Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin


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RESULTATE DER ARBEITSKONFERENZ

Theoretisches Organ der Roten Zellen / AK-München Nr. 2 / Dezember 1975 INHALT Editorial Der Aufbau des 'Kapital' Kommentar zu Abschnitt 3/4/5, Band I Kritische Solidarität Wie ein sozialistisches Büro kommunistische Politik verhindern will Herausgeber, Verlag und Vertrieb: Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur, GmbH 8000 München 40 Kurfürstenstraße 35 Postfach 40 15 08 Redaktion: Resultate Kollektiv, verantwortlich Anselm Kreuzhage Druck: Decker/Noe, 852 Erlangen, Henkestraße 80 RESULTATE der AK erscheinen unregelmäßig. Preis des Einzelheftes: DM 8,- , ca. 150 Seiten. Abonnements können aus Vertriebsgründen ab Nr. 2 nicht mehr gezeichnet werden. Bezahlung der Bestellungen im voraus durch Überweisung auf Konto Nr. 6/455 970 Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, 8 München 40, Leopoldstr. 21 oder Postscheckkonto Nr. 6267-801, Postscheckamt München. Bestellungen sind an obengenannte Adresse zu richten. Anmerkungen der Redaktion: Wegen technischer Schwierigkeiten erscheint statt der angekündig- ten Doppelnummer 2/3 jetzt nur die Einfachnummer 2. Der Aufsatz "Wissenschaft und Teleologie" wird zusammen mit dem Kommentar zum Abschnitt 6/7, Kl in Nr. 3 veröffentlicht. EDITORIAL Wenn uns bei der Vorstellung der Resultate im Editorial der Nr. 1 nicht ein schwerwiegender Fehler unterlaufen wäre, könnten wir bereits für diese Nummer auf einleitende Bemerkungen verzichten, mit denen auf Zweck und Bedeutung der Artikel hingewiesen wird. Weder die Ausführungen zur bürgerlichen Wissenschaft noch die Analyse des SB haben es nötig, durch Rechtfertigungen und relati- vierende Hinweise auf ihren Stellenwert vor Angriffen geschützt zu werden. Es wäre absurd, die Abrechnung mit der unter Linken üblichen Anbiederuung an die bürgerliche Wissenschaft zurückzunehmen, indem man sie verständlich zu machen versucht. Und noch schlimmer wäre es, einem Publikum, das von Kritik nichts wissen will, weil es an der Beseitigung von Fehlern kein Interesse hat, die Kritik am SB durch den Hinweis auf die Notwendigkeit von Kritik schmackhaft zu machen. Und daß sich unser Kapitalkommentar für die Diskussion der Marx-Gemeinden an bürgerlichen Universitäten wenig eignet, läßt sich schon daraus ersehen, daß man in Bremen, Frankfurt und Berlin so lange zu der Verkündung des längst feststehenden Urteils braucht, daß es uns am methodischen Rüstzeug mangelt, kurz: daß wir an der Ware und nicht an der Warenanalyse interessiert sind. Die um Verständnis heischende Selbstdarstellung, das Verlangen nach Reaktionen und die Unterstellung eines gemeinsamen wissenschaftlichen Anspruchs sind also die Fehler im letzten Editorial. Zu ihrer Korrektur gehört, daß wir auf die Demonstration am Text verzichten - im Unterschied zu unserem Publikum haben die Autoren ihren Fehler begriffen. Der Aufbau des "Kapital" (II) ----------------------------- Dritter Abschnitt: Die Produktion des absoluten Mehrwerts --------------------------------------------------------- 5. Kapitel ---------- Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß ----------------------------------- In der Zirkulationsform des Kapitals, G-W-G, vollzieht sich eine Vermehrung des Werts, weil nicht bloß formelle Bewegung von Ware und Geld stattfindet, sondern durch die Konsumtion der Arbeits- kraft Wert geschaffen wird. Doch: "Der Gebrauch der Arbeitskraft ist die Arbeit selbst" (MEW 23/192) Die Verwertung des Werts beruht also darauf, daß er seine Formbe- stimmtheit als vergegenständlichte Arbeit abstreift und sich in einen Arbeitsprozeß verwandelt. Das Kapital ist gezwungen, von seiner Identität als Wert zu abstrahieren und sich den Gesetzmä- ßigkeiten der Arbeit zu unterwerfen; deshalb gilt die Untersu- chung den allgemeinen Bestimmungen der Arbeit - unabhängig von den Formen, welche sie unter dem Kommando des Kapitals annimmt: "Die Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern ändert ihre all- gemeine Natur nicht dadurch, daß sie für den Kapitalisten und un- ter einer Kontrolle vorgeht. Der Arbeitsprozeß ist daher zunächst unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form zu be- trachten." (MEW 23/192) (1) 1. Arbeitsprozeß ---------------- Daß es dem Kapital auf seine Verwertung ankommt, erspart ihm also nicht, daß es sich als Produktion von Gebrauchswerten, deren Ge- setzen entsprechend betätigen muß. (2) Und diese ist "ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert." (MEW 23/192) In diesem Prozeß fungiert der Mensch selbst als eine "Naturmacht", allerdings als eine, die sich zugleich als selbst- bewußtes Subjekt bewährt das in der Veränderung der Natur außer ihm seinen Zweck verwirklicht, indem es sich der eigenen natürli- chen Potenzen bedient und sie verändert: "Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß" (MEW 23/193) Die praktische Einwirkung der Naturmacht Mensch auf den natürli- chen Gegenstand läßt sich von der Vorstellung vom bedürfnisbe- friedigenden Gegenstand leiten und hebt die Differenz zwischen dem vorgefundenen Objekt und seinem ideellen Bestimmtsein auf. Der Wille muß sich als A u f m e r k s a m k e i t bewähren. Der Arbeiter beschränkt sein Wirken auf die Formveränderungen, die ihm das ideell antizipierte Resultat seiner Tätigkeit gebie- tet - jede Abkehr von ihnen gefährdet die Erreichung seines Zwecks: "Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der An- strengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Ar- beit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte geniest." (MEW 23/193) Neben der zweckmäßigen Tätigkeit, der Arbeit selbst, und ihrem Gegenstand, den der Mensch "ohne sein Zutun vorfindet", bildet das Arbeitsmittel das dritte Moment des Arbeitsprozesses. Mit ihm überwindet der Mensch die in seiner natürlichen Ausstattung gege- benen Schranken für die Formveränderung des Gegenstandes: "Das Arbeitsmittel ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt und die ihm als Leiter seiner Tätigkeit auf diesen Gegenstand dienen Er benutzt die mechanischen, physikalischen, chemischen Eigen- schaften der Dinge um sie als Machtmittel auf andre Dinge, seinem Zweck gemäß wirken zu lassen. (MEW 23/194) Indem der Mensch, "seine natürliche Gestalt verlängernd", sich außer seiner leiblichen Organe des Werkzeugs, eines von ihm pro- duzierten Arbeitsmittels bedient, trennt er die seiner formverän- dernden Tätigkeit eigentümlichen Bestimmungen von seiner Subjek- tivität ab und o b j e k t i v i e r t sie in den Eigenschaften des Arbeitsmittels, so daß die Arbeit nicht mehr als an die Betä- tigung der Individualität gebunden erscheint: "Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesell- schaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird." (MEW 23/195) An ihrer Entwicklung läßt sich studieren, wie weit eine Gesell- schaft die von ihr vorgefundenen Produktionsbedingungen be- herrscht und im Produkt ihrer vergangenen Arbeit den "general in- tellect" zur Bewältigung der "ewigen Naturnotwendigkeit" einzu- setzen gelernt hat. Solche Einsichten, die sich aus der Natur der verwendeten Arbeitsmittel erschließen lassen, sind jedoch gleich- gültig für die Bestimmung des Arbeitsmittels selbst. Ob ein Produktionsmittel Arbeitsmittel oder Arbeitsgegenstand ist, hat mit seiner Herkunft aus früheren Arbeitsprozessen nichts zu tun sondern "hängt ganz und gar ab von seiner bestimmten Funktion im Arbeits- prozesse, von der Stelle, die er in ihm einnimmt, und mit dem Wechsel dieser Stelle wechseln jene Bestimmungen." (MEW 23/197) (3) Als Arbeitsmittel wie als Arbeitsgegenstand fungieren auf der einen Seite Produkte, auf der anderen aber selbst auf höchster Entwicklungsstufe der Produktion immer noch Naturstoffe, wie sie ohne Zutun vorgefunden werden. Wenn bürgerliche Ökonomen dazu kommen, den Produktcharakter der Arbeitsmittel hervorzuheben und letztere umstandslos als Kapital zu bezeichnen - vgl. die Fußnote zu Torrens oder etwa die Definition der "Kapitalgüter" durch Ro- scher als "Resultat der Vergangenheit, um der Zukunft willen dem gegenwärtigen Genusse des Besitzers entzogen" -, dann rührt dies her aus der in der bürgerlichen Ökonomie gängigen Gleichsetzung aller Untersuchungsgegenstände mit dem N u t z e n, der in der bürgerlichen Gesellschaft aus ihnen gezogen wird (Dies ist ihre Parteilichkeit!). Dem praktischen Standpunkt, der sich für alles und jedes als ein Mittel interessiert, mit dem unter kapitalisti- schen Verhältnissen umgegangen wird, gelingt es ohne Schwierig- keiten, aus der Funktion von P r o d u k t e n im Produktions- prozeß des K a p i t a l s den Kapitalcharakter aller Arbeits- mittel bis in die Steinzeit zurück zu "folgern". Der Arbeitsprozeß in seinen "einfachen und abstrakten Momenten" (4) fällt nicht zusammen mit b e s t i m m t e n gesellschaft- lichen Verhältnissen und sein Ablauf gewährleistet auch nicht die Realisierung eines über den aller produktiven Konsumtion immanen- ten Zweck hinausgehenden Zieles; er ist eben nur "zweckmäsige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, An- eignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Na- turbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von je- der Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam." (MEW 23/198) Selbst die formelle Unterordnung des Arbeiters unter die Kon- trolle des Kapitalisten, dem seine Arbeit gehört - "von dem Augenblicke, wo er in die Werkstätte des Kapitalisten trat, gehörte der Gebrauchswert seiner Arbeitskraft, also ihr Ge- brauch, die Arbeit, dem Kapitalisten" (MEW 23/200) - und die Konsequenz davon, daß der Arbeitsprozeß ein Prozeß zwi- schen Dingen ist, die der Kapitalist gekauft hat - "Das Produkt ist Eigentum des Kapitalisten, nicht des unmittelba- ren Produzenten, des Arbeiters" (MEW 23/200) - diese beiden "eigentümlichen Phänomene" der Konsumtion der Ar- beitskraft durch das Kapital schließen eine Verwertung des Kapi- tals nicht unbedingt ein. Der Widerspruch des Kapitals, das sich aus seiner Wertgestalt in die Elemente des Produktionsprozesses umsetzt, besteht also darin, daß es in seiner Unterwerfung unter die Bedingungen des Arbeitsprozesses seinen Verwertungszweck negiert. Seine Bewegung beruht offenbar darauf, daß es sich den Arbeitsprozeß als sein Mittel gemäß macht und die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird, diktiert: seine Notwendigkeit im Charakter des Arbeitsprozesses geltend macht. Aus der Klärung der Bedingungen, die ein Arbeitsprozeß erfüllen muß, soll er der Ver- wertung des Kapitals dienen, wird sich daher die kapitalistische Gestalt des Produktionsprozesses ergeben. 2. Verwertungsprozeß -------------------- Das Resultat des Arbeitsprozesses, ein Gebrauchswert, ist für das Kapital nur als Voraussetzung seines Wertzuwachses von Bedeutung. Der Kapitalist "will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert." (MEW 23/201) Die Arbeit, die unter seinem Kommando bedürfnisbefriedigende Ge- genstände hervorbringt, ist also zugleich wertbildende Arbeit: "Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert, muß ihr Produktionsprozeß Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungspro- zeß sein." (MEW 23/201) Dies gilt auch für die im Arbeitsmaterial vergegenständlichte Ar- beit, welche als eine im früheren Stadium des Arbeitsprozesses verrichtete zu betrachten ist. Insofern diese für die Herstellung des Produkts erforderliche Arbeit bereits als vergegenständ- lichte, und zwar in der Form von Waren in den Arbeitsprozeß Ein- gang findet, ist sie im Preis der Produktionsmittel "schon als allgemein gesellschaftliche Arbeit dargestellt" (MEW 23/201). Da- mit ihr Wert jedoch als Bestandteil des Produktenwertes er- scheint, müssen sie nicht nur "zur Produktion eines Gebrauchswerts gedient haben. Es muß in un- serem Fall Garn aus ihnen geworden sein ... Zweitens ist voraus- gesetzt, daß nur die unter den gegebnen gesellschaftlichen Pro- duktionshedingungen notwendige Arbeitszeit verwandt wurde. Wäre also nur 1 Pfund Baumwolle nötig, um 1 Pfund Garn zu spinnen, so darf nur 1 Pfund Baumwolle verzehrt sein in der Bildung von 1 Pfund Garn. Ebenso verhält es sich mit der Spindel. Hat der Kapi- talist die Phantasie, goldne statt eiserner Spindeln anzuwenden, so zählt im Garnwert dennoch nur die gesellschaftlich notwendige Arbeit, d.h. die zur Produktion eiserner Spindeln notwendige Ar- beitszeit." (MEW 23/203) Als warenproduzierende hat die Arbeit, die unter dem Kommando des Kapitals verrichtet wird, die Form der abstrakten Allgemeinheit. Wertbildende ist sie nicht durch ihre Qualität, ihre Bestimmt- heit, wie sie sich aus dem ihr immanenten Zweck ergibt - ihr Pro- dukt ist Wertgegenstand aufgrund der Identität mit jeder anderen Arbeit, von der sie sich nur hinsichtlich ihrer Quantität unter- scheidet. Je nach ihrer Dauer bringt die Arbeit bestimmte Quanta Wert hervor, die Produkte der unterschiedlichsten Arbeiten stel- len "nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit." (MEW 23/204), sofern nur während der Dauer des Arbeitsprozesses die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verzehrt wird. "Denn nur die gesellschaftlich notwen- dige Arbeit zählt als wertbildend." (MEW 23/204) Doch hat auch damit das Kapital seinen Verwertungszweck nicht er- reicht: die Verwandlung in die gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses vollzieht ein Teil seines Wertes deswegen, weil der andere Teil, den der Kapitalist für den Kauf der Arbeitskraft aufwendet, der Vermehrung dienen soll: "Das Rohmaterial gilt hier nur als Aufsaugung eines bestimmten Quantums Arbeit." (MEW 23/204) - und zwar eines größeren Quantums als dem, das im Wert der Arbeitskraft vergegenständlicht ist: "Was aber entschied, war der spezifische Gebrauchswert dieser Ware, Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat." (MEW 23/208) Seine kapitalistische Natur erhält der Arbeitsprozeß dadurch, daß er als Wertbildungsprozeß ein Produkt hervorbringt, das mehr Wert darstellt als die Produktionsmittel und die Arbeitskraft, deren Verausgabung den Wert erzeugt: daß die Arbeitskraft als Wertbild- nerin länger wirkt, als die Reproduktion ihres eignen Äquivalents erfordert. Dieser Vergleich macht deutlich, daß der Verwertungs- prozeß auf der Zirkulation, dem A u s t a u s c h von Äquiva- lenten beruht, sich aber in der Produktionssphäre zuträgt, in welcher der Kapitalist Wert erhält o h n e A u s t a u s c h: "Vergleichen wir nun Wertbildungsprozeß und Verwertungsprozeß, so ist der Verwertungsprozeß nichts als ein über einen gewissen Punkt hinaus verlängerter Wertbildungsprozeß." (MEW 23/209) Unter der Voraussetzung, daß "die zur Produktion des Gebrauchs- werts verbrauchte Zeit gesellschaftlich notwendig ist" (MEW 23/210), zählt die dem Kapital unterworfene Arbeit - sei sie in den Produktionsmitteln vergegenständlicht oder durch die Arbeits- kraft verrichtet - "nur noch nach ihrem Zeitmaß". Auf die Erfül- lung dieser Voraussetzung achtet der Kapitalist als Eigentümer sämtlicher Elemente des Produktionsprozesses: er setzt Arbeits- mittel ein, die dem Stand der Produktivkräfte entsprechen, läßt Material von normaler Güte verwenden und kauft Arbeitskräfte, die über "das herrschende Durchschnittsmaß von Geschick, Fertigkeit und Raschheit" verfügen, um sie bei ihrer Verausgabung nicht un- ter das übliche Maß an Intensität herabsinken zu lassen. Aus ei- nem Arbeitsprozeß wird auf diese Weise zugleich ein Wertbildungs- prozeß, der - über den "gewissen Punkt" hinaus verlängert - die Verwertung des Kapitals sichert: "Als Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß ist der Produktionsprozeß Produktionsprozeß von Waren; als Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß ist er kapitalistischer Pro- duktionsprozeß, kapitalistische Form der Warenproduktion." (MEW 23/211) Und an diesen Bestimmungen der Mehrwertproduktion ändert sich nichts durch die Differenzen in der Produktivkraft der Arbeit und das Vorhandensein komplizierterer Arbeiten, die sich "in verhält- nismäßig höheren Werten" äußern. Daß unterschiedlich qualifi- zierte Arbeitskräfte in gleichen Zeiträumen verschieden große Wertquanta produzieren, ist die Konsequenz des Wertgesetzes, statt seine Widerlegung. Die gesellschaftlich notwendige Arbeits- zeit existiert eben nur als Durchschnitt unterschiedner Arbeitszeiten, die auf dem Markt im Preis des Produkts verglichen und auf ihren Durchschnitt reduziert werden: "Nach wie vor kommt der Mehrwert nur heraus durch einen quantita- tiven Überschuß von Arbeit, durch die verlängerte Dauer desselben Arbeitsprozesses, in dem einen Fall Prozeß der Garnproduktion, in dem andren Fall Prozeß der Juwelenproduktion." (MEW 23/212) _____ (1) Daß die wissenschaftliche Erklärung des Kapitals die Analyse der Bedingungen einschließt die der Verwertung in der Natur des Arbeitsprozesses gegeben sind, erscheint den methodologisch in- teressierten Marx-Deutern wie vieles andere als Rätsel, für das sie außerhalb des "Kapital" Lösungen suchen. Zwei immer wieder nachgeahmte Fehler seien erwähnt (die Variante, aus dem "Kapital" eine "Logik" zu machen und alles über Arbeit Gesagte für über- flüssig zu erklären, wurde bereits in Resultate 1/60 kritisiert): a) die Verdrehung der allgemeinen Bestimmungen des Arbeitsprozes- ses zur A n t h r o p o l o g i e, auf deren Grundlage Marx zur Kritik der kapitalistischen Form der Arbeit gelangt, übersieht, daß die an dieser Stelle vorgenommene Analyse der Arbeit gültig bleibt auch für die folgenden Kapitel; daß sich die "allgemeine Natur" der Produktion von Gebrauchswerten eben n i c h t ändert und mit ihr deshalb die im Kapitalismus vollzogene Arbeit auch nicht in Widerspruch geraten kann. Marx hat also nicht den "eigentlichen" Menschen mit dem "kapitalistischen" konfrontiert! b) Die Herausnahme der Aussagen zur Arbeit aus der Ökonomie und ihre Interpretation (sic!) als methodische Untersteilung: "Daß die Arbeit ein Prozeß zwischen Dingen ist, bildet hier die philosophisch-materialistische Vor- aussetzung (!) der ökonomischen Analyse" (A. Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx. Frankfurt, 1962, S. 53). (2) "Dadurch daß das Kapital ausgetauscht hat einen Teil seines gegenständlichen Seins gegen Arbeit, ist sein gegenständliches Dasein selbst dirimiert in sich als Gegenstand der Arbeit; die Beziehung beider bildet den Produktionsprozeß oder noch genauer den A r b e i t s p r o z e ß. Es erscheint hiermit der v o r d e m W e r t, a l s A u s g a n g s p u n k t g e s e t z- t e A r b e i t s p r o z e ß - der wegen seiner Abstraktheit, reinen Stofflichkeit, allen Produktionsformen gleich eigen ist - w i e d e r i n n e r h a l b d e s K a p i t a l s, als ein Prozeß, der innerhalb seines Stoffs vorgeht, seinen Inhalt bildet." (Grundrisse 211 ff.) (3) Vgl. Grundrisse/209: "Die Baumwolle, die zum Baumwollgarn, oder das Baumwollgarn, das zum Gewebe, oder das Gewebe, das zum Material des Druckens und Färbens wird, existiert für die Arbeit nur als vorhandene Baumwolle, Baumwollgarn, Gewebe. Soweit sie selbst Produkte der Arbeit, vergegenständlichte Arbeit sind, tre- ten sie in gar keinen Prozeß, sondern nur als materielle Existen- zen mit bestimmten natürlichen Eigenschaften. W i e diese an ihnen gesetzt worden sind, geht die Beziehung der lebendigen Ar- beit auf sie nichts an." (4) Vgl. Grundrisse/210: "Es ist diese Seite: die nicht nur eine willkürliche Abstraktion ist, sondern eine Abstraktion, die im Prozeß selbst vorgeht -, die die Ökonomen fixieren, um das Kapi- tal als notwendiges Element des Produktionsprozesses darzustel- len." 6. Kapitel ---------- Konstantes Kapital und variables Kapital ---------------------------------------- Die Momente des kapitalistischen Arbeitsprozesses und ihr Zusam- menwirken sind subsumiert unter den Verwertungsprozeß, als dessen Faktoren sie fungieren. Sie unterscheiden sich daher nach ihrer Funktion für die Vermehrung des Kapitalwerts, die auf der Erzeu- gung eines Produkts gründet, das mehr Wert ist als die Elemente seiner Produktion: "Die verschiednen Faktoren des Arbeitsprozesses nehmen verschied- nen Anteil an der Bildung des Produkten Werts". (MEW 23/214) Die Verausgabung der Arbeitskraft bewirkt einerseits die B i l d u n g von Wert, andererseits die E r h a l t u n g des Werts, den die gegenständlichen Elemente des Produktionsorozesses darstellen, da deren Gebrauchswert durch die produktive Konsum- tion zwar verändert, nicht aber vernichtet wird. Das Eingehen des Werts der Produktionsmittel in den Produkten-Wert, ihre Funktion für die Verwertung beruht auf dem konkreten Charakter der Arbeit: "Der Arbeiter erhalt also die Werte der vernutzten Produktions- mittel oder überträgt sie als Wertbestandteile auf das Produkt, nicht durch sein Zusetzen von Arbeit überhaupt, sondern durch den besondren nützlichen Charakter, durch die spezifisch produktive Form dieser zusätzlichen Arbeit." (MEW 23/215) (1) Demgegenüber wirkt die Arbeit als Bildnerin von Neuwert durch die Form der abstrakten Allgemeinheit, und zwar verhältnismäßig zu ihrer Dauer: "In ihrer abstrakten, allgemeinen Eigenschaft also, als Verausga- bung menschlicher Arbeitskraft, setzt die Arbeit des Spinners den Werten von Baumwolle und Spindel Neuwert zu..." (MEW 23/215) Die Funktionen der verschiednen Elemente des Arbeitsprozesses für die Verwertung erklären sich also aus dem doppelten Charakter der Arbeit, was Konsequenzen hat für die Größe des Produkten-Werts und seiner Bestandteile. Während das Quantum Neuwert abhängig ist von der Zeit, in der gearbeitet wird, hängt die Größe des erhal- tenen Werts von der Weise ab, in der die Produktionsmittel für die Bildung des neuen Gebrauchswerts verzehrt werden: "Es folgt hieraus, daß im Arbeitsprozeß Wert vom Produktionsmit- tel auf das Produkt nur übergeht, soweit das Produktionsmittel mit seinem selbständigen Gebrauchswert auch seinen Tauschwert verliert ... Die gegenständlichen Faktoren des Arbeitsprozesses verhalten sich aber in dieser Hinsicht verschieden." (MEW 23/217) Während Rohmaterial und Hilfsstoffe mit ihrer Funktion im Ar- beitsprozeß "ihre selbständige Gestalt, womit sie in den Arbeits- prozeß als Gebrauchswerte eintraten", verlieren und damit auch ihr Wert auf das Produkt übertragen wird, geben Arbeitsmittel, deren Lebensperiode mehrere Arbeitsprozesse umfaßt, ihren Wert nur entsprechend ihrem Verschleiß, proportional zur Gesamtzeit, in der sie fungieren, ab: "Der Unterschied von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß reflek- tiert sich hier an ihren gegenständlichen Faktoren, indem das- selbe Produktionsmittel als Element des Arbeitsprozesses ganz und als Element der Wertbildung nur stückweis in demselben Produkti- onsprozeß zählt." (MEW 23/219) Daß Produktionsmittel ihren Wert an das Produkt nur dank dem be- stimmten Charakter der sie verzehrenden Arbeit abgeben, erhellt schlagend aus dem umgekehrten Fall: der Wert, den sie aufgrund des Arbeitsprozesses besitzen, aus dem sie stammen, geht verlo- ren, wenn sie nicht zweckmäßig verwandt werden, ihren Gebrauchs- wert also nicht im Verlauf der produktiven Konsumtion verlieren. In dem Maße, wie die Verarbeitung von Rohmaterial von der "Produktion" von Abfall begleitet ist, erreicht die Wertübertra- gung nicht das Maximum, das mit der Wertgröße gegeben ist, womit die Produktionsmittel in den Arbeitsprozeß eintreten. Insofern die Erhaltung des Werts der Produktionsmittel kein be- sondrer Prozeß ist, der neben der Bildung von Neuwert stattfin- det, stellt sie fürs Kapital eine "Gratisgabe der Arbeit" dar (2), die unter seinem Kommando verrichtet wird: "Der Arbeiter kann neue Arbeit nicht zusetzen, also nicht neuen Wert schaffen, ohne alte Werte zu erhalten, denn er muß die Ar- beit immer in bestimmter nützlicher Form zusetzen, und er kann sie nicht in bestimmter nützlicher Form zusetzen ohne Produkte zu Produktionsmitteln eines neuen Produkts zu machen und dadurch ih- ren Wert auf das neue Produkt zu übertragen. Es ist also eine Na- turgabe der sich betätigenden Arbeitskraft, der lebendigen Ar- beit, Wert zu erhalten, indem sie Wert zusetzt, eine Naturgabe, die dem Arbeiter nichts kostet, aber dem Kapitalisten viel ein- bringt, die Erhaltung des vorhandenen Kapitalwerts." (MEW 23/221) Daß dieser Vorteil dem Kapital allein aus der Konsumtion der Ar- beitskraft erwächst, erfährt der Kapitalist, sobald Unterbrechun- gen des Produktionsprozesses den Wert der für den Arbeitsprozeß bestimmten, aber nicht verwendeten Produktionsmittel zerstören: "Solange das Geschäft flott geht, ist der Kapitalist zu sehr in die Plusmacherei vertieft, um diese Gratisgabe der Arbeit zu sehn, Gewaltsame Unterbrechungen des Arbeitsprozesses, Krisen, machen sie ihm empfindlich bemerksam." (MEW 23/221) Die Rolle der Produktionsmittel im Verwertungsprozeß besteht so- mit darin, daß ihr Wert, mit dem sie in den Produktionsprozeß eingehen, durch die Wirkung der nützlichen Arbeit auf das Produkt übertragen wird: "Er wird erhalten, aber nicht weil eine Operation mit ihm selbst im Arbeitsprozeß vorgeht, sondern weil der Gebrauchswert, worin er ursprünglich existiert, zwar verschwindet, aber nur in einem andren Gebrauchswert verschwindet. Der Wert der Produktionsmittel erscheint daher wieder im Wert des Produkts, aber er wird, genau gesprochen, nicht reproduziert Was produziert wird, ist der neue Gebrauchswert, worin der alte Tauschwert wiedererscheint." (MEW 23/222) Die Bedeutung der Arbeitskraft für die Verwertung des Kapitals hingegen beruht darauf, daß ihre Verausgabung Wert b i l d e t. Ihr eigner Wert, das in ihr vergegenständlichte Quantum Arbeit, hat mit diesem Prozeß nichts zu schaffen und erscheint außerhalb desselben im Wert der Lebensmittel, durch die sich der Arbeiter erhält. Was die Betätigung der Arbeitskraft hervorbringt, ist Neuwert, "der einzige Wertteil des Produkts, der durch den Prozeß selbst produziert ist. "Insofern das Kapital die Arbeitskraft gekauft, ihren Wert also vorgeschossen hat, erscheint der durch die Arbeit neu produzierte Wert als Reproduktion des für sie aus- gelegten Kapitalteils: "Aber er ist wirklich reproduziert, nicht nur scheinbar, wie der Wert der Produktionsmittel. Der Ersatz eines Werts durch den and- ren ist hier vermittelt durch neue Wertschöpfung." (MEW 23/223) Und durch die Verlängerung der Arbeitszeit über den Punkt hinaus, "wo ein bloßes Äquivalent für den Wert der Arbeitskraft reprodu- ziert" wäre, erweist sich der für die Arbeitskraft ausgelegte Ka- pitalteil als funktionell vom Kapitalwert, der sich in Produkti- onsmittel umsetzt, unterschieden: "Indem wir die verschiednen Rollen dargestellt, welche die ver- schiednen Faktoren des Arbeitsprozesses in der Bildung des Pro- duktenwerts spielen, haben wir in der Tat die Funktionen der ver- schiednen Bestandteile des Kapitals in seinem eignen Verwertungs- prozeß charakterisiert." (MEW 23/223) Je nachdem, ob sich Kapital in Produktionsmittel oder Arbeits- kraft verwandelt, stellt es sich als Wertgröße dar, die sich im Durchgang durch den Produktionsprozeß e r h ä l t oder v e r m e h r t: "Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d.h. in Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital. Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dage- gen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital. Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und sub- jektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unter- scheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungspro- zesses als konstantes Kapital und variables Kapital." (MEW 23/223 ff.) (3) _____ (1) Vgl. Grundrisse/270 (2) Vgl. Grundrisse/261 (3) Dieser funktionelle Unterschied hat nichts mit den Wertverän- derungen zu tun, die mit den Bestandteilen des konstanten Kapi- tals vor sich gehen, sooft sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu ihrer Herstellung ändert, und bleibt auch von Wechseln in der Proportion zwischen c und v unberührt - eine Selbstverständlichkeit, die Marx an dieser Stelle nur deshalb ausspricht, weil die Differenz zwischen c und v dem praktischen Interesse verborgen bleibt und alle möglichen Phänomene die sich im Zirkulationsprozeß des Kapitals abspielen, zur Definition der funktionellen Bestandteile des Kapitals herangezogen werden. (Vgl. dazu die einschlägigen Stellen in TüM!) 7. Kapitel ---------- Die Rate des Mehrwerts ---------------------- 1. Das Kapital verwertet sich, indem der Arbeitsprozeß einen "Überschuß des Werts des Produkts über die Wertsumme seiner Pro- duktionselemente" (MEW 23/226) hervorbringt. Dieser Überschuß verdankt sich der Konsumtion der Arbeitskraft, die freilich ohne Verwandlung eines Kapitalteils in die gegenständlichen Bedingun- gen der Arbeit nicht vonstatten gehen kann. Da das konstante Ka- pital aber in der Wert b i l d u n g keine Rolle spielt, "ist hier davon zu abstrahieren" (MEW 23/227). Die Bewegung C-C' grün- det allein in der Wertveränderung, die der variable Kapitalteil als die "fließende Größe" des ganzen Prozesses erzeugt: "Wir wissen in der Tat bereits, daß der Mehrwert bloß Folge der Wertveränderung ist, die mit v, dem in Arbeitskraft umgesetzten Kapital vorgeht, daß also v+m = v + delta v (v + Inkrement von v) ist." (MEW 23/228) Da es die Wert v e r ä n d e r u n g ist, die aus einem Ar- beitsprozeß einen Verwertungsprozeß macht, und der Kapitalwert, soweit er sich in Produktionsmittel umsetzt, keiner Veränderung fähig ist - ihre Funktion besteht darin, dem Prozeß der Wertbil- dung den Stoff zu liefern -, ist die Größe c auch ohne Bedeutung für den unmittelbaren Produktionsprozeß des Kapitals, so wichtig das Verhältnis des Mehrwerts zum Gesamtkapital auch sein mag. (Band III) "Die reine Analyse des Prozesses erheischt also von dem Teil des Produkten-Werts, worin nur konstanter Kapitalwert wieder er- scheint, ganz zu abstrahieren, also das konstante Kapital c = 0 zu setzen." (MEW 23/228) Andererseits ist damit die Verwertung des Kapitals nicht in der a b s o l u t e n Größe des Mehrwerts, den die Arbeit hervor- bringt, zu fassen: m ist eine Wertgröße, deren Qualität in ihrer Beziehung auf v besteht. Sein Verhältnis zum variablen Teil des vorgeschossenen Kapitals macht aus der Produktion von Waren einen Verwertungsprozeß, welcher umgekehrt seine Bestimmung und Schranke in dieser "proportionellen Größe" hat: "Diese verhältnismäßige Verwertung des variablen Kapitals, oder die verhältnismäßige Größe des Mehrwerts nenne ich Rate des Mehr- werts." (MEW 23/230) Die Eigenart des kapitalistischen Produktionsprozesses liegt da- mit im Verhältnis der Zeitdauer, die der Arbeiter über den gewis- sen Punkt hinaus für den Kapitalisten tätig ist, zur Zeit, in der er den Wert seiner Arbeitskraft reproduziert. Die Mehrwertrate, das den Produktionsprozeß des Kapitals bestimmende Verhältnis von Mehrarbeitszeit und notwendiger Arbeitszeit, ist der Ausdruck für den "Exploitationsgrad der Arbeitskraft durch das Kapital": "Der Mehrwert verhält sich zum variablen Kapital wie die Mehrar- beit zur notwendigen, oder die Rate des Mehrwerts m/v = Mehrar- beit/notwendige Arbeit. Beide Proportionen drücken dasselbe Verhältnis in verschiedner Form aus, das eine Mal in der Form vergegenständlichter, das an- dre Mal in der Form flüssiger Arbeit." (MEW 23/231 ff.) Am Exploitationsgrad der Arbeitskraft hat die Selbstverwertung des Kapitals ihr Maß. Die Mehrwertrate entscheidet, inwieweit der Produktionsprozeß die Vergrößerung des Kapitalwerts bewirkt, also den Zweck erfüllt, dem er unterworfen ist. 2. Die dem unmittelbaren Produzenten abgepreßte Mehrarbeit resul- tiert im Produkt als ein Wertbestandteil desselben neben dem wie- dererscheinenden Wert der Produktionsmittel und dem reproduzier- ten Wert der Arbeitskraft. Die Zerfällung der dem Produktionspro- zeß des Kapitals entspringenden Waren in ihre Wertbestandteile c, v und m "dient dem englischen Fabrikanten zum Hausgebrauch" und reflektiert sein Interesse an der Arbeitszeit, die ihm ein Pro- dukt liefern soll, das den vorgeschossenen Wert ersetzt und dar- überhinaus einen Überschuß zu realisieren gestattet. Sie bezieht die Wertform des Produkts, das als vergegenständlichte Arbeit er- kannt ist, auf seine Herkunft aus dem Arbeitsprozeß und scheidet den Wert gemäß den Teilen der Arbeitszeit, denen er sich ver- dankt: "man sieht, die Formel ist richtig, in der Tat nur die erste For- mel, übersetzt aus dem Raum, wo die Teile des Produkts fertig ne- beneinander liegen, in die Zeit, wo sie aufeinander folgen" (MEW 23/237) Das Interesse, das diese "Übersetzung" veranlaßt, ignoriert je- doch das Verhältnis, durch das die kapitalistische Produktion sich auszeichnet, die Mehrwert r a t e; die durchaus unter- schiedlichen Leistungen der doppelt bestimmten Arbeit und damit die Differenz zwischen erhaltenem und neu geschaffenem Wert sind für diesen Standpunkt nicht existent: "Die Formel kann aber auch von sehr barbarischen Vorstellungen begleitet sein namentlich in Köpfen, die ebenso praktisch am Ver- wertungsprozeß interessiert sind, als sie ein Interesse haben, ihn theoretisch mißzuverstehen." (MEW 23/237) Für diese Anschauungsweise b r i n g t der Arbeitsprozeß den gesamten Wert des aus ihm resultierenden Produkts h e r v o r; da sein Resultat - die vorgeschossene Wertgröße und der Überschuß - als s e i n e Wirkung und er nur als dies Resultat hervor- bringender Prozeß überhaupt betrachtet wird, ist es nur konse- quent, jeden Teil des Produktenwerts, auch den aus der Erhaltung von c entspringenden, in einen aliquoten Teil des Arbeitstages zu "übersetzen". 3. Seniors "Letzte Stunde" ist die Folgerung aus dieser falschen Zerfällung des Produkts: eine Theorie, die durch das sie erzeu- gende Interesse zur Dummheit gerät. Das Verhältnis des Reinge- winns zur Größe des Arbeitstages erklärt sie damit, daß die letzte Stunde der üblichen Arbeitszeit für den Überschuß verant- wortlich sei, nicht das Verhältnis der Teile des Arbeitstages. 4. Liegt die Bestimmung des kapitalistischen Arbeitsprozesses in der Mehrwert r a t e, so kommt es beim Reichtum, den diese Produktionsweise schafft, nicht auf die absolute Größe an, son- dern auf das Verhältnis des Mehrprodukts zu dem Teil des Pro- dukts, der für die Subsistenz der Produzenten unerläßlich ist: "Wie die Rate des Mehrwerts durch sein Verhältnis nicht zur Ge- samtsumme, sondern zum variablen Bestandteil des Kapitals be- stimmt wird, so die Höhe des Mehrprodukts durch sein Verhältnis nicht zum Rest des Gesamtprodukts sondern zum Produktteil, worin sich die notwendige Arbeit darstellt. Wie die Produktion von Mehrwert der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so mißt nicht die absolute Größe des Produkts, sondern die rela- tive Größe des Mehrprodukts den Höhegrad des Reichtums" (MEW 93/243) Das Zitat von Young, das Marx in der Fußnote anführt, macht ex- plizit, daß diese Produktionsweise den Reichtum nicht um der Men- schen willen vermehrt, sondern in der notwendigen Arbeit ledig- lich ihre Basis und bleibende Schranke anerkennt - der Arbeitstag ist Mittel zur Verrichtung von Mehrarbeit, die Arbeitszeit dient nicht der Vermehrung des Reichtums in Gestalt von Produkten, son- dern durch das Verhältnis ihrer Teile der Vermehrung des Kani- tals. 8. Kapitel ---------- Der Arbeitstag -------------- 1. D i e G r e n z e n d e s A r b e i t s t a g s. Da die Verwertung des Kapitals sich durch einen Arbeitsprozeß vollzieht, der über den Punkt hinaus verlängert wird, an dem der Wert der Arbeitskraft reproduziert ist, der Überschuß also dem Verhältnis von Surplusarbeit und notwendiger Arbeit entspringt, vollzieht sich die maßlose Bewegung des Kapitals durch die Verlängerung der Mehrarbeit (1): "Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb den Trieb sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzu- saugen." (MEW 23/247) Dabei findet es an der Ware Arbeitskraft Bedingungen vor, von denen die Größe der Mehrwertrate abhängig ist. Während die Wert- größe der Arbeitskraft den Teil des Arbeitstages festlegt, den der Arbeiter benötigt, um den für ihn ausgelegten Wertteil des Kapitals zu reproduzieren, kann die Dauer der Mehrarbeit mit der Länge des Gesamtarbeitstages variieren: "Der Arbeitstag ist also keine konstante, sondern eine variable Größe." Er ist "bestimmbar aber an und für sich unbestimmt " (MEW 23/246) Der Ausdehnung der Mehrarbeit aber stellt sich in der Natur der Arbeitskraft eine doppelt bestimmte Maximalschranke entgegen: "Einmal durch die physische Schranke der Arbeitskraft. Ein Mensch kann während des natürlichen Tages von 24 Stunden nur ein be- stimmtes Quantum Lebenskraft verausgaben ... Während eines Teils des Tags muß die Kraft ruhen, schlafen, während eines andren Teils hat der Mensch andre physische Bedürfnisse zu befriedigen, sich zu nähren, kleiden usw. Außer dieser rein physischen Schran- ke stößt die Verlängerung des Arbeitstags auf moralische Schran- ken. Der Arbeiter braucht Zeit zur Befriedigung geistiger und sozialer Bedürfnisse, deren Umfang und Zahl durch den allgemeinen Kulturzustand bestimmt sind." (MEW 23/246) - womit zugleich ausgedrückt ist, daß der Drang des Kapitals nach Vergrößerung der Mehrarbeit die Z e r s t ö r u n g der Ar- beitskraft einschließt. Die Ausdehnung der Zeit, in der sie ver- ausgabt wird, v e r h i n d e r t ihre Reproduktion: "Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig (!) belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt." (MEW 23/247) Aus der spezifischen Natur der Ware, die den Gegenstand des Aus- tausches zwischen Kapitalist und Arbeiter bildet, und dem Zweck ihres Kaufs entspringt das eigentümliche Verhältnis der "dramatis personae", das Marx beim Übergang vom Geld zum Kapital konsta- tiert. Die Agenten dieses Austauschverhältnisses stehen in Gegen- satz zueinander, da ihre Beziehung aufeinander mit dem Tausch nicht abgeschlossen ist. Die Dauer der Verausgabung der Arbeits- kraft, die Konsumtion der veräußerten Ware, kann dem Verkäufer nicht gleichgültig sein; der wechselseitige Nutzen, um den es den Kontrahenten geht, offenbart sich als wechselseitige Beschrän- kung. Nimmt das Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter aufgrund der Vermittlung über den Tausch von Äquivalenten die Form des Rechts an (vgl. Kap. 2), wird es durch die Kollision, die es in der Konsumtion der Arbeitskraft aufweist, zum Kampf, zur gewalt- samen Auseinandersetzung zwischen den Repräsentanten von Kapital und Arbeitskraft: "man sieht: Von ganz elastischen Schranken abgesehen, ergibt sich aus der Natur des Warentauschs selbst keine Grenze des Arbeits- tags, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andrer- seits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbeiter be- hauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will. Es findet hier also eine Antinomie statt, Recht wider Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warenaustausches besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt." (MEW 23/249) Die folgenden Teile des Kapitels behandeln deshalb auch, wie der "an und für sich unbestimmte" Arbeitstag zum Gegenstand der Aus- einandersetzung zwischen den Klassen wird (2), Die Rolle des S t a a t e s in den Kämpfen um die Regulierung des Arbeitstags ist die Konsequenz davon, daß der Antagonismus des Arbeitstages auf der wechselseitigen Anerkennung beruht, die sich Kapitalist und Arbeiter als Subjekte des Austausches zuteil werden lassen, daß sie also in ein Rechtsverhältnis eintreten, dessen Sicherung durch eine allgemeine, über den ihre besonderen ökonomischen Interessen verfolgenden Subjekten stehende Macht vollzogen wird. Da der ökonomische Inhalt dieses Rechtsverhält- nisses in der wechselseitigen Beschränkung der beiden Parteien besteht - die Verwertung des Kapitals steht der Reproduktion der Arbeiter gegenüber - wird der Grad dieser Beschränkung selbst Gegenstand rechtlicher Bestimmungen, die der Staat garantiert. Dem Antagonismus des Produktionsverhältnisses entspricht die neben ihm stehende Gewalt, die die Fortdauer der kapitalistischen Ausbeutung dadurch sichert, daß sie sie beschränkt. Indem der Staat das Recht der Arbeiter auf ihre Existenz kodifiziert, erhält er dem Kapital die Bedingungen seiner Verwertung - und erweist sich darin als Klassenstaat, der in seinem souveränen Handeln gegenüber der Gesellschaft den Klassengegensatz als sein Grundlage anerkennt. (3) So notwendig also der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Maßlosigkeit des Kapitals und um die staatliche Festsetzung des Arbeitstags ist, so stellt er doch nur die Verlaufsform des Antagonismus dar, der mit der Mehr- wertproduktion gegeben ist, nicht aber dessen Überwindung. 2. Daß in den Gesetzen zur Bestimmung des Arbeitstages der Wider- spruch zum Ausdruck gelangt, in den eine auf schrankenloser Ex- ploitation der Arbeitskraft beruhende Produktionsweise gerät, zeigt sich im Vergleich mit oberflächlich gesehen analogen Fest- setzungen der allgemeinen Gewalt in vorkapitalistischen Gesell- schaften: "War das Reglement organique der Donaufürstentümer ein positiver Ausdruck des Heißhungers nach Mehrarbeit, den jeder Paragraph le- galisiert, so sind die englischen Factory-Acts negative Ausdrücke desselben Heißhungers." (MEW 23/253) Während der Kodex der Fronarbeit gewaltsam die Bauern zur Ablei- stung von Mehrarbeit zwingt, unterstellt die kapitalistische Ar- beitsgesetzgebung die Aneignung fremder Arbeit in einem Maße, das die Existenz der unmittelbaren Produzenten in Frage stellt: "Diese Gesetze zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aus- saugung der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Ar- beitstags von Staats wegen, und zwar von seiten eines Staats, den Kapitalist und Landlord beherrschen." (MEW 23/253) 3. Englische Industriezweige ohne Schranke der Exploitation sind Zeugnisse dafür, wie das Kapital die Arbeitskraft, deren Konsum- tion es seine Verwertung verdankt, zugrunderichtet. 4. Wo die physische Schranke der Ware Arbeitskraft die Verlänge- rung des Arbeitstages unmöglich macht, sichert sich das Kapital die Einsaugung von Arbeit während des ganzen Tages durch das A b l ö s u n g s s y s t e m. Dies gestattet ihm die Vergrößerung der angeeigneten Mehrarbeit, ohne daß es die Auslagen für konstantes Kapital erhöhen muß, ja es spart dadurch sogar Ausgaben: "Das konstante Kapital, die Produktionsmittel, sind, vom Stand- punkt des Verwertungsprozesses betrachtet, nur da, um Arbeit und mit jedem Tropfen Arbeit ein proportionelles Quantum Mehrarbeit einzusaugen. Soweit sie das nicht tun, bildet ihre bloße Existenz einen negativen Verlust für den Kapitalisten, denn sie repräsen- tieren während der Zeit, wo sie brachliegen, nutzlosen Kapital- vorschuß, und dieser Verlust wird positiv, sobald die Unterbre- chung zusätzliche Ausgaben nötig macht für den Wiederbeginn des Werks." (MEW 23/271) 5. Wenn das Eintreten des Arbeiters in den kapitalistischen Pro- duktionsprozeß mit der Gefährdung seiner Existenz verbunden ist, der Käufer seiner Arbeitskraft ein Recht auf deren Zerstörung hat, dann ist die Einwilligung des freien Arbeiters in den Ver- kauf seiner Arbeitskraft selbst Resultat gewaltsamen Vorgehens gegen die Arbeiter: Daß "der freie Arbeiter... sich freiwillig dazu versteht", (MEW 23/287) d.h. gesellschaftlich gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheitsmäßigen Lebensmittel, seine ganze, aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst zu verkaufen, ist angesichts der Implikationen dieses Verkaufs keine Selbstverständlichkeit. "Noch während des größten Teils des 18. Jahrhunderts, bis zur Epoche der großen Industrie, war es dem Kapital in England nicht gelungen, durch Zahlung des wöchentlichen Werts der Arbeitskraft sich der ganzen Woche des Arbeiters, Ausnahmen bilden jedoch die Agrikulturarbeiter, zu bemächtigen. Der Umstand, daß sie eine ganze Woche mit dem Lohn von 4 Tagen leben konnten, schien den Arbeitern kein hinreichender Grund, auch die andren zwei Tage für den Kapitalisten zu arbeiten." (MEW 23/290) Die Aneignung von Mehrarbeit auf Grundlage des Verkaufs der Ar- beitskraft durch den Arbeiter hat deshalb den staatlichen Zwang zur Voraussetzung, der allererst für einen Normalarbeitstag, d.h. für eine Arbeitszeit, die über die notwendige hinausgeht, sorgt. Über welche Zwänge dem Staat der Übergangsperiode die "Ausrottung der Faulenzerei", die "Förderung des Geistes der Industrie" etc. zum Anliegen werden mußte, braucht hier nicht zu interessieren. Daß die Vermehrung des Kapitals nicht damit bewerkstelligt werden konnte, daß die Käufer von Arbeitskraft den Markt betraten, son- dern dem "Vorfinden" dieser Ware, deren Gebrauchswert in der Pro- duktion von Mehrwert liegt, durch Gewalt nachgeholfen worden sein muß, läßt sich aus dem Widerspruch des Kapitalverhältnisses er- schließen, den die Träger der Ware Arbeitskraft zu spüren bekom- men. Durch die "Hilfe der Staatsmacht" sichert sich das Kapital "sein Einsaugungsrecht eines genügenden Quantums Mehrarbeit." (MEW 23/286) 6. Die englische Fabrikgesetzgebung dagegen ist die staatliche Fixierung von Schranken, die das Kapital bei der Exploitation - die der Staat zunächst ermöglicht hatte - produziert. In den K ä m p f e n der Arbeiter wird das Recht der Kapitalisten auf maßlose Ausdehnung des Arbeitstages bestritten. Die Zerstörung der Gesundheit aller, die ihre Arbeitskraft an das Kapital ver- kaufen - wobei die Wirkungen der Mehrwertproduktion auf Frauen und Kinder besondere Berücksichtigung fanden - mußte verhindert werden, um die Fortexistenz des Kapitalverhältnisses zu gewähr- leisten. Auch an dieser Stelle offenbart sich der reaktive Cha- rakter der staatlichen Verordnungen: "Diese minutiösen Bestimmungen, welche die Perioden, Grenzen, Pausen der Arbeit so militärisch uniform nach dem Glockenschlag regeln, waren keineswegs Produkte parlamentarischer Hirnweberei. Sie entwickelten sich allmählich aus den Verhältnissen heraus, als Naturgesetze der modernen Produktionsweise. Ihre Formulierung offizielle Anerkennung und staatliche Proklamation waren Ergebnis langwieriger Klassenkämpfe." (MEW 23/299) Der Mechanismus der Konkurrenz unter den Arbeitern gestattete den Kapitalisten immer wieder, die beschränkende Wirkung des Fabrik- akts auf ihre Profitmacherei zu umgehen. Erst als an verschie- denen Punkten die gemeinschaftlichen Aktionen der Arbeiter zum Erfolg geführt hatten und die Mißachtung der Gesetze seitens der Käufer der Arbeitskraft nicht mehr hingenommen ward, verhalf die Konkurrenz unter den Kapitalisten der allgemeinen Festsetzung des Normalarbeitstags zur endgültigen Durchsetzung, so daß der Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital seine ihm gemäße Ver- laufsform fand. "Dennoch hatte das Prinzip gesiegt mit seinem Sieg in den großen Industriezweigen, welche das eigenste Geschöpf der modernen Pro- duktionsweise. Ihre wundervolle Entwicklung von 1853-1860, Hand in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der Fa- brikarbeiter, schlug das blödeste Auge. Die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel des Arbeitstages durch halbhundertjährigen Bürgerkrieg Schritt für Schritt abgetrotzt, wiesen prahlend auf den Kontrast mit den noch "freien" Exploita- tionsgebieten hin. Die Pharisäer der "politischen Ökonomie" pro- klamierten nun die Einsicht in die Notwendigkeit eines gesetzlich geregelten Arbeitstags als charakteristische Neuerrungenschaft ihrer "Wissenschaft."" (MEW 23/312 ff.) 7. Die maßlose Ausschreitung des Kapitals in der Verlängerung des Arbeitstags, welche die kapitalistische Produktionsweise aus- zeichnet, ist in allen Gesellschaften dieser Art Grundlage für R e a k t i o n e n von staatlicher Seite - die freilich nur bleibender Beleg dafür sind, daß diese Produktionsweise auf der Unterwerfung und Zerstörung der unmittelbaren Produzenten beruht: noch heute ist jeder Paragraph in der Arbeitsgesetzgebung das of- fenkundige Eingeständnis des Klassengegensatzes. Wenn sich ver- mittelt über die Konkurrenz zwischen den Nationen und begleitet von den entsprechenden ideologischen Verklärungen in allen Indu- strienationen allmählich staatliche Regelungen dieser Art durch- setzen, so geschieht dies nirgends ohne den Druck der Gewalt sei- tens der Arbeiter. Mit der Entwicklung des Weltmarkts müssen sie überall "ihre Köpfe zusammenrotten und als Klasse ein Staatsge- setz erzwingen, ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkau- fen." (MEW 23/320) _____ (1) Vgl. Grundrisse/240: "Das Kapital als solches schafft einen bestimmten Mehrwert, weil es keinen unendlichen at once setzen kann aber es ist die beständige Bewegung mehr davon zu schaffen. Die quantitative Grenze des Mehrwerts erscheint ihm nur als Na- turschranke, als Notwendigkeit, die es beständig zu überwältigen und über die es beständig hinauszugehen sucht." (2) Daß dabei Phänomene der Durchsetzung und Entwicklung der ka- pitalistischen Produktionsweise zur Sprache kommen, hat ganz und gar nichts Rätselhaftes an sich, das einer Erklärung aus der "Methode" der Marxschen Wissenschaft bedürfe. Das "Material", welches hier hereinkommt ist der Gegenstand, den die Ökonomie mit dem Begriff des Arbeitstages erklärt, und nicht "Illustration", "Belegmaterial", ebensowenig aber ein "grandioses Bild vom Kampf der Arbeiterklasse für die Verkürzung des Arbeitstages" (LENIN, AW I/42). Auch Erläuterungen der Art, daß Marx "immer auch" den Klassenkampf und die Geschichte mitbehandle, unterstellen zunächst dieselben als der Ökonomie externe Gegenstände, um sie dann über ein neben der Wissenschaft existentes Interesse in die Wissenschaft einzubringen. (3) MÜLLER-NEUSÜSS (Die Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital, SoPo 6/7) verwechseln den Schluß vom Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wie er in der Schranke des Arbeitstages hervortritt, auf die Funktion des Staates mit der Ableitung und der Analyse des Staates selbst. Ungeachtet ihrer Polemik gegen Leute, die "die von Marx gegebene historische Skizze" (!) aus der Darstellung des Kapital herauszulösen und "ohne Bezeichnung (!) ihres systematischen Ortes", zu referieren pflegen, verwenden sie die Kritik der Politischen Ökonomie als Arsenal von Aussagen, das sich für die Analyse andrer Gegenstände brauchen läßt. Wie sie als Staatstheoretiker zur Leugnung der Staatstheorie gelangen - "im Sinne eines feststehenden Lehr- gebäudes ist sie also nicht möglich"! -, wird an ihren methodolo- gischen Fehlschlüssen in RESULTATE 1/122 ff. gezeigt. 