Quelle: Archiv MG - ML-KLASSIKER - Von Marx bis Lenin


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RESULTATE DER ARBEITSKONFERENZ

Theoretisches Organ der Roten Zellen/AK-München Nr. 1 / September 1974 Inhalt: Editorial Programmatische Erklärung der Roten Zellen/AK Der Aufbau des 'Kapital' (I) Kommentar zu Abschnitt 1/2, Band I Warum scheitern Marxisten an der Erklärung des bürgerlichen Staa- tes? Besprechung neuerer Arbeiten zur Staatstheorie: Altvater-Bi- schoff (PKA) - Flatow/Huisken - Funken - Hirsch - Laepple - Mandel Herausgeber, Verlag und Vertrieb: Resultate Gesellschaft für Druck und Vertrieb wissenschaftlicher Literatur, GmbH 8 München 40, Postfach 401508 Redaktion: Resultate Kollektiv, verantwortlich Anselm Kreuzhage Druck: Politladen Erlangen GmbH, 8551 Gaiganz/Ofr. RESULTATE der AK erscheinen vorerst halbjährlich. Preis des Ein- zelheftes: DM 8,00; mind. 150 Seiten. Abonnementspreis für vier Nummern: DM 30,00 inklusive Versandkosten (ohne Auslandsluftpost- zuschlag). Die Lieferung wird nach Bezahlung von DM 30,00 ab der gewünschten Nummer aufgenommen. Nach Ablauf des Abonnements ist dieses vom Abonnenten selbst zu erneuern, eine Kündigungsfrist besteht nicht. Bezahlung des Abonnement im Voraus durch Überwei- sung von DM 30,00 auf Konto Nr. 6/455970 Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, 8 München 40, Leopoldstr. 21. Bestellungen sind an oben genannte Adresse zu richten. Editorial --------- 1. Zweck des theoretischen Organs --------------------------------- Resultate der Arbeitskonferenz sind Bausteine revolutionärer Theorie. Unsere Zeitschrift enthält die Grundlagen kommunisti- scher Politik. Ihre fortlaufende Veröffentlichung ist zugleich die Kritik an der Verflachung des wissenschaftlichen Sozialismus, die - das beweisen die Publikationen unserer Gegner - proportio- nal zur Gründung immer neuer Parteien und Bünde voranschreitet. Die RESULTATE DER ARBEITSKONFERENZ verstehen sich als organisie- rendes Moment innerhalb der kommunistischen Bewegung: Sie s i n d Theorie - und fordern eine ihrem Inhalt gemäße Praxis. Ihre Autoren treten auch nicht als Münchner Freundeskreis der Po- litischen Ökonomie an ein mehr oder minder interessiertes Publi- kum heran, sondern als kommunistische Organisation. Die Roten Zellen/AK haben es auf die D u r c h s e t z u n g d e r p o l i t i s c h e n P r a x i s abgesehen, die sich aus der im theoretischen Organ dargestellten Theorie ergibt. Diejenigen Teile der kommunistischen Bewegung, die noch am Anspruch kommuni- stischer Politik mit Marx, Engels, Lenin und uns festhalten, daß sie sich wissenschaftlich zu begründen hat, diesen Anspruch aber wegen mangelnder Qualifikation nicht einlösen können, erhalten mit den RESULTATEN kontinuierlich Schulungsmaterial. Andere, die bereits den stolzen Schritt getan haben, sich Partei oder Bund zu nennen, finden in den RESULTATEN einen Wegweiser, der sie aus dem Sumpf herausführen könnte, in den mangelhafte Theorie sie ge- bracht hat. Da sie die Voraussetzung für eine ernstzunehmende Kritik nicht mitbringen, ist eine andere Reaktion als die, uns als "Schwätzer und Ignoranten" (1) abzuqualifzieren, jedoch kaum zu erwarten. Unsere Kritik an anderen kommunistischen Organisationen schließt deren theoretische Organe mit ein. Die vorliegende erste Ausgabe der RESULTATE zeigt, daß wir mit ihnen nichts gemein haben. Ei- nige Bemerkungen zu den relevanten Publikationen soll das klar- stellen (2). Der "Roten Pressekorrespondenz" der Gruppe Rote Fahne (KPD) und dem Organ des KBW "Kommunismus und Klassenkampf" (3) ist gemein- sam, daß sie die aus dem wissenschaftlichen Sozialismus resultie- renden Probleme kommunistischer Praxis als geklärt unterstellen. Daß sie damit die behauptete Grundlage ihrer Politik, eben den wissenschaftlichen Sozialismus, selbst negieren, verraten die Er- gebnisse, zu denen sie gelangen und die Art ihres Umgangs mit den Klassikern, aus denen sie einzelne Sätze herausklauben und mit ihnen hantieren, als wären es beliebig "anwendbare" Formeln. Sol- ches Verfahren schreckt auch nicht davor zurück, die Kalauer der "Peking Rundschau" als "Argumente" auszuschlachten. Nicht daß wir etwas dagegen hätten, wenn an richtigen Aussagen von Marx, Engels und Lenin festgehalten wird - es wäre ein Fortschritt der kommu- nistischen Bewegung in unserem Lande, wenn die Kategorien der Kritik der Politischen Ökonomie gewußt wären. Die von uns kriti- sierten Organisationen haben dieses Wissen jedoch nicht mehr (oder noch nicht). Notwendige Folge solchen Umgangs mit den Texten der Klassiker ist einerseits der ständige Wechsel der Begründung praktischer Schritte, was dann noch hochgehalten wird als "Kampf zweier Li- nien" (4), andererseits die Zufluchtnahme zu Agententheoremen, wenn es z.B. darum geht, bestimmte Maßnahmen des bürgerlichen Staates zu erklären. Den wissenschaftlichen Sozialismus wie eine Feder an der Revoluzzermütze vorzeigen, ihn aber im praktischen Handeln der Organisation zum Problem des Konsens oder des Frakti- onskampfes verkommen zu lassen, ist ein Charakteristikum für die Theoriefindung dieser Gruppen. Nur konsequent wird "Kommunismus und Klassenkampf" zum Austragungsort von Kontroversen innerhalb des KBW und zur nachträglichen Dokumentation erfolgter Austritte einzelner Fraktionen. So reflektiert das theoretische Organ des KBW den desolaten Zustand eines "Kommunistischen Bundes", der sich n a c h seiner Gründung erst die theoretischen Grundlagen erarbeiten muß, die eigentlich V o r a u s s e t z u n g der Gründung gewesen wären. Daneben gibt es jedoch das Organ einer Gruppe "marxistischer Wis- senschaftler" um das Westberliner OSI, die ihren eklektizisti- schen Bezug auf den revolutionären Marxismus bereits im Namen ih- rer Publikation verraten: "Probleme des Klassenkampfs", als ließe sich hier beliebig heraussuchen, was gerade aufstößt und zu dis- kutieren beliebt. Der Anspruch wissenschaftlicher Analyse wird proklamiert und ernst genommen. Insofern sind auch die meisten dort versammelten Arbeiten diskutabel. Indem sich die Herausgeber der PROKLA jedoch explizit als "Theoretiker" der Bewegung verste- hen, die praktischen Schritte, die als notwendige Konsequenz in jedem Stück marxistischer Theorie enthalten sind, anderen über- lassen, verraten sie die Theorie, mit der sie sich befassen (5). Was noch schlimmer ist, sie unterstützen die hierzulande verbrei- tete Auffassung, solide theoretische Arbeit und stringente orga- nisierte politische Arbeit sei miteinander unvereinbar! Die Nega- tion der in der Marxschen Theorie enthaltenen Konsequenz zu orga- nisierter Praxis zeigt sich auch im redaktionellen Konzept der PROKLA: je nach Fertigstellung "interessanter" Artikel werden diese veröffentlicht, mögen sie sich auch gegenseitig widerspre- chen oder von einem Teil der Redaktion für falsch befunden wer- den. Die PROKLA sind kein Ergebnis organisierter theoretischer Arbeit mit dem Willen zur politischen Konsequenz, sondern ein Mitteilungsblatt "unabhängiger sozialistischer Intellektueller" (6). Dagegen ist für die RESULTATE festzuhalten: sie zeichnen sich aus durch die kontinuierliche Anstrengung, ausgehend von den allge- meinen Bestimmungen der kapitalistischen Gesellschaft, a l l e theoretischen und praktischen Schritte der Organisation abzulei- ten. Sie sind als theoretisches Organ Resultat der wissenschaft- lichen Arbeit einer kommunistischen Organisation und nicht die zufällige Zusammenfassung wissenschaftlicher Arbeiten kommunisti- scher Intellektueller. Es versteht sich von selbst, daß die Bei- träge in den RESULTATEN nicht namentlich gekennzeichnet werden: was wir veröffentlichen, sind Aussagen der Roten Zellen/AK, die ihre praktischen Schritte begründen sollen. Genauso wie diese sind jene von der Organisation zu verantworten. Die RESULTATE werden also kein Diskussionsforum sein. So weit ernstzunehmende Kritik an unseren Veröffentlichungen erfolgt, wird auf sie einzugehen sein. Ernsthafte Kritik setzt voraus, daß der Kritiker sich im Anspruch kommunistischer Politik mit uns einig weiß. Darunter geht nichts. Deshalb wird die explizite Auseinandersetzung mit bestehenden Organisationen in den RESULTA- TEN keinen besonderen Raum einnehmen. Zumeist denunziert die Dar- stellung unserer Ergebnisse die Aussage der Gegner, ohne daß der anderswo fabrizierte Quark noch breitgetreten werden müßte. Der desolate Zustand der Bewegung ist es ja, der uns veranlaßt, ein eigenes Organ unserer Organisation herauszugeben, aus unserer mo- mentanen Beschränkung herauszutreten und den Aufbau einer natio- nalen Organisation in Angriff zu nehmen. Auf diesem Weg halten wir es mit Marx: Jedes Urteil wissenschaft- licher Kritik ist uns willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der Revisionisten und Vulgärmaterialisten, denen wir nie Konzessionen gemacht haben, gilt uns nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners: Segui il tuo corso, e lascia dir le genti! (7) II. Aufbau des theoretischen Organs ----------------------------------- 1. Kommentare zum "Kapital" --------------------------- Für die AK ist die Durcharbeitung des "Kapital" zunächst wissen- schaftliche Tätigkeit, die sich auf die Erkenntnis der kapitali- stischen Produktionsweise und deren Ergebnisse bzw. Bedingungen richtet. Als solche duldet sie keinen "erkenntnisleitenden Stand- punkt", keine Parteilichkeit, also nichts der wissenschaftlichen Erkenntnis Äußerliches als Richtschnur oder Regulativ. Die Ge- setzmäßigkeiten und die damit eingeschlossene Kritik der kapita- listischen Produktionsweise sind etwas Objektives und brauchen nicht durch den moralischen Impetus wohlmeinender "Revolutionäre" erschaffen zu werden. Die Kommentare sollen den immanenten Gang des "Kapital", Bd. I- III, verdeutlichen, um einerseits Schulungen, die unseren An- spruch teilen, die nötige Unterstützung zu geben, und anderer- seits die Unsinnigkeit von Schulungen deutlich zu machen, die das "Kapital" als Regelkanon begreifen, den man fragmentarisch auf alles und jedes a n z u w e n d e n versucht (und wenn man nichts findet, ohne weiteres durch Mao Tse-tung-Ideen ersetzen zu können glaubt). In den ersten Nummern der RESULTATE werden die wesentlichen Be- stimmungen und Übergänge im "Kapital", Bd. I-III, abgehandelt. 