-
tet, ohne daß zu sagen wäre, wer es von wem abgeschaut hat.
Gegen die bequeme Masche der bürgerlichen Wissenschaft, Marx,
wenn er überhaupt verhandelt wird, zu einem der ihren zu erklären
- wenn auch einem schlechten Vertreter, der "vereinfacht" hat,
"empirisch nicht gesättigt" ist, überhaupt ein "unrealistischer"
Spinner war -, fällt W.F. Haug, Herausgeber von "Argument" und
d e r "Marxist" der FU, zu Marx ein, dieser wäre der beste plu-
ralistische Wissenschaftler gewesen, weil sein Denken nichts an-
derem gegolten habe als der Aufstellung eines absoluten
D e n k v e r b o t e s:
"Was so gesehen am meisten nottut, ist eine Dialektik des Marxis-
mus. Wir müssen die widersprüchliche Anlage des Projektes Sozia-
lismus studieren, die Wechselwirkung unterschiedlicher Instanzen.
Wir müssen diese Dialektik studieren, um uns nicht ihrem natur-
wüchsigen Gang auszuliefern und um nicht selbst in den Widersprü-
chen herumzuspringen... Die ahistorisch festgehaltene Wissen-
schaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Die Wissenschaft ist unab-
schließbarer Prozeß - wie der Wissenschaft gewordene Sozialismus
es ist. Dieser Prozeß ist notwendig kontrovers, vielschichtig,
vorangetrieben von Divergenzen, Tendenzen, die gegeneinander
selbständig bleiben müssen." (Ringvorlesung Hamburg)
Welch' tiefe Einsicht in das "historische" Wesen der Wissen-
schaft, daß fertige Erkenntnisse ihrer Natur widersprechen, weil
sie ihr "Prozessieren" abschließen. Praktische Konsequenzen aus
einer Einsicht zu ziehen, sind diesem "Projekt Sozialismus" auf
alle Fälle ein Greuel. Fast etwas angenehmer berührt da die Ehr-
lichkeit eines Menschen, der Marx nicht formell um die Ecke ge-
bracht, sondern auch heute noch verboten sehen will:
"Die Gefahr dieser (masochistischen) Lust liegt darin, daß diese
selbst zu einer politischen Kraft wird, welche verhindert, daß
nach Lösungen von sozialen und ökonomischen Konflikten gesucht
wird, die die offensichtlichen Vorteile des westlichen Marktsy-
stems im Rahmen freiheitssichernder staatlicher Institutionen
aufrechterhalten." (W. Becker)
Stimmt, dieser masochistische Blindgänger hat glatt das Gegenteil
gegen das Lob der "offensichtlichen Vorteile" behauptet aber ist
das ein Argument? Becker ist unfähig, einen Gedanken noch anders
zu betrachten als nach dem polizeilichen Standpunkt von erlaubt
und verboten - und er redet nur von sich, wenn er in Marx den
geistigen Gewalttäter entdeckt, allerdings von der falschen
Seite. Um doch einmal Marx zu zitieren, obwohl er nun schon gar
nicht hierher gehört: "Voici le cretinisme bourgeois dans toute
sa beatitude!"
Marx-"Prophet der Menschheit"?
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"Die Idealisten finden oft, dem Materialismus fehle, damit sie
ihn gutheißen könnten, nur etwas - Idealistisches." (B. Brecht)
Leider hat sich noch ein Grabwort von Engels bewahrheitet - wenn
auch sicher nicht im gemeinten Sinn:
"So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht
der halbe Mann."