9. Kapitel ---------- Rate und Masse des Mehrwerts ---------------------------- Die staatliche Festlegung des Normalarbeitstages setzt als ge- sellschaftlich gültige Beschränkung der Mehrwertrate der G r ö ß e d e s Ü b e r s c h u s s e s Grenzen, den das Kapi- tal hervorbringen kann. Das Verhältnis der beiden Teile des Ar- beitstages fungiert als F a k t o r für die Wirkung des Kapi- talteils v der zum Ankauf einer bestimmten Anzahl Arbeitskräfte ausgelegt wird. Die Gesetze, die das Verhältnis von Masse und Rate des Mehrwerts regeln, fassen die Abhängigkeit der V e r w e r t u n g von den Bedingungen der P r o d u k t i o n ihrer quantitativen Seite nach zusammen. (I) "Die Masse des produzierten Mehrwerts ist gleich der Größe des vorgeschoßnen variablen Kapitals multipliziert mit der Rate des Mehrwerts oder ist bestimmt durch das zusammengesetzte Ver- hältnis zwischen der Anzahl der von demselben Kapitalisten gleichzeitig exploitierten Arbeitskräfte und dem Exploitations- grad der einzelnen Arbeitskraft." (MEW 23/321) Insofern die Rate des Mehrwerts und die Zahl der angewandten Ar- beiter gleichermaßen als Faktoren die Masse des Mehrwerts beein- flussen, kann die "Abnahme des einen Faktors durch Zunahme des andren ersetzt werden" (MEW 23/322), so daß ein Sinken des ange- wandten variablen Kapitals, d.h. der Arbeiteranzahl durch eine "proportionale Erhöhung im Exploitationsgrad der Arbeitskraft" ausgeglichen werden kann. Die Steigerung der Mehrwertrate ist je- doch nur soweit möglich, wie es die Länge des Arbeitstages ge- stattet - in einem zweiten Gesetz ist daher die Schranke für die Wirkung dieses einen Faktors ausgedrückt: (II) "Die absolute Schranke des durchschnittlichen Arbeitstages, der von Natur immer kleiner ist als 24 Stunden, bildet eine abso- lute Schranke für den Ersatz von vermindertem variablen Kapital durch gesteigerte Bate des Mehrwerts, oder von verringerter exploitierten Arbeiteranzahl durch erhöhten Exploitationsgrad der Arbeitskraft." (MEW 23/323) Auch das dritte Gesetz ist nur eine Konsequenz des ersten. Es be- zeichnet die unmittelbare Abhängigkeit des Kapitals von der An- zahl der Arbeiter, die es beschäftigt. Während Marx die Bedeutung des zweiten für die Erklärung von Tendenzen hervorhebt, die in der Natur der Mehrwertproduktion liegen und später als wider- sprüchlicher Umgang des Kapitals mit den Faktoren, welche die Größe seines Überschusses bestimmen, behandelt werden, schließt er an die Formulierung von (III) "Die von verschiednen Kapitalen produzierten Massen von wert und Mehrwert verhalten sich bei gegebnem Wert und gleich großem Exploitationsgrad der Arbeitskraft direkt wie die Größen der variablen Bestandteile dieser Kapitale, d.h. ihrer in leben- dige Arbeitskraft umgesetzten Bestandteile." (MEW 23/325) einen Hinweis auf den Widerspruch an, in den dieses Gesetz einer- seits zur Erfahrung, die "auf dem Augenschein" gründet, anderer- seits zur Vulgärökonomie gerät Letztere muß als eine Theorie, die dem praktischen Standpunkt verpflichtet ist, an die Stelle der E r k l ä r u n g der Herkunft des vom Kapital erzielten Über- schusses und seiner Größe das I n t e r e s s e an den diversen W i r k u n g e n setzen, welche von der Modifikation aller am Produktions- und Zirkulationsprozeß des Kapitals beteiligten Fak- toren ausgehen. So bleibt ihr nicht nur die Differenz zwischen konstantem und variablem Kapital verborgen; sie behauptet auch der klassischen Ökonomie völlig entgegenstehende Gesetze, wenn sie die Abhängigkeit des Überschusses von der Produktion formu- liert: Die Vermehrung des Kapitals - dies ist die Konsequenz des dritten Gesetzes - hat bei gegebener Länge des Arbeitstages an der Ver- mehrung der Arbeiteranzahl seine Grenze, die Masse des vom Ge- samtkapital einer Gesellschaft produzierten Mehrwerts also am Wachstum der Bevölkerung. (Diese Grenze wird allerdings vom Kapi- tal durch die Methoden der relativen Mehrwertproduktion in eine überwindbare Schranke verwandelt). Zugleich erweist sich mit der Abhängigkeit des Kapitals von der Masse der angewandten Arbeits- kraft, daß "nicht jede beliebige Geld oder Wertsumme in Kapital verwandelbar" ist. Eine Geldsumme wird Kapital und ein Käufer von Arbeitskraft Kapitalist nur unter der Bedingung, daß die in va- riables Kapital umgesetzte Wertsumme für die Produktion eines Überschusses über sich selbst hinreicht, der den Zweck des Kapi- tals, seine Selbstverwertung, auch zu verwirklichen gestattet, d.h. die Funktion des Kapitalisten auf die "Aneignung und daher Kontrolle fremder Arbeit" und den "Verkauf der Produkte dieser Arbeit" reduziert. Aus den Voraussetzungen in der Entwicklung der Produktivkräfte die für die Dauer des Teils des Arbeitstages be- stimmend ist, den die Arbeiter zur Reproduktion des Werts ihrer Arbeitskraft tätig sein müssen ergibt sich ein "Minimum der Wertsumme, worüber der einzelne Geld oder Warenbesitzer verfügen muß, um sich in einen Kapitalisten zu entpuppen" (MEW 23/327). Wo die technischen Bedingungen einer Sphäre die Anhäufung einer Wertsumme in einer Hand, die als Minimum für den kapitalistischen Betrieb der Produktion erforderlich ist, nicht vorfinden, sorgen Staatssubsidien für die Bildung von Kapital. Der Arbeitsprozeß - dies geht aus den formulierten Gesetzen her- vor - ist Produktionsprozeß von Mehrwert, Mittel für die Verwer- tung des Kapitals. Mit dem Kauf der Arbeitskraft erhält der Kapi- talist das Kommando über die Arbeit und sorgt dafür, daß "der Ar- beiter sein Werk ordentlich und mit dem gehörigen Grad an Inten- sität" (MEW 23/328) verrichtet, sichert damit die wertbildende Funktion der unter seiner Kontrolle stattfindenden Arbeit. Durch die - mit Hilfe des Staates durchgesetzte - Verlängerung der Ar- beit über den "gewissen Punkt" hinaus wird aus dem Kapital ein "Zwangsverhältnis, welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten, als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürf- nisse" (MEW 23/328) vorschreibt. In diesem Produktionsprozeß be- tätigt sich der Kapitalwert als Subjekt; in Gestalt der Produkti- onsmittel, ohne die die Arbeitskraft nicht verausgabt werden kann, zwingt er den Arbeiter zur Ableistung von Mehrarbeit. "Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwen- det, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter an- wenden. Statt von Ihm als stoffliche Elemente seiner produktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, verzehren sie ihn als Element ihres eignen Lebensprozesses, und der Lebensprozeß des Kapitals besteht mir in seiner Bewegung als sich selbst verwertender Wert." (MEW 23/329) Zugleich sind in den Gesetzen über das Verhältnis von Masse und Rate des Mehrwerts Beschränkungen formuliert, die das Kapital in der Natur der Arbeitskraft erfährt: seinem Verwertungsdrang wird in den Produktionsbedingungen eine quantitative Grenze gesetzt. Seine Abhängigkeit von der Größe der Arbeiterbevölkerung und der Länge des Arbeitstages steht der Verwandlung der Produktionsmit- tel "in Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrar- beit" gegenüber (MEW 23/329). Diese "der kapitalistischen Produk- tion eigentümliche und sie charakterisierende Verkehrung" des Verhältnisses von toter und lebendiger Arbeit, von Wert und wert- schöpferischer Kraft liefert freilich auch die Grundlage für die Überwindung der Schranke, die das Kapital in den jeweiligen Pro- duktionsbedingungen vorfindet. Wenn sich das Kapital der vorge- fundenen Produktionsweise b e m ä c h t i g t, dann bestimmt es auch die Verausgabung der Arbeitskraft und ordnet sich nicht der notwendigen Arbeitszeit als einer gegebnen Größe unter. Vierter Abschnitt: Die Produktion des relativen Mehrwerts --------------------------------------------------------- 10. Kapitel ----------- Begriff des relativen Mehrwerts ------------------------------- Die Mehrwertrate, die im Produktionsprozeß als Verhältnis der Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit existiert, kann bei festgesetz- tem Arbeitstag nur durch die Verringerung der notwendigen Ar- beitszeit gesteigert werden: "Der Verlängrung der Mehrarbeit entspräche die Verkürzung der notwendigen Arbeit, oder ein Teil der Arbeitszeit, die der Arbei- ter bisher in der Tat für sich selbst verbraucht, verwandelt sich in Arbeitszeit für den Kapitalisten. Was verändert, wäre nicht die Länge des Arbeitstages, sondern seine Teilung in notwendige Arbeit und Mehrarbeit." (MEW 23/331 ff.) Da die notwendige Arbeitszeit - die Zeit, die zur Reproduktion des Werts der Arbeitskraft aufgebracht werden muß - durch den Wert der notwendigen Lebensmittel bestimmt ist, muß das Kapital die Zeit verkürzen, die zur Produktion dieser Lebensmittel ge- sellschaftlich aufgewandt wird, was eine Erhöhung der Produktiv- kraft der Arbeit erfordert: "Eine solche Senkung des Werts der Arbeitskraft um 1/10 bedingt aber ihrerseits daß dieselbe Masse Lebensmittel, die früher in 10, jetzt in 9 Stunden produziert wird. Dies ist jedoch unmöglich ohne eine Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit ... Es muß daher eine Revolution in den Produktionsbedingungen seiner Arbeit ein- treten, d.h. in seiner Produktionsweise und daher im Arbeitspro- zeß selbst. Unter Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit verstehn wir hier überhaupt eine Verändrung im Arbeitsprozeß, wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleinres Quantum Arbeit also die Kraft er- wirbt, ein größres Quantum Gebrauchswert zu produzieren." (MEW 23/333) Weil es dem Kapital auf die Veränderung der Mehrwertrate ankommt verwendet es die Zwangs- und Rechtstitel auf fremde Arbeit, die die ihm gehörigen Produktionsmittel darstellen als Mittel, seinem Zweck gemäß den Produktionsprozeß selbst zu verändern. Die Abhän- gigkeit des Kapitals von der Natur der Ware Arbeitskraft gibt also den Grund ab, das Verfügungsrecht über die Produktionsbedin- gungen auszunutzen und durch die Veränderung der konkreten Arbeit die Arbeitskraft seinem Verwertungsdrang gemäß zu machen: "Es muß die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst umwälzen, um die Produktivkraft der Arbeit zu erhöhn, durch die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit den Wert der Arbeitskraft zu senken und so den zur Reproduktion dieses Werts notwendigen Teil des Ar- beitstags zu verkürzen. Durch Verlängrung des Arbeitstags produ- zierten Mehrwert nenne ich absoluten Mehrwert; den Mehrwert dage- gen, der aus Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entspre- chender Verändrung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt - relativen Mehrwert." (MEW 23/334) Doch wirkt die Produktivitätssteigerung als Mittel der Verwohl- feilerung der Ware Arbeitskraft nur in Industriezweigen, "deren Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen, also entwe- der dem Umkreis der gewohnheitsmäßigen Lebensmittel angehören oder sie ersetzen können", bzw. in Industrien, "welche die stofflichen Elemente des konstanten Kapitals, die Ar- beitsmittel und das Arbeitsmaterial, zur Erzeugung der notwendi- gen Lebensmittel liefern." (MEW 23/334) Zudem senkt die wohlfeilere Ware dieser Industrien "den Wert der Arbeitskraft nur pro tanto, d.h. nur im Verhältnis, worin sie in die Reproduktion der Arbeitskraft eingeht." (MEW 23/334) Der Zweck - Senkung der notwendigen Arbeitszeit - dessentwegen das Kapital die Produktivität beständig zu steigern sucht, ist also nicht identisch mit dem Resultat der vergrößerten Produkti- vität in jedem einzelnen Fall. Doch ändert diese Beschränkung in der W i r k u n g von Produktivitätssteigerungen nichts daran, daß sie als Mittel des Kapitals fungieren und insofern eine a l l g e m e i n e Notwendigkeit des Kapitals darstellen, wes- halb MARX dies Resultat hier so behandelt, "als wäre es unmittelbares Resultat und unmittelbarer Zweck in jedem einzelnen Fall." (MEW 23/335) Wenn die Produktivitätssteigerung als Mittel zur Erhöhung der Mehrwertrate nicht unmittelbar zusammenfällt mit der Verwohlfei- lerung des Werts der Arbeitskraft, dann wird sie auch nicht vor- genommen mit dem ausdrücklichen Zweck der Senkung von v, sondern erfolgt aufgrund von Zwängen, die sich den Kapitalisten bei ihrem Bemühen um die Vergrößerung des Mehrwerts unabhängig von dem Ver- hältnis der beiden Teile des Arbeitstages mitteilen. Die allge- meine Notwendigkeit wird im Handeln der Einzelkapitalisten exeku- tiert, ohne daß sie auf die Verringerung von v reflektieren. Ihr willentliches und bewußtes Tun entspringt den Gesetzen der Kon- kurrenz, auf die MARX hier hinweist, obgleich ihre Behandlung au- ßerhalb der Ableitung des Mehrwerts ihren Platz hat: "Die allgemeinen und notwendigen Tendenzen des Kapitals sind zu unterscheiden von ihren Erscheinungsformen." (MEW 23/335) (1) Der Vorteil für den Einzelkapitalisten, den er mit seinem Handeln bezweckt, liegt in der Wirkung jeder Produktivitätssteigerung auf den Warenwert - sie senkt den Wert der Waren -: Diese Senkung der zur Produktion der Waren notwendigen Arbeitszeit stellt ihn im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt besser: "Der individuelle Wert dieser Ware steht nun unter ihrem gesell- schaftlichen Wert d.h. sie kostet weniger Arbeitszeit als der große Haufen derselben Artikel, produziert unter den gesell- schaftlichen Durchschnittsbedingungen." (MEW 23/336), was dem Kapitalisten ermöglicht, seine Ware über ihrem individu- ellen Wert zu verkaufen. Unabhängig davon, in welchen Formen sich die Konkurrenz abspielt (2), w i e in der Kalkulation des Kapitalisten die Produktivi- tätssteigerung als ein Mittel für die Erhöhung des Gewinns er- scheint, kann also MARX aus der Senkung der individuell auf das Produkt verwandten Arbeitszeit begründen, daß über den Vergleich der Waren auf dem Markt ein Vorteil für den Einzelkapitalisten existiert. Das Motiv, die Produktivität in seinem Arbeitsprozeß über den gesellschaftlichen Durchschnitt zu heben, ergibt sich für jeden Einzelkapitalisten aus der Differenz zwischen dem wirk- lichen, also gesellschaftlichen und dem individuellen Wert der Produkte, die ihm einen Extramehrwert verschafft: "Diese Steigerung des Mehrwerts findet für ihn statt, ob oder ob nicht seine Ware dem Umkreis der notwendigen Lebensmittel ange- hört und daher bestimmend in den allgemeinen Wert der Arbeits- kraft eingeht. Vom letztren Umstand abgesehen, existiert also für jeden einzelnen Kapitalisten das Motiv, die Ware durch erhöhte Produktivkraft der Arbeit zu verwohlfeilern." (MEW 23/336) (3) Dieser Extramehrwert resultiert letztlich daraus, daß die produk- tivere Arbeit im Vergleich mit gesellschaftlicher Durchschnitts- arbeit derselben Art als potenzierte Arbeit gilt, d.h. sich in einem höheren Wertprodukt darstellt, wodurch sich die zur Repro- duktion des Werts der Ware Arbeitskraft notwendige Zeit verkürzt. Jeder Kapitalist "tut im einzelnen, was das Kapital bei der Produktion des relati- ven Mehrwerts im großen und ganzen tut." (MEW 23/337) Doch ist der Grund für den Extramehrwert, die Differenz in der Produktivkraft konkurrierender Kapitale, zugleich der Grund da- für, daß er wieder verschwindet, "sobald die neue Produktionsweise sich verallgemeinert und damit die Differenz zwischen dem individuellen Wert der wohlfeiler pro- duzierten Ware und ihrem gesellschaftlichen Wert verschwindet." (MEW 23/337) In dieser Ausgleichung des individuellen Vorteils ist aber die Durchsetzung der allgemeinen Tendenz des Kapitals eingeschlossen, denn Wenn durch das "Zwangsgesetz der Konkurrenz" die neue Pro- duktionsweise sich in denjenigen Produktionszweigen durchsetzt, in denen die Lebensmittel produziert werden, ist die Mehrwertrate affiziert: "Die allgemeine Rate des Mehrwerts wird also durch den ganzen Prozeß schließlich nur berührt, wenn die Erhöhung der Produktiv- kraft der Arbeit Produktionszweige ergriffen, also Waren verwohl- feilert hat, die in den Kreis der notwendigen Lebensmittel ein- gehn, daher Elemente des Werts der Arbeitskraft bilden." (MEW 23/338) Mit der Wirkung der Produktivitätssteigerung auf den Wert der Wa- ren, die erklärt, inwiefern die Produktion von relativem Mehrwert durch Produktivkraftsteigenung allgemeine Tendenz des Kapitals ist, obgleich sie die notwendige Arbeitszeit nur senkt, wenn sie den Kreis der Lebensmittel des Arbeiters tangiert, ist auch der Widerspruch des Kapitals bezeichnet, den ihm diese Methode der Mehrwertproduktion aufzwingt: (4) "Da nun der relative Mehrwert in direktem Verhältnis zur Entwick- lung der Produktivkraft der Arbeit wächst, während der Wert der Waren in umgekehrtem Verhältnis zur selben Entwicklung fällt, da also derselbe identische Prozeß die Waren verwohlfeilert und den in ihnen enthaltenen Mehrwert steigert, löst sich das Rätsel, daß der Kapitalist, dem es nur um die Produktion von Tauschwert zu tun ist, den Tauschwert der Waren beständig zu senken strebt, ein Widerspruch, womit einer der Gründer der politischen Ökonomie, Quesnay, seine Gegner quälte und worauf sie ihm die Antwort schuldig blieben." (MEW 23/338 ff) Das Kapital ist gezwungen, zum Zweck der Mehrwertproduktion durch ständige Weiterentwicklung der Produktivkräfte den Wert der Waren zu senken und damit beständig die Basis seines Reichtums zu schmälern, den es zu vermehren strebt. Damit erklärt sich auch, daß die Tendenz des Kapitals, die zur Herstellung der Waren not- wendige Arbeitszeit zu verringern, nicht darauf abzielt, den Ar- beitstag durch Ökonomie der Arbeit zu verkürzen. Im Gegenteil: "Sie bezweckt nur Verkürzung der für Produktion eines bestimmten Warenquantums notwendigen Arbeitszeit." (MEW 23/339) "Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, innerhalb der ka- pitalistischen Produktion, bezweckt, den Teil des Arbeitstages, den der Arbeiter für sich selbst arbeiten muß zu verkürzen, um grade dadurch den andren Teil des Arbeitstages, den er für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann, zu verlängern." (MEW 23/340) Da sich also durch die Produktivitätssteigerung, durch die Unter- werfung des Arbeitsprozesses selbst unter das Kapital, der Zweck der relativen Mehrwertproduktion realisiert, muß sich die Unter- suchung im folgenden auf eine Veränderungen des Produktionspro- zesses richten, die als besondere Methoden der relativen Mehr- wertproduktion fungieren, unabhängig davon, wie sich die Wirkung der jeweils auf besondere Weise erreichten Produktivitätssteige- rung durchsetzt. Die Behandlung dieser Produktionsmethoden lie- fert auch die Erklärung für die Fälle, wo relativer Mehrwert ohne Verwohlfeilerung der Waren erreicht wird. "Wieweit dies Resultat auch ohne Verwohlfeilerung der Waren er- reichbar, wird sich zeigen in den besondren Produktionsmethoden des relativen Mehrwerts, zu deren Betrachtung wir jetzt über- gehn." (MEW 23/340) _____ 1) Die Hinweise auf die Mechanismen der Konkurrenz, die MARX hier gibt, sind also weder ein gelungener Exkurs zur Methode seiner Darstellung noch die Preisgabe der Scheidung zwischen Gesetzen des Kapitals und deren Durchsetzung der Oberflächenbewegung, der Konkurrenz. Sie sind eine aus den Bestimmungen des relativen Mehrwerts heraus notwendige Schlußfolgerung auf diese Differenz. In den ihr eigntümlichen Widersprüchen zeigt die Produktion des relativen Mehrwerts, daß sie im Bewußtsein und Handeln derer, die sie vollziehen und an ihr interessiert sind, anders erscheint denn als Notwendigkeit zur Senkung der notwendigen Arbeitszeit. Der Auffassung von ROSDOLSKY (zur Entstehungsgeschichte ..., I, 26), der Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems/PKA u.a., die in solchen und anderen Stellen (Geld, Mehrwert, Kre- dit...) eine Aufgabe des Aufbauplans, ein Hereinnehmen der Kon- kurrenz in das 'Kapital' sehen möchten, widerspricht nicht nur die von ihnen selbst konstatierte Differenz beider Gegenstände - Gesetze des Kapitals und Formen ihrer Durchsetzung - ohne die sie die 'Vermischung' im 'Kapital' gar nicht feststellen konnten. Das MARX die Formen der Konkurrenz nicht zum Gegenstand seiner Be- trachtung macht, erhellt z.B. hier daraus, daß er e x p l i z i t eine Erklärung vorbringt "auf Grundlage der be- reits gewonnenen Resultate" und die Kategorien des E x t r a- m e h r w e r t s der Differenz zwischen individuellem und gesellschaftlichem W e r t aufführt, um das Vorhandensein eines Interesses an der Produktivitatssteigerung seitens der Ein- zelkapitalisten zu demonstrieren: "Die Art und Weise, wie die im- manenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äußren Bewegung der Kapitale erscheinen sich als Zwangsgesetze der Kon- kurrenz geltend machen und daher als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein kommen, ist jetzt nicht zu betrachten, aber soviel erhellt von vornherein: Wissenschaft- liche Analyse der Konkurrenz ist nur möglich, sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist ..." (MEW 23/335). Leuten, die selbst an solchen Stellen scheitern, wird die "wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz" nie möglich sein! 2) Vgl. hierzu Resultate 5: "Industrielles Kapital, Konkurrenz der Kapitalisten und die Folgen"! 3) Vgl. dazu MARX, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozes- ses / 63 ff: "Produktivität der Arbeit überhaupt = M a x i m u m v o n P r o d u k t m i t M i n i m u m v o n A r b e i t, daher möglichst Verwohlfeilerung der Waren. Dies wird zum G e s e t z, unabhängig vom Willen des einzelnen Kapitalisten, in der kapita- listischen Produktionsweise ... Ihr (der kapitalistischen Produk- tion) Zweck, daß das einzelne Produkt etc. möglichst v i e l u n b e z a h l t e Arbeit enthalte, und dies nur erreicht durch die P r o d u k t i o n u m d e r P r o d u k t i o n wil- len. Es tritt dies einerseits als Gesetz auf, soweit der Kapita- list, der auf zu kleiner Stufenleiter produziert, mehr als das gesellschaftlich notwendige Quantum Arbeit in den Produkten ver- körpern würde. Es tritt also als adäquate Ausführung des Wertge- setzes auf, das sich erst vollständig entwickelt auf Grundlage der kapitalistisischen Produktionsweise. Aber es tritt a n d e r e r s e i t s als Trieb des einzelnen Kapitalisten auf, der um dies Gesetz durchzubrechen, oder es zu seinem eignen Vorteil zu überlisten, den individuellen Wert seiner Ware unter ihren gesellschaftlich bestimmten Wert zu senken sucht." (4) Vgl. Grundrisse/593: "Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, wäh- rend es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen um sie zu vermehren in der Form der über- flüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Be- dingung - question de vie et de mort - für die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesell- schaftlichen Verkehrs ins Leben um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Ar- beitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind um den schon ge- schaffnen Wert als Wert zu erhalten." 11. Kapitel ----------- Kooperation ----------- Die Produktion von relativem Mehrwert beruht darauf, daß das Ka- pital die Form des Arbeitsprozesses bestimmt. Damit fungiert die Arbeit als Mittel für die Vergrößerung der Mehrwertrate dadurch, daß i h r e Formen Methoden sind, die dem K a p i t a l für Erreichung seines Zwecks dienen. Die Bedingung eines jeden kapi- talistischen Produktionsprozesses unabhängig von seiner jeweili- gen konkreten Gestalt - daß "dasselbe Kapital eine größere Anzahl Arbeiter gleichzeitig beschäftigt" (vgl. 9. Kapitel) - erscheint daher nun als Mittel der Verwertung, d.h. als Mittel der Emanzi- pation von den Schranken der individuellen Arbeitskraft: (1) "Das Wirken einer größern Arbeiteranzahl zur selben Zeit, in dem- selben Raum oder wenn man will, auf demselben Arbeitsfeld), zur Produktion derselben Warensorte, unter dem Kommando desselben Ka- pitalisten, bildet historisch und begrifflich den Ausnahmepunkt der kapitalistischen Produktion." (MEW 23/341) (2) Die erste Methode der relativen Mehrwertproduktion besteht also im Zusammenwirken vieler in demselben Arbeitsprozeß: K o o p e r a t i o n. Von den vorangegangenen Produktionsweisen unterscheidet sie sich lediglich durch die Anzahl der beschäftigten Arbeiter, nicht aber durch die Veränderung des Arbeitsprozesses selbst und seiner technischen Bedingungen: "Der Unterschied ist also zunächst bloß quantitativ." (MEW 23/341) Deshalb scheint die Kooperation noch keine besondere Form des k a p i t a l i s t i s c h e n Produktionsprozesses darzustei- len. Dennoch - für die Verwertung ist sie eine wesentliche Quali- tät des Arbeitsprozesses. Erst im Zusammenwirken mehrerer Arbei- ter ist die gesellschaftliche Bestimmung der Arbeit als Wertbild- nerin realisiert, die mit dem Charakter der Produkte als Waren unterstellt ist. Sie g i l t nicht nur, sondern i s t hier die "Äußerung einer durchschnittlichen Arbeitskraft" i n n e r- h a l b des Arbeitsprozesses durch den Ausgleich individueller Unterschiede, die "sich kompensieren und verschwinden, sobald man eine größere Anzahl Arbeiter zusammennimmt." (MEW 23/342) Allein durch die Anzahl der Arbeiter ist das Kapital emanzipiert von den jeweiligen Unterschieden individueller Arbeitsvermögen: "Der Arbeitstag jedes einzelnen existiert als aliquoter Teil des Gesamtarbeitstags, ganz unabhängig davon, ob die zwölf einander in die Hand arbeiten oder ob der ganze Zusammenhang ihrer Arbei- ten nur darin besteht, daß sie für denselben Kapitalisten arbei- ten." (MEW 23/342) Der kooperative Arbeitsprozeß ist also eine dem Wertgesetz ad- äquate Form der konkreten Arbeit: "Das Gesetz der Verwertung überhaupt realisiert sich also für den einzelnen Produzenten erst vollständig, sobald er als Kapitalist produziert, viele Arbeiter gleichzeitig anwendet, also von vorn- herein gesellschaftliche Durchschnittsarbeit in Bewegung setzt." (MEW 23/343) Darüberhinaus bewirkt die gleichzeitige Anwendung einer größeren Arbeiteranzahl durch einen Kapitalisten eine Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses und befördert so die Verwertung des Kapitals. "Gemeinsam vernutzte Produktionsmittel geben geringren Wertbe- standteil an das einzelne Produkt ab, teils weil der Gesamtwert, den sie abgeben, sich gleichzeitig auf eine größre Produktenmasse verteilt, teils weil sie, im Vergleich zu vereinzelten Produkti- onsmitteln, zwar mit absolut größrem, aber, ihren Wirkungskreis betrachtet mit relativ kleinrem Wert in den Produktionsprozeß eintreten." (MEW 23/344) Die Kooperation bewirkt so mit der Senkung des konstanten Wertbe- standteils eine Senkung des Werts der produzierten Waren und - soweit diese in den Kreis der Lebensmittel der Arbeiter eingehen - auch eine Verminderung des Werts der Arbeitskraft: "Die Wirkung ist dieselbe, als ob die Produktionsmittel der Ware wohlfeiler produziert wurden. Diese Ökonomie in der Anwendung der Produktionsmittel entspringt aus ihrem gemeinsamen Konsum im Ar- beitsprozeß vieler." (MEW 23/344) Diese Wirkung der Anwendung einer größeren Arbeiteranzahl auf den Wert der Waren, die sich aus der Veränderung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit pro Produkt durch Einsparung von konstan- tem Kapital ergibt und für die Profitrate (K III) und in der Kon- kurrenz von Bedeutung ist, zählt zwar als Veränderung der Produk- tivkraft der Arbeit, gleichwohl ist sie nicht zu verwechseln mit einer Steigerung der Mehrwertrate durch die verwandelte Form der Arbeit. Denn diese Ökonomie des konstanten Kapitals ist zwar eine mit der Kooperation einhergehende Erscheinung, fällt aber nicht mit dieser als bestimmter Weise des Arbeitens zusammen: "Da hier nämlich (in der kapitalistischen Produktion) die Ar- beitsbedingungen dem Arbeiter selbständig gegenübertreten, er- scheint auch ihre Ökonomie als eine besondre Operation, die ihn nichts angeht und daher getrennt ist von den Methoden, welche seine persönliche Produktivität erhöhen" (MEW 23/344) Die Kooperation nämlich ist "die Form der Arbeit vieler, die in demselben Produktionsprozeß oder in verschiednen, aber zusammenhängenden Produktionsprozessen planmäßig neben - und miteinander arbeiten ... (MEW 23/344) und schließt als s o l c h e spezifische Wirkungen ein, die sie als Mittel zur Überwindung der Beschränkungen ausweisen, die dem Kapital mit der Produktivkraft der Arbeiter als einzelne aufer- legt sind. Alle aufgeführten Phänomene lassen sich zusammenfassen als Konse- quenzen aus dem planmäßigen Zusammenwirken der Arbeiter. Die er- höhten Produktionsleistungen des kombinierten Arbeitsprozesses, deren Effekt identisch ist mit dem Resultat einer Senkung des Werts der Ware Arbeitskraft, der dem Produktionsprozeß vorausge- setzt ist, beruhen auf der Ausnutzung der gesellschaftlichen Po- tenzen der Arbeit, die die Kooperation darstellt: "Verglichen mit einer gleich großen Summe vereinzelter individu- eller Arbeitstage, produziert der kombinierte Arbeitstag größre Massen von Gebrauchswert und vermindert daher die zur Produktion eines bestimmten Nutzeffekts notwendige Arbeitszeit. Ob er im ge- gebenen Fall diese gesteigerte Produktivkraft erhält, weil es die mechanische Kraftpotenz der Arbeit erhöht oder ihre räumlich Wir- kungssphäre ausdehnt oder das räumliche Produktionsfeld im Ver- hältnis zur Stufenleiter der Produktion verengt oder im kriti- schen Moment viel Arbeit in weniger Zeit flüssig macht oder den Wetteifer der einzelnen erregt und ihre Lebensgeister spannt oder den gleichartigen Verrichtungen vieler den Stempel der Kontinui- tät und Vielseitigkeit aufdrückt, oder verschiedne Operationen gleichzeitig verrichtet oder die Produktionsmittel durch ihren gemeinschaftlichen Gebrauch ökonomisiert oder der individuellen Arbeit den Charakter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit ver- leiht, unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des kombinierten Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit oder Produktivkraft gesellschaftlicher Arbeit. Sie ent- springt aus der Kooperation selbst. Im planmäßigen Zusammenwirken mit andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen." (MEW 23/348 ff) Durch die Anwendung dieser Methode der relativen Mehrwertproduk- tion werden dem Kapital neue Bedingungen seiner Verwertung aufer- legt. Um d i e s e Produktivkraft für sich wirken zu lassen, muß das Kapital viele Lohnarbeiter gleichzeitig kaufen: "Wenn Arbeiter überhaupt nicht unmittelbar zusammenwirken können, ohne zusammen zu sein, ihre Konglomeration auf bestimmtem Raum daher Bedingung ihrer Kooperation ist, können Lohnarbeiter nicht kooperieren, ohne daß dasselbe Kapital, derselbe Kapitalist sie gleichzeitig anwendet, also ihre Arbeitskräfte gleichzeitig kauft." (MEW 23/349), wodurch dem Kapital in seiner eigenen Größe eine "materielle Be- dingung" für sein Fungieren erwächst. Für die Minimalgröße des Kapitals genügt nicht mehr, daß der "Arbeitsanwender von der Handarbeit entbunden" und damit "das Kapitalverhältnis formell hergestellt" (MEW 23/350) ist. Eine vermehrte Auslage von varia- blem wie konstantem Kapital ist erforderlich, um einen "kombinierten gesellschaftlichen Arbeitsprozeß" (MEW 23/350) her- zustellen. Andererseits ist durch den massenhaften Kauf von Arbeitskräften noch nicht die gesellschaftliche Potenz realisiert, auf die es dem Kapital ankommt. Das Zusammenwirken der Arbeiter erfordert eine spezifische Funktion des personalisierten Kapitals innerhalb des Arbeitsprozesses selbst. (3) War das Kommando des Kapitali- sten bloß formelle Folge der Eigentumstitel des Kapitalisten auf alle Produktionsfaktoren, so entwickelt es sich "mit der Koopera- tion vieler Lohnarbeiter ... zum Erheischnis für die Ausführung des Produktionsprozesses selbst, zu einer wirklichen Produktions- bedingung", (MEW 23/350) Die Leitung des Produktionsprozesses ist eine für die Vergröße- rung der Mehrwertrate unerläßliche und zugleich als technische Notwendigkeit auftretende Funktion des Kapitals. Sie entspringt nicht einfach daraus daß technische Leitung eines kooperativen Prozesses unentbehrlich ist sondern dem Verwertungsdrang des Ka- pitals, der sich in der Kooperation verwirklicht, und enthält, da es dem Kapital auf die mehrwertheckende Kraft des Zusammenwirkens ankommt, "spezifische Charaktermerkmale". Diese resultieren dar- aus, daß das Kapital den Verwertungszweck im Arbeitsprozeß dem Willen der Arbeiter gegen ihren wachsenden Widerstand erst auf- zwingen muß. Durch diesen spezifischen Charakter der Leitung erscheint also im Arbeitsprozeß selbst, daß seine kooperative Qualität nicht der Beschaffenheit der Arbeit entspringt, sondern sich einem außer- halb ihrer liegenden und sich in ihr verwirklichenden Zweck ver- dankt: "Der Zusammenhang ihrer Funktionen und ihre Einheit als produkti- ver Gesamtkörper liegen außer ihnen, im Kapital, das sie zusam- menbringt und zusammenhält. Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapita- listen gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft." (MEW 23/351) Um die im Kapital liegende Einheit des produktiven Gesamtkörpers gegen die Arbeiter durchzusetzen, muß die Leitung des Produkti- onsprozesses als "unmittelbare und fortwährende Beaufsichtigung der einzelnen Arbeiter und Arbeitergruppen" (MEW 23/351) statt- finden. Der dem zwieschlächtigen Charakter der kapitalistischen Leitung entspringende Despotismus, der mit der Beaufsichtigung durch eine besondre Sorte Lohnarbeiter seine spezifische Form er- hält, enthüllt die Kooperation der Lohnarbeiter als Mittel des Kapitals, dem sie gewaltsam unterworfen werden. Daß die Gemeinschaftlichkeit der Produktion ganz in der gemeinsa- men Abhängigkeit der Arbeitenden vom Kapital liegt das sie anwen- det (4) erfährt der Arbeiter dementsprechend am Gebrauch seiner Arbeitskraft. Wo sie aber ihre gesellschaftlichen Potenzen durch das Zusammenwirken mit anderen entwickelt und ihre individuelle Beschränkung abstreift, ist sie nicht mehr ihm gehörig, sondern wird vom Kapital seinem Zweck gemäß vernutzt. Daher sind im ko- operativen Produktionsprozeß die einzelnen wechselseitig abhängig vom Zusammenwirken mit andern, ohne daß sie den Zweck ihres Zu- sammenwirkens selbst verfolgen. In dieser Abhängigkeit ist jeder bloßes Moment eines Zusammenhangs, der getrennt von ihm im Kapi- tal existiert: "Als unabhängige Personen sind die Arbeiter Vereinzelte, die in ein Verhältnis zu demselben Kapital, aber nicht zueinander tre- ten. Ihre Kooperation beginnt erst im Arbeitsprozeß, aber im Ar- beitsprozeß haben sie bereits aufgehört, sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben sind sie dem Kapital einverleibt. Als Kooperierende, als Glieder eines werktätigen Organismus, sind sie selbst nur eine besondre Existenzweise des Kapitals. Die Pro- duktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist daher Produktivkraft des Kapitals. Die gesell- schaftliche Produktivkraft der Arbeit entwickelt sich unentgelt- lich, sobald die Arbeiter unter bestimmte Bedingungen gestellt sind, und das Kapital stellt sie unter diese Bedingungen. Weil die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit dem Kapital nichts kostet, weil sie andrerseits nicht von dem Arbeiter ent- wickelt wird, bevor seine Arbeit selbst dem Kapital gehört, er- scheint sie als Produktivkraft, die das Kapital von Natur be- sitzt, als seine immanente Produktivkraft." (MEW 23/352 ff) Diese Eigentümlichkeit kapitalistischer Produktion wird deutlich im Vergleich mit vorkapitalistischen Produktionsweisen. Koopera- tion ist den vorkapitalistischen Gesellschaften ein Erfordernis, das sich aus dem Charakter bestimmter Arbeiten ergibt, die von einzelnen nicht ausgeführt werden können. Zur g e s e l l- s c h a f t l i c h e n Notwendigkeit wird die Zusammenarbeit vieler erst im Kapitalismus, wo der Verwertungsdrang des Kapitals die Kooperation als gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit erfordert. War es vorher der Willkür einzelner überlassen, per- sönlich Abhängige Arbeiten im großen Maßstab ausführen zu lassen, so gerät es dem Kapitalisten zur permanenten Notwendigkeit, viele Arbeitskräfte kooperieren zu lassen, die freiwillig dem stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse folgen: "Die sporadische Anwendung der Kooperation auf großem Maßstab in der antiken Welt, dem Mittelalter und den modernen Kolonien be- ruht auf unmittelbaren Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis- sen, zumeist auf Sklaverei. Die kapitalistische Form setzt dage- gen von vornherein den freien Lohnarbeiter voraus, der seine Ar- beitskraft dem Kapital verkauft. Historisch jedoch entwickelt sie sich im Gegensatz zur Bauernwirtschaft und zum unabhängigen Hand- werksbetrieb, ob dieser zünftige Form besitze oder nicht. Ihnen gegenüber erscheint die Kooperation selbst als eine dem kapitali- stischen Produktionsprozeß eigentümliche und ihn spezifisch un- terscheidende historische Form." (MEW 23/354) Zugleich ist sie die notwendige Form des Arbeitsprozesses, "vom Kapital angewandte Methode, um ihn durch Steigerung seiner Produktivkraft profitlicher auszubeuten." (MEW 23/354) und gehört daher nicht bloß einer besonderen "Entwicklungsepoche der kapitalistischen Produktionsweise" an: "Die Kooperation bleibt die Grundform der kapitalistischen Pro- duktionsweise, obgleich ihre einfache Gestalt selbst als besondre Form neben ihren weiterentwickelten Formen erscheint." (MEW 23/355) _____ 1) Vgl. Gr. 479 ff! 2) Die begriffliche Voraussetzung der kapitalistischen Produk- tion, daß ein Kapitalist mehrere Arbeiter anwenden muß, um als Kapitalist zu fungieren, unterstellt, daß die kapitalistische Produktion aus einer Produktionsweise entsteht, die einerseits Kooperation dadurch ermöglicht, daß sie die gesellschaftliche Arbeitsteilung schon weit entwickelt und Konzentration von gesellschaftlichem Reichtum auf der einen, von Arbeitskräften auf der anderen ausgebildet hat, die aber andererseits das Zusammenwirken vieler Arbeiter noch beschränkt und nicht zur systematischen Grundlage der Produktion macht. Vgl. Gr. 483: "Also immer auf der Stufe, wo eine gewisse Masse gesellschaftlichen Reichtums in einer Hand schon konzentriert ist objektiv, die also als Kapital, sofort als Austausch mit vielen Arbeiter, später als Produktion durch viele Arbeiter erscheint, Kombination von Arbeitern fähig ist ein gewisses Quantum lebendi- ger Arbeitsvermögen simultaneously at work zu setzen, beginnt die Produktion durch das Kapital, das so von vornherein als K o l l e k t i v k r a f t, gesellschaftliche Kraft und Aufhe- bunq der Vereinzelung, zuerst des Austauschs mit den Arbeitern, dann der Arbeiter selbst erscheint. Die Vereinzelung der Arbeiter unterstellt noch relative Unabhängigkeit derselben." 3) Vgl. Grundrisse 481: "Es (das Kapital) setzt die Vereinigung der Arbeiter in der Produktion eine Vereinigung, die zunächst nur im gemeinschaftlichen Ort, unter Aufsehern: Einregimentierung, größere Disziplin, Stetigkeit und gesetzte Abhängigkeit in der Produktion selbst vom Kapital sein wird." 4) Vgl. Gr/484: "Wohl aber steht das Kapital von vornherein als Eins oder Einheit den Arbeitern als Vielen gegenüber. Und so erscheint es als die Konzentration der Arbeiter gegenüber die Ar- beit, als außer ihnen fallende Einheit. Nach dieser Seite ist die Konzentration im Begriff des Kapitals enthalten - die Konzentra- tion vieler lebendiger Arbeitsvermögen zu einem Zweck..." 12. Kapitel ----------- Teilung der Arbeit und Manufaktur --------------------------------- 1. Durch die Kombination der Arbeitskräfte im kooperativen Ar- beitsprozeß überwindet das Kapital die Beschränkungen, die in der Äußerung der Arbeitskraft als einzelner liegen, indem es sich die gesellschaftliche Potenz der Arbeit, die in ihrem Zusammenwirken liegt zunutze macht. Doch ist die Q u a l i t ä t d e r A r b e i t d e r E i n z e l n e n: an ihr liegt es, wieweit die Vereinigung mit anderer Arbeitskraft. Produktivkraft des Ka- pitals ist. Insofern steht die bloße Kombination der Arbeiter im Gegensatz zum Kapital, das seine Verwertung, das seine Verwertung ihrer gemeinschaftlichen Wirkung verdankt. Die Arbeitskräfte sind Instrumente eines Arbeitsprozesses, und doch besteht ihre Einheit nur in der gemeinsamen Abhängigkeit vom Kapital, ist bloß f o r m e l l. Das auf einem "kooperativ verrichteten" Arbeitsprozeß beruhende Kapital überwindet diese Schranke seiner Verwertung dadurch, daß es seine Verfügungsgewalt über die Zusammenarbeit vieler dazu be- nutzt, die Arbeitsweise des Einzelnen zu bestimmen und die Selb- ständigkeit der nebeneinander Arbeitenden ihrer Funktion, gesell- schaftliche Produktivkraft zu sein, unterordnet. Das Kapital macht die Arbeit des Einzelnen zur T e i l arbeit, deren Selb- ständigkeit nur im Verhältnis zur Tätigkeit anderer liegt, mit denen sie kooperiert: Dies ist das Prinzip der Manufaktur. Die Einheit der unmittelbaren und reflektierten Selbständigkeit, welche die Teilung der Arbeit darstellt, verweist auf den doppel- ten Ursprung der Manufaktur; die auf Teilung der Arbeit beruhende Kooperation entspringt einer Organisation der Arbeit, in der die Selbständigkeit der produzierenden Tätigkeit noch nicht zusammen- fällt mit der Abhängigkeit von anderen Tätigkeiten. Um der Arbeit des Einzelnen die kooperativen Qualitäten als i h r e n Charak- ter aufzuzwingen, müssen also einerseits selbständige Tätigkeiten geteilt, andererseits Teiloperationen verselbständigt werden: "Die Ursprungsweise der Manufaktur, ihre Herausbildung aus dem Handwerk ist also zwieschlächtig. Einerseits geht sie von der Kombination verschiedenartiger, selbständiger Handwerke aus, die bis zu dem Punkt verunselbständigt und vereinseitigt werden, wo sie nur noch einander ergänzende Teiloperationen im Produktions- prozeß einer und derselben Ware bilden. Andrerseits geht sie von der Kooperation gleichartiger Handwerker aus, zersetzt dasselbe individuelle Handwerk in seine verschiednen besondren Operationen und isoliert und verselbständigt diese bis zu dem Punkt, wo jede derselben zur ausschließlichen Funktion eines besondren Arbeiters wird. Einerseits führt daher die Manufaktur Teilung der Arbeit in einen Produktionsprozeß ein oder entwickelt sie weiter, andrer- seits kombiniert sie früher geschiedne Handwerke. Welches aber immer ihr besondrer Ausgangspunkt, ihre Schlußgestalt ist die- selbe - ein Produktionsmechanismus, dessen Organe Menschen sind." (MEW 23/358) Damit ist freilich die Emanzipation vom partikularen Arbeitsver- mögen noch nicht vollzogen. Die Teilung der Arbeit in der Manu- faktur offenbart vielmehr die Abhängigkeit des Kapitals von der Individualität des Arbeiters, die es zu überwinden strebt, da- durch, daß sie zur Grundlage der Produktivitätssteigerung wird: "Zusammengesetzt oder einfach, die Verrichtung bleibt handwerks- mäßig und daher abhängig von Kraft, Geschick, Schnelle, Sicher- heit des Einzelarbeiters in Handhabung seines Instruments. Das Handwerk bleibt die Basis. Diese enge technische Basis schließt wirklich wissenschaftliche Analyse des Produktionsprozesses aus, da jeder Teilprozeß, den das Produkt durchmacht, als handwerks- mäßige Teilarbeit ausführbar sein muß." (MEW 23/358) 2. Die Teilung der Arbeit macht sich geltend an den M o m e n t e n d e r A r b e i t selbst. Zum einen beruht sie darauf, daß der Detailarbeiter darauf festgelegt ist, lebenslang ein und dieselbe Operation zu verrichten. Er verwandelt damit seinen Körper in das "automatisch einseitige Organ" dieser Teil- funktion. Auf dieser Vereinfachung und Vereinseitigung der Tä- tigkeit, die Gewöhnung an die sich immer wiederholenden Teil- schritte der Arbeit zur Folge hat, gründet die Steigerung der Produktivkraft "Im Vergleich zum selbständigen Handwerk wird daher mehr in weni- ger Zeit produziert oder die Produktivkraft der Arbeit gestei- gert. Auch vervollkommnet sich die Methode der Teilarbeit, nach- dem sie zur ausschließenden Funktion einer Person verselbständigt ist." (MEW 23/359) Durch die lebenslängliche Festlegung des Arbeiters auf eine Teil- funktion produziert die Manufaktur "die Virtuosität des Detailarbeiters, indem sie die naturwüchsige Sonderung der Gewerbe, die sie in der Gesellschaft vorfand, im Innern der Werkstatt reproduziert und systematisch zum Extrem treibt." (MEW 23/359) Damit aber unterwirft das Kapital mit seinem F o r t- s c h r i t t in der Entwicklung der Produktivität der Arbeit die I n d i v i d u e n einer Beschränkung, die vergleichbar ist mit Verhältnissen in vorkapitalistischen Produktionsweisen: "Andrerseits entspricht ihre Verwandlung der Teilarbeit in den Lebensberuf eines Menschen dem Trieb früherer Gesellschaften, die Gewerbe erblich zu machen, sie in Kasten zu versteinern oder in Zünfte zu verknöchern ... (ME 23/359) Die "Vervollkommnung der Methode der Teilarbeit" bedarf anderer- seits der "Differenzierung der Arbeitsinstrumente". Ihre Wei- terentwicklung ist die Konsequenz des Drangs des Kapitals, sich von den subjektiver Bedingungen des einzelnen Arbeiters zu eman- zipieren und vergegenständlicht doch zugleich nur die Abhängig- keit des Kapitals von der Individualität des Arbeiters in neuer Form: "Die Manufakturperiode vereinfacht, verbessert und vermannigfacht die Arbeitswerkzeuge durch deren Anpassung an die ausschließli- chen Sonderfunktionen der Teilarbeiter." (MEW 23/361) Mit der Entwicklung dieser Werkzeuge, deren Mangel in der Abhän- gigkeit ihres Gebrauchs von den bestimmten Fähigkeiten und Ge- schicklichkeiten des Detailarbeiters liegt, ist jedoch auch das Mittel geschaffen, diese Beschränkung des Kapitals zu überwinden. Die Werkzeuge müssen so weiterentwickelt werden, daß ihre Verwen- dung auf individuelle Besonderheiten nicht mehr angewiesen ist. (1) "Sie (die Manufakturperiode) schafft damit zugleich eine der ma- teriellen Bedingungen der Maschinerie die aus einer Kombination einfacher Instrumente besteht." (MEW 23/361 ff) 3. Auch die Gliederung der Manufaktur im Ganzen bestimmt sich aus Bedingungen, die der Arbeitsprozeß dem Kapital vorschreibt: Sie ist abhängig vom Charakter des Produkts. Je nach der Art des Machwerks besitzt die Manufaktur die Gestalt unzusammenhängender Teilproduktionen, deren Resultate erst nachträglich zusammenge- fügt werden, oder die Gestalt einer organischen Kombination auf- einander aufbauender Teiloperationen. (Vgl. MEW 23/362) Die erste Form läßt die Kombination der Teilarbeiter in derselben Werkstatt zufällig, während die zweite Art der Manufaktur, "ihre vollendete Form", die Teilarbeiten aufgrund ihrer Zusammengehö- rigkeit an einem Ort kombinieren muß. Durch die Aufhebung der räumlichen Trennung wird hier zum einen Zeit und Arbeit einge- spart welche die Übergänge von einem Produktionsschritt zum näch- sten vermittelt hatten. Zudem wird die Lieferung von mehr ferti- ger Ware in demselben Zeitraum dadurch erreicht, daß das zeitli- che Nacheinander der verschiedenen Arbeitsgänge sich verwandelt hat in ein räumliches Nebeneinander. Durch dieses Nebeneinander der verschiedenen Stufenprozesse der Produktion erhält das allgemeine Prinzip der Kooperation in der Manufaktur spezifische Charaktermerkmale: Die Arbeit jedes Teilarbeiters hat das Produkt der Arbeit eines anderen zur unmittelbaren Voraussetzung, "Ein Arbeiter beschäftigt daher hier unmittelbar den andren." (MEW 23/365) Im Arbeitsprozeß selbst existiert somit der Zwang, die Teilarbei- ten in einer bestimmten Zeit zu erledigen. Das Interesse des Ka- pitals, den Arbeitsprozeß zu effektivieren, setzt sich über die gegenseitige Abhängigkeit der Teilarbeiter durch: "Es ist klar, daß diese unmittelbare Abhängigkeit der Arbeiten und daher der Arbeiter voneinander jeden einzelnen zwingt, nur die notwendige Zeit zu seiner Funktion zu verwenden, und so eine ganz andre Kontinuität, Gleichförmigkeet, Regelmäßigkeit Ordnung und namentlich auch Intensität der Arbeit erzeugt wird als im un- abhängigen Handwerk oder selbst der einfachen Kooperation." (MEW 23/365 ff) So existiert der aus der Konkurrenz resultierende äußere Zwang, die Produkte in der gesellschaftlich notwendigen Zeit herzustel- len, hier als Sachzwang der Produktion selbst: "Lieferung von gegebnem Produktenquantum in gegebner Arbeitszeit wird dagegen in der Manufaktur technisches Gesetz des Produkti- onsprozesses selbst." (MEW 23/366) Mit der Organisation des auf Teilung der Arbeit beruhenden Pro- zesses erwächst dem Kapital eine weitere Bedingung für sein Funk- tionieren darin, daß ihm nun das Verhältnis vorgeschrieben ist, wieviele Arbeiter jeweils in den verschiedenen Operationen ange- wandt werden müssen. Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit "entwickelt mit der qualitativen Gliederung die quantitative Re- gel und Proportionalität des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses. Ist die passendste Verhältniszahl der verschiednen Gruppen von Teilarbeitern erfahrungsgemäß festgesetzt für eine bestimmte Stu- fenleiter der Produktion, so kann man diese Stufenleiter nur aus- dehnen, indem man ein Multipel jeder besondren Arbeitergruppe verwendet." (MEW 23/366) Die Notwendigkeit einer planmäßigen Zuteilung der verschiedenen Operationen an die Teilarbeiter bezeichnet zugleich den Fort- schritt, den die manufakturmäßige Produktion für das Kapital er- bringt: Er liegt in der zweckmäßigen Kombination der voneinander abhängigen Teiloperationen zu einem produktiven Organismus, also in dem aus vielen Teilarbeitern kombinierten Gesamtarbeiter'. (2) Die Verteilung der in der Manufaktur zusammengefaßten verselb- ständigten Sonderfunktionen an die Arbeiter, hat zwar deren Ge- schicklichkeit, Gewandheit, Kraft usw. zur Grundlage, entwickelt und vereinseitigt aber zugleich selbst die Naturbesonderheiten der Individuen und macht sie damit der manufakturmäßigen Arbeits- teilung gemäß. Auf diese Weise erreicht die Manufaktur ökono- mischste Verausgabung aller produktiven Eigenschaften des Gesamt- arbeiters auf Kosten der Teitarbeiter, die nun "von Natur nur zu einseitiger Sonderfunktion taugen. Der Gesamt- arbeiter besitzt jetzt alle produktiven Eigenschaften in gleich hohem Grad der Virtuosität und verausgabt sie zugleich aufs öko- nomischste, indem er alle seine Organe, individualisiert in be- sondren Arbeitern oder Arbeitergruppen, ausschließlich zu ihren spezifischen Funktionen verwendet. Die Einseitigkeit und selbst die Unvollkommenheit des Teilarbeiters werden zu seiner Vollkom- menheit als Glied des Gesamtarbeiters. Die Gewohnheit einer ein- seitigen Funktion verwandelt ihn in ihr naturgemäß sicher wirken- des Organ, während der Zusammenhang des Gesamtmechanismus ihn zwingt, mit der Regelmäßigkeit eines Maschinenteils zu wirken." (MEW 23/369 ff) Die Spezialisierung der Teilarbeiten hat eine Hierarchie der Arbeitskräfte und damit der Arbeitlöhne zur Folge. Und da selbst für sich einfache Detailoperationen den Charakter von Teilarbei- ten annehmen, entwickelt die kapitalistische Manufaktur erstmals eine "Klasse sogenannter ungeschickter Arbeiter". Die Manufaktur, die die vereinseitigte Spezialität des Arbeiters zur Virtuosität entwickelt, "beginnt auch schon den Mangel aller Entwicklung zu einer Spezia- lität zu machen. Neben die hierarchische Abstufung tritt die ein- fache Scheidung der Arbeiter in geschickte und ungeschickte." (MEW 23/371) (3) 4. Die m a n u f a k t u r m ä ß i g e T e i l u n g d e r A r b e i t hat die g e s e l l s c h a f t l i c h e A r- b e i t s t e i l u n g zu ihrer Voraussetzung. Zugleich aber wird diese vorangetrieben durch die Manufaktur und die damit verbundene "Differenzierung der Gewerbe". "Da Warenproduktion und Warenzirkulation die allgemeine Voraus- setzung der kapitalistischen Produktionsweise, erheischt manufak- turmäßige Teilung der Arbeit eine schon bis zu gewissem Entwick- lungsgrad gereifte Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft. Umgekehrt entwickelt und vervielfältigt die manufakturmäßige Tei- lung der Arbeit rückwirkend jene gesellschaftliche Teilung der Arbeit." (MEW 23/374) Trotz der zahlreichen Analogien zwischen manufakturmäßiger und gesellschaftlicher Teilung der Arbeit sind beide "nicht nur gra- duell, sondern wesentlich unterschieden" (MEW 23/375) durch die Art und Weise wie sie sich als Teile bewähren: während die ge- sellschaftliche Arbeitsteilung über den Austausch von Waren ver- mittelt ist, erhält die einzelne Arbeit in der Manufaktur ihre Unselbständigkeit dadurch "daß der Teilarbeiter keine Ware produziert. Erst das gemeinsame Produkt der Teilarbeiter verwandelt sich in Ware." (MEW 23/376) Hiermit ist der Charakter kapitalistischer Privatarbeit bestimmt: wenn der einzelne bloßer T e i l arbeiter ist, bedeutet das zugleich, daß er das Produkt seiner Arbeit nicht selbständig aus- tauschen kann. In der kapitalistischen Warenproduktion schließen sich das Dasein von Warenproduzent und -besitzer wechselseitig aus: wird das Produkt der Teilarbeiten zur Ware, so heißt das für deren Produzenten, daß es ihnen nicht gehört. (4) Damit ergibt sich auch die Form der gesellschaftlichen Arbeits- teilung: Ist der Zusammenhang der Teilarbeiten innerhalb der Werkstatt vermittelt über den Verkauf der verschiedenen Arbeits- kräfte an denselben Kapitalisten, "der sie als kombinierte Ar- beitskraft verwendet" (MEW 23/376) und dem daher das geschaffene Warenprodukt gehört, so vermittelt sich die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft über Kauf und Verkauf der Produkte sei- tens dieser Kapitalisten als unabhängigen Warenbesitzern. "Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit unterstellt die unbe- dingte Autorität des Kapitalisten über Menschen, die bloße Glie- der eines ihm gehörigen Gesamtmechanismus bilden; die gesell- schaftliche Teilung der Arbeit stellt unabhängige Warenproduzen- ten einander gegenüber, die keine andre Autorität anerkennen als die der Konkurrenz." (MEW 23/377) Daß sich diese Despotie der manufakturmäßigen und die Anarchie der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wechselseitig bedingen, läßt auch die Polemik der Apologeten des Fabriksystems erkennen: Geben sie Kontrolle und Planung des Produktionsprozesses durch den Kapitalisten mit dem Hinweis auf die Produktionssteigerung als etwas Unabdingbares aus, bekämpfen sie auf der Ebene der Ge- sellschaft die gleichen Prinzipien unter Berufung auf die bürger- lichen Freiheitsrechte. "Dasselbe bürgerliche Bewußtsein, das die manufakturmäßige Tei- lung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Teil- arbeiter unter das Kapital als eine Organisation der Arbeit fei- ert, welche ihre Produktivkraft steigre, denunziert daher ebenso laut jede bewußte gesellschaftliche Kontrolle und Reglung des ge- sellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigentumsrechte, Freiheit und sich selbst bestim- mende 'Genialität' des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksy- stems nichts Ärgres gegen jede allgemeine Organisation der ge- sellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde." (MEW 23/377) Damit geben die Apologeten des Fabriksystems zu erkennen, daß die bürgerliche Freiheit die Grundlage der Ausbeutung ist. Dieser Zu- sammenhang von manufakturmäßiger und gesellschaftlicher Arbeits- teilung, der auf der Scheidung der Produzenten von den Produkti- onsmitteln und damit vom Produkt beruht, unterscheidet die kapi- talistische Gesellschaft von allen früheren Gesellschaftsformen, die sich durch eine gesetzlich festgelegte gesellschaftliche Ar- beitsteilung auszeichnen, welche entweder auf gemeinschaftlichem Besitz der Produktionsmittel (indisches Gemeinwesen) oder - trotz schon weiterentwickelter gesellschaftlicher Differenzierung - auf dem individuellen Verfügungsrecht des Arbeiters über seine Pro- duktionsmittel beruhten (Zunftwesen) und daher eine manufakturmä- ßige Arbeitsteilung unmöglich machten: "Während die Teilung der Arbeit im Ganzen einer Gesellschaft, ob vermittelt oder unvermittelt durch den Warenaustausch, den ver- schiedenartigsten ökonomischen Gesellschaftsformationen angehört, ist die manufakturmäßige Teilung der Arbeit eine ganz spezifische Schöpfung der kapitalistischen Produktionsweise." (MEW 23/380) 5. Als solche erzwingt sie aufgrund der bereits dargestellten Be- dingungen, die dem Kapital aus der technischen Organisation des unter seinem Kommando stattfindenden Arbeitsprozesses vorgegeben sind, "wachsende(n) Minimalumfang von Kapital in der Hand der einzelnen Kapitalisten oder wachsende Verwandlung der gesellschaftlichen Lebensmittel und Produktionsmittel in Kapital." (MEW 23/381) Als "Existenzform des Kapitals" entwickelt die Manufaktur dar- überhinaus die Produktivkraft der Arbeit nur auf Kosten der Ar- beiter. Die eigentümliche Form der Manufaktur ist nicht damit ge- kennzeichnet, daß sie die gesellschaftliche Produktivkraft s t a t t für den Arbeiter nur für den Kapitalisten entwickelt, sondern daß sie sich als kapitalistische Form der Arbeitsteilung notwendig g e g e n das arbeitende Subjekt wendet. (MEW 23/386) "Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert, durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben un Anlagen, wie man in den La-Plata- Staaten ein ganzes Tier abschlachtet, um sein Fell oder seinen Talg zu erbeuten. Die besondren Teilarbeiten werden nicht nur un- ter verschiedne Individuen verteilt, sondern das Individuum selbst wird geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilar- beit verwandelt ..." (MEW 23/381) Der Arbeiter merkt an sich selbst, daß eine Verausgabung seiner Arbeitskraft ohne die Anwendung durch den Kapitalisten nicht mög- lich ist. Der Teilarbeiter zeichnet sich dadurch aus, daß außer- halb der kapitalistischen Produktionsweise sein Arbeitsvermögen nicht mehr fungieren kann. "Wenn der Arbeiter ursprünglich seine Arbeitskraft an das Kapital verkauft, weil ihm die materiellen Mittel zur Produktion einer Ware fehlen, versagt jetzt seine individuelle Arbeitskraft selbst ihren Dienst, sobald sie nicht an das Kapital verkauft wird. Sie funktioniert nur noch in einem Zusammenhang, der erst nach ihrem Verkauf existiert, in der Werkstatt des Kapitalisten." (MEW 23/382) Die zunehmende Verwandlung aller Produktionsvoraussetzungen in Kapital schließt also die völlige Abhängigkeit des verunselbstän- digten Arbeitsvermögens von der kapitalistischen Anwendung ein: "Wie dem auserwählten Volk auf der Stirn geschrieben stand, daß es das Eigentum Jehovas, so drückt die Teilung der Arbeit dem Ma- nufakturarbeiter einen Stempel auf, der ihn zum Eigentum des Ka- pitals brandmarkt." (MEW 23/382) Da die Arbeit auf sich ständig wiederholende Teiloperationen re- duziert ist, existiert das die Arbeit bestimmende Wissen als Son- derfunktion des Kapitals getrennt von den Arbeitern. "Es ist ein Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit, ih- nen die geistigen Potenzen des materiellen Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherrschende Macht gegenüberzustel- len. Dieser Scheidungsprozeß beginnt in der einfachen Koopera- tion, wo der Kapitalist den einzelnen Arbeitern gegenüber die Einheit und den Willen des gesellschaftlichen Arbeitskörpers ver- tritt. Er entwickelt sich in der Manufaktur, die den Arbeiter zum Teilarbeiter verstümmelt. Er vollendet sich in der großen Indu- strie, welche die Wissenschaft als selbständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals preßt. In der Manufaktur ist die Bereicherung des Gesamtarbeiters und daher des Kapitals an gesellschaftlicher Produktivkraft bedingt durch die Verarmung des Arbeiters an individuellen Produktivkräf- ten." (MEW 23/382 ff) Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit, die sich zunächst natur- wüchsig entwickelt, wird mit ihrer zunehmenden Durchsetzung "zur bewußten planmäßigen und systematischen Form der kapitalistischen Produktionsweise" (MEW 23/385). Da sie nur eine besondere Methode zur Steigerung des relativen Mehrwerts ist, stellt der Fort- schritt, den die Manufaktur für die gesellschaftliche Produktiv- kraft der Arbeit bedeutet, nur einen Fortschritt für das Kapital dar: "Sie produziert neue Bedingungen der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit. Wenn sie daher einerseits als historischer Fort- schritt und notwendiges Entwicklungsmoment im ökonomischen Bil- dungsprozeß der Gesellschaft erscheint, so andrerseits als ein Mittel zivilisierter und raffinierter Exploitation." (MEW 23/386) (5) Zugleich ist die manufakturmäßige Organisation der Arbeit für den Fortschritt des Kapitals ein beschränktes Mittel: Die Form der Gemeinschaftlichkeit, welche die Arbeit als geteilte besitzt, offenbart die noch nicht überwundene Abhängigkeit vom tätigen Subjekt als Schranke der Verwertung: in der Kombination der voneinander unabhängigen Teilarbeiter bleibt das Kapital im- mer noch auf deren Besonderheit angewiesen, so sehr diese auch als Verkrüppelung der Individuen erscheint. Der deshalb unver- meidliche "Disziplinmangel der Arbeiter" wird zum Hindernis der weiteren Entwicklung. "Da das Handwerksgeschick die Grundlage der Manufaktur bleibt und der in ihr funktionierende Gesamtmechanismus kein von den Arbei- tern selbst unabhängiges objektives Skelett besitzt, ringt das Kapital beständig mit der Insubordination der Arbeiter." (MEW 23/389) Der Kampf gegen die Insubordination des Arbeiters ist daher ein Kampf des Kapitals mit dem handwerksmäßigen Prinzip der Manufak- tur: "Ihre eigne enge technische Basis trat auf einem gewissen Entwicklungsgrad mit den von ihr selbst geschaffnen Produktions- bedürfnissen in Widerspruch." (MEW 23/390) Mit der Teilung der Arbeit, durch die das Kapital deren Produk- tivkraft erhöht, setzt es der Mehrwerterzeugung neue Schranken. Es hat selbst dem Arbeitsprozeß Formen aufgeprägt, die seine Ver- wertung von den vereinseitigten Fähigkeiten der Arbeiter abhängig machen. Diese Abhängigkeit hat ihre Grundlage in den der Teilung der Arbeit entsprechenden Arbeitsmitteln, welche durch ihre Spe- zialisierung dem Arbeiter ein besonderes Geschick abverlangen, zugleich aber das Prinzip der Emanzipation des Arbeitsprozesses vom subjektiven Vermögen enthalten: obgleich angewiesen auf die Fähigkeit des Arbeitenden, existiert der Charakter der Formverän- derung im Werkzeug objektiv, so daß mit seiner Vervollkommnung zwar nicht der Arbeiter, wohl aber dessen besonderes Geschick überflüssig wird. Diese Vervollkommnung besteht in der Ablösung der bestimmten Bewegung, welche der Arbeiter dem Werkzeug mit- teilt, vom Arbeiter, in der Vergegenständlichung seiner besonde- ren Kraftäußerung im Arbeitsmittel. Der subjektive Umgang mit den Werkzeugen wird ersetzt durch Maschinen, welche die Manufaktur hervorbringt: "Sie heben die handwerksmäßige Tätigkeit als das regelnde Prinzip der gesellschaftlichen Produktion auf. So wird einerseits der technische Grund der lebenslangen Annexation des Arbeiters an eine Teilfunktion weggeräumt. Andererseits fallen die Schranken, welche dasselbe Prinzip der Herrschaft des Kapitals noch aufer- legte." (MEW 23/390) _____ 1) Gr/482: "Das entwickelte Prinzip des Kapitals ist grade das besondre Geschick überflüssig zu machen und die Handarbeit, die unmittelbar körperliche Arbeit überhaupt als geschickte Arbeit sowohl, wie als Muskelanstrengung überflüssig zu machen; das Ge- schick vielmehr in die toten Naturkräfte zu legen." 2) Daß diese Zusammensetzung des manufakturmäßigen Betriebs aus einer Vielzahl handwerksmaßig arbeitender Individuen und Gruppen zugleich einen Mangel für das Kapital darstellt, zeigt sich im Vergleich zur Maschinerie: "Trotz mancher Vorteile welche die kombinierte Manufaktur bildet, gewinnt sie, auf eigener Grundlage keine wirklich technische Ein- heit. Diese entsteht erst bei ihrer Verwandlung in den maschinen- mäßigen Betrieb" (MEW 23/368) Vgl. auch MEW 23/366 FN 38! 