2. Beiträge der Arbeitskonferenz -------------------------------- Aus dem Nachvollzug der drei Bände des "Kapital" ergeben sich die Arbeitsgebiete der AK: Konkurrenz des industriellen Kapitals, Konkurrenz der Lohnarbeit, Staat. Diese Analyse der Oberfläche als n o t w e n d i g e Voraussetzung für den praktischen Bezug auf das Proletariat deutlich zu machen, ist Aufgabe der veröf- fentlichten Arbeitsergebnisse. Die implizite Kritik, die damit an Analysen anderer kommunisti- scher Organisationen geleistet wird, soll zeigen, welche Fehler aus einem mangelnden - oder Unverständnis des Zusammenhangs der ökonomischen Formbestimmung und ihrer Durchsetzung an der Ober- fläche der bürgerlichen Gesellschaft resultieren. Agenten-theore- tische Vorstellungen, gewöhnlich Ergebnis solcher falscher Analy- sen, die weite Verbreitung genießen, sollen damit - so weit nötig auch explizit - als unmarxistische Pseudotheorien destruiert wer- den. Mit Fortschreiten unserer Arbeit in der AK werden aufbauend auf die Bestimmungen der Konkurrenz und des Staates die Probleme Krise und Weltmarkt (Imperialismus) zu erarbeiten sein. 3. Kritik bürgerlicher Wissenschaft und Ausbildung -------------------------------------------------- Die regelmäßige Veröffentlichung von Aufsätzen zur bürgerlichen Wissenschaft und Ausbildung soll einerseits Anleitung für kommu- nistische Hochschulpolitik sein, andererseits falsche Kritiken bürgerlicher Wissenschaft als solche nachweisen. Es geht uns also um die Vermittlung der Grundlagen kommunistischer Hochschulpoli- tik, der Agitation von Intellektuellen am I n h a l t ihrer Tä- tigkeit im Sozialistischen Studium: Unsere Kritik an der bürger- lichen Wissenschaft nennen wir "sozialistisch" nicht deswegen, weil der Marxismus der vorfindlichen Wissenschaft einen soziali- stischen Standpunkt hinzuzufügen hätte, der offenen Parteinahme für die Bourgeoisie also die Begeisterung fürs Proletariat entge- gensetzt. Das Attribut "sozialistisch" verdankt sich allein ge- sellschaftlichen Verhältnissen, deren Abschaffung durch die Ar- beiterklasse wirkliche Wissenschaft verlangt. In den RESULTATEN werden neben der Kritik der allgemeinen Be- stimmtheit bürgerlicher Wissenschaft einzelwissenschaftliche The- men abgehandelt, so weit diese von Relevanz sind (z.B. Habermas, Grenznutzentheorie). Die weiteren Ergebnisse des Sozialistischen Studiums der Roten Zellen/AK sind den Fachbereichszeitungen und der Reihe "Sozialistisches Studium" zu entnehmen. 4. Besondere Probleme der historischen Bewegung ----------------------------------------------- Zielen die Punkte 1. bis 3. auf die Erarbeitung des wissenschaft- lichen Sozialismus als a l l g e m e i n e Bedingung kommuni- stischer Politik, so geht es in diesem Teil der RESULTATE um die Analyse einzelner Konflikte der historischen Bewegung, an denen kommunistische Politik stets ansetzt. Für die ersten Nummern sind vorgesehen: Auseinandersetzungen an der Hochschule, z.B. Hochschulgesetze Artikel zur Gewerkschaftsbewegung, Tarifrunden, Staatsmaßnahmen Analyse zu imperialistischen Auseinandersetzungen Daneben tritt die Kritik an anderen kommunistischen Organisatio- nen und deren theoretischen Aussagen, soweit sie für die Durch- führung unserer Politik notwendig ist. Mit Fortschreiten unserer Agitation wird sich der Schwerpunkt der theoretischen Veröffent- lichungen auf diese besonderen Probleme verlagern, um die prakti- schen Schritte, die die Organisation ergreift, jeweils theore- tisch vorzubereiten oder zu begründen. Marx und Engels werden in den RESULTATEN, wenn nicht anders ver- merkt, nach den Marx-Engels-Werken (MEW), Dietz-Verlag, zitiert (z.B. MEW 23/87 - die erste Ziffer ist die Bandangabe, die zweite Ziffer ist die Seitenzahl). Lenin wird, wenn nicht anders vermerkt, nach der dreibändigen Dietz-Ausgabe "Ausgewählte Werke" zitiert {z. B. Lenin, AW I/198). _____ 1) So W. Maier vom ZK der KBW in einer Broschüre über die Hoch- schulpolitik der Bundesfreunde. 2) Auf die "Sozialistische Politik", die sich Westberliner Revi- sionisten vor ein paar Jahren angeeignet haben, wird hier nicht eingegangen: faktisch zu einem theoretischen Organ der DKP gewor- den, propagiert sie die Stamokap-Theorie und steht damit im abso- luten Widerspruch zum MARXSCHEN "Kapital". Auf diese, bislang weitestgehende Revision des Marxismus, wird später in den RESUL- TATEN einzugehen sein. 3) Der Titel des Organs verrät bereits das gestörte Verhältnis seiner Herausgeber zur revolutionären Theorie von Marx, Engels und Lenin: als ob der Kommunismus zum Klassenkampf sich exterri- torial verhielte, quasi als Ideal der realen Bewegung vorgehalten werden müsse. Hierzu haben Marx und Engels bereits in der "Deutschen Ideologie" das nötige angemerkt. (vgl. MEW 3, S. 35) 4) vgl. "Kommunismus und Klassenkampf", Nr. 1, Vorwort, S. 3 5) Die Beliebigkeit, mit der in den ProKla aufgegriffen wird, was gerade gefragt ist oder aus Seminaren, deren Leiter zugleich Re- dakteure einer Zeitschrift sind, an Ergebnissen vorliegt, beför- dert den Verdacht, daß junge Wissenschaftler ihren marxistischen Anspruch harmonisch mit einer Tätigkeit im bürgerlichen Wissen- schaftsbetrieb zu vereinigen gedenken. "Theoretisch" begründet ist dies im Editorial der ProKla: "Zur Funktion der ProKla zum gegenwärtigen Zeitpunkt". 6) Ähnliches gilt für das Organ des Sozialistischen Büros "Links", wenn auch hier auf wesentlich flacherem Niveau. Hinzu- kommt bei den Offenbachern noch der Schwachsinn mit einer "Revue des Marxismus" noch politisch wirken zu wollen: kein Wunder, daß diejenigen, die den Marxismus für ein Instrument zur persönlichen Emanzipation angeknackster "Linker" halten, in "Links" ihr Sprachrohr gefunden haben. 7) vgl. MEW 23, S. 17 Programmatische Erklärung der Roten Zellen/AK --------------------------------------------- 1. Kommunistische Politik ist Resultat wissenschaftlicher Ein- sicht in das Kapitalverhältnis. Sie zielt auf die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft. Diese Zielsetzung hat Marx aus der wissenschaftlichen Erkenntnis des Kapitalismus, mithin aus dem Charakter dieser Gesellschaft selbst begründet. Revolutionäre Theorie ist das wissenschaftliche Begreifen der kapitalistischen Gesellschaft und als solches deren Kritik. Nicht in Utopien von Weltverbesserern ist die Notwendigkeit und damit die Möglichkeit der Revolution enthalten, nicht ein Ideal ist der Antrieb kommu- nistischer Politik, sondern die objektiv erkannten Verhältnisse selbst (1). Die "Theorie-Praxis"-Debatten, die sich um die Alternative bzw. Ergänzung z w e i e r Kriterien für kommunistische Politik be- mühen, sind bereits Ausdruck einer explizit bürgerlichen Stellung zur gesellschaftlichen Realität: Wer ausspricht, die Wirklichkeit der kapitalistischen Ausbeutung, nicht die wissenschaftliche Ana- lyse begründe die politische Praxis, setzt die Realität in Gegen- satz zu ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis, was nur heißen kann, daß sich solche Praxis von den unbegriffenen Resultaten kapitali- stischer Praxis leiten läßt. Wenn die wirkliche gesellschaftliche Bewegung die Grundlage von Politik ist, dann als erkannte, nicht in der Weise, wie sie der unmittelbaren Erfahrung erscheint. Die Konstruktion des Gegensatzes von Wissenschaft und Wirklichkeit verrät, da sie Wissenschaft partiell oder ganz für überflüssig erklärt, die Marxsche Einsicht in die Differenz von Erscheinung und Wesen, durch die die Wirklichkeit charakterisiert ist, und propagiert darüber hinaus noch eine Handlungsweise, welche nach Marx einem Zustand angehört, in der die Menschen ihre Geschichte ohne Bewußtsein machen. Politik, die die gesellschaftlichen Verhältnisse als vorgegebene akzeptiert - und dies tut sie dann, wenn ihr die Verhältnisse, weil unbegriffen, zur p o s i t i v e n Grundlage von "Veränderungen" werden (sog. "realistische Politik") - ist bür- gerliche Politik, auch dann, wenn sie sich auf ihren praktischen Charakter etwas zugute hält und so tut, als würde P r a x i s bereits antikapitalistische Qualität garantieren. Kommunistische Politik bestimmt aus der theoretischen Durchdringung dessen, wo- gegen sie sich schließlich richtet, aus der Kritik des Kapital- verhältnisses die praktischen Schritte zu seiner Aufhebung (2). Sie weiß sich darin einig mit Lenin, der ihre Grundlage benennt: "Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Bewegung geben." Kommunistische Politik ist also keine Frage der "Weltanschauung", der "Parteinahme", oder des "Standpunkts"-Par- teilichkeit, die nicht aus wissenschaftlicher Einsicht resul- tiert, ist nur dumm und moralisch, nicht aber revolutionär. Die Verächter der Theorie vergessen (3), daß ohne Kenntnis der Be- stimmungen des Kapitalismus, aus denen die Möglichkeit seiner Überwindung hervorgeht, Praxis untrennbar den Verhältnissen ver- haftet bleibt, die sie abschaffen möchte: sie richtet sich nur noch gegen wahllos summierte, irgendwie negativ bewertete Er- scheinungen. 2. Die Trennung der objektiven von den subjektiven Produktionsbe- dingungen und ihre Verwandlung in Kapital und Lohnarbeit löst die geistigen von den körperlichen Momenten der gesellschaftlichen Arbeit und setzt beide in Gegensatz zueinander der sich in der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie realisiert. Das sich durchsetzende Kapitalverhältnis produziert einerseits die Natur- wissenschaften als eigene Sphäre und trennt sie von der materiel- len Produktion. Zugleich ist diese Abtrennung Voraussetzung für die Unterordnung der Wissenschaft unter die Erfordernisse des Produktionsprozesses. Dieser "vollendet sich in der großen Indu- strie welche die Wissenschaft als selbständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals preßt" (MEW 23/382). Andererseits entstehen, vermittelt über die Aufgaben des Staates, die ihm aus der Konkurrenz erwachsen, die Geistes- und Gesell- schaftswissenschaften (innerwissenschaftlich erscheint dies als Auflösungsprozeß der Philosophie). Sie existieren in den vom Staat verwalteten Institutionen der Wissenschaft und Ausbildung - also ebenfalls getrennt von der materiellen Produktion. Sie neh- men ihre gesellschaftliche Funktion - Mittel für die Bewältigung der im Kapitalismus entstehenden Widersprüche zu sein - in ihre Erkenntnistätigkeit auf und verfahren mit der zu erkennenden Re- alität instrumentell, was ihren unwissenschaftlichen Charakter und damit den affirmativen (ideologischen) Gehalt ihrer Resultate ausmacht. Die wissenschaftliche Erkenntnis des Kapitalismus offenbart eine diesem selbst entspringende Schranke kommunistischer Politik: die Arbeiterklasse, die als objektive Negation des Kapitals dessen Aufhebung bewerkstelligen kann, ist nicht per se auch Träger des Wissens über die objektiven Bestimmungen des Kapitalismus. Das Kapital läßt Wissenschaft getrennt vom Proletariat entstehen, das doch aus ihr die Kriterien seines Handelns nehmen muß. Die Ana- lyse des Verhältnisses von Wissenschaft und Kapital zeigt zudem, daß die vom unmittelbaren Produktionsprozeß gesonderten geistigen Potenzen in allen Formen den Arbeitern als feindliche Macht gegenüberstehen: die Naturwissenschaften durch ihre Anwendung, die Geisteswissenschaften bereits aufgrund ihrer Affirmation der kapitalistischen Zustände. Die Wissenschaft von der Gesellschaft kann deshalb auch nicht in ihrer vorhandenen Form als Grundlage revolutionärer Politik über- nommen werden. Der wissenschaftliche Sozialismus ist die Überwin- dung des Mangels bürgerlicher Wissenschaft - an deren rationalen Momenten hält er fest, streift aber den ihr immanenten positiven Bezug auf die kapitalistischen Verhältnisse ab und gerät zu ihnen in Gegensatz: die aus ihm bestimmte Praxis ist revolutionär. Träger der Wissenschaft ist eine Intelligenz, die in ihrer kapi- talistischen Funktion im Gegensatz zum Proletariat steht. In der Rede von der "Wissenschaft im Dienste des Volkes" ist die kapita- listische Bestimmtheit von Wissenschaft in Form und Inhalt zuge- deckt; was mit Wissenschaft geschieht, soll unabhängig von ihrem objektiven Charakter dem Willen der mit ihr Befaßten unterworfen sein (4). Dieser Irrtum ist die Voraussetzung für die Phrase vom "Bündnis der Intellektuellen mit den werktätigen Massen". In aller Schärfe ist jedoch festzuhalten, daß die Arbeit an der revolutionären Theorie, dem wissenschaftlichen Sozialismus, in diametralem Ge- gensatz zu den Bestimmungen geistiger Produktion im Kapitalismus steht, ja gerade deren Negation darstellt. Kommunistische Politik weiß, daß es sich bei ihr nicht um eine "Vereinigung" oder gar um ein "Bündnis" von Intelligenz und Proletariat, wie sie sich im Kapitalismus gegenübertreten, handeln kann: Vielmehr müssen die- jenigen, welche im objektiven Gegensatz zum Kapital stehen, das Wissen um diesen Gegensatz erwerben und aus ihm ihr politisches Vorgehen bestimmen. Es ist das Wissen um den Kapitalismus, in dem die Aufgabe der Intelligenz bei der Beförderung des proletari- schen Klassenkampfs enthalten ist. Ihre Pflicht ist nicht die Bündnispartnerschaft aus einer Gemeinschaft der Interessen (5), sondern die Analyse der Bewegungsgesetze der Produktionsweise, die es dem Proletariat zu vermitteln gilt. Daraus folgt - und dies forderte Lenin -, daß für den Revolutio- när die revolutionäre Arbeit selbst zum Beruf werden muß (6). Für die an kommunistischer Politik beteiligten Intellektuellen gilt, daß sie zu allererst an sich selbst den Anspruch realisieren müs- sen, tatsächlich den Kapitalismus wissenschaftlich zu begreifen. "Diese Leute müssen, um der proletarischen Bewegung zu nützen, auch wirkliche Bildungselemente mitbringen" (MEW 34/406). Bescheidenheit dagegen, wie sie von den "Marxisten-Leninisten" mit dem Slogan "Von den Massen lernen" gefordert wird, ist keine Zier, wenn sie einzig dem Ausweichen vor der Anstrengung dient, sich durch intensives Studium aus der Befangenheit bürgerlicher Wissenschaft zu lösen: Die gründliche Ausbildung von Intellektu- ellen muß, da sie Voraussetzung für richtige Politik im Proleta- riat ist, auch z e i t l i c h dieser Praxis vorhergehen. Sie kann sogar temporär die zentrale Tätigkeit neben der Erarbeitung notwendiger Kenntnisse darstellen (7). 