So matt, weil gleichgültig gegenüber dem Werk des "Mannes der
Wissenschaft" und luxuriös und deshalb mit Absicht dumm, der Ver-
such bleibt, den toten Hund Marx in die Traditionspflege heutiger
Wissenschaft aufzunehmen - Einvernahme und Ablehnung laufen dabei
aufs Gleiche hinaus: mit oder ohne Verbot, sich nicht auf ihn
einzulassen - als Revolutionär, vielleicht den einzigen, den die
deutsche Kultur je gehabt hat. So kann sich fast noch jeder sein
Eckchen von Marx abschneiden. Eine geistige Revolution muß es
freilich schon sein, mit viel moralischer Sinnstiftung und reli-
giöser Heilserwartung, damit ein heutiger Intellektueller sich
noch vom "leidenschaftlichen Visionär", "zornigen Propheten" und
vom "fanatischen Heilsstifter" angemacht fühlen kann. Und eine
die gesamte Menschheit umarmende "Erlösungsutopie" muß es auch
sein - ein moderner, denkender Mensch kann die Behauptung von
Klassengegensätzen, die der einen Seite der Menschheit nicht gut
bekommen und die deshalb beseitigt gehören, partout nicht leiden.
Marx hätte sich besser nicht auf die Arbeiterklasse festlegen
sollen, denn 1. gibt's die heute gar nicht mehr und 2. versagen
die trotz ihrer Nichtexistenz täglich in die Fabrik marschieren-
den Proleten ihm die Gefolgschaft - ätsch!
Die Liebhaber von Marx, der der "P r o p h e t e i n e r
m e n s c h l i c h e n W e l t" gewesen sein soll, machen kei-
nen Hehl daraus, daß damit der Wissenschaftler für sie endgültig
erledigt ist, und dies lustigerweise mit Bekenntnissen, aus denen
immer nur hervogeht, daß sie sich Wissenschaft anders als Pro-
gnose, Moral und "Ersatz"religion gar nicht vorstellen können.
Daß ihre Einvernahme von Marx eine einzige Ablehnung der Gedanken
dieses Mannes ist, sprechen sie offen aus - und es stört sie
nicht im geringsten:
"Marxens Bemühung, auch die Moral nicht mehr einen supranaturalen
Faktor der transzendent in das Weltliche hineinwirkt, sein zu
lassen, sondern Moral aus ihren gesellschaftlichen Bedingungen zu
erklären, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Impetus sei-
nes Denkens und das Pathos seiner Gesellschaftskritik ein morali-
sches Postulat - oder besser: eine moralische Vision und Heraus-
forderung war: die Befreiung der Menschen zur Menschlichkeit,
d.h. zur Entfaltung ihrer positiven, ihnen als Menschen eigenen
Möglichkeiten." (H. Gollwitzer, in: Marx heute)
Was soll's, daß Marx die Moral nicht gesellschaftlich eingeord-
net, sondern als Fehler eines Knechtsbewußtseins kritisiert hat,
wo es einem Gollwitzer doch eh nur darauf ankommt, ihn als
"Visionär" eben dieser Untertanengesinnung in ihrer allumfassend-
sten Form zu nehmen - (un)"menschlich", und deshalb m o r a-
l i s c h r e c h t f e r t i g b a r ist schließlich alles,
bis hin zur Ausbeutung und Krieg. Marx für das eigene gute
Gewissen eines blitzsauberen Menschheitsretters zu reklamieren,
der sich darin vor jedem praktischen Gegensatz zu den Großtaten
von Kapital und Demokratie gefeit sieht, und dem toten Hund einen
letzten Tritt zu versetzen, geht ganz einfach:
Marx konnte noch nicht wissen,
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als Mann des vergangenen Jahrhunderts, daß ... Vor allem hat er
die Langlebigkeit des Kapitalismus unterschätzt - als wäre diese
ein überzeugendes Argument für ihn -, und außerdem gibt es den
Manchesterkapitalismus seiner Zeit nicht mehr, sondern nur noch
Wohlfahrts- und Sozialstaat (warum es eine permanente staatliche
Verwaltung eines gesellschaftlich fest etablierten Elends wohl
gibt?). Damit ist die "menschheitliche Vision", deren sich Marx
schuldig gemacht haben soll - und das dadurch, daß ihm noch das
genaue Gegenteil attestiert wird - handlich eingegrenzt. Darum,
was Geschäft und Gewalt im Kapitalismus, den es noch gibt, den
damit beglückten lohnarbeitenden Staatsbürgern täglich abver-
langt, geht es nicht, wo im Namen von Marx kritische Bewußtsein-
serweiterung gefeiert wird. Sehr schamlos werden da dem histo-
risch "beschränkten" Marx die Leviten gelesen. Seine Erklärung
der kapitalistischen Produktion, sie behandle den Gebrauchswert,
die Bedürfnisse und die Existenz der Arbeiterklasse als bloßes
Material für die Mehrwertproduktion, gilt einem heutigen
Marxfreund als Beweis, daß Marx selbst historisch in kapitalisti-
schen Wertvorstellungen verfangen war - und der modernisierte
Marxismus sich heute seine
wertfreie Antwort von der Religion
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abzuholen hat:
"...das ist die kritische Frage des Marxismus an die Religionen.