3) Durch diese Scheidung der Arbeiter in geschickte und unge- schickte erwächst dem Kapital ein zusätzlicher Vorteil: "Für letztre fallen die Erlernungskosten ganz weg, für erstre sinken sie, im Vergleich zum Handwerker, infolge vereinfachter Funktion. In beiden Fällen sinkt der Wert der Ware Arbeitskraft." (MEW 23/371) Diese relative Entwertung der Arbeitskraft schließt unmittelbar höhere Verwertung des Kapitals ein, "denn alles, was die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Zeit verkürzt, verlängert die Domäne der Mehrarbeit." (MEW 23/371) 4) Wenn es im ersten Kapitel hieß, daß sich nur Produkte selb- ständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten" als Waren gegenübertreten (MEW 23/57), dann wird nur deutlich, daß in die- ser Bestimmung die Anwendung unselbständiger, vom Kapitalinter- esse abhängiger Arbeitskräfte eingeschlossen ist. 5) Mit der Manufaktur entsteht die politische Ökonomie als eigene Wissenschaft, deren Funktion darin besteht, die Bedingungen zur Maximierung des gesellschaftlichen Reichtums zu analysieren. Sie betrachtet daher die gesellschaftliche Arbeitsteilung ausschließ- lich als ein Mittel zur Produktion von Mehrwert, während die Phi- losophen der Antike das durch Arbeitsteilung bewirkte "Wachstum der Produktenmasse" nur "mit Bezug auf die größere Fülle des Ge- brauchswerts" interessierte. (MEW 23/386 ff) 13. Kapitel ----------- Maschinerie und große Industrie ------------------------------- 1. Die Tendenz des Kapitals, neue Produktivkräfte zum Zwecke der Steigerung der Mehrwertrate freizusetzen resultiert also darin, das besondere Geschick überflüssig zu machen, d.h. die im Werk- zeug inkarnierten Potenzen des geteilten Arbeitsprozesses vor, ihrer Bindung an die arbeitenden Subjekte zu befreien und durch die Veränderung des Arbeitsmittels die "enge technische Basis" der Manufaktur aufzuheben: "Die Umwälzung der Produktionsweise nimmt in der Manufaktur die Arbeitskraft zum Ausgangspunkt, in der großen Industrie das Ar- beitsmittel." (MEW 23/391) Das Prinzip der Maschinerie besteht darin, daß die Instrumente "statt als Werkzeuge des Menschen jetzt als Werkzeuge eines Me- chanismus oder als mechanische" (MEW 23/393) fungieren. (1) Der mit einem einzelnen Werkzeug operierende Ar- beiter ist ersetzt durch einen Mechanismus, der mit einer Masse von Werkzeugen zugleich dieselben Operationen ausführt, welche der Arbeiter mit ähnlichen Werkzeugen verrichtete: "Hier haben wir die Maschine, aber erst als einfaches Element der maschinenmäßigen Produktion." (MEW 23/396) Mit dieser durch die Werkzeugmaschine vollführten Emanzipation vom Geschick der Arbeiter kann dieser auch in seiner vorbleiben- den Funktion als einfache Triebkraft ersetzt werden: "Nachdem erst die Werkzeuge aus Werkzeugen des menschlichen Orga- nismus in Werkzeuge eines mechanischen Apparats, der Werkzeugma- schine verwandelt, erhielt nun auch die Bewegungsmaschine eine selbständige, von den Schranken menschlicher Kraft völlig emanzi- pierte Form. Damit sinkt die einzelne Werkzeugmaschine ... zu ei- nem bloßen Element der maschinenmäßigen Produktion herab." (MEW 23/398) In dieser maschinenmäßigen Produktion sind die gesellschaftlichen Momente des Arbeitsprozesses von den Subjekten abgelöst: Koopera- tion und Teilung der Arbeit sind im Arbeitsmittel objektiviert, der Zusammenhang der Arbeit bestimmt sich durch die Maschinerie; die einfache Kooperation erscheint wieder "als räumliche Konglomeration gleichartiger und gleichzeitig zu- sammenwirkender Arbeitsmaschinen" (MEW 23/399), die nur noch "gleichartige Organe desselben Bewegungsmechanismus" (MEW 23/400) bilden, und auch "die der Manufaktur eigentümliche Kooperation durch Teilung der Arbeit." (MEW 23/400) tritt wieder auf, aber jetzt als Maschinensystem, "als Kombination von Teilmaschinen." (MEW 23/400) Die Teilung der Arbeit ist in der Fabrik Ergebnis der Organisa- tion des Produktionsprozesses nach technischen Prinzipien, die der Maschinerie zugrunde liegen und von ihr erzwungen werden: "In der Manufaktur müssen Arbeiter, vereinzelt oder in Gruppen, jeden besondren Teilprozeß mit ihrem Handwerkszeug ausführen. Wird der Arbeiter dem Prozeß angeeignet, so ist aber auch vorher der Prozeß dem Arbeiter angepaßt. Dies subjektive Prinzip der Teilung fällt weg für die maschinenartige Produktion. Der Gesamt- prozeß wird hier objektiv, an und für sich betrachtet, in seine konstituierenden Phasen analysiert, und das Problem, jeden Teil- prozeß auszuführen und die verschiednen Teilprozesse zu verbin- den, durch technische Anwendung der Mechanik, Chemie usw. ge- löst..." (MEW 23/400 ff) (2) Damit sind auch die spezifischen Schranken der Zusammenarbeit, die die Manufaktur dem Kapital auferlegt, beseitigt: Mit der Übertragung des Gesamtprozesses an einen Mechanismus werden die durch Verselbständigung und Isolierung der Teilarbeiten bewirkten Unterbrechungen des Produktionsprozesses hinfällig: "Wenn in der Manufaktur die Isolierung der Sonderprozesse ein durch die Teilung der Arbeit selbst gegebnes Prinzip ist, so herrscht dagegen in der entwickelten Fabrik die Kontinuität der Sonderprozesse" (MEW 23/401), und der Zusammenhang der Arbeit hat im "automatischen System der Maschinerie", in welchem der Arbeiter nur noch den selbständigen Operationen der Maschinen nachhilft seine entwickeltste Gestalt. (3) Das automatische Maschinensystem, das ein von allen Schranken menschlicher Naturkraft und Geschicklichkeit emanzipiertes Mittel menschlicher Arbeit darstellt, welches - sich selbst bewegend - die Arbeit vollführt, ist als gegenständliche Bedingung des Ar- beitsprozesses selbst Produkt menschlicher Arbeit und verweist als solches auf seine Entstehung aus einer Produktionsweise, in der die Arbeiter durch die handwerkliche Produktion von Maschinen die Loslösung des Arbeitsmittels von den menschlichen Schranken selber schufen. Durch die Produktion von Maschinen schafft die Manufaktur die Voraussetzungen für ihre eigene Überwindung. Ihr Mangel, die Bindung an die subjektiven Fähigkeiten des speziali- sierten Arbeitsvermögens erforderte und ermöglichte die Produk- tion von Maschinen durch Anwendung bestehender Erfindungen. Sie schuf das Geschick und die technischen Voraussetzungen, Maschinen zu bauen und dadurch menschliches Geschick überflüssig zu machen: "Wir erblicken hier also in der Manufaktur die unmittelbare tech- nische Grundlage der großen Industrie. Jene produzierte die Ma- schinerie, womit diese in den Produktionssphären, die sie zunächst ergriff, den handwerks- und manufakturmäßigen Betrieb aufhob." (MEW 23/403) Doch stellt die handwerksmäßige Produktion von Maschinen einen Mangel dar, der sich an der nicht beliebig vermehrbaren Zahl spe- zialisierter maschinenproduzierender Arbeiter und dem an men- schliche Kraft und Geschicklichkeit gebundenen beschränkten Um- fang des Produkts zeigt. Maschinenproduktion auf großem Maßstab setzt voraus, daß die Industrie die "ihr unangemessene materielle Grundlage" aufhebt und die Produktion von Maschinen selbst ma- schinenmäßig betreibt: "Die große Industrie mußte sich also ihres charakteristischen Produktionsmittels, der Maschine selbst, bemächtigen und Maschi- nen durch Maschinen produzieren. So erst schuf sie ihre adäquate technische Unterlage und stellte sich auf ihre eignen Füße." (MEW 23/405) Erst auf Grundlage maschineller Produktion von Maschinen entsteht das automatische Maschinensystem, das als von allen subjektiven Schranken emanzipiertes Produkt menschlicher Arbeit einen objek- tiven, durch technische Notwendigkeit bestimmten Zwang darstellt, dem der Arbeiter sich unterwerfen muß: "Im Maschinensystem besitzt die große Industrie einen ganz objek- tiven Produktionsorganismus, den der Arbeiter als fertige materi- elle Produktionsbedingung vorfindet In der einfachen und selbst in der durch Teilung der Arbeit spezifizierten Kooperation er- scheint die Verdrängung des vereinzelten Arbeiters durch den ver- gesellschafteten immer noch mehr oder minder zufällig. Die Maschinerie, mit einigen später zu erwähnenden Ausnahmen, funk- tioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder ge- meinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst dik- tierte technische Notwendigkeit." (MEW 23/407) 2. Als Mittel der relativen Mehrwertproduktion enthält die Maschine- rie eine Besonderheit, die dem Zweck der Verwertung entgegen- steht: Im Unterschied zu den Produktivkräften kooperativer, ge- teilter Arbeit und zu den Produktionsbedingungen, die Naturkräfte und Wissenschaft (4) darstellen, ist die Steigerung der Produk- tivkraft durch Maschinen mit wachsender konstanter Kapitalauslage verbunden, die entsprechend in den Wert des Warenprodukts ein- geht: "Gleich jedem andren Bestandteil des konstanten Kapitals schafft die Maschinerie keinen Wert, gibt aber ihren eignen Wert an das Produkt ab, zu dessen Erzeugung sie dient. Soweit sie Wert hat und daher Wert auf das Produkt übertragt, bildet sie einen Wert- bestandteil desselben. Statt es zu verwohlfeilern, verteuert sie es im Verhältnis zu ihrem eignen Wert." (MEW 23/408) Andrerseits ermöglicht die Maschine durch ihre produktiven Poten- zen, ihren eigenen Wert auf eine sehr viel größere Summe von Wa- ren zu verteilen: Mit der Maschinerie wächst nicht nur die Diffe- renz zwischen dem Arbeitsmittel als "wertbildendem und als pro- duktbildendem Element" (MEW 23/408) - "Erst in der großen Industrie lernt der Mensch, das Produkt seiner vergangnen, bereits vergegenständlichten Arbeit auf großem Maßstab gleich einer Naturkraft umsonst wirken zu lassen." (MEW 23/409) - es sinkt auch der Grad, worin der von der Maschine abgegebene Wertteil das Produkt verteuert durch wachsenden Umfang des Pro- dukts und wachsende Geschwindigkeit der Arbeitsoperationen. Dar- aus erklärt es sich, "daß beim Maschinenprodukt der dem Arbeitsmittel geschuldete Wertbestandteil relativ wächst, aber absolut abnimmt. Daß heißt, seine absolute Größe nimmt ab, seine Größe im Verhältnis zum Ge- samtwert des Produkts, z.B. eines Pfundes Garn nimmt zu." (MEW 23/411) Der Anwendung der Maschinerie liegt also ein Vergleich zugrunde zwischen der Verbilligung der Waren durch die von ihr erzeugte Produktivkraftsteigerung und dem damit einhergehenden wachsenden konstanten Kapitalbestandteil des Produkts: Die Produktivität der Maschine mißt sich daran, wieweit der von ihr dem Produkt zuge- setzte Wert geringer ist als der, "den der Arbeiter mit seinem Werkzeug dem Arbeitsgegenstand zu- setzen würde." (MEW 23/412) also am "Grad, worin sie menschliche Arbeitskraft ersetzt." (MEW 23/412) Doch ist diese Wirkung der Maschinerie - der Ersatz menschlicher Arbeitskraft - nicht zu verwechseln mit dem Zweck, den das Kapi- tal verfolgt. (5) Die Maschinerie wird vom Kapital nur soweit an- gewandt, wie sie der Steigerung der Mehrwertrate dient. Die kapi- talistische Anwendung der Maschinerie bemißt sich daher an einem anderen Vergleich: "Ausschließlich als Mittel zur Verwohlfeilerung des Produkts be- trachtet, ist die Grenze für den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, daß ihre eigne Produktion weniger Arbeit kostet, als ihre Anwendung Arbeit ersetzt. Für das Kapital jedoch drückt sich diese Grenze enger aus. Da es nicht die angewandte Arbeit zählt, sondern den Wert der angewandten Arbeitskraft, wird ihm der Ma- schinengebrauch begrenzt durch die Differenz zwischen dem Maschi- nenwert und dem Wert der von ihr ersetzten Arbeitskraft." (MEW 23/414), was zu einer unterschiedlichen Verwendung von Maschinen zu ver- schiedenen Zeiten, in verschiedenen Ländern und in unterschiedli- chen Industriezweigen führt. 3. Da die Steigerung der Produktivkraft durch die Maschinerie, der Ersatz von menschlicher Arbeit durch die Maschinen, nur als Ver- wertungsmittel des Kapitals dient, also nicht Ersatz von Arbeit, sondern Steigerung der Mehrarbeit der Zweck der kapitalistischen Maschinerie ist, sind ihre Auswirkungen auf den Arbeiter alles andere als erfreulich. Die mit der Maschinerie vollzogene Emanzi- pation der gesellschaftlichen Produktivkraft von der Arbeit des einzelnen Arbeiters kehrt sich gegen diesen: statt die menschli- che Arbeit zu erleichtern, wird die kapitalistisch angewandte Ma- schinerie zum Zwangsmittel der verstärkten Exploitation der Ar- beiterklasse. a) Die Unabhängigkeit der Maschinerie von Kraft und Geschicklichkeit des einzelnen Arbeiters erübrigt für das Kapital jede Rücksicht auf die natürliche Verschiedenheit der Subjekte. Wo die Natur der Arbeitskraft für die Verwertung keine Schranke mehr darstellt, kann das Kapital auch Frauen und Kinder als Arbeitskraft ausbeu- ten. Die Billigkeit der Arbeitskraft bleibt das einzige Kriterium für die Einverleibung von Menschenmaterial in den Produktionspro- zeß: "Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeitern verwandelt sich damit sofort in ein Mittel, die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einreihung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmäßigtkeit des Kapitals." (MEW 23/416) (6) Durch die damit einhergehende Senkung des Werts der männlichen Arbeitskraft, der nun nicht mehr die Reproduktion der Familie miteinschließt, kann das Kapital die Weiber- und Kinderarbeit er- zwingen - es wird zum notwendigen Interesse des Arbeiters, Frau und Kinder zu verdingen - und seinen Verwertungsgrad steigern: "So erweitert die Maschinerie von vornherein mit dem menschlichen Exploitationsmaterial, dem eigensten Ausbeutungsfeld des Kapi- tals, zugleich den Exploitationsgrad." (MEW 23/417) Weil das Kapital durch den Ankauf von Unmündigen bzw. Halbmündi- gen in Widerspruch zu seinen eigenen Verkehrsformen gerät - die Gesetze des Warentauschs erfordern den Arbeiter als freie Person- und durch die physische, moralische und intellektuelle Verkümme- rung der Individuen den Bestand der Bevölkerung gefährdet, ist die Einmischung des Staates - des Hüters der Menschenrechte - in das Fabrikwesen eine notwendige Reaktion zur Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses. (7) Weiber- und Kinderarbeit dient dem Kapital als Mittel, die in der Manufaktur zwangsläufige Insubordination der Arbeiter durch Ver- schärfung der Konkurrenz zu beseitigen und die Unterwerfung aller Arbeiter unter die mit der kapitalistischen Maschinerie gegebenen Arbeitszwänge durchzusetzen: "Durch den überwiegenden Zusatz von Kindern und Weibern zum kom- binierten Arbeitspersonal bricht die Maschinerie endlich den Wi- derstand, den der männliche Arbeiter in der Manufaktur der Despo- tie des Kapitals noch entgegensetzte." (MEW 23/424) b) Durch die Unterwerfung des Arbeiters unter die Maschinerie wird diese "als Träger des Kapitals ... zum gewaltigsten Mittel den Arbeitstag über jede naturgemäße Schranke hinaus zu verlängern." (MEW 23/425) Im verselbständigten Arbeitsmittel - "an und für sich ein indu- strielles Perpetuum mobile" - existiert der Verwertungstrieb des Kapitals als Möglichkeit und Zwang, "die widerstrebende, aber elastische menschliche Naturschranke auf den Minimalwiderstand einzuzwängen." (MEW 23/425) Marx stellt im folgenden dar, daß mit der gewandelten Beschaffen- heit des konstanten Kapitals dem Einzelkapitalisten neue Motive zur Verlängerung des Arbeitstages erwachsen: (8) er sucht durch den längeren Arbeitstag den Wert der Maschine so schnell wie mög- lich zu reproduzieren, um unnützen materiellen und moralischen Verschleiß zu vermeiden den Anteil des konstanten Kapitals, der zur Anwendung einer bestimmten Arbeiteranzahl nötig ist, zu öko- nomisieren. So vergrößert er die Wirkung der Maschinerie - die Maschinenarbeit gilt bei ihrer Einführung als potenzierte -, die vermittelt über den Markt seine Konkurrenten dazu zwingt, eben- falls die neue Produktionsmethode einzuführen. Durch die Verfol- gung seines Interesses trägt jeder einzelne Kapitalist dazu bei, den Widerspruch der industriellen Produktion zu verallgemeinern: Die Ausdehnung der Mehrarbeit auf Kosten der notwendigen vermin- dert die Anzahl der vom gesellschaftlichen Gesamtkapital beschäf- tigten Arbeiter und zwingt zur beständigen Verlängerung des Ar- beitstages: "Es liegt also in der Anwendung der Maschinerie zur Produktion von Mehrwert ein immanenter Widerspruch, indem sie von den beiden Faktoren des Mehrwerts, den ein Kapital von gegebner Größe lie- fert, den einen Faktor, die Rate des Mehrwerts, nur dadurch ver- größert, daß sie den andren Faktor, die Arbeiterzahl, ver- kleinert. Dieser immanente Widerspruch tritt hervor, sobald mit der Verallgemeinerung der Maschinerie in einem Industriezweig der Wert der maschinenmäßig produzierten Ware zum regelnden gesell- schaftlichen Wert aller Waren derselben Art wird, und es ist die- ser Widerspruch, der wiederum das Kapital, ohne daß es sich des- sen bewußt wäre, zur gewaltsamsten Verlängrung des Arbeitstages treibt, um die Abnahme in der verhältnismäßigen Anzahl der ex- ploitierten Arbeiter durch Zunahme nicht nur der relativen, son- dern auch der absoluten Mehrarbeit zu kompensieren." (MEW 23/429 ff) (9) Konsequenz dieses Widerspruchs der kapitalistischen Maschinerie ist die Schaffung einer überflüssigen Arbeiterbevölkerung auf- grund der Ersetzung von Arbeitern durch die Maschinerie und der Anwendung bisher unzugänglicher Arbeitskräfte, wobei das Kapital die wachsende Konkurrenz unter den Arbeitern ausnutzt, um ihnen seine Bedingungen aufzuzwingen: "Daher das ökonomische Paradoxon, daß das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit in das unfehlbarste Mittel umschlägt, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung des Kapitals zu verwandeln." (MEW 23/430) c) Zwar wird das Kapital durch die Maschinerie von der spezifischen Natur der Arbeitskraft unabhängig, doch tritt diese infolge des Einsatzes von Maschinen erneut als Schranke für den Verwertungs- trieb des Kapitals auf: Die Verlängerung des Arbeitstages er- zwingt einen "gesetzlich beschränkten Normalarbeitstag" (MEW 23/431). Doch sind mit der Maschinenproduktion, in der die Bewe- gung der Arbeitskraft sich der Maschine anpassen muß, neue Mittel zur Steigerung der Mehrwertrate gegeben, die die Beschränkung kompensieren: Es tritt eine "Änderung in dem Charakter des rela- tiven Mehrwerts ein", dadurch daß das Kapital "vergrößerte Arbeitsausgabe in derselben Zeit, erhöhte Anspannung der Arbeitskraft, dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d.h. Kondensation der Arbeit dem Arbeiter zu einem Grad auf- zwingt, der nur innerhalb des verkürzten Arbeitstages erreichbar ist. Diese Zusammenpressung einer größern Masse Arbeit in eine gegebne Zeitperiode zahlt jetzt als was sie ist, als größres Ar- beitsquantum. Neben das Maß der Arbeitszeit als 'ausgedehnte Größe' tritt jetzt das Maß ihres Verdichtungsgrads." (MEW 23/432) Intensivierung der Arbeit ist also ein der maschinellen Produk- tion immanenter Zwang, der aus der Beschränkung der Verwertung durch die gesetzliche Arbeitstagregelung resultiert: (10) "Sobald die Verkürzung des Arbeitstags, welche zunächst die sub- jektive Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähigkeit des Arbeiters, mehr Kraft in gegebner Zeit flüssig zu machen, zwangsgesetzlich wird, wird die Maschine in der Hand des Kapitals zum objektiven und systematisch angewandten Mittel mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen. Es geschieht dies in doppelter Weise durch erhöhte Geschwindigkeit der Maschinen und erweiterten Umfang der von demselben Arbeiter zu überwachenden Maschinerie oder seines Arbeitsfeldes." (MEW 23/434) Daß Intensivierung der Arbeit zumeist mit Produktivitätssteige- rung durch Verbesserung der Maschinerie einhergeht, ändert nichts am selbständigen Charakter dieser Methode der Mehrwertauspres- sung, was Marx an der historischen Durchsetzung der Intensivie- rung belegt: Sie ist die R e a k t i o n des Kapitals auf die von ihm selbst provozierte staatliche Regelung eines verkürzten Arbeitstages und läßt als solche erkennen, daß jede Arbeitszeit- beschränkung zum Mittel des Kapitals wird, mehr Arbeit einzusau- gen. Der Vorteil des verkürzten Arbeitstages für den Arbeiter wird zur Grundlage verschärfter Ausbeutung, so daß das Kapital erneut den Widerstand der Arbeiter und staatliche Arbeitszeitver- kürzung hervorruft und sich durch verstärkte Intensivierung schadlos hält: "Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die Tendenz des Kapitals, sobald ihm Verlängrung des Arbeitstags ein für allemal durch das Gesetz abgeschnitten ist sich durch systematische Stei- grung des Intensitätsgrads der Arbeit gütlich zu tun und jede Verbessrung der Maschinerie in ein Mittel zu größrer Aussaugung der Arbeitskraft zu verkehren, bald wieder zu einem Wendepunkt treiben muß, wo abermalige Abnahme der Arbeitsstunden unvermeid- lich wird" (MEW 23/440) (11) 4. Durch die Maschinerie zwingt das Kapital nicht nur das menschli- che Exploitationsmaterial beständig zu vermehrter Arbeitsausgabe, sondern bestimmt durch die Anwendung eines automatischen Maschi- nensystems auch die Art und Weise der Verausgabung der Arbeits- kraft. Die F a b r i k ist die adäquate Gestalt eines Arbeits- prozesses, in dem die dem Kapital gehörigen Produktionsmittel, Produkte vergangener Arbeit, dazu dienen, die lebendige Arbeit zum Zweck der Verwertung des Kapitals einzusaugen. (12) In ihr erweist sich am Arbeitsprozeß selbst, daß die Arbeiter Ausbeu- tungsobjekte des Kapitals sind. Die Maschinerie fungiert als Subjekt des gesellschaftlichen Ar- beitsprozesses, dem die Arbeitskräfte unterworfen sind. Während das erste Ure-Zitat für jede mögliche Anwendung der Maschinerie gilt, enthüllt das zweite diese Eigentümlichkeit ihrer kapitali- stischen Anwendung: "Diese beiden Ausdrücke sind keineswegs identisch. In dem einen erscheint der kombinierte Gesamtarbeiter oder gesellschaftliche Arbeitskörper als übergreifendes Subjekt und der mechanische Au- tomat als Objekt; in dem andren ist der Automat selbst das Sub- jekt, und die Arbeiter sind nur als bewußte Organe seinen bewußt- losen Organen beigeordnet und mit denselben der zentralen Bewe- gungskraft untergeordnet." (MEW 23/442) (13) Die automatische Fabrik bestimmt daher Charakter und Zusammenhang der einzelnen Arbeiten. Die Emanzipation des Werkzeugs von den persönlichen Schranken menschlicher Arbeitskraft führt zur "Tendenz der Gleichmachung oder Nivellierung der Arbeiten" (MEW 23/442), welche als Teilarbeiten über die Kombination von Maschi- nen zusammengeschlossen sind. Auf Basis dieser Gleichheit besteht die Verschiedenheit der Tätigkeiten einerseits in der Anpassung der Arbeiter an die spezialisierten Glieder der Maschine, ande- rerseits in der Hierarchisierung in Maschinenarbeiter, bloße Handlanger und mit technischen Kenntnissen ausgestattete Arbei- ter, die mit der Kontrolle und Reparatur der Maschinerie beschäf- tigt sind: "Diese Teilung der Arbeit ist rein technisch," (MEW 23/443) Da auf dieser technischen Grundlage nur noch die Erlernung der aller Virtuosität entleerten Anpassung an den jeweiligen Bewe- gungsablauf der Maschine erforderlich ist, die formverändernden Potenzen im sich selbst bewegenden Arbeitsmittel objektiv sind, "kann fortwährender Personenwechsel stattfinden ohne Unterbre- chung des Arbeitsprozesses" (MEW 23/443 ff), was jedoch nicht heißt, daß das "alte System der Teilung der Arbeit" in der Fabrik verschwindet: weil es technisch überwunden ist, kann dieses Sy- stem, das in der Manufaktur Schranke der Verwertung war, in der Fabrik systematisch zur Exploitation der Arbeitskraft "in noch ekelhafterer Form reproduziert und befestigt" werden. "Aus der lebenslangen Spezialität ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität, einer Teilmaschine zu dienen. Die Maschine wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindes- beinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln. Nicht nur werden so die zu seiner Reproduktion nötigen Kosten bedeutend vermindert, sondern zugleich seine hilflose Abhängigkeit vom Fa- brikganzen, also vom Kapitalisten, vollendet." (MEW 23/445) (14) Die Herrschaft der vergegenständlichten über die lebendige Arbeit tritt mit der Maschinerie, der die Arbeiter "als lebendige An- hängsel" dienen diesen als technischer Zwang gegenüber, dem sie sich anpassen müssen so daß ihre Teilarbeit eine beständige in- haltslose Qual ist: "Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produk- tion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozeß, sondern zugleich Ver- wertungsprozeß des Kapitals, ist es gemeinsam, daß nicht der Ar- beiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedin- gung den Arbeiter anwendet aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel wäh- rend des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegen- über, als tote Arbeit welche die lebendige Arbeitskraft be- herrscht und aussaugt." (MEW 23/445 ff.) Mit der großen Industrie sind die gesellschaftlichen Potenzen der Arbeit vom einzelnen Arbeiter getrennt: Sie existieren in der Ma- schinerie als Verwertungsmittel des Kapitals: "Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbei- ters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenar- beit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die Macht des 'Meisters' (master) bilden." (MEW 23/446) (15) Die technische Disziplinierung durch die gleichförmige Bewegung der Maschinerie und die "eigentümliche Zusammensetzung des Ar- beitskörpers" (MEW 23/446 ff) geben der Beaufsichtigung des Ar- beitsprozesses ihre entwickelte Form. Der von der Arbeit ge- trennte Zweck ist in ihr als technische Überwachung präsent. Da- her tritt im Fabrikregime an die Stelle der Antreiberfunktion das "Strafbuch des Aufsehers" (MEW 23/447), ein Kodex von 'privatgesetzlichen und eigenherrlichen' Reglementierungen, die dafür sorgen, daß die vom Kapitalisten gekauften Arbeitskräfte sich den technischen Zwängen der Maschinerie unterwerfen, die als Mittel des Kapitals "zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen der Arbeiter während der Arbeit, an Raum, Luft, Licht und an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige Um- stände des Produktionsprozesses" (MEW 23/449 ff) führen. 5. Mit der Maschinerie nimmt der Kampf zwischen Kapitalist und Lohn- arbeiter eine neue Form an: er richtet sich gegen die Maschine selbst, die als "materielle Existenzweise des Kapitals" (MEW 23/451) auftritt; denn die Anwendung der Maschinerie führt nicht nur zu einer Zerstörung der Arbeitskraft im Produktionsprozeß, sondern verhindert ihren Verkauf in dem Maße, wie sie sie er- setzt. Die Einführung von Maschinen stellt also eine ständige Be- drohung der Existenz des Arbeiters dar: "Als Maschine wird das Arbeitsmittel sofort zum Konkurrenten des Arbeiters selbst. Die Selbstverwertung des Kapitals steht im di- rekten Verhältnis zur Arbeiterzahl, deren Existenzbedingungen sie vernichtet. Das ganze System der kapitalistischen Produktion be- ruht darauf, daß der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware ver- kauft. Die Teilung der Arbeit vereinseitigt diese Arbeitskraft zum ganz partikularisierten Geschick, ein Teilwerkzeug zu führen. Sobald die Führung des Werkzeugs der Maschine anheimfällt, er- lischt mit dem Gebrauchswert der Tauschwert der Arbeitskraft. Der Arbeiter wird unverkäuflich, wie außer Kurs gesetztes Papier- geld." (MEW 23/454) Da es für den auf seine Reproduktion bedachten Arbeiter so er- scheinen muß, als ob seine Existenzbedrohung in der bestimmten Form des Produktionsmittels begründet sei, dessen Einführung ihn überflüssig macht richtet sich seine Reaktion gegen die Maschine selbst und nicht gegen die Verhältnisse, in denen die Maschine zum Konkurrenten des Arbeiters wird: "Die verselbständigte und entfremdete Gestalt, welche die kapita- listische Produktionsweise überhaupt den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsprodukt gegenüber den Arbeitern gibt, entwickelt sich also mit der Maschinerie zum vollständigen Gegensatz. Daher mit ihr zum erstenmal die brutale Revolte des Arbeiters gegen das Ar- beitsmittel." (MEW 23/455) (16) Umgekehrt ist die Maschine - insofern als mit dem Prinzip der Ko- stenersparnis gegenüber der von ihr ersetzten Arbeitskraft die objektive Bedingung für ihren Einsatz gegeben ist - für den Kapi- talisten ein systematisch angewandtes Instrument des Klassen- kampfes - "Die Maschinerie wirkt jedoch nicht nur als übermächtiger Kon- kurrent, stets auf dem Sprung, den Lohnarbeiter "überflüssig" zu machen. Als ihm feindliche Potenz wird sie laut und tendenziell vom Kapital proklamiert und gehandhabt. Sie wird das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiterauf- stände strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals." (MEW 23/459) - und wird durch die bürgerlichen Apologeten des Fabriksystems als solches propagiert. 6. Während die im falschen Bewußtsein befangenen Arbeiter an der Ma- schinerie nur ihre negativen W i r k u n g e n und nicht ihren kapitalistischen U r s p r u n g bekämpfen, behaupten bürgerli- che Ökonomen in apologetischer Umdrehung, daß diese negativen Wirkungen aufgehoben wurden durch positive Folgen der Maschine- rie, daß nämlich "alle Maschinerie die Arbeiter verdrängt, stets gleichzeitig und notwendig ein a adäquates Kapital zur Beschäftigung derselben identischen Arbeiter freisetzt. (MEW 23/461) (17) Die Betrachtung der Zusammensetzung des Kapitalwerts zeigt je- doch, daß statt Freisetzung hier nur Bindung von Kapital in einer anderen Form stattfindet, "worin es aufhört, sich gegen Arbeitskraft auszutauschen, d.h. Verwandlung von variablem in konstantes Kapital." (MEW 23/462), d.h. Verwandlung der Arbeiter "aus Käufern in Nicht-Käufer, was auch in den lebensmittelproduzierenden Zweigen Deplacement von Arbeitern nach sich zieht: "Statt also zu beweisen, daß die Maschinerie durch die Freiset- zung der Arbeiter von Lebensmitteln letztere gleichzeitig in Ka- pital zur Anwendung der erstren verwandelt, beweist der Herr Apo- loget mit dem probaten Gesetz von Nachfrage und Zufuhr umgekehrt, daß die Maschinerie nicht nur in dem Produktionszweig, worin sie eingeführt, sondern auch in den Produktionszweigen, worin sie nicht eingeführt wird, Arbeiter aufs Pflaster wirft." (MEW 23/463 ff) Eine neue Beschäftigung können die freigesetzten Arbeiter nur finden vermittels eines neuen, z u s c h ü s s i g e n Kapi- tals. Da die bürgerliche Ökonomie die positiven Seiten der Maschinerie, die in ihrer Produktivkraftsteigerung enthalten sind, gegen ihre Verkehrung, die aus der kapitalistischen Anwendung der Maschine- rie entspringt, festhält kann sie - und das macht ihren Zynismus aus - den Arbeitern, die das Arbeitsmittel bekämpfen, entgegen- halten, daß die Maschinerie selbst keinen Grund für eine solche Reaktion abgibt: "Und dies ist die Pointe der ökonomischen Apologetik! Die von der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie untrennbaren Wider- sprüche und Antagonsimen existieren nicht, weil sie nicht aus der Maschinerie selbst erwachsen, sondern aus ihrer kapitalistischen Anwendung!" (MEW 23/465) Weil die bürgerliche Ökonomie am Nutzen der Maschinerie unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen interessiert ist, kann sie sich die Erklärung ihres ökonomischen Charakters sparen und ihren Gegnern obendrein die Dummheit aufbürden, "nicht die kapi- talistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst" und sie damit als "Gegner des sozialen Fort- schritts" denunzieren. (MEW 23/465) Die 'kompensatorischen Wirkungen', welche die bürgerliche Ökono- mie der Maschinerie zuschreibt, erklären sich als Konsequenzen ihrer kapitalistischen Anwendung, die wachsende Gebrauchswertmen- gen nur zum Zweck der Mehrwertsteigerung produzieren läßt: Die Einführung der Maschinerie, die Arbeiter verdrängt, führt zu steigender Nachfrage nach Produktionsmitteln und zur Veränderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die neue Arbeitskräfte er- fordert. Wachsende Luxusproduktion und Transportindustrie, zuneh- mende Verlagerung der Produktion auf langfristige Unternehmungen und damit Entstehung neuer Produktionsfelder, Vergrößerung der unproduktiven Arbeiterzahl sind Folgen des Widerspruchs, daß die industrielle Mehrwertproduktion vergrößerte Produktenmasse - und damit auch Lebensmittelmenge - bei verminderter Arbeiteranzahl einschließt. Obwohl sie wachsende Nachfrage nach Arbeit implizie- ren, sind sie also keine Widerlegung des bezeichneten Wider- spruchs, sondern seine Bestätigung. 7. Die Ersetzung der Arbeiter durch die Maschinerie sowie die angeb- lichen kompensatorischen Gegenwirkungen, die von der bürgerlichen Ökonomie veranschlagt werden, sind also die Verlaufsform der ka- pitalistischen Anwendung der Maschinerie. Die ständige V e r- ä n d e r u n g d e r t e c h n i s c h e n G r u n d l a g e der Produktion bewirkt, daß die Arbeiter faktisch verdrängt und virtuell ersetzt werden. Diese Verschiebung des Verhältnisses von c und v wird durch die Vermehrung der Arbeiteranzahl bei q u a n t i t a t i v e r A u s d e h n u n g der Produktion nicht widerlegt; diese vollzieht sich vielmehr auf ihrer Grundlage: "Relative Abnahme der beschäftigten Arbeiteranzahl verträgt sich also mit ihrer absoluten Zunahme." (MEW 23/473) Diese sich widersprechenden Tendenzen des Kapitals setzen sich als abwechselnde Phasen der kapitalistischen Produktion durch. Die Revolutionierung des Produktionsprozesses, die Arbeiter frei- setzt, wird "beständig unterbrochen durch Ruhepunkte und bloß quantitative Ausdehnung" (MEW 23/473). Die Durchsetzung dieser aus der industriellen Produktion erschlossenen gegensätzlichen Wirkungen der Maschinerie auf den Arbeiter als periodischer Wech- sel von Repulsion und Attraktion vollzieht sich im industriellen Zyklus, der auf Grundlage der großen Industrie und des mit ihr entstehenden Weltmarkts zur normalen Bewegungsform der kapitali- stischen Produktion wird. (18) Weit entfernt davon, die negativen Folgen der Maschinerie zu kompensieren, vergrößert das Wachstum der Industrie nur das Elend der Arbeiterklasse: "Wachstum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch proportionell viel rascheres Wachstum des in den Fabriken ange- legten Gesamtkapitals. Dieser Prozeß vollzieht sich aber nur in- nerhalb der Ebb- und Flutperioden des industriellen Zyklus. Es wird zudem stets unterbrochen durch den technischen Fortschritt, der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Die- ser qualitative Wechsel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschließt ihr Tor dem neuen Rekru- tenstrom, während die bloß quantitative Ausdehnung der Fabriken neben den Herausgeworfnen frische Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repelliert und attrahiert, hin- und hergeschleudert, und dies bei beständigem Wechsel in Ge- schlecht, Alter und Geschick der Angeworbnen." (MEW 23/477) 8. Die große Industrie produziert nicht nur durch die in der Anwen- dung der Maschinerie eingeschlossenen Wirkungen die Existenzunsi- cherheit der Industriearbeiter sondern vergrößert das Elend der Arbeiter auch dadurch, daß sie mit ihrer gesellschaftlichen Durchsetzung alle überkommenen Produktionsweisen ergreift und ih- ren Zwecken adäquat macht. Einerseits verwandelt sie traditio- nelle Produktionsformen in industrielle, andererseits erhält sie sie in verwandelter Form solange aufrecht wie sie sich auf Grund- lage der industriellen Produktion profitlich betreiben lassen. Schamloseste Ausbeutung ist die Folge, bis ein Punkt erreicht ist, wo die unüberschreitbare Naturschranke der Arbeitskräfte zur Einführung der Maschinerie mit den ihr eigenen Konsequenzen für den Arbeiter führt, ein Prozeß, der durch die - mit der Zerstö- rung der Arbeitskräfte in solchen Bereichen notwendige - Verall- gemeinerung der staatlichen Arbeitszeitregelung beschleunigt wird. 9. Weil die Veränderung der überkommenen Produktionsmethoden mit der Zerstörung der Arbeitskräfte die Grundlage der Verwertung ver- nichtet, wird das gesetzliche Eingreifen des Staates für alle Produktionsbereiche erforderlich. Als "erste bewußte und planmäßige Rückwirkung (!) der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses" (MEW 23/504) läßt die Fabrikgesetzgebung das Verhältnis von Staat und Gesell- schaft erkennen: da die "bewußte und planmäßige" Aktion des Staa- tes die kapitalistische Produktionsweise als naturwüchsig sich entwickelnde unterstellt und nur die in ihr eingeschlossenen ne- gativen Wirkungen zu beseitigen sucht, ist alles Handeln des Staates bloße Reaktion auf seine unbegriffenen Voraussetzungen. Deshalb sind auch die unmittelbar gegen die Interessen der Kapi- talisten gerichteten Maßnahmen des Staates Notwendigkeiten des Kapitalverhältnisses. Der Staat zwingt der Kapitalistenklasse Be- dingungen auf, die zwar die Verwertung des Kapitals beschränken, jedoch insgesamt den der kapitalistischen Produktionsweise eigen- tümlichen Fortschritt sichern. (19) Der Staat, der in Verfolgung des allgemeinen Interesses die Kapitalistenklasse beschränkt, of- fenbart den Charakter einer Gesellschaft, deren Fortschritt darin besteht, die Produzenten des Reichtums vor der unmittelbaren Zer- störung zu schützen. Indem er die Kapitalisten daran hindert, ihr Exploitationsmaterial zu vernichten, sichert er das Funktionieren einer Produktionsweise, in welcher eine Klasse sich auf Kosten der anderen erhält. Die Natur des sozialen Fortschritts, den der Staat als Garant des Allgemeinwohis durchsetzt, kennzeichnet ihn gerade in seiner Gegnerschaft zur Kapitalistenklasse als K l a s s e n staat. Die Gesundheitsklauseln belegen durch ihre Halbherzigkeit wie durch den Widerstand seitens der Kapitalisten - "Was konnte die kapitalistische Produktionsweise besser charak- terisieren als die Notwendigkeit ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeis- und Gesundheitsvor- richtungen aufzuherrschen?" (MEW 23/505) - ihren k o m p e n s a t o r i s c h e n Charakter. Auch die staatliche Durchsetzung eines Ausbildungswesens institu- tionalisiert nur den mit der industriellen Produktion erreichten gesellschaftlichen Fortschritt als Zurichtung der Individuen für die kapitalistische Verwertung. Der mit der großen Industrie pro- klamierte "Elementarunterricht als Zwangsbedingung der Arbeit" (MEW 23/506 ff) verbindet produktive Arbeit mit Unterricht und Gymnastik nur "als eine Methode zur Steigerung der gesellschaft- lichen Produktion", nicht "als die einzige Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen." (MEW 23/508) (20) Er ent- springt den Notwendigkeiten kapitalistischer Industriearbeit: Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit in der Werkstatt und in der Gesellschaft, die auf der Vereinseitigung der Arbeiter und ihrer Fixierung auf spezialisierte Teiltätigkeiten beruht, steht in Wi- derspruch zum Prinzip der großen Industrie, auf wissenschaftli- cher Grundlage den Produktionsprozeß "ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand" in seine einfachen Bestandteile zu zerlegen und dementsprechend technologisch zu organisieren: (21) "Die buntscheckigen, scheinbar zusammenhanglosen und verknöcher- ten Gestalten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses lösten sich auf in bewußt planmäßige und je nach dem bezweckten Nutzef- fekt systematisch besonderte Anwendungen der Naturwissenschaft." (MEW 23/510) Diese als Potenz des Kapitals dem Arbeiter feindlich gegenüber- stehende revolutionäre technische Basis der Industrie verändert beständig die Funktion der Arbeiter, die gesellschaftliche Kombi- nation des Arbeitsprozesses und damit auch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, der die Arbeiter unterworfen sind. - "Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel in der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbei- ters. Andrerseits reproduziert sie in ihrer kapitalistischen Form die alte Teilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularuitä- ten." ( MEW 23/511) - und erfordert daher die Ausbildung der Fähigkeit des Arbeiters, wechselnde Teiltätigkeiten ausführen zu können: Mobilität. Aus- bildung ist also die Befähigung zur Unterwerfung unter jedweden maschinellen Prozeß, die Zurichtung des Arbeiters für beliebige partikulare Tätigkeiten. Als solche enthält sie zwar die Voraus- setzungen für "möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter", für "das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind" (MEW 23/512) stellt aber das Gegenteil dieser Entfaltung des gesellschaftli- chen Individuums dar - seine Bornierung und Anpassung an belie- bige inhaltsleere Teiltätigkeiten. Auch der rechtliche Schutz der Familienmitglieder gegeneinander - die staatliche Reaktion auf die Zerstörung der überkommenen Familienverhältnisse - garantiert in den Rechten von Frauen, Kin- dern und Jugendlichen nur ihre Funktion für die Verwertung des Kapitals. (22) Da die große Industrie alle Produktionszweige und Lebensbereiche ergreift und für das Verwertungsinteresse des Kapitals funktiona- lisiert, zieht sie auch die allgemeine Durchsetzung der Fabrikge- setzgebung nach sich. Als staatlicher Zwang richtet sich diese zunächst g e g e n die Interessen der Einzelkapitalisten, die ihren Vorteil immer wieder in Bereichen ohne gesetzliche Regelung suchen, schließlich aber w e g e n ihrer Konkurrenzinteressen die Gleichheit der Ausbeutungsbedingungen für alle Kapitale for- dern und den Gesetzen zu allgemeiner Gültigkeit verhelfen. Umge- kehrt beschleunigt die Durchsetzung der Fabrikgesetzgebung, die- ses "physischen und geistigen Schutzmittels der Arbeiterklasse", die Entwicklung der industriellen Produktionsweise und damit der Herrschaft des Kapitals. Die Verallgemeinerung der Fabrikgesetz- gebung "zerstört alte altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals noch teilweise versteckt, und ersetzt sie durch seine direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallge- meinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft... Mit den materiellen Bedingungen und der gesellschaftlichen Kombi- nation des Produktionsprozesses reift sie die Widersprüche und Antagonismen seiner kapitalistischen Form, daher gleichzeitig die Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft." (MEW 23/526) 10. Die Revolutionierung des Arbeitsmittels durch die große Industrie macht bei ihrer gesellschaftlichen Durchsetzung auch vor der Agrikultur nicht halt. Sie wirkt dort am intensivsten zum Nach- teil der Arbeiter weil deren Repulsion nicht von einer Attraktion an anderer Stelle begleitet wird: "In der Sphäre der Agrikultur wirkt die große Industrie insofern am revolutionärsten, als sie das Bollwerk der alten Gesellschaft vernichtet, den 'Bauer' und ihm den Lohnarbeiter unterschiebt." (MEW 23/528) Die kapitalistische Umwandlung des landwirtschaftlichen Produkti- onsprozesses wird nicht nur erkauft durch "Verwüstung und Versie- chung der Arbeitskraft", sondern auch durch die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Reichtums aller Produktionsweisen: "Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steige- rung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbar- keit ... Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozes- ses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums unter- gräbt: die Erde und den Arbeiter." (MEW 23/529 ff) _____ 1) Der Unterschiea von Werkzeug und Maschine läßt sich nur ökono- misch erklären. Beide sind Arbeitsmittel, worüber die naturwis- senschaftliche Betrachtungsweise hinwegsieht. Hierauf zielt die Forderung von MARX nach einer "kritischen Ge- schichte der Technologie" (MEW 23/391, Fßn. 89), welche die Un- terschiede am Arbeitsmittel aus ihren spezifischen Charakter als "produktive Organe des Gesellschaftsmenschen" und damit aus dem Zweck der kapitalistischen Produktionsweise und nicht aus irgend- welchen natürlichen Besonderheiten zu erklären hätte. - Zum gängigen Mißverständnis des Marxschen Hinweises auf die mate- rialistische Methode siehe "Wissenschaft und Technologie", Ein- leitung! 2) Die Maschinerie enthält in ihrem Mechanismus alle Bestimmungen der zweckmäßigen Formierung des Arbeitsgegenstandes sie ist ver- gegenständlichtes Wissen um die Naturgesetze denen der Gegenstand gehorcht. Hieran läßt sich erkennen daß die kapitalistische Mehr- wertproduktion als Voraussetzung für die permanente Revolutionie- rung der Produktion universelle Naturwissenschaft unterstellt. Dies darf allerdings nicht als Ableitung der Naturwissenschaft mißverstanden werden. An dieser Stelle ist auf die E x i s t e n z der Naturwissenschaft als Bedingung kapitalisti- scher Produktion geschlossen. Die A b t e i l u n g der Natur- wissenschaft fällt in die Betrachtung der Konkurrenz, wo sie sich als P r o d u k t des Kapitals erweist. 3) Vgl. Gr/592 ff. "Es ist nicht mehr der Arbeiter der modifi- zierten Naturgegenstand als Mitglied zwischen das Objekt und sich einschiebt: sondern den Naturprozeß den er in einen industriellen umwandelt, geschieht er als Mittel zwischen sich und die unorga- nische Natur deren er sich bemeistert Er tritt neben den Produk- tionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. 4) "Einmal entdeckt kostet das Gesetz über die Abweichung der Ma- gnetnadel im Wirkungskreise eines elektrischen Stroms oder über Erzeugung von Magnetismus im Eisen, um das ein elektrischer Strom kreist, keinen Deut." (MEW 23/407) 5) Einer solchen Verwechslung unterliegt die Fragestellung von J. St. Mill, inwieweit die Anwendung der Maschinerie "die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert" (23/391) 6) Vgl. MEW 4/469: "Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerungen erheischt, d.h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber und Kinder verdrängt. Geschlechts- und Altersunter- schiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbei- terklasse. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente die sie nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen." 7) Einerseits führt die endgültige Durchsetzung des Kapitalver- hältnisses zur Abschaffung der Kinderarbeit und zur gesetzlichen Garantie staatlicher Ausbildung, andererseits zum selbständigen Verkauf der Arbeitskraft durch die Frau. Indem das Kapital die für die Konsumtion notwendige Familienarbeit zu seiner Selbstver- wertung usurpiert (MEW 23/417. Fßn. 120), zerstört es selbst die Grundlage, auf der das Familienverhältnis heruht. Die Emanzipa- tion der Frau vom bornierten Dasein einer Reproduktionsgehilfin des Mannes führt auf kapitalistischer Grundlage zu ihrer Anglei- chung an den Mann als freie Lohnarbeiterin und damit zu einer Gleichheit der "Exploitationsbedingungen der Arbeit" (MEW 23/419) Vgl. Fßn. 22! 8) Da der Zwang des Kapitals zur Senkung des Werts der Ware Ar- beitskraft sich über die Profitüberlegungen der Einzelkapitali- sten durchsetzt (vgl. 10. Kapitel), fällt auch der Grund für die Arbeitsverlängerung in der industriellen Mehrwertproduktion nicht zusammen mit den M o t i v e n des Einzelkapitalisten bei der Anwendung von Maschinerie im Produktionsprozeß. Der Einzelkapi- talist gehorcht der Tendenz zur Arbeitszeitverlängerung aus den Zwängen der Konkurrenz. (Vgl. Marxens Hinweis auf die Profitrate MEW 23/428, Fßn. 150!) Vgl. Fßn. 10! 9) Im Unterschied zur Produktion des absoluten Mehrwerts, der auf der Ausdehnung des Arbeitstages beruht, ist die Tendenz zur Ver- längerung des Arbeitstages an dieser Stelle also die Folge eines Widerspruchs der relativen Mehrwertproduktion. 10) Die Steigerung des relativen Mehrwerts durch Intensivierung der Arbeit setzt sich über das Motiv des Einzelkapitalisten durch, billiger zu produzieren, er setzt sich mittels Intensifi- kation in ein besseres Verhältnis zum Durchschnitt. Daß damit ne- ben das Maß des Arbeitszeit als extensive Größe das "Maß ihres Verdichtungsgrades" tritt, bestätigt die Arbeitszeit als Wertmaß, an der diese Vergrößerung der Arbeitsverausgabung gemessen wird. 11) Aus dem Zusammenhang von gesetzlicher Regelung des Arbeitsta- ges und Intensivierung durch die Kapitalisten, die sich wechsel- seitig bedingen und daher im zeitlichen Ablauf abwechseln, er- klärt sich also die historische Darstellung an dieser Stelle. 12) Vgl MEW 2/149 "Die moderne Fabrik, die auf Anwendung von Ma- schinen beruht, ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, eine ökonomische Kategorie." 13) Vgl. Gr/585 "Der Produktionsprozeß hat aufgehört, Arbeitspro- zeß in dem Sinn zu sein, daß die Arbeit als die ihn beherrschende Einheit über ihn übergriffe. Sie erscheint vielmehr nur als be- wußtes Organ, an vielen Punkten des mechanischen Systems in ein- zelnen lebendigen Arbeitern; zerstreut, subsumiert unter den Ge- samtprozeß der Maschinerie selbst, selbst nur ein Glied des Sy- stems, dessen Einheit nicht in den lebendigen Arbeitern, sondern in der lebendigen (aktiven) Maschinerie existiert, die seinem einzelnen, unbedeutenden Tun gegenüber als gewaltiger Organismus ihm gegenüber erscheint. In der Maschinerie tritt die vergegen- ständlichte Arbeit der lebendigen Arbeit im Arbeitsprozeß selbst als die sie beherrschende Macht gegenüber, die das Kapital als Aneignung der lebendigen Arbeiter seiner Form nach ist." Der Fehler Ures, die Eigentümlichkeit der kapitalistisch ange- wandten Maschinerie als Natureigenschaft des Arbeitsmittels aus- zugeben; bildet die Grundlage der modernen Technokratiediskus- sion. So sieht etwa Gehlen ("Die Seele im technischen Zeitalter, Reinbeck bei Hamburg, 1972) in der Gesamtentwicklung der Technik eine "hintergründige, bewußtlos aber konsequent verfolgte Logik (!)" am Werk, welche auf der Stufe der Automation ihre "methodische Vollendung" erreicht (S. 19): In der automatisterten Produktion wird der geistige Aufwand des (?) Subjekts entbehr- lich, demgegenüber der "Geist der Technik" nun die "freie Selbst- macht" erlangt "und jetzt als die progressive (?) Bewußtseinsform dieses Zeitalters (!) mit der Unwiderstehlichkeit (!) eines Ver- hängnisses sich ausbreitet." (S. 30) Wer könnte da widerstehen! Auch für Schelsky ("Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilia- tion", in: ders. "Auf der Suche (!) nach der Wirklichkeit (!)", Düsseldorf - Köln, 1965) zwingt die moderne Technik dem Menschen ein neues Verhältnis zur Welt auf: "Der Mensch löst sich vom Na- turzwang ab, um (!) sich seinem eigenen Produktionszwang wiederum zu unterwerfen." (S. 449) Der wissenschaftlich-technische Fort- schritt unterliegt dem "Kreislauf der sich selbst bedingenden Produktion" (S. 449), in dem "die Mittel (!) die Ziele (!) be- stimmen oder besser ... die technischen Möglichkeiten (!) ihre Anwendung (!) erzwingen." (S. 456) Wo solcher Zwang möglich ist, hilft allerdings nur noch die "metaphysische Dauerreflexion." (S. 471)! Habermas ("Technik und Wissenschaft als Ideologie", Frankfurt a.M., 1970) vertritt in seiner Kritik der Technokratietheorie entgegen verbreiteten Gerüchten dieselbe Position: Er "begründet" (= rechtfertigt) die 'Logik (!) der technischen Entwicklung' aus der "Organisation der menschlichen Natur" (S. 56). wobei er zu der "ernüchternden Überlegung" kommt, daß die moderne Technik, "wenn sie überhaupt auf einen Entwurf (!) zurückgeht, offenbar nur auf ein 'Projekt' der Menschengattung i n s g e s a m t zu- rückgeführt werden kann und nicht auf ein historisch überholba- res." (S. 55) So oder so - scheiß Menschen-Gattung! Wie man sieht, hat es die Apologetik eines Ure inzwischen zur An- erkennung als selbständige wissenschaftliche Disziplin gebracht. Während Ure die Durchsetzung des Fabriksystems begrüßte, ergeht sich die moderne Soziologie samt ihrer anthropologischen Unterab- teilungen in der Beweihräucherung der unausweichlichen kapitali- stischen Menschennatur. 14) Vgl. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses/80: "Die gesellschaftlichen Formen ihrer eignen Arbeit ... sind von den einzelnen Arbeitern ganz unabhängig gebildete Verhältnisse ... Und dies nimmt um so realere Formen an, je mehr einerseits ihr Arbeitsvermögen selbst durch diese Formen so modifiziert wird, daß es in seiner Selbständigkeit also außer diesem kapita- listischen Zusammenhang ohnmächtig wird, seine selbständige Pro- duktionsfähigkeit gebrochen wird, andrerseits mit der Entwicklung der Maschinerie auch technologisch die Bedingungen der Arbeit als die Arbeit beherrschend erscheinen und zugleich sie ersetzen, un- terdrücken, überflüssig machen in ihren selbständigen Formen". 15) Vgl Gr/428: "Das Kapital in seiner wahren Entwicklung kombi- niert die Massenarbeit mit dem Geschick aber so das die erste ihre physische Macht verliert und das Geschick nicht im Arbeiter, sondern in der Maschine existiert und der durch wissenschaftliche Kombination mit der Maschine als Ganzes wirkenden factory. Der geseilschaftliche Geist der Arbeit erhält eine objektive Existenz außer den einzelnen Arbeitern." 16) Maschinenstürmerei als Kampf der Arbeiter gegen die "Materielle Existenzweise des Kapitals" ist Ausdruck einer objek- tiven Form falschen Bewußtseins und darf nicht als ein histori- sches Phänomen beim ersten Einsatz von Maschinen mißverstanden werden. Auch heute ist der Widerstand gegen die Einführung neuer Produktionsmethoden alles andere als der Kampf gegen das Kapital. 17) In diesen Aussagen der bügerlichen N a t i o n a l ökonomie macht sich der Standpunkt des Staates geltend, den die Auswirkun- gen der Maschinerie auf die Arbeitslosigkeit interessieren, die seine Mittel verringert - Einkommen bringen Steuern, Arbeitslo- sigkeit zehrt sie auf - und die Unbotmäßigkeit verstärkt. 18) Marx verweist darauf, daß die Darstellung der Durchsetzung von Repulsion und Attraktion im industriellen Zyklus - tatsäch- lich Verhältnisse berührt, wozu unsre theoretische Darstellung selbst noch nicht geführt hat." (MEW 23/474) Er erklärt an dieser Stelle also, daß sich in der realen Bewegung des Kapitals ein Wechsel von Revolutionierung des Produktionsprozesses und seiner Vergrößerung vollzieht, der mit der industriellen Form der Mehr- wertproduktion eintritt. 19) Diese widersprüchliche Fortentwicklung der Gesellschaft ist der Grund dafür, daß Marx die kapitalistische Entwicklungsstufe als Grundlage einer höheren Gesellschaftsform darstellt und den kapitalistischen Charakter der staatlichen Fortschrittsmaßnahmen mit den in ihnen enthaltenen Momenten die über den Kapitalismus hinausweisen, konfrontiert. Hiermit erweist sich auch die Umdichtung des bekannten Marxschen Ausspruchs in welchem die Er- ringung der Zehnstundenbill als ein Sieg der "politischen Ökono- mie der Arbeiterklasse" über die politische Ökonomie der Mittel- klasse gezeichnet wird Inauguraladresse der Internationalen Ar- beiter Assoziation MEW 16/11) zur positiven Möglichkeit der Über- windung des Kapitalismus mit Hilfe des Staates als blanker Revi- sionismus. 20) Da der Elementarunterricht in der privaten Form des Fabrikun- terrichts, also als Zurichtung für die spezifische Tätigkeit in einem bestimmten Unternehmen in Widerspruch steht zum Erforder- nis, den Arbeiter jeder beliebigen Funktion zu unterwerfen, wird er zur Angelegenheit eines den Sonderinteressen der Kapitalisten entzogenen staatlichen Schulwesens. 21) Gegenüber der reinen Naturwissenschaft nimmt die Technologie als A n w e n d u n g s wissenschaft in ihren Experimenten den industriellen Produktionsprozes vorweg, wenn auch ihre Ergebnisse nach kapitalistischen Rationalititskriterien angewandt werden, kann der Technologie als Wissenschaft daraus kein Vorwurf gemacht werden, wie es kritische Marxisten, (Vahrenkamp. Sohn-Rethel, Bahr u.a.) versuchen. 