3. Aus der Trennung der Wissenschaft von der materiellen Produk- tion hat sich die Entstehung von revolutionärer Theorie zunächst getrennt vom Subjekt der Aufhebung des Kapitalverhältnisses, dem Proletariat, ergeben. Daraus resultiert das Problem der Vermitt- lung der revolutionären Theorie an das Proletariat. Fordert auf der einen Seite der wissenschaftliche Sozialismus aufgrund der in ihm formulierten objektiven Einsichten in die revolutionäre Po- tenz des Proletariats die Überwindung seiner Existenz als bloßer Wissenschaft, drängen andererseits die widersprüchlichen Erfah- rungen der Arbeiterklasse auf die wissenschaftliche Erklärung ih- rer Ursachen. Der Inhalt kommunistischer Agitation als die orga- nisierte Vermittlung revolutionärer Theorie an das Proletariat hat sich aus der Analyse dessen zu ergeben, wogegen revolutionäre Praxis sich richtet. Mit der Marxschen Theorie als Entwicklung des Kapitalbegriffs, die aufgrund des ihr immanenten Ganges zu den Bestimmungen der Konkurrenz, des Staates und des Weltmarktes fortschreitet, ist auch der Gang der der theoretischen Arbeit ei- ner kommunistischen Organisation vorgezeichnet: er besteht in der Entwicklung der verwandelten Formen der Oberfläche des Kapitals. Es verbietet sich das Ausgehen von der Identität der Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie mit der wirklichen Bewegung der einzelnen Kapitale ebenso, wie ihr willkürliches Zusammen- bringen in der Form der "Anwendung". Die Herstellung des richti- gen Bezugs ist Inhalt der Arbeitskonferenz der Roten Zellen/AK. Während allenthalben "bolschewistische Kaderparteien" (8) von Studentenzirkeln aus dem Boden gestampft werden oder spontanei- stische Organisationsformen munter draufloswerkeln, insistiert kommunistische Politik darauf, daß die praktische Lösung der Or- ganisationsfrage (und diese behandelt - zunächst einmal - das Problem organisierter Vermittlung revolutionärer Theorie an das Proletariat) ohne die vorher geleistete Analyse des gegenwärtigen Standes der Auseinandersetzung von Lohnarbeit und Kapital unver- meidlich zum Formalismus führt. Der prinzipielle Mangel a l l e r bisherigen "Parteigründungen" in Westdeutschland und Westberlin zeigt sich in den Programmen und Gründungserklärungen, die sie vorgelegt haben. Aus den dürftig zusammengezimmerten "Analysen", die weitgehend aus Versatzstücken der Leninschen Im- perialismustheorie, mehr an empirischer Sozialforschung, denn an marxistischer Theorie orientierten "Realanalysen" des BRD-Kapita- lismus und importierten Mao Tse-tung-Ideen zusammengesetzt sind, folgen dann angeblich kommunistische Forderungen, deren Beliebig- keit und Willkür nur durch eine Richtschnur zusammengehalten wird. Sie gehen stets um ein Stück über das hinaus, was die DKP und die jeweiligen Konkurrenzparteien fordern. Im Zwang zum Optimismus, der die Schlagzeilen ihrer Gazetten be- herrscht, liegt das Eingeständnis, daß die Lage doch nicht so ausgezeichnet ist, wie die "marxistisch-leninistischen" Auguren es sich gerne vorlügen. Das Theoriedefizit soll wettgemacht wer- den durch die Berufung auf eine schale Tradition: Ernst Thälmann und die Weimarer KPD sollen eine ruhmreiche Geschichte begründen, in die man sich getrost einreihen kann. Abgesehen von der blanken Faktizität, daß die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung vor allem eine des Revisionismus ihrer Organisationen ist, wäre eine grundsätzliche Reflexion auf den Stellenwert von Erfahrungen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, die obendrein noch verallge- meinerbar sein sollen, vonnöten. Das Studium der Geschichte der Arbeiterbewegung kann eine Notwendigkeit werden, wenn es darum geht, einer kommunistischen Organisation, die die Arbeit im Pro- letariat aufnimmt, Aufschluß über das Bewußtsein der Arbeiter- klasse in seinem Verhältnis zu den theoretischen und praktischen Anstrengungen ihrer Organisationen zu geben (9). Diese Auf- schlüsse gibt die Kenntnis der Arbeiterbewegung jedoch nur dann, wenn sie die Beziehung zur Bewegung des Kapitals herstellt. Die Fragestellungen, die eine kommunistische Organisation, die orga- nisierte Tätigkeit im Proletariat entfaltet, an die Geschichte der Arbeiterbewegung herantragen kann, bestimmen sich aber immer aus den theoretischen Voraussetzungen, die zu erarbeiten die we- sentliche Aufgabe der kommunistischen Intellektuellen bleibt. Die revolutionäre Theorie ist nicht, was Stalin behauptet, die Erfah- rungen der Arbeiterbewegung in ihrer allgemeinen Form. Dies un- terschlägt ihre Genesis aus der widersprüchlichen Bewegung des Kapitals selbst und unterstellt eine autonome Geschichte der Or- ganisierung der Arbeiterklasse, bildet somit ein Fundament des Revisionismus in der Arbeiterbewegung, dessen falsche Praxis zunächst immer einer fehlerhaften Theorie geschuldet ist. Auch die Rede von den "allgemeingültigen Wahrheiten des Marxis- mus-Leninismus" muß das Wesen der revolutionären Theorie verfeh- len: Diese besteht nicht im Bereitstellen jederzeit abrufbarer strategischer Modelle, sondern wesentlich in der wissenschaftli- chen Darstellung des allgemeinen Begriffs vom Kapital und der daraus folgenden Praxis. (Auf die Differenz zwischen der Kritik der Politischen Ökonomie und der Leninschen Theorie revolutio- närer Politik sei hier nicht weiter eingegangen. Allein Lenins Insistieren auf deren Begründung aus der Marxschen Kapitalismus- analyse verbietet es, in Berufung auf Lenin einen "Leninismus" als "schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus" zu konstruie- ren.) 4. Die Arbeit an der revolutionären Theorie ist die Arbeitskonfe- renz (10). Die Arbeitskonferenz hat die Aufgabe, die Marxsche Analyse der bürgerlichen Gesellschaft fortzusetzen. Daß diese theoretische Tätigkeit, die sich auf die Oberfläche des Kapitals richtet und aus ihr die von der Konkurrenz bestimmten allgemeinen Formen des Bewußtseins klärt - also eine Voraussetzung für revo- lutionäre Praxis darstellt -, gegenwärtig H a u p t i n h a l t kommunistischer Politik sein muß, ist Ausdruck des Mangels der kommunistischen Bewegung. Der Nachvollzug des allgemeinen Kapitalbegriffs ist Gegenstand der Schulung in den Roten Zellen/AK. Doch hat Marx nicht umsonst im Aufbauplan die Bücher zur Konkurrenz, vom Staat und vom Welt- markt vorgesehen; sie sollten die systematische Ableitung der Oberflächenbewegung aus dem Kapital im Allgemeinen darstellen - im "Kapital" selbst werden diese Bereiche nur soweit behandelt, als sich ihre allgemeinen Charakteristika aus den ökonomischen Formbestimmungen erschließen lassen. Daß das im "Kapital" dargestellte Wissen zur Analyse der histori- schen Bewegung, aus der die Strategie sich ableiten soll, irgend- wie nicht ausreicht, wird von allen Richtungen sozialistischer Politik festgestellt. In der Art und Weise, wie man sich jedoch anschickt, die Marxsche Theorie zu "ergänzen" oder "schöpferisch weiterzuentwickeln", zeigt sich meist, daß an Marx' "Kapital" als Grundlage für die fällige theoretische Arbeit gar nicht festge- halten wird. Sowohl die Vervollständigung, die sich manche Grup- pierungen vom Studium der Geschichte - der Arbeiterbewegung er- hoffen, als auch die äußerliche Verknüpfung von empirischen Daten mit Kategorien aus dem "Kapital", die als "Realanalyse" verkauft wird, beruht auf dem Unverständnis von Marx, das bisweilen sogar in den explizit ausgesprochenen Vorwurf mündet, die intensive Be- schäftigung mit dem "Kapital" sei lediglich Ausdruck von bornier- tem Intellektualismus, der sich den kämpferischen Aufgaben zu entziehen suche. Weil man in der praktischen Politik mit Marx nichts anzufangen weiß, verrät man ihn kurzerhand und verdünnt seine wissenschaftliche, deswegen revolutionäre Leistung zu einer Sammlung von sog. "allgemeinen Erfahrungen". Noch in der gele- gentlichen Zitatenklauberei aus den Schriften zur Kritik der Po- litischen Ökonomie wird deutlich, daß diese Leute das "Kapital" gar nicht studiert haben und d e s w e g e n auch unserer theo- retischen Arbeit feindlich gegenüberstehen. An den empirischen Umständen, unter denen sich heute die Klassenauseinandersetzungen abspielen, das "Wirken des inneren Bandes" der bürgerlichen Ge- sellschaft durch wirkliche Analyse aufzuzeigen, wird von solchem allerorts üblichen "Kommunismus" nicht mehr als agitatorische Pflicht gewußt; es scheinen die allgemeinen Phrasen über Ausbeu- tung, Klassengesellschaft etc. als Kommentare zu allem und jedem zu genügen. Aus dem Gang des "Kapital" I-III geht ebenso wie aus expliziten Hinweisen von Marx hervor, daß die Kategorien des "Kapital" mit denen der "wirklichen Bewegung" weder identisch sind, noch ihnen gleichgültig gegenüberstehen. Die Entwicklung im III. Band faßt er z.B. antizipierend in folgender Weise zusammen: "Die Gestaltungen des Kapitals, wie wir sie in diesem Buch ent- wickeln, nähern sich also schrittweise der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft, in der Aktion der verschiedenen Kapitale aufeinander, der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewußt- sein der Produktionsagenten selbst auftreten" (MEW 25/33). Die Darstellung der ökonomischen Kategorien erreicht erst mit dem Begriff der Revenuequelle die Formen, die den Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft als gegenständliche Voraussetzung ihres willentlichen Handelns gegenübertreten - und das bedeutet, daß sich ihnen die innere Struktur der bürgerlichen Gesellschaft verkehrt darstellt. Die Arbeit der AK besteht nun darin, an den Formen des bewußten Umgangs der Revenuequellenbesitzer aufzuzeigen, daß ihr Handeln tatsächlich ganz mit den in ihren Mitteln enthaltenen Zwängen zusammenfällt, sie also trotz aller gegenteiligen "Erfahrungen" (II) nur Charaktermasken der ökonomischen Kategorien "Kapital" und "Arbeit" sind. Dieser "Nachweis" darf nun nicht so aufgefaßt werden, als ob die Rich- tigkeit des Kapitalbegriffs erst noch einer Bestätigung bedürfte; Marx geht in seiner Darstellung von der Ware als einfachstem ö k o n o m i s c h e m K o n k r e t u m aus (12) und analy- siert folgerichtig die aus ihm sich ergebenden Formbestimmungen der bügerlichen Ökonomie. D a ß die Konkurrenz der Subjekte "die reelle Entwicklung des Kapitals" ist, wissen wir. Es kommt aber gerade darauf an, aufzuweisen, w i e sich die Gesetze des Kapitals in den verwandelten Formen der Oberfläche und in den Handlungen der Privatsubjekte durchsetzen. In der wissenschaftli- chen Darstellung der Oberfläche des Kapitals liegt schließlich die Voraussetzung dafür daß sich die verkehrten Erfahrungen der Arbeiterklasse in das Begreifen der Verhältnisse überführen las- sen, denen sie unterworfen ist, die sie aber auch abzuschaffen die Macht besitzt (13). Aus dem Verhältnis von Kapital im Allgemeinen und Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft folgt, daß die zweckbestimmten Handlun- gen der konkurrierenden Revenuequellenbesitzer von den sie regu- lierenden Gesetzmäßigkeiten ihrer Form nach verschieden und zugleich inhaltlich mit ihnen identisch sind. Dies ist auch die Erklärung für den Satz von Marx "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt" (MEW 13/9). Er ist weder eine ewige Wahrheit noch die Kurzfassung einer "materialistischen Er- kenntnistheorie"; er ist eine Einsicht in die kapitalistischen Verhältnisse und zugleich ihre Kritik. Er bringt die Unterwerfung der Menschen unter von ihnen selbst geschaffene Verhältnisse (g e s e l l s c h a f t l i c h e s Sein!) zum Ausdruck! Die Revenuequellenbesitzer treten sich mit ihrem Anspruch auf Be- dürfnisbefriedigung gegenüber. Dabei sind ihnen die gesellschaft- lichen Verhältnisse bereits vorausgesetzt; es gibt Geld, ver- schiedene "Produktionsfaktoren", die Mittel zur Produktion des gesellschaftlichen Reichtums und zur Partizipation an diesem sind. Bei der "praktischen Bewältigung" des Lebens existiert diese Voraussetzung als unveränderliche Grundlage, mit der man bei dem Bemühen um Erfüllung seiner individuellen Ansprüche zu- rechtzukommen hat. Die Realisierung der besonderen Zwecke erfor- dert dabei eine Bezugnahme der Revenuequellenbesitzer aufeinan- der; das Ziel liegt im Erhalt eines ständigen Einkommens zur Re- produktion. Die Art der Revenuequelle bestimmt den Bezug auf die anderen; keine der getrennt gegebenen Quellen kann ohne diesen Bezug als M i t t e l für die Reproduktion dienen! Die Form dieses Bezugs ist aufgrund des Warencharakters aller Elemente des Reichtums der Austausch. Aus dem Wissen über diese Verhältnisse ergeben sich als Arbeits- gebiete der AK notwendig die Untersuchung der Bestimmungen des industriellen Kapitalisten und der Lohnarbeit in der Konkurrenz, wie sie sich im praktischen Verhalten zu ihrer Revenuequelle, so- mit aber auch in den allgemeinen Bewußtseinsformen ausdrücken. a) Konkurrenz der industriellen Kapitale ---------------------------------------- Aus dem Zweck der individuellen Reproduktion und den Bestimmungen der Revenuequelle Kapital (Geld, das zum Zweck der Gewinnerzie- lung in die Elemente des Produktionsprozesses umgesetzt wird) leitet sich eine Systematik der Handlungen des industriellen Ka- pitalisten in der Konkurrenz ab: in deren Abfolge schwindet die anfängliche Willkür, der seine Entscheidungen unterliegen, und löst sich auf in eine Unterwerfung unter die widersprüchlichen Bedingungen, mit denen er als Einkäufer, "Produzent" und Verkäu- fer von Waren konfrontiert ist. In dieser Systematik der Konkur- renzhandlungen wird deren regulierendes Prinzip sichtbar: Obwohl es freie Entscheidungen des Kapitalisten sind, fallen sie wesent- lich mit der Durchsetzung dessen zusammen, was der allgemeine Be- griff des Kapitals fordert: Der Kapitalist erweist sich als Cha- raktermaske, seine einzelnen Entscheidungen sind bloßer Ausdruck allgemeiner Gesetzmäßigkeiten (14). b) Konkurrenz der Lohnarbeiter ------------------------------ Den Zweck der individuellen Reproduktion verfolgt der Arbeiter durch den Verkauf seiner "Arbeit" an den Kapitalisten und durch ihre Ableistung unter dessen Kommando. Die Handhabung seiner Re- venuequelle "Arbeit" gerät dabei in Widerspruch zum Reprodukti- onszweck, was zur Entwicklung der Formen des Konkurrenzhandelus der Arbeiter führt: Die Arbeit, die seiner Reproduktion dienen soll richtet ihn zugrunde; der Lohn, den er erhält, reicht nicht aus, um ihn als arbeitsfähiges Individuum zu erhalten etc. Daraus ergeben sich einerseits die Versuche, sich im Vergleich mit ande- ren Arbeitern bessere Verkaufs- und Arbeitsbedingungen zu sichern (15) - "Die Uneinigkeit der Arbeiter wird erzeugt und erhalten durch ihre u n v e r m e i d l i c h e Konkurrenz untereinan- der" (MEW 16/196). - Andererseits führt die Wahrnehmung solcher Schranken der Konkurrenz zur Bildung von Koalitionen und darüber hinaus zur bewußten gemeinschaftlichen Aktion gegen das Kapital. In der Analyse der Konkurrenzhandlungen der Arbeiter zerbricht der Schein ihrer Freiheit: Sie ist formell zwar vorhanden, be- steht aber letztlich nur darin, daß sich der Arbeiter als bloße A r b e i t s k r a f t erhalten muß und in diesem Bemühen nur die Verhältnisse reproduziert in denen er Ausbeutungsobjekt des Kapitals ist (16). c) Staat -------- Der Konkurrenz entspringt die Konstitution des allgemeinen Wil- lens, der im bürgerlichen Staat realisiert wird: die formelle Selbständigkeit des Staates als neben der wirklichen Gesellschaft agierendem Subjekt ist in der Konkretion seiner Tätigkeit zu un- tersuchen. Das Handeln des Staates wird sich dann als notwendige Konsequenz der Verhältnisse erweisen, denen der Staat seine Exi- stenz verdankt. Die Trennung des Staats von der Gesellschaft ver- weist in den Bestimmungen seiner Aktionen auf seine Unterordnung unter das Kapital; er ist die dem Kapital adäquate Zusammenfas- sung der Gesellschaft, in der ein wirklich allgemeines Interesse nicht existiert, und vermittelt die Reproduktion der Klassenge- sellschaft, ohne selbst u n m i t t e l b a r ein Klasseninter- esse zu repräsentieren. _____ 1) Bereits Engels sah sich gezwungen, dies in einem Brief an Lafargue klarzustellen, der meinte, Marx wegen seiner hohen poli- tischen Ideale loben zu müssen: "Marx würde gegen das politische Ideal protestieren, das Sie ihm unterstellen. Wenn schon von ei- nem Mann der Wissenschaft, der ökonomischen Wissenschaft, die Rede ist, so darf man keine Ideale haben, man erarbeitet wissen- schaftliche Ergebnisse, und wenn man darüberhinaus noch ein Mann der Partei ist, so kämpft man dafür, sie in die Praxis umzuset- zen. Wenn man aber ein Ideal hat, kann man kein Mann der Wissen- schaft sein, denn man hat eine vorgefaßte Meinung." (MEW 36/198) 2) Die Trennung von Theorie und Praxis als notwendiges Resultat der bürgerlichen Gesellschaft wird auch dadurch nicht aufgehoben, daß unterm Postulat "marxistischer Erkenntnistheorie" ihr Ineins- fallen gefordert wird, noch dazu mit der platten Begründung die Theorie sei Widerspiegelung der praktischen Verhältnisse. Jenen, die in Anlehnung an Mao Tse-Tung eine "marxistische" Neuauf- lage des flachsten Empirismus propagieren, ist das Wissen entgegenzuhalten, das der junge Marx bereits besaß, als er die Verwirklichung der Philosophie als gleichbedeutend mit der Aufhebung des Proletariats bezeichnete. Wer dieser Einsicht sich entgegenstellt und revolutionäre Praxis unmittelbar an den gesellschaftlichen Verhältnissen des Kapitalismus orientiert, fällt selbst noch hinter diese Verhältnisse zurück. Daß die Wissenschaft, auf die sich die bürgerliche Gesellschaft stützt, eine falsche ist, hat als Konsequenz den wissenschaftlichen Sozialismus und nicht den Verzicht auf Wissenschaft. 3) Auch das Festhalten an mangelhafter Theorie und die Behaup- tung, eine solche wäre schon die revolutionäre, verfällt dem Ver- dikt der Theorieverachtung. Insgeheim sind sich spontaneistische Gruppen und ML-Zirkel, ob sie nun die spontane Initiative der Ar- beiter feiern oder als "Theorie" sogenannte Lehrsätze der Klassi- ker herbeten, darin einig, theoretische Arbeit, die den Anspruch der Begründung revolutionärer Theorie ernst nimmt, als Seminar- marxismus zu denunzieren. Die triviale Einsicht, daß sich die Welt durch Denken allein nicht verändern läßt, dient ihnen als willkommener Vorwand, aufs Denken ganz zu verzichten, so daß sich in Polemiken von "Kommunisten" antiintellektuelle Topoi fin- den, die eigentlich dem Faschismus anstehen. 4) Unter der Hand gerät damit den zeitgenössischen Vulgärmarxi- sten, die mit der Tarnkappe des Antirevisionismus auftreten, die Bestimmung der Wissenschaft - vor allem der Naturwissenschaft und Technologie - und daraus diejenige der "Klassenlage" der Intelli- genz zu einer, die sich nicht mehr von der allgemein bekämpften revisionistischen These von der klassenneutralen "Produktivkraft Wissenschaft" unterscheidet, die sich im Gefolge der "wissen- schaftlich-technischen Revolution" herausgebildet haben soll. 5) Da es Bestimmung der Privatsubjekte im Kapitalismus ist, ihre Revenuequellen optimal zu nutzen, und die daraus resultierenden Interessen in der Form der Konkurrenz auch an den Staat anzumel- den, ergeben sich bisweilen gleichlautende Forderungen an den gleichen Adressaten. Daß dem so ist, Proletarier und Studenten zu formalen Interessenidentitäten gelangen können, ist ein der Ober- flächenbewegung der Konkurrenz zuzurechnender Sachverhalt, eine Koinzidenz, die auszuschlachten man den Revisionisten überlassen sollte. 6) Sieht ein Intellektueller in revolutionärer Tätigkeit seine Aufgabe, so macht er seinen bürgerlichen Beruf zur bloßen Voraus- setzung für seine politische Arbeit. Er weiß, daß beide nicht miteinander zu vereinbaren sind. Der Grund für die Ausübung bür- gerlicher Berufe durch revolutionäre Intellektuelle, also einer Funktion i n n e r h a l b der kapitalistischen Arbeitsteilung, ist die Notwendigkeit zur Reproduktion, nicht aber ein "fort- schrittlicher Charakter" bestimmter intelligenter Berufe. 7) Das erste Charakteristikum einer kommunistischen Organisation liegt in der Institutionalisierung wissenschaftlicher Arbeit und Ausbildung: einer k o m m u n i s t i s c h e n Organisation wohlgemerkt. Ein Forschungsinstitut ist keine! Dies gegen Altvä- ter, Bischöffe und ange-Reichelte Reformuniversitäten. 8) Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die wesentlichen Be- stimmungen einer kommunistischen Organisation, wie sie von den Bolschewiki entsprechend den besonderen Umständen in Rußland re- alisiert wurden. 9) Diese Kritik falschen Bewußtseins im Proletariat bezüglich kommunistischer Politik ist möglich ohne den Rekurs auf die hi- storischen Ursachen dieses Vorurteils. Agitation knüpft jedoch an den spezifischen Erfahrungen ihrer Adressaten an und ist damit auf besondere Varianten des Vorurteils, wie sie vorfindlich sind, und die Analyse der historischen Ursachen verwiesen. Deformatio- nen des Arbeiterbewußtseins durch negative Erfahrungen mit revi- sionistischen oder reformistischen Organisationen zum Beispiel müssen folglich in der Politik einer kommunistischen Organisation berücksichtigt werden, die die Arbeit im Proletariat aufgenommen hat. 10) Der Name AK steht hier pur die inhaltliche Arbeit: als solche wird sie sich in die Analyse von Einzelphänomenen, mit denen wir im Betrieb und an der Hochschule konfrontiert werden, fortsetzen; als organisatorische Einrichtung der Roten Zellen/AK im München hat sie nur temporären Charakter. 