Deren Antwort kann auch den Hinweis darauf enthalten, daß sie in
der Lage sind, die Vision der Humanität, den Begriff des vollen
Menschseins zu erweitern gegenüber einer Verengung, mit der Marx
dem einseitigen Wertschema der bürgerlich-europäischen Neuzeit
seinen Tribut zahlte." (H. Gollwitzer, in: Marx heute)
Heute wird in den Fabriken nicht Mehrwert, sondern Wohltätigkeit
produziert, mit kleinen auswüchserischen Ausrutschern wie Ar-
beitslosigkeit, Umweltverschmutzung und Bomben.
Dasselbe ist andersherum unter Anhängern von Menschheitsvisionen
genauso beliebt: Würde Marx heute leben, dann wäre er
Grüner, Sozialdemokrat, Friedensbewegter
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Rufer zur Klassenversöhnung - und Propagandist einer verzichtsbe-
reiten Aufopferung jedes einzelnen, daß es nur so kracht. Denn
der Einsicht, daß nur so das "Überleben der Menschheit" gerettet
werden kann, hätte der gute Mensch aus Trier sich sicher nicht
verschlossen. Marx würde zu seinem 100. Todestag folgendes ver-
künden, meint Heinz Brandt:
"Sollte es eine Zukunft geben, was erstmals in der Jahrmillionen-
Vorgeschichte des menschlichen Gattungswesens fraglich erscheint,
wäre damit allerdings meine Humanvision praktisch bestätigt, da
Zukunft allein noch durch Emanzipation zum Menschen möglich ist.
Mein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt darum der ökologi-
schen Futurologie..."
"Auf die Frage, was er als zeitbefangene Mängel seiner Lehre ans-
ehe, hob er sein Gewalt-Gegengewalt-Schema heraus sowie das Theo-
rem vom Proletariat als 'Demiurg', 'Subjektiver Faktor' der Eman-
zipation. Beides sei historisch widerlegt..."
"Die Hauptfrage allerdings, unser aller Lebensfrage, sei ganz in
seinem, Marxens, Sinne von Erich Fromm aufgeworfen worden: Haben
oder Sein? ... In der jetzigen dramatischen Hamlet-Situation (!)
des Homo Sapiens werde die menschlich-schöpferische Produktiv-
kraft 'Moral und Phantasie' als Produktivkraft 'Sein' zur alles
entscheidenden." (Marx heute)
Und selbst diesem Seichbeutel trauen seine Vorbeter nicht über
den Weg - irgendwie will schon noch gesagt sein, daß hier ein
Gegner der eigenen moralischen Unterwürfigkeit, die bei aller Zu-
friedenheit mit dem Gang von Geschäft und Gewalt den Verdacht
nicht los wird, die Leute würden sich noch materieller Interessen
schuldig machen, durch Umarmung unschädlich gemacht werden soll.