22) Die Auflösung der traditionellen Familienverhältnisse im Ka- pitalismus verbietet trotz der Zerstörung von Liebe und Erziehung den reaktionären Wunsch nach Wiederherstellung der alten Familie, da sie die Entwicklungsmomente für eine 'höhere Form' enthält: "So furchtbar und ekelhaft nun die Auflösung des alten Familien- wesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entschei- denden Rolle, die sie den Weibern, jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produkti- onsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter." (MEW 23/514) Fünfter Abschnitt: Die Produktion des absoluten ----------------------------------------------- und relativen Mehrwerts ----------------------- 14. Kapitel ----------- Absoluter und relativer Mehrwert -------------------------------- Die große Industrie ist die dem Kapital adäquate Produktions- weise. In ihr verwirklicht sich sein Prinzip, alle Potenzen der gesellschaftlichen Arbeit als Mittel für seine Verwertung wirken zu lassen. Der Arbeitsprozeß selbst hat eine Gestalt, durch die er sich nicht nur als Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse ausweist, sondern als bestimmte gesellschaftliche Form derselben. Der kooperative Charakter der Arbeit und ihre Teilung erscheinen als Zwang, dem sich der Arbeiter beugen muß, weil die gegenständlichen Bedingungen seiner Tätigkeit ihm alle Momente seiner Kraftäußerung vorschreiben. Der Arbeitsprozeß ist auf die Herstellung von Gegenständen des menschlichen Bedürfnis- ses gerichtete zweckmäßige Tätigkeit, insofern Einheit von natür- lichem und geistigem Prozeß (Vgl. RESULTATE 1/63), jedoch beruht diese Einheit auf der Getrenntheit ihrer Momente, die das K a p i t a l zusammenführt. "Soweit der Arbeitsprozeß ein rein individueller, vereinigt der- selbe Arbeiter alle Funktionen, die sich später trennen. In der individuellen Aneignung von Naturgegenständen zu seinen Lebens- zwecken kontrolliert er sich selbst. Später wird er kontrolliert. Der einzelne Mensch kann nicht auf die Natur wirken ohne Betäti- gung seiner eignen Muskeln unter Kontrolle seines eignen Hirns, wie im Natursystem Kopf und Hand zusammengehören, vereint der Ar- beitsprozeß Kopfarbeit und Handarbeit. Später scheiden sie sich bis zum feindlichen Gegensatz." (MEW 23/531) Der "Doppelcharakter der Arbeit", der sich aus der Warenform des Reichtums erschließen läßt, bringt also die produktive Tätigkeit der kapitalistischen Industrie auf den Begriff. (1) K o n k r e t e Arbeit stellt sie dar, insofern sie durch "ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat" bestimmt ist, a b s t r a k t e Arbeit ist sie dadurch daß ihre Be- stimmtheit von der Tätigkeit des Arbeitenden g e t r e n n t, in ihren vom Kapital gesetzten Bedingungen existiert, die Subjek- tivität des Arbeiters auf die Äußerung seiner als Naturkraft re- duziert wird. Die Arbeit in der kapitalistischen Industrie ist also bloße Verausgabung von Arbeits k r a f t. (2) Mit der Analyse des industriellen Produktionsprozesses beantwor- tet sich auch die Frage nach der Beschaffenheit der Arbeit, wel- che in der modernen Gesellschaft zur Vermehrung des Reichtums beiträgt, also produktive Arbeit ist. Nicht auf die Formverände- rung des Natürlichen kommt es an, sondern darauf, daß diese Mo- ment eines Arbeitsprozesses ist, welcher als Kombination unselb- ständiger Teilarbeiten im Zusammenhang des Fabrikganzen stattfin- det: "Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst er- weitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters um produktiv zu ar- beiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Un- terfunktionen zu vollziehn. Die obige ursprüngliche Bestimmung der produktiven Arbeit, aus der Natur der materiellen Produktion selbst abgeleitet, bleibt immer wahr für den Gesamtarbeiter, als Gesamtheit betrachtet. Aber sie gilt nicht mehr für jedes seiner Glieder, einzeln genommen." (MEW 23/531 ff) Der Vergleich mit den Bestimmungen produktiver Arbeit, wie sie sich aus der Betrachtung des einfachen Arbeitsprozesses ergeben, macht auch deutlich, daß seine geschichtliche Form und ihr Zweck in der Funktion des produktiven Gesamtarbeiters eingeschlossen sind. "Andrerseits aber verengt sich der Begriff der produktiven Ar- beit. Die kapitalistische Produktionsweise ist nicht nur Produk- tion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehr- wert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient." (MEW 23/532) (3) Die Verrichtung von produktiver Arbeit ist also identisch mit der Verwertung des Kapitals. Ein produktiver Arbeiter ist - O b j e k t d e r A u s b e u t u n g. "Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein sondern auch ein spezifisch ge- sellschaftliches geschichtlich entstandnes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Ka- pitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein, ist daher kein Glück, sondern ein Pech." (MEW 23/532) (4) Eine solche Unterwerfung der Arbeit unter die von ihr selbst ge- schaffnen Potenzen erklärt sich weder aus der industriellen Pro- duktion schlechthin, noch aus der bloßen Existenz der Trennung von Kapital und Arbeit. Sie verdankt sich einem Prozeß, der vom Kommando des Kapitals über die Arbeit ausgegangen ist und in dem sich die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit von vorneherein und ausschließlich zum Zweck der Kapital- verwertung vollzog, so daß die Produktion von Mehrwert schließ- lich als technische Notwendigkeit für jeden, der seine Arbeits- kraft verkauft, auftritt. Auf der Grundlage vorgefundener Ar- beitsprozesse, die durch die Verlängerung der Arbeitszeit "über den Punkt hinaus wo der Arbeiter nur ein Äquivalent für den Wert seiner Arbeitskraft produziert hätte" (MEW 23/532) bereits der Mehrwertproduktion unterworfen sind, ergreift das Kapital den Ar- beitsprozeß selbst und revolutioniert ihn durch die Methoden zur Produktion des relativen Mehrwerts (5): "An die Stelle der formellen tritt die reelle Subsumtion der Ar- beit unter das Kapital." (MEW 23/533) Die Methoden zur Produktion des relativen Mehrwerts schließen also die zur Produktion des absoluten Mehrwerts als ihre blei- bende Grundlage ein, sie erweisen sich zugleich als Methoden zur Produktion des absoluten Mehrwerts, so daß der "Unterschied zwi- schen absolutem und relativem Mehrwert überhaupt illusorisch" scheint. Was in der jeweils stattfindenden Produktion verschwun- den scheint, tritt jedoch in der "Bewegung des Mehrwerts" hervor "sobald es gilt, die Rate des Mehrwerts überhaupt zu steigern". Hier handelt es sich um verschiedene Methoden, durch Veränderung eines vorhandenen Produktionsprozesses ein neues Verhältnis der Teile des Arbeitstages herbeizuführen: "Die Produktivkraft der Arbeit und ihren Normalgrad von Intensi- tät gegeben, ist die Rate des Mehrwerts nur erhöhbar durch abso- lute Verlängrung des Arbeitstags; andrerseits, bei gegebner Grenze des Arbeitstags, ist die Rate des Mehrwerts nur erhöhbar durch relativen Größenwechsel seiner Bestandteile, der notwendi- gen Arbeit und der Mehrarbeit, was seinerseits, soll der Lohn nicht unter den Wert der Arbeitskraft sinken, Wechsel in der Pro- duktivität oder Intensität der Arbeit voraussetzt." (MEW 23/534) Diese Veränderungen richten sich auf ein bereits gegebenes kapi- talistisches Ausbeutungsverhältnis, das den Arbeiter zwingt, mehr zu produzieren als das, was seine eigne Existenz erfordert. Und dem, der den vorhandenen Produktivitätsgrad der Arbeit nur als Ausgangspunkt gesteigerter Profitmacherei betrachtet, erscheint er als eine der Arbeit von Natur zukommende Eigenschaft. Diese interessierte Anschauungsweise leugnet, daß die vom Kapital vor- gefundene Produktivkraft der Arbeit "das Produkt eines langen Entwicklungsprozesses" darstellt, "statt eine Gabe der Natur zu sein" (MEW 23/535), und sie tut dies weil sie Bedingungen der Mehrwertproduktion mit ihrem Grund verwechselt, mit dem Produkti- onsverhältnis, das sie erzwingt: "Die Gunst der Naturbedingungen liefert immer nur die Möglich- keit, niemals die Wirklichkeit der Mehrarbeit, also des Mehrwerts oder des Mehrprodukts... Mitten m der westeuropäischen Gesell- schaft, wo der Arbeiter die Erlaubnis, für seine eigne Existenz zu arbeiten, nur durch Mehrarbeit erkauft, wird sich leicht ein- gebildet, es sei eine der menschlichen Arbeit eingeborne Quali- tät, ein Surplusprodukt zu liefern." (MEW 23/537 ff) (6) - Mehrwertproduktion erklärt sich also nicht aus der Produktivität der Arbeit, sondern daraus, daß alle Kräfte der Arbeit als Kräfte des Kapitals fungieren: - "Wie die geschichtlich entwickelten, gesellschaftlichen, so er- scheinen die naturbedingten Produktivkräfte der Arbeit als Pro- duktivkräfte des Kapitals dem sie einverleibt wird." (MEW 23/538) (7) - und damit die Ableistung von Mehrarbeit Bedingung für die Repro- duktion des Arbeiters wird. (8) Der bürgerlichen Ökonomie fällt es mit ihrem Interesse am Resultat des kapitalistischen Produkti- onsprozesses dem Profit und seiner Größe, nicht schwer, den Grund für diese Form des Mehrprodukts in eine natürliche Eigenschaft der Arbeit umzudichten. (9) Mit der Abstraktion von der gesell- schaftlichen Form der Arbeit verschleiert sie, daß die Arbeit al- lein durch den Kauf der Arbeitskraft, mithin aufgrund der Schei- dung der Arbeit von ihren gegenständlichen Bedingungen als frem- dem Eigentum, Mehrwert produziert: "Hier sind also Austausch, Kauf und Verkauf, die allgemeinen Be- dingungen der kapitalistischen Produktion, ein purer Zwischen- fall, und es gibt immer noch Profit ohne Kauf und Verkauf der Ar- beitskraft." (MEW 23/540) _____ 1) Vgl. Grundrisse/24, 25: "Arbeit scheint eine ganz einfache Ka- tegorie. Auch die Vorstellung derselben in dieser Allgemeinheit - als Arbeit überhaupt - ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist "Arbeit" eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen." "Hier also wird die Abstraktion der Kategorie "Arbeit", "Arbeit überhaupt", Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie, erst praktisch wahr." 3) Vgl. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses/64: "Da der unmittelbare Zweck und das eigentliche Produkt der kapitali- stischen Produktion - M e h r w e r t ist, so ist nur d i e A r b e i t p r o d u k t i v, die, und nur der Ausüber von Ar- beitsvermögen ein p r o d u k t i v e r A r b e i t e r, der unmittelbar Mehrwert produziert also nur die Arbeit, die direkt im Produktionsprozeß zur Verwertung des Kapitals konsumiert wird." 2) Leuten, die durch ihre Abscheu vor "abstrakten Begriffen" be- weisen, daß sie weder wissen, was Wissenschaft, und schon gar nicht, was abstrakt ist, die auch die Abstraktion, die der Staat darstellt für eine gemütliche Sache halten und seinen Gewaltcha- rakter deswegen mit handfesten Beispielen b e l e g e n, statt ihn zu e r k l ä r e n, mag hier der Witz des Hegelschen Satzes aufsehen: "Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören." 4) Der Begriff der produktiven Arbeit erfreut sich großer Be- liebtheit bei denen, die aus der Kritik der politischen Ökonomie eine Sammlung von Aspekten Dimensionen Fragestellungen und metho- dologischen Vorschriften machen, mit denen man auf die Welt los- geht. Zuerst kam H. J. Krahl und orakelte über den "revolutionstheore- tischen Sinn" des Marxschen Arbeitsbegriffs und konnte ihn nicht finden. Deshalb gelang ihm folgender schöner Einwand: "In seinem entfalteten System hat Marx einen restringierten Produktions- begriff, indem er (!) produktive Arbeit auf wertsetzende (?) beschränkt (Konstitution und Klassenkampf. Frankfurt, 1971, S. 388) Seine bereits in "Thesen zum allgemeinen Verhältnis..." unternommene Anstrengung, mit Hilfe von Bestimmungen der pro- duktiven Arbeit das Verhältnis von Kommunisten zur Arbeiterklasse in eines der wissenschaftlichen Intelligenz zum Proletariat zu verwandeln, mochten die Autoren der S o z i a l i s t i- s c h e n P o l i t i k nicht billigen und demonstrierten i h r Interesse an Marx, das diesen leider nicht minder brutal behandelt. Die einen bemühen sich zu zeigen, "was sich mit im Begriffspaar produktive und unproduktive Arbeit für die Klassenanalyse a n f a n g e n l ä ß t" (SoPo 8/4) - worauf zu sagen ist, daß eine Klassenanalyse eben durch das Studium der K l a s s e n zustandekommt und nicht durch den Umgang mit Begriffen, die Marx von einem anderen Gegenstand, eben der produktiven Arbeit, erar- beitet hat. Ihren Gegnern, die mit der Bestimmung der produktiven Arbeit be- reits etwas anderes "angefangen hatten" - sie konnten ihn für die Analyse des Klassen b e w u ß t s e i n s brauchen (SoPo 6/7) - fällt in ihrer Replik neben dem "zwiespältigen Charakter der Lei- stungstätigkeit im kapitalistischen Produktionsprozeß" auch der "Mystizismus der Warenwelt" und dergl. ein (SoPo 8/15). Schließ- lich, nachdem sie erneut aus der Gleichgültigkeit des produktiven Arbeiters gegen den Inhalt seinen Tätigkeit die Entstehung von Klassenbewußtsein deduziert (es müßte also eigentlich Gleichgül- tigkeitsbewußtsein heißen) und so der späteren Veröffentlichung der "Materialien zur Klassenstruktur der BRD" des PKA aufs er- freulichste vorgearbeitet haben, fällt ihnen ein, daß man den "Übergang vom allgemeinen Begriff des Kapitals in die wirkliche Bewegung der Konkurrenz herzuleiten" hätte. "Jeder Versuch der unmittelbaren und partiellen Anwendung der Marxschen Theorie auf die realen Verhältnisse des gegenwärtigen (?) Kapitalismus muß in die Leere gehen" (SoPo 8/45). Leider haben die Verfasser das wie- der vergessen, denn 1973 machen sie in den "Materialien" aus den Kategorien produktive und unproduktive Arbeit Rubriken für die Analyse der Gliederung der Arbeiter in der Konkurrenz, obwohl diese nach eigenen Aussagen gar nicht an der Oberfläche erschei- nen, und gelangen mit Hilfe zweier Kategorien, Identifikation und Gleichgültigkeit, zur Erklärung des Klassenbewußtseins. Vgl. hierzu: Warum scheitern Marxisten an der Erklärung des Klassen- kampfes? in RESULTATE 4. Die dritte Partei in der recht lebhaften Diskussion hatte es dar- auf abgesehen "die Kategorien auf der Basis der historischen Entwicklung des Kapitals zu hinterfragen" (SoPo 8/47), merkte, daß die Konkurrenz der Lohnarbeiter und die aus ihr sich ent- wickelnde Klassenkampfbewegung etwas anderes ist als der Begriff der produktiven Arbeit, stellte diverse Angleichungstendenzen fest und zog einen falschen Schluß: "Die hier zu verzeichnenden Angleichungen sowohl zwischen Hand- und Kopfarbeitern, zwischen Produzenten materialler als auch immaterieller Produkte, als auch zwischen produktiven und unproduktiven Arbeitern, machen diese Unterscheidungen in verabsolutierter Form (?) für die Klassenana- lyse immer mehr obsolet (!)" (SoPo 8/70). Eine Unterscheidung wird aber n i c h t o b s o l e t dadurch, daß sie für die Klassenanalyse nicht taugt, vielmehr ist eine Klassenanalyse f a l s c h, die sich aus Marxzitaten über produktive Arbeit ein Instrumentarium bereitet! Für die Ungereimtheiten in den Veröffentlichungen über produktive Arbeit ist nicht etwa ein Mißverständnis bei der Aneignung der Marxschen Erklärung der produktiven Arbeit im Kapitalismus ver- antwortlich - deren Widergabe erfolgt stets korrekt -, sondern die methodologische Neigung, das "Kapital" für die Analyse der Oberfläche zu verwenden, statt diese s e l b s t ä n d i g zu untersuchen und die ihr eigentümlichen Formbestimmungen auszuma- chen! 5) Auch hier ist die "geschichtliche Betrachtungsweise" keine Konsequenz der Methode, als die sich manche den Marxismus vor- stellen, sondern eine Notwendigkeit, die sich in der Erklärung des Gegenstandes ergibt. Die wissenschaftliche Analyse der Mehr- wertproduktion verweist auf ihre Entstehung und nicht der Blick in die Geschichte verhilft zu ihrem Begriff! 6) Vgl. MEW 26.2./409 "Es ist ferner klar, daß, wenn eine gewisse Entwicklung der Produktivität der Arbeit vorausgesetzt werden muß, damit S u r p l u s a r b e i t existieren könne, die bloße M ö g l i c h k e i t dieser S u r p l u s r a r b e i t (also das Vorhandensein jenes notwendigen Minimums der Produkti- vität der Arbeit), noch nicht ihre W i r k l i c h k e i t schafft. Dazu muß der Arbeiter erst gezwungen werden, über jene Größe hinaus zu arbeiten und diesen Zweck übt das Kapital aus." 7) Vgl. MEW 26.1./367: "In diesem Prozeß, worin die g e s e l l- s c h a f t l i c h e n Charaktere ihrer Arbeit ihnen gewisser- maßen k a p i t a l i s i e r t gegegenübertreten - wie z.B. in der Maschinerie die sichtbaren Produkte der Arbeit als Beherrscher der Arbeit erscheinen -, findet natürlich dasselbe statt für die naturkräfte und die Wissenschaft, das Produkt der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz - sie treten ihnen als Mächte des Kapitals gegenüber. Sie trennen sich in der Tat von dem Geschick und der Kenntnis des einzelnen Arbeiters - und obgleich sie, an ihrer Quelle betrach- tet, wieder das Produkt der Arbeit sind - erscheinen sie überall, wo sie in den Arbeitsprozeß eintreten, als dem Kapital einver- leibt." 8) Vgl. Grundrisse/431 ff: "Wo das Kapital herrscht ist die abso- lute Arbeitszeit des Arbeiters als Bedingung für ihn gesetzt, um die notwendige arbeiten zu dürfen, d.h. zur Erhaltung seines Ar- beitsvermögens notwendige in Gebrauchswerten für sich realisieren zu können." 9) Unfreiwillig schließen sich dieser Ideologie auch Organisatio- nen an, die vor lauter Begeisterung für die Arbeiter aus deren Not eine Tugend machen. In schöner Fortsetzung des Gothaer Pro- gramms pflegen die Arbeiter nicht wegen ihrer Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse zum Adressaten zu werden, sondern aufgrund ihrer positiven Qualität, Schöpfer des (!) Reichtums zu sein, der stets die Ungerechtigkeit gegenübergestellt wird, daß andere diesen Reichtum sich aneignen. Zur Kritik der folgenden Beispiele vgl. MEW 19/15 ff. "Die Werte, die Millionen schaffen, werden nicht vom werktätigen Volk, sondern vom Großkapital, den Besitzern der Industriekon- zerne und Großbanken, den Flicks, Abs und Thyssen angeeignet." (Thesen des Düsseldorfer Parteitags der DKP, S. 6) "Der von ihnen geschaffene riesige Reichtum, den sich die Kapita- listenklasse aneignet, wächst mit jeden Tag." (Programm der KPD, S. 7) "Die Lohnarbeiter schaffen zwar (!) den gesamten gesellschaftli- chen Reichtum, erhalten aber (!) nur jenen Teil der von ihnen produzierten Werte (!)..." (Thesen des SB. S. 25) 15. Kapitel ----------- Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert ----------------------------------------------------- Mit der gesellschaftlichen Trennung der Arbeitskraft von den ge- genständlichen Bedingungen ihrer Betätigung bleibt ihr Kauf und damit ihr Wert Voraussetzung für die Produktion von Mehrwert, doch ist der "Wert der gewohnheitsmäßig notwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters" (MEW 23/542) selbst eine Größe, die von der Anwendung der Methoden der Mehrwertproduktion, mithin von der Verausgabung der Arbeitskraft abhängt. Der Wert der Arbeits- kraft wechselt mit der Kombination der verschiedenen Faktoren, die die Mehrwertrate bestimmen: der dem Verwertungsprozeß voraus- gesetzte Preis der Arbeitskraft - der Geldausdruck ihres Werts - und der in der Produktion geschaffene Mehrwert sind relative Grö- ßen, die durch "drei Umstände" bedingt werden: "1. die Länge des Arbeitstags oder die extensive Größe der Ar- beit; 2. die normale Intensität der Arbeit oder ihre intensive Größe, so daß ein bestimmtes Arbeitsquantum in bestimmter Zeit veraus- gabt wird; 3. endlich die Produktivkraft der Arbeit, so daß je nach dem Ent- wicklungsgrad der Produktionsbedingungen dasselbe Quantum Arbeit in derselben Zeit ein größeres oder kleineres Quantum Produkt liefert." (MEW 23/542) (1) Die Kombination dieser Faktoren hat verschiedene Wirkungen auf den Wert der Arbeitskraft, den Mehrwert und ihr Verhältnis zuein- ander. Die Methoden der Mehrwertproduktion verändern beständig ihre eisenen Bedingungen, sie schließen als Revolutionierung der den Verwertungsprozeß bestimmenden Faktoren daher A b w e i- c h u n g e n des vorausgesetzten Preises der Arbeitskraft von ihrem jeweiligen Wert ein und rufen Prozesse hervor, durch die sich beide Größen einander a n g l e i c h e n. I. Die Veränderung der P r o d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t ändert nicht die absolute Größe des Wertprodukts (erstes Gesetz), sondern die gegebene Mehrwertrate (zweites Ge- setz), von welcher damit der proportionelle Größenwechsel von Wert der Arbeitskraft und Mehrwert abhängt. Die Vergrößerung der Mehrwertrate verdankt sich der direkten Wirkung auf den Wert der Arbeitskraft (drittes Gesetz), so daß die Größe des Mehrwerts da- von abhängt, wie weit der Preis der Arbeitskraft an deren "neue Wertgrenze" angeglichen wird. "Der Grad des Falls ... hängt von dem relativen Gewicht ab, das der Druck des Kapitals von der einen Seite, der Widerstand der Arbeiter von der anderen Seite in die Waagschale wirft." (MEW 23/545) und ist nicht identisch mit einer Verminderung der Konsumtion seitens der Arbeiter; die Masse Lebensmittel kann sogar steigen bei sinkendem Preis der Arbeits- kraft - "Relativ aber, d.h. verglichen mit dem Mehrwert, sänke der Wert der Arbeitskraft beständig, und erweiterte sich also die Kluft zwischen den Lebenslagen von Arbeiter und Kapitalist." (MEW 23/546) II. Die Veränderung der I n t e n s i t ä t d e r A r b e i t vergrößert das Wertprodukt aufgrund der Abweichung vom gesell- schaftlichen Durchschnitt und reproduziert daher den Wert der Ar- beitskraft in kürzerer Zeit, so daß ein Wachstum des Mehrwerts einen höheren Preis der Arbeitskraft nicht ausschließt. Insofern der höhere Verschleiß der Arbeitskraft die Reproduktionskosten steigert, kann unter Umständen selbst ein gestiegener Preis der Arbeitskraft ihren beschleunigten Verschleiß nicht kompensieren. (MEW 23/547) Zwar führt die Intensivierung zu einer Vergrößerung des Mehrwerts unabhängig vom Produktionszweig, doch fällt ihre besondere Wirkung fort, sobald der "neue höhere Intensitätsgrad zum gewöhnlichen gesellschaftlichen Normalgrad" geworden ist. III. 1. Da die Verkürzung des Arbeitstages dem Zweck des Kapitals zuwiderläuft, tritt sie nur als Konsequenz der Zerstörung der Ar- beitskraft im Produktionsprozeß (Produktivitätssteigerungen, In- tensivierung) auf und fordert zugleich den verstärkten Einsatz jener Mittel heraus. Der Veränderung des Arbeitstages kommt also selbständige Bedeutung nur zu, sofern durch ihre 2. Verlängerung die Größe der Mehrarbeit und dadurch die Mehrwertrate wächst. Der damit verbundene erhöhte Verschleiß des Arbeiters hat zur Folge, daß selbst gestiegener Preis der Arbeitskraft unter deren Wert liegen kann. Ab einem gewissen Punkt wird der Verkauf der Ar- beitskraft durch ihre Verausgabung sogar verunmöglicht, da der größere Verschleiß überhaupt nicht mehr kompensiert werden kann. "Der Preis der Arbeitskraft und ihr Exploitationsgrad hören auf, miteinander kommensurable Größen zu sein." (MEW 23/549) IV. In der kombinierten Anwendung der verschiedenen Methoden der Mehrwertproduktion verfügt das Kapital über die Mittel, die mit der jeweiligen Stufe der Produktion gegebenen Schranken zu über- winden. Dabei zwingt es die Arbeitskraft zu stets größerer Ver- ausgabung ihrer Potenzen, wobei ihm deren Entfaltung selbst nur dazu dient, die Mehrarbeit auszudehnen. Die Senkung der zur Pro- duktion einer Ware gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ge- schieht nur um der Reduktion der Arbeitszeit willen, in der der Arbeiter das Äquivalent seiner Arbeitskraft reproduziert. Weil das Kapital in der "notwendigen Arbeitszeit" nur die Basis und Schranke für die Mehrarbeit vorfindet, zielt die ständige Revolu- tionierung der Produktivkräfte auf die Perpetuierung einer Pro- duktionsweise, in welcher die Reproduktion der unmittelbaren Pro- duzenten abhängig bleibt von der Schaffung des Überflusses in der Form des Kapitals, die Vermehrung des Reichtums auf der Beschrän- kung der Arbeitenden beruht. (2) Der Gegensatz der notwendigen Arbeitszeit zum "Reich der Freiheit", das "der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion" liegt (MEW 25/828), verliert daher mit der Beseitigung des Kapi- talismus seine antagonistische Gestalt und löst sich auf in die bewußte Organisation der gerade durch das Kapital ins Leben gerufenen Produktivkräfte, in die zweckmäßige Bewältigung der "ewigen Naturnotwendigkeit" - "Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt, den Arbeitstag auf die notwendige Arbeit zu beschränken. Jedoch würde die letztre, unter sonst gleich bleibenden Umständen, ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebensbedingungen des Arbei- ters reicher und seine Lebensansprüche größer. Andrerseits würde ein Teil der jetzigen Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit zählen, nämlich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reserve- und Akkumulationsfonds nötige Arbeit." die auch "die maßloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte" hinfällig macht und alle "überflüssigen Funktionen", die für die kapitalistische Produkti- onsweise notwendig sind, erübrigt. Die gleichmäßige Verteilung der Arbeit unter alle "werkfähigen Glieder der Gesellschaft", die "Allgemeinheit der Arbeit" macht mit den Verhältnissen ein Ende, in denen "eine Gesellschaftsschicht die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer anderen Schicht zuwälzen" kann, deren gesamte Lebenszeit in Arbeitszeit verwandelt wird. (MEW 23/552) _____ 1) Da von den Veränderungen des unmittelbaren Produktionsprozes- ses nicht direkt berührt, bleiben die Entwicklungskosten und Na- turdifferenzen an den Arbeitskräften hier unberücksichtigt. Auch hat der hier entwickelte Zusammenhang nichts zu tun mit der Ab- weichung der Warenpreise von ihrem Wert und der Tendenz des Kapi- tals, den Preis der Arbeitskraft beständig unter ihren Wert zu senken: "Wir unterstellen, 1. daß die Waren zu ihrem Wert ver- kauft werden, 2. daß der Preis der Arbeitskraft wohl gelegentlich über ihren Wert steigt, aber nie unter ihn sinkt." 2) Vgl. Grundrisse/596: "Die A r b e i t s z e i t a l s M a ß d e s R e i c h t u m s setzt den Reichtum selbst als auf der Armut begründet und die disposable Zeit als existierend i m u n d d u r c h d e n G e g e n s a t z z u r S u r p l u s- a r b e i t s z e i t oder Setzen der ganzen Zeit eines Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum bloßen Arbeiter. Subsumtion unter die Arbeit." 16. Kapitel ----------- Verschiedene Formeln für die Rate des Mehrwerts ----------------------------------------------- Die Mehrwertrate wird durch den Z u s a m m e n h a n g d e r g e t r e n n t e n A k t e - K a u f der Arbeitskraft zu ih- rem vorgegebenen Wert und A n w e n d u n g dieser Arbeitskraft im beständig revolutionierten kapitalistischen Produktionsprozeß, die auf den vorausgesetzten Wert der Arbeitskraft zurückwirkt - konstituiert. Das Nebeneinander der selbständigen Existenzweisen der Mehrwertrate wird in den verschiedenen, den "Wirklichen Ex- ploitationsgrad der Arbeit oder die Rate des Mehrwerts" (KI/553) wiedergebenden Formeln erfaßt: einerseits als Verhältnis von Wer- ten, andererseits als "Verhältnis von Zeiten, worin diese Werte produziert werden" (KI/553). Als "einanderersetzende Formeln" (KI/553) drücken sie zugleich die Zusammengehörigkeit der mit ih- nen begriffenen Verhältnisse aus. Die Formeln, mit denen die klassische politische Ökonomie die Mehrwertrate zu erfassen sucht, lassen dagegen erkennen, daß sie den Zusammenhang von Verkauf der Arbeitskraft und ihrer vom Kapi- tal bestimmten Verausgabung als Grund der Mehrwertrate nicht ver- steht. Sie nimmt den Mehrwert nur als R e s u l t a t d e r P r o d u k t i o n auf, als Verhältnis "der Arbeitszeiten oder Werte, worin sie sich verkörpern der Produkte, worin diese Werte existieren" (KI/553). Sie hält also die f o r m e l l s e l b s t s t ä n d i g e n, a b e r z u s a m m e n g e h ö- r i g e n Akte Kauf und Verausgabung der Arbeitskraft gegen- einander fest und setzt sie in eine äußerliche Beziehung: sie vergleicht die jeweiligen Wertgrößen miteinander. Der Mehrwert erscheint ihr als Überschuß eines als fix betrachteten Arbeitstages über die in den Prozeß eingehenden Werte und damit als Teil des gesamten Wertprodukts des Arbeitstages. Bei solchem Vergleich, der das vorgeschossene variable Kapital und den Mehrwert nur als Teile des (Wert)produkts betrachtet, wird der Ursprung des Mehrwerts verschleiert (1) und der Exploitationsgrad falsch wiedergegeben: "Die Darstellung von Mehrwert und Wert der Arbeitskraft als Bruchteilen des Wertprodukts - eine Darstellungsweise, die übri- gens aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst erwächst und deren Bedeutung sich später erschließen wird - versteckt den spezifischen Charakter des Kapitalverhältnisses, nämlich den Aus- tausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und den entsprechenden Ausschluß des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines Assoziationsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalist das Produkt nach dem Verhältnis seiner verschiedenen Bildungsfaktoren teilen." (KI/552) (2) Die Formel Unbezahlte Arbeit/Bezahlte Arbeit, die an der V e r a u s g a b u n g der Arbeitskraft ein Wertverhältnis festhält, die verschiedenen Existenzformen der Mehrwertrate also in eins fallen läßt, gibt dennoch unmittelbar den Zusammenhang zwischen dem der Produktion vorausgesetzten Kauf der Arbeitskraft und der auf diesen zurückwirkenden Verausgabung der Arbeitskraft wieder. Das Verhältnis der Teile des Arbeitstages bestimmt sich gemäß dem vorausgesetzten Kauf der Arbeitskraft - ein Teil des Arbeitstages dient der Reproduktion dieses Werts. Zugleich wird es bestimmt durch die Konsumtion der Arbeitskraft im kapitalisti- schen Produktionsprozeß - in ihm wird der Wert reproduziert gemäß dem sich wandelnden gesellschaftlichen Produktivitätsgrad und dementsprechend darüberhinaus wachsend Mehrwert geschaffen durch Einwirkung auf den vorausgesetzten Wert der Arbeitskraft. Weil das Kapital durch den Kauf der Arbeitskraft die "Verfügung über die lebendige Arbeitskraft" (KI/556) erlangt, kann es durch ihre Anwendung im kapitalistischen Produktionsprozeß die Mehr- wertrate erzeugen. Es produziert selbst das Verhältnis von Mehr- wert zum vorausgesetzten Wert der Ware Arbeitskraft, indem es diese über die der Reproduktion des Werts der Arbeitskraft die- nende Verausgabung hinaus Wert schaffen läßt, für den in der Zir- kulation kein Äquivalent vorgeschossen wurde. Weil also das Kapi- tal nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft bezahlt, und diese unter seinem Kommando wirken läßt, gilt: "Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit." (KI/556) _____ 1) "Der Gesamtarbeitstag ist größer als der Teil des Arbeitsta- ges, der zur Produktion der wages erheischt. Warum? tritt nicht hervor."(TÜM II/408) 2) Vgl. Gr 228: TÜM II/419: Zwar begreift Ricardo noch den Wert, den der Kapitalist in Zirkulation 1 zu zahlen hat, als "Q u a n t i t ä t Arbeit, die in den Lebensmitteln des Arbei- ters v e r g e g e n s t ä n d l i c h t ist" (TÜM II/409), doch da er "nicht u n m i t t e l b a r einen Teil des Arbeits- tages als der Reproduktion des Werts seines eigenen Arbeitsvermö- gens" bestimmt (TÜM II/407 ff) geht der Zusammenhang des Werts der Ware Arbeitskraft mit ihrer Verausgabung - "er p r o d u z i e r t Ware vom W e r t seiner Lebensmittel, oder er produziert den Wert seiner Lebensmittel. D.h. also, wenn wir seinen täglichen Durchschnittskonsum betrachten: Die Arbeitszeit, die in den täglichen necessaries enthalten ist, bildet einen T e i l s e i n e s A r b e i t s t a g e s... E s h ä n g t v o m W e r t d i e s e r n e c e s s a r i e s a b (also von der geselIschaftlichen Produktivität der Arbeit, nicht von der Produktivität des einzelnen Zweigs, in dem er arbeitet), e i n w i e g r o ß e r T e i l s e i n e s A r b e i t s- t a g e s der Reproduktion oder Produktion des Werts, i.e. des Äquivalents für seine Lebensmittel gewidmet ist." (TÜM 11/407) und damit der Ursprung des Mehrwerts verloren. Kritische Solidarität oder -------------------------- Wie ein sozialistischens Büro ----------------------------- kommunistische Politik verhindern will -------------------------------------- Die "Thesen des sozialistischen Büros" in Offenbach (1) Wer sozialistische Politik zu seinem Geschäft erklärt und seinen Willen bekundet, auf die proletarische Revolution hinzuwirken, ohne sich denen anzuschließen, die dasselbe Ziel verfolgen, hat an der vorfindlichen Praxis von Kommunisten etwas auszusetzen. Allein durch die Entscheidung, getrennt von den existenten Orga- nisationen kommunistische Politik zu treiben, macht er deutlich, daß er diese k r i t i s i e r t. Und gegenüber ihren Adressa- ten wird jede neue Organisation darzulegen versuchen, weshalb ihre Mitglieder sich außerstande sehen, ihre Ziele im Rahmen der bereits bestehenden Vereine zu verfolgen, sei es nun im Zusammen- hang einer eigenen Programmatik oder als explizit zum Zwecke der Abgrenzung durchgeführte Kritik. Das SB entledigt sich dieser Pflicht durch die Thesen 63-68, in denen es die Mängel benennt, die es davon abhalten, sich einem Teil der westdeutschen Linken anzuschließen: "Das SB geht davon aus, daß keine der sozialistischen oder kommu- nistischen Organisationen in Westdeutschland - unabhängig von ih- rer Mitgliederzahl - für sich allein in der Lage sein wird, die Probleme einer Erneuerung der Arbeiterbewegung zu lösen." (63) Das SB sorgt sich um die Erneuerung der Arbeiterbewegung und legt den bereits mit deren Problemen befaßten Organisationen zur Last, daß sie außerstande seien, ihr Ziel zu erreichen. Nicht daß sie etwas anderes wollen als das SB, wird ihnen vorgeworfen, sondern ihre Ohnmacht: "für sich allein" sind sie nicht fähig, die Er- neuerung zu vollbringen, weshalb ein sozialistisches Büro auf den Plan treten muß, welches sie zur Vernunft ruft und ihnen ihre Schwäche bescheinigt. Natürlich ist auch das SB "für sich allein" nicht stark genug - doch weiß es den Weg, den es zu gehen hat und den es den Kommunisten aller Richtungen nahebringen will: "Das Verhältnis der sozialistischen und kommunistischen Organisa- tionen zueinander m u ß insofern grundsätzlich so v e r- s t a n d e n werden, daß es sich hier um heute noch getrennte Ansätze (!) einer (!) zukünftigen und dann einheitlichen (!) Bewegung in Westdeutschland handelt." (63) Daß die konkurrierenden politischen Organisationen deswegen keine Einheit unter sich herstellen, weil sie etwas Verschiedenes wol- len, weil sie unterschiedliche Ziele mit durchaus nicht denselben Mitteln verfolgen, ist für die Leute in Offenbach kein Anlaß, Programm und Politik der sich wechselseitig befehdenden Gruppen zu überprüfen, um entweder zu einer Kritik ihrer Zwecke oder zur Übereinstimmung mit ihnen zu gelangen. Daß man falsche Politik bekämpfen und richtige unterstützen bzw. selbst betreiben muß, halten sie für einen Dogmatismus, der sie bei ihren Bemühungen um die E i n h e i t der (!) Bewegung stört. Leider müssen wir dem undogmatischen SB vorwerfen, daß es mit seiner Zielsetzung einer einheitlichen sozialistischen Politik das f a l s c h e I d e a l eines Zustandes vertritt, in dem divergierende Rich- tungen antikapitalistischer Politik miteinander streiten. Von diesen konkurrierenden Organisationen, denen das SB allen Fakten zum Trotz unterstellt, sie würden dasselbe wollen, um sie dann auch auf die notwendige Einheit als erstrebenswertes Ziel hinzu- weisen, kann freilich h ö c h s t e n s e i n e richtige Poli- tik betreiben, und die "Zersplitterung" der (!) linken Bewegung ist ein Resultat von Fehlern, die in ihr gemacht werden. Soweit der Fehlschluß bei der Betrachtung der politischen Landschaft, den das SB, das vor lauter Antidogmatismus sicherlich auch Logik als dogmatisch, idealistisch etc. verabscheut, nicht wahrhaben will! Mit diesem Fehlschluß freilich verrät es seinen Zweck: an der Be- seitigung von Fehlern, die von den Organisationen begangen wer- den, ist es nicht interessiert - sonst würde es sie aufzeigen und die Politik, die aus ihnen resultiert, agitatorisch bekämpfen. Andererseits: ungetrübte Anerkennung läßt es den zerstrittenen Repräsentanten der ersehnten einheitlichen Bewegung auch nicht zuteil werden. Es macht ihnen schließlich den Vorwurf, keine Ein- heit zu bilden, obgleich es sie allesamt höflich als "Ansätze" bespricht, die ihr Scherflein zur "Erneuerung der Arbeiterbewe- gung" beitragen. Der Angriff der Offenbacher, die sich die Ein- heit der Sozialisten zum Programm gemacht haben, richtet sich ge- gen Besonderheit der verschiedenen Vereine, weil sie ein Hemmnis für die Einheit darstellt - nicht etwa, weil die spezifischen Zielsetzungen und politischen Aktivitäten für falsch gehalten werden. Das SB "bestimmt seine Verhaltensweise zu diesen anderen Ansätzen als die einer k r i t i s c h e n S o l i d a r i t ä t" (69) und spricht damit nur aus, daß es weder kritisieren noch solida- risch sein will. Denn Kritik ist nur dort kein Angriff auf den Kritisierten, wo sich dieser in der Verfolgung eines gemeinsamen Zwecks einig weiß mit seinem Kritiker und deswegen wie dieser an der Beseitigung seiner Fehler interessiert ist. Weder dürfte das SB auf ein derartiges Interesse bei den vorhandenen Organisatio- nen stoßen, noch läßt es selbst über seine Absicht einen Zweifel entstehen: alle seine Vorwürfe laufen darauf hinaus, daß die be- treffenden Vereine der Einheit hinderliche Aktivitäten pflegen, womit es klarstellt, daß es ihm nur auf eines ankommt: den ver- schiedenen Ansätzen all das auszutreiben, was sie voneinander u n t e r s c h e i d e t. Wie die erneuerte Arbeiterbewegung aussieht, die es mit den Thesen anstrebt, ergibt sich aus den "Argumenten" gegen die JuSos, die DKP und die "K-Gruppen". Da wären zunächst einmal die "Sozialisten in der SPD" (64) denen gegenüber das SB zu dem Schluß gelangt ist, sie hätten "ihre po- litische Strategie auf illusionäre Annahmen gegründet", den bür- gerlichen Staat als "wenigstens potentiell klassenneutrale In- stanz angesehen" und eine "ausreichende Reflexion über die so- ziale Zusammensetzung der Partei und ihre gegenwärtige Funktion im kapitalistischen System" vermissen lassen. Daß jemand, der il- lusionäres Zeug zur Grundlage seiner Politik macht und den Staat für eine klassenneutrale Instanz hält, etwas a n d e r e s vor- hat als die proletarische Revolution, darauf scheint in Offenbach bisher niemand gekommen zu sein. Auch die Folgerung, daß die an- tikapitalistischen Phrasen mancher Leute nur dazu dienen, sich in einer Partei ihr Plätzchen zu reservieren, welche Reformen unter- nimmt, um die soziale Marktwirtschaft besser am Funktionieren zu erhalten als ihre konservativen Gegner, und dabei ständig schei- tert, ist offenbar gar nicht so leicht zu ziehen. Selbst der zu Wahlkampfzeiten regelmäßig geschlossene Waffenstillstand zwischen den Repräsentanten der hiesigen Reformpartei und ihrem kritischen Jungvolk erweckt beim SB nicht den Verdacht, bei den JuSos könnte es sich vielleicht nur um eine Gruppe von Jet-Set-Sozialisten handeln, die sich durch ihre Meckerei in einer bürgerlichen Par- tei nur ihre eigene Fortexistenz sichert und dem Reformismus des- wegen in regelmäßigen Abständen seine Ideale vor die Nase hält - in Offenbach findet man es selbst in Krisenzeiten, wo Reformisten mit den übrigen Parteien darum wetteifern, wie "dem Volke" der Verzicht am besten aufzuschwatzen bzw. aufzuzwingen sei, ganz normal, daß Leute in dieser Partei g e g e n sie argumentieren, um sich dem, was sie verdammen, unterzuordnen. Das SB hält die Kritiker in den Reihen der SPD nicht für charakterlose Gesellen, sondern für Sozialisten, die leider einigen Irrtümern aufsitzen und deren "Reflexion" darüber, was eine Partei ist, nicht deshalb anzugreifen ist, weil sie sich den Standpunkt des Staates zu ei- gen macht, wenn sie auf das bessere Funktionieren der Reformpoli- tik sinnen. Die Offenbacher finden, die g e g e n w ä r t i g e Funktion der SPD sei falsch eingeschätzt worden, erinnern sich daran, daß sie mal Soziologie studiert haben, verweisen auf die "soziale Zusammensetzung der Partei" und gestehen ein, daß sie an den JuSos nicht ihre Ziele mißbilligen, sondern die Tatsache, daß sie als Teil der SPD für die Einheit der Sozialisten nicht ver- fügbar sind. "Für die sozialistische Bewegung können diese aber nur dann eine Bedeutung haben, wenn sie ihre (!) Argumentation offen vertreten und sich insofern nicht grundsätzlich an die SPD binden." (64) Weil das SB auch die "Linken in der SPD" davon überzeugen möchte, daß Einheit die Losung des Tages ist, versäumt es auch nicht, ih- nen Lob für ihre "politisierende Wirkung" und ihre Anstrengung auszusprechen den Niedergang der SPD aufzuhalten (was war sie bloß vorher?) - aber nur um die E r f o l g l o s i g k e i t als Argument loszuwerden, das die JuSos dazu bringen soll, von ihren bisherigen Bemühungen Abstand zu nehmen: "Auch die Juso-Bewegung hat den Wandlungsprozeß der SPD zu einer Partei der kommunal-, Sozial- und Staatsbürokratie nicht umkehren können". (64) So hat man es verstanden, ohne ein Argument die Anerkennung der kritischen Sozialdemokraten mit der Aufforderung zu verbinden, sie möchten das ihnen eigentümliche Geschäft aufgeben und sich der sozialistischen Bewegung des SB zuwenden. Die DKP wird zunächst einmal daran erinnert, daß es sich bei ihr "nicht um die Konstituierung einer kommunistischen Partei auf entwickelten Klassenkämpfen heraus handelt" (65), daß es sie also eigentlich gar nicht geben dürfte. Diese Leute haben nicht darauf gewartet, daß eine Partei e n t s t e h t, sondern eine gemacht, weil sie es für nötig hielten, ihre Vor- stellungen von P o l i t i k durch kontinuierliche Agitation in die Tat umzusetzen. Dem SB ist nicht die Politik der DKP ein Greuel, sondern die bloße Tatsache, d a ß jemand von den gegen- wärtigen Interessen der Arbeiterklasse verschiedene Positionen vertritt. Statt den Revisionismus als falsche Politik anzugrei- fen, fährt das SB das Argument gegen kommunistische Politik auf, das nicht ohne Schadenfreude von Bürgern vorgebracht wird, so- lange die Arbeiter nur in geringem Maße Interesse am Kampf gegen das Kapitalverhältnis zeigen: wer etwas will, was die Massen nicht wollen, setzt sich ins Unrecht ist nicht realistisch. Indem das SB den Ausgangspunkt aller kommunistischen Politik: daß nämlich die Arbeiterklasse noch nicht revolutionär ist, zur Dif- famierung der Organisationen verwendet, die diesen Zustand ä n d e r n wollen, und dazu aufruft, sich gefälligst an den vorfindlichen Interessen der Arbeiter zu orientieren, verrät es seinen Antikommunismus, den es in der Forderung nach "offener Diskussion" kleidet; die DKP ist kritikabel, weil sie "nicht den nötigen Raum für eine offene Diskussion der soziali- stischen Theorie, der Lehren aus der Geschichte der Arbeiterbewe- gung und auch der Erfahrungen der sozialistischen Staaten bietet, die eine Bedingung (!) dafür ist, daß sich eine sozialistische Massenbewegung in Westdeutschland entwickeln kann." (65) Das SB ist zwar nicht in der Lage, den Fehler der Revisionisten zu benennen, möchte aber gern deren Zielsetzungen in einer "offenen Diskussion" in Frage stellen dürfen und besitzt auch noch die Unverschämtheit, diese Diskussion, nach der es selbst ein Bedürfnis verspürt, als Bedingung einer sozialistischen Mas- senbewegung auszugeben. (2) Damit nicht der Eindruck entsteht, mit diesem Einwand wäre der DKP schon alle Wertschätzung entzo- gen, entschuldigen die Offenbacher auch sogleich die Diskussions- unwilligkeit der DKP und geben damit zu erkennen, daß ihre Kritik stets auch Verständnis einschließt "Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß die Drohung, die in der Aufrechterhaltung des KPD-Verbots liegt, die Diskussi- onsfähigkeit der DKP zusätzlich einschränkt." (65) Und selbst die handfest klingenden Vorwürfe gegen die Strategie der DKP - "fast diskussionslose (!) Bindung an die jeweiligen po- litischen Orientierungen der UdSSR und der DDR", "Systemkon- kurrenz als Ersatz für Klassenkampf im eigenen Land anzusehen", "Verbreitung reformistischer Illusionen" - werden aus folgendem Grund vorgebracht: "Unter diesen Umständen (!) ist nicht zu erwarten, das zunehmende Klassenauseinandersetzungen und sich entwickelnde Organisations- impulse in der Arbeiterschaft ihren vollen Ausdruck in der DKP als "der" Partei der Klassenbewegung finden können." (65) Auch diesem Bedenken gegenüber dem "Ansatz" der DKP liegt nicht die Verurteilung ihrer Strategie und Ziele zugrunde; es ist al- lein die D i f f e r e n z zu dem, was die Arbeiterschaft a u ß e r h a l b der DKP tut, die das SB zu einem negativen Ur- teil bewegt. Es sorgt sich darum, daß die DKP "auf dem Stand ei- ner Kleinpartei bleibt", führt dies auf oben erwähnte "fast dis- kussionslose Bindung ..." zurück und rechtfertigt damit unverhoh- len die bürgerliche Gegnerschaft gegen die DKP und ihre Bruder- parteien, gleichgültig, aus welchem Grund - sei es nun das Ein- treten für die freie Marktwirtschaft, Bayern München oder den Klassenkampf - d i e Organisationsimpulse der Arbeiterschaft in der DKP keinen Ausdruck finden. Ohne den geringsten rationalen Angriff auf das Vorgehen dieser Partei wünscht sich das Büro de- ren "innere Entwicklung", möchte sie "entdogmatisieren" - aber ohne diese Prozesse durch eigene Aktivitäten im Rahmen dieser Partei zu befördern. Es will dafür sorge, daß sie "unter den praktischen Druck neben ihr sich organisierender so- zialistischer Bewegung, vor allem in Betrieb und Gewerkschaften gerät ...," (65) und stellt in seiner Auseinandersetzung mit der "Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus" klar, was es damit meint. In Absetzung von dieser Theorie beklagt es, daß den sozialistischen Ländern für die "konkrete Klassenpolitik" in kapitalistischen Ländern eine Bedeutung zugemessen wird, "die zur Formulierung und Durchsetzung einer autonomen Klassenor- ganisation unzureichend ist" (66) und wirft damit der DKP ein weiteres Mal ihre Existenz vor: sie wirkt störend auf die Entwicklung einer "autonomen Klassenorgani- sation", d e m Wunschtraum des SB. Den Widerspruch aller kommu- nistischen Politik - daß Kommunisten auf eine Arbeiterklasse treffen, die das Ziel der proletarischen Revolution noch nicht zu dem ihren gemacht hat, also zunächst getrennt vom Proletariat darauf hinwirken müssen, daß es sich dieses Ziel setzt - "löst" das SB so auf: es verbietet organisierte Politik und Agitation, weil sie hinderlich für die A u t o n o m i e der Arbeiter ist und eröffnet dafür ein Büro, in dem die Arbeiter ganz s e l b s t t ä t i g ihre Erfahrung austauschen können - ihre e i g e n e n, versteht sich. Die Funktion der Thesenmacher in diesem Büro besteht dann wohl darin, in Arbeitssitzungen den Ar- beitern zu erklären, sie sollten sich ja von niemandem etwas er- klären lassen, wozu sich die in politökonomischen Seminaren ge- wonnene Theorie, daß der Klassenkampf sich nach den Akkumulati- onsbedingungen des Kapitals zu richten habe, gut brauchen läßt. (Vgl. die lustigen Rechnereien und Prognosen in der letzten Num- mer der PROKLA!) Auch in der Kritik der StaMoKap-Theorie denkt das SB nicht im entferntesten an eine Kritik eben dieser Theorie. Es geht nicht um deren Fehler, sondern um ihre Konsequenzen, die das SB daran mißt, ob sie der Einheit der Sozialisten, die sich unter der Hand in Autonomie der Arbeiterklasse verwandelt hat, nützt. Und es gibt offen zu, daß es ihm auf die Richtigkeit oder Falschheit der besprochenen Theorie gar nicht ankommt und es auch selber keine Alternative weiß: "Wenn die Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) kritisiert wird, dann kann (!) dies allerdings nicht heißen, daß ihr heute schon eine ausgearbeitete Theorie, die alle modernen Erscheinungen des gegenwärtigen Kapitalismus in einen Erklärungszusammenhang stellt, entgegengesetzt werden könnte." (66) Statt sich nun aber hinzusetzen und das zu erarbeiten, was wis- senswert für den Klassenkampf ist, verfertigen diese Leute The- sen, in denen sie ihr Unwissen als undogmatisches Auftreten ver- kaufen, zwar bei der Beurteilung von Theorien Vorsicht walten lassen - die PROKLA sind ja nach wiederholten Versuchen noch nicht dahin gekommen, die Fehler in der Stamokap-Theoriezu finden -, bei der Betrachtung ihrer praktischen Konsequenzen aber schon recht sicher auftreten: hier weiß man Bescheid, was gilt und was nicht. Ein Maßstab ist vorhanden, der sich auch im zweiten Ein- wand bewährt gegen eine Theorie, der das SB gerne einmal eine Al- ternative gegenüberstellen möchte: "Der Begriff vom Monopoltribut, den die Monopole der ganzen Ge- sellschaft auferlegen, eröffnet bündnispolitische Konsequen- zen...", (66) die das Büro gar nicht gern hat - aber nicht, weil dergleichen Bündnisse einen anderen Zweck offenbaren als den der proletari- schen Revolution, sondern deswegen, weil die "spezifischen Schwierigkeiten von Bündnissen der Arbeiterklasse, die sich aus den Unterschieden in der Klassenlage der "antimono- polistischen Schichten" - ergeben ... so vernachlässigt" (66) werden. Anläßlich der Untersuchung einer T h e o r i e macht sich das SB Gedanken über die Schwierigkeiten von Bündnissen, un- terstellt, daß die Bündnispolitik der DKP ein Produkt ihrer falschen Monopoltheorie ist (statt letztere aus dem politischen Standpunkt der Revisionisten zu erklären!), und gewahrt, daß diese Bündnistheorie die Folge einer Entscheidung darstellt, die die DKP untauglich für die große Einheit macht, die ja schließ- lich darauf beruht, daß man alles problematisiert und diskutiert! Im dritten Anlauf endlich gelangt das SB zu dem harten Urteil, daß die Vertreter der Stamokap-Theorie etwas f a l s c h ma- chen. Doch auch diese Einsicht stammt nicht aus der Untersuchung der zur Debatte stehenden Theorie, sondern aus der "politischen Konsequenz", die ihrerseits nicht falsch, sondern p r o b l e- m a t i s c h ist: "Die Betrachtung des Staates als "Instrument der Monopole" führt zur politischen Konsequenz, daß dieser Staat nur mit Hilfe der Mehrheit der Bevölkerung, die ja "antimonopolistisch" eingestellt ist, auf parlamentarischem Wege erobert werden muß um im Inter- esse der antimonopolistischen Schichten instrumentalisiert werden zu können. Damit (!) werden aber die spezifische Rolle des Staa- tes in der bürgerlichen Klassengesellschaft falsch bestimmt und folglich problematische politische Konsequenzen gezogen." (66) Leider müssen wir gegen die Angriffe des SB die DKP verteidigen: alle Einwände - vom erneuten Vorwurf der Erfolglosigkeit ("Kleinpartei") über das Geltendmachen der "autonomen Klassenor- ganisation" bis zur "Problematisierung" der Stamokap-Theorie - weisen den Revisionisten keinen Fehler nach, sondern entspringen dem Vergleich der DKP-Politik mit dem bornierten Interesse des SB, durch die Beseitigung ihrer spezifischen Momente diese Poli- tik und ihre Anstrengungen bezüglich der Arbeiter zum Teil einer Bewegung zu machen. Die Anerkennung, die das SB der DKP zollt, ist auch hier keine Solidarität, und die Kritik, die es übt, ist wiederum u n k r i t i s c h: "Gerade wenn man davon ausgeht (sic!), daß die DKP für die Er- neuerung der (!) sozialistischen Bewegung in Westdeutschland einen (!) wichtigen Faktor (!) darstellt wird man nicht zu dem Schluß kommen können, daß diese Partei gegenwärtig eine Organisa- tionsmöglichkeit (!) für alle (!) Sozialisten bieten könnte." (65) Offenkundiger läßt sich die Logik des SB, etwas nicht zu unter- stützen, das man in bezug auf den eigenen Zweck für w i c h- t i g hält, nicht demonstrieren: Dazu gehört fürwahr ein "Aus- gangspunkt"! Doch es kommt noch schlimmer! Eine Reihe von Organisationen kri- tisiert das SB - mit einem Buchstaben: es sind "K-Gruppen". Ihnen wird vorgeworfen, daß sie sich am "leninistischen Konzept beim Aufbau einer kommunistischen Partei" orientieren, über das die Offenbacher folgendes entrüstet zur Kenntnis genommen haben: beim "Konstituierungsprozeß" (?) der Partei haben "die kommunistischen Intellektuellen die revolutionäre Theorie ins Proletariat, das angeblich selbst nur ein beschränktes ökonomistisches Bewußtsein entwickeln kann, hineinzutragen" (67). Selten wurden die Vorurteile gegenüber Lenin so unverschämt in einem Satz zusammengefaßt und so deutlich demonstriert, daß "Was tun?" nach wie Vor gute Dienste leistet zur Entlarvung von Pseu- dokommunisten. Erstens handelt Lenin in seinen Schriften über die Organisationsfrage nie vom Verhältnis Intellektuelle - Proleta- riat, sondern von dem, was K o m m u n i s t e n den Arbeitern gegenüber als i h r e Pflicht wahrzunehmen haben, also davon, was jemand für notwendig hält, der die proletarische Revolution will. Wer diese beiden Verhältnisse miteinander verwechselt, so läßt sich schließen, verwechselt Kommunisten mit Intellektuellen (vgl. den Kommentar zur These 3), und hat eben als Intellektuel- ler Probleme mit den Arbeitern, weswegen er sich von Lenin di- stanziert, der diese Probleme n i c h t hatte. Zweitens er- bringt das SB mit seinem Quidproquo den Beweis nicht für Lenins Geringschätzung des Proletariats, sondern für seine eigene: L e n i n hat nämlich sein Leben lang kommunistische Politik ge- macht und Arbeiter agitiert, was wohl schwerlich jemand tut, der sich nicht im klaren darüber ist, daß diese Adressaten über ihr "beschränktes ökonomistisches Bewußtsein" hinauskommen können. Das SB jedoch stellt wie Lenin die Existenz falschen Bewußtseins bei der Arbeiterklasse fest - aber nur um es in 74 Thesen gegen alle zu v e r t e i d i g e n, die es v e r ä n d e r n wol- len. Das SB spricht wiederholte Male aus, daß es auf den E r f a h r u n g e n der Arbeiter (und ihnen entspringt doch auch das falsche Bewußtsein!) gegen ihre wissenschaftliche Erklä- rung beharrt, für die es offenbar die Arbeiter nicht für zustän- dig hält. Drittens macht es aus dem Kautsky-Zitat in "Was tun?" ("von außen" ... "hineintragen") jenes Argument, von dem noch alle bürgerlichen Manipulationstheorien (die "linken", "fortschrittlichen" Varianten gehören dazu!) zehren: weil K o m m u n i s t e n durch ihre Argumentation Arbeiter überzeu- gen, ist das Resultat, die Einsicht der Arbeiter, nicht deren e i g e n e s Werk. Dem V e r s t ä n d n i s des SB für das falsche Bewußtsein (vgl. Kommentar zu Thesen 4-14) des Proletari- ats (die Umstände sind schuld!) entspricht die Vorstellung, eine aus anderswo bereits vorhandenen Einsichten gewonnene Ü b e r- z e u g u n g tue ihrem Träger Gewalt an! Ausgerechnet den Kommunisten, die bei ihrer Agitation (im Unterschied zum Kapi- talisten und zum bürgerlichen Staat) über keinerlei Gewalt gegen- über ihren Adressaten verfügen und ganz auf d e r e n Willen zum B e g r e i f e n der vorgebrachten Argumente angewiesen sind, legt das SB jenes "von außen" zur Last, das im übrigen im Zusammenhang mit der Trennung von Wissenschaft und Proletariat bei Lenin Erwähnung findet! Die vierte Gemeinheit der Thesenmacher schließlich besteht darin, daß sie es überhaupt nicht für nötig halten, das von ihnen verab- scheute "leninistische Konzept" zu kritisieren: was ihnen daran falsch dünkt, unterstellen sie als ein bei ihren Lesern bereits vorhandenes Vorurteil und gehen dazu über, etwas anderes an- zugreifen, nämlich seine Ü b e r t r a g u n g aus dem zaristi- schen Rußland auf die BRD von 1975. So verwandeln sie eine Selbstverständlichkeit kommunistischer Politik - sie wäre über- flüssig, wenn die Arbeiter als klassenbewußte auf die Welt kämen - in die spezifische Variante des Klassenkampfes im zaristischen Rußland (auch Lenin, den sie verteufeln, wagen sie nicht zu kri- tisieren, dazu müßte man ja seine Fehler entdecken und nicht nur den Maßstab des SB an ihn anlegen!), aus der sich ausgerechnet politische Fehler der "K-Gruppen" ergeben sollen, "wie z.B. die Staatsfixierung". Auch hier läßt uns das SB im Stich, wenn wir die falsche Stellung zum Staat nicht aus der Übertragung eines O r g a n i s a t i o n s k o n z e p t s herkriegen. Es erwähnt noch, daß es etwas gegen die "demokratisch organisierte Einheit des Volkes" hat und meint, daß die Verwendung des Begriffes (!!) "Volk" ... unter den gegenwärtigen Bedingungen jedoch die Klas- senverhältnisse außer Acht läßt" (67) - wogegen zu sagen ist, daß nicht die Verwendung des Begriffes "Volk" falsch ist (Marxisten haben im Gegenteil zu erklären, was ein Volk ist, und das ist ohne Verwendung des Begriffes "Volk" schwerlich zu machen), son- dern das Einnehmen des Standpunkts des Staates, das mit einer Po- litik im Interesse des Volkes gegeben ist, deren sich die Revi- sionisten befleißigen. Und eine solche Politik läßt nicht "die Klassenverhältnisse außer acht", sondern a f f i r m i e r t sie. Und schließlich bedeutet dem Büro, "die Konzentration auf die Eroberung der Staatsmacht eine ent- scheidende Einengung sozialistischer Politik" (67) Was uns schon gar nicht mehr erstaunt: wer die Erfahrungen und aktuellen Interessen der Arbeiter gegen die Ziele von Kommunisten ausspielt, der muß auch die "realen Bedürfnisse" als etwas viel, Weiteres" betrachten als die "bloße" Eroberung der Staatsmacht. Das SB merkt nicht einmal, daß die "Volksfreunde" mit ihrer Poli- tik auf die Eroberung der Staatsmacht verzichten, weil sie vom bürgerlichen Staat mehr N u t z e n für die Unterdrückten er- kämpfen wollen - es meint, sie würden sich zu sehr auf die Über- nahme des Staates "konzentrieren" - und zeigt, daß es von der Diktatur des Proletariats als Mittel und Durchgangsstufe zur Ab- schaffung der Klassen auch nicht viel hält. An der Betriebsagitation der K-Gruppen gefällt den Offenbachern nicht, daß sie "Interessen von aktiven Kollegen nicht wirklich" aufnimmt, sie polemisieren gegen den "Wir-Stil" der Agitation und sprechen ihnen die Berechtigung ab, "für die Kollegen zu spre- chen". Bei diesem Angriff offenbaren sie freilich ein weiteres Mal nur i h r Verhältnis zur Arbeiterklasse: dem SB scheint es wirklich darum zu gehen, "für die Kollegen zu sprechen", andern- falls würden sie die Anbiederei ihrer Gegner in den Betrieben (die nur eine andere Variation darstellt, in der Linke ihren Un- terschied zu den Arbeitern verschwinden machen wollen) kritisie- ren und nicht darüber jammern, daß sie nicht "berechtigt" sei! Es meint, die "Kollegen" (der Wir-Stil des SB!) in Schutz nehmen zu müssen vor "Bevormundungsversuchen, denn durch sie "finden die Kollegen eher ihre Vorurteile gegen den Sozialismus bestätigt als ihre betrieblichen Konflikterfahrungen aufgearbei- tet" (67). Wenn es aber um die "Aufarbeitung von Erfahrungen" i m Gegen- satz zu ihrer Erklärung in der Agitation geht, dann besteht die Hauptaufgabe von Kommunisten darin, die Arbeiter in Ruhe zu las- sen. Aus dieser Auseinandersetzung mit den Varianten antikapitalisti- scher Politik in der BRD geht das zweifelhafte Interesse hervor, das man in Offenbach an den bestehenden linken Organisationen hat. Das SB behandelt zwar alle als "Ansätze" die etwas zur Er- neuerung der Arbeiterbewegung beitragen, gesteht ihnen diese po- sitive Funktion aber nur bedingt zu. Seine kritische Solidarität verlangt von den verschiedenen Richtungen nicht weniger als die Aufgabe ihrer besonderen Zielsetzungen, damit sie für die Ein- heit, das Ideal des SB, tauglich werden. Es unternimmt seine An- strengungen in der Hoffnung, daß die Praxis den Mitgliedern von DKP, KPD, KBW, SPD ihre politischen Absichten austreibt, so daß sie eines Tages zwar nichts mehr Bestimmtes wollen, dafür aber vereint sind: "Die Frage, wo diese Einheit möglich wird und wo sie sich nicht mehr herstellen läßt, entscheidet sich nicht auf der Ebene des Austauschs (!) abstrakter Programmsätze, sondern vorwiegend (!) in der praktischen politischen Arbeit und Aktion" (63). Zu diesem Vorhaben bedarf es nicht der Mühe, den feindlichen Brü- dern ihre Fehler darzulegen - es genügt, solidarisch zu sein: und darunter versteht man in Offenbach das Festhalten am gemeinsamen Adressaten der Linken, an der Arbeiterklasse. Deren Interessen, die mit den Zielen der Organisationen eben nicht übereinstimmen, spielt das SB gegen sie aus. Es verkündet als positiven Inhalt seiner gegen die vorhandenen Vereine gewonnenen negativen und ab- strakten (weil von allem Inhalt getrennten!) Politik die "autonome Klassenorganisation" und teilt mit, daß die "Bewegung der Arbeiterklasse" - wer hätte das gedacht? - eben ihre Bewegung zu sein hat: "Die Entwicklung einer politischen Organisation der westdeutschen Arbeiterklasse und deren Perspektive muß von den Arbeitern selbst getragen werden" (69). Sein Vorwurf an die Parteien besteht nicht darin, daß ihre Poli- tik eine falsche ist und die Nutzenverschiebungskunststücke der Revisionisten aller Schattierungen mit der proletarischen Revolu- tion nichts zu schaffen haben - dem SB ist es ein Ärgernis, daß es Leute gibt, die von den aktuellen Bestrebungen