11) Vgl. MEW 25/875 12) Vgl. MEW 19/369 13) Genauso wie das offene Unterlassen dieser Analyse verkommen auch subtilere Varianten zur willkürlichen Anwendung Marxscher Kategorien, wo sie gerade Varianten zur willkürlichen Anwendung Marxscher Kategorien, wo sie gerade passen. Aus der v o r g ä n g i g e n Absicht, mit Marx agitieren zu gehen, läßt solche Praxis Theorie zum Mittel verkommen. Soll kommunistische Politik wissenschaftlich begründet sein, so hat sich die Praxis einer kommunistischen Organisation aus dem Wissen um den Kapita- lismus notwendig zu ergeben. Dazu ist die Analyse der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft unerläßlich. Es g i b t einen "Königsweg" zur Oberfläche (vgl. PROKLA 3, S. 3). Indem Altvater & Co. das leugnen und an die Stelle des beschwerlichen Wegs wis- senschaftlicher Ableitung die "Realanalyse" setzen, wird eine solche Variante der A n w e n d u n g Marxscher Theorie gestän- dig. Diese "Klassenanalyse" setzt an die Stelle der Theorieerar- beitung die willkürliche Handhabung Marxscher Resultate und ge- langt dann zu den absurden Versuchen empirische Verhältnisse, wie sie in der Aufzählung bloßen Datenmaterials gefaßt werden durch äußerliche Kombination mit Kategorien der Kritik der Politischen Ökonomie als Analyse der wirklichen Verhältnisse auszugeben. Die Marxsche Analyse wird als M i t t e l begriffen, um Realität zu fassen, die aber daneben der "Realanalyse" bedarf. So zeigt sich auch hier das Unverständnis solcher Vorgehensweise, die letztlich den subjektiven Akt des "Verbindens" von "Realanalyse" und Kapi- tal im allgemeinen zeitigt und damit nicht begreift, daß die Phä- nomene der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft die Erschei- nungsformen der immanenten Gesetze des Kapitals sind, die es zu dechiffrieren gilt. Die Flucht vor dieser sauren Arbeit des Gei- stes wird über das Subjekt angetreten, "... da jede nur auf Logik der Kategorie bezogene Untersuchung, die nicht an die politische Bedingtheit der forschenden Subjekte 'rückgekoppelt' ist, sich der Endlosigkeit kategorialer Entfaltung aussetzt" (PROKLA 3, S. 4), soll die Erklärung der Empirie aus dem Begriff des Kapitals unmöglich sein. Mit der "Rückkoppelung an die politische Bedingtheit des forschenden Subjekts" werden hier also die vorfindlichen Wünsche kommunistischer Intellektueller zum Maßstab wissenschaftlicher Arbeit. Marx hat sich gegen diese Verfahrensweise klar genug ausgesprochen: "Einen Menschen aber, der die Wissenschaft nicht einem aus ihr selbst . ., sondern v o n a u ß e n, ihr f r e m d e n, ä u ß e r l i c h e n I n t e r e s s e n entlehnten Standpunkt zu akkomodieren sucht. nenne ich 'gemein'." (MEW 26,2/112) 14) In dieser Analyse, die vor allem für die Beurteilung von Maß- nahmen in Betrieben relevant wird, mit denen die Arbeiter kon- frontiert sind, zeigt sich auch der Unsinn von Interpretationen, die manche Organisationen den Handlungen von Kapitalisten zuteil werden lassen: Statt deren Notwendigkeit darzustellen, entschär- fen sie die kapitalistischen Zwangsverhaltnisse, die die Arbeiter über die Entscheidungen der Bourgeoisie vermittelt erfahren, zu einer Folge monopolherrlicher Bösartigkeit. 15) Diese Konkurrenz erscheint im unmittelbaren Produktionsprozeß an den Lohnformen (Akkord etc.), am Verkauf der "Arbeit", im Kampf um den Arbeitsplatz, als Bemühen, sich durch Konditionie- rung in Ausbildungsprozessen Vorteile zu verschaffen, und in an- deren Formen. 16) Dieser Teil der Theorie liefert die wichtigste Grundlage für eine Betriebsagitation, welche auf die Überwindung des unmittel- baren Bezugs auf die vorfindlichen Bedingungen des Reproduktions- prozesses abzielt und den Arbeitern die Realisierung von Kämpfen gegen das L o h n a r b e i t s v e r h ä l t n i s ü b e r- h a u p t als Perspektive erkennen läßt. II. 1. Das Proletariat produziert das Kapital selbst: darauf beruht seine Abhängigkeit vom Kapital ebenso wie seine Macht, es abzu- schaffen. Die Verhältnisse, die die proletarische Revolution not- wendig machen, sind also zugleich solche, in denen die Arbeiter- klasse ihre Macht noch nicht erkannt und realisiert hat. Wenn proletarische Existenz mit revolutionärer Tätigkeit unmittelbar zusammenfiele, wären alle Bemühungen kommunistischer Politik überflüssig (1). Die falsche Identifizierung von proletarischer Existenz mit revolutionärer Tätigkeit liegt jegliche Verherrli- chung des Proletariats zugrunde, die dessen empirische Existenz- und Bewußtseinsformen für etwas Positives hält und mit ihnen die Verhältnisse, in denen es Objekt kapitalistischer Ausbeutung ist, affirmiert. Die von Marx aufgezeigte Trennung von Wissenschaft und Produktion im Kapitalismus und deren für kommunistische Politik bestimmende Konsequenz: die a u ß e r h a l b des Proletariats sich voll- ziehende Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus als Über- windung der Schranke bürgerlicher Erkenntnis charakterisiert die Aufgabe kommunistischer Politik: Die Aufhebung des Widerspruchs, daß das Wissen über den Kapitalismus getrennt vom Proletariat existiert, kann nur darin liegen, daß es dieses Wissen und damit seine eigene Stellung zum Kapital zur Grundlage seines Handelns macht. Es muß sich das Wissen erwerben. Aus der abgelösten Existenz des wissenschaftlichen Sozialismus folgt die Notwendigkeit, seine Vermittlung an das Proletariat zu leisten. Wer als kommunistischer Intellektueller, und das heißt immer, mit dem Wissen über den Kapitalismus ausgestattet, die Vermittlung seiner Einsichten an das Proletariat vollziehen will, ist nicht herablassender "Pädagoge", er zieht nur die Konsequen- zen aus seinen Einsichten. Daß dies kein Gängeln des Proletariats bedeutet, geht daraus hervor, daß die Arbeiter in solchem Versuch als Subjekte unterstellt sind, die der Einsicht in ihre objektive Lage - und das nennt Engels "Klassenbewußtsein" - fähig sind, und daß s i e es sind, die sich Wissen aneignen (2). Der Verzicht auf den wissenschaftlichen Sozialismus ist es auch, der die matten Bündnisthesen hervorbringt, denen zufolge die höchste Leistung der sich mit ihrer durchaus realen Ohnmacht be- scheidenden Intellektuellen darin besteht, für den ausgebeuteten Arbeiter Sympathien zu hegen, nicht aber sich anzustrengen, den Weg, den das Proletariat gehen muß, abzukürzen (3). Die Vermittlungstätigkeit setzt an den vorfindlichen einzelnen Begebenheiten an den Bewußtseinsformen, wie sie empirisch exi- stieren, an. Sie erklärt sie als notwendige Durchsetzungsformen der allgemeinen Gesetze des Kapitals und destruiert in diesem Nachweis das falsche Bewußtsein, das den im Kapitalismus Handeln- den aufgeherrscht ist. Voraussetzung ist die vollzogene Erarbeitung der Bewegungsgesetze des Kapitals im Allgemeinen und der Formen der Oberfläche, aus deren Kenntnis allein die jeweilige empirische Einzelsituation als in den objektiven Verhältnissen gründend nachgewiesen werden kann. Nur so ist eine äußerliche Konfrontation der gesellschaft- lichen Realität mit "Problemen" kommunistischer Politik ausge- schlossen. 2. Wenn Marx den Begriff des Proletariats als vom Kapital be- stimmten Verkauf und ihm unterworfene Verausgabung der Ware Ar- beitskraft darstellt, sind es auch die empirischen Phänomene der Lohnarbeit, des unmittelbaren Produktionsprozesses die den zen- tralen Gegenstand der Agitation der Arbeiter ausmachen. Die Ver- mittlungstätigkeit hat so an der tagtäglichen Praxis des Proleta- riats anzusetzen. Was es aus den Inhalten der Agitation erfährt, ist das Wissen über s e i n e Stellung im Kapitalismus. Ihm wird seine eigene Bestimmung wissenschaftlich erklärt. Das, was im Begriff des "ökonomischen Kampfes" der Arbeiterklasse enthal- ten ist, setzt zwar die partielle Aufhebung der Konkurrenz der Arbeiter als Resultat der vom Kapital gesetzten Beschränkungen und damit die M ö g l i c h k e i t einer Überwindung der vor- gefundenen Verhältnisse voraus. Im ökonomischen Kampf als verän- dertem Umgang mit dem Mittel ihrer Reproduktion, der Ware Ar- beitskraft, überwinden die Arbeiter jedoch nicht die vorgegebenen Formen, denn die Revenuequelle wird als vorausgesetzte anerkannt. Das bedeutet eine Orientierung des Verhaltens der Arbeiter an der Rationalität der Revenuequelle selbst, die sich im Lohnkampf daran zeigt, daß er zunächst Kampf um Erhalt oder Erhöhung des Nutzens ist, der aus der Revenuequelle zu ziehen ist. Dieser affirmative Bezug auf die vorausgesetzten Verhältnisse wird auch deutlich an der Beziehung der Arbeiter auf den Staat. Aus ihrer Forderung nach Aufrechterhaltung der Bedingungen des Warentausches machen sie ihn verantwortlich, wenn z.B. sozialpo- litische Maßnahmen den Gebrauch ihrer Revenuequelle nicht gewähr- leisten. Daß sie dem Schein des Staates als neutraler Instanz aufsitzen, erweist sich auch in Krisenzeiten, wo sie den Staat zum Adressaten ihrer Forderungen nach gesichertem Einkommen ma- chen und ihm bei Nichterfüllung die Verantwortung der Krisensi- tuation anlasten. Die Arbeiter beziehen sich dann in unveränder- ter Form auf den Staat, auch wenn der Inhalt ihrer Ansprüche den Schein erweckt, als würden die immanenten Bedingungen der kapita- listischen Verhältnisse überschritten. So erweist sich, daß dieses Handeln nur als Ausschöpfen der im Rahmen des Kapitalismus selbst angelegten Möglichkeiten gekenn- zeichnet werden kann. Allein Agitation, die es aus den Bestimmun- gen des Kapitals erklärt, ermöglicht die Auflösung seiner Fixie- rung und damit den Übergang eines affirmativen Bezugs auf die vorgefundenen Bedingungen zu einem Kampf, der über die kapitali- stischen Verhältnisse hinausweist. In der Behandlung, die das Problem des Verhältnisses von ökonomi- schem und politischem Kampf allgemein erfährt, liegt die Zurück- nahme der Aussage, daß der Produktion in kommunistischer Politik die zentrale Stellung zukommt. Solche Politik setzt zwar im Be- reich der unmittelbaren Produktion an, geht jedoch in einen Be- reich über, in dem der bürgerliche Staat handelt. Die akzeptierte Trennung des "ökonomischen" vom "politischen" Kampf und ihre Einrichtung als zwei Abteilungen kommunistischer Politik leitet sich dabei her aus einer Fixierung auf die vorfindlichen Sphären der Produktion und des "politischen Lebens" und macht die man- gelnde Einsicht in den Charakter des bürgerlichen Staates als Produkt des Kapitalverhältnisses deutlich. Ist der Kampf des Pro- letariats einer, der das K a p i t a l verhältnis abschaffen soll, so kann das nur heißen, daß er aus der Beschränkung heraus- geführt werden muß, die ihm anhaftet, solange er sich auf bloße Modifikationen des ökonomischen oder politischen Bereichs rich- tet. Aus dem Charakter des Staates als gewaltsamer Klammer der antagonistischen Produktionsverhältnisse folgt freilich, daß sich der Kampf a u c h gegen ihn richtet. Nicht aber dadurch wird er zum politischen Kampf! Die organisatorische Form des affirmativen Verhaltens zur Revenu- equelle Arbeit, die selbst aus dem Kapitalismus erwächst und als Überwindung der Konkurrenz unter den Arbeitern über ihn hinaus- weist, sind