Denn daß er
ein dogmatischer Eiferer
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in Sachen moralischer Sinnstiftung war, muß ihm noch jedesmal
hingerieben werden. Die "Begrenztheit der Menschennatur" hat er
einfach nicht sehen wollen und deshalb werden alle Lobredner den
Verdacht nicht los er habe die Menschheit zu ihrem Glück zwingen
wollen. Darin sind sie mit den Marxgegnern ganz einig: Ein ge-
walttätiger Unmensch war er schon, aber aus den besten Absichten
heraus. Sie jedenfalls werden sich zum Glück ihrer menschheits-
stiftenden Idiotien nicht zwingen lassen, sie sind anders als der
optimistische Marx heute sehr viel skeptischer und bescheidener.
Den Verdacht, sie wollten sich in Gegensatz stellen zu irgendet-
was und irgendjemandem in dieser Welt imperialistischer Staaten
und weltweiter Geschäftemacherei, wollen sie nicht aufkommen las-
sen. Es geht ihnen ja nur darum, aller Welt die Selbstzufrieden-
heit mit ihrer schafsguten Gesinnung vorzuführen:
"Ein Marx, der heute über unsere bitteren Erfahrungen verfügen
und zudem an eine erheblich differenziertere Gesellschaftswissen-
schaft hätte anknüpfen können, hätte die Zukunft wohl weniger
'absolutistisch' antizipiert." (O. Flechtheim, in: Marx heute)
Eine Prognose von erlesener Heuchelei! Hätte Marx, der bekannt-
lich im idyllischen England des 19. Jahrhunderts gelebt hat, ge-
wußt, daß Imperialismus und Kapital auch Weltkrieg I und II her-
vorgebracht haben, er hätte sich alle Flausen aus dem Kopf ge-
schlagen, diese Verhältnisse umwerfen zu wollen.
Menschlich - übermenschlich - unmenschlich
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Endlich erfährt man auch, warum diese Marxfreunde nicht müde wer-
den, sich ständig auf ihn berufen zu wollen. Sollen sie ihn doch
endlich zufrieden lassen; wenn sie sich ständig doch nur ent-
schieden von ihm absetzen - die Arbeiterklasse, die das
"Kapital", dessen Erkenntnisse wie praktische Konsequenzen, noch
etwas angehen könnte, kümmert sich ja auch nicht mehr darum! An
Marx kann das Interesse, ihn wieder und wieder im Mund zu führen
nicht liegen; denn von dem, was er gesagt hat, will keiner der
selbsternannten Nachbeter etwas wissen und passen tut er ihnen
überhaupt nicht. Was also dann?
"Ist das Endstadium eines Reiches der Freiheit, in dem es keine
Klassen und keinen Staat, keine Parteien, keine Entfremdung,
keine Arbeitsteilung und einen allseits entwickelten neuen
'totalen' Menschen geben wird, überhaupt noch eines mit
'menschlichem Antlitz', oder hat das Gesicht dieses kommunisti-
schen Menschen nicht schon übermenschliche Züge?" (A. Künzli, in:
Marx heute)
Alles klar? Übermenschlich ist schließlich dasselbe wie unmensch-
lich und "total(itär)er" Kommunismus, wo gibt's den? Der
"Erfolg", daß ein Drittel der Menschheit sich heute auf Marx be-
rufen soll, läßt die kritischen Geister des Westens nicht unbe-
rührt: Erstens, weil sie was dagegen haben und zweitens wegen des
Erfolgs. Das kann nie und nimmer richtig sein: In Wirklichkeit
ist Marx deshalb eigentlich der freiheitlichste Demokrat, der nur
im Westen seine Heimat hat, während er im Osten mit Füßen getre-
ten wird. Drüben
"hat die kommunistische Revolution, die sich auf Marx berief...