der Arbeiter unterschiedene Zwecke verfolgen. In seinem Streben nach Einheit dokumentiert es, daß ihm die Fehler der Ansätze" g l e i c h- g ü l t i g, die Bemühungen von Kommunisten jedoch, die Arbei- terklasse durch Agitation von der Notwendigkeit des bewußt geführten Klassenkampfes zu überzeugen, im Wege sind. Nicht um die Durchsetzung kommunistischer Politik, die ihre Zielsetzungen und Mittel aus dem wissenschaftlichen Sozialismus begründet (und nur Leute, die von der wissenschaftlichen Objektivität nichts halten, können a l t e r n a t i v dazu auf E r f a hr u n g der R e a l i t ä t pochen - vgl. PE I.1.), geht es dem SB, sondern um die Beseitigung all dessen, was Kommunisten irgendwelcher Art von der Arbeiterklasse, wie sie geht und steht, unterscheidet. Daß damit auch das SB überflüssig wird, ist ein Gedanke, den kein SB-ler wahrhaben will - und mit Recht: wer als einziges Ziel die Anpassung von vorhandenen politischen Anstrengungen an die aktu- ellen Interessen der Arbeiter verfolgt, der hat genug zu tun. Er muß Partei ergreifen für "Realität" und "Erfahrung" - und kommu- nistische Politik und Wissenschaft bezweifeln. Die "Thesen des SB"sind der Auftakt für eine Kampagne des kritischen Kommunismus, der sich praktisch betätigen will und aus dem Arsenal von spon- taneistischen und revisionistischen "Argumenten", die er von den existenten Gruppierungen übernimmt und gegeneinander ausspielt, ein Programm macht, das darauf gerichtet ist, die Differenz von Kommunisten und Arbeitern zum Verschwinden zu bringen - freilich nicht dadurch, daß die Arbeiter Kommunisten werden. Die D i s- k u s s i o n und der A u s t a u s c h v o n E r f a h- r u n g e n, die das SB entfachen möchte, sind eine groß angelegte Veranstaltung zur Diffamierung all derer, die etwas wissen und wollen und daran festhalten, weil ihre Zwecke noch nicht die der Arbeiterklasse sind. Daß eine solche Veranstaltung nicht ohne ein gerüttelt Maß an Ignoranz und Unverschämtheit durchzuführen ist, zeigen bereits die drei Thesen der Einleitung. I In dieser Zielsetzung - von den verschiedenen sozialistischen Or- ganisationen statt einer Korrektur ihrer Fehler die Anpassung an die vorfindlichen Interessen und Erfahrungen der Arbeiter zu ver- langen - haftet den Thesen - mögen sie auch Thesen sein - der Ma- kel der Unglaubwürdigkeit an, treten sie doch als bestimmte politische Richtung mit Anspruch auf Durchsetzung auf, die "den Organisationsprozeß im SB selbst" voranbringen und "weiterführende Perspektiven sozialistischer Praxis... entwic- keln" sollen (1) Und wer wie das SB seinen, lockeren organisato- rischen Rahmen", also seine Unorganisiertheit von 1973 zugunsten eines hoheren Grades an "Verbindlichkeit" überwunden hat, 1974 durch die "Wahl eines Arbeitsausschusses"(was hoffentlich nicht den Theoretischen Ausschuß von der Basis isoliert!) noch einige Verbindlichkeitsprozente gewinnen konnte und neben diesen forma- len "Konsequenzen" sogar mit 74 "Thesen des SB" plus Bürostatut an die Öffentlichkeit tritt, de vertritt schließlich eine neue politische Richtung, die sich unter den anderen politischen Grup- pierungen und g e g e n diese mit ihrem Konzept durchsetzen will. Um dies zu verschleiern, entschuldigt sich das SB für die Konse- quenzen, die es zieht, wenn es sich mit seinem Thesenprogramm vorstellt. Diese Konsequenzen sind notwendig, weil die "... gesellschaftlichen Widersprüche und Konflikte in West- deutschland... das Interesse auch" (= vor allem) "am Sozialisti- schen Büro erheblich verstärkt" haben, womit die Vorstellung der Thesen darin ihre Begründung er- hält, daß man nicht anders könne - also keine Begründung. Und man entschuldigt sich nicht nur für sein Unterfangen, statt zu be- gründen, was man will, sondern versichert auch gleich, daß alles nicht so ernst gemeint ist, indem man ein Bekenntnis zur Vorläu- figkeit seiner Thesen ablegt: "Mit den Thesen soll der Versuch gemacht werden ... Grundlagen zu bestimmen, eine vertiefte Reflexion ... e i n z u l e i t e n und A n s ä t z e für die Z i e l b e s t i m m u n g sozia- listischer Praxis zu entwickeln." (1) so daß klar ist, "daß die Thesen in diesem Zusammenhang" (und wie ist es in einem anderen?) "nicht mehr als einen A n s a t z p u n k t markieren können". (1) Im Bewußtsein der "Vorläufigkeit seiner eigenen Position und der Begrenztheit seiner Funktion" (68) unterläßt es das SB allerdings nicht, bessere Thesen "mit höherem Gebrauchswert" (Nachbemerkung) anzukündigen, - man verspricht auch schon, daß das nächste Mal der "subjektive Faktor" stärker berücksichtigt werden soll, daß man "mit aller Dringlichkeit auch in kontroverser Diskussion" In- flation und Staatsinterventionismus theoretisch weiter durchdrin- gen will (die Prokla darf doch nicht arbeitslos werden!) und be- teuert, daß man es begrüßt hatte, "wenn es gelungen wäre, neben (!) den weithin notwendigerweise abstrakten Analysen und Hand- lungsbestimmungen so etwas wie (!) eine konkrete Beschreibung ... zu versuchen ..." (auch das Versuchen gelingt eben nicht immer) und daß dabei "beispielsweise auch (!) der spezifische gesell- schaftliche Stellenwert der nicht entlohnten Frauenarbeit" nicht vergessen werden darf. (Nachbemerkungen) Kurz - es wird immer wieder neue Thesen geben, es wird immer wieder gelingen, etwas zu versuchen. Jedes 'Programm' ist für diesen politischen "Ansatz" zu r e l a t i v i e r e n, weshalb man den Unterschied des ei- genen "Versuchs" zu Parteiprogrammen betont: "Die hier vorgelegten Thesen sind deshalb für uns kein Parteipro- gramm. Im Unterschied zu Parteiprogrammen verzichten die Thesen darauf, eine geschlossene (!) Weltanschauung zu vermitteln, der sich die Mitglieder formal (!) zu verpflichten hätten. Es besteht auch nicht die Absicht, eine Art Forderungskatalog aufzustellen, aus dem unmittelbar praktische Handlungsanweisungen angeleitet werden sollten." (1) Das SB erklärt aber nicht nur die Vorläufigkeit und Unverbind- lichkeit seiner vorgelegten Thesen, sondern gibt auch die Art und Weise ihrer Perpetuierung an. Der Versuch zur Bestimmung einer "B a n d b r e i t e v o n P r o b l e m s t e l l u n g e n" zeigt an, daß das SB unter sozialistischer Politik nicht die Ver- folgung eines aus der Gesellschaft begründeten Zwecks versteht, sondern die permanente Infragestellung eines solchen Geschäfts. Und auch die Propagierung der Errichtung eines Meinungsbüros, ei- nes o r g a n i s i e r t e n A u s t a u s c h (s) v o n E r f a h r u n g e n" kennzeichnet das endlose SB-Geschäft. Und wer so Politik mit dem Sammeln von Problemen verwechselt und die Erfahrungen und Meinungen der Arbeiter und der kommunistischen Gruppen zu Problemstellungen ummodeln möchte, der hat nur mit seinen Problemen kein Problem; denn diese sind sein P r i n z i p. Der bescheidene Versuch entpuppt sich als hand- festes Gebot für alle Sozialisten - "Vielmehr versuchen die Thesen, die Bandbreite von Problemstel- lungen und politischen Lösungsmöglichkeiten zu bestimmen, an der sich sozialistische Politik heute orientieren m u ß." (1) - und als V e r b o t, etwas anderes als den Meinungs- und Erfah- rungsmarkt des SB zur Grundlage ihrer Politik zu machen. Denn wer nichts weiß, aber die vielen Problemstellungen und Lösungsmög- lichkeiten als Richtschnur seiner Politik begrüßt, vermißt als- bald die Einheit der Sozialisten. Und wenn es um Vereinheitli- chung geht, "... dann k a n n n u r der organisierte Austausch von Erfah- rungen, die gemeinsame Diskussion dieser Erfahrungen und die dar- aus abzuleitende gemeinsame Zielbestimmung der nächsten Schritte die Isolierung der verschiedenartigen Praxisbereiche und ver- streuten linken Gruppen aufheben." (1) Die Bescheidenheit eines vorläufigen Ansatzes entpuppt sich also als Angriff auf diejenigen, die ein Interesse daran haben, daß die Arbeiter Kommunisten werden, und sie deshalb agitieren. Des- halb mißt das SB politische Organisationen nicht an ihrem Zweck - er geht als Problemstellung in die Diskussion ein -, sondern daran, ob sie sich auf die Beförderung des Austausches von Erfah- rungen beschränken: "Kein Büro" (I h r macht doch ein Büro!) "und kein Zentralorgan ist in der Lage, diesen Zusammenhang zu ersetzen. (1) Eine Programmatik ist für das SB deshalb nicht richtig oder falsch sondern "aufgesetzt", und da - im Unterschied zum Erfah- rungsaustausch - kommunistische Politik tatsächlich scheitern kann, droht es demjenigen, der nicht "sinnvollerweise" die Erfahrungen der Arbeiter zum Programm macht, mit dem "zweifelhaften Erfolg". Unter den Überschrift e n "Erfahrung, Geschichte, Theorie" legt das SB dem Verhältnis zum wissenschaftlichen Sozialismus dar. Dies ist - wen wundert es noch - kein positives. Denn wer sich den Austausch von Erfahrungen und Meinungen zum Ziel gemacht hat, den muß Wissenschaft stören. Dies spricht das SB aus, wenn es be- gründet, warum es auf Wissenschaft nicht verzichten möchte: "G e r a d e w e i l wir nicht von abstrakten (!) Dogmen ausge- hen und auch nicht die praktischen Schritten und die orgnisatori- schen Konsequenzen aus a b s t r a k t e n B e g r i f f e n (!) 'a b l e i t e n' (!) können wir nicht auf eine theoreti- sche, wissenschaftliche Begründung unserer Politik verzichten. G e r a d e w e i l wir den Erfahrungs- und Lernprozessen einen so entscheidenden Stellenwert zumesssen, ist es notwendig, diese Erfahrungen nicht zu zerfasern (!), sondern im Bezugsrahmen (!) von Erkenntnissen zu verallgemeinern, in denen sich zugleich die geschichtlichen, kollektiven (!) Erfahrungen der Arbeiterbewegung niederschlagen." (2) Da das SB es mit den Erfahrungen hält, hat es etwas gegen "abstrakte (3) Begriffe" und "Ableitungen" (4), weil es aber von Erfahrungen ausgeht, benötigt es Theorie, stellt doch die revi- sionistische Seite des SB an seiner spontaneistischen noch fest, daß Erfahrungen und ihre Sammlung wenig weiterbringen. Was man vom Standpunkt der Erfahrungen ablehnt - Wissenschaft - hält man von demselben Standpunkt aus für notwendig. Mit dieser theoreti- schen Meisterleistung 'begründet' das SB seine Theorie als eine Veranstaltung, die Erfahrungen so darbietet, daß sie legitimie- ren, was das SB will. Und neben der 'Verallgemeinerung' von ge- genwärtigen Erfahrungen - was nichts mit dem wissenschaftlichen Sozialismus zu tun hat, im Gegenteil! - soll die Theorie auch die "geschichtlichen, kollektiven" (was ist denn das?) "Erfahrungen" berücksichtigen. Denn obwohl erstens ein "plakativer Bezug auf eine bestimmte 'Tradition' der Arbeiterbewegung" abzulehnen ist - "deren behauptete Ungebrochenheit ... wenig ... mit wirklichen historischen Prozessen zu tun hat" - kann die Arbeiterklasse doch zweitens "aus der Geschichte lernen" und "aus den historischen Erfahrungen ... Konsequenzen ziehen" so daß (!) drittens "gerade (!) angesichts der unterbrochenen Tradition der Arbeiterbewegung" die Beschäftigung mit der Tradition Aufgabe sozialistischer Orga- nisationen ist. (Also doch ein Thälmann-Lesezirkel! Das ergibt sicher neue Problemstellungen!) Das SB interessiert Theorie eben- sowenig wie Geschichte. Erstere ist Mittel, Erfahrungen auf "gemeinsame Begriffe" (was ist denn das schon wieder?) zu bringen - an den Erfahrungen, nicht an ihrer Erklärung orientiert sich das SB -, und die Geschichte interessiert nur insoweit, als sie "historische Erfahrungen" als Lernstoff liefert, also nicht Ge- schichte (sondern Geschichten) darstellt Das Beharren auf dem Legitimationscharakter von Theorie gipfelt in dem Nutzenargument bürgerlicher Wissenschaft, das sich dieses Sozialistische Büro zu eigen macht, um damit seine Theoriefeind- lichkeit zu beweisen: "Wenn wir also der Theorie gerade für die Aufarbeitung von Erfah- rungen und für die Einleitung von Lernprozessen zur Entwicklung sozialistischer Handlungsperspektiven eine zentrale Bedeutung zumessen, dann immer unter dem Gesichtspunkt (!), daß die Theorie sich bei der Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse und der sich daraus für Sozialisten ergebenden Probleme als b r a u c h b a r erweist." (2) Schon Marx wußte, daß Theoriefeindlichkeit nur die andere Seite des Interesses darstellt, die Klassengesellschaft zu erhalten. Das SB steht denn auch nicht an, diesen Dogmatismus von Marx zu bestätigen: "Weil die kapitalistische Organisation von Produktion und Aus- tausch in hohem Maße" (in wie hohem?) und was ist mit den restli- chen Prozenten?) "das Bewußtsein der Lohnabhängigen bestimmt und falsche Vorstellungen über die gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugt, i s t d i e A u f a r b e i t u n g s u b j e k- t i v e r (!) E r f a h r u n g e n u n a b d i n g b a r." (2) Wer weiß, daß das Bewußtsein der Lohnabhängigen ein falsches ist widmet sich nicht der 'Aufarbeitung subjektiver Erfahrungen', sondern betreibt eine Politik, die den Arbeitern zur Kritik ihrer Illusionen verhilft und sie dazu bringt, daß sie sich die Ausbeu- tung durch das Kapital nicht mehr gefallen lassen. Wer aber trotz seiner Einsicht die falschen Vorstellungen der Arbeiter nicht kritisiert, und ihre Erfahrungen anbetet, die das falsche Bewußt- sein doch haben entstehen lassen, ist ein elitärer Zyniker dem nicht nur das eigene Wissen, sondern auch die Ausbeutung der Ar- beiter gleichgültig ist. Hierin liegt das Geheimnis der Angst, die das SB vor einer Bevormundung der Arbeiter hat. Als Bevormun- dung gilt diesen Leuten das Ernstnehmen der Arbeiter als denkfä- hige Subjekte, die in der Auseinandersetzung mit den Argumenten von Kommunisten zur Überzeugung gelangen, daß sie den Kapitalis- mus beseitigen müssen, wollen sie nicht länger die Beschränkungen ihres Arbeiterdaseins auf sich nehmen. Die Bescheidenheit der SB- ler besteht darin, daß sie von sich behaupten, o h n e die Er- fahrung der unmittelbaren Ausbeutung das Kapitalverhältnis durch- schaut zu haben (was nicht stimmt), und die A r b e i t e r auf ihre E r f a h r u n g verweisen, statt sie bei deren Erklärung zu unterstützen (was eine Gemeinheit ist!). Solchen Leuten, die Agitation mit der Verallgemeinerung von Erfahrungen verwechseln, kommt der P l u r a l i s m u s, auf den der Marxismus herun- tergekommen ist, entgegen: Sie sehen in ihm nicht das Resultat von Fehlern zeitgenössischen linken Diskutierens, sondern die Be- rechtigung für ihren Antidogmatismus und verbieten daher jeder- mann, an seinem Wissen festzuhalten und mit ihm Politik zu ma- chen. Der Vorwurf es reiche "nicht aus, sich abstrakt (!) zur marxistischen Theorie zu beken- nen oder gar (!) ohne weitere Umstände (!) einen 'Marxismus- Leninismus' bloß auf eine aktuelle Lage 'anzuwenden'" (2) kritisiert nicht den falschen Umfang der Revisionisten mit Marx, sondern greift den Marxismus selbst an. SBler haben keine Angst davor, "die Theorie (zu) vergewaltigen", im Gegenteil - es stimmt sie froh, daß der Marxismus zu einer Hure heruntergebracht worden ist: "Ein solches Vorgehen ... würde auch davon absehen, daß innerhalb der sozialistischen und kommunistischen Bewegung von einer u n s t r i t t i g e n marxistischen Theorie nicht mehr (!) ge- sprochen werden kann ..." (2) Den Marxismus als Grundlage kommunistischer Politik gibt es für das SB nicht. D e s h a l b ist er für seine Probleme recht nützlich, garantiert doch die Vielfalt von sich ausschließenden Positionen das schmarotzerhafte Geschäft der Problematisierung, Relativierung und Vereinheitlichung dieser Positionen. Daß Marx und seine Theorie damit nichts zu tun haben, macht das SB sogar dort noch explizit, wo es sich (wahrscheinlich konkret!) zur Marxschen Theorie bekennt: "Wir gehen davon aus, daß nicht irgendeine Theorie diesem An- spruch" (des SB) zu genügen vermag, sondern dieser letztendlich (!) nur durch W e i t e r e n t w i c k l u n g e n" (man be- achte den Plural!) "der Marxschen Theorie eingelöst werden kann." (2) (5) Mit dem bescheiden-unverschämten Verbot von Agitation haben die Genossen des Offenbacher Büros sich allerdings ein Problem aufge- halst: Da es ihnen auf E r f a h r u n g e n ankommt, müssen sie sogar ihr eigenes Dasein als Intellektuelle bedauern; denn: "Deren Erfahrungen sind andere als diejenigen der Industriearbei- terschaft, weil ihre Klassenlage von derjenigen der Arbeiter ver- schieden ist" (3) Und daß sie als Intellektuelle und nicht als Kommunisten Probleme haben, offenbaren sie sogleich. Das Beschwören einer "doppelte(n) Gefahr", eines "S t e l l v e r t r e t e r v e r h ä l t n i s (s e s)" der Intellektuellen zu den Arbeitern und der Vergrößerung der "T r e n n u n g von Arbeiterklasse und linken Intellektuellen" ist nichts anderes als eine Warnung an Intellektuelle, sich als Kommunisten zu bewähren. Die Offenbacher wollen Intellektuelle sein und als solche ihre Trennung zu den Arbeitern überwinden, indem sie "ausgehend von den bestehenden Interessensunterschieden - die g e m e i n s a m e n B e z u g s p u n k t e sozialistischer Praxis genau herausarbeiten" (3) beabsichtigen. Sie wollen also nicht aufhören, Intellektuelle zu spielen und als Kommunisten Politik machen, sondern alle stören- den Differenzen wegleugnen, weshalb sie den eben noch konstatier- ten Unterschied in der Klassenlage später auch rückgängig machen. Wir erlauben uns hier einen unfairen Vorgriff auf These 36 ("Schwierigkeiten der Vereinheitlichung ..."): "Was hindert jedoch die Arbeiterklasse an einer Verbindung mit den Intellektuellen? Sicher z.T. noch die materiellen Privile- gien, die die Intellektuellen weiterhin genießen. Z.T. aber auch eine historische Ungleichzeitigkeit (!) des Bewußtseins (!): das Arbeiter etwa noch dem alten Bild vom Intellektuellen verhaftet sein, das auch die Intellektuellen teilweise noch - entgegen wirklicher Tendenz - aufrecht zu erhalten suchen. Das drückt sich z.B. in der Tatsache aus, daß Intellektuelle auch immer die 'Abteilungsleiter' (!) der politischen Organisationen sein wol- len, oder Intellektuelle erscheinen (!) gegenüber dem Arbeiter und dem Arbeiterkind (!) in Gestalt eines Lehrers als Auslese- Vollzugsbeamte des bürgerlichen Staates. Diese Ungleichzeitigkeit (!) kann und muß in eine linke Strategie - die das Verhältnis von Arbeiterklasse und Intellektuellen thematisiert - einbezogen wer- den." (36) Das SB, das die Arbeiter davor bewahren will, Opfer kommunisti- scher Agitation zu werden, trägt hier vor, was man in Offenbach von der Arbeiterklasse erwartet. Sie soll sich mit Intellektuel- len verbinden, und weil sie das nicht tut, muß sie zunächst ein- mal getadelt werden. Wie kann man nur dem "alten Bild vom Intel- lektuellen verhaftet" sind, wo es doch im SB schon eine Reihe In- tellektueller gibt, die auf ihre Rolle als "Abteilungsleiter" - e n t s p r e c h e n d wirklicher Tendenz - verzichten! Warum wollen die Proleten nicht einsehen, daß nicht der Kampf gegen das Kapital ansteht, sondern das Einholen eines Vorsprungs, den das Bewußtsein der (SB)-Intellektuellen sich vor dem der Arbeiter er- spurtet hat? Schließlich bedeutet doch eine linke Strategie längst nicht mehr kommunistische Politik auf Grundlage des wis- senschaftlichen Sozialismus, - sie "thematisiert" das "Verhältnis von Arbeiterklasse und Intellektuellen" und verspricht dabei die unselige historische"Ungleichzeitigkeit des Bewußtseins" beider Abteilungen "einzubeziehen". Wer sich gegen diese in These 36 beschworene "wirkliche Tendenz" sträubt, weil er Kommunist ist und die revolutionäre Theorie in der Agitation der Arbeiter umsetzen will, der ist kein Realist und wird daher schon in These 3 noch einmal nachdrücklich ge- warnt, denn "... gerade von Intellektuellen (ist) immer zu berücksichtigen, daß die stets vorhandene Kluft zwischen revolutionärer Theorie und dem, was in der Gegenwart real durchführbar ist, beim einzel- nen Lohnarbeiter auch (!) Abwehrhaltungen hervorrufen kann." (3) Wer es darauf abgesehen hat, als Intellektueller den Arbeitern kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen und ihnen zu versichern, daß man doch so viel gemeinsam habe und zusammen einiges errei- chen könne, der muß sich auch die Differenz zwischen dem, was Ar- beiter wollen, und seiner Anbiederei mit bürgerlichen Psycholo- gismen erklären. Seine Politik überzeugt nicht den Arbeiter durch Argumente, sondern durchbricht seine "Abwehrhaltung". Dies geht nicht - um im Jargon zu bleiben - ohne positive Verstärker: "Erst die Erfahrung von Erfolgen von Gegenmacht und sozialisti- scher Solidarität kann die aus Ohnmachtserfahrungen sich ergeben- den Abwehrhaltungen aufbrechen." (3) Nachdem das SB auf Erfolgskurs gegangen ist - nur wer Erfolg hat, hat recht -, kann es sich eine gewisse Schadenfreude nicht ver- kneifen: denn wenn es schon Intellektuelle bei den Arbeitern schwer haben, wievielmehr dann eine kommunistische Organisation, der die Anbiederei ein Greuel ist. Diese kann sich nämlich - so warnt das SB hämisch - selbst "z u g r u n d e r i c h t e n, wenn sie in ihrer Praxis ledig- lich (!) die Kluft bestätigt, die zwischen der propagierten (!) Intellektuellen Einsicht in die Formen und Bewegungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft ... und der organisatorischen Unfähigkeit, diese Forderungen auch zu verwirklichen ... besteht." (3) (6) Wer so die Kommunisten zum Scheitern verurteilt und sie auffor- dert, sich gefälligst nicht von den Arbeitern zu unterscheiden, der konstruiert auch einen Gegensatz zwischen dem, was die Arbei- ter erfahren, wenn sie um ihre Reproduktion kämpfen, und der Er- klärung dieser Kämpfe: "Sozialistisches Bewußtsein bildet sich im Zusammenhang von Kämp- fen und deren umfassender Aufarbeitung. Ein sozialistischer Standpunkt und entsprechend organisierte politische Praxis stehen n i c h t a m A n f a n g dieses Erfahrungsprozesses, sondern s i n d s e i n E r g e b n i s." (3) Wenn das SB so tut, als ob die Arbeiter erst anfangen müßten, Er- fahrungen zu machen (was haben sie eigentlich bisher gemacht?), und auf das Material der 'umfassenden Aufarbeitung' noch wartet, dann gibt es nicht nur zu, daß es selbst kein sozialistisches Be- wußtsein hat, sondern auch, daß es nicht daran interessiert ist, am Bewußtsein der Arbeiter etwas zu ändern. II Was für ein Bewußtsein sich "im Zusammenhang von Kämpfen" bildet, demonstriert das SB an der Geschichte nach 45: Sie ist die Ent- stehungsgeschichte des SB und sonst nichts. Die verwunderliche Tatsache, daß ein politisches Programm 15 Seiten darauf verwen- det, um Rückschau zu halten auf das Scheitern all dessen, was es für links hält, erklärt sich daraus, daß das SB für seine Politik keine Argumente hat und seine Notwendigkeit damit 'beweist', daß es entstanden ist. (Freilich, die Tatsache, daß man selber ein historisches Produkt ist, kann die Richtigkeit der eigenen Politik niemals belegen - die geschichtlichen Ereignisse leisten dergleichen nur, wenn man sie vergewaltigt: Alles was seit 1945 passiert ist (warum eigentlich nicht seit 1918?), ist daher nicht das, was es ist, sondern Moment eines L e r n p r o z e s s e s, dessen vorläufig höchstes Ergebnis das SB darstellt, und hat damit seine F u n k t i o n für die Einheitsstifter aus Offenbach. Weil sie die "Schwierigkeit" bedauern. "in der Bundesrepublik sozialistische Alternativen (!) Zur Poli- tik der Sozialdemokratie und zur sozialpartnerschaftlichen Linie in den Gewerkschaften zu formulieren (!) und durchzusetzen" (4) - (löst doch erst mal die Formulierungsschwierigkeiten!) - haben sie für alle Verständnis, die vor ihnen dieselben Schwie- rigkeiten hatten, dabei Fehler machten und diese den Umständen zur Last legten. 7) Das SB bringt dieses Verfahren zur Reife, in- dem es nicht nur mit seinen Vorläufern deren Fehler entschuldigt, sondern ihnen eine positive Seite abgewinnt: Sie sind Materia- lien, aus denen man lernen kann, daß heutzutage als echte Alter- native nur das SB möglich ist. Schlecht sah es aus für die sozialistische Bewegung nach dem Krieg, doch konnte es - laut SB - unter den damaligen Umständen auch nicht anders sein: Da Waren zunächst die unaufgearbeiteten Erfahrungen des Faschismus, "der von der deutschen Arbeiterklasse als eine katastrophale Nie- derlage begriffen (!)" (4) wurde und deshalb unter die Rubrik "Ohnmachtserfahrungen" fällt (-daß die Arbeiter fürs V a t e r l a n d nach Rußland zogen und nicht die Niederlage der Arbeiterbewegung, sondern die Groß- deutschlands bedauerten, fällt dem SB nicht ein -). Das SB ist so sehr desinteressiert an der Erklärung des falschen Bewußtseins der "integrierten Arbeiter", daß es sie gleich in Schutz nimmt gegen das Ansinnen von Kommunisten, sie möchten sich doch überle- gen, warum das Eintreten für ihren Staat so schlecht belohnt wurde. in Offenbach ist man mit der Feststellung zufrieden, daß die Arbeiter Opfer waren, und verliert kein Wort darüber, warum die Arbeiter sich zu Opfern machen ließen und die kommunistischen Organisationen vor und nach dem deutschen Faschismus nur mit reichlich trostlosen Phrasen eine "Aufarbeitung der Erfahrungen" zu leisten versuchten. Man findet vielmehr in den Nachwirkungen des Faschismus ein schönes Argument dafür daß man nicht umhin kann, für den Antikommunismus der Arbeiter ein gerüttelt Maß an Verständnis aufzubringen: "die Integration erheblicher Teile auch der Arbeiterklasse in den deutschen Faschismus lebte nach 1945 im Antikommunismus fort." (4) Doch der Einsicht, daß Faschisten etwas gegen Kommunisten haben, fügt das SB noch ein Argument hinzu, das Adenauer einst besser zu Gesicht stand. Es beweist die Unumgänglichkeit eines wachsenden Antikommunismus und einer steigenden Zufriedenheit der Arbeiter mit ihrer Ausbeutung durch die Existenz der DDR: "Von Arbeitern getragene Widerstandsaktionen in sozialistischen Ländern (z.B. 17. Juni 1953) mußten (!) der westdeutschen Arbei- terklasse den Eindruck vermitteln, daß die Arbeiter dort keine gesicherten Rechte besitzen, um ihre Interessen zur Geltung zu bringen." (5) Noch ein weiterer Umstand fällt dem SB ein, wenn es darum geht, das f a l s c h e Arbeiterbewußtsein als Z u r ü c k h a l- t u n g der Arbeiter bezüglich der Erneuerung ihrer Bewegung zu entschuldigen: "Not und Elend der Nachkriegsjahre brachten viele Arbeiter dazu, sich zuerst einmal (!) um die notwendigsten Lebensmittel zu küm- mern und den Wiederaufbau voranzutreiben ohne (!) sich um dessen gesellschaftliche Form zu kümmern." (6) (8) So kann man den Gewerkschaften auch vorwerfen, daß sie "zur Verbreitung von Resignation (!) bei vielen klassenbewußten Arbeitern" (8) beitrugen. Denn auch die Zeit des Wirtschaftswunders brachte keine Besserung, da die Gewerkschaften, statt sich ihrer ihnen vom SB angedichteten wahren, klassenkämpferischen Aufgabe zu wid- men - also ihre Gewerkschaftsaufgaben aufzugeben und kommunisti- sche Partei zu werden - "der Logik einer pragmatischen Interessenvertretung unter Bedin- gungen einer langen Periode wirtschaftlichen Aufschwungs" (8) folgten - also ihre Aufgaben als Gewerkschaft wahrnahmen -: "In der Zeit des Wirtschaftswunders beschränkte sich gewerk- schaftliche Politik zunehmend auf Tarifpolitik. Ziel war nicht die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems..." (6) Und vor allem die Gewerkschaftsführung kommt beim SB schlecht weg, weil sie den "Mitgliedereinfluß auf die tarifliche Willensbildung" (8) beschränkte und die "innerparteiliche Demokratie" einschränkte - also eine geschlossene Interessenvertretung der Arbeiter durch- setzte. Wer die Gewerkschaften zum Mittel der 'Arbeiterautonomie' machen möchte - wer also ein Feind der gewerkschaftlichen Inter- essenvertretung der Arbeiter ist, statt als Kommunist neben der Agitation über die Schranken der Gewerkschaft eine konsequente Gewerkschaftspolitik durchzusetzen sucht -, dem fällt es nicht schwer, über die Gewerkschaften zu jammern, daß sie kein SB seien, um damit das fehlende Klassenbewußtsein der Arbeiter zu entschuldigen: Was blieb den Arbeitern angesichts der Gewerk- schafts- und SPD-Politik übrig - so das SB - außer klassenbewuß- ter "Resignation" (!), wenn sie nicht gar der "hinreichenden (!) Integrationskraft der in dieser Zeit schon blühenden Wirtschafts- entwicklung" verfielen und durch die tarifpolitischen Erfolge zu einer "breiten Loyalität" mit den Gewerkschaften verleitet werden mußten? Kurz: Zu Zeiten des Wirtschaftswunders konnte es mit dem Sozialismus ebenfalls nicht vorwärts gehen - weil die Gewerk- schaften materielle Erfolge errangen und es den Arbeitern zu gut ging. Mit der Unterstellung, die Gewerkschaften hätten nicht den ei- gentlichen Wünschen der Arbeiter entsprochen (- was hätten die mit dem Wiederaufbau befaßten Arbeiter mit ihrem verständlichen Antikommunismus wohl anderes gemacht als die Gewerkschaftsfüh- rung? -) und die Arbeiter seien zu gut gestellt gewesen, denun- ziert sich noch einmal das SB-Geschichtsgemälde: Wenn Nachkriegs- elend und Wirtschaftswunder gleichermaßen die Arbeiter an der Re- volution hindern, liegt es nicht an den Fakten. Diese dienen vielmehr wahllos als Entschuldigungsgründe für die Fehler der Kommunisten und für das falsche Bewußtsein der Arbeiter, indem mit ihnen die Fiktion zurechtgeschustert wird, der revolutionäre Drang der Arbeiter sei nur durch den Zwang der Umstände unter- drückt bzw. an seiner Entwicklung gehindert worden. Zugleich leistet das SB damit die Legitimation für den falsch be- griffenen Mangel, selbst keine 'proletarische Organisation' zu sein. Wenn auch die Arbeiter kein Klassenbewußtsein entwickeln konnten war es doch anderen vergönnt, Lernprozesse durchzumachen: Die Vorläufer der Studentenbewegung und diese selbst erhalten da- durch ihre höhere historische Weihe; sie werden als eine Abfolge von Lernschritten vorgeführt, von denen jeder seine historische Berechtigung und Wahrheit hat. Nicht die Fehler der Studentenbe- wegung werden kritisiert, sondern die verschiedenen linken An- sätze werden einerseits als unvollständige Teilschritte bedauernd entschuldigt, andererseits als Momente in einer konsequenten Ent- wicklung begrüßt, die Schritt für Schritt zum vorläufigen Ziel geführt hat - zum SB. Das SB leistet hier um seiner selbst willen das Geschäft, das es den existierenden linken Organisationen ge- bieten möchte: die Relativierung jedes politischen Wollens und die an Fehlern desinteressierte Harmonisierung der verschiedenen, im Verlauf der Studentenbewegung aufgetretenen falschen Positionen. Alle haben ihre guten und schlechten Seiten. Die "Kampagne gegen die Wiederaufrüstung" entwickelte sich "folgerichtig" in den bestehenden demokratischen Organisationen, sie scheiterte aber auch konsequent, nicht ohne die "wichtige Er- fahrung", daß mit den Parteien und Gewerkschaften wenig anzufan- gen sei, eine Erfahrung, auf der der "Ostermarsch der Atomwaffen- gegner" aufbaute, der nicht nur vielen Parteimitgliedern die Au- gen öffnete, sondern auch den Staat zwang, "Farbe zu bekennen" (wobei immer mehr Abgründe "sichtbar" wurden - "dies freilich nur in groben Umrissen und nur für diejenigen, die sich an dieser Kampagne beteiligten und in ihren Lernprozeß einbezogen wurden" - und wobei zumindest im Bereich von Rüstung und Friedenspolitik usw. "die Legitimation der bürgerlichen Gesellschaft und ihre scheinbaren Wertmaßstäbe" "zerbrachen" (9/10)), weswegen dann auch die "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" den "Lernprozeß über den Gewaltcharakter der bürgerlichen Gesellschaft" einleiten konnte und erfolgreich außerhalb der Parteien die "Argumentationslosigkeit und Gewalt anstelle staatlicher Legiti- mation zum Vorschein" brachte, und "die Augen für die Zusammen- hänge internationaler imperialistischer Politik" öffnete. Trotz dieses Vorstoßes aufs internationale Parkett haben diese ersten Lernschritte einen Mangel: es fehlt ihnen noch die entschiedene Richtung. Doch auch hier entschuldigen Umstände und Herkunft al- les: "Gleichwohl konnte (!) diese Bewegung über die Einsicht (!) in den Gewaltcharakter der bürgerlichen Gesellschaft hinaus (!) keine sozialistische Perspektive (!) gewinnen." (- deutlicher kann man wohl nicht aussprechen, daß man Einsichten in den Cha- rakter der Gesellschaft und politische Zielsetzung für zwei ver- schiedene Dinge hält -) "Einmal lag dies an dem weiterhin unge- brochenen ökonomischen Aufschwung der Nachkriegsperiode und zum anderen in der klassenspezifischen Zusammensetzung ihrer aktiven Teilnehmer." (11) Doch öffnete diese Phase - auch ohne sozialistische Perspektive - noch für etwas anderes die Augen, - für nützliche Praktiken lin- ker Politik: "Ihre in einem fast zehnjährigen Zeitraum erprobten (!) neuen De- monstrations- und Aktionsformen, sowie ihre öffentlichkeitswirk- same Argumentation (!) waren wesentliche Momente eines Lernpro- zesses, in dem die Möglichkeit wie auch die Notwendigkeit einer neuen, unabhängigen Oppositionsbewegung aufschien." (11), und gewann sogar schließlich eine "neue Qualität", indem sie eine "historische Stelle" markierte - durch eine Frage, nämlich die "nach den gesellschaftlichen Bedingungen dieser Politik und nach der Möglichkeit ihrer Überwindung". (12) Man sieht, die Möglichkeit des SB gewinnt Konturen, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Linken ihre Augen endlich richtig offen halten. Diese Zeit füllen zunächst die APO und die Studentenbewgung angenehm aus, entdeckt doch das SB in ihnen vor allem seine spontaneistischen Züge wieder - spontane Kämpfe ("von den Studenten selbst organisierte Kampagnen") und Emanzipations- und Manipulationsgefasel (Die Studenten "trieben die gesell- schaftliche Analyse über die Denkverbot(!)-Grenzen bürgerlicher Sozialwissenschaft hinaus (!) zu den Versuchen (!) der Rekon- struktion der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, der Freudschen Psychoanalyse (!!) und der Wiederaufnahme (!) von Fra- gestellungen (!), die in der Periode von 1918 bis 1933 gegenwär- tig waren ... Mit der Perspektive sozialistischer Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse "verknüpfte" (!) die Studentenbe- wegung zugleich das Problem "individueller Emanzipation" und die "Aufdeckung des manipulativen Charakters der Massenmedien" (12)). Nachdem auch diese Etappe noch "in der Kampagne gegen die Not- standsgesetze... eine neue Qualität" gewonnen hatte, blieb ihr nur ein Mangel, daß sie keine "kontinuierliche politische Praxis mit realistischer (!) Perspektive für die ganze APO" entwickeln konnte, was seine Entschuldigung in der "erst bruchstückhaften (!) Theorieentwicklung", "dem niedrigen Niveau der Klassenkämpfe" und der "sozialen Beschränktheit der Basis dieser Bewegung" fin- det, und das SB zu der Behauptung führt, daß "die Orientierung der Studentenbewegung auf eine Verbindung mit dem möglichen (!)", (das SB machts möglich!) "revolutionären Sub- jekt - der Arbeiterklasse - nur folgerichtig (!)" (12) war. Kurz bevor das SB wieder bei sich selbst anlangt, feiert es noch, ausgerechnet in These 13, die "proletarische Wende" der Studen- tenbewegung, die natürlich keine Korrektur der gemachten Fehler darstellt, sondern sich der Begeisterung über ein Ereignis ver- dankt: Wie der Mauerbau für professionelle Politökonomen und Par- teigründer gleichermaßen das Ende der Rekonstruktionsperiode an- kündigt, (9) die Rezession 66/67 und die große Koalition "den Ne- bel über Partnerschafts- und Wohlstandsideologie gelichtet" hatte (13), mußten die spontanen Streiks 69 noch das blödeste Auge schlagen. Und weil die bewegten Studenten die Anschauung der Sep- temberstreiks benötigten, um den Klassengegensatz zu entdecken - zuvor hatten sie im Wohlstandsnebel nur frustrierte, manipu- lierte, entsexualisierte Individuen sowie autoritäre, repressive Strukturen angeschaut -, erklärt das SB die damaligen Arbeits- kämpfe nicht aus den Verlaufsformen der Ausbeutung, sondern be- grüßt sie als einen Fortschritt der Studentenbewegung: - Nicht gegen ihre Zerstörung im Produktionsprozeß haben sich die Arbeiter zur Wehr gesetzt, sie hatten von den Studenten gelernt, "die gezeigt hatte(n), daß Auflehnung gegen Unterdrückung und selbsttätige Vertretung von Interessen auf Massenbasis durchaus auch außerhalb der großen etablierten Organisationen möglich (!) sind." (13) - Mit der Brille des SB kann man aber nicht nur die "erste Welle der spontanen Streiks im September 1969... durchaus in Verbindung mit den Aktionen der Studentenbewegung" sehen (13); auch beim Kampf gegen die Notstandsgesetze entstand ein "Ansatz von Koope- ration mit Teilen der Arbeiterschaft", womit wieder einmal bewie- sen wäre, daß die Revolution mit einer ordentlichen Arbeitstei- lung zwischen Intellektuellen und Arbeitern steht und fällt. - Die frische Begeisterung für die Arbeiter eröffnete noch einen dritten "Weg der Vermittlung": man machte sich an "Lehrlingsgruppen und Jungarbeiter" und an "die gewerkschaftliche Bildungsarbeit" heran. Fazit: "Die Protest- und Studentenbewegung, deren Entwicklung hier in einigen wichtigen Punkten skizziert wurde, hat zur M ö g- l i c h k e i t einer Rekonstruktion der Arbeiterbewegung in Westdeutschland insofern beigetragen, als sie die C h a n c e n einer selbständigen Interessenvertretung und Organisierung wieder stärker bewußt gemacht, die Legitimation des bürgerlichen Staates als Herrschaftsideologie enthält und das Interesse an marxistischer Analyse neu belebt hat." (13) Und da Möglichkeit nicht Wirklichkeit ist, Chancen nicht immer genutzt werden, und das Interesse an marxistischer Analyse noch lange keine marxistische Analyse hervorbringt, ist das Ergebnis der Protest- und Studentenbewegung eben keine kommunistische Be- wegung: Da gibt es "Impulse", "auf sektiererische Weise miteinan- der konkurrierende und in sich (!) jeweils fragwürdige Organisa- tionsansätze", einen "Mangel an sozialistischen Orientierungen (!) im Proletariat" und "das Fehlen einer umfassenden materiali- stischen Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingun- gen" - und ein SB, das diesen Zustand als seine Daseinsberechti- gung begrüßt und erhalten will: "Wenn das Sozialistische Büro seinen Anspruch im Entwicklungspro- zeß einer westdeutschen sozialistischen Bewegung begrenzt hält von der Vorläufigkeit der eigenen Konzeption und Struktur bewußt ausgeht und schon gar nicht einen 'Alleinvertretungsanspruch' er- hebt, dann auch deshalb, weil es sich über diese spezifischen Entstehungszusammenhänge und deren Begrenztheit im Klaren ist." (14) Wie das Offenbacher Büro den Irrwegen der Geschichte eine posi- tive Seite abgewonnen hat - Geschichte ist Lernprozeß -, hält es auch ein Programm seines politischen Handelns für überflüssig. Es ist das R e s u l t a t linken Treibens, das P r o d u k t gescheiterter Ansätze und will es auch weiterhin bleiben. Die Mängel der gegenwärtigen konkurrierenden Positionen weiß es als Durchgangsstadien, die es als solche anerkennt und relativiert zugleich: Es verhält sich zu seiner p o s i t i v e n Grundlage negativ: "Insofern bestimmte sich die politische Position des Sozialisti- schen Büros innerhalb der westdeutschen Linken zunächst negativ: das SB wurde zum Anziehungspunkt für solche Sozialisten, die in die Umfunktionierung der SPD in eine sozialistische Partei keine Hoffnungen setzten, - die die theoretisch-politische Position und die Struktur der innerparteilichen Willensbildung der DKP nicht akzeptieren wollten, - die den Weg der Gründung studentischer Ka- derparteien für falsch hielten." (14) Das SB bekennt sich zu seiner Funktion als Sammelbecken frustrierter Linker, weigert sich, aktiv die Korrektur der kon- kurrierenden Positionen zu betreiben und sie durch richtige Poli- tik zu ersetzen, und organisiert - seine eigene Vorläufigkeit be- teuernd - das Warten darauf, daß die geschichtliche Bewegung auch noch den letzten Linken zum SBler macht, der weder den wissen- schaftlichen Sozialismus voranbringen noch kommunistische Politik betreiben will und diese seine Weigerung mit dem Stand der Klas- senkämpfe entschuldigt: (10) "Zugleich entwickelte sich (für die im SB organisierten Soziali- sten) die Einsicht darin, daß eine Klärung offener theoretischer Probleme der sozialistischen Bewegung sowie eine Überwindung ih- rer gegenwärtigen Zerspaltenheit und ihrer sektiererischen Züge sich nur (!) im Zusammenhang mit der Verschärfung der Klassenwi- dersprüche und der aus ihnen entspringenden Kämpfe der Arbeiter- klasse ergeben können. (!)" (11) (10) III Nachdem das SB dekretiert hat, daß die Arbeiterbewegung wie es selbst ein Produkt der historischen Wechselfälle ist und ihrem Wesen nach unabhängig von der Tätigkeit der Kommunisten durch die Erfahrungen, die die Arbeiter selbst machen, fortschreitet, kann es zu dem Geschäft übergehen, das die geschichtliche Bewegung je- nen noch übrig läßt, die sich für links halten: Es bewährt sich in der interessierten B e t r a c h t u n g dessen, was im Ka- pitalismus passiert, für die Arbeiter das Material ihrer Erfah- rungen abgibt, als einer Vielfalt von B e d i n g u n g e n für das Entstehen von Kämpfen. Deshalb muß das Büro sich zunächst die Frage stellen: "Inwieweit und unter welchen konkreten historischen Bedingungen entwickeln sich Klassengegensätze im kapitalistischen System?" (III Vorspann), also das mangelhaft ausgebildete Klassenbewußtsein zum Anlaß neh- men, am Vorhandensein der Bedingungen für die Entwicklung des Klassenbewußtseins zu zweifeln. Zwar redet das SB beständig von Klassengegensätzen, doch ist es sich sicher, daß diese als solche noch keine Bedingung für Klassenbewußtsein abgeben. Diese sucht es vielmehr in den neu auftretenden 'Problemen' und 'Veränderungen' der Lebensverhältnisse durch die 'Entwicklung des Kapitalismus' und scheidet zwischen Ereignissen und Situationen, die das Klassenbewußtsein fördern, und solchen, die es behindern: "Welche Probleme bringt die aktuelle Entwicklung für die Lebens- verhältnisse der Arbeiterklasse und ihre verschiedenen Schichten sowie für die anderen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft mit sich? Welche Veränderungen in der Arbeits- und Lebenssituation der Arbeiterklasse und in den einzelnen Schichten fördern oder behindern die Herausbildung von Klassenbewußtsein?" (III. Vor- spann) In ihrer Verwechslung von Erfahrungen mit Klassenbewußtsein lei- sten sich die SBler eine doppelte Frechheit: Erstens wiederholen sie ihre Auffassung, daß Arbeiter im Unterschied zu SB-Intellektuellen ihre eigene Lage nicht durchschauen können, und erklären daher das falsche Bewußtsein der Arbeiter mit einem Mangel an Erfahrung. Damit leugnen sie die Erfahrung der Ausbeu- tung im gewöhnlichen Alltag des Arbeiterdaseins und halten daher zweitens Ausschau nach Umständen, in denen es den Arbeitern schlechter geht als sonst, die ihnen also Erfahrungen besonderer Art gestatten: Das SB begrüßt die Krise, denn (!) ("im Sinne der Verwendung in den Thesen"!) "Die Krise d e s Kapitalismus ist o f f e n s i c h t l i c h" (15), weswegen (!) (abermals "im Sinne der Verwendung in den Thesen"!) es allerlei Anstrengungen auf sich nimmt, durch die Aufzählung diverser Vorgänge offensichtlich zu machen, daß "gegenwärtig... die Krise des Kapitalismus in allen Lebensberei- chen d e u t l i c h z u t a g e" (15) tritt. Mit der Erwähnung von Arbeitslosigkeit, Beendigung der wirtschaftlichen Blüte, Versagen des Krisenmanagements etc. haben die theoretischen Mentoren des SB allerdings nicht gezeigt, daß die jedermann aus der Zeitung bekannten Phänomene ein notwendiges Resultat "des Kapitalismus" oder gar Erscheinungsformen 's e i n e r K r i s e' sind: dafür haben sie aber offensicht- lich werden lassen, worin ihre Kritik am Kapitalismus besteht: sie werfen ihm vor, daß er nicht funktioniert, meinen, dies könne jedermann sehen (- die Arbeiter machen gegenwärtig die unange- nehme Erfahrung, daß er funktioniert! -) und freuen sich darob: "Die o f f e n b a r e Krise d e r bürgerlichen Gesellschaft eröffnet der Linken immer auch M ö g l i c h k e i t e n der Agitation und neue C h a n c e n für die politische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse." (15) Aber damit niemand vom SB verlangt, diese Möglichkeiten und Chan- cen, die ohne Krise ja nicht gegeben sind, auszuschöpfen, fügt es gleich hinzu, weshalb es darauf verzichtet, die Gunst der Krisen- stunde zu nutzen: "Diese nur kurz umrissene gegenwärtige Situation verlangt einer sozialistischen oder kommunistischen Organisation eine adäquate Bestimmung ihrer Politik ab. Diese kann aber nur gelingen auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Analyse, die - so muß einge- standen werden - bislang nur zum Teil, nur auf einer allgemeinen begrifflichen Ebene, (?) nicht aber zu allen wesentlichen Aspek- ten der gegenwärtigen Situation des Weltkapitalismus vorliegt." (15) Mit der Entschuldigung, noch nicht alles zu wissen, entziehen sich die SBler auch der bescheideneren Aufgabe, das Offensichtli- che agitatorisch zu nutzen. Dort, wo sie meinen etwas zu wissen, halten sie sich ebenso zurück wie in Bereichen, wo "grundlegende Analysen zu einzelnen Problemen noch durchgeführt werden müssen": Sie schreiben vorläufige Thesen, deren Standpunkt auch in Zukunft verhindern wird, daß sie sich um die Veränderung der gesell- schaftlichen Verhältnisse kümmern. Eines muß man den SBlern frei- lich lassen: Daß sie über den offensichtlichen kapitalistischen Charakter der gegenwärtigen Krise nichts gesagt haben, merken sie selbst, weshalb sie dazu übergehen, wenigstens etwas über den Ka- pitalismus verlauten zu lassen: "Für die kapitalistische Produktionsweise ist der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital grundlegend." (16) Und damit keiner glaubt, der Kapitalismus habe sich selbst histo- risch überholt, versichern die SBler ihren Lesern mit dem Verweis auf die ungerechte Verteilung (11), daß der Kapitalismus Kapita- lismus geblieben ist und nehmen die eben dargebotene Charakteri- sierung des Produktionsverhältnisses zurück: "Die vielfältigen Veränderungen, die der Kapitalismus im Verlauf seiner Geschichte erfahren hat, haben diesen Widerspruch nicht aufheben können." (Man ist sich also durchaus nicht sicher, ob so etwas nicht mal passieren könnte!) "Die Lohnarbeiter schaffen zwar den gesamten gesellschaftlichen Reichtum, erhalten aber nur jenen Teil der von ihnen produzierten Werte, der zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Den anderen Teil - den Mehrwert - eignen sich die Kapitalbesitzer an, um ihr Kapital zu vergrö- ßern." (16) Und das hat seinen Grund: Wer über den Kapitalismus nur redet, weil er zeigen will, daß die Arbeiter schlechte Erfahrungen ma- chen, 'erklärt' den Klassengegensatz mit seiner Erscheinungsform statt umgekehrt, damit er erneut auf die wirtschaftliche Krise verweisen kann, in der die widersprüchlichen Interessen "in aller Schärfe" hervortreten und "die daraus sich ergebenden Konflikte" nicht mehr "als lösbar erscheinen" können. Er muß dann allerdings auch zugestehen, daß dieses Hervortreten und diese Unlösbarkeit nach wie vor nur das sind, als was er sie eingeführt hat - eine B e d i n g u n g, eine M ö g l i c h k e i t für die Heraus- bildung von Klassenbewußtsein, nicht aber deren Garantie. So er- scheint denn statt einer klassenkämpferischen Perspektive Tautos, der Gott des Zirkels: "O b sie allerdings dann als Klassengegensätze ausgetragen wer- den oder ob die Arbeiterklasse resignativ auf die Durchsetzung ihrer Interessen verzichtet, hängt entscheidend von der K a m p f b e r e i t s c h a f t der Arbeiter und ihren Organi- sationen ab." (16) Da aber bekanntlich die Kampfbereitschaft der Arbeiter von ihren Krisenerfahrungen abhängt, stellt das SB in den folgenden Thesen nochmals in recht drastischer Weise all die Phänomene und Ereig- nisse vor, an denen die Arbeiter die Offensichtlichkeit der Krise erfahren können. Daß es die Krise des Kapitalismus ist, meint das SB nun damit demonstrieren zu können, daß es überall und ständig kracht. "Die Krise des Imperialismus" zeigt sich "als w e l t w e i t e Arbeitslosigkeit" als "a n d a u e r n d e Weltwährungskrise" als "weltweite Inflation", "seit spätestens Mitte der 60er Jahre". Die Aufzählung von Störungen, die das ka- pitalistische System heimsuchen, und - insofern es sie immer und überall gibt - zu seinem Funktionieren gehören, präsentiert das SB nicht etwa deswegen, weil sie die Gefährdung der Reproduktion von Arbeitern darstellen. Sein Verzicht auf die Erklärung der Krise verdankt sich vielmehr einem Standpunkt, der sonst in den Wirtschaftsministerien kapitalistischer Staaten anzutreffen ist. In Offenbach sorgt man sich um das Funktionieren des Systems, freilich in kritischer Absicht. Die Erschütterungen der Weltwirt- schaft sollen die Arbeiter davon überzeugen, daß der Kapitalismus überholt ist. Mit dieser 'Wie soll denn das bloß weitergehen'- Haltung offenbart das Erfahrungsbüro, daß es nicht die Ausbeu- tungserfahrungen der Arbeiter sind deren Erklärung diese die Not- wendigkeit kommunistischer Politik erkennen läßt, sondern daß ihr Kampfeswille gestärkt wird durch die Problematisierung der Eng- pässe, in die sich das Kapital hineinmanövriert hat und die Auf- zählung aller Phänomene, aus denen man seinen baldigen Zusammen- bruch prognostizieren kann. So 'erfahren' die Arbeiter an den Problemen des Dollars, dargestellt aus der Sicht der Süddeutschen Zeitung, daß die Überlebenschancen des Kapitalismus immer gerin- ger werden: "Periodisch kam es schon seit Beginn der 60er Jahre zu Dollarkri- sen, die seit 1971 zu einer mehrmaligen Währungsabwertung der USA führten." (17) Das kann man auch umgekehrt sagen: "Auf diese Weise wurde der Dollar als Weltgeld in einem krisen- haften Prozeß entthront." (17) Das Ergebnis war ein gefährlicher Strudel - "Aber auch die Währungen anderer Länder, die sich in ökonomi- schen Krisen befanden und befinden, sind in den Strudel der Welt- währungskrise hineingerissen worden." (17) -, der für das SB den erwünschten Ausgangspunkt ermöglicht: "So kann heute davon ausgegangen werden, daß das nach dem zweiten Weltkrieg errichtete Weltwährungssystem n i c h t m e h r f u n k t i o n i e r t." (17) ("Scheitern des Weltwährungssy- stems") Es muß zwar zugestehen, daß man auch versucht hat, dem Strudel zu entrinnen, doch hat das - im Unterschied zur Süddeutschen Zeitung nicht 'leider', sondern 'zum Glück' - nichts genützt: "Die verschiedenen Versuche, mit den Krisen fertig zu werden, in- dem das internationale Kreditvolumen gewaltig ausgeweitet wurde und wird, hat zwar kurzfristig einige Länder vor dem Bankrott retten können, aber auch mit (!) dazu beigetragen, daß weltweite Inflation nun (!) zu einer bedeutenden ökonomischen Krisener- scheinung geworden ist." (17) Das Fazit ist erschütternd: In Offenbach hat man doch tatsächlich eine bedeutende ökonomische Krisenerscheinung entdeckt und sie ohne die Spur einer Erklärung den Arbeitern als eine Erfahrung präsentiert, die sie von der Fäulnis des modernen Kapitalismus überzeugen soll. Dennoch scheint es Zweifel daran zu geben, daß die Arbeiterklasse sich die Entthronung des Dollars zu Herzen nimmt und angesichts der Notlage der USA mit dem SB kämpfen geht. Man muß sie 'konkreter' packen, bei ihrem Europäertum und sie auf die Konsequenzen aufmerksam machen, die das Verblassen des Yan- keetums für die "politischen Machtverhältnisse in der westlichen Welt" hat. (18) Leider weiß man auch hier nichts Endgültiges, weshalb man sich wiederum dem 'entweder-oder' der bürgerlichen Presse anschließt: "In der Krise entstehen (!) immer nationalstaatliche Interessen- unterschiede" (an allem ist aber auch die Krise schuld!), "die entweder zu einer Schwächung der gerade erstarkten" (schade drum) "westeuropäischen Position gegenüber den USA oder aber zu neuen Formen hegemonialer Politik führen." (180 Das SB verschweigt auch hier wieder nicht den Grund, weshalb es die "kapitalistischen Formen der Internationalisierung der Wirt- schaft in den vergangenen 20 Jahren" als "so erfolgreich ... wie niemals zuvor in der Geschichte des Kapitalismus" (18) bezeich- net, einen "politischen Machtzuwachs übernationaler Instanzen und Organisationen" 'und ein harmonisches 'Konzert' vieler Nationen" erfindet, sich eine Entwicklung aus denkt die es nicht gibt - "Wenn eine weitere ungebrochene Boom-Phase realistisch wäre (!), dann könnte sich auch der ökonomische Integrationsprozeß bis hin zur weitgehenden politischen Integration der westeuropäischen Staaten fortsetzen. Da jedoch diese Annahme sehr unwahrscheinlich (!!) ist..." (18( - und auf die "ökonomische Stärke und Geschlossenheit des west- deutschen Kapitalismus" (18) verweist. Auf den Goldgrund der Ver- gangenheit malt es seine düsteren Pseudo-Prognosen (- In der oben aufgeführten "Alternative zeigt sich auch die Krisenhaftigkeit der westeuropäischen Integration" -), um die europäischen und v.a. deutschen Proletarier darauf aufmerksam zu machen, daß es auch bei uns (!) nicht mehr so fröhlich weitergeht wie bisher, und daß auch die Probleme des geeinten Europas, die es schon in seinem goldenen Zeitalter gab, ihre immer länger werdenden Schat- ten aufs Arbeiterdasein werfen. Jedem aufrechten Europäer muß doch die Schwächung der westeuropäischen Position gegen über den USA ein Dorn im Auge sein, und am allerwenigsten die Arbeiter können sich den Problemen der "Arbeitsemigration" "für die Klas- senstruktur in den 'Empfängerländern'" verschließen. Und was ma- chen dann die Arbeiter, die betriebliche Kämpfe durchführen, mit den Problemen, die auftreten "wenn das Management sich in konkreten (!) Rechtsfragen auf 'europäisches Recht' zurückzuziehen versucht oder auf Weisungen von Zentralen in anderen Ländern sich beruft." (18) Hier können auch wir dem SB einmal mit einem entweder - oder ant- worten: Entweder halten die Arbeiter an ihren Interessen fest und führen bewußt den Kampf gegen das Kapital, dann scheren sie sich - im Unter schied zum SB - einen Dreck um die konkreten Rechts- fragen des Managements, oder sie lassen sich durch Kommunisten nicht bevormunden und ergreifen Partei für die Hegemonie eines (nämlich ihres) Landes. Dann wird es für das SB (nicht für die gesamte Linke) "wichtig, sich auf diese Möglichkeit e i n z u s t e l l e n." (18) Der Höhenflug in die Welt des Dollars und der europäischen Eini- gung, der die Allgegenwart der Krise beweisen soll, widerspricht dem Wünschelrutengang nach negativen Erfahrungen, die die Arbei- ter machen können und zum Anlaß von Kämpfen nehmen sollen: er be- trifft sie zu wenig. Was liegt da näher als nach einem unmittel- baren "Ausdruck der kapitalistischen Krise für die Lebenssitua- tion der Arbeiterklasse" (19) zu suchen. Der Inflation kommt hier eine höhere Bedeutung zu: "Denn die Inflation stellt einen Angriff auf die Realeinkommen der Arbeiterklasse dar." (19) Damit sich dir Arbeiter darüber keinen blauen Dunst vormachen lassen, sondern ihren klaren Blick für das Offensichtliche behal- ten, greifen die Thesen auf den Wissensschatz, berufsmäßiger In- flationsbeschauer und Krisenprognostiker zurück. Die These 19 'entwickelt' daher die Inflation als K r i s e n e r s a t z. Unbekümmert davon, daß es die Inflation ausdrücklich als "Ausdruck der kapitalistischen Krise" aufgegriffen hat, unter- scheidet das SB zwischen einer 'normalen' Krise und der Infla- tion, um damit die wachsende Abnormität des heutigen Kapitalismus zum 'Ausdruck' zu bringen: "Vielmehr entsteht die Inflation grundsätzlich als Ausdruck von überakkumuliertem Kapital, das weder wertmäßig noch stofflich wie in einer 'normalen' Krise vernichtet worden ist." (19) Um zu beweisen, daß Vernichtung von Kapital und Inflation nicht dasselbe sind, müssen die Ökonomen des SB die Resultate ihrer Marx-Lektüre zum besten geben. Weil Kapital im Überschuß vorhan- den ist - es heißt ja auch Überakkumulation - und in drei Formen existiert, gibt es das überschüssige Kapital auch in drei Formen: "Erstens als nicht absetzbares Warenkapital; zweitens als nicht ausgelastetes Produktivkapital; drittens als überschüssiges, 'vagabundierendes' Geldkapital." (19) Dies drängt zu der Frage, was mit diesem überschüssigen Kapital gemacht wird, denn daß Überakkumulation Entwertung heißt, gilt heute nicht mehr. Früher, zu Zeiten der 'Bereinigungskrisen', fiel die Antwort bei den Waren leicht - "der Kaffee wurde ins Meer gekippt" und außerdem sank ihr Preis "ins Unermeßliche" (!) -, und beim produktiven Kapital bediente man sich dereinst eines steuertechnischen Tricks - "Überkapazitäten wurden vorzeitig ab- geschrieben". Was mit dem vielen Geld geschah (- Marx hatte es sich da leichter gemacht und einige dunkle Andeutungen über den für Krisenzeiten charakteristischen Mangel an Geldkapital ge- macht; sein simples Gemüt hatte ihn zu der Vermutung gedrängt, daß die Kapitalisten wegen der "ins Unermeßliche" gesunkenen Wa- renpreise kaum noch über Bares verfügen), läßt das SB leider of- fen: Es wird wohl sein trostloses Vagabundendasein fortgeführt haben. Heute läßt der Staat solche normalen Krisen wegen Arbeits- losigkeit und anderer Schwierigkeiten nicht mehr zu, nicht ohne damit gewisse andere Nachteile in Kauf zu nehmen die das SB in- teressieren: "Der Preis für die staatlichen Bestrebungen, den Kapitalvernich- tungsprozeß nicht stattfinden zu lassen, ist allerdings hoch. Er heißt p e r m a n e n t e I n f l a t i o n auf dem Welt- markt." (19) Die Erklärung für diese neue Variante der Preisform entlarvt Marx als einen Theoretiker des 19. Jahrhunderts, der durch Keynes, einen Mann des 20., korrigiert werden muß: "Denn um die wertmäßige Vernichtung von Waren und produktivem Ka- pital zu verhindern (!), wird die Nachfrage (!) vor allem durch Ausweitung des privaten und staatlichen Kreditvolumens vergrößert (!)