die Gewerkschaften. Sie sind notwendige Konsequenz des im Kapitalismus liegenden Zwangs zur Senkung des Preises der Ware Arbeitskraft unter ihren Wert und zum Kampf gegen die De- struktion der Arbeitskraft im unmittelbaren Produktionsprozeß. Daraus folgt die Stellung, die Kommunisten in ihrer Agitation zum Handeln der Gewerkschaften einnehmen. Sie anerkennen sie als für die Reproduktion der Arbeiter notwendige Form der Koalition, die in ihren Kämpfen um die Erhaltung der Arbeitskraft die Schranken ihrer im Rahmen des Lohnarbeitsverhältnisses verbleibenden Praxis kenntlich werden läßt. Das schließt die Kritik an ihnen aus, sie sollten sich wie eine kommunistische Partei verhalten. Die Ge- werkschaften für d i e Organisation der Klasse zu halten, ist eine Täuschung, der viele Gruppen aufsitzen (4). Die Gewerkschaf- ten überwinden zwar die Vereinzelung des Arbeiters, der über den Lohnvertrag mit dem Kapitalisten seine Reproduktion sichern will und erfährt, daß er sich in allen Verbesserungen des Lohnvertrags nur neue Beschränkungen einhandelt. Sie sind das Resultat der im Lohnarbeitsverhältnis enthaltenen Widersprüche, kämpfen als Ge- werkschaften um die Beseitigung ihrer Auswirkungen, ohne jedoch das Lohnarbeitsverhältnis selber anzugreifen. Ist die Einsicht in den beschränkten Charakter der Gewerkschaften bei der Arbeiterklasse vorhanden, so verhält sie sich nicht feindlich gegenüber den Gewerkschaften, sondern bedient sich ih- rer bewußt als Mittel, mit dem die immanenten Möglichkeiten der Reproduktionsbedingungen der Arbeiter auszuschöpfen sind. Wenn sich kommunistische Agitation mit dem Verhalten der Gewerkschaf- ten befaßt, kann sie also das Teilziel verfolgen, durch die rich- tige Darstellung der anstehenden Probleme die Arbeiter dazu zu veranlassen, ü b e r die Gewerkschaften eine für kommunistische Politik in den Betrieben vorteilhaftere Gewerkschaftspolitik durchzusetzen. Agitation ist nicht Affirmation des vorgefundenen Bewußtseins der Arbeiter, sondern gerade dessen Veränderung: sie muß sich aus wissenschaftlicher Einsicht ableiten, nicht aus dem Zuspruch, den sie bei den Massen findet. Proletarisierung der kommunistischen Organisation kann deshalb nur heißen, daß ihr möglichst v i e l e A r b e i t e r angehören, d i e i h r e o b j e k t i v e L a g e b e g r i f f e n h a b e n. "Darum muß unser Augenmerk v o r n e h m l i c h darauf gerichtet sein, die Arbeiter auf das Niveau von Revolutionären zu h e b e n, keineswegs aber darauf, sich selbst unbedingt auf das Niveau der 'Arbeitermasse' hinabzubegeben" (Lenin, AW 1/258). In der Vernachlässigung dieser wesentlichen Einsicht wird von an- deren Gruppen das Argument der Quantität der zur Organisation ge- hörenden Arbeiter gegen dasjenige der Qualität ihres Bewußtseins ausgespielt. Die Einsicht, die dem Arbeiter an einem Moment der Agitation erwächst, ist aber noch nicht die Erkenntnis der Tota- lität der kapitalistischen Verhältnisse. Agitation zieht daher Ausbildung innerhalb der Organisation nach sich, damit der Arbei- ter selbst am Vermittlungsprozeß und an der Durchführung von Ak- tionen bestimmend mitwirken kann. 3. Aus dem Charakter kommunistischer Politik folgen Aussagen über die Organisationsform, in der sie sich vollzieht: Das, was die Mitglieder zusammenschließt, ist das gemeinsame Wissen über den Kapitalismus und der d a r a u s resultierende Wille, die in jenem selbst angelegte Aufhebbarkeit zu verwirklichen. Gründet sich so die Identität der Organisation auf ein gemeinsames W i s s e n, so folgt, daß jedes Mitglied über die Kenntnisse verfügen muß, die die Grundlage des Handelns der Organisation darstellen. Das setzt einen Prozeß der Ausbildung voraus, der als objektiver Bestandteil der Organisation die Forderung an j e d e s Mitglied stellt, im Erwerb des Wissens und der Ein- sicht in den daraus folgenden Zweck seine Privatinteressen als kapitalistische zu reflektieren und nicht mehr als Zweck seines Handelns gelten zu lassen, denn der kommunistischen Organisation geht es nicht um die Zusammenfassung und Durchsetzung partikula- rer Interessen in der bürgerlichen Gesellschaft sondern um den Kampf gegen sie als ganze. Konsequenz ist, daß sich die Mitglie- der nur nach dem Grad ihres Wissens und den ihrer jeweiligen Be- sonderheit entspringenden Mängeln bzw. Fähigkeiten unterscheiden, ferner durch das Maß an politischer Erfahrung, nicht aber durch Klassenherkunft oder Interessensfraktionen (5). Mitglied der kom- munistischen Organisation zu sein, ist Ergebnis einer Einsicht, die in einem mühsamen Prozeß der Bewußtwerdung gewonnen wurde. Keine kommunistische Organisation kann also Massenorganisation sein. Sie ist eine Kaderorganisation oder keine kommunistische Organisation (6)! Aus der Erkenntnis der kapitalistischen Verhältnisse ergibt sich der Z w e c k den es zu verwirklichen gilt: die Abschaffung dieser Gesellschaftsform. Als widersprüchliche erkannt, ist sie dem Veränderungswillen des Erkennenden unterworfen. Konsequenz ist die Forderung der kommunistischen Organisation an sich selbst diesen Zweck zu realisieren. Der Schritt der Realisierung verlangt von den Mitgliedern, daß sie den erkannten Zweck zu ihrem eigenen machen und in der prak- tischen Tätigkeit die Kriterien ihres Handelns aus dem Wissen nehmen, nicht aus ihren partikularen Zwecken. So zeichnen sich die Mitglieder komplementär zu ihrem Wissen durch Disziplin aus (7). Der Anspruch, den die Organisation formell an sie stellt, fällt mit dem zusammen, was sie aus ihrem Wissen sich selbst ab- verlangen müssen. Daß dies als formelle Absicherung geschieht, entspringt dem berechtigten Mißtrauen gegenüber der Partikulari- tät, die bürgerliche Individuen wider besseres Wissen festzuhal- ten bemüht sind (8). Der Parteiaufbau - und das heißt nichts anderes als der Aufbau einer kommunistischen Organisation im nationalen Rahmen - fordert als seine Voraussetzung das allgemeine Wissen über das, was eine kommunistische Organisation ausmacht. Daraus lassen sich die Schritte ableiten, die in der jeweiligen historischen Situation adäquat sind, um den praktischen Vollzug des Wissens zu leisten. Dieser Prozeß, der stets in Bezug auf den jeweiligen Stand der Auseinandersetzung von Lohnarbeit und Kapital stattfindet, ver- bietet Versuche, die außerhalb jeder historischen Konkretion Mo- delle des Parteiaufbaus aus der Geschichte der Arbeiterbewegung auf die heutige Situation übertragen oder in einem voluntaristi- schen Akt die Partei zu gründen vorgeben. Erst auf einem bestimm- ten Stand der Theoriebildung ist es möglich, kontinuierlich in den Betrieben zu arbeiten. Der Zwang zum Handeln muß sich also prinzipiell aus unserem Wis- sen ergeben. Allein aus ihm werden die Ereignisse als relevant erkannt und d e s h a l b hat die Organisation darauf zu rea- gieren. So ist ausgeschlossen, jede sich verändernde historische Situation als Entfaltung der Klassenkämpfe auszugeben und sich von empirischen Phänomenen das Handeln diktieren zu lassen, ohne sie beurteilen zu können. Anlaß zum Handeln kann Kommunisten nur eine solche historische Veränderung sein, die sie analysiert ha- ben als w e s e n t l i c h in der Auseinandersetzung von Lohn- arbeit und Kapital. Damit löst sich kommunistische Politik vom Ausgeliefertsein, vom bloßen Reagieren auf alles und jedes. Das ist der Grund, warum die Roten Zellen/AK sich nicht in den allgemein verbreiteten Taumel des Parteiaufbaus hineinstürzen (9), sondern die zur Zeit dringlichste Aufgabe leisten, die Vor- aussetzungen praktischer Tätigkeit im Proletariat zu schaffen. I n dieser Tätigkeit ist die AK Kritik an jenen Gruppen, die aus mangelnder Analyse der allgemeinen Grundlagen und der histori- schen Situation in den Wahn verfallen, die Partei des Proletari- ats aus dem Boden stampfen zu können. Soll die Namensgebung "Partei" nicht zum bloßen Taufakt verkommen, muß es einer kommu- nistischen Organisation gelungen sein, die Vermittlung des erar- beiteten Wissens im Proletariat zu leisten und Teile der Arbei- terklasse im nationalen Maßstab zu organisieren (10). Die Rich- tigkeit der Politik dieser Partei ist Voraussetzung dafür, daß ihre quantitative Zunahme auch ihre Stärkung bedeutet. _____ 1) Alle "Theorien", die auf die Spontaneität der Arbeiter- klasse vertrauen, wissen davon nichts. Dies gilt auch für die Gruppe Rote Fahne (KPD), die sich deklamatorisch scharf gegen die Anbetung der Spontaneität in sozialistischer Politik wendet, da daraus das Unvermögen resultiere, die organisatorischen Aufgaben der Arbeiterbewegung zu lösen. Hinter dieser Hochhaltung des or- ganisatorischen Prinzips lauert jedoch, wenn es als "Verbindung der Aktivität der Kader mit der Aktivität der Massen" formuliert wird, der heimliche Spontaneismus dieser Gruppe selbst: Aus der Annahme der "Aktivität der Massen" als g e s o n d e r t e m Kriterium für kommunistische Politik geht ein seltsames Vertrauen auf die Richtigkeit der gegebenen Aktionen des Proletariats her- vor; das Gutheißen von Aktivitäten, deren einzige Qualität darin gesehen wird, daß die "Massen" sie tragen, offenbart Verzicht, die eigene Politik wissenschaftlich zu begründen. 2) Die Kritik an Intellektuellen, die sich in ihrer politischen Praxis auf Arbeiter beziehen, kann also nie darauf gehen, d a ß sie es tun; allein auf die R i c h t i g k e i t ihrer Theorie kommt es an. 3) In der scheinbaren Relativierung unserer Tätigkeit, die mit der Marxschen Formel vom "Abkürzen des Wegs des Proletariats" ausgedrückt wird, ist keine Zurücknahme unserer grundsätzlichen Aussage zur Charakterisierung kommunistischer Politik zu sehen: Die Notwendigkeit der Erarbeitung des wissenschaftlichen Sozia- lismus schließt für kommunistische Intellektuelle die Ver- pflichtung ein, so intensiv wie möglich theoretisch zu arbeiten, ohne dabei jedoch aus den Augen zu verlieren, daß die Aktion des Proletariats, nicht die theoretische Arbeit von Intellektuellen den Kapitalismus beseitigt. Gerade der Intellektuelle, der die Notwendigkeit von Wissenschaft für das Proletariat eingesehen hat, weiß auch, daß die Theorie nicht die materielle Gewalt dar- stellt, die das Kapitalverhältnis aus den Angeln hebt. Wenn wir also gegen andere Intellektuellenorganisationen polemisieren, dann deswegen, weil sie nicht einmal die beschränkte Funktion wahrnehmen, die Intellektuellen in der revolutionären Bewegung zukommt. An Intellektuelle stellt sich die Forderung, ihre Mög- lichkeiten für die proletarische Revolution wahrzunehmen, ohne dabei in den Wahn zu verfallen, zum Demiurgen der Weltgeschichte werden zu können. Noch jeder theorietreibende Zirkel, der am Proletariat als dem revolutionären Subjekt festhält, unterstellt, daß prinzipiell die Arbeiter fähig sind, selbst ihre eigene Lage zu begreifen. 