zur totalitären Parteidiktatur einer Minderheit geführt, die Marx
weder vorausgesehen noch gewollt hat." (R. Löwenthal)
Hier dagegen erscheint die Demokratie einem ihrer Bewunderer so
gewaltfrei, daß er Marx im Grab noch Abbitte tun läßt für den un-
bedachten Gedanken einer gewaltsamen Kampfansage gegen sie:
"Die moderne politische Demokratie steckt noch in ihren Anfängen
- die Politik der gewaltfreien Aktion und des nichtverletzenden
zivilen Widerstandes waren noch ganz unbekannt" (bekanntlich
richten sich Reagan und Kohl nach diesen Maximen). "Für den Revo-
lutionär Marx war es daher selbstverständlich, daß die uralte Un-
terdrückung der Massen nur durch revolutionäre Gewalt zu besei-
tigen war..." (O. Flechtheim, in: Marx heute)
Selbstverständlich ist da heute, daß sich die ganze geheuchelte
Marxbewunderung auf eine praktische Nutzanwendung zusammenkürzt:
Mit dem Visionär Marx entschieden gegen die UdSSR - und Gewalt-
freiheit muß dabei nicht unbedingt sein. Mit einer richtigen Kri-
tik an dem, was sozialistische Staaten mit ihren Arbeitermassen
anstellen, hat der freiheitliche Kampfaufruf gegen den Osten,
wozu Marx herhalten soll, nichts zu tun; schon eher mit dem Welt-
bild eines Reagan:
"Der jeweilige irdische Gott im Kreml verkündet die Herrschafts-
lehre, Rechtfertigungs- und Verschleierungsideologie" (an der
selbstverständlichen Gewaltausübung, die demokratische Regenten
pflegen, will dem Verfasser so etwas nie und nimmer auffallen!),
"daß der reale den Übergang zum vollendeten Kommunismus bilde -
und verlegt das Erreichen dieses fiktiven Zieles zugleich auf den
St. Nimmerleinstag. Welche Marx-Lästerung! ... Wenn schon der
Übergang in praxi so ausschaut, wie schrecklich erst wäre die
Vollendung! ... Ergo: Alle Gulag-Verhältnisse sind umzuwerfen.
Das polnische Volk ist gerade dabei: gewaltfrei." (H.Brandt, in:
Marx heute)
Marx -"Dogmatiker und Unmensch"?
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Es ist die gleiche Nutzanwendung der "Aktualität" von Marx heute,
wenn andere Professoren zum entgegengesetzten Schluß gelangen:
Marx war nicht unser.
"Das Menschenbild des Karl Marx ist gefährlich. Es ist Heils-
lehre, Verkündung und Eschatologie. Es birgt sich aber darin Un-
heil, Vergewaltigung und Illusion... Hinter diesem unspezifischen
Glückshorizont liegt: der Terror. Marx hat sein Leben lang Men-
schen zu ihrem Glück zwingen, in sein Paradies hineinprügeln, Wi-
dersacher vernichten wollen... Stehen GULAG und Schießbefehl an
der Mauer am Ende der großen Freiheit? Ist Intoleranz Teil der
Theorie von der Befreiung der Menschheit?" (Raddatz)
Keine Frage, sondern eine entschiedene Antwort: Das jede
"Menschennatur" verhöhnende "totalitäre Schreckenssystem" einer
"unmenschlichen Diktatur" ist eine "Wirkung" der geistigen
"Intoleranz" jenes Marx, den man damals schon besser in eines je-
ner Irrenhäuser hätte sperren sollen, deren Existenz im Osten je-
dem freiheitsliebenden Professor Anlaß genug ist, sich als gei-
stiger Frontkämpfer des Dritten Weltkriegs zu Wort zu melden. Und
das, obwohl dem "Gulag-System" jede geistige Quelle bestritten
wird: Andropow soll ja nie auch nur eine Zeile von Marx gelesen
haben können. Marx liefert da nur das Stichwort zu einem Selbst-
bekenntnis eines freiheitlichen Denkens, das kein anderes Ideal
kennt als den "menschenverachtenden Zynismus", der Marx angedich-
tet wird. Den freien Willen und das Bewußtsein der Leute kann die
Freiheit der Wissenschaft heute nur noch in einer Weise leiden:
als fraglose Zustimmung zu dem, was die politische Herrschaft der
westlichen Demokratien ihren Staatsbürgern abverlangt. Die glei-
chen Leute, die in Marx Intoleranz, Dogmatismus und Determinismus
als verbrecherisches Denken dingfest machen:
"Die Geschichte erscheint als ein Prozeß, dessen Gesetze, Verlauf
und Ziel genau, d.h. 'wissenschaftlich' bestimmt werden können.