." (19) In dieser Theorie finden sie dann auch das, was sie in der Ge- fährdung der Arbeiter, in der Erfahrung, daß ein 'Angriff auf ihr Realeinkommen' stattfindet, nicht genügend zu entdecken wissen: Ein Motiv für die Kampfbereitschaft der Arbeiter. In Offenbach will man eben nicht die Erfahrungen der Arbeiter als dem kapita- listischen System entspringende erklären - man konstruiert statt dessen ein weiteres Mal eine Theorie der Umverteilung, deren Verständnis das Gerechtigkeitsgefühl der Arbeiter aufrütteln und sie zur Gegenwehr anstacheln soll: "Da die inflationistischen Preisbewegungen aber keineswegs gleichmäßig erfolgen, ist die Inflation ein Mittel der giganti- schen Umverteilung von Werten 'von der Arbeiterklasse zur Kapita- listenklasse, wenn sich die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaf- ten nicht dagegen energisch (!), und das heißt (!) kämpferisch', zur Wehr setzen, aber auch (!) eine Umverteilung innerhalb der Kapitalistenklasse selbst. Die Inflation findet ihren Höhepunkt regelmäßig. In der Enteignung des 'Mittelstands' und der kleinen Kapitale zugunsten der großen Konzerne." (19) Den Schluß auf die Bündnispartnerschaft der gemeinsam von der 'gigantischen Umverteilung Betroffenen und die Aufforderung zur 'energischen, und das heißt kämpferischen' Gegenwehr der kleinen Unternehmer überläßt das SB vorläufig der DKP. (Hier böte sich für neue Thesen der Versuch einer Weiterentwicklung an!) Trotz der Verharmlosung, die die Inflation mit ihrer Verwandlung zum Krisenersatz erfahren hat, erfüllt sie die Funktion, die das SB ihr abverlangt: Sie ist ein Kampfmotiv, weil sie die Krise letztlich doch nicht ersetzt, sondern lediglich a u f- s c h i e b t: "Die Inflation ist jedoch (!) keine Rettung" (das hatte ihr Of- fenbach untergeschoben) "vor der möglichen (!) Krise. Sie schiebt ihren Ausbruch lediglich hinaus." (20) Doch nicht nur das. Sie sorgt allererst für den richtigen Krach, der den Arbeitern die Augen öffnet, wodurch sie das SB dafür ent- schädigt, daß sie eine Zeitlang die Krisenhaftigkeit übertüncht: "Je mehr durch inflationistische Prozesse aber die Krisenhaftig- keit der kapitalistischen Wirtschaft mehr (!) übertüncht als (!) gelöst wird, desto mehr verschärfen sich die Widersprüche und de- sto katastrophaler (!) drängen sie zu ihrer gewaltsamen Lösung." (20) Weil die Inflation nichts nützt bei der Eindämmung von Krisen, so die Logik des SB, darf man sie nicht in Kauf nehmen, denn überak- kumuliertes Kapital ist - bei Tautos - überakkumuliertes Kapital: "So (!) ist die Inflation keineswegs eine in Kauf zu nehmende Be- gleiterscheinung gelungener staatlicher Beseitigung und Steuerung von Krisen. Überakkumuliertes Kapital ist die Kehrseite für die mangelnde Profitabilität zusätzlicher Kapitalanlagen." (20) Das SB zweifelt offenbar daran, daß die Arbeiter angesichts von Krisen und deren nichtfunktionierendem Ersatz durch Umverteilung Mut fassen zum Kampf. Deshalb erwähnt es nun auch noch eine Reihe von Sauereien, die "gleichzeitig mit inflationistischen Maßnah- men" stattfinden. Es hat seinen Adressaten versichert, daß die Inflation die Krise nur aufschiebt und daher keinesfalls zu dul- den sei, und will sie jetzt auch noch davon überzeugen, daß die Inflation unbeschadet anderer Maßnahmen des Staates stattfindet: "Einkommenspolitik hält die Inflation nicht auf." (20) Nur wer meint, den Arbeitern müsse klargemacht werden, daß es ihnen nicht gut geht, um sie zum Kämpfen zu bewegen, nur wer also so sehr auf die E r f a h r u n g der Ausbeutung hofft wie das SB, ist dieser Logik mächtig. Sie besteht darin, schlechte Zeiten zu pro- gnostizieren und mahnend den Zeigefinger zu erheben, man solle sich nichts vormachen über die Wirksamkeit der Gegenmittel, über den künftigen "Druck auf die Reallöhne" usw. Es ist, als ob die Arbeiter ihre miesen Erfahrungen nicht machen, sondern aus dem Munde des SB - das fortwährend versichert, die Arbeiter kämen durch ihre Erfahrungen zum Kampf, die Krise sei offensichtlich usw. - erst zur Kenntnis nehmen müßten. In Offenbach steht man nicht an, sich zu solchen politischen Gemeinheiten zu bekennen; denn angesichts der Tatsache, daß aus den Beschränkungen des Ar- beiterdaseins nicht auch automatisch der Wille zum Klassenkampf hervorgeht, zieht man nicht etwa den Schluß, A r g u m e n t e dafür vorzubringen, daß die Erfahrungen den Kampf notwendig ma- chen, sondern man offeriert zusätzliche Kampferfahrungen aus an- deren Ländern, schlägt vor, "die internationalen Aspekte einzube- ziehen" und verzeiht den noch nicht Kampfwilligen, weil sie noch nicht genügend schlechte Erfahrungen hinter sich haben: "Es ist klar, daß gerade aufgrund der demoralisierenden Wirkung der Krise, aufgrund der Spaltung der Arbeiterklasse in beschäf- tigte und arbeitslose Lohnarbeiter, solche Kämpfe sehr schwer zu organisieren sind, zumal die westdeutsche Arbeiterklasse im Ge- gensatz zu Lohnarbeitern in anderen Ländern mit Krisen, w e n i g e r E r f a h r u n g e n hat." (20) Das SB hat hier eine vornehme Aufgabe. Es macht den durch die Krise 'demoralisierten' und 'gespaltenen' Arbeitern durch ein- heitstiftende und aufmunternde Erfolgsberichte aus anderen Län- dern Mut - "... wird es für die Linke (!) in Westdeutschland sehr darauf ankommen, gerade in dieser Frage aus den Erfahrungen des Kampfes gegen Einkommenspolitik in anderen Ländern zu lernen und die in- ternationalen Aspekte einzubeziehen." Umso mehr ergibt sich für sozialistische Gruppen (!) in den Betrieben die Notwendigkeit, (!) Erfahrungen von Kämpfen gegen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit in anderen Ländern zu verbreiten." (20) (Wenn es um die Erfah- rungsverbreitung geht, traut sich das SB 'Notwendigkeit', d.h. Vorschriften zu!) - und versucht die ihm lästige Sorge um den Arbeitsplatz dadurch in Kampfeswillen umzuwandeln, daß es den Arbeitern - die wohl Ar- beitslosigkeit irrtümlich mit dem Boom in Zusammenhang bringen - versichert, sie gehöre unter die Rubrik Krisenerfahrung: "Die Arbeitslosigkeit ist nur (!) eine besonders schlimme Aus- drucksform (!) der ökonomischen Krise." (20) Bei der Sichtung von Bedingungen für die Entwicklung von Klassen- bewußtsein ist das SB also in Schwierigkeiten geraten. Ausgerech- net die beste Bedingung, die Krise, jener kaum zu überschätzende Quell von Erfahrungen, war den westdeutschen Arbeitern lange Zeit nur vom Hörensagen bekannt, sie hinken aufgrund der "ökonomischen Stärke und politischen Geschlossenheit" des westdeutschen Kapita- lismus erfahrungsmäßig weit hinterher. Das darf nicht so bleiben. Es muß ein Übergang gefunden werden von der Krise auf dem Welt- markt zu den gar nicht rosigen, Entwicklungstendenzen des west- deutschen Kapitalismus" (22), und das SB findet ihn auch: "Die Erhöhung der Rohstoffpreise verschärft die Konkurrenz der kapitalistischen Metropolen" (21), zeigt "auch ein Moment der Krisenhaftigkeit des Weltmarkts für die Kapitalakkumulation in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern" (21), was der BRD - wie sich zeigen wird - manchen Krisenausweg versperrt. Die Ele- mente der Imperialismus'theorie', die 'Erklärung' der Preisstei- gerungen aus politischem Machtzuwachs, den Ölsand in Kanada und das leidige Heizöl übergehen wir ebenso wie die konsequente Durchhaltung des Standpunkts unseres Staates bei dieser 'Erklärung'. Es geht nämlich nicht darum, den SBlern nachzuwei- sen, daß sie - unterstützt von der Prokla - nichts wissen, son- dern darum, daß ihr Zweck den Willen einschließt, richtige Aussa- gen gar nicht erst zustande zu bringen. Im folgenden wollen die krisengeilen Offenbacher nur demonstrieren, daß es auch in West- deutschland inzwischen rapide bergab geht und die Zeit des Wirt- schaftswunders - das im übrigen auch keine gerechte Sache war - "Zwar (!) erzielten die Gewerkschaften auch ohne (!) militant geführte Lohnkämpfe regelmaßig Einkommensverbesserungen für die Lohnarbeiter, aber (!) diese waren niemals so hoch, daß sie die Gewinnträchtigkeit des Kapitals ernsthaft gefährdeten (!)." - nur eine Ausnahme war. Leider konnte dies den SBlern trotz These 16 auch erst Ende der 60er Jahre klar werden: "Erst die Rezession von 1966/67 zeigte, daß auch der blühende (!) westdeutsche Kapitalismus vor ökonomischen Krisen nicht gefeit (!) ist." (99) ein Umstand, der noch mehrmals dazu herhalten muß, die mangelnde Kampfbereitschaft der westdeutschen Arbeiter zu entschuldigen. Doch läßt sich rückblickend nun auch die "relativ günstige Posi- tion" des westdeutschen Kapitalismus verständlich machen. Sie ist 'aus seinen besonderen Entwicklungsbedingungen zu erklären", und das heißt für das SB mit einer Tautologie: "Bis Mitte der 60er Jahre war die Profitrate hoch genug, um einen nur zeitweise und jeweils nicht scharf unterbrochenen Akkumulati- onsprozeß von Kapital zu ermöglichen." (22) So ist die "wachsende Stärke des westdeutschen Kapitals" gar nicht verwunderlich, ebensowenig der "Restaurationsprozeß der bürgerlichen Klasse nach ihrer (!!!) Niederlage 1945". Und weil alle anderen Länder mit Krisen zu kämpfen hatten, die BRD aber nicht, ist eben die westdeutsche Position "relativ" (sic!) gün- stig. Ihre Bedeutung wächst denn auch in dem Maße, "wie andere hochentwickelte kapitalistische Länder - die USA England und Frankreich - in eine Krise geraten." (22) Aber seit 66/67 sieht das alles etwas anders aus - Deutschland kommt höchstens noch als "westeuropäische Hegemonialmacht" in Frage (vgl. These 18). Sei- nem Haupteinwand gegen den Kapitalismus - er funktioniert nicht richtig, hat Krisen - fügt das SB nun weitere Elemente einer Kri- tik hinzu, es findet weitere 'Ausdrücke' der Krise, die seiner Herkunft aus der Ostermarschbewegung alle Ehre machen. So trauert es einem ehedem gefestigten politischen System nach - den staat- lichen Legitimationsverlust hatte es schon früher angeprangert - und jammert über den Niedergang der freien Konkurrenz: "Die erste größere Krise nach dem Zweiten Weltkrieg machte auch die Brüchigkeit (!) des politischen Systems deutlich. Große Koalition, die Verabschiedung der Notstandsgesetze kurz nach der Krise und der Übergang zu Regulierungsversuchen in der Wirt- schaftspolitik sind hierfür Anzeichen." (22) Mit der Krise 66/67 ist dem SB aber auch klargeworden, daß auch ein zwischenzeitlicher Aufschwung eine nicht zu vernachlässigende Bedingung darstellt. Deshalb verkündet es die allgemeine Tendenz des Kapitals zur Konzentration und Zentralisation als auch beson- ders zu beachtende Eigentümlichkeit eben der BRD-Periode, die es für das Erwachen des Klassenbewußtseins für bedeutend hält. An "dem nach 1966/67 einsetzenden Aufschwung" fällt den politökono- mischen Ratgebern des Büros einerseits nur das auf, was sie bei Marx als Charakteristik jeder Krise zur Kenntnis genommen haben. Damit sind sie selbst nicht zufrieden und entdecken "das zweite zusätzliche Moment der Kapitalentwicklung": "Die massenhafte Einführung der Computertechnik (!) sowohl im Zirkulationsbereich als auch in der Produktion haben n e u e Bedingungen für die Arbeiterklasse geschaffen." (23) Der Grund dafür, daß sie bei der Kennzeichnung ökonomischer Pro- zesse ausgerechnet auf die Elektronik stoßen, ist das Bedauern, daß es Unterschiede zwischen den Arbeitern gibt und die Hierar- chie der Arbeiten für das SB nicht auf die Ökonomie, sondern eben auf die Rechenmaschine zurückgeht: "Nicht nur die Freisetzungsprozesse nahmen ein größeres Ausmaß an, auch die Arbeitsbedingungen selbst haben sich verändert. Dies hat auch die Konsequenzen für die Struktur der Arbeiterklasse, die zu einem Teil hoher qualifizierte Stellungen im Arbeitsprozeß einnehmen konnte, zum größten Teil aber Dequalifizierungstenden- zen unterworfen war." (23) Der Leser der Thesen steht jedoch sofort vor einem weiteren Rät- sel. Warum fällt diesen Leuten nach dem Rechenhirn ausgerechnet ein "wachsender Geldkapitalexport" ein? (24) Die Antwort ist ver- blüffend. Haben die Ausführungen zur Krise 66/67 gerade noch die für das SB wesentliche Bedingung der Entstehung von Klassenbe- wußtsein, die Krise, als gar nicht ständig vorhanden erkennen lassen, so muß es den Fetischisten der Krisenerfahrung darum ge- hen, den e i n m a l i g e n Charakter des Übergangs zur Pro- sperität zu beweisen. These 24 hebt hervor, daß dem Kapital außergewöhnliche Mittel zur Verfügung standen: das Geldkapital brauchte nicht zu vagabundie- ren, sondern konnte im Ausland profitabel angelegt werden. Diesen neuerlichen Anlauf, den Imperialismus aus der Krise zu begründen, braucht das SB für seinen Nachweis, daß die Krise von 1974/75 schärfer ist als die Krise 66/67, dem es eine eigene These widmet (26): "Die Krise von 1974/75 ist schärfer als die Krise 1966/67 ... Denn (!) in der ersten Hälfte der 70er Jahre befinden sich beinahe alle hochentwickelten kapitalistischen Staaten in einer ökonomischen Krise. Daher ist der noch 1966/67 gangbare Ausweg einer starken Exportausweitung bei fast stabilen Preisen und ei- ner durch die Arbeitslosigkeit disziplinierten (!) Arbeiterschaft nicht mehr offen." (26) Doch nicht nur der Imperialismus, auch der Staat ist für das SB nur ein Mittel des Kapitals, um "auf die Krise eine Antwort zu finden". (25) Dabei vollbringt der Staat wahre Wunder: "In der Krise wurde durch Eventualhaushalte bzw. Nachfrage für bestimmte Branchen geschaffen. Gleichzeitig hat der Staat begon- nen in größerem Umfang auch in das Teilungsverhältnis (!) zwi- schen Lohnarbeit und Kapital durch Einkommenspolitik einzugrei- fen." (25) Und weil es sich bei den "stärkere(n) Regulierungsversuche(n) des Staates" "um die Reaktion der vielen einzelnen Kapitale auf die durch die Krise gesetzten veränderten Verhältnisse" (25) handelt, kann das SB beruhigt feststellen, daß ihm sein Kampfmotiv nicht verlorengegangen ist: "Dies bedeutet aber auch (!), daß im Verlauf der Entwicklung das Kapital wieder seine immanente Widersprüchlichkeit verschärft." (25) Die Geschichte hat ihm auch schon recht gegeben, denn die Unter- werfung der Gewerkschaften unter die "staatliche Politik der Lohnleitlinien" hat entsprechende Früchte getragen in "verschärften, aber nun (!) spontan erfolgenden Arbeitskämpfen" (25). Leider ist es 74/75 nicht mehr so, "ein deutliches Zurück- weichen der Kollegen vor dem mit der Krise sich verschärfenden Angriff des Kapitals auf die Arbeiterklasse" (26) ist zu regi- strieren; und dies obwohl auf der anderen Seite deutlich wird, "daß Sozialdemokraten und Gewerkschaften aufgrund ihrer integra- tiven (!)" ("Integration - die Aufnahme von etwas zunächst Außen- stehendem in ein System" (Fremdwörterverzeichnis)) "Politik keine Antworten (!) auf die Fragen und Probleme der Kollegen haben, als da sind Überstundenabbau, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, die von Hunderttausenden von Arbeitern und Angestellten und ihren Fami- lien wieder einmal (!) konkret (!) erfahren werden." (26) Wo Sozialdemokraten im Verein mit der Regierung sehr wohl Antwor- ten wissen und gar nicht integrativ Reformen zurücknehmen und den Arbeitern mit allen Mitteln des Staates Verzicht aufzwingen, dichtet das SB diese konkreten Erfahrungen in seine kritische Theorie der SPD um. Ein weiteres Mal weigert es sich, die Natur des Klassenstaates zu erklären und gefällt sich im psychologi- schen Verständnis der Verunsicherung, die den Proleten angetan wird: "Betriebsstillegungen und Konkurse, Bank- und Baupleiten und die Agitation in den Medien auf diese Situation haben eine stark ver- unsichernde Wirkung." (26) Nicht nur das Kapital, sondern auch den Klassenstaat und seine Einrichtungen bemängelt das SB deswegen, weil er die Krisen nicht bewältigen kann - er bewährt sich nicht als die nützliche Ein- richtung, die das SB in ihm sieht, sondern ist selbst in eine Krise geraten. (12) Um die Krisenausdrücke im politischen Bereich - die "Krise der herrschenden politischen Eliten" (Strauß und Schleyer wissen nicht mehr ein noch aus!), die "Krise des parla- mentarischen Systems" (die Abgeordneten verjubeln ihre hohen Diäten statt im Parlament eifrig zu diskutieren), die "Krise der reformistischen und reformkapitalistischen Positionen innerhalb der Arbeiterbewegung" (man munkelt von einer Spaltung der Refor- misten von den Reform-Kapitalisten) "usw." (tja, was es da noch alles so gibt!) zu 'beweisen', muß das SB seine grundsätzliche Auffassung von den Aufgaben des Staates zum besten geben: "Der Staat muß neben und außerhalb der eigentlichen (!) Kapital- verwertung den gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch (!) des Ka- pitals durchsetzen." (27) In Offenbach weiß man nicht nur einen Unterschied zu machen zwi- schen eigentlicher und uneigentlicher Kapitalverwertung, sondern auch zu trennen zwischen Kapitalverwertung und Herrschaft. Indem sich das Kapital nämlich verwertet, erhebt es einen Anspruch - und der Staat setzt ihn durch. "Neben der Ausübung der direkten (Polizei, Heer) und indirekten (Justiz u.a.) Gewalt hat er in der Regel solche Leistungen sicherzustellen, zu welchen die Einzelkapitalisten aus Profit- gründen nicht in der Lage sind." (27) Auch eine Differenzierung zwischen direkter und indirekter Gewalt ist also beim SB üblich. Überhaupt möchte es den Staat nicht sim- plifizieren und gesteht ihm deswegen neben der Ausübung bei der Gewalten auch noch Leistungen zu. Die Kapitalisten sind zu man- chem einfach "nicht in der Lage" (27), und angesichts ihrer Über- forderung kann der Staat "in der Regel" nicht umhin, Leistungen zu übernehmen: "Diese unverzichtbaren (!) gesellschaftlichen Bedürfnisse (!) würden privatwirtschaftlich nicht befriedigt werden, bliebe ihre Sicherstellung allein der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft überlassen. Die allgemeinen Bedingungen der kapitalistischen Pro- duktion müssen daher (!) staatlich (!) gesichert werden. Deshalb (!) ist das Staatswesen im Kapitalismus eine besondere Instanz, die neben (!) den Einzelkapitalen existiert. Das erklärt auch (!), warum der Staat gegenüber den Kapitalen eine gewisse (!) Au- tonomie einnimmt und keineswegs mit diesen identisch (!) bzw. nur der 'Büttel der Monopole' ist. Er ist eine allgemeine (!), in der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebrachte Einrichtung zur Siche- rung (?) ihrer (!) Reproduktion." (27) Zwar weiß man nach diesem Sammelsurium von Fehlschlüssen nicht, was der Staat ist, dafür weiß man aber, worauf es dem SB ankommt. An einer Erklärung des Staates ist es nicht interessiert - seinem Krisengefasel getreu, das die Arbeiter kampfeslustig stimmen soll, ist es auf etwas anderes aus: Es will den Staat als nützli- che Einrichtung vorführen, ohne die die Gesellschaft nicht aus- kommen kann, die aber ihre Aufgaben nicht richtig erfüllt und da- her selbst in eine Krise geraten ist. Daher unterstellt das SB den Staat und 'erklärt' ihn mit seinen Funktionen. Daß es ihn mit dem Nutzen identifiziert, den er erbringt, führt es - ganz im Stile bürgerlicher Staatsapologeten - vor. Seine Funktionen vor Augen, stellt es sich zunächst kurz die kapitalistische Konkur- renzwirtschaft ohne Staat vor und muß zugestehen, daß ohne ihn "unverzichtbare gesellschaftliche Bedürfnisse" unbefriedigt blie- ben. Mit dieser 'Erklärung' vergißt es nicht nur für eine Zeit- lang seinen Befund über die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und dichtet die Sicherung des Produktionsverhältnisses in die Sicher- stellung von Bedürfnisbefriedigung um, es versäumt auch darzule- gen, warum ausgerechnet ein Staat vorhanden sein muß, wenn die Einzelkapitale versagen (- die Umkehrung der Nichterklärung des Staates als 'Nichtkapitalist', nämlich die Unterstellung, was das Kapital nicht schaffe, sei Staat, entbehrt nicht der logischen Originalität -), da es nur daran interessiert ist, die Brauchbar- keit des Staates für die Gesellschaft zu postulieren, um sie dann als nichtfunktionierend denunzieren zu können. Nachdem so der Staat als glückliche E r g ä n z u n g der Einzelkapitale zur Erfüllung notwendiger Bedürfnisse eingeführt und zu einer "besondere(n) Instanz neben den Einzelkapitalen" verharmlostwor- den ist, meint das SB mit dem Argument, er diene der ganzen Ge- sellschaft, gegen die unmittelbare Identifizierung von Staat und Kapital polemisieren zu können, um dabei sogleich die Souveräni- tät des Staates, die es selbst nicht erklärt hat, zurückzunehmen in eine "gewisse Autonomie". Dadurch, daß es den Staat als nütz- liche Einrichtung vorführt, dessen 'Autonomie' jedoch durch den Nutzen fürs Kapital gewisse Grenzen auferlegt sind, gibt es zu erkennen, daß es nicht gewillt ist, seine 'Autonomie', seine vom Allgemeinwohl diktierten souveränen Handlungen als kapitalisti- sche zu kritisieren, sondern ihm eine m a n g e l n d e Autono- mie, seinen e i n s e i t i g e n Nutzen vorwirft. Konsequent im Fehler stellt es in der folgenden These diesem "in Wirklich- keit" beschränkten staatlichen Nutzen das "Allgemeinwohl" als nur scheinbare staatliche Handlungsmaxime gegenüber und beklagt damit den mangelnden Einsatz des Staates für dieses. Es wirft ihm vor, daß er nicht das ist, als was er auftritt und was man von ihm er- warten könne, weil es die bürgerliche Unzufriedenheit mit den staatlichen Leistungen teilt und zum Ausgangspunkt seiner Be- schimpfung macht, um einen prinzipiellen Gegensatz zwischen den Erfahrungen der Staatsbürger und i h r e m Staat zu konstruie- ren, anstatt mit dem Staat auch das Allgemeinwohl und das Bewußt- sein der bürgerlichen Individuen als Staatsbürger zu kritisieren. These 28 ist daher überschrieben: "Der Staat e r s c h e i n t (!) als Träger des Allgemeinwohls - ist aber (!) Organ der kapitalistischen Herrschaft." (28) Nur wer den Staat als nützliche Einrichtung für die Bedürfnisse der Gesellschaft unterstellt, kann die von ihm bewerkstelligte Beförderung des Allgemeinwohis in Widerspruch setzen zu seinem Klassencharakter, und sein eigenes enttäuschtes Staatsbürgerbe- wußtsein den Adressaten als Unzufriedenheit mit den mangelnden Leistungen ihres Staates verordnen. Die Erläuterung der Dialektik von Schein und Sein, in die das SB den Klassencharakter des Staa- tes verwandelt hat, gliedert sich daher in zwei Teile. Die erste Abteilung bildet der Schein, die "'stofflich' notwendigen (!), ökonomisch (!) aber vom Einzelkapital nicht mehr zu bewältigenden allgemeinen Produktionsleistungen des Staates". (28) Da das SB mit der Aufzählung von ökonomischen Funktionen über den kapitali- stischen Staat nichts herausbekommen hat, bezweifelt es sogleich - hier wieder einmal ganz im Stil der Prokla - die Möglichkeit einer Begriffsbestimmung des Staates. Es definiert ihn nochmals als "Nichtkapitalist" (Proletarier ist er sicher auch nicht!) und macht seine positive Bestimmung zum jeweils spezifischen Produkt der historischen Entwicklung (wer hätte das gedacht!) seines na- tionalen Gesamtkapitals: "Welche Leistungen der jeweilige Nationalstaat zur Sicherstellung der allgemeinen Reproduktionsbedingungen als Nichtkapitalist übernimmt, hängt von der jeweils gegebenen historischen Entwick- lung seines nationalen Gesamtkapitals ab und kann von daher immer nur für den jeweiligen Nationalstaat bestimmt werden." (28) Nach dieser Maxime 'erklärt' das SB den BRD-Staat, indem es eine Liste erstellt nicht nur der "traditionellerweise" ("Verkehrssystem, Straßenbau, Schul- und Bildungswesen, Gesund- heitssystem etc."), sondern auch der "schon seit langem" dem Staat zufallenden Funktionen öffentliches Verkehrssystem, Ener- gieversorgung, Produktion wichtiger Grundstoffe, modernste Wis- senschaftssektoren - man glaubt es kaum, wie "die staatliche Ak- tivität gerade in den letzten Jahren" zugenommen hat, wüßte man nicht, daß es sich dabei um Krisenantworten handelt. Auch im Bil- dungswesen registriert das SB eine "zunehmende staatliche Aktivi- tät", woraus hervorgeht, daß die These schon zu Beginn der Krise 74/75 verfaßt worden ist, denn von heutiger Warte aus wäre doch wohl zu konstatieren gewesen, daß ein Großteil Staat in diesem Bereich in der Schublade verschwunden ist. Man kann natürlich auch die jüngste Planungsdefensive im Gegensatz zur "Planungs- offensive der BRD Bildungstechnokraten Mitte bis Ende der 60er Jahre" einfach als 'Ausdruck der Krise des Staates' auffassen, wie in These 41. Eine solche Aufzählung erklärt natürlich alles. Also (im Sinne der Thesen): "Gerade weil (!) der Staat also als N i c h t kapitalist ... auftritt", ist er "s c h e i n b a r abgehoben von der Sphäre der Kapitalverwertung", gerade weil er Wunder vollbringt - "allgemeine rechtliche (!) Sicherstellung (!) der den kapitalistischen Reichtum produzierenden physischen (!) Existenz der Ware Arbeitskraft" (es ist Ausdruck der Funktions- untüchtigkeit des Kapitalismus, daß es noch nicht gelungen ist, die psychische Existenz der Ware Arbeitskraft als Reichtum- produzenten zu entdecken) "vermittels (!) Sozialgesetzgebung Sozialpolitik, Bildungsversorgung und dergleichen mehr betreiben muß (!)" - wundert es auch keinen mehr, wenn er dem "Bewußtsein der Massen" die Möglichkeit gibt, "als eine Institution (zu) erscheinen, (!) die abgehoben vom Einzelinteresse verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Eliten das Wohl der Allgemeinheit verfolgt und durchsetzt." (28) Nachdem der Schein in eine Möglichkeit verwandelt ist, zeigt sich das SB im zweiten Teil von seiner m e t h o d i s c h e n Seite. Es sagt seinem Leser worauf es - im Unterschied zu seinen Auslassungen über den Staat - ankommt: "Es kommt darauf an zu erkennen (!), daß der bürgerliche Staat als politisches Organ der Herrschaft des Kapitalverhältnisses mit der kapitalistischen Produktionsweise entsteht und mit ihr auch wieder vergeht, also (!) spezifischer (!) Ausdruck (!) der ge- sellschaftlichen Existenz des Kapitalismus ist." (28) Und nachdem sich das SB mit dieser (traditionellerweise) falschen Vorschrift (- man beachte die Reihenfolge! -) allzuweit in die Gefilde der Abstraktionen vorgewagt hat, versichert es sogleich, daß es die Gefahren abstrakter Begriffe nicht vergessen hat: "Das heißt jedoch nicht, daß das Staatswesen in allen kapitali- stischen Ländern stets die gleiche Ausprägung aufweisen muß. Der konkrete Charakter der verschiedenen Staaten ist immer das Pro- dukt historischer Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Klassen und Klassenkoalitionen," (doch damit nicht genug, sondern auch) - "der Entwicklung des Kapitalverhältnisses," (und natür- lich nicht zu vergessen) "seiner Krisen und gesellschaftlichen Konflikte." (28) Doch vergessen wir nicht, weshalb uns das SB in die höheren Sphä- ren der Staatstheorie Einblick gewährt hat! Es war ausgezogen, die Krise als Bedingung der Entwicklung des Klassenbewußtseins und autonomer Kämpfe zu besichtigen. Von der Krise gelangte es zum Staat, der sie erstens durch Inflation ersetzt, zweitens dies aber nicht kann und sie somit bloß aufschiebt, womit er drittens selbst in eine Krise gerät, weswegen nun auch viertens die Unter- suchung des Staates zu dem Ergebnis führt, zu dem das SB gelangen will. Zu seiner Erklärung gestatten wir uns hier vorweg den arro- ganten Hinweis auf etwas Logisches: Wenn man die Krise und die staatlichen Reaktionen auf sie nicht als das betrachtet, was sie s i n d, sondern als B e d i n g u n g e n für etwas anderes, so kann man sicher sein, daß sie sich auch als Bedingungen erwei- sen, im guten wie im schlechten Sinne. Hatte sich schon an ver- schiedenen Stellen die Konsequenz ergeben daß die Linken aus dem, was passiert, 'lernen' müssen, sich auf die 'Möglichkeiten' 'einzustellen' haben, 'Probleme' 'einbeziehen' müssen, auf die Ereignisse, die alle 'Ausdruck' für etwas sind, eine 'Antwort' finden müssen etc., so endet nun auch der Exkurs über den Staat damit, daß sein Tun im Bezug auf die Krise neue und zwar ungün- stige Bedingungen für die Linke schafft: "Es zeigt sich nun (!), daß mit der ökonomischen Krise des Welt- kapitalismus in allen führenden kapitalistischen Nationalstaaten vergleichbare Prozesse stattfinden, welche auf zunehmende Anwen- dung gewaltsamer Unterdrückung und auf das Zurückdrehen (!) und Einengen (!) schon erreichter Spielräume (!) für die Linke hin- auslaufen." (28) Die Betrachtungsweise des SB hat zwar kein Wissen über den Klas- senstaat zutage gefördert, aber immerhin die strategisch wichtige Einsicht, daß er seine Kritiker nicht hegt und pflegt, sondern ihnen das Spielen vermiest. Damit wären die gemeinsamen Erfahrungen der Linken abgehandelt. Zu klären bleibt noch, welche Erfahrungen den Arbeitern durch die Bedingung Krise ermöglicht werden. So schreitet das SB zur Be- sichtigung besagter Bedingungen, diesmal in ihrer Eigenschaft als Quell der Arbeitererfahrungen. Auch hier - und das haben Bedin- gungen der Logik wegen so an sich - gliedern sich die Erfahrungs- möglichkeiten in positive und negative. Die "Polarisierung der Qualifikationen der Lohnarbeiter" (29) und die "Differenzierung innerhalb der Arbeiterklasse"(30) - Resultate des Umstands, daß der technische Fortschritt im Kapitalismus "nicht nur (!) ... vom menschlichen Erfindergeist, sondern" (das notwendige "auch" traut sich das SB nun doch nicht hinzuschreiben) "von den Verwertungs- bedingungen des Kapitals" (29) abhängig ist - verheißen zunächst nichts Gutes; erschweren sie doch die Gemeinsamkeit der Erfahrun- gen. Doch eröffnet andererseits die vom SB vorgeführte betriebs- soziologische Untersuchung kapitalistischer Arbeitsteilung nicht nur deren - mit Sprüchen über den Verwertungsdrang des Kapitals verbrämte - Verwandlung in eine Konsequenz des technischen Fort- schritts, sondern auch die Entdeckung neuer Gemeinsamkeiten: Auch die "verschiedenen q u a l i f i z i e r t e n Arbeitskräfte" befinden sich in einer "teilweise" angeglichenen "A r b e i t s- s i t u a t i o n", zwar werden die hochqualifizierten Arbeiter "juristisch" als Angestellte eingestuft, dafür wird aber auch manch ein Angestellter zum unmittelbar produktiven Arbeiter, auch wenn er damit in immer stärkeren Gegensatz zu den "dequalifi- zierten Produktionsarbeitern" (und damit v.a. Frauen und Auslän- dern) gerät. Auch hier liegt dem SB nichts ferner als die Erklärung der Hierarchie und Konkurrenz unter den Arbeitern. Es berichtet von Differenzen und Verschiebungen innerhalb der Ar- beiterschaft, die der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt eigentümlich sind, gibt sie als Besonderheiten der aktuellen Si- tuation, als Resultat der heutigen Entwicklung aus und ist stolz darauf, diesen Differenzen auch Gemeinsamkeiten gegenüberstellen zu können. Das Interesse daran, negative Erfahrungen der Arbeiter zu entdecken, bringt die Offenbacher dazu, objektive Unterschiede nur anzuführen, um die Betroffenheit der Arbeiter durch die Kri- senentwicklung des Kapitalismus zu taxieren und als zumeist nur noch graduell verschiedene negative Erfahrung zu begrüßen: Der Kommunismus der Erfahrung entdeckt denn auch Gruppen, denen es besonders schlecht geht und die daher für das SB besonders in- teressant sind. "Da (!) in der unmittelbaren Produktion in den zunehmend dequali- fizierten Tätigkeiten (!) immer mehr Frauen und ausländische Ar- beiter tätig sind, erhalten die spezifischen (!) Bedürfnisse und Interessen (!) dieser Kollegen eine sehr wichtige Bedeutung." (31) Statt die brutale Ausbeutung dieser Teile der Arbeiterklasse zum Gegenstand einer Agitation zu machen, die Frauen und Ausländer zu bewußten Feinden des Kapitals werden läßt, kümmert sich das SB um die spezifischen Bedürfnisse und Interessen, es will sie einbe- ziehen in seine Bandbreite von Problemstellungen. Es besitzt die Frechheit, Ausländern und Frauen gegenüber besondere Rücksicht walten zu lassen und offen auszusprechen, daß sie diese Solidari- tät deswegen genießen, weil es den Bürosozialisten auf ihre E i n b e z i e h u n g in die "betriebliche Arbeit von Soziali- sten" ankommt. Dieselben Leute, die den agitatorischen Angriff auf das falsche Bewußtsein von Proletariern, für das sie Ver- ständnis haben als deren Bevormundung verabscheuen, leisten ihren Beitrag zum Jahr der Frau durch den mildtätigen Versuch, die Ärm- sten in die Kämpfe der deutschen Männer einzubeziehen. Dabei be- klagen sie auch noch, daß "sich bereits die jungen, unverheirateten Arbeiterinnen in keiner Weise mit ihrer Tätigkeit" (3) identifizieren, werfen ihnen also die "mangelnde Identifikation mit den Vorgängen im Arbeitsbereich und mit ihrer gesellschaftlichen Stellung darin" (31) vor, begründen in gewohnter wissenschaftlicher Manier das falsche Bewußtsein bei vielen Frauen ("das 'Haus' sei ihre eigentliche Aufgabe") (31) aus der Doppelbelastung und entdecken in der Not weibischer Solidarität und Unterwürfigkeit schließlich auch noch eine Tugend; die Frauen sind brauchbar für das SB: "Auch versuchen die Männer nur in den seltensten Fällen, die Frauen (sowohl in der Familie als auch im Betrieb) in ihre Kämpfe einzubeziehen. Lösungsmöglichkeiten in Form eines gemeinsamen so- lidarischen Vorgehens werden von Frauen nur selten versucht. Ge- lingt es den Frauen aber, an bestimmten Fragen ihre Vereinzelung zu überwinden, gewerkschaftlich und politisch aktiv zu werden, so sind sie oft entschlossener und ausdauernder in ihrer Arbeit als die Männer. Sie haben auch weniger Schwierigkeiten, mit den Män- nern zusammenzuarbeiten als umgekehrt. Die Solidarität der Frauen untereinander erstreckt sich auch mehr als bei den Männern auf ihren außerberuflichen Lebensbereich. Die Einbeziehung (!) dieses Bereichs in die betriebliche Arbeit von Sozialisten ist daher (!) eine wesentliche Voraussetzung für eine Einbeziehung der Frauen in die betrieblichen Kämpfe (!) und bietet auch verstärkte Mög- lichkeiten zu umfassender (!) Politisierung." (31) So hat das SB es geschafft, durch die Verwandlung der kapitali- stischen Bestimmung der Frau in weibliche Verhaltensweisen die Unterdrückung der Frau in einen V o r z u g zu verwandeln, und kann sie dazu auffordern, "ihre Vereinzelung zu überwinden" und als Frauen sich dem politischen Treiben der SB-Männer anzuschlie- ßen, um "als Frauen bzw. Freundinnen" für die "Einbeziehung des 'Privatlebens' in die gemeinsame Arbeit" zu sorgen und den Män- nern zu helfen, "die mit zunehmender Aktivität auftretenden 'privaten' Schwierigkeiten zu überwinden, die häufig die Ursache dafür sind, daß sich Kollegen nur sporadisch an der Arbeit betei- ligen oder sich nach kurzer Zeit wieder zurückziehen." (48) Das SB ist auch unverschämt genug, das Sich-Einbeziehen-Lassen in sein Büro mit dem Versprechen zu verbinden, es biete ihnen dafür die "Möglichkeit der Mitarbeit, der Artikulation ihrer Schwierig- keiten und die Hilfe bei ihren Problemen" und werde ihnen bei der Lösung ihrer 'privaten' (das SB hält sie offenbar für andere und meint dann auch noch, es sei berufen, sie zu lösen!) Probleme verständnisvoll unter die Arme greifen "Die Einbeziehung des 'Privatlebens' in die gemeinsame Arbeit er- möglicht ansatzweise die Überwindung der Isolation und des Zwangs (!), mit den persönlichen Problemen allein (!) fertig werden zu müssen." (48) Der Offenbacher Antikommunismus hat auch Verständnis dafür, daß sich die hierzulande ausgebeuteten Ausländer ihre Ausbeutung ge- fallen lassen, und nimmt sie ebensowenig für voll wie das zarte Geschlecht: "Geprägt von sozialen Verhältnissen, die unter anderem (!) auf einem intensiven Lebenszusammenhang mit Nachbarn und Freunden be- ruhen, trifft sie, als der fremden Sprache unkundige Ausländer und als Rädchen (!) in einem extrem arbeitsteilig untergliederten Arbeitsprozeß, diese doppelte Isolierung (!) hart. Daher (!) ist auch die einem Großteil der ausländischen Arbeiter angemessene (!) Form des Widerstandes das sich Abkapseln in nationalen Grup- pen, wo sie wenigstens (!) im Freizeitbereich traditionelle Ge- meinschafts- und Solidaritatsformen (!) bewahren können." (31) Deshalb also leben Gastarbeiter zu siebt in einem Zimmer und treiben sich nächstens auf dem Hauptbahnhof herum: Es sind ihre traditionellen Gemeinschafts- und Solidaritätsformen, die man als SB-Vereinheitlichungsfanatiker daher ebenfalls einbeziehen muß: "Sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit darf folglich diese spezifische Situation der Ausländer und die von daher sich ergebenden Probleme nicht vernachlässigen." Armes Arbeiter! Will sich SB nix gut, nur schlecht! Bei ihrem Rundgang durch die Erfahrungswelt der Arbeit stoßen die SBler auf eine Gruppe, die "zu einem Problem der sozialistischen Theorie und Praxis geworden" ist, weil sie "beständig zugenommen" hat, die "staatlichen Lohnarbeiter" (32). Auf ihre wachsende Zahl möchte das SB nicht gerne verzichten. Die Frage, wieweit sich diese Vielzahl in die Politik des SB einbeziehen läßt, welche Er- fahrungen also diese Gruppe macht, erfährt ihre Antwort zunächst einmal nicht aus ihrem Dasein als Staatsdiener, sondern aus dem, was sie mit allen anderen Lohnarbeitern gemeinsam haben, daß sie nämlich Lohnarbeiter sind. Als solche unterscheiden sie sich - was ihre Erfahrungen angeht - durch die verschiedene Herkunft ihres Lohns: "Denn, weil die Beamten und staatlichen Lohnarbeiter vom Staat aus der allgemeinen Steuerumfrage bezahlt (!) werden, muß (!) der Eindruck entstehen, ihre Arbeit (!) diene der Gesellschaft als Ganzes und nicht den herrschenden Interessen einer Klassengesell- schaft." (32) - womit glücklich die Täuschung der Massen über den Staat mit den Beamtengehältern entschuldigt werden kann: "In dem Maße (!) muß (!) sich auch der Eindruck verfestigen (!), der Staat sei eine Institution zur Befriedigung der Interessen aller Klassen und Schichten und nicht das politische Organ kapi- talistischer Herrschaft." (32) Es ist zwar angesichts dieser "Lage (!) der staatlichen Lohnar- beiter" (sie ist ja fürwahr prekär!) mit ihrer Möglichkeit für "ein zutiefst illusionäres Moment" "kein Wunder (!), wenn staat- liche Lohnarbeiter nur ein sehr vermitteltes (!) Verständnis (!) für die Probleme (!) der Klassenkämpfe entwickeln" (32) (Nur we- nig Prokla-Abonnenten bei Beamten? Kein Wunder!), doch braucht das SB deswegen noch nicht zu resignieren. Berücksichtigt man nämlich, wofür die staatlichen Lohnarbeiter bezahlt werden, fällt sofort auf, daß ein Teil von ihnen "auch für die Lohnabhängigen notwendige Dienste" verrichtet, und "das K a p i t a l d a h e r" bestrebt ist, für sie sowenig S t e u e r n wie möglich zu verschleudern, "die Löhne dieser Lohnabhängigen so niedrig wie möglich zu halten" (32). Für das SB eröffnet sich da- mit trotz des aus der Bezahlung durch Steuergelder folgenden sehr vermittelten Verständnisses für seine Probleme die vertraute Per- spektive gemeinsamer Krisenerfahrungen: "Die Arbeitsbedingungen gleichen (!) sich daher mehr und mehr denen der produktiven Arbeiter im Bereich der Industrie an. Die Politisierungs b e d i n g u n g e n dieser Schicht werden daher zunehmend (!)" (wovon denn sonst!) "von ihren Arbeits- und Le- bens b e d i n g u n g e n bestimmt, die sich kaum von denen der produktiven Arbeiter unterscheiden (!)." (32) Und daß Bedingungen nur Bedingungen sind, jener allgemeine Lehr- satz des SB, das nach Möglichkeiten Ausschau hält, gilt auch für die zweite Gruppe der "s t a a t l i c h e n Lohnarbeiter", die im Unterschied zur ersten "K a p i t a l funktionen" ausübt und deren Bezahlung "daher (!) immer auf einer solchen Höhe (!) ge- halten werden muß, daß die Identifizierung (!) mit der jeweils ausgeübten Kapitalfunktion erhalten bleibt." (32) (Also: A 11 bis A 16!). Das SB hat es endlich verstanden, die 'Theorien über den Mehrwert' I für die konkrete Analyse der Klassen nutzbar zu ma- chen (13): W e i l das Einkommen dieser Gruppe "gleichsam als ein Teil des Konsumtionstopfes der Kapitalisten gelten" kann, ha- ben "daher... Lohnkämpfe im Bereich dieser Staatsbediensteten fast immer etwas ständisches" (32). Fazit: Schlechte Bedingungen - "Die Politisierung dieser Lohnauseinandersetzungen ist daher im jetzigen Zeitpunkt (!) sehr erschwert." (32) Betrachtet man dagegen diese Gruppen als Intelligenz, sieht es ganz anders aus, denn die gesamte Intelligenz läßt hoffen: "Die an den höheren Schulen und den Hochschulen ausgebildete In- telligenz, ... kann heute nicht mehr als gesicherte Rekrutie- rungsbasis des Herrschaftspersonals der herrschenden Klasse an- gesehen werden." (33) Dies gilt vor allem für die technische Intelligenz, die vorwie- gend mit "komplexer Kopfarbeit beschäftigte Schicht." (34) (im Gegensatz zur SB-Intelligenz, in deren Köpfen Einfalt herrscht und die "kreative Tätigkeiten" bevorzugt). Da auch bei ihr "Arbeitsteilung und maschinelle Arbeit vorrangiger" werden - we- gen ihrer wachsenden "Zahl und Bedeutung"! - ist sie brauchbar, obwohl "dieser Strukturwandel der Arbeitsplätze der technischen Intelligenz ... selbst noch Ausdruck der Verschärfung von Ar- beitsteilung" ist: gleichen "sich doch die Politisierungsbedin- gungen - ein objektives Interesse an Selbstbestimmung (!) gegen das Kapital - dadurch ausnahmsweise (!) an." (34) Wo es ein sol- ches "objektives Interesse an Selbstbestimmung gegen das Kapital" gibt (Sozialismus als Selbstbestimmung von Naturwirten!), eröff- nen sich zwar keine "Perspektiven eines gemeinsamen Kampfes mit den Arbeitern" (- "die nach wie vor aufrechterhaltenen Privile- gien der Intelligenz" stellen "dem immer noch erhebliche Hinder- nisse in den Weg" -), so doch mit dem SB. Im Treiben der "sozialwissenschaftlichen Intelligenz" - "vor allem Soziologen, Politologen, Journalisten, Lektoren usw." (35) -, der es "gelungen" sein soll, "das Einverständnis mit dem bürgerlichen System, seinem Staat, seiner Wissenschaft und die Reproduktion der kapitalistischen Ideologie zu erschüttern (!)" (35), entdeckt das SB seine eigenen Vorzüge - und das mit Recht. Denn die SBler sind S o z i o l o g e n, wenn sie sich mit der Frage herum- schlagen, ob dieses System noch funktionieren könne; sie sind P o l i t o l o g e n, wenn sie sich darum sorgen, ob der heu- tige Staat sich noch legitimieren kann: sie argumentieren wie J o u r n a l i s t e n, wenn sie alle möglichen Interessen die- ser Gesellschaft als berechtigte diskutieren und selbst noch in- nerhalb der Linken das Prinzip bürgerlicher Öffentlichkeit durch- setzen wollen - die wechselseitige Relativierung und Anerkennung aller Standpunkte in einer "Bandbreite von Problemstellungen"; und als L e k t o r e n verhalten sie sich, wenn sie jeden sich links nennenden Mist zur Diskussion stellen, mit ihrem Standpunkt vergleichen und selbst bei Ablehnung noch als Diskussionsmaterial begrüßen: "usw.". Die "pädagogische Intelligenz", die unter dem Aspekt ihrer Bezah- lung "ihre Politisierung sehr erschwert", legt hier ihre Kapital- funktion ab. Sie zeichnet sich dadurch aus "daß der Gegenstand ihrer Tätigkeit aus Beziehungen und Handlun- gen zwischen den Menschen (!) besteht." (35) Damit sind die Vertreter dieser Gruppe durch ihren Beruf ansatz- weise SBler, denn die schon im Wort angelegte Verwandtschaft von Sozialismus und Sozialisation gestattet ihnen, "ihre berufliche Tätigkeit zum Teil unmittelbar mit ihrer politi- schen Tätigkeit zu verbinden." (35) wobei nur das Berufsverbot dieser Verwandtschaft ihren Realismus bestreitet: "Außerdem wurden die Grenzen (!), die einer Tätigkeit als Sozia- list im Ausbildungssektor gesetzt sind, vielfach verkannt und erst wieder realistisch gesehen, als der bürgerliche Staat mit Berufsverboten den Zugang zum öffentlichen Schulwesen verwehrte." (35) (Ein weiterer Spielraum wird zurückgedreht.) In These 36 - "Schwierigkeiten der Vereinheitlichung der Forde- rungen innerhalb der Arbeiterklasse und mit den Interessen der übrigen Lohnabhängigen" - präsentiert das SB eine Zwischenbilanz seines Studiums der modernen bürgerlichen Gesellschaft, welches in der Suche nach Leuten bestand, die durch ihre Mangel, insbe- sondere ihre Krisenhaftigkeit betroffen sind. In einem Punkt ge- staltet sich diese Zwischenbilanz erfreulich: Es konnte eine ganze Reihe gesellschaftlicher Gruppen ausgemacht werden, deren negative Erfahrungen zu Hoffnungen Anlaß geben. In einem anderen Punkt jedoch - und das konnte die übersichtliche Darstellung in Thesenform gut zeigen - bieten diese Erfahrungen Anlaß zur Sorge. Die Entwicklungstendenzen des Kapitalismus bringen nicht bei al- len Adressaten des SB dieselben Probleme und Interessen hervor. Je möglicher die Einbeziehung der behandelten Gruppen sich er- wies, desto unwirklicher wurde ihre Gemeinsamkeit. Nur e i n objektives Kriterium konnte tatsächlich als bleibender Ansatz- punkt festgehalten werden - stets handelte es sich um Lohnabhän- gige. Und kein geringerer als Marx konnte den Dequalifizierungs- prozeß zum Lohnarbeiter, jenes um sich greifende revolutions- trächtige Verdammtsein zu den gemeinsamen Erfahrungen, als die charakteristische Tendenz des Kapitals geißeln: Die Bourgoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen den Poeten, den Mann der Wissenschaft" (auch Journalisten, Lektoren usw.!), in ihre be- zahlten Lohnarbeiter verwandelt." Was liegt da näher, als von der Einheit aller Lohnabhängigen aus- zugehen und von den Differenzen nobel zu abstrahieren. Setzt man nämlich bei der Einheit an, dann erweisen sich die Differenzie- rungen und Spaltungen der Lohnabhängigen logischerweise als bloße "Schwierigkeiten", die der "möglichen Solidarität" entgegenste- hen. Es sind zwar "objektive Bedingungen, die sich aus der Not- wendigkeit der Kapitalverwertung ergeben" (36), welche das SB in den unterschiedlichen Interessen vorfindet, doch besinnt sich das SB auf sein bewährtes Rezept: "Das Ansetzen an den gemeinsamen Interessen aller Schichten der Lohnarbeiterklasse und im Zusammenhang damit der Kampf gegen sämtliche Formen der Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse, ist in dem Maße (!), wie in solchen gemeinsamen (!) Kämpfen Erfolge (!) erzielt werden, ein möglicher (!) und entscheidender (!) Aus- gangspunkt zur Bewußtwerdung der Klasse in ihrer Gesamtheit." (36) Wenn auch vom Kapital "die Unterschiede der Situation der ver- schiedenen Schichten der Arbeiterklasse ... immer wieder reprodu- ziert werden" (36), so heißt das nicht, daß das "Ansetzen an den gemeinsamen Interessen" kein Ausgangspunkt wäre, im Gegenteil, es macht diesen Ausgangspunkt zum Kampf gegen das Kapital. Und wenn einer sagt, die gemeinsamen Interessen gäbe es gar nicht, sie seien deshalb auch kein w i r k l i c h e r "Ausgangspunkt zur Bewußtwerdung der Klasse in ihrer Gesamtheit", dann ist ihm ent- gegenzuhalten, daß es sich hierbei um einen "m ö g l i c h e n und e n t s c h e i d e n d e n" Ausgangspunkt handelt, wenn man in "g e m e i n s a m e n Kämpfen Erfolge erzielt". Und sollte gar ein Einwand gegen die Willkür eines möglichen Aus- gangspunktes vorgebracht werden, so ist auf den Pessimismus die- ses Arguments zu schimpfen und die SB-Politik damit zu legitimie- ren, daß sie sich "in dem M a ß e", wie mit ihr Erfolge erzielt werden, auch bewährt. Nachdem das SB so seine Abstraktion von al- len Unterschieden in der gesellschaftlichen Stellung der Lohnab- hängigen dargelegt hat, bekennt es noch einmal, daß es seinen Adressaten diese Abstraktion erst noch einreden muß. Weil es nicht willens ist, die vorgefundenen Gegensätze zwischen den In- teressen verschiedener Teile der Lohnabhängigen auszutragen, sie bestenfalls in ein nur "sehr vermitteltes Verständnis für die Probleme des Klassenkampfes" verwandelt, hat es auch kein Inter- esse daran, irgendjemandem an seiner besonderen Stellung in die- ser Gesellschaft seinen Gegensatz zum Kapital oder seinen Dienst fürs Kapital klarzumachen. Es klammert sich an die formelle Ein- heit der Lohnabhängigen und übernimmt das Geschäft, die jeglichen Inhalts entbehrende Vereinheitlichung herbeizuführen. Nicht die H e r s t e l l u n g des gemeinsamen Interesses, die Bourgoisie zum Teufel zu jagen, ist das Ziel des SB, sondern die Verbreitung der Fiktion, daß die vorhandenen gemeinsamen Erfahrungen und die ihnen entspringenden Interessen den Willen zur Beseitigung des Kapitalverhältnisses einschließen sofern nur alle von ihren be- sonderen Interessen Abstand nehmen. Und dazu ist "die bewußte und ausgewiesene politische Agitation und Aktion von politisch organisierten Gruppierungen notwendig, die vor allem in den Gewerkschaften eine auf V e r e i n h e i t l i c h u n g der Arbeiterklasse abzielende Politik betreiben." (36) Daß die schöne Formel von der Vereinheitlichung der Arbeiter- klasse nur das meint, was wir aus den falschen Argumenten des SB als seinen Zweck erschlossen haben, belegt das Büro hemmungslos mit der in derselben These vorgetragenen Frage: "Was hindert jedoch die Arbeiterklasse an einer Verbindung (!) mit Intellektuellen?" (36), und seiner Antwort darauf, die wir bereits anläßlich These 3 zur Kenntnis genommen haben. Das SB will "politisieren", d.h. "jemanden dazu bringen, sich realistisch (!), gemäß s e i n e r Situation und seiner Interessen i n der Gesellschaft zu verhal- ten" (Fremdwörterverzeichnis), und spricht damit aus, daß es in seiner "bewußten und ausgewiesene(n) politische(n) Agitation" da- von ausgeht, daß Arbeiter, Lektoren, Lehrer, Pfaffen und Philoso- phen, OSI-Assistenten und Filmemacher dann zusammenkommen, wenn sie sich realistisch gemäß i h r e n Interessen in der Gesell- schaft verhalten. Wem immer noch nicht einleuchtet, daß das SB mit dem Klassenkampf nichts zu schaffen haben will, wer sich also weigert, die krampf- hafte Suche des SB nach gemeinsamen negativen Erfahrungen als die Grundlage all des Unsinns auszumachen, den die Thesen bisher ge- boten haben, dem liefern die letzten Thesen dieses Abschnitts eine weitere eindringliche Dokumentation linker Vulgärwissen- schaft und des Interesses, dem sie sich verdankt. Um die Einheit der Unzufriedenen, um die das SB sich bisher mit so zwiespältigem Erfolg bemüht hat, nicht als sektiererisch erscheinen zu lassen - Sektierer sind laut Fremdwörterverzeichnis diejenigen, "die iso- liert (!) von den wirklichen (!) Vorgängen und Bewegungen inner- halb der Gesellschaft rechthaberisch ein einseitiges (!) Ziel" verfolgen - führt es nun "wirkliche Vorgänge" und Umstände an, die noch jeder kritische Staatsbürger bejammert. Wer wäre nicht von der Ruinierung der Lebensverhältnisse und der Natur, von der "Zerstörung von Wohnverhältnissen" und von der "völligen (!) Auf- lösung von Kommunikationsverhältnissen" (37) betroffen? Und wel- cher Stadtbaurat wäre sich nicht mit den kritischen Soziologen und dem SB einig darüber, "daß Aktivitäten" (nicht nur der "sozialistischen Organisationen") "auf die Wiederherstellung und Neuentwicklung von Kommunikationssystemen in den kaputten (!) Städten gerichtet werden müssen." (37) Auch in Sachen "öffentliche(r) Versorgung und Infrastruktur" (38) genügt dem SB der Hinweis darauf, daß vieles im argen liegt. Es ist sich si- cher, daß noch jeder an einem verbesserten Gesundheitswesen, an effektiverer Ausbildung und an mehr sozialer Sicherheit interes- siert ist und hinter dem staatlichen Versagen bei diesen Aufgaben das Werk des Kapitals erkennt. Es selbst ist aber leider noch nicht so weit, denn es meint, daß es den Sozialisten "vor allem darum gehen muß, die Konflikte und Kämpfe in diesen Sektoren auf ihre kapitalistische Bedingtheit hin (!) zu untersu- chen (!) und zu erklären, aus ihrer Vereinzelung und Isoliertheit (!) herauszuführen und in den Zusammenhang einer sozialistischen Perspektive (!) zu stellen." (38) Währendes dem SB bei der Untersuchung der Wirtschafts- und Sozi- alpolitik des bürgerlichen Staates einige Schwierigkeiten berei- tete, ihren gewalttätigen Charakter auszumachen, entdeckt es an der Öffentlichkeit - hier ganz im Stil kritischer Politologie - nicht nur eine "strukturelle Gewalt", sondern gleich eine "Totalität" derselben. (39) Das "Gesamtsystem der Gewalt in die- ser Gesellschaft" hat sich mit dem "Klassencharakter der Öffent- lichkeit" eine Unterabteilung "quasi staatlicher Gewaltkomplexe" eingerichtet, welche - wen wundert es - eine wichtige Bedingung für "die Linke" in Offenbach abgibt, die daher ein weiteres Mal fordert, "Strategien zu entwickeln". An der bürgerlichen Öffent- lichkeit, jener Sphäre der freien Meinungsäußerung, mißfällt den Kommunikationsverbesserern vom SB nicht etwa ihr Prinzip - die Anerkennung des Staates als Grundlage für die Artikulation nega- tiver Erfahrungen, die Borniertheit einer Kritik, welche die ei- gene Unzufriedenheit als nörglerische Meinungsäußerung vorbringt und die Staatshandlungen, denen sich alle Staatsburger praktisch unterwerfen, mit ihrem fortwährenden pluralistischen Gejammer ohne jede praktische Konsequenz kommentierend begleitet, ja sogar das bloße Räsonnieren dürfen als Ausdruck höchster Freiheit fei- ert (hier darf ich sagen, was ich will) - ein Prinzip, das am Journalisten- und Moderatorengeschwätz leicht zu entdecken ist. Das SB bedauert vielmehr die beschränkte Verwirklichung dieses Prinzips. Ausgerechnet in einer Zeit, in der proletarische Lite- ratur die Regale der Buchhandlungen füllt und noch jede Boule- vardzeitung sich verständnisvoll der sozialen Probleme der Unter- schichten annimmt, verschwendet das Büro keinen Gedanken an die Art und Weise, wie dergleichen zum Bestandteil einer öffentlichen Diskussion gemacht wird. Es definiert statt dessen kurzerhand die "proletarische Kultur": - "Proletarische Kultur umfaßt die Wertvorstellungen, Aufgaben und Probleme aus dem täglichen (wo bleibt das Nachtleben?) Leben der Arbeiter, aus ihren Arbeits und Wohnbereichen." (39) - und erfindet die Lüge, dergleichen würde offiziell verheimlicht - "Das Schweigen der bürgerlichen Kultur über diese Dinge macht den Klassencharakter dieser Kultur deutlich und ihre Herrschafts- funktion, die darin liegt, durch das Verschweigen (!) die Ar- beits- und Lebensbedingungen der Arbeiter als annehmbar (!) er- scheinen zu lassen und die Klassenunterschiede als unbedeutend zu verwischen (!). Daraus resultiert die Gegenstrategie, daß es darauf ankommt, "die proletarischen Interessen in eigenen autonomen (!) Formen der Gegenöffentlichkeit politisch auszudrücken" (39) Man will ein weiteres Mal den Erfahrungen der Arbeiter, ihren ei- genen unter i h n e n, Gehör verschaffen, so daß sie sich "k r i s t a l l i s i e r e n (!)": "Als Kristallisationsform der eigenen (!) Erfahrungen der Arbei- ter ist die bürgerliche Kultur, die bürgerliche Öffentlichkeit nicht geeignet ... Proletarische Öffentlichkeit ist die Form (!), in der sich die Politik und Kultur der Arbeiterbewegung als Eman- zipationsinteresse (!) ausdrücken kann. Sie zu schaffen ist die ständige Aufgabe sozialistischer Agitation und Information (!)." (39), Das SB weiß also von einem "Emanzipationsinteresse", welches durch die herrschende Öffentlichkeit perfiderweise an seinem "Ausdruck" gehindert wird, predigt den "Kampf gegen die herrschende Kultur, für die Abschaffung der kul- turellen Privilegien der Bourgoisie und der Mittelschichten" (39). fordert also die Mitbeteiligung der Arbeiter an der Kultur, aber nur um sich der modischen Verachtung der bürgerlichen Kultur an- zuschließen. Davon, daß die Bourgoisie samt ihren Mittelschichten ihre eigene - ehemals revolutionäre und nach wie vor einzig exi- stente - Kultur mit Füßen tritt und allen Grund dazu hat, beim Gin-Fizz nicht Goethe oder Beethoven, sondern Filme von Alexander Kluge (inzwischen gemeinsam mit Negt zum Fachmann in Fragen pro- letarischer -, Kinder- und Pubertätsöffentlichkeit avanciert) und triviale, jedoch autonome Literatur aus der Arbeitswelt goutiert, hat das SB noch nichts gehört. Statt dessen frönt es dem reaktio- nären Gedanken, die Arbeiter sollten sich ihre eigene Lohnarbei- terscheiße als Kultur vorführen. Zur "kapitalistischen Sozialisation" (40) weiß das SB - wie immer desinteressiert am Inhalt und Zweck dessen, was es bespricht - nur Gedankentrümmer der Studentenbewegung zu wiederholen: "Entfremdetes Lernen und Arbeiten", "irrationale (!) Wissensre- produktion", "Herrschaftsstruktur in der Schule, Hochschule und Lehrwerkstatt", "beschränkte Ausbildung für die vielen" - "aufwendige Ausbildung für die wenigen", " Funktionsverfall der bürgerlichen Kleinfamilie" und "psychische Deformation". Auch darauf, daß "im proletarischen Kind... der kapitalistische Le- bensplan (!) frühzeitig (!) angelegt" wird, muß sich eine sozia- listische Strategie einstellen, zumal dieser Lebensplan durch zwei weitere Pläne - den "offenen und heimlichen Lehrplan" der Schule - fortgeplant wird. Daß im Getriebe des bürgerlichen Aus- bildungswesens, dem These 41 gewidmet ist, die Wünsche der Be- troffenen zu kurz kommen, hat der große Teil der Bevölkerung ebenso wie das SB durch die günstige Fügung des Krisentiefs er- fahren, das zwar nicht die Fehler, wohl aber die Grenzen der re- formerischen "Schönwetter"periode aufgezeigt hat "Heute - im Zeichen der schwersten Krise des westdeutschen Kapi- talismus - zeigt sich mehr denn je, welche tatsächlichen Möglich- keiten (!) der Bildungsreform innerhalb der Grenzen kapitalisti- scher Produktion gegeben sind." Der Bildungsreformeifer des SB geht soweit, daß es mit deren Ein- schränkung erst den Kapitalismus Einzug in die Ausbildung halten läßt: Längst schon müssen wir das Abrücken von der Gesamtschulreform verzeichnen und zugleich feststellen, daß die berufliche und aka- demische Ausbildung durch Berufsbildungsgrundjahr oder Regelstu- dium auf das Maß einer kapitalistischen Qualifizierung der Ar- beitskraft zurückgestutzt (!) wird." (41) Mit diesem reformpädagogischen Votum für mehr Bildungsreform, für mehr Studienfreiheit, für die Orientierung der Ausbildung an den unmittelbaren Bedürfnissen und Interessen der Auszubildenden statt am Wissen schließt das SB seinen illustrierten Krisenbil- derbogen wie es ihn begonnen hat. Statt Kritik an den gesell- schaftlichen Reformvorstellungen, an der Reformpolitik und am ka- pitalistischen Charakter der Ausbildung zu üben jammert es über Beschränkungen der Reformen, beklagt in gut staatsbürgerlicher Manier die Nichteinhaltung der schönen Versprechungen und ver- sucht mit solchen Appellen die Unzufriedenheit der Massen mit ih- ren gesellschaftlichen Möglichkeiten und den Leistungen des Staa- tes zu aktivieren. Daher widmet es sich im folgenden der Frage, wieweit denn die In- teressenskämpfe, wie das SB sie sich vorstellt, schon gediehen sind, und schlägt sich auf seine Weise mit der Organisation herum, die die Kämpfe der Arbeiter um eine bessere Reproduktion in dieser Gesellschaft organisiert führt - mit der Gewerkschaft. Auch dieser dichtet es eine Krise an; warum ist nicht mehr schwer zu erraten! IV Angesichts einer Krise pflegen Menschen unabhängig von den poli- tischen Lagern, denen sie sich zurechnen, festzustellen, daß al- les nicht mehr so sei wie früher. Das SB bringt das Kunststück fertig, diese Feststellung als S c h l u ß aus einer "ökonomischen Analyse" vorzubringen, die es - weil es ihm nur um die Demonstration dieser Feststellung zu tun war - gar nicht durchgeführt hat: "Aus der ökonomischen Analyse des westdeutschen Kapitalismus kann geschlossen werden, daß die Lebensverhältnisse (!) sich nicht mehr so vergleichsweise (!) konfliktfrei (!) wie in den vergange- nen zwei Jahrzehnten verbessern (!), daß die Polarisierungser- scheinungen auch innerhalb der Arbeiterklasse und die Klassenkon- flikte zunehmen." (Vorspann) Es hat offenbar eine differenzierte Auffassung von der Krise, vom Nichtfunktionieren des Systems und vom Ausbleiben weiterer Ver- besserungen: Sie bleiben nämlich gar nicht aus, sondern vollzie- hen sich eben nur nicht mehr so "vergleichsweise konfliktfrei" wie bisher; und das ist für das Büro in Offenbach von Bedeutung, denn wo Konflikte stattfinden gibt es Leute, die sie austragen, und wer Konflikte austrägt, macht seine Interessen gegen andere geltend, die ihn einschränken. Die Freude über Kämpfe der Arbei- ter gegen die Zerstörung ihrer Arbeitskraft welche das SB zur Schau stellt - und zwar unter der Überschrift "Betriebs- und Ge- werkschaftsarbeit" - bezieht sich jedoch weniger auf die Einsicht der Arbeiter, daß sie ihre Reproduktion durch K a m p f g e g e n d a s K a p i t a l verteidigen müssen, als auf die Tatsache, daß sie sich dabei teilweise g e g e n d i e P o l i t i k d e r G e w e r k s c h a f t e n richten, gegen die das SB gleich mit seinem Vorwurf aufwartet: "Die sich ergebende Verschärfung der Interessengegensätze zwi- schen Kapital und Lohnarbeit findet in der Politik der Gewerk- schaften keinen entsprechenden Ausdruck (!)