4) Trotz der Beteuerung, den "Kampf um die Gewerkschaften" als begrenzten erkannt zu haben, wird in den Aussagen z.B. des KBW deutlich, daß der Charakter der Gewerkschaften als kapitalistisch immanenter nicht begriffen ist. Aus der Bestimmung der Gewerk- schaften als "elementare Organisation der Arbeiterklasse" folgt für ihn, daß diese Organisationsform bereits den adäquaten Kampf gegen den Kapitalismus gewährleistet: Das Problem bestehe eigent- lich nur darin, die reformistische Arbeiteraristokratie zu ver- treiben. Die Politik des KBW in den Gewerkschaften als Einsatz für die materiellen Interessen der Arbeiter soll einerseits ihn als besseren Vertreter der Interessen qualifizieren, andererseits die Gewerkschaften in ihrer "ursprünglichen", rein positiv ver- standenen Qualität wiederherstellen. Die Übernahme des RGO-Konzepts durch die Gruppe Rote Fahne (KPD) - allein begründet aus der "Erfahrung der Geschichte der Arbei- terbewegung" - erhellt den theoretischen Mangel, dem diese Gruppe auch in ihrer Bestimmung von Gewerkschaftspolitik unterliegt: Die Mängel, gegen die die RGO antreten will, werden festgemacht an der "Verkommenheit" des Gewerkschaftsapparates. Daraus legiti- miert sie einen Kampf gegen die Gewerkschafts f ü h r u n g und richtet ihre Politik damit nach deren Handeln, nicht aber nach der Kenntnis des objektiven Charakters jeglicher Gewerkschaftspo- litik. Kommunistische Politik bleibt so auf einer dem Kapitalis- mus immanenten Ebene und stellt sich lediglich auf den Standpunkt einer "ordentlichen Gewerkschaft", die darüber hinaus system- transzendierende Forderungen aufstellen und durchsetzen soll. Diese neue Funktion der Gewerkschaften bedeutet aber nichts anderes, als ihr die Aufgaben der Partei des Proletariats zuzuweisen! Mit dem Anspruch, die Gewerkschaft aus der Analyse der Politi- schen Ökonomie zu bestimmen, treten Autoren der PROKLA II gegen andere linke Gruppen an. Sie finden eine doppelte Bestimmung der Gewerkschaften, einmal als Organisation des Gegensatzes von Lohn- arbeit und Kapital, damit als Organisation des Widerstands der Arbeiterklasse zu anderen (!) als integrierter Bestandteil des Lohnsystems, weil sie Erscheinungsformen der Oberfläche verfallen seien. Ihre doppelte Aufgabe - i n n e r h a l b der kapitali- stischen Gesellschaft und n e b e n ihr - erfüllen die Gewerk- schaften solange nebeneinander, bis ihre reformistische Verfesti- gung durch die historische Entwicklung der Klassenkämpfe aufgeho- ben wird, so daß die "Gewerkschaften so wieder (!) zu Klassen- kampforganisationen des Proletariats werden" (S. 92). Was sich als Analyse der Gewerkschaften ausgibt, enthüllt sich als Kon- frontation allgemeiner Kategorien der Politischen Ökonomie mit den Durchsetzungsformen an der Oberfläche. Die weitere Reduktion dieser Bestimmungen auf den Gegensatz von unmittelbarem Produkti- onsprozeß ("tägliche Erfahrung der Ausbeutung") und der abgeho- benen Ebene der Arbeiterfunktionäre, die ausgerechnet deswegen dem Schein der Konkurrenz verfallen sein sollen weil sie "nicht unmittelbar dem Kapitalverhältnis unterworfen sind", charakteri- siert die Autoren als nicht minder den Erscheinungen der Oberflä- che verhaftet als jene, die sie kritisieren. Nur aus einem Verzicht auf die Analyse der Gewerkschaft läßt sich erklären, daß die DKP sie als eine Organisation bestimmt, deren Handeln als Teil kommunistischer Politik zu begreifen sei. Es reicht der DKP aus, d a ß die Gewerkschaft eine Organisation der A r b e i t e r k l a s s e ist, um sie als kapitaltrans- zendierend zu verstehen und die Inhalte ihres Handelns identisch zu setzen mit den Inhalten, die eine kommunistische Organisation durchzusetzen versucht. Diese Anpassung der DKP an die gegebenen kapitalistischen Verhältnisse findet ihren konsequenten Ausdruck in der Zielsetzung der Gewerkschaftsarbeit: "konkrete, aktuelle, der Masse der Arbeiter und Angestellten verständliche Forderungen aufstellen und für ihre Verwirklichung ... konsequent eintreten" (Thesen des Düsseldorfer Parteitags der DKP. S. 43). 5) vgl. Lenin: "Die Organisation der Revolutionäre... muß vor al- lem und hauptsächlich Leute erfassen, deren Beruf die revolutio- näre Tätigkeit ist ... Hinter dieses a l l g e m e i n e M e r k m a l der Mitglieder einer solchen Organisation muß je- der Unterschied zwischen Arbeitern und Intellektuellen, von den beruflichen Unterschieden der einen wie der anderen ganz zu schweigen, völlig zurücktreten." (Lenin, AW 1/241) 6) Würde man innerhalb der kommunistischen Organisation den Ge- gensatz von Kadern und Massen anerkennen, so hieße das, ganze und halbe Kommunisten zu schaffen. 7) Diese Anforderungen gelten für alle kommunistischen Organisa- tionsformen. Willkür wäre es, erst mit dem Bestehen der Partei von den Mitgliedern Disziplin zu verlangen. Diese Trennung impli- ziert, daß sich mit der Gründung der Partei ein qualitativ neuer Schritt vollziehe. Die Partei ist aber nur Resultat einer Arbeit, in der sich die Organisation herausgebildet und ihre Stabilität schon gewonnen hat. Eine kommunistische Organisation wird also immer an ihre Mitglieder Anforderungen stellen, die sich aus dem Wissen begründen und seine Realisierung gewährleisten. 8) Der Vorwurf, eine kommunistische Organisation nehme durch ihre Forderungen das einzige Mitglied nicht als dieses einzelne ernst, nimmt implizit zurück, daß sich die Organisation auf ein Wissen gründet, in dem auch Kenntnisse über das bürgerliche Subjekt ein- geschlossen sind. Formuliert die Organisation die aus diesem Wis- sen folgenden Konsequenzen als Forderungen, so spricht sie nur die Konsequenzen des politischen Subjekts selbst aus. Mit den Problemen, die seiner Partikularität geschuldet sind, hat es in einer Weise umzugehen, die sie als bloße V o r a u s s e t- z u n g in der Realisierung des gewußten Zwecks gelten läßt. Rücksichtnahme kann in einer kommunistischen Organisation nicht darin bestehen, die bürgerliche Partikularität zum Inhalt ihrer Tätigkeit zu machen sondern nur darin, daß dem einzelnen durch 'Argumente' die aus dem gemeinsamen Wissen geschöpft sind, die Notwendigkeit einsichtig gemacht wird, die Anforderungen für sich durchzusetzen. 9) Der Hinweis darauf, wir würden uns also drücken, läßt uns an- gesichts der Theorie und Praxis von DKP, Gruppe Rote Fahne (KPD) und KBW etc. ebenso kalt wie die Beschimpfung, wir würden uns elitär zur Arbeiterklasse verhalten: Wir belästigen die Ar- beiter nicht tagtäglich mit falschen Phrasen. 10) Der Begriff der kommunistischen Partei enthält in sich den Widerspruch, daß die Form der Partei der Sphäre bürgerlicher Politik entnommen ist, in der konkurrierende Parteien eine je- weils bestimmte Alternative der Verfolgung des Allgemeinwohls - was zusammenfällt mit der Reproduktion der kapitalistischen Ge- sellschaft - den Staatsbürgern anbieten, wohingegen eine kommuni- stische Organisation ihrem Inhalt und ihrer Organisierung nach deren Negation darstellt. Dies wußte Lenin, als er von einer "Partei neuen Typs" sprach. Das Festhalten am Namen "Partei" er- klärt sich nur aus der Tradition der Arbeiterbewegung. III 1. Für die Arbeit an der revolutionären Theorie, die gegenwärtig in der Arbeitskonferenz geleistet wird, wie für die Vermittlung des wissenschaftlichen Sozialismus an das Proletariat bedarf es einer möglichst großen Anzahl ausgebildeter Individuen. Prinzipi- ell lassen sich diese aus allen Teilen der Gesellschaft rekrutie- ren - sind doch alle ihre Mitglieder Menschen, die tagtäglich ih- ren Verstand gebrauchen. Wissenschaftlicher Sozialismus ist aber nicht einfach die Tätigkeit des "gesunden Menschenverstandes", er ist zunächst einmal Wissenschaft (dieses Wissen hat den Zweck des Handelns kommunistischer Politik zu bestimmen). Wir richten des- halb unsere Agitation auf Individuen, deren spezifische Stellung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft die Voraussetzungen enthält, an der wissenschaftlichen Erarbeitung der revolutionären Theorie mitzuwirken. Diese finden sich in einer vom Kapital erzeugten Sphäre von Wis- senschaft und Ausbildung. Als von der materiellen Produktion ge- trennter Bereich existiert die Wissenschaft in einer Form, die dem Verwertungszweck der kapitalistischen Produktion adäquat ist. Durch die Bezugnahme auf Wissenschaft dokumentiert der Reproduk- tionsprozeß der Gesellschaft, daß ihre Mitglieder mit den Gegen- ständen ihrer Tätigkeit als e r k a n n t e n umzugehen haben. Träger dieser Wissenschaft ist die Intelligenz, die in ihrer von der materiellen Produktion getrennten gesellschaftlichen Tätig- keit den kapitalistischen Zweck erfüllt und im Gegensatz zum Pro- letariat steht. Dennoch bringt sie V o r a u s s e t z u n g e n mit, aufgrund derer sie relevante Funktionen für kommunistische Politik erfüllen kann. Deshalb agitieren wir Intellektuelle. Die Sphäre geistiger Produktion im Kapitalismus erhält an der Oberfläche der Gesellschaft ihren Ausdruck in der Existenz einer Unzahl unterschiedener intelligenter Berufe. Das Charakteristikum all dieser Berufe liegt darin, daß sie mit Wissenschaft (und ih- rer Anwendung) befaßt sind (1). Ihre Form als Lohnarbeit hingegen unterscheidet sie nicht von allen anderen Tätigkeiten - sie weist höchstens darauf hin, daß sie notwendige Funktionen für die Re- produktion des Kapitals, gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten, darstellen. Als Berufe sind sie zugleich das Mittel, mit dem sich Individuen reproduzieren: Dies gibt - noch ohne eine detaillierte Untersu- chung der einzelnen Berufe - einen Hinweis darauf, daß ein Freiraum zur beliebigen Umfunktionierung der betreffenden Tätig- keiten in antikapitalistische Praxis nicht besteht. Weder läßt sich aus der Nähe zur unmittelbaren Produktion mit ei- nem gedanklichen Salto mortale ein Teil der Intelligenz zum revo- lutionären Subjekt qua Fähigkeit hochstilisieren (2), noch ist der Inhalt dieser Berufe, geistige Produktion, die Gewähr für re- volutionäre Bewußtseinsbildung und optimale politische Möglich- keiten (3). Die spezifisch geistige Fähigkeit in dem jeweiligen Beruf stellt mit der Grundlage für die Reproduktion des Intellek- tuellen zugleich eine notwendige Funktion für die b e s t e- h e n d e Gesellschaft dar. Versucht ein Individuum i n seinem Beruf dessen Funktion zu ne- gieren, läuft es folgerichtig Gefahr, seine Reproduktionsbasis zu verlieren (4). Geht die Frage nach der notwendigen Agitation von Intellektuellen für die anstehenden Aufgaben der kommunistischen Bewegung nicht davon aus, Berufsperspektive und kommunistische Politik verbinden zu wollen (oder mit Bündnistheorien bzw. mit dem Hinweis auf die allgemeine Form der Lohnarbeit Politik in allen Überbaubereichen zu legitimieren), weiß man vielmehr, daß Kommunist-Sein und kapi- talistischer Beruf nicht zu vereinbaren sind (5), so findet sich für die Agitation ein Bereich, der nicht in demselben Maße den Beschränkungen für kommunistische Politik unterliegt wie die In- tellektuellenberufe, wo aber - Individuen mit Wissenschaft befaßt sind: die Hochschule. Die Hochschule ist der Ort, wo Wissenschaft und Ausbildung vom Staat institutionalisiert sind. Dort sollen sowohl wissenschaft- liche Ergebnisse wie über die Wissenschaft Ausgebildete für den gesellschaftlichen Bedarf bereitgestellt werden. Insofern besteht kein prinzipieller Unterschied zu den späteren Berufen, für die das Studium den Studenten die Vorbereitung bietet: Die Beschäfti- gung mit Wissenschaft ist Mittel für die spätere Reproduktion, und Inhalt und Form des Studiums zeigen selbst ihren kapitalisti- schen Charakter. Auch die Hochschule ist kein Freiraum jenseits aller gesellschaftlichen Bestimmtheit. Aber es fehlen die Zwänge, sich unmittelbar mit dem reproduzieren zu müssen, womit man sich im Studium beschäftigt. Sofern Berufstätige der Intelligenz den Inhalt ihrer Tätigkeit reflektieren - dies wäre ja ein erstes Ziel der Agitation unter ihnen -, ist dieser noch ein anderer als bei Studenten. Nicht nur Soll im Beruf