Am Ende der Geschichte stehen als angeblich unvermeidliches Re-
sultat geschichtlicher Gesetze der Zusammenbruch des Kapitalismus
und dessen Ablösung durch eine kommunistische Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung." (Dieter Oberndörler),
wollen damit nur ausdrücken, daß ihr Wunschtraum, den Verstand
gelte es nur als Mittel für fraglosen Untertanengehorsam zu ge-
brauchen, in die falschen Hände geraten ist. Zu mehr als Recht-
fertigungen der politischen Gewalt will bürgerliche Wissenschaft,
die Marx ein ums andere Mal aus ihrer Ahnengalerie exkommuni-
ziert, es heute nicht bringen, wenn sie alle praktischen Zwänge
demokratischer Herrschaft damit begleitet, ihr ökonomische Sach-
zwänge, gesellschaftliche Notwendigkeiten und historische Zwangs-
läufigkeiten zu bescheinigen - und zum Willen und Denken der
Leute fallen ihnen nur Konditionierungstechniken und stimulus-re-
sponse-Modelle ein.
Daß ein Gedanke sich nicht bemessen lassen soll nach seiner funk-
tionellen Tauglichkeit, als Einverständniserklärung mit Gott und
der Welt, sondern nach der Richtigkeit seines Inhalts, ist für
moderne bürgerliche Wissenschaft ein ausgemachter Wahnsinn und
Marx als Wissenschaftler damit schon zum Erzfeind erklärt. Wer
die "Chance" verachtet, sich zum geistigen Kretin seiner Herr-
schaft machen zu dürfen, der gehört nicht zu ihr:
"In diesem herrischen Tun war Marx weit mehr ein bedingungslos
Anerkennung fordernder Prophet, denn ein Wissenschaftler, der be-
hutsam wägt und andere Ansichten nicht rücksichtslos nieder-
macht." (H. Abosch)
Diese stolz vorgetragene Bescheidenheit heutiger Denker, denen
der Luxus, ihren Kopf zu gebrauchen - und dementsprechend die
Dummheit ihrer Gedanken - nur etwas gelten will, wenn er ihnen
erlaubt wird, reicht für die herzliche Feindschaftserklärung an
Marx und das mit aller unbedingten Bescheidenheit:
"...Feststellung, daß er sich keine Gedanken gemacht hat über die
für Demokraten entscheidende Frage, wie man allgemein-politische
Wertvorstellungen als gültig in Kraft setzt... Wir haben keine
Wissenschaft, vor allen Dingen keine Sozialwissenschaft, die in
ihrer Prognosefähigkeit so sicher wäre, daß die Folgen von poli-
tischen Entscheidungen sich langfristig mit der nötigen Exaktheit
absehen lassen" (während Marx, der nur Prognosen abgeliefert ha-
ben soll, damit als ernsthafter Wissenschaftler erledigt ist).
"Und wir haben keine Philosophie, deren Legitimationskraft"
(anders als Legitimation läßt sich Denken wohl nicht vorstellen?)