." (Vorspann) Das SB hat ein positives Interesse an den Gewerkschaften, weil sie Organisationen der Arbeiter sind, kritisiert an ihnen aber, daß in den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Kapitalisten bestimmte Interessen von Arbeitern in den Gewerk- schaften "keinen entsprechenden Ausdruck" gefunden haben; es be- klagt dann weiter "die enge Verflechtung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften", welche sich "auf die Handlungsmöglichkeiten (!) der Gewerkschaften und ihrer Funktionäre lähmend (!)" auswirkt. So enthüllt es schon im Vorspann das Geheimnis seiner Gewerk- schaftskritik. Die Begeisterung darüber, daß mit den Gewerkschaf- ten eine Organisation der Arbeiter existiert, läßt das SB angesichts einer Divergenz zwischen Teilen der Arbeiterklasse und Gewerkschaft ganz vergessen, daß die in den Gewerkschaften organisierten Arbeiter eben deswegen Gewerkschaftsmitglieder sind, weil sie in dieser ein Mittel für ihre Reproduktions- sicherung sehen, und daß aufgrund dieser Aufgabe die Aktionen der Gewerkschaften eben nicht Ausdruck jedes besonderen Interesses und Kampfeswillens auf Seiten der Arbeiter sein können. Es leugnet den Zwang zum Kompromiß, dem die Gewerkschaften aufgrund der unterschiedlichen Interessen der konkurrierenden Arbeiter unterliegen - gäbe es keine konkurrierenden Arbeiterinteressen, bräuchte es keine Urabstimmungen! -, und tut so, als wäre die "innere Struktur der Gewerkschaften", welche sich ausgerechnet aus der engen Verflechtung mit der Sozialdemokratie ergeben haben soll, der Grund dafür, daß es zu Arbeitskämpfen kommt, die von der Gewerkschaft nicht unterstützt werden. Das SB will nicht die Grenzen des gewerkschaftlichen Kampfes aufzeigen - im Gegenteil: Es konstruiert einen prinzipiellen Gegensatz zwischen kampfeswil- ligen Arbeitern und Gewerkschaftsführung, und will aus den Gewerkschaften Organisationen machen, in denen die verschiedenen Interessen ihrer Mitglieder unmittelbar ihren "Ausdruck" finden. Daher geht es ihm bei seinem Angriff auf die gewerkschaftliche "Lohnforderungszurückhaltung" nicht um eine Effektivierung des gewerkschaftlichen Kampfes - welche die "innere Struktur" der Ge- werkschaften offenbar zuläßt, wie die SB-Kritik an der Gewerk- schaftsführung unfreiwillig zu erkennen gibt: "Dies läßt sich aufzeigen sowohl an den offiziellen Streiks, zu denen sich die Gewerkschaftsführung gezwungen (!) sahen ... als auch an der neuerlichen Welle spontaner Streiks im Jahre 1973 so- wie eine Reihe von Urabstimmungen (!)." (42) -, sondern um etwas anderes. Es warnt ausdrücklich davor, "lediglich eine 'bessere' Vertreterpolitik zu betreiben" (45) und projiziert seine Wunschvorstellung, "daß die Lohnabhängigen beginnen, ihre eigenen (!) Interessen selbstbewußter (!) durchzusetzen", und daß "das Vertretungsmono- pol (!) der Gewerkschaftsführung (!) ... von den Mitgliedern nicht mehr bedingungslos (!) akzeptiert" wird (42), in die jüngste Geschichte zurück. Hinter der harmlosen Über- schrift "Zunahme der Streikbewegung in den 70er Jahren" (42) ver- birgt sich die Erfindung eines wachsenden Gegensatzes zwischen Gewerkschaftsfuhrung und Basis, der in den vergangenen Jahren "zum Ausdruck" gekommen sein soll, und die verschiedenen Arbeits- kämpfe werden vom SB dazu hergenommen, um sie zum Ausdruck eben dieses Gegensatzes umzulügen. Wieder einmal konstatiert es freu- dig eine Krise - die "Krise sozialpartnerschaftlicher Gewerk- schaftspolitik" (42) - aus der die Arbeiter angeblich die ent- sprechenden (SB-)Lehren ziehen: "Aus den Konflikten und Streiks haben sowohl die beteiligten wie die unbeteiligten Lohnarbeiter gelernt; doch macht es einen Un- terschied, ob eine erfolgreiche spontane Streikaktion wie 1969 oder eine mit einer Niederlage endende Streikaktion wie im Sommer 1973 verarbeitet werden muß." (43) Seiner Logik folgend, welche die neuerlichen Gewerkschaftsaus- tritte als Fortschritt der SB-Politik f e i e r n wird, begrüßt es die Niederlage der Streikaktion 1973, denn "der Gegensatz zwischen Gewerkschaftsführung und Mitgliedern ver- schärfte sich noch." (43) Daß in der Streikbewegung von 1973 "eindeutige Grenzen für linke Betriebs- und Gewerkschaftskader" sichtbar geworden sind und "die Zersplitterung der Streikbewegung ... vom Kapital ausgenutzt" wird (43) macht die Sache noch delikater: "Es kommt gerade darauf an, auch aus den Niederlagen von Kampfak- tionen zu lernen, um für künftige Aktionen besser gewappnet zu sein." (43) Das SB will "sozialistische Betriebsgruppen ... stärken und die Arbeit innerhalb der Gewerkschaften ... verbessern", hält es mit den "autonomen Aktionen von Teilen der Mitgliederschaft" und be- dauert nur, daß es der "innergewerkschaftlichen Opposition" noch nicht gelungen ist, diese Teile gegen die Gewerkschaften in ihr zu organisieren. Denn daß sie ein gewerkschaftsfeindliches Kon- zept verfolgen, damit halten die SBler nicht hinter dem Berge. Wenn das SB "d i e Arbeit innerhalb der Gewerkschaften verbes- sern will und sich dabei auf Differenzen zwischen der gegenwärti- gen Gewerkschaftspolitik und den Interessen von Teilen der Arbei- terschaft beruft, dann ist ihm nicht daran gelegen, die Linie der Gewerkschaften dahingehend zu korrigieren, daß diese rücksichts- los die Arbeits- und Reproduktionsbedingungen der Arbeiter zu verbessern trachten. Bereits mit ihrer Erklärung besagter Differenzen als Konflikt zwischen Führung und Basis, also durch die agententheoretische Beschuldigung der Funktionäre, mit der sie der Frage aus dem Weg gehen, weshalb die Arbeiter an der Basis durch ihre Mitgliedschaft die angepaßte Politik der Bonzen dulden, zeigen die Offenbacher, daß ihnen der integrative Kurs nicht ein Ärgernis, sondern - wie jede Krise - eine für ihre Zwecke begrüßenswerte Erscheinung darstellt, und geben damit nur einen weiteren eindringlichen Beleg für ihren Zynismus, die Verschlechterung der Reproduktionsbedingungen der Arbeiter als günstige Bedingungen für ihre Politik zu schätzen. So kümmern sie sich um die Aufgabe der Gewerkschaft keinen Deut. Sie leugnen die Notwendigkeit des organisierten gewerkschaftlichen Kampfes - und das heißt auch der innergewerkschaftlichen Kompromisse -, wollen trotz "eindeutiger Grenzen" eine "a u t o n o m e" Interessen- vertretung und daher die Arbeiter gegen die Gewerkschaft aufbrin- gen. Als wären die Gewerkschaften nicht die Interessenorganisa- tionen d e r A r b e i t e r, sondern müßten erst wieder durch Abschaffung der g e w e r k s c h a f t l i c h e n Interes- sen v e r t r e t u n g zu i h r e r Gewerkschaft gemacht wer- den! Indem das SB die unterschiedliche Kampfbereitschaft inner- halb der Arbeiterklasse, auf die die Gewerkschaftsführung Rück- sicht nehmen muß - und das zeigt sich an jeder Urabstimmung! - als Konflikt zwischen abwieglerischer Führung und kämpferischer Basis personalisiert, unterstellt es nicht nur den Gewerkschafts- mitgliedern die Dummheit, eine Organisation am Leben zu erhalten, die sie ständig betrügt, sondern macht sich auch um die Verbrei- tung der Illusion verdient, das Scheitern, die Beschränkungen ge- werkschaftlicher Interessenvertretung - der dem Kapitalverhältnis i m m a n e n t e n Form der Austragung des Klassengegensatzes - sei nicht notwendig. Es will also n i c h t Arbeiter an ihren Erfahrungen davon überzeugen, daß die Bedrohung ihrer Existenz eine Konsequenz des Produktionsverhältnisses darstellt, in wel- chem sie als Arbeiter fungieren - Arbeiter, die dies eingesehen haben, führen auch den gewerkschaftlichen Kampf konsequent und machen ihn zum Mittel ihrer kommunistischen Strategie! -, das SB will vielmehr die Konflikte innerhalb der Gewerkschaften dazu b e n ü t z e n, um die Überflüssigkeit gewerkschaftlicher Orga- nisation zu demonstrieren und gegen den in ihr erfolgten Zusam- menschluß der Arbeiter den autonomen, spontanen Kampf zu propagieren. Hatte Marx festgestellt, daß die Koalitionen auf der Einsicht der Arbeiter beruhen. "daß die Herrschaft der Bourgoisie nur auf der Konkurrenz der Ar- beiter unter sich beruht, d.h. auf der Zersplitterung des Prole- tariats, auf der Entgegensetzung der einzelnen Arbeiter gegenein- ander" (MEW 2/436), so führt das spontaneistische SB die Grenzen der gewerkschaftli- chen Solidarität, die ihr aus der Verfolgung der Sonderinteressen erwachsen, welche die Arbeiter zwischen und neben den gewerk- schaftlichen Aktionen betreiben, gegen diese in den Gewerkschaf- ten praktisch gewordene Einsicht ins Feld. Ihrer Devise getreu, daß die vorfindlichen Erfahrungen und Interessen der Arbeiter Grundlage ihrer Kämpfe sind, schlagen sie sich auf die Seite der gegen die Gewerkschaften geltend gemachten Sonderinteressen, kri- tisieren die gewerkschaftliche Interessenvertretung als manipula- tive 'Vertretungspolitik' und betreiben die Umfunktionierung der Gewerkschaften in ein SB-Büro für den Austausch von Arbeiterer- fahrungen - also ihre Zerstörung: "Da (!) die bewußteren Lohnabhängigen in den Gewerkschaften orga- nisiert sind und sich an gewerkschaftlichen (!) Positionen orien- tieren, kommt es darauf an, mit ihnen gemeinsam eine konsequente Gewerkschaftsarbeit auf betrieblicher Ebene durchzusetzen. Dabei muß man sich davor hüten, lediglich (!) eine 'bessere' Vertreter- politik (!) zu betreiben. Ebenso (!) ist die Frage, ob die Ge- werkschaften zu einer Klassenkampforganisation zu machen (!) sind, gegenwärtig rein theoretischer Natur (nur theoretisch zu 'lösen') (!). Worauf es in innerorganisatorischen Auseinanderset- zungen ankommt, ist, durch den Kampf um mehr innergewerkschaftli- che Demokratie (!) die Arbeitsmöglichkeiten (!) auf Betriebsebene zu verbessern." (45) Das Interesse des SB an den Gewerkschaften ist also keines an der besseren Erfüllung gewerkschaftlicher Aufgaben - an den für die Erhaltung der Arbeiter notwendigen Kämpfen gegen die Tendenz des Kapitals, ihre Reproduktion zu verhindern -, sondern die strate- gische Ausgeburt eines Büros, das die Gewerkschaften und ihre Einrichtungen gegen ihre eigentliche Funktion für seine Zwecke funktionalisieren möchte und dies auch offen ausspricht. Weil das SB nicht wissen will, daß die Gewerkschaften eine Organisation sind, in der die Arbeiter ihren Gegensatz zum Kapital austragen, bezweifelt es die Gewerkschaften als Klassenkampforganisation, und wenn es die Frage stellt, ob man die Gewerkschaften zu einer solchen machen könnte, dann meint es folglich nicht die Frage, wie zusätzlich zur immer notwendigen, wenn auch defensiven und stets zum Scheitern verurteilten Interessenvertretung der Gewerk- schaften der bewußte Klassenkampf geführt werden kann, sondern etwas ganz anderes: Nicht, daß es sich nur dagegen verwahrt, aus den Gewerkschaften eine kommunistische Partei machen zu wollen - seine Ziele sind bescheidener, richten sie sich doch nur gegen die Gewerkschaften -, sondern es verkündet damit auch, daß es ihm gleichgültig ist, was aus den Gewerkschaften wird, was mit ihnen anzufangen ist, wenn es nur mit seiner gewerkschaftsfeindlichen Politik in ihr zum Zuge kommt. Und darin liegt sein eigentliches Problem, ob es den SBlern nämlich gelingt, als Nicht-"SPD-Mit- glieder" "in gewerkschaftliche Funktionen (Vertrauenskörper, Be- triebsrat, Delegierte usw.) zu kommen" (44), "durch den Kampf um mehr innergewerkschaftliche Demokratie" seine, Arbeitsmöglichkei- ten auf Betriebsebene zu verbessern" (45). Und da sie keine Per- spektiven und Strategien haben, sondern nur zu verkünden wissen, daß "die zu entwickelnden Perspektiven und Strategien" "Antworten" auf die sie interessierenden Probleme geben müssen sehen die Offenbacher, denen die Gewerkschaftsaufgaben scheißegal sind, in folgendem ihre Hauptaufgaben: "a) Proletarische Öffentlichkeit und Kommunikationssysteme auzu- bauen und herzustellen" (45), womit sie gegenwärtige Interessen von Gewerkschaftlern und Arbei- tern weder anerkennen noch kritisieren, stattdessen aber sich da- für stark machen, daß die in der Gewerkschaft bereits erreichte Einheit der Arbeiter und die mit ihr verbundenen Interessengegen- sätze in einen freien Meinungsaustausch mit Vereinheitlichungsge- schwafel zurückgenommen werden, so daß sich die "Möglichkeit au- tonomer Interessenvertretung" eröffnet. Doch bleibt das SB nicht dabei stehen, "sozialistische Betriebsarbeit" mit der Herstellung dessen zu verwechseln, was es für ihre Bedingung erachtet. Es will auch die gewerkschaftlichen Institutionen gegen die Gewerk- schaften verwenden, nämlich "b) die Institutionen Betriebsrat und Vertrauensleutekörper für die Verbesserung autonomer (!) Interessenvertretung... nutzen (!)." (45) Zuguterletzt fällt dem SB neben der Verwendung gewerkschaftlicher Einrichtungen gegen die Interessen der Gewerkschaften und damit der Arbeiter auch noch eine Möglichkeit seiner Politik ein, die sich außerhalb der Gewerkschaften bewegt: "c) sozialistische Betriebsgruppen bilden." (48) Über die Details ihres dreiteiligen Programms, mit dem sie die Arbeiter von der Wahrnehmung ihrer Interessen m i t der Gewerk- schaft hindern wollen, lassen uns diese Gewerkschaftsfeinde nicht im unklaren. Das zum Schutz der Arbeiter gegen Bevormundung "ausbauen bzw. erst schaffen" will, zeichnet sich durch das kon- sequente Schweigen darüber aus, w a s "Gegensatz einer solchen inner- und überbetrieblichen Öffentlichkeit" sein müßte. Es geht um "- das (!) Aufgreifen von Konflikten (!) - die (!) Verarbeitung von Erfahrungen (!), - die (!) Verbreitung von Strategien (!)" (46) Diese vornehme Zurückhaltung ist nicht unbegründet. Sollen doch die "Kolleginnen und Kollegen", statt durch die "von oben nach unten (!) gesteuerte Gewerkschaftspresse" (und natürlich durch die sektiererischen Linken) sich manipulieren zu lassen, "selbst zu Produzenten innerbetrieblicher Kommunikation" gemacht werden und "eigene Kommunikationssysteme" entwickeln, "in denen Informa- tionen ... weitergegeben und Erfahrungen ausgetauscht werden kön- nen." (46) Doch begnügen sich diese Gewerkschaftsfeinde nicht damit, die Ar- beiter zu überreden, selbst und autonom ihren Erfahrungskampf zu führen und den Gewerkschaftsapparat links liegen zu lassen. Für dieses Geschäft wollen die SBler auf Betriebsrat und Vertrauens- leutekörper nicht verzichten, die sich als Vertretungsorgane der unterschiedlichen Interessen in den Gewerkschaften vorzüglich anbieten "zur Herstellung und zum Ausbau von Kommunikationsstrukturen und zur Durchsetzung von "SB-"Interessen". (47) Indem das SB darauf abzielt, "die Vertrauensleutekörper zu Trägern autonomer (!) Arbeiterpoli- tik zu machen" (47), und sich darüber wundert, daß "die Gewerkschaftsvorstände ... in den Vertrauensleuten nur ihr Sprachrohr im Betrieb" (47) sehen, betreibt es mit seiner Erfahrungsvereinheitlichungsstrate- gie die Zerstörung der Gewerkschaftseinheit und damit der ge- werkschaftlichen Interessenvertretung. Die Organe, die innerhalb der Gewerkschaften die unterschiedlichen Interessen der Arbeiter zur Geltung bringen und in Kompromissen durchsetzen, die für er- folgreiche Gewerkschaftskämpfe notwendig sind, sollen die Vertre- tung und damit sich aufgeben. Daß ohne diese Organe des Kompromisses, d.h. ohne diese Kompro- misse, die Interessenvertretung der Arbeiter unmöglich ist, gibt das SB selbst zu - "In aktuellen Kämpfen kurzfristig gebildete Organisationsformen (wie z.B. Streikkomitees) können in der Regel (nicht) diese Kämpfe erfolgreich führen..."(47) - doch nur, um seinen bornierten Schluß daraus zu ziehen, sie müß- ten zu "Trägern autonomer Arbeiterpolitik" gemacht werden. Da sich aber die Gewerkschaftsfunktionäre und die Arbeiter nicht ohne weiteres ihre Gewerkschaftsorganisationen kaputtmachen las- sen, will das SB "sozialistische Betriebsgruppen" aufbauen, die die Arbeiter zu diesem Geschäft bekehren sollen, und damit die Negation der Gewerkschaften, das Geltendmachen der Interessenpar- tikularitäten gegen die Gewerkschaftseinheit, die Spaltung der organisierten Arbeiter, vollenden sollen: "Um (!) im Vertrauensleutekörper oder im Betriebsrat mit dieser Zielsetzung arbeiten zu können und für diese Arbeit eine Strate- gie zu entwickeln, ist es notwendig sozialistische Betriebsgrup- pen aufzubauen." (48) So sehr es dem Büro widerstrebt, Arbeiter für kommunistische Po- litik zu agitieren, für seinen Zweck setzt das Büro den Arbeitern etwas entgegen woran diese kein Interesse haben. Der Unterschied zu Kommunisten macht sich jedoch auch hier bemerkbar. Während jene argumentieren und die Probleme der Arbeiteraus ihrem gesell- schaftlichen Dasein als Lohnarbeiter erklären, überwindet das SB Abwehrhaltungen - "häufig einsetzende Resignation", "Konkurrenz- druck", "Abhängigkeit von Autoritäten" (Gewerkschaften? Linken?) - indem es v e r s p r i c h t, die in psychologische Hemmnisse aufgelösten gesellschaftlichen Probleme der Arbeiter durch die Kommunikation im SB zu lösen. (14) Das SB ist hier unverschämt genug, auszusprechen, worin seine "autonome Arbeiterpolitik", die Zielsetzung, mit der es im "Vertrauensleutekörper oder im Be- triebsrat" tätig wird, besteht. Da es kein individuelles Problem auf seinen gesellschaftlichen Grund zurückzuführen in der Lage und willens ist, gerät ihm das Programm seiner sozialistischen Betriebsgruppen auch zum Angebot der "Einbeziehung des 'Privat- lebens'" der "Überwindung der Isolation und des Zwangs, mit den persönlichen Problemen allein fertig werden zu müssen", der "Artikulation von Schwierigkeiten, der "Hilfe bei ihren Proble- men". (48) Dieses Programm der Lebenshilfe bringt sozialistische Politik auf die spontaneistische Gemeinheit herunter, aus jedem persönlichen Problem unmittelbar ein Politikum zu machen. Es propagiert anstelle wechselseitiger Kritik, in der sich Politik treibende Subjekte ernstnehmen, die verständnisvolle Anerkennung der sentimentalen Selbstdarstellung jeglicher Partikularität - nicht ohne zu versprechen, daß vor allem Ausländern, Frauen und sonstigen unterrepräsentierten Gruppen der Austausch ihrer unbegriffenen Frust seine Hilfe sei. (15) Der politischen Inhaltslosigkeit der Betriebsgruppen, die sie als Mittel der gewerkschaftsfeindlichen Politik des SB ausweist, ent- sprechen die Aufgaben, denen sich das SB widmet. Da die Einheit des SB auf der Anerkennung aller besonderen Interessen seiner Adressaten beruht, muß es sich vor Konflikten schützen zwischen den gegensätzlichen Interessen, denen es im Rahmen seines Büros Berechtigung zuspricht. Weil es keine Prioritäten hat, muß es sie setzen - es "geht davon aus", "daß Mitwirkung bei betrieblichen und gewerkschaftlichen Ausein- andersetzungen qualitative Priorität vor anderen Arbeitsfeldern haben muß." (49) Um diese Priorität nicht der Zerstörung preiszugeben, muß es "organisatorische Formen" finden, die garantieren, daß seine auf- grund der unterschiedlichen Interessen kollidierenden "Arbeits- felder" sich beschränken, und muß auch bei politischen Aussagen vorsichtig sein: "Organisatorische Formen und politische Aussagen des SB müssen so gehalten (!) sein, daß die Ansätze der Betriebs- und Gewerk- schaftsarbeit nicht von anderen - eher intellektuellen - Arbeits- feldern und deren Problemen überlagert werden." (49) Da damit jedoch keine Beschneidung der autonomen Arbeitsfelder intendiert ist, das SB also weiterhin einander widersprechende Interessen und Erfahrungen organisieren will, sind nicht alle Er- folge des Büros wirkliche Erfolge: "Mögliche momentane Erfolge in anderen Arbeitsfeldern müssen un- ter dem Kriterium geprüft (!) werden, ob sie die weitere Entwick- lung der Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit fördern oder eher be- hindern (!)." (49) So wird das SB selbst seiner möglichen Erfolge nicht recht froh, muß seinen eigenen verschiedenen Aktivitäten vorsorglich die Spitze abbrechen und verspricht zu prüfen, ob nicht gerade sie seine Einheitspolitik infrage stellen. Wie es sich für die Ein- heit "in der nächsten Phase" trotzdem stark machen zu können glaubt, verschweigt es nicht: - Den Segen einer "innergewerkschaftlichen Demokratisierung im Sinne (!) einer stärkeren Selbstvertretung" (49) verspricht es "Arbeitern, Angestellten und Beamten" gleichermaßen. Vorwärts mit der Solidarität zwischen Oberstudienräten und IG-Metallern! - Statt den Arbeitern ihre Illusionen bezüglich des Nutzens aus- zutreiben, den diese sich von einer Rücksichtnahme auf "staatliche Einkommens- und Wirtschaftspolitik" versprechen,was auch eine konsequente Gewerkschaftspolitik zur Folge hätte, macht man in Offenbach G e w e r k s c h a f t s p o l i t i k mit dem Ziel, "die gewerkschaftliche Autonomie gegenüber der staatlichen Ein- kommens- und Wirtschaftspolitik zu erkämpfen." (49) - Damit die Einheit nicht ihrer Vielfalt beraubt und die Selbst- vertretung nicht durch Bevormundung abgewürgt wird, bringt das SB auch nicht holterdiepolter sozialistische Argumente vor, sondern will erst einmal nur "den Raum für sozialistische Argumente in der gewerkschaftlichen Diskussion ... erweitern". (49) (Statt Spielräumen diesmal Argu- mentationsräume! Leider werden auch die zurückgedreht und ein- geengt!) - Und schließlich verkauft es auch noch "Gesamtforderungen der Arbeiterklasse" - als ob solche bei den Gewerkschaften nicht vor- kämen - als wirksames Mittel "gegen die Aufspaltung der Arbeiterklasse". (49) Daß das Problem der Gesamtforderungen sich nur der nicht vorhan- denen Einheit verdankt, ist eben auch eines jener für Vereinheit- lichungsfanatiker so schwierigen logischen Gesetze, die Hegel entdeckt hat - was aber leider nichts nützt, weil toter Hund und so! Um den Verdacht loszuwerden, den es selbst mit seinen Thesen pro- voziert, nämlich die gewerkschaftliche Einheit zu gefährden, be- schwört das SB bei der zusammenfassenden Formulierung seiner Auf- gaben, daß es nicht die Absicht habe "innerhalb der Gewerkschaften eine (gar noch (!) konspirative) 'Fraktion' zu bilden", (49) und betreibt unverfroren Propaganda für seine Variante, die Ge- werkschaften gründlich und gar noch friedlich-pluralistisch zu paralysieren. Was tut es also? In "offener (!) und öffentlicher (!) Argumentation" "inititiert" es, "orientiert" es, "arbeitet mit" und "bildet" - "Arbeitstagungen zur Diskussion der Praxis und zur Entwicklung gemeinsamer Konzeptionen", "seine publizisti- sche Arbeit", "in Betriebszeitungen", "lokale bzw. regionale Ar- beitskreise, um ihr praktisches Vorgehen aufeinander abzustimmen und die theoretische Diskussion zu intensivieren". (49) Durch "Publikationen und Arbeitstagungen" fördert das SB "speziell die gewerkschaftliche Bildungsarbeit" - warum wohl? - "zumal hier auch Intellektuelle ihre besonderen Qualifikationen nutzbar ma- chen können." (49) (16) V Nachdem das SB durch ein Hin und Her des Abwägens von Bedingungen möglicher Politik seine Ziele bestimmt hat, bemerkt es die Gefahr, die selbst seinen gegen kommunistische Politik gerichte- ten Umtrieben droht. Wenngleich sein Interesse daran, die vorge- fundenen linken Organisationen zum Verzicht auf die Verfolgung ihrer besonderen Ziele zu bringen, zur Anpassung an die spontanen Äußerungen verletzter Interessen zu bewegen, nichts mit Kommunis- mus zu tun hat, so ist in seinen Bemühungen doch ein Interesse an den Gegnern der kapitalistischen Verhältnisse auszumachen, das sich mit den Bestrebungen bürgerlicher Politik nicht vereinbaren läßt. Wenn es falsch ist, in der Manier des SB die Linke zu ver- einheitlichen, so heißt das noch lange nicht, daß sein Wirken von bürgerlicher Seite begrüßt wird. Auch das Büro bekommt Schwierig- keiten mit dem Klassenfeind, den es so wenig durchschaut, insbe- sondere mit der staatlichen Gewalt. So fügt es seinem Programm "Orientierungen für die Politik von Sozialisten" hinzu, in denen es einerseits die Gefährdung auch seines Erfolgs durch die Potenz des Klassenstaates in Betracht zieht, und andererseits nochmals Zeugnis davon ablegt, daß sein Verhältnis zum bürgerlichen Staat nicht das von Kommunisten ist. Wenn das SB unter der Überschrift "Ruck nach rechts - Gefahr (!) politischer Gewalt" (50) den vorgefundenen Klassenkampf erneut in ein Frage- und Antwortspiel verwandelt und bekennt, daß es sich von der bürgerlichen Klasse dadurch unterscheidet, daß diese Ant- worten findet, es selbst aber Probleme hat - "Die bürgerliche Klasse findet auf ihre Krise durchaus noch Antworten. Diese Antworten aber geben der Arbeiterklasse und ih- ren Organisationen eine Vielzahl von Problemen auf." (50) - setzt es sich auch von Kommunisten ab, die die bürgerlichen Ver- hältnisse durchschaut haben und wissen, was zu tun ist, also nur ein 'Problem' haben - sie müssen sich durchsetzen. Das Büro ent- deckt an den Reaktionen der Klassenfeinde auf die Krise, daß es auch ihm nicht leicht gemacht wird, und präsentiert deshalb sei- nen Adressaten ein Gemälde vom autoritären Staat, dessen Vorzei- chen es in These 50 gesammelt hat. Es konstatiert eine "weitgehende Politisierung" "auch (!) unter den Charaktermasken des Kapitals", erschrickt darüber, daß sich "der Staat als insti- tutioneller Apparat, der ja mit Personal besetzt ist (!), gegen- über all denjenigen" abdichtet, die nicht nach rechts rücken wol- len und muß zur Kenntnis nehmen, daß der Staat sogar das Rechts- system ausnutzt, "um formal (!) den Übergang zum autoritären Staat vollziehen zu können". Ihre revisionistische Seite, die Il- lusion über den Charakter demokratischer Verfassungen und die diesbezügliche Jammerlappennatur offenbaren die Offenbacher auch durch ihre Teilnahme an einer Interpretationsveranstaltung, der sie beim Übergang zum autoritären Staat Bedeutung zusprechen. "Dabei spielt die Interpretation der Verfassung im Sinne der ka- pitalistischen Notwendigkeit eine wichtige Rolle." (50) Wer aber die Verfassung hochhält und ihre nicht-kapitalistische Interpretation verlangt, wer beklagt, daß in Krisenzeiten der Staat gewalttätig wird, daß die Linken zu "Bürgern mit halbierten Rechten" gemacht werden, der bekennt nicht nur, daß er die Demo- kratie für eine friedliche und verbesserungswürdige Angelegenheit hält, und bedauert - statt den Staat als Klassenstaat zu bekämp- fen - dessen Widerstand gegen das eigene Geschäft, er erschrickt auch davor, daß der Staat ihn als Gegner behandelt und muß daher sein politisches Treiben vor dem Staat legitimieren. In These 51 schreitet das SB daher zum endgültigen 'Beweis', daß es gegenüber dem Staat im Recht ist, und beginnt sogleich mit folgender bahnbrechender Enthüllung - "Die Ausübung staatlicher Gewalt ist nicht bloß (!) Ausdruck der Zuspitzung kapitalistischer Widersprüche." (51) (Daß er nur dies sein könne, ist eine der holden selbstgeschaffenen Drangsale des SB) -, die den Eindruck vermitteln könnte, das SB hätte vielleicht doch etwas kapiert. Die folgende Begründung seiner Behauptung zerstört diesen Eindruck. Denn nach einem Verweis auf die "Herrschaft des Kapitals über die Lohnarbeit" wohnt der Thesenleser einem inter- essanten, die heutigen Erfahrungen trefflich ergänzenden, wenn auch nicht begründenden Exkurs in die Geschichte bei, den insbe- sondere die arbeitende Bevölkerung dankend begrüßen wird: "So hat der Kapitalismus alle vorkapitalistischen Produktionsfor- men gewaltsam zerstört, die Arbeitskraft als mehrwertschaffende gewaltsam unter die Verwertung von Kapital subsumiert." (51) So (!) kann das SB wiederholen, was es eben behauptet hat und bei seiner Besprechung staatlicher Funktionen nicht herausfinden konnte. Sein eigener Verweis auf das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital ist leider kein schlagender Beleg für den Gewaltcha- rakter der bürgerlichen Verhältnisse, sondern eine Quelle des Irrtums über dieselben, welche das SB angesichts seiner Wiederho- lung auch als solche darstellen muß: "Da aber das ökonomische Herrschaftsverhältnis von Kapital über Lohnarbeit durch einen freien Vertrag auf dem Arbeitsmarkt zu- standekommt - wo der Arbeiter gezwungen ist für die Reproduktion seines Lebens seine Arbeitskraft zu verkaufen - entsteht nur allzu leicht (!) der Irrtum, die ökonomische Herrschaft sei Aus- druck sachgesetzlicher Notwendigkeiten und 'eigentliche' Herr- schaft nur die staatliche Anwendung außerökonomischer Gewalt. Krisenfreie Zeiten prosperierender Kapitalentwicklung mögen (!) so den Anschein einer freien Gesellschaft erwecken, in welcher die strukturelle (!), ökonomische Gewalt des Kapitalismus den Charakter freiheitlich demokratischer Ordnung annimmt." (51) Da man in Offenbach und Berlin nur allzu leicht dem Irrtum ver- fällt, freier Wille und Gewalt würden sich widersprechen, und da- her in diesen Städten die "freiheitlich demokratische Ordnung" den Anschein einer freien Gesellschaft erweckt, wird ein weiteres Mal die Krise bemüht, die das erfahren läßt, was man nicht be- greift. Mit der in der Krise erfahrenen "öffentlichen Gewalttä- tigkeit" ist das SB endlich dort angelangt, wo es hinwollte, beim 'Beweis', daß selbst seine harmlosen Interessen vom Staat, der ja selbst "vorbürgerlichen Rechtsprinzipien" nicht mehr halt macht, nicht gefordert, ja nicht einmal geduldet werden: "Dann stoßen auch spontane Arbeitskämpfe und Klassenkämpfe, wel- che das kapitalistische System zunächst (!) gar nicht in Frage (!) stellen, auf die Gewaltsamkeit kapitalistischer Produktions- verhältnisse." (51) Dabei legt es nicht nur das Geständnis ab, daß es die von ihm fe- tischisierten "Arbeitskämpfe und Klassenkämpfe (welche das kapi- talistische System zunächst gar nicht in Frage stellen)" nicht für eine Verlaufsform des mehrmals in Erinnerung gebrachten G e g e n s a t z e s von Kapital und Lohnarbeit hilft, also nichts davon weiß, daß die Verwertung des Kapitals und die Siche- rung der Reproduktion der Arbeiter sich a u s s c h l i e ß e n, sondern entschuldigt sich auch dafür, daß es bei den spontanen Kämpfen (!) nicht immer friedlich zugeht: "Die Gewalt wird jeder sozialistischen Politik durch den Zwang der Verhältnisse aufgezwungen." (51) Das SB hofft eigentlich, daß eine "sozialistische Massenbewegung gewaltlos an die Schalthebel (!) des Regierungsapparats ein bürgerlichen Staat gelangt" (51). kann aber über die "historische Erfahrung" nicht hinwegsehen, daß man mit dem "Ausbau (!) demokratischer Gegenmacht (!) des Prole- tariats" baden geht und abgeschlachtet wird. Und weil Erfahrungen auch im V. Teil der Thesen etwas ganz anderes sind als das Wissen darüber, warum etwas passiert, führt das SB einen der Schlüsse vor, die es den Revisionisten abgeschaut hat. Seine E r f a h r u n g der Identität von Recht und Gewalt nimmt es zum Anlaß, für das Recht einzutreten, und meint damit der Gewalt Einhalt gebieten zu können. Weil es am Faschismus nur die Diffe- renz zur Demokratie wahrnimmt und das ihnen gemeinsame leugnet geht es für die Demokratie auf die Barrikaden, wenn sie sich in eine Diktatur verwandelt: "Die Verteidigung demokratischer Freiheitsrechte ist in der bür- gerlichen Gesellschaft deshalb nicht taktisches Ziel, sondern (!) unmittelbare Existenzbedingung (!) sozialistischer Politik. Vor allem auch zur Erhaltung historisch errungener Freiheitsrechte der Arbeiterklasse." (51) Es verwundert nicht mehr, wenn die Erfahrung, daß "die sozialistischen und kommunistischen Organisationen gegenwär- tig machtlos sind" (51), weil der Feind über "Polizei, Grenzschutz und Bundeswehr" ver- fügt, das erschreckte Büro zu der Perspektive führt, die Gewalt- einrichtungen des Staates, die "ja mit Personal besetzt" sind, in seine Politik "miteinzubeziehen": "Deshalb (!) müssen die politischen Arbeits- und Agitationsmög- lichkeiten für Demokratie und Sozialismus im Polizei- und Mili- tärapparat vorrangig (!) und genau (!) untersucht und entwickelt werden." (51) (Woanders nimmt man's wohl nicht so genau!) Erfahrungsgemäß eignen sich dafür besonders die Bundeswehrhoch- schulen, "zumal hier Intellektuelle ihre besonderen Qualifikatio- nen nutzbar machen können." So heißt denn auch These 52 nicht "Reform oder Revolution", son- dern "Reform u n d Revolution". Denn mit seinem Übergang zum Kampf für Demokratie hat das SB aus einer Bedingung des Klassen- kampfes eine Notwendigkeit gemacht, die es nun auf eine Stufe stellen kann mit den Kämpfen der Arbeiter um ihre Reproduktion. Der Feststellung, daß es sich bei beiden nicht um die Sprengung der "Systemgrenzen (!) des Kapitalismus" handelt, folgt ein SB- logisches andererseits: "Gleichwohl enthalten diese Kämpfe insofern das eigentlich (!) revolutionäre Moment der Klassenauseinandersetzung, als sie ob- jektive Bedingungen (!) für die Konstitution (!) der Arbeiter- klasse als revolutionäres Proletariat schaffen. Nur (!) in sol- chen Kämpfen kann sich die Arbeiterklasse als handelnde Klasse erfahren (!), als welche sie durch das bloße Lohnarbeitsverhält- nis zunächst nur der Möglichkeit nach existiert." (52) Damit hat das Erfahrungsbüro endlich Gelegenheit gefunden, noch einmal grundsätzlich darzulegen, was es von der Arbeiterklasse hält und ihr zumutet. Kämpfe um die Erhaltung demokratischer Er- rungenschaften erhalten zwar das Kapitalverhältnis, sollen aber geführt werden, damit sich die Arbeiterklasse als handelnde Klasse erfährt. Denselben höheren Sinn mißt man in Offenbach den Kämpfen um die Reproduktion bei, deren immanenter Zweck, die Exi- stenzsicherung der Arbeiter ein Bewußtsein von der Notwendigkeit, die kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen, nicht zuzulassen scheint. Das SB verordnet den Proleten die Selbsterfahrung "als handelnde Klasse", ist bei nicht bewußt gegen das Kapitalverhält- nis geführten Kämpfen noch nicht einmal an der Reproduktion der Arbeiter interessiert, verspricht ihnen statt dessen einen "politischen Lernprozeß", dessen Ergebnis es kennt und leugnet zugleich. Es erwirbt sich das traurige Verdienst, sein Desinter- esse an der Entstehung von Klassenbewußtsein, seine Weigerung, durch theoretische und praktische Anstrengungen auf seine Beför- derung hinzuwirken, als Achtung vor der Autonomie der Arbeiterbe- wegung zu verkaufen. Sein immer und immer wieder vorgebrachter Angriff gegen die, die ihre "intellektuelle Einsicht" (Tautologie!), "Theorie", "aufgesetzte Programmatik" durchsetzen wollen - und hier verteidigen wir unsere Gegner von DKP, KPD und KBW -, ist keine Kritik an falscher Politik, sondern die Anwen- dung des zynischen Volksspruchs vom gebrannten Kind. Den Arbei- tern, Geschöpfen, denen laut SB alles durch Erfahrung und nur durch diese eingebläut werden kann, soll nichts erspart bleiben. Diese Gemeinheiten bestätigt das SB gerade dann, wenn es "Grenzen konkreter Interessenpolitik" (53) entdeckt und vor zwei "Gefahren" warnt. Der einen Gefahr, daß der Kampf um aktuelle In- teressen "abstrakt und illusionär" sein kann, will es dadurch be- gegnen, daß "beim Kampf um die aktuellen Interessen die kalkulierbaren Vor- aussetzungen seines Scheiterns (!) oder Gelingens benannt wer- den." (53) Das SB verarscht also nicht nur seine Adressaten, sondern will ihnen dies auch noch sagen. Es hat das Problem, "über das 'wirtschaftlich Machbare' (!) hinausweisende (!) Forderungen" zu stellen und hält deswegen etwas auf politische Aktionen, "die in Form und Inhalt das Maß (!) des vom kapitalistischen Sy- stem unter den jeweiligen Umständen Integrierbaren (!) über- schreiten (!)." (53) Allerdings will es den Arbeitern die Erfahrungen des Scheiterns nicht so undifferenziert zumuten, wie dies die anderen Organisa- tionen tun, gefährdet dies doch den Effekt des besagten Volks- spruchs und treibt die Arbeiter in die "Desorientierung und Resi- gnation" statt in die Arme des SB. So warnt es vor der zweiten Gefahr, Forderungen aufzustellen. "deren Erkämpfung und Erfüllung unter kapitalistischen Bedingun- gen von vornherein (!) aussichtslos ist". (53) da dieser "allzu (!) durchsichtige Widerspruch" nicht zu dem Lernprozeß führt, den das SB proklamiert. Es weiß aber ein Re- zept, wie man den Widerspruch undurchsichtiger und damit das Scheitern für die Arbeiter realistischer machen kann: man muß bei den aktuellen Zielen "die Mittel ... benennen (!), mit denen sie real (!) erreichbar sind." So proklamiert das SB die Perfektionierung des Zynismus. Es hat nämlich nichts gegen die Verfolgung blödsinniger Ziele, sondern kritisiert ihre Verfolgung mit dem Einwand, die Mittel wären un- tauglich: "Die Lösung der Probleme von Ballungszentren ist eben nicht er- reichbar über isolierte Investitionskontrollen" (Für Entballung durch nicht isolierte Investitionskontrollen!) "und die Mitbe- stimmung stellt eben kein wirksames Mittel der Kapitalkontrolle dar" (Für eine effektive, nicht mitbestimmte Kapitalkontrolle!). (53) Nach dieser originellen Manier, den Arbeitern und Sozialisten von allem abzuraten, was über 'realistische Interessenpolitik' hin- ausgeht, besinnt sich das SB auf seine eigenen Interessen und ihre realistische Verfolgung. Seine soziologische Untersuchung der sozialistischen Linken führt es zu dem Befund "daß in ihren Organisationen Angehörige der Intelligenzberufe überwiegen." (54) Da diese Leute als Mitglieder von Organisationen neben ihrem Be- ruf noch ein weiteres Merkmal aufweisen, - sie sind politisiert, d.h. sie verhalten sich laut Fremdwortverzeichnis des SB "realistisch" jeder "gemäß seiner Situation und seiner Interessen in der Gesellschaft" -, muß ihnen ein Weg gezeigt werden, der sie diese Doppelbelastung ertragen läßt: "Wir halten es für falsch, dieses Problem dadurch lösen zu wol- len, daß sozialistische Studenten oder Intellektuelle ihr beruf- liches Arbeitsfeld ignorieren. Wer seinen beruflichen Zusammen- hang als bloßen Broterwerb betrachtet (!), um in seiner Freizeit (!) an Aktivitäten mit revolutionärem Anspruch teilzunehmen, wer seinen Arbeitsplatz höchstens als unvermitteltes Agitationsfeld für die Propaganda seiner 'Partei' betrachtet, der verkennt, daß sich die Widerspruche der kapitalistischen Gesellschaft auch in- nerhalb des Bereichs der Reproduktion der Arbeitskraft äußern." (54) Nachdem man es so verstanden hat, Politik und Beruf als 'Arbeitsfelder' zu betrachten, Politik als Freizeitbeschäftigung zu denunzieren und sie dem Broterwerb unterzuordnen, als den aus dem SB unerfindlichen Gründen manche Leute ihren beruflichen Zu- sammenhang 'b e t r a c h t e n' (Wir halten diese "Betrach- tungsweise" für richtig - Vgl. Resultate I/23 f), nachdem dem Beruf so ein höherer Sinn verliehen wurde, der es nicht ge- stattet, ihn in die Niederungen politischer Agitation herabzuzie- hen, kann man auch die Berufstätigen in "Berufs- oder Arbeitsfel- der" (17) organisieren und sie über die Gefahr "ständischer Be- schränktheit" beruhigen: "Zweifellos birgt dieser Arbeitsfelderansatz die Gefahr (!) stän- discher Beschränktheit in sich, jedenfalls dann (!), wenn sich die jeweiligen Interessen gegenüber der sozialistischen Gesamt- perspektive (!) verselbständigen (!). Dem kann jedoch nur begeg- net werden durch Fortschritte in der Organisation der Arbeiter- klasse (!)." (54) Ob ein Ansatz ständisch beschränkt ist, liegt also nicht an ihm, sondern an den Fortschritten in der Organisation der Arbeiter- klasse. Und da diese Fortschritte noch nicht allzuweit gediehen sind, worauf das SB ja oft genug hingewiesen hat, ist die Ver- selbständigung der jeweiligen Interessen auch unvermeidlich, weil 'Ausdruck' der mangelnden Fortschritte. Was kann die Sozialisti- sche Assistentenzelle oder die Fraueninitiative dafür, wenn das SB immer noch vergeblich darauf wartet, daß "die politischen Pro- bleme der Arbeiterklasse die Politik der Sozialisten organisiert bestimmen"? Einstweilen können ja "die Sozialisten in diesen Bereichen ansatzweise (!) die Kritik an den Inhalten ihrer Tätigkeit mit den Interessen der Arbeiter- klasse und der übrigen Lohnabhängigen verbinden (!)" (54) Eine Kritik an den Sozialberufen, am Reproduktionsbereich, die erst noch mit den Interessen der Arbeiterklasse 'verbunden' wer- den muß, schafft natürlich "politische Probleme in den Arbeits- feldern" (55): "im eigenen Arbeitsfeld sind jene Probleme zu behandeln, die für die Lage und für die Interessen der Arbeiterklasse bedeutsam sind." (55) Erst wenn man dieser Problemauswahl folgt, kann durch "berufsbezogene Theorie und Praxis und öffentliche Argumentation" etwas erreicht werden. Das SB hat sich sehr viel vorgenommen: "Gleichzeitig kann dort (in den spezifischen Arbeitsbereichen) (!) herausgearbeitet werden welche alternativen (!) Losungen sol- cher Probleme" (gibt's die denn da immer noch?) für eine soziali- stische Gesellschaft gedacht und entwickelt werden müssen. Auf diese Weise (!) kann das ideologische Übergewicht" (kleine Abma- gerungskur durch das SB gefällig?) des Kapitalismus angegriffen werden." (55) Und auch auf die aus der "Protestbewegung" erwachsenen "konkreten Aktionen und Experimente" möchte das SB nicht verzichten, sind sie doch "für uns wichtig und organisationsstiftend als Vorbereitung für die notwendige Erschütterung (!) des Einverständnisses der Massen mit den bestehenden Zuständen." (55) So gedenkt also das Büro aus allen Experimenten und politischen Anliegen, die es vorfindet, seinen Nutzen zu ziehen: Spontanei- stische Barbarei, spartakistische Demokratieillusionen, Parolen aus dem DVD und Relikte der Bergpredigt versammeln sich in einem friedlichen Nebeneinander von begrüßenswerten Ansätzen, deren Herkunft zu entdecken linken Rätselfreunden keine Schwierigkeiten machen wird: "Diese Ansätze sind: - Bildung von Kollektiven für repressions- arme Kindererziehung: - Studentengruppen, die für andere Ausbil- dungsinhalte kämpfen, die für die Demokratisierung von Hochschule und für die Mitbestimmung über Forschungszwecke eintreten: - Lehrergruppen, die nicht mehr die bürgerliche Ideologie lehren, die für die Benachteiligten eintreten, die gegen die Klassen- schule kämpfen und die sich gewerkschaftlich organisieren; - Wissenschaftler, die ihre Arbeit den Interessen der Arbeiter- klasse dienstbar machen; - Sozialarbeiter, die den "Verwahrlosten" helfen, sich selbst zu organisieren; - Lehrlinge, die sich zusammenschließen, um ihre Rechte und Interessen kollek- tiv zu vertreten; - Wohngemeinschaften, die neue Formen für ein solidarisches Zusammenleben zu verwirklichen suchen." (55) Die Frage nach dem Erfolg, die das SB anderen Organisationen vor- legt, um sie abzulehnen, stellt es sich selbst, um sich zu ent- schuldigen. Sein Wirrwar von Ansätzen wird nicht nur "überall vom bürgerlichen Staat mit Behinderung, Bedrohung und (!) Berufsver- boten bekämpft"; ein Vorwärts ist ihm letztlich nur beschieden, wenn auch außerhalb der BRD etwas passiert: "Eine revolutionäre Perspektive ist nur noch international denk- bar." (56) Der Internationalismus hat für das SB eine doppelte Bedeutung. Erstens handelt es sich um eine moralische Frage - (moralisch im Sinne der Verwendung in den Thesen heißt: "von be- stimmten Verhaltensvorschriften ausgehend sich verhalten, ohne daß dies aus der eigenen Klassenlage heraus bestimmt wäre") -; "Internationale Solidarität ist für uns nicht nur eine moralische Frage." (56) Zweitens pflegt man in Offenbach den Internationalismus nicht als eine Notwendigkeit, der man folgt, weil man das Kapitalverhältnis - und das heißt den Imperialismus - beseitigen will, sondern weil man die diversen Sauereien auf dem Globus wieder einmal als Lern- material zu schätzen weiß; "Jede revolutionäre Perspektive muß die internationalen Zusammen- hange einbeziehen. Daraus ergibt sich das besondere Interesse (!), das Sozialisten" (nein - SBler!) "in Westdeutschland den re- volutionären Bewegungen auch in den übrigen Ländern Westeuropas sowie in anderen Teilen der Welt entgegenbringen müssen. Aus Er- fahrungen zu lernen und daraus (!) politische Konsequenzen zu ziehen, heißt demzufolge (!) auch, aus den Siegen und Niederlagen von Klassenbewegungen in anderen Ländern lernen." (56) Seinen Erfahrungskurs untermauert das SB also gleich mit zwei je- dermann vertrauten Phänomenen. Wer hätte sich beim Anblick türki- scher Arbeiter noch nicht Sorgen darüber gemacht, ob man sie nicht aus ihrem "politischen Niemandsland" (57) herausreißen und in die eigene politische Praxis einbeziehen könnte! Und wer hätte noch nicht im Spiegel von der "ungeheuren Machtentfaltung inter- nationaler Konzerne" schaudernd Kenntnis genommen und festge- stellt, daß es nichts hilft, "die ungeheure Macht zu beklagen, die sich bei multinationalen Konzernen und internationalen Entscheidungsgremien (?) aufgehäuft hat." (58) Worauf allerdings nicht jedermann verfällt, das sind die "Konsequenzen der Linken aus der Internationalisierung des Kapi- tals." (59) Diese bestehen nämlich darin, die SB-Politik zum Prinzip des antiimperialistischen Kampfes zu erheben: Die Einheit muß her, und für sie gilt es auf ein bestimmtes politisches Pro- gramm zu verzichten, weil sie sich sonst nicht herstellt. Man könnte sich ja von der PCF, der PCI usw. unterscheiden und würde dann kaum noch Mitglieder dieser Vereine dazu überreden können, am einheitsstiftenden Erfahrungsaustausch in Publikationen und internationalen Veranstaltungen teilzunehmen: "Die Einheit der europäischen sozialistischen Bewegung ist aber nicht dadurch zu erreichen, daß einige linke Kleinorganisationen sich (!) als Verkörperung dieser Einheit präsentieren, sondern nur dadurch, daß konkrete (!) Klassenauseinandersetzungen sich (!) gegenüber dem Kapital international vereinheitlichen." (59) Daß für ein Büro die "solidarische Unterstützung der Befreiungs- kämpfe in der Dritten Welt" (60) nur eine Frage von Moral und Nutzen ist, spricht das SB in These 60 noch einmal aus: - "Die Notwendigkeit internationaler Solidarität mit den Befrei- ungsbewegungen der "Dritten Welt" beruht folglich nicht nur auf moralischen Beweggründen der Parteinahme für die geknechteten, ausgebeuteten und hungernden Völker, sondern ist darüber hinaus eine die Existenzbedingungen der sozialistischen Bewegung in je- dem einzelnen Land betreffende Aufgabe." (60) -, um dann exemplarisch die Lehren vorzuführen, die aus den Nieder- lagen sozialistischer Bewegungen zu ziehen sind. (18) Daraus. daß in Chile eine durch demokratische Wahlen zustandegekommene Volks- frontregierung von einem faschistischen Militärregime abgelöst wurde, und diese Ablösung mit dem üblichen Abschlachten von An- hängern dieser Regierung, der Einrichtung von KZ's und derglei- chen vonstatten ging, erlaubt sich das Büro folgende ungeheuerli- che Lehren zu ziehen: 1. Daß es recht hat mit seiner bereits verkündeten Weisheit, daß "das politische Klassenbewußtsein und die Einsicht in die Notwen- digkeit radikaler Umwälzung Ergebnisse und nicht Voraussetzung eines revolutionären Prozesses sind". (61) Damit hat es nicht nur revolutionäre Prozesse ohne revolutionäres Bewußtsein erfunden, sondern auch den Sieg der Konterrevolution in Chile als notwendige und nützliche Etappe des gebrannten Kind- Mechanismus akklamiert. 