das Wissen mit der prakti- schen Tätigkeit vermittelt werden, diese Aufgabe ist zugleich verknüpft mit der Reproduktion des jeweils Berufstätigen. Seine Existenz hängt von der Erfüllung dieser Aufgabe ab. Der Student soll aber erst lernen, was seine spätere Tätigkeit ist. Beschäftigung mit Wissenschaft und Reproduktion fallen nicht zusammen. Im Inhalt des Studiums, der Wissenschaft, liegt ein Grund dafür, daß den Studenten - auch nach den anstehenden Refor- men auf dem Hochschulsektor - ein gewisser Spielraum gelassen wird, sich das notwendige Wissen anzueignen (6). Diese Argumente geben den Grund dafür ab, weshalb wir a n d e r H o c h s c h u l e Politik machen, um Studenten für die lang- fristige Arbeit unserer Organisation zu gewinnen. Diese Politik wird aufgrund der Bestimmungen des Verhältnisses von Intelligenz und Proletariat im Kapitalismus auch dann nicht enden, wenn die Bedingungen andere sind. Die gegenwärtige Situation an den Hoch- schulen bestimmt lediglich die Form der Durchführung unserer Hochschulpolitik. Prinzipiell ist sie bleibender Bestandteil kom- munistischer Politik 2. Der Grund für die Notwendigkeit der Erarbeitung revolutionärer Theorie - der G e g e n s a t z von materieller und geistiger Produktion und die mit ihm einhergehende Zerstörung von Erkennt- nis, soweit sie sich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse richtet -, der zunächst die mit bürgerlicher Wissenschaft befaß- ten Intellektuellen als potentielle Subjekte dieser Tätigkeit ausweist, liefert auch die Bestimmungen für die Agitation von In- tellektuellen. Denn sind sie als solche noch nicht das, als was wir sie brauchen Kommunisten -, vertreten aber andererseits die arbeitsteilige Sphäre, in der die Voraussetzungen zur Erarbeitung revolutionärer Theorie gesellschaftlich angelegt sind, so ist Ziel der Agitation, der in ihrer Tätigkeit angelegten Möglichkeit zur theoretischen Analyse der Gesellschaft zur Verwirklichung zu verhelfen. Agitation von Studenten, die wie jede Agitation aus dem Wissen um die objektiven Bestimmungen der Adressaten resul- tiert, setzt an ihrer Tätigkeit und den daraus notwendig ent- springenden Erfahrungen und Interessen an - sie geht also von der studentischen Beschäftigung mit W i s s e n s c h a f t aus, die als A u s b i l d u n g im Rahmen des durch den Staat orga- nisierten Ausbildungsbetriebes institutionalisiert an der Hoch- schule verlauft und befähigt die Studenten durch den Nachweis der in dieser Tätigkeit enthaltenen Widersprüche als Produkt der ka- pitalistischen Gesellschaft zur Einsicht in ihre gesellschaftli- che Funktion. Richtige Agitation, die am objektiven Charakter der jedem Studenten gesellschaftlich aufgezwungenen Tätigkeit an- setzt, läßt also die subjektive Stellung des einzelnen Studenten zu dieser seiner Tätigkeit - er kann kurz oder lang, viel oder wenig, zynisch oder interessiert, um des Berufs willen oder aus wissenschaftlichem Drang studieren - als belanglos beiseite. Ihr Resultat ist die bewußte Negation der erkannten gesellschaftli- chen Funktion als Intellektueller und das Festhalten und Reali- sieren der in dieser angelegten Möglichkeit kommunistischer Poli- tik (7). In Sympathisanten- und Kandidatenplena sowie Kapital- schulungen vermittelt ihm die Organisation dafür das bereits er- arbeitete Wissen über die kapitalistische Gesellschaft und befä- higt ihn damit, die Aufgaben der Organisation in wachsendem Maße mit durchzuführen und so seiner Einsicht gemäß zu handeln. Aus unserem Wissen um unsere Adressaten als Studenten resultieren zwei Agitationsgegenstände: - zum einen der Inhalt der Wissenschaft, mit dem jeder Student sich auseinandersetzen muß: Agitation am Inhalt der Naturwissen- schaften greift die in dieser Wissenschaft existierenden Verweise auf die kapitalistische Gesellschaft auf; Agitation am Inhalt bürgerlicher Geistes- und Gesellschaftswissenschaften führt über den fehlerhaften Charakter dieser Wissenschaft auf kapitalisti- sche Gesellschaft als dessen Ursprung; - zum anderen die organisatorische Form der Ausbildung, die jeder Student als vorgegebenen institutionellen Rahmen erfährt, in dem seine Beschäftigung mit Wissenschaft vonstatten geht: Agitation an der Organisation der Ausbildung weist ihre widersprüchlichen Formen als Resultat der Trennung von Wissenschaft und Produktion nach, die im Ausbildungssektor und seinen Reformen eine Verlaufs- form findet. Die Untersuchung dessen, was die Naturwissenschaften leisten, macht deutlich, daß mit ihrer Institutionalisierung das Kapital in der ihm eigentümlichen Form sich als eine Stufe der gesell- schaftlichen Entwicklung charakterisiert, die auf der Beherr- schung der Natur gründet. Der kapitalistische Produktionsprozeß, der auf Naturerkenntnis beruht, ist z w e c k m ä ß i g e r Um- gang mit erkannter Natur. Der Naturwissenschaftler sieht sich da- her auf die Untersuchung der gesellschaftlichen Zwecke verwiesen, welchen er durch seine Tätigkeit als Wissenschaftler unterworfen ist. Demgegenüber dokumentiert der instrumentelle Charakter der gei- stes- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen, daß sich die kapitalistische Gesellschaft zu den von ihr selbst erzeugten Formen des geistigen und gesellschaftlichen Lebens nicht erken- nend verhält, sondern sie als unbegriffene Voraussetzungen des Handelns aller Individuen hinnimmt (8). Während das instrumen- telle Verhalten zur Natur Resultat ihrer Erkenntnis ist, bewirkt die nicht-erkennende Stellung zur Gesellschaft den instrumentel- len Umgang mit den Produkten der gesellschaftlichen Praxis der Menschen selbst. Dieser allgemeine Charakter bürgerlicher Wissenschaft wird in un- serer Agitation herausgearbeitet (9) und nötigt den der Argumen- tation folgenden Studenten zu einer Befassung mit den gesell- schaftlichen Verhältnissen, in denen er gezwungen ist, solche Wissenschaft zu betreiben und sie in seinem späteren Beruf anzu- wenden. Aus der Selbständigkeit der Wissenschaft als von der ge- sellschaftlichen Praxis getrennter Sphäre resultiert auch die be- stimmte Form der Vermittlung ihrer Ergebnisse an die Individuen, die in der Gesellschaft intellektuelle Berufe ausüben sollen. Die Anpassung des Ausbildungsbereichs an die gesellschaftlichen Anforderungen setzt die kapitalistische Trennung von Wissenschaft und Gesellschaft immer schon voraus. Dies schlägt sich nieder in den Veränderungen, die vom Staat mit der Organisation von Wissen- schaft und Ausbildung vorgenommen werden. Reformen im Ausbil- dungssektor signalisieren Veränderungen in der Produktion, dem Kapitalverhältnis adäquatere Formen von Wissenschaft und Ausbil- dung lösen notwendig solche ab, die auf dem Stand der gesell- schaftlichen Entwicklung dysfunktional geworden sind. Agitation weist den kapitalistischen Charakter dieser Reformen auf; damit wandeln sich auch die Illusionen, daß solche Reformen grundsätzlich an diesem Charakter etwas geändert hätten, in die Einsicht, daß sie letztlich nichts anderes sind als die Durchset- zung eines der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft adäqua- ten Wissenschafts- und Ausbildungsbetriebs. Auch hier ist Resul- tat der Agitation die Befassung mit den widersprüchlichen gesell- schaftlichen Verhältnissen (10). 3. Die richtige Agitation an den institutionellen Veränderungen der Hochschule ist Voraussetzung für Kämpfe, in denen es um den Erhalt der Bedingungen kommunistischer Hochschulpolitik geht. Als Kämpfe um die Bedingungen kontinuierlicher Arbeit kommunistischer Intellektueller sind sie kein Selbstzweck und können ebensowenig den Anspruch haben, irgendwelche Verbesserungen für das Proleta- riat erzielen zu wollen (11). Das Bewußtsein von der Beschränkt- heit der Möglichkeiten studentischer Kämpfe an der Hochschule hat noch erstes Resultat der Agitation zu sein. Sie vermittelt die Einsicht, daß der kapitalistische Charakter von Wissenschaft und Ausbildung von Studenten nicht aufzuheben ist. Gehen wir gegen Zwänge institutioneller Art vor, oder bedienen wir uns des Mittels Öffentlichkeit, um beim Staat - stehen ihm Entscheidungsspielräume zur Verfügung - vorteilhaftere Alternati- ven für unsere Politik zu erreichen, so verweist dieser Kampf selbst noch einmal auf den gesellschaftlichen Ort, die kapitali- stische Produktion, von wo die revolutionäre Veränderung auszuge- hen hat und wofür kommunistische Hochschulpolitik Intellektuelle gewinnt. _____ 1) Nicht von ungefähr bezeichnet "Intelligenz" nicht nur die gei- stigen Fähigkeiten des Menschen, sondern auch die Gesamtheit der geistigen Arbeiter im Kapitalismus. In ihren Tätigkeiten konzen- triert sich das Wissen der Gesellschaft im Unterschied zu den in der Hierarchie der Arbeiten unten stehenden Berufen der Handar- beit. 2) Erinnert sei an eine bestimmte Phase in der Studentenbewegung, als diese "Einsicht" politisch aktive Studenten mit linkem Einschlag, die zufällig technische Berufe anstrebten, aufjauchzen ließ, was angesichts des Marxschen Diktums: "Produktiver Arbeiter zu sein, ist kein Glück, sondern ein Pech." (MEW 23/532) verwun- dern muß. Der zeitweilige spontane run in die Betriebe als technische Intelligenz oder sogar als Werkstudent auf lange Zeit mußte in einem Fiasko enden. Ganz abgesehen davon, daß man nur spärliches Wissen über den Kapitalismus parat hatte, stellte sich heraus, was schon in der aufgestellten These falsch war: falsch ist die Suche nach der Identität von Intelligenz und Pro- letariat, die - psychologisch - dem Wunsch entspringt, seine ka- pitalistische Tätigkeit nicht negieren zu müssen und dennoch ir- gendwie revolutionäre Praxis für sich in Anspruch nehmen zu kön- nen. 3) Die Beispiele für Illusionen solcher Art reißen nicht ab. Of- fizielle und inoffizielle Revisionisten vereint mit liberalen Stimmen stießen immer wieder auf Inhalte in Wissenschaft, Ausbil- dung und Beruf, die kritische und gegen das Kapital gerichtete Elemente enthalten sollen. Längere und vertiefte Ausbildung, neue Inhalte, andere Lehrpläne in der Schule sollen das Kapitalver- hältnis mit sich selbst in einen Widerspruch geraten lassen, der es mit "fortschrittlichen", weil praxisnahen Inhalten zu seiner eigenen Überwindung zwingt. Interessanterweise kommt das Proleta- riat nicht auf die Idee, daß es, indem es das Kapital produziert, dies zugleich auch abschafft. Der zur Manie gewordene Gebrauch von "kritisch", "emanzipativ" und "kreativ" - auch bei staatli- chen Bildungsplanern - sollte zu denken geben. Theorielosigkeit paart sich bei den Revisionisten aller Schattierungen mit Theo- riefeindlichkeit. Politik besteht für diese Gruppen in "konkreter Praxis" (!) und orientiert sich so an dem, was man zu bekämp- fen vorgibt, der handfesten kapitalistischen Wirklichkeit, deren theoretische Durchdringung für überflüssig gehalten wird ange- sichts der "konkreten" Ziele, die man schon vorfindet Diejenigen, die beanspruchen, ihre Politik wissenschaftlich zu begründen, werden als "Theoretiker" beschimpft. Selbst die Übereinstimmung mit Mephisto, einem Repräsentanten bürgerlichen Denkens, "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum." ficht die Revisionisten nicht an. Streng (pseudo-)materialistisch konstatieren sie triumphierend die Nobilitierung des Herrn v. Goethe. 4) Die Theorie der "revolutionären Berufspraxis" propagiert den- noch weiterhin kommunistische Politik per oder in intellektuellen Berufen. Macht (in