"ausreichte, die Gültigkeit politischer Werte und Wertentschei-
dungen zu begründen... kein Plädoyer für Irrationalität... Appell
zu mehr Bescheidenheit... So sehr sich die gesellschaftliche Ver-
teilung des Einflusses auf Wissenschaftsplanung und -verwertung
im einzelnen kritisieren und auch verändern läßt, so sehr ist zu
warnen vor Forderungen, die im Namen einer überzogenen Autonomie
der Wissenschaft letztlich nur einer gesellschaftlich nicht mehr
kontrollierbaren Wissenschaftlerdiktatur das Wort reden". (W.
Becker)
Für dieses Bekenntnis zu einem Denken, das seine einzige Aufgabe
darin sieht, die B o t m ä i g k e i t d e s V e r s t a n-
d e s zu kontrollieren, kürzt sich das Urteil über Marx zu einer
polizeilichen Aktennotiz zusammen: Dieser verrückte und
gefährliche Mensch ist aus dem gesellschaftlichen Verkehr zu
ziehen. Mit Einsichten wie folgender hat sich ein Schweizer Marx-
kenner fest in der Marxforschung etabliert:
"Er verhielt sich zeitlebens genau so wie ein Embryo, der automa-
tisch von der ihn umgebenden Umwelt ernährt wird... Der Säugling
trinkt, bis er genug hat. Er macht sich keine Gedanken darüber,
ob die Mutter genug Milch hat oder nicht, er kennt der Mutter ge-
genüber keine Verantwortung, er würde munter weitertrinken, auch
wenn es den Tod der Mutter bedeutete... Genau so hat sich der er-
wachsene Mann Karl Marx seiner Mutter und seinen Geschwistern ge-
genüber verhalten, bloß (!) ging es nicht mehr um Milch, sondern
um Geld... Gehen wir von der Annahme aus, Marx habe infolge einer
infantilen Mutterfixierung einen solchen 'irreparablen' psychi-
schen Schaden erlitten, der eine Reifung seiner Persönlichkeit zu
einem kontakt- und liebesfähigen, selbständigen, in Beruf und Ehe
seine Verantwortung kennenden Menschen verhinderte... Er suchte
nicht nach einer Möglichkeit, dem Gelde seinen dämonischen, magi-
schen Charakter zu nehmen, es in den Dienst des Menschen und der
Überwindung der Entfremdung zu stellen, denn das hätte bedeutet,
daß er selbst seine psychisch fundamental gestörte Beziehung zum
Geld und zur Arbeit als Broterwerb hätte in Ordnung bringen müs-
sen". (A. Künzli)
Und ein Bayreuther Professor tut sich die Qual an, sämtliche MEW-
Bände auf anzügliche Witze und Anspielungen durchzublättern, um
als moralischer Sittenwächter das Bild eines faulen, arbeits-
scheuen, vom Geld anderer lebenden, arbeiterverachtenden, also
ganz und gar unanständigen Menschen auszumalen, obwohl er dazu
die blauen Bände gar nicht benötigt hätte:
"Das Fehlen affektiver Bindung an das Proletariat verwundert
nicht, hat er doch sogar die eigene Familie der revolutionären
Leidenschaft nachgeordnet. Die meisten revolutionären Gestalten
der Geschichte sind so rücksichtsvoll gewesen, daß sie auf die
Ehe, zumindest auf Nachwuchs verzichtet haben; Marx hat jedoch in
einer Zeit großer materieller Not acht Kinder gezeugt und sich
dennoch geweigert, einem Brotberuf nachzugehen." (Konrad Löw) -
p f u i T e u f e l!
Da könnte man sich ja fast auch einmal auf den Standpunkt stel-
len, den die bürgerliche Wissenschaft einnimmt, wenn es um Marx
und dessen ohne jede gedankliche Kritik auskommende Widerlegung
geht: Marx hätte, würde er heute leben, in der gemeinen Dummheit,
deren sich wissenschaftliches Denken heute befleißigt, nur einen
weiteren Beleg für die Notwendigkeit gefunden, den Kapitalismus
abzuschaffen.
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