2. Daß es recht hat, wenn es falsche Politik als unumgängliche Erfahrungsquelle für die Arbeiterklasse preist: "Erst in dem Maße wie die Politik radikaler Reformen an die Gren- zen stieß, die ihr innerhalb der kapitalistischen Gesellschafts- formation gesetzt waren, gelangten die chilenischen Arbeiter zur Erkenntnis des Klassencharakters des bürgerlichen Staates." (61) 3. Daß es recht hat, wenn es diese Gemeinheit wiederholt, eine Kritik der Volksfrontpolitik unterläßt und ihr die Beförderung einer Zielsetzung zugute hält ("Eroberung der Macht durch die Ar- beiter"), mit der sie nichts zu schaffen hat: "In diesem Zusammenhang ist der qualitative Sprung, den die Her- ausbildung einer autonomen revolutionären Basisbewegung der chi- lenischen Arbeiterklasse darstellt, einerseits ein Resultat des von der Unidad Popular in Angriff genommenen sozio-ökonomischen Reformprogramms und bedeutet andererseits dessen revolutionäre Aufhebung in Richtung auf einen Kampf, der die tatsächliche Er- oberung der Macht durch die Arbeiter zum Ziel hat." (81) 4. Daß es recht hat, wenn es seinen Zynismus fortsetzt und der "Erfahrung (!) der Bedeutung militärischer Gewalt" weiterhin den Charakter nützlichen Lernmaterials zuschreibt und nicht im ent- ferntesten daran denkt, Wissen über den Charakter des Militärs zu erarbeiten und dieses Wissen dafür einzusetzen, daß gewisse Er- fahrungen überflüssig werden: "Aus dem widersprüchlichen Verhältnis von bürgerlicher Legalität und revolutionärer Massenmobilisierung sowie aus der Erfahrung der Bedeutung militärischer Gewalt, wie sie der Klassenkampf in Chile beispielhaft verdeutlicht hat, gilt es zu lernen." (61) Das SB vollbringt mit dieser These 61 eine Meisterleistung in der Darstellung seines Prinzips und zeigt auch nicht die leiseste An- deutung eines Unbehagens oder Ärgers über die falsche Volksfront- politik (19), geschweige denn des Hasses gegen die Faschisten - offenbar hat es über seinem Nutzen sogar seine Moral vergessen! Kaum hat das SB seinen Blick über die Landesgrenzen hinausgerich- tet, entdeckt es im Osten eine Reihe von Ländern, in denen Revo- lutionen stattgefunden haben und deren Berücksichtigung deshalb "besondere Probleme" mit sich bringt. Das erste Problem besteht darin - und nach unserer "Ableitung" (Anführungszeichen im Sinne des SB!) konnte hier nichts anderes kommen -, daß keine Einheit vorhanden ist und sich das SB dies falsch zu erklären sucht: "Von daher entstehen besondere Probleme die vor allem aus der Tatsache resultieren, daß das - in sich gespaltene - 'sozialistische Lager' aus einer Reihe von Nationalstaaten mit jeweiligen nationalen Eigeninteressen besteht, die durchaus in Widerspruch zu den Absichten, Interessen und Möglichkeiten sozia- listischer Bewegungen sowohl in den kapitalistischen Metropolen als auch in den peripheren kapitalistischen Regionen stehen kön- nen." (62) Da ja Sozialisten nach Auffassung des SB durchaus unterschiedli- che Interessen haben und um deren Vereinheitlichung willen Ver- ständnis füreinander aufbringen, können es natürlich nur die "nationalen Interessen" sein, die zu solch bedauerlicher Gegnerschaft zwischen SU und VRC-China geführt haben. Aber auch in der Lösung dieser Probleme entspricht das SB seinem Begriff. Es ist mit beiden solidarisch und deshalb mit keinem der beiden Kontrahenten es verspricht das Eigeninteresse dieser Staaten "einzukalkulieren", womit es dem Dilemma entgangen ist, ein kri- tisches Wort verlieren zu müssen, und erklärt beiden das Prinzip seiner Solidarität, den Nutzen, um klarzustellen, daß es weder Kritik noch Solidarität üben will: "Eine Solidarität mit der Sowjetunion oder mit China, die das na- tional begrenzte Eigeninteresse dieser Staaten nicht e i n k a l k u l i e r t (!), läuft somit Gefahr, in ein blin- des Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, das es dann s c h w e r m a c h t, eine autonome Politik (!) zu praktizieren, die sich an den konkreten Bedingungen und Notwendigkeiten des Klassen- kampfes im eigenen Lande orientiert. Sowohl die Abhängigkeit vieler kommunistischer Parteien von der sowjetischen Politik als auch die Hörigkeit eines Teils der Linken von der chinesischen Linie erweisen s i c h i m m e r w i e d e r a l s n a c h- t e i l i g für die Entwicklung der Klassenbewegung in verschie- denen Ländern und nicht zuletzt auch für die eine solche abhängige Politik betreibenden Parteien und Gruppen." (69) Das zweite Problem besteht darin, daß man den hiesigen Parteien und Gruppierungen "sowjetischer oder chinesischer Prägung (!)" dasselbe Recht widerfahren lassen muß wie den Russen und Chine- sen. Man darf nicht etwa sagen, sie hätten in der Unterstützung der einen oder anderen Seite, oder gar in beiden Fällen unrecht; die Höflichkeit von Einheitsstiftern gebietet hier die Form des Bedenkens: Diese Organisationen "sind sehr schnell (!) bei der Hand mit fertigen (!) Einschätzun- gen der Sowjetunion oder Chinas ..." (62). Und das ist bedenklich, denn das dritte Problem besteht darin, daß das SB sich sehr schnell zu einer unfertigen Einschätzung je- ner beiden Riesenreiche bekennen muß. Dem SB "fällt eine genaue bzw. (!) positive Charakterisierung dieser Ge- sellschaften weitaus schwerer; sie kann zunächst einmal nur be- stimmen, was die Sowjetunion und China nicht sind: nämlich nicht sozialistisch und nicht kapitalistisch." (62) Das vierte Problem liegt darin, daß man nun schon einmal angefan- gen hat, über Russen und Chinesen zu reden und deshalb trotz al- lem etwas über sie sagen möchte, jedoch treu dem Grundsatz, Soli- darität und deshalb auch Kritik zu unterlassen. Dazu ist es er- forderlich, endlich einmal darzutun, daß es Russen und Chinesen gleichermaßen nicht leicht haben: "Die wesentlichen sozialistischen Elemente des menschlichen Zusammenlebens, die an die Stelle kapitalistischer Verkehrungen treten müssen, können sich folglich in diesen Ländern nur unter größten Schwierigkeiten entwickeln." (62), was dem SB Gelegenheit gibt, den Hinweis los zu werden (wofür ihm die Völker des Ostens sicher dankbar sind), daß trotz aller Er- rungenschaften "noch keineswegs das erreicht ist, was Marx unter einer soziali- stischen Gesellschaftsformation verstanden hat". (62) So ist das SB endlich an dem Punkt angelangt, den wir in unserer Vorliebe für abstrakte Begriffe als sein Prinzip an den Anfang gestellt haben - der kritischen Solidarität gegenüber den Linken. Es macht nun den besagten Streifzug durch die politischen Organi- sationen, die ein Interesse an den Arbeitern bekunden, solidari- siert sich mit keiner von ihnen, kritisiert aber auch keine - kritische Solidarität -, fordert alle zur Diskussion auf und bie- tet dafür im VI. Teil den entsprechenden Organisationsrahmen an - ein Büro. Es beschließt sein Thesenmachwerk mit einer Anweisung, wie mit den Thesen umzugehen sei. Es empfiehlt, "die hier vorgelegten Thesen des SB als vorläufige politisch-öko- nomische Situationseinschätzung und praktische Perspektive des SB zu diskutieren, zu ergänzen und zu verbessern, um so schrittweise zu einer größeren Verbindlichkeit der Positionen und der politi- schen Praxis zu kommen." (74) "Kurz und Schluß: Damit Mangel, Leerstellen, offene Probleme ver- bessert, gefüllt und gelöst werden können soll dieser Entwurf der Thesen des Sozialistischen Büros in den Gruppen, Arbeitsbereichen und arbeitenden Einheiten an der Basis so ver- und bearbeitet werden, daß als Ergebnis der Anstrengungen ein weiter verbesser- tes Produkt mit höherem Gebrauchswert entsteht." (Nach- bemerkungen) Leider hat uns die Lektüre der Thesen davon abgehalten, dieser Einladung Folge zu leisten, was uns sicher von Seiten des SB manch "formelhafte Abqualifizierung" (68) einbringen wird. Als Ersatz für unser Versäumnis können wir lediglich unsere Kritik vervollständigen und den Grund für die Existenz des SB darlegen. Der Kampf der verrückten Reformisten ------------------------------------ um die revisionistische Linke ----------------------------- Die kritische Solidarität, die das SB den Linken angedeihen läßt, stellt einen Angriff auf deren Politik dar, der durch seine falschen Argumente auf den positiven Inhalt und die Herkunft des Offenbacher Antikommunismus verweist. Dieser Antikommunismus un- terscheidet sich von der Gegnerschaft bürgerlicher Staatsmänner, die aufgrund ihres Interesses an der Erhaltung der kapitalisti- schen Verhältnisse und unmittelbar der ihnen zugehörigen Staats- gewalt in Linken ihre Feinde bekämpfen, ganz erheblich: er ver- dankt sich einem p o s i t i v e n Interesse a n der Existenz der linken Organisationen. Die Ablehnung ihrer Zielsetzung ist nicht das Resultat ihrer Kritik, sondern die Konsequenz eines Schlusses aus der Anteilnahme des SB am S c h e i t e r n, an der Erfolglosigkeit der Linken. An die Stelle der Untersuchung, ob die Programme und Aktivitäten einzelner Vereine Unterstützung oder Ablehnung verdienen, der Prüfung ihrer Ziele, tritt hier stets die Feststellung, daß ihnen dies und jenes n i c h t g e l i n g t. Die Frage nach dem Grund dieses Scheiterns wird explizit mit dem Zirkel beantwortet, die betreffenden Organisa- tionen würden eben darin versagen, die von ihnen Angesprochenen von ihrem Vorhaben zu überzeugen; so daß dem Fehler, die Diffe- renz der Linken zu ihren Adressaten für ihre Misere verant- wortlich zu machen der Boden bereitet ist. Dem SB geht es um die Vereinigung der Sozialisten zu einer Bewegung, auf dem Weg der Beseitigung n i c h t i h r e r M ä n g e l, die für die Zersplitterung als Grund zu erschließen sind - sich ausschlie- ßende Interessen können kaum gleichermaßen richtige Anliegen ver- folgen -, sondern über den Umweg der A n p a s s u n g soziali- stischer Politik an die Interessen, die sie bei ihren Adressaten v o r f i n d e t. Die Thesen akzeptieren an den Bemühungen der mit kritischer Solidarität bedachten Kommunisten nicht deren In- halt, sondern die Form, die sie annehmen: den Versuch, Arbeiter und andere Leute zum K a m p f zu bewegen, heißen sie gut - den Zweck des intendierten Kampfes dagegen denunzieren sie als diesem Versuch abträgliche Zutat, die auf berechtigten Widerstand stößt. Sein Vorhandensein reicht dem SB, finsterste Manipulations- und Bevormundungsabsichten zu wittern. So richtet sich der Antikommu- nismus aus Offenbach auf die B e l e h r u n g von Kommunisten, deren Sorgen um die Nöte der Menschheit er teilt, ohne die mit ihnen verbundenen Strategien zu billigen. Die Politik des Sam- melns und Vereinheitlichens lebt vom Insistieren auf den Erfah- rungen und Bedürfnissen der Leute, auf die es kommunistische Agi- tation abgesehen hat; wo Kommunisten durch die E r k l ä r u n g dieser Erfahrung die Adressaten zum Kampf gegen den Kapitalismus bringen wollen, veranlaßt ihr Mißerfolg das SB zur Einladung, doch die bereits v o r h a n d e n e n Bedürfnisse und Interes- sen zur Grundlage des Kampfes zu machen, und vergißt dabei ganz, daß diese gerade nicht zum Kampf drängen. Die Parteinahme für die "autonomen Kämpfe" ist eine Verteidigung des Bewußtseins und der Interessen mit denen die Arbeiter das Fortbestehen des Kapital- verhältnisses sichern, und zugleich der Wunsch, diese I n t e r e s s e n zum Inhalt eines Kampfes werden zu lassen. Daß sich das SB einen Kampf gegen das Kapital ersonnen hat, der sich aus einer a f f i r m a t i v e n Stellung zur Arbeiter- klasse begründet, wird auch an seiner "Kritik" des Reformismus deutlich: Auch ihm gegenüber meint das Büro vor allem sein Schei- tern ins Feld führen zu müssen, hält ihm vor, daß er seine Ver- sprechungen nicht einlösen könne, und bezichtigt ihn damit der Preisgabe seiner Ziele. Die hiermit zur Schau gestellte Ahnungs- losigkeit bezüglich der Natur bürgerlicher Parteien und ihrer Zielsetzungen - in Offenbach macht man aus der Tautologie "scheiternder Reformen" gleich das "Scheitern der sozialdemokra- tischen Strategie" - entspringt dem Standpunkt des reformisti- schen Interesses am Funktionieren der bürgerlichen Scheiße. Nur deshalb gelingt dem SB auch aus dem "Versagen" des Reformismus einen positiven Ausgangspunkt für eine sozialistische Bewegung zu drechseln, einen "Desillusionierungsprozeß" über die "Erfolgsaussichten" der SPD zu begrüßen und daraus seine "autonomen Kämpfe" entwickeln zu wollen. Wenn die SPD ihre Ziele nicht verwirklicht, was bleibt einem Anhänger von Reformen dann anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht mehr täuschen zu lassen über den Anspruch der Sozial- demokraten, die Partei der Arbeiterklasse zu sein? - fragt sich das SB und macht sich stark für einen v e r r ü c k t e n R e f o r m i s m u s, der den Standpunkt des Staates, das In- teresse am Funktionieren beibehält, ihn aber gegen den existenten Staat kämpferisch durchsetzen will. So nimmt man in Offenbach trockenen Auges den Inhalt der Politik aus den aktuellen Interessen der Arbeiter, die sich - was man verständnisvoll zur Kenntnis nimmt - ihre Ausbeutung noch gefal- len lassen, verherrlicht jede E r f a h r u n g v o n B e s c h r ä n k u n g e n und hält sich auf diesen "Realismus" als Alternative zur restlichen Linken etwas zugute. Am Reformis- mus, mit dem das SB das Sammeln von Mißständen dieser Gesell- schaft besorgt und die Nachteile der arbeitenden Bevölkerung dra- stisch zu schildern weiß (Vgl. MSZ Nr. 5), gefallen den Büroso- zialisten die Ideale - vom realen Zweck und Tun der SPD will es gar nichts wissen; und die Korrektur, die den Anstrengungen um die Funktionsfähigkeit unserer Ordnung von seiten des SB zuteil wird, besteht in der k ä m p f e r i s c h e n Verwirklichung dieser Ideale. An den Linken hingegen gefallen denselben Leuten die K ä m p f e, auf die sie aus sind. Hier gilt es die I d e a l e zu beseitigen und sie den "realen Interessen" zu op- fern. Das Arsenal von "Argumenten", mit denen die Thesen gegen beide Freunde des SB aufwarten, haben wir zur Genüge kennenge- lernt: es ist die barbarische Interessiertheit des S p o n t a n e i s m u s an negativen Erfahrungen, die begrün- den soll, daß sozialistische Politik darin besteht, alle Leute bei dem zu unterstützen, was sie selber wollen, und zum diesbe- züglichen "autonomen" Kampf zu animieren. Die politische Konse- quenz der brutalen Besichtigung von gesellschaftlichen Gruppen aller Art gemäß den Vor- und Nachteilen für die Intentionen des SB, wobei die höheren Grade der Betroffenheit durch die kapitali- stische Scheiße zu Vorzügen werden, spricht man in den Thesen freilich auch aus: Die besondere "Berücksichtigung" der ernied- rigten Partikularität, die man nicht ernst nehmen will, macht sich i n n e r h a l b des SB als Konflikt geltend zwischen den gleichermaßen berechtigten Interessen, Arbeitsfeldern und Ansät- zen. An sich selbst e r f ä h r t das Büro, was seine Urheber nicht d e n k e n wollen: daß Einheit und Solidarität nur Ideale der Konkurrenz sind... Im spontaneistischen Beharren auf den "realen Bedürfnissen und Interessen" seiner Adressaten, setzt sich das SB von zwei politi- schen Positionen ab, die zugleich seine positive Grundlage abge- ben: die Verwendung desselben Vorwurfs gegen eine Variante bür- gerlicher Politik und gegen die zersplitterte Linke - was allein schon zeigt, daß es sich um f a l s c h e Kritik handelt -, der im Hinweis auf ihr Scheitern besteht, zeigt, daß es an beiden sein Interesse entdeckt. D e s h a l b verzichtet das SB groß- mütig auf die Analyse sowohl des Reformismus wie des Revisionis- mus, dessen E r s c h e i n u n g in der Konkurrenz der heuti- gen linken Organisationen vorliegt: - Hätte es die feindlichen Brüder DKP, KBW, KPD und MLs unter- sucht, wäre es darauf gestoßen, daß sie allesamt eine Politik vom Standpunkt des S t a a t s b ü r g e r s aus betreiben und die in der bürgerlichen Gesellschaft nicht befriedigten Interessen als b e r e c h t i g t e zum Inhalt ihres Kampfes machen. Die Phrasen über Kapital und Arbeit, die bei ihnen vorkommen tragen sie stets so vor wie das SB in These 16 und weiland das Gothaer Programm - sie haben nichts mit dem Marxismus im Sinn, sondern berufen sich auf ihn - er ist für sie nicht w i s s e n s c h a f t l i c h e Anleitung zum Handeln, sondern eine Weltanschauung, mit der sie ihren S t a n d p u n k t den N u t z e n d e r Z u k u r z g e k o m m e n e n, darlegen. (Die diversen bündnispolitischen Purzelbäume sind die Konsequenz dieser nicht-proletarischen Politik!) Stamokap-Theorie und Ver- wandtes, die Unfähigkeit all dieser Vereine, den Klassencharakter des Staates anders als aus seinem N u t z e n für die Bour- geoisie (dito bei der Wissenschaft!) zu erklären, aber auch (was dazugehört!) vom Staat viel N u t z e n zu f o r d e r n, sind die logische Folge ihrer gar nicht komplexen Weltanschauung: Monopole beschränken den Nutzen der vielen, der Staat hilft den wenigen ... Forderung nach w a h r e r Demokratie, Chancen- gleichheit etc. und was es sonst noch an Ausdrücken für Konkur- renz gibt, wären dann doch dem SB kein Rätsel mehr gewesen, und noch weniger ein positiver Anknüpfungspunkt! - Hätte das SB die SPD-Politik studiert - statt in PROKLA-Fußno- ten zu f o r d e r n, es "m ü ß t e" nachgewiesen werden, daß (!!!) sie eine bürgerliche Partei ist -, so wäre ihm sicher auf- gefallen, daß aus den immanenten Störungen der kapitalistischen Reproduktion der Reformismus als eine Variante der Ausübung der Staatsgewalt notwendig wird. Seine Sorge ums bessere Funktionie- ren hätte dann selbst vom SB als Sorge um die Erhaltung der Klas- sengesellschaft entziffert werden können! (Vgl. hierzu MSZ 5 zum "Orientierungsrahmen 85") Doch sind wissenschaftliche Unternehmen dieser Art den Leuten fremd, die ständig von "Realanalyse" reden und falsche Formeln für die Profitrate damit meinen, den bei Marx formulierten Geset- zen des Kapitalismus ihren Erkenntnischarakter bestreiten und sie "empirisch" nachweisen wollen ("Begriff und (!) Realität", "Theorie und (!) Empirie" etc. heißt sowas im modernen Methoden- gemetzel!): sie haben einen reformistischen Standpunkt - und leugnen ihn, weil der Reformismus ihnen nicht erfolgreich genug vorkommt. Und sie übernehmen die politischen Zwecke der Revisio- nisten, um sie fallen zu lassen, weil auch diese (falsche) Poli- tik ihnen keinen Erfolg garantiert. Und schließlich machen sie aus der wechselseitigen Abwägung beider Positionen ein Programm, nennen es stolz Thesen, machen dann gleich H y p o t h e s e n daraus und finden das alles bescheiden. Obgleich das SB "formelhafte Abqualifizierungen" nicht mag, können wir nicht um- hin, diese Bescheidenheit beim Namen, und das heißt u n v e r s c h ä m t zu nennen. Es lohnt sich, dieses Desinteresse an jeglicher objektiven Aus- sage, das die Sicherheit im Kampf gegen Wissenschaft (= Dogmatis- mus) und Kommunismus (= entspricht nicht den realen Erfahrungen) ausmacht, bei seinem Umgang mit falschen politischen Bemühungen zu betrachten, erhellt doch hieraus der Grund und die - sit venia verbo - B e d i n g u n g für die Existenz des SB, welche es sich zu erhalten redlich bemüht. - Dem Reformismus gesteht es sein Ideal als seinen Zweck zu; es beklagt, daß die Reformstrategie einer Partei den N u t z e n der Bürger nicht sichern kann und hofft auf den "Schluß" der Lohnarbeiter, daß sie um ihren Nutzen kämpfen müssen und damit wissen, daß der Inhalt des Kampfes mit ihren außer acht gelasse- nen Interessen, die sie der Erfahrung entnehmen, gegeben ist. Und um zu diesem Resultat - dem Kampf der Revisionisten als Alterna- tive zum Reformismus zu gelangen, müssen die Thesen das Nicht- funktionieren des Kapitalismus (sämtliche Varianten von Krisen) als Erfahrungsmaterial offensichtlich machen, dem Staat sein Ver- sagen bei der Bewältigung der ökonomischen Krise vorwerfen (auch er steckt in der Krise) und mit dem Versagen des Staates den "autonomen Kampf" der Arbeiter aus diesen miesen Erfahrungen rechtfertigen. Und wo N u t z e n l e g i t i m i e r t wird läßt die moralische Sauce nicht lange auf sich warten - ihre feinste Zubereitung erhält sie in der Entschuldigung für den eventuell gewaltsamen Charakter von Kämpfen (warum heißen sie denn eigentlich "Kämpfe"?). Das SB entblödet sich nicht, zu be- teuern, daß ohne dieses Versagen des Staates, das diesen nicht dazu bringt, sich aufzugeben die meist noch nicht einmal an den "Systemgrenzen" rüttelnden Kämpfe auch den gewalttätigen Charak- ter entbehren können. Dieser Teil der Deduktion - der sich in gelehrter Form als "staatstheoretische Probleme" in den PROKLA dargeboten findet - ist eine überzeugende Demonstration dessen, was "kritische Wis- senschaft" aus dem Marxismus zu fertigen versteht. - Dem Revisionismus verübelt das SB sein Ideal, seinen Stand- punkt, welchen er als Marxismus-Leninismus und in mancherlei Parolen verkleidet vorbringt, obgleich es das Interesse am K a m p f durchaus teilt. Die "höheren Ziele" der Revisionisten sind ihm deswegen ein Greuel, weil sie sich dadurch von den Adressaten, deren Nutzen sie erkämpfen möchten, isolieren. Iden- tifiziert sich das SB bei seiner Auseinandersetzung mit der SPD mit dem Ideal des Staates die Mängel in den Wirkungen der Konkur- renz zu beseitigen, um ihr Funktionieren zu gewährleisten, macht es hier ohne weitere Umschweife die unmittelbaren Konkurrenzin- teressen zum Argument gegen alles über sie Hinausgehende. Dabei wird es nicht nur gewerkschaftsfeindlich - in der Koalition neh- men die Arbeiter B e s c h r ä n k u n g e n ihres individuel- len Interesses in Kauf, um es weiter verfolgen zu können; es mo- bilisiert auch die alten Hüte bürgerlicher Freiheitsvorstellungen gegen alles, was wie Kommunismus aussieht (Leninismus-Vorwurf: "Bevormundung"). So setzt sich das SB gegen Revisionismus und Reformismus mit spontaneistischen, die Partikularität seiner Adressaten ihre un- mittelbaren Erfahrungen und Interessen als allein berechtigtes Programm duldenden "Argumenten" ab - und kann dabei noch nicht einmal Originalität reklamieren. Alle seine Einwände gegen die eine oder andere Position gibt es schon - eben bei der jeweils anderen. Und das Geltendmachen der freien Individualität, die "selbständig und selbstbewußt" sich durch kein von anderer Seite vorgebrachtes Argument beeinflussen läßt, dafür aber die e i- g e n e (!), negative Erfahrung, ihren Frust zum Motor der "Emanzipation" kürt und bei ihren Handlungen die Erklärung der Frusts höchstens "psychologisch" (das heißt falsch!) zuwege bringt, ist ebenfalls schon Teil des unseligen linken P l u r a- l i s m u s, neben dem sich das SB als s e i n e Einheit eta- bliert hat und in der Vielfalt seiner Arbeitsfelder gewahren muß, daß es einen p r a k t i s c h e n I d e a l i s m u s dar- stellt. So ist ein SBler kein Reformist, kein Revisionist und kein Sponti - und doch alles in einem, was das SB in seinem Programm zur Sammlung von gescheiterten Spontis, frustrierten Revis und ent- täuschten Sozialdemokraten auch bekennt. Und wer seine eigene Identität aus bereits v o r h a n d e n e n falschen und sich widersprechenden Positionen bezieht, der muß die Diskussion er- möglichen, den Austausch befördern und für K o o r d i- n a t i o n sorgen - eben ein Büro eröffnen ... Nachdem das SB seine Thesen vorgelegt und ihre Vorläufigkeit be- teuert hat sowie die unverfrorene Bitte losgeworden ist, an der Verbesserung der Thesen diskutierend mitzuwirken, unternimmt es einen letzten Schritt, seinen ignoranten Antikommunismus gegen Kritik abzusichern. Es hat sich bei seiner Propaganda der Erfah- rung in Widerspruch nicht nur zu seinen Adressaten (die sich al- lesamt mit Erfahrungen nicht bescheiden, wenn sie wissen wollen, was zu tun ist) sondern zu sich selbst gesetzt. Ausgerechnet im Interesse seiner Politik der unmittelbaren Interessen hat es a r g u m e n t i e r e n müssen und ist dabei das Risiko eingegangen, sich von den Erfahrungen allzuweit zu entfernen und ernst genommen zu werden. Doch auch die Gefahr, daß die Argumente der Thesen beim Leser den Eindruck erwecken, auch das SB hätte den Wunsch, daß es in der Politik begründet zugehen soll, gewahrt man in Offenbach nur in der Weise wie der gemeine Verstand. Man meint, durch den Gebrauch von Fremdwörtern sich von der allen zu- gänglichen Welt der Erfahrung entfernt zu haben und leistet sich deswegen ein Curiosum. Das SB präsentiert ein "Fremdwörterver- zeichnis - im Sinne der Verwendung in den Thesen (!)", also keine Hilfe zur Beseitigung terminologischer Schwierigkeiten, sondern eine Bekräftigung, daß hinter all diesem griechischen und lateinischen Wortgeklingel nur das steckt, was das SB auch in schlechtem Deutsch erzählt hat. Was diese Worte wirklich bedeuten, kümmert das SB recht wenig, ja es gesteht sogar zu, daß sich außerhalb der Thesen anderes bei ihnen denken läßt. Bei diesem Geschäft, Wörter gemäß den Zwecken des SB zu definieren, liefert das Fremdwörterverzeichnis folgerichtig eine Kurzfassung der Kritik an der "Verwendung" dieser Wörter innerhalb der übrigen Linken und damit an deren Zielsetzungen. So konnten wir aus diesem handlichen SB-Konversationslexikon auch einige Aufschlüsse über die matten Sprüche gewinnen, die das SB uns ent- gegenhalten wird, die wir uns so kaltschnäuzig über sein Gebot der Diskussion hinweggesetzt haben. Gemeinsam mit den namentlich erwähnten Organisationen wird uns das SB vorwerfen, daß wir eine sehr kleine Organisation seien und die Arbeiterklasse nichts von uns wissen wolle: wir sind eine "Sekte" - "Sekte, sektierisch - kleine gesellschaftliche Gruppe, die iso- liert von den wirklichen Vorgängen und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft rechthaberisch ein einseitiges Ziel verfolgt." - worauf wir nur ein schlichtes 'Na und' stammeln können. Denn un- sere Mitglieder zählen wir selber, von dem leider recht wirkli- chen Vorgang der SB-Sammelbewegung haben wir uns durch diese Kri- tik rechthaberisch isoliert und die Einseitigkeit unseres Ziels wollen wir im Gegensatz zum einseitigen Antikommunismus des SB nicht vertuschen. Dies bringt uns den Vorwurf des Dogmatismus ein. "Dogma, dogmatisch - starres Lehr- und Vorstellungsgebäude, des- sen Abstraktionen sich auf keine konkreten Erscheinungen mehr stützen und jeden Zweifel an der Richtigkeit ausschließen." Mit ihm schlägt sich das SB auf die Seite bürgerlicher Feinde der Wahrheit, die sich das Recht herausnehmen, an jedem Gedanken zweifeln zu dürfen, ohne sich der Mühe zu unterziehen, ihn zu wi- derlegen. Der Dogmatismus des SB, der sich skeptisch tarnt, be- trifft nur einen Punkt: daß alles ungewiß sei und deshalb auch niemand befugt sei, sein politisches Ziel ohne Diskussion mit den Vertretern anderer Auffassungen zu verfolgen. Es verlangt, daß wir nicht "borniert" sind - "Borniertheit, borniert - einseitiges Betrachten einer Sache, schmalspuriges, nur die eigene Situation berücksichtigendes Reden und Handeln, Beschränktheit" - sondern "differenzieren" - "differenzieren - unterscheiden, die verschiedenen Einzelge- sichtspunkte berücksichtigen" -, erneuert damit den Vorwurf der Einseitigkeit und befürwortet den Einzug partikularer Interessen in die Theorie; es will nicht, daß die objektive Erkenntnis dieser Gesellschaft die Politik be- stimmt, und wirft uns vor, daß wir es versäumen, differenziert zu "politisieren" - "politisieren - jemanden dazu bringen, sich realistisch, gemäß seiner Situation und seiner Interessen in der Gesellschaft zu verhalten." Indem wir uns selbst im Falle der Arbeiterklasse sicher sind, daß ihre revolutionäre Tätigkeit keineswegs ein Verhalten g e m ä ß ihrer Situation und ihrer Interessen i n der Gesellschaft ein- schließt, sondern die Beschränkung ihrer Interessen ein Verhalten g e g e n "die" Gesellschaft verlangt, verstoßen wir gegen ein Dogma der etablierten Linken. Das SB wird uns daher vorwerfen - ebenso wie Raddatz und der Stern dem toten Marx -, daß wir nicht etabliert seien - "etabliert - gut in seiner gesellschaftlichen Stellung einge- richtet" - und wird sich wohl auch wundern, wenn wir daraufhin nicht "resig- nieren" - "Resignation, resignieren, resignativ - das sich mit einer Si- tuation Abfinden, indem man nichts mehr dagegen tut." Diese Verwunderung gibt dann einen schönen Übergang zu dem Vor- wurf, daß, selbst wenn wir recht hätten, wir nicht recht hätten, daß ja die "bloß" wissenschaftliche "Ableitung" nichts n ü t z t. Solche Erfolglosigkeit der Wahrheit kommt nicht etwa unmittelbar daher, daß die Arbeiter den Kommunismus noch nicht zu ihrer Sache gemacht haben, sondern verdankt sich dem vom SB er- fundenen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Erfahrung. Deswe- gen definiert es Theorie als - "Lehre von allgemeinen Zusammenhängen, wo die Verallgemeinerung von Erfahrungen vorgenommen wird" - und bemüht sich tatkräftig, die Marxsche Wissenschaft, die ziem- lich abstrakt ist - "Abstraktion, abstrahieren, abstrakt - Verallgemeinerung, wobei vom jeweiligen Besonderen abgesehen (!) wird" - so zuzurichten, daß sie den Erfahrungen nicht mehr widerspricht und gelangt so zu einigen schlagenden Einwänden gegen Marx und uns, da Marxismus etwas anderes zu sein hat, als die Kritik des Kapitalismus - "Marxismus - Zusammenfassende Bezeichnung der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie als (!) historische, ökonomische, politische und erkenntnistheoretische Auffassung (!) der (!) Ent- wicklung des Menschen in der (!) Gesellschaft." - Denn wie die Erfahrung zeigt, ist Kapital kein Produktionsver- hältnis, sondern eine hinterfotzig angewandte Summe Geldes - "Kapital - zum Zwecke der Vermehrung im Handel, im Leihverkehr und in der Produktion eingesetztes Geld" -, konstant heißt dieses Geld, wenn es "für Maschinen und Rohstoffe aufgewandt wird", und variabel wird es auch nicht durch eine Funktion im Verwertungsprozeß, sondern weil es "zur Bezahlung der Arbeitskraft aufgewendet wird". Wer Kapital so definiert wie Dr. Gablers Wirtschaftslexikon und bei der Erklärung der funktionel- len Bestandteile des Kapitalwerts peinlich darauf achtet, "konstant" und "variabel" unerklärt zu lassen, sich dafür aber für die Verwendungsweise von Geldern begeistert, muß feststellen, daß "Lohnabhängiger" ein Fremdwort ist, das im Sinne des SB wegen seiner einheitsstiftenden Potenz verzeichnet werden muß - "Lohnabhängige - alle Menschen im Kapitalismus, die nichts be- sitzen außer ihrer Arbeitskraft und diese daher gegen Lohn ver- kaufen müssen." Und da die mannigfaltigen Weisen, Geld auszugeben oder zu erhal- ten, nur sehr diffuse Erfahrungen gestatten - "diffus - in verschiedene Richtungen sich bewegend, unklar" -, führt das SB zur gänzlichen Ausschaltung des Verstandes etwas "Irrationales" ein - "irrational - verstandesmäßig nicht erfaßbar" -, nämlich eine "Funktion" - "Funktion - Wirksamkeit, Amt, eine von etwas anderem abhängige, veränderliche Aufgabe" -, die "Charaktermaske": - "Charaktermaske - Funktion der Kapitalisten, Unternehmer und Manager, dem kapitalistischen Wirtschaftsgesetz Fleisch, Blut und Gesicht zu verleihen." Damit hat das SB nicht nur unserem fleisch-, blut- und gesichts- losen Kapitalkommentar, in dem statt von 'Lohnabhängigen' von Lohnarbeitern die Rede ist, in dem Kapitalisten eine andere Funk- tion haben und in dem von Unternehmern und Managern einfach abge- sehen wird, einen ernsten Mangel zur Last gelegt - es kann auch zeigen, daß es uns in all unseren Äußerungen an SB-Kreativität gebricht - "Kreativität - Fähigkeit, schöpferisch tätig zu sein" -, daß wir alle alten Erkenntnisse bürgerlicher Ökonomen über die Natur des Kapitalismus einfach fallen lassen, statt unsere Erfah- rungen auf sie zu beziehen, kurz: wir wollen keine Lernprozesse machen - "Lernprozeß - Vorgang, bei dem man aus Erfahrungen und Einsich- ten lernt, indem man neue Erfahrungen immer wieder auf alte Er- kenntnisse bezieht" -, und auch keine in Gang setzen. Im Gegenteil, mit unseren Ablei- tungen betreiben wir "Demagogie" - "Demagogie, demagogisch - wörtlich: 'Volksverführung', das Ver- leiten zu politischen Fehlschlussen gegen die eigenen Interessen der Zuhörer, indem man scheinbar nur logisch argumentiert." - Dies ist der alte, in den Thesen ein ums andere Mal wiedergekäute Vorwurf, man dürfe sich nicht zu den unmittelbaren Interessen der Arbeiter in Widerspruch setzen. Daß dieser Angriff auf Kommuni- sten die Arbeiter, die das SB beweihräuchert, zugleich für so dumm erklärt, daß sie sich von ihren eigenen offensichtlichen Er- fahrungen durch Argumente abbringen lassen, ficht das SB nicht an. Die Beschimpfung der Massen ist ihm recht, um Leute wie uns zu desavouieren. Für diese Arbeiterfreunde vom SB muß die Verfol- gung des kommunistischen Zwecks, der nicht mit dem falschen Be- wußtsein der Arbeiter identisch ist, als Gängelungsversuch der Arbeiter gemäß unserem sektierischen Vorteil erscheinen. So wird uns der noch von allen bürgerlichen Demokraten im Munde geführte falsche Vorwurf der "Manipulation" nicht erspart bleiben - "Manipulation, manipulieren, manipulativ - Machenschaft, um zu seinem eigenen Vorteil jemanden zu tauschen oder jemanden zu et- was zu veranlassen." Wenn das SB Argumente als Vorschriften, Agitation als Manipula- tion beschimpft hat und damit die Selbständigkeit der Arbeiter im Denken geleugnet hat, dann kann es endlich zum entscheidenden Vorwurf gegen uns ausholen. Wir bekämpfen die "Autonomie" der Ar- beiter, weil wir nicht ihre Erfahrungen affirmieren - "Autonomie, autonom - Selbständigkeit. Möglichkeit, sich in ei- ner Gruppe eigenständig Recht setzen zu können." Und das SB hat Recht damit. Da wir nämlich im Recht nicht eine nützliche Einrichtung zu erkennen vermögen, sondern es für ein staatliches Gewaltverhältnis halten, sind uns Gruppen, die auf ein "eigenständiges Recht" aus sind, ein Dorn im Auge. Sie haben nämlich nichts gegen das Recht sondern kämpfen für die Illusion, es für die Arbeiter angenehm und nützlich gestalten zu können. Und wenn wir so offen unser Vorhaben kundtun, anderen ihre Illu- sionen auszutreiben, bietet sich dem SB Gelegenheit, einen weite- ren Angriff gegen die AK zu starten. Es wird sich über die Ver- achtung und Arroganz beklagen, die wir gegenüber den redlich be- mühten Erfahrungsmenschen an den Tag legen, wird uns (wir nehmen ja alle Leute, sogar das SB, ernst) der mangelnden Solidarität (für das SB kein Fremdwort) der destruktiven Kritik (im Gegensatz zum SB bezeichnen wir Falsches als falsch und nicht als problema- tisch), der fehlenden "Loyalität" bezichtigen - "Loyalität, loyal - Treue zu einer Person oder Idee oder ge- meinsamen Sache" -, weil wir aussprechen, daß wir weder mit Personen noch mit Ideen Politik und schon gar nicht mit dem SB gemeinsame Sache machen. Auch ein gewisses Jammern darüber, daß wir die Argumente des SB verdreht hätten, nicht "dialektisch" zu Werk gegangen wären - "Dialektik, dialektisch - Betrachtung der Dinge in ihrer Wider- sprüchlichkeit und in ihrer Bewegung" - wird man in Offenbach nicht unterdrücken können. Unsere Kritik - so muß das SB sich beklagen - sei den Thesen nicht "adäquat" - "adäquat - angemessen, entsprechend" -, und unsere Polemik sei unseren Ausführungen nicht "proportional" - "Proportion, proportional - das Verhältnis der Teile eines Gan- zen untereinander" -, wobei uns auffällt, daß diese Definition nicht im Sinne der Ver- wendung in den Thesen verstanden werden kann, sondern die Thesen kennzeichnet: diese sind wirklich ein Ganzes, dessen konterrevo- lutionärer Blödsinn durch keines seiner Teile in Frage gestellt wird. Und auch an die Natur der "These" dürfte man uns erinnern - - "These - Satz, der eine Aussage zu einem bestimmten, meist wis- senschaftlichen oder gesellschaftlichen Thema macht" - und uns vorhalten, daß Wissenschaft in dieser Verdolmetschung doch eindeutig als Attribut eines Themas fungiert und wir Unrecht tun, in den Thesen mehr zu sehen als eben eine Aussagensammlung, eine Bandbreite von Problemstellungen. Weil wir über das Zeug nachgedacht haben, Schlüsse ziehen auf den Zweck von Leuten, die solche Unverschämtheiten veröffentlichen, statt uns die Pro- blemstellungen zu eigen zu machen, wird das SB auch gegen uns sein Gebot der Vorläufigkeit ins Feld führen. Und weil wir nicht nur die theoretischen Fehler seiner Aussagen korrigiert, sondern uns auch dazu verstiegen haben, das gemeine Interesse beim Namen zu nennen, das sich solcher Fehler als Waffe bedient, wird auch der Fingerzeig auf die verpönten "formelhaften Abqualifizierun- gen" nicht auf sich warten lassen. "Kurz und Schluß": Statt uns zu widerlegen, wird das SB einen Vergleich anstellen und Genüge an dem gar nicht überraschenden Resultat finden, daß wir kein Büro sind und trotz unseres langen Artikels zu den Thesen nicht vorhaben, mit ihm zu diskutieren. _____ 1) Die Ziffern hinter Zitaten sind die Nummern der Thesen. Her- vorhebungen stammen von uns! 2) Mit diesem Ansinnen sind die PROKLA-Vertreter, die das SB un- terstützen, dem Projekt Klassenanalyse wieder ein gutes Stück nä- hergekommen, so daß nachträglich die Spaltung der Sozialistischen Politik fast als ein bedauerliches Mißverständnis erscheint: "Durch die Freiheit der Kritik, des Ideenaustausches und der un- mittelbaren Debatte auf Basis der Gemeinsamkeit der Aktion ... kann der Vereinheitlichungsprozeß der verschiedenen Teile der Klassenbewegung und ihrer noch unterschiedenen theoretischen Ansichten beschleunigt werden." (Kleinbürgerlicher oder wissen- schaftlicher Sozialismus, Diskussionsband 3, Westberlin, 1974, S. 39) 3) Daß die Kritik an "abstrakten Begriffen" nicht deren Mangel meint (was sie erklären, ist durch sie zugleich noch nicht be- stimmt - wer weiß, daß das Kapital sich selbst verwertender Wert ist, versteht noch lange nichts vom Klassenkampf, der durch das "Kapital" nichtsdestoweniger erklärt wird), sondern der Feind- schaft des SB g e g e n T h e o r i e entspringt, beweist auch das Fremdworterverzeichnis - i m S i n n e der Verwendung in den Thesen -", das als Ersatz für fehlende Erklärung der in den Thesen aufgegriffenen Phänomene wie eine Entschuldigung für ein Zuviel an Theoretischem (das wäre doch wirklich nicht nötig gewe- sen!) anmutet und als solches wie auch durch die in ihm verbro- chenen Definitionen eine zusätzliche Demonstration der Theo- riefeindlichkeit des SB darstellt. Unter a beginnt dieses Verzeichnis mit "Abstraktion, abstrahie- ren, abstrakt - Verallgemeinerung, wobei vom jeweiligen Besonde- ren abgesehen wird". Mit der Oberschulerweisheit, die uns weisma- chen will, daß Verallgemeinerungen vom Besonderen absehen, es sie also gar nicht geben kann und darf, hat das SB nicht Abstraktion, sondern eine Tätigkeit definiert. Dieser Haufen Intellektueller hält sich auf seine Geistlosigkeit, eine Leugnung wissenschaftli- cher Objektivität etwas zugute. Es macht ihnen auch nichts aus, sich auf Marx zu berufen, als wäre es diesem um die Relativierung von Wissenschaft gegangen (vgl. Negts 'Lob' des Marxschen Werkes, das "alle Mittel der Selbstkritik" biete - als ob es Marx statt um die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur W i s s e n s c h a f t um die P r o b l e m a t i s i e- r u n g seiner im "Kapital" erreichten Einsicht gegangen wäre) und nicht um die Wahrheit über die Realität, die eben in Begriffen gefaßt wird: "(Es) führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens ... die Methode vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen (ist) nur die Art für das Denken, ..., sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig konkretes zu re- produzieren." (Gr/22) Dem SB hätte Marx wie den Vulgarökonomen vorgeworfen, daß die Unfähigkeit von Wissenschaftlern, einmal er- arbeitete Begriffe weiterzuentwickeln, bis sie die Reproduktion des Konkreten darstellen, noch lange nicht dazu berechtigt, Be- griffe und Abstraktionen mit Hinweis auf die Erfahrung zu bekämp- fen: "Ricardo begeht alle diese blunders, weil er seine Identität von Rate des Mehrwerts und Profitrate durch gewaltsame Abstraktionen durchsetzen will. Der Vulgus daher geschlossen, daß die theoreti- schen Wahrheiten Abstraktionen sind, die den wirklichen Verhält- nissen widersprechen. Statt umgekehrt zu sehen, daß Ric(ardo) nicht weit genug in der richtigen Abstraktion geht und daher zu den falschen getrieben wird." (TüM 2/440) 4) Es gibt eine Zeitschrift die betonen muß, "daß es sich im Rah- men einer wissenschaftlichen Zeitschrift immer nur um eine t h e o r e t i s c h e Kritik handeln kann" (Prokla 6/139) Diese Theorie schämt, weil sie keine Praxis ist, ist inzwischen nicht von ungefähr im Büro in Offenbach gelandet, wo sie hinge- hört - Altvater, Negt und Co haben jedem sichtbar bei den Thesen mitgemischt, was nicht verwundert. Wenn das SB 'ableiten' in An- führungszeichen setzt, so hat es dies von der Prokla gelernt, die in kaum einem Aufsatz versäumt, ihren Abscheu vor Ableitungen auszudrücken und darauf Wert zu legen, daß Theorie der Praxis keine Vorschriften zu machen habe: "Damit (mit der Unmöglichkeit, sich an eine der existierenden Gruppen zu binden) erwächst der theoretischen Arbeit jedoch k e i n e r l e i avantgardistische Funktion, die sie als d e d u k t i v e n A b l e i t u n g s z u s a m m e n h a n g ... oder als 'überparteiliche' Wahrheitsinstanz, der gegenüber sich die Arbeiterbewegung zu verantworten habe, fixieren wurde. Vielmehr ist davon auszugehen daß die Theoretische Arbeit selbst nur eine T e i l f u n k t i o n in dem angedeuteten Konstitu- tionsprozeß des Proletariats zur Klasse darstellt." (a.a.O./149) Die Prokla hält sich an dieses Kritikverbot so sehr, daß sie ihre Theorien auch auf die Beobachtung und Prognostizierung von Ent- wicklungs b e d i n g u n g e n des Kapitals, des Klassenbewußt- seins, der Gewerkschaften usw. beschränkt. Das Bekenntnis zum Le- gitimationscharakter von Theorie bitte den alten Bernstein ge- freut, der sich dagegen wandte, "daß man die Wissenschaft als solche anders denn als außerhalb der Partei stehende Sache be- handle." (Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Reinbeck bei Hamburg 1969, S. 151 f) 5) Das auch die intellektuellen hierzu ihren Beitrag liefern 'können und müssen', fällt der, wissenschaftlichen Zeitschrift Prokla anläßlich des Todes von Holger Meins ein, mit dem sie sich solidarisiert, weil er tot ist, von dem sie sich aber distan- ziert, weil er kein SBler war, als Fazit ihrer theoretischen Be- mühungen um die "Bedingungen (!) sozialistischer Solidarität" hält sie fest: "Denn was die Arbeiterbewegung braucht ist nicht die Bevormundung durch intellektuelle Sozialisten, sondern die zunehmende Stärkung ihrer Reihen durch die kritische (!) Mitar- beit in Gewerkschaften d.h. (!) durch die zunehmende gewerk- schaftliche Organisation auch solcher Berufsgruppen für die die Universität gesellschaftlich ausbildet, und die ohne hin (!) im- mer mehr - wenn auch in abgestufter Form - dem Kapitalverhältnis untergeordneter oder (!) zumindest (!) durch dessen Krisenbewe- gung betroffen werden." (Prokla 16/189) 6) Deshalb hat auch die Hauspostille des SB, 'Links', der Pro- grammatischen Erklärung der AK keine Fehler nachgewiesen, sondern uns u.a. zu folgender sinniger Frage aufgefordert: "Fragen soll- ten sich die Münchner auch ob denn die Arbeiter aufnahmebereit sind für den Versuch der Aufklärung und das Einsichtigmachen der Notwendigkeit des Sozialismus." Daß sie damit nur dazu auffor- dert, mit dem eigenen Wissen hinter dem Berg zu halten und sich dem bornierten Bewußtsein der Arbeiter zu unterwerfen, spricht sie dann mit Negt auch noch deutlicher aus: "Die richtige (!) theoretische Einsicht, daß eine Institution oder Organisation (wie z.B das Parlament, Gewerkschaften, Parteien) geschichtlich überholt (?) sind, besagt wenig darüber, daß sie auch für die praktische Erfahrung der Massen überholt ist. Solange den Massen reformisitsche Losungen ihrer Probleme als Möglichkeit erschei- nen, werden sie diese den mit Risiken (!) behafteten revolutio- nären Lösungen vorziehen. Sie müssen selber erkennen, daß mit dem Reformismus das größere Risiko (!) verbunden ist (z.B. Kerenskis Kriegspolitik) - erst dann entscheiden sie sich für die revolu- tionäre Alternative. Proletarische Partei ist nicht die die sich so nennt, sondern die, die diese Zusammenhänge erkennt und danach handelt." (Links Nr 62 1/75) 7) Daß auch Marx vor einem solchen unverschämten Verständnis nicht sicher ist hat Oskar Negt in einer Rundfunkdiskussion mit Fetscher und Raddatz vorgeführt. Gegen die bürgerlichen Vorwürfe von Raddatz, der aufgrund seines offenen Antikommunismus bemerkt hat, daß Marx kein Bürger war, keine Zweifel an seiner Theorie hegte, sie innerhalb der Arbeiterbewegung durchsetzte, wo er konnte, usw., und ihm dies als Charakterfehler, Dogmatismus, Ahn- vaterschaft des Stalinismus usw. vorwirft, meint Negt Marx in Schutz nehmen zu müssen und tut daher das Gegenteil. Anstatt in den Raddatzschen Angriffen die Vorzüge von Marx und seiner Theo- rie zu entdecken macht er sich die bürgerlichen Vorurteile zu ei- gen und entschuldigt die angeblichen Fehler von Marx und seiner Theorie mit den historischen Umständen. Zunächst gibt er Raddatz recht aus dem Marxschen Werk auf sein Leben zu schließen mit dem Hinweis, "Marx (sei) im Grunde auch ein Produkt der Sozialisation von bürgerlichen Familien um 1820." Vergessen habe Raddatz nur - und das ist auch schon Negt's einzige (Nicht-) Kritik an ihm - eine Vermittlungsebene, die "Entstehung des Proletariats" zur Zeit von Marx. Ganz im Sinne des SB (übrigens auch anderer linker Organisationen), das die Entstehung revolutionärer Theorie vom Erfahrungsstand der Arbeiter abhängig machen möchte, verkündet auch Negt man müsse "bei einer Theorie immer betrachten, welchen Stand eine sich emanzipierende Klasse hat." Eine solche an der Richtigkeit oder Falschheit der Marxschen Theorie desinteres- sierte Entschuldigung ihrer vermeintlichen Fehler schafft es dann auch, den Vorwurf Beckers es existiere "ein logischer Widerspruch in der Werttheorie" mit Hinweis auf die wirklichen Verhältnisse in einen Vorzug der Marxschen Theorie umzudichten. Wo die Wirk- lichkeit widersprüchlich ist, da ist - laut Negt - die Theorie richtig die solchen Widerspruch als falsches Denken widerspie- gelt, "weil ja dieser l o g i s c h e Widerspruch der Werttheo- rie nicht einer der Logik ist sondern gewissermaßen die Wider- sprüchlichkeit der R e a l i t ä t wiedergibt; solange diese Realität da ist, existiert eben dieser Widerspruch.". Die Reali- tät rechtfertigt eben alles. Auch der Stalinismus hat s e i n e Umstände die ihn entschuldigen. "Man muß den Stalinismus unter den spezifischen Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft be- trachten, einer tatsächlichen und nicht nur erfundenen Einkrei- sung der europäischen Mächte mit dem Erstarken des Faschismus ... dem tatsächlichen Versuch einer Industrialisierung, bei der im Grunde ... Menschen keine Rolle mehr spielten ..." Alles ist ver- ständlich, dies Diktum ist das einzige Urteil, das das Verbot einschließt, gegen den Stand der Klassenauseinandersetzung theo- retisch oder praktisch zu verstoßen, d.h. am wissenschaftlichen Sozialismus festzuhalten und die Agitation zu betreiben. 8) Man beachte die feine Differenzierung zwischen der Wirkung von Not und Elend nach dem Kriege und der Krise heute! Während damals keine Politisierung zustande kommen konnte, hat die heutige 'Verschlechterung der Lebenssituation' "immer auch Möglichkeiten der Agitation und neue Chancen für politische Veränderung" ge- schaffen, hat zwar auch eine "demokratisierende Wirkung", doch nur deshalb, weil die westdeutsche Arbeiterklasse, im Gegensatz zu Lohnarbeitern in anderen Ländern mit Krisen, weniger Erfahrung hat." (20) Die Krise ist eben immer nur Bedingung, weswegen man sie aber dennoch nicht missen möchte, hält man sie doch allen Nachkriegserfahrungen zum Trotz immer noch für die beste Voraus- setzung für die Durchsetzung der SB-Politik! Dieser Zynismus spricht auch aus dem Trost, den Negt in einem "Links" Artikel, "Erfahrung, Emanzipation und Organisation", - der Artikel macht den "programmatischen Versuch, die politisch selbstzerstörerische Sprach(!)verwirrung zu beseitigen." (auch der Turm zu Babel stürzte ja über dieses Problem!) den verängstigten SB Kollegen und Kolleginnen zuspricht: "Die Furcht (!), daß sich durch eine Verbesserung (!) der Lebenslage der Arbeiter der Wunsch nach grundlegenden Veränderungen abschwächt (!), ist völlig unbegrün- det." ("Links" Nr. 68, Juli/August 75) Wer so etwas schreibt, gibt nicht nur zu erkennen, d a ß diese Furcht zum Prinzip des SB gehört, sondern auch daß er selbst dem SB Zynismus nur die letzte Bedenken ausräumen will, indem er ihm seine d a u e r n d e Möglichkeit versichert! 9) Sorgenvoll blicken sie wohl inzwischen auf den neuerlichen Versuch der Bundesregierung, durch den Einkauf von 125000 Polaken trotz der Mauer auf die jüngste Krise eine Antwort zu finden! 10) Daher: 'Probleme des Klassenkampfes' 11) Daß die Auffassung, die Übel des Kapitalismus beruhten auf der u n g e r e c h t e n V e r t e i l u n g des von den Ar- beitern geschaffenen gesellschaftlichen Reichtums und die daraus resultierende dem bürgerlichen Gerechtigkeitsideal verpflichtete Forderung nach gerechter Verteilung, das Gegenteil einer Erklä- rung des Kapitalverhältnisses und des daraus folgenden Ziels kom- munistischer Politik sind, hat Marx schon vor 100 Jahren festge- stellt. Gegen die Phrase des Gothaer Programms von "gerechter Verteilung des Arbeitsertrages" hält Marx u.a. fest: "Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung, gerecht" ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige "gerechte" Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomi- schen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entsprin- gen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschieden- sten Vorstellungen über 'gerechte' Verteilung?" (MEW 19/18) "Abgesehen von dem bisher Entwickelten war es überhaupt fehler- haft von der sogenannten V e r t e i l u n g Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen. Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produkti- onsbedingungen selbst; letztere Verteilung aber ist ein Charakter der Produktionsweise selbst." (MEW 19/22) 12) Deswegen versteht auch die Redaktion der PROKLA unsere Kritik an dem Aufsatz von Müller/Neusüss und Altvater nicht. In Berlin weiß man nicht, daß der wissenschaftliche Fehler eine Sache, hier den Staat, mit ihren Funktionen zu identifizieren, nicht nur die Erkenntnis des Staates verhindert, sondern mit dem Standpunkt des Nutzens (auch und gerade dem der Arbeiterklasse) dem Staat eine höhere Berechtigung als Mittel für die Bedürfnisse seiner Bürger zuspricht. Das Resultat solcher 'Analyse, ist nicht der Kampf ge- gen den Staat, sondern bestenfalls das Lamento über seine Unwil- ligkeit, bzw. Unfähigkeit, berechtigte Ansprüche zu erfüllen. 13) Vgl. Kommentar zum Kapital II/Kap. 15 14) Und daß man sich dabei im Gegensatz zu kommunistischer Agita- tion weiß und nicht versäumt, den Zusammenhang von Theoriefeind- schaft, Arbeiterverachtung und Antikommunismus auszusprechen, be- legt wiederum Negt in besagtem Artikel über Erfahrung, Emanzipa- tion und Organisation": "Die entfremdeten Komponenten dieses Be- dürfnisses" (es geht um das Erziehungsinteresse von Eltern, an das Negt anknüpfen will) sind allerdings kaum zu überwinden, wenn sie mit einem von außen (!) kommenden objektiven (!) politischen Interesse abstrakt konfrontiert werden. Sie müssen vielmehr Be- standteil eines konkreten (!) Arbeitsprozesses werden, in dem diese Interessen sowohl (!) akzeptiert als auch umstrukturiert werden. (S. 13) Wie sieht nun so eine Umstrukturierung akzeptier- ter Interessen aus? "Die Formen aber, in denen sich die Umstrukturierung von Einzelinteressen unter den Erfahrungsbedin- gungen (!) des kapitalistischen Industriebetriebes vollzieht" (es geht um das Interesse der Arbeiter an menschenwürdigen Arbeitsbe- dingungen) "und Loyalitatsbindungen (!) z.B. gegenüber dem Ge- werkschaftsapparat der Sozialdemokratischen Partei usw. sich lö- sen, machen spezifische Strategien für den Bereich der Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit erforderlich, die quer (!) zu den Debat- ten über Revisionismus und Reformismus liegen" Die Spezifik die- ser querliegenden Strategien ist die schon gekennzeichnete schul- terklopfende Anbiederei, garniert mit den bekannten Sprüchen von Autonomie, Öffentlichkeit zur antigewerkschaftlichen Mobilisie- rung der Arbeiter: "Die Herstellung von Vertrauensverhältnissen (!) zu einer Person (!), die, indem sie die Anonymität (!) ver- läßt, für die Kollegen eine konstante (!) politische Linie ver- körpert," (man denke an das Problem der Parteien, einen vertrau- enswürdigen Kandidaten als Kanzler vorzuschlagen, um mit ihrer jeweiligen Politik als Regierungspartei zum Zuge zu kommen!) "wodurch eine konkrete (!) gesellschaftliche Alternative (!) zum Bestehenden am Ort (!) sichtbar (!) wird; das Eingehen (!) auf persönliche Probleme der Kollegen, informelle (!) Kontakte (!) im Arbeitszusammenhang die Herstellung von Öffentlichkeit für zu- rückgehaltene Information (!), die zur Mobilisierung der Beleg- schaft und zur Überwindung bloßer Vertretungspolitik (!) führt, diese und ähnliche Elemente bestimmen den Begriff Agitation (!) im Produktionsbereich offenbar stärker als der Kopfglaube (!) der Agitation, wie er auf Versammlungen von Intellektuellen Wirkungen erzielt" (S. 13) Dieser Mann traut sich nicht nur aus s e i- n e m Kopf den Gedanken zu Papier zu bringen, daß Vertrauen nichts mit dem Kopf, sondern mit Arschkriecherei zu tun hat sondern verbietet auch, und zwar mit einem "B e g r i f f von Agitation", die Arbeiter für Menschen zu halten, die vernünftiger Gedanken fähig sind und Politik an ihrem Inhalt und nicht an dem Kollegen vor Ort erkennen können! Statt in der Anonymität zu bleiben traut sich Herr Negt auch noch zu verkünden, daß über- haupt den Köpfen nicht zu trauen sei, gerade gegenüber einem so diffizilen Gegenstand wie dem SB: "Sicherlich ist es heute noch zu früh um mit Bestimmtheit sagen zu können, ob dieser vom SB be- schrittene Weg richtig war, was man jedoch sagen kann ist, daß er unter den gegebenen Bedingungen der einzig mögliche war." (S. 1) So spricht er allerdings einverständnisheischend aus, daß hinter den besagten Zynismen ein Kriterium steckt, was über die Richtig- keit entscheidet: der Erfolg. Hoffentlich reagieren die Arbeiter entsprechend darauf! 15) Wieder steht Herrn Negt in besagtem Artikel nicht an, dieses Versprechen in einer Art und Weise zu problematisieren, die das dahinterliegende Prinzip offenlegt - den Nutzen! Bedauernd stellt er eine Fehlentwicklung dort fest, "wo des Verhältnis zwischen individuellen Lebensproblemen und der politischen Organisation des SB ungeklärt bleibt", klopft den Leuten verständnisvoll auf die Schulter, die das Versprechen des SB ernst genommen haben ("Viele Genossen, die sich in den letzten Jahren am SB orien- tierten und Sympathien für die mit individueller Emanzipation verknüpfte Organisationsform (!)" (hier darf ich endlich einmal meine Probleme zur Sprache bringen!) bekundeten, haben mit Recht die Erwartung gehegt, innerhalb dieses politischen Zusammenhangs ihre ganz spezifischen individuellen Lebensprobleme besser lösen zu können", um dann ganz unverfroren eben diese rechtmäßige Er- warterung, die das SB bewußt hervorgerufen hat, zu denunzieren: "Aber jede politische Organisation muß die Grenzen des individuellen Emanzipationsanspruchs genau bestimmen, um ihn durch Überforderung nicht zu diskreditieren." nachdem er so das Problem in eines des Übermaßes verwandelt hat und sich scheinbar sorgenvoll um den Leumund des Emanzipationsanspruchs bekümmert, - dies freilich schon als Vorschrift für das SB -, gibt es den N u t z e n des SB zu bedenken, beschimpft das Emanzipationsin- teresse, soweit es nicht zum SB paßt, d.h. so weit es über das Belabern von Frusts hinausgeht, und decouvriert damit nicht nur seine Sorge um den Emanzipationsleumund als Aufforderung an die Organisation, den erwartungsvollen Mitgliedern schnellstens das Übermaß auszutreiben - sie könnten nämlich dem SB statt linker Laberei die Einlösung des Versprechens abverlangen und ihm den Rücken kehren -, sondern enthüllt zugleich den Zynismus der gän- gigen Phrasen von Emanzipation und Revolution: "Emanzipation be- ginnt mit der Aufhebung konkreter Abhängigkeiten der Individuen; eine revolutionäre Entwicklung ohne die Veränderung der Subjekte, die ihre aktiven Träger sind, ist zum Scheitern verurteilt. Abge- trennt vom objektiv gesellschaftlichen, d.h. immer auch organisa- tionsvermittelten Emanzipationsprozeß schlagen individuelle Eman- zipationswünsche ebenso wie Interessen jedoch in ihr Gegenteil um: in privatisierte Einstellungen, die jede sozialistische Poli- tik blockieren, ja unmöglich machen." 16) Daß man es mit dem Verbot, kommunistische Politik zu treiben, und mit dem zufriedenen Sich-Bescheiden mit den eigenen intellek- tuellen Möglichkeiten in dieser Gesellschaft ernst meint, beweist die Tatsache, daß es sich auch bei dieser These, wie bei mancher anderen nur um das Echo des vulgärwissenschaftlichen Trompeten- stoßes der PROKLA handelt. Diese verkündete schon vor einiger Zeit mit dem bekannten Gestus der Bescheidenheit - "Es muß klar gestellt werden, daß wir keine 'politische Linie' für die politi- sche Arbeit 'der Intelligenz' entwickeln wollen und können" - daß die Aufgaben der Intellektuellen in ihrem Beruf liegt - "Solche politischen Konzepte müssen sich vielmehr aus den jeweils spezi- fischen Funktionen der Intelligenz im gesellschaftlichen Repro- duktionsprozeß, also der ökonomischen Formbestimmtheit ihrer Ar- beit ableiten." Und damit ja keiner auf den Gedanken kommen kann, es käme dabei etwas anderes heraus als was das jeweilige Intel- lektuellendasein gemeinhin zu sein verspricht, haben sie auch gleich die 'Ableitung' für sich selbst parat, die ihnen erlaubt, ihr Assistenten- und Prokla-Schäfchen ins Trockene zu bringen und mit den höheren marxologischen Weihen eines 'empirischen Marxis- mus' zu versehen: "Für einen k l e i n e n T e i l der sozia- listischen Intellektuellen, vornehmlich unter den sozialwissen- schaftlichen Lohnarbeitern beim Staat und den in der Ausbildung befindlichen Sozialwissenschaftlern ist es möglich (aufgrund von Qualifikation, Arbeitsbedingungen usw.) wissenschaftlich die Ten- denzen der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung des Kapitals, der Klassen und des Staates (...) zu untersuchen." (PROKLA, 6/März 73, 149) Zufriedenheit kann sich ausbreiten unter dem kleinen Teil der Höherqualifizierten und mit günstigen Arbeitsbe- dingungen Gesegneten. Man muß nur aufpassen, daß man dabeibleibt! 17) Als Beispiel dafür, wie ein 'Arbeitsfeld' entsteht, zitieren wir kommentarlos einen Aufruf aus "Links" Nr 66/Mai 75/7! Der Le- ser möge es in seine Erfahrungen mit den SB-Thesen einbeziehen und auf diese Problemsammlung selbst eine Antwort finden: "'Hits und Antihits-Aufruf zur Beteiligung. Über die Pfingstfeiertage findet in Mainz ein großes Liedermachertreffen unter dem Motto 'Hits und Antihits' statt. Die Veranstaltung wird vom Stadtju- gendamt Mainz in Zusammenarbeit mit ehemaligen Veranstaltern des Festivals in Ingelheim getragen. (In Ingelheim soll dieses Jahr das Folkloretreffen stattfinden, während das politische Lied in Mainz seinen Ort finden soll.) Es werden ebenso große Songveran- staltungen (die Liste der Eingeladenen reicht von Udo Jürgens bis Franz Josef Degenhardt, von Katja Ebstein bis Ton Steine, Scher- ben) wie themenbezogene Workshops abgehalten. Ein Arbeitsfeld Medien im SB gibt es noch nicht. Eine solche Ver- anstaltung ergäbe die Möglichkeit, ausgehend von den Erfahrungen, die wir als Teilnehmer, Zuhörer, Workshopmitarbeiter machen ein solches Arbeitsfeld zu konstituieren. Jedenfalls, was Liederma- cher, Musikkollektive Straßentheater, Mitarbeiter in Medienan- stalten etc. betrifft. Außerdem ergibt sich hier eine Möglichkeit - wahrscheinlich sind einige tausend Leute anwesend, die häufig nicht nur an soziali- stischen Inhalten interessiert sind, sondern auch in der Praxis eines Jugendzentrums, der Drogenarbeit, der Schülerarbeit usw. stehen - das Sozialistische Büro, seine Arbeitsfelder, und seine regionalen Zentrenansätze überregional bekannt zu machen und seine Vorstellungen zu diskutieren. Besonders die umliegenden Gruppen und Zentren (etwa aus dem Raum Rheinland-Pfalz, Saar, Südhessen, Nordbaden, könnten sich hierzu angesprochen fühlen, etwa Informationsstände zu organisieren. Kontakte vorerst über Medieninitiative..." 18) Das SB besitzt auch die Unverfrorenheit, einen "Gruß nach Vietnam" zu schicken, nach dem Sieg der FLN, um über sich und die Lehren, die es aus Vietnam gezogen hat, zu reden. Vietnam war ein dauernder Lernprozeß. Daß das SB seine 'Erfahrungen' im Wir-Stil vorträgt und unter dieses Wir einvernehmend die ganze Linke sub- sumiert, kennen wir! Daß es konsequent verabscheut über das, was in solchen Befreiungskämpfen passiert, ein Wort zu verlieren, und statt dessen nur erklärt, was das für 'die Linke' in der BRD - sprich das SB - b e d e u t e t, welche Erfahrungsmöglichkeiten es ihm eröffnet hat, kennen wir! (Die Grußadresse macht n i c h t s anderes! "Wir haben oft nicht geglaubt", "Wir haben Angst gehabt , "Wir lernten" "Von daher erschloß sich uns", "Manchmal hatten wir Schwierigketten, Eure Lektionen zu lernen... Schließlich haben wir lernen können.") Daß es nicht nur nicht über Vietnam redet, sondern über die Unmöglichkeit, andere Erfah- rungen zu machen, wegen der BRD-Situation, daß es die ganze Stu- dentenbewegung ("Wir") als Lehren aus Vietnam ausbreitet, kennen wir! Daß es in seiner abschließenden Bemerkung die Lehre formu- liert, daß man zwar nicht die Vietnam-Erfahrungen übertragen könne, sie aber einbeziehen müsse, und daß es dabei nicht davor zurückschreckt, den Vietnamesen den SB Zweck der Vereinheitli- chung unterzujubeln, kennen wir! ("Laßt uns zum Abschluß sagen Eure Revolution wird die Sozialisten in unserem Lande noch lange beeinflussen und motivieren, dies auch und gerade, wenn sie in ihrer Praxis nach Wegen suchen die der Situation der spätkapita- listischen Gesellschaften angemessen sind. Denn wenngleich auch Eure Strategien auf unsere Situation nicht unmittelbar zu über- tragen sind, so werden wir doch nur vorwärts kommen, wenn wir Eu- ren zentralen Grundsatz der komplexen und angemessenen Strategie, die versucht, alle politischen und sozialen Elemente der Gesell- schaft in die Auseinandersetzung mit einzubeziehen, aufnehmen und anwenden.") Daß das SB nicht davor zurückschreckt, die Beschimp- fung der Befreiungsbewegung durch, seinen, wissenschaftlichen Mentor, die Prokla ("Das vietnamesische Lehrstück des kleinbür- gerlichen Anti-Imperialismus") ("es muß endlich möglich sein, auch die Politik der Kommunisten in Indochina der Kritik zu untenwerfen... Auch nach dem jetzt erfolgten, fast vollständigen Abzug der Amerikaner aus Vietnam bestehen kaum Aussichten für eine Machtübernahme der Befreiungsfront. Die Übereinkunft von Pa- ris erweist sich damit lediglich als Instrument des "ehrenvollen" Rückzugs der USA und der anderen Großmächte aus dem Krieg und zur Isolierung des Konflikts auf das Gebiet Südvietnams der Befreiung von imperialistischer Unterdrückung und Ausbeutung ist das viet- namesische Volk damit keinen Schritt näher gekommen. Wie konnte sich die kommunistische Seite mit einer derartig nichtssagenden Entlassung der USA aus der Verantwortunq einverstanden erklären? ... Dennoch drängt sich die Frage auf, warum der Krieg bis an einen Punkt fortgeführt wurde, wo das vietnamesische Volk wahr- scheinlich auf Jahrzehnte hinaus seinen Unterdrückern hilflos ausgeliefert ist und für ein Abkommen, das bereits vier Jahre früher zu erhalten war." usw. (Prokla 8/9 1973 80 ff) in punktu- elle Verzagnis umzudichten ("wir haben oft nicht geglaubt ..., Wir haben Angst gehabt...") und mit den BRD-Umständen zu ent- schuldigen, es war zu erwarten. Daß das SB die Warnungen vor dem Kampf und die Kritik an der Entfernung der Befreiungsfront von den Bedürfnissen der Massen ("So wenig die zivile Bevölkerung Südvietnams noch nachvollzogen und mit ihren Bedürfnissen vermit- telt werden konnte), die damals die Prokla zum besten gab, in ihr Gegenteil verwandelt hat ("entschiedener und ausdauernder Kampf"; Grundsatz der komplexen und angemessenen Strategie, die versucht, alle politischen und sozialen Elemente der Gesellschaft in die Auseinandersetzung miteinzubeziehen..."), wen wundert es - der Erfolg hat der Befreiungsfront Recht gegeben. Was liegt da näher als die Lehre, daß die Befreiungsfront doch SBler sind, jeden- falls dem "zentralen Grundsatz" nach! ("Links" Nr. 67, Juni 75/8) 19) Das notwendige Scheitern und damit der Fehler der Volksfront- politik beruht darauf, daß sie sich als alternative Weise der Ausübung der Regierungsgewalt, d.h. als besserer Staat von den Massen an die Macht delegieren läßt, ihnen mehr Nutzen verspricht als die anderen Parteien, Enteignungsmaßnahmen und dergleichen durchführt, um dieses Versprechen zu halten, dabei die Interes- sengegensätze der in der Volksfront Vereinigten aber nicht Eini- gen zum Ausbruch bringt, in Gegensatz zu den Repräsentanten des Kapitals im eigenen Land gerät und die imperialistischen Mächte auf den Plan ruft und dem feindlichen Aufgebot an Gewalt deshalb nichts entgegenzusetzen hat, weil sie zur Arbeiterklasse, zur 'autonomen Basisbewegung' nach wie vor im Verhältnis von Staat und Bürger steht. Wie sollen aber 'autonome' Massen, die im Früh- jahr R e p r ä s e n t a n t e n wählen und ihren Nutzen zu de- ren Geschäft werden lassen, im Sommer das Gewehr in die Hand neh- men? Die historischen Erfahrungen haben offenbar diese Lehre noch nicht ins Bewußtsein gebracht, wie auch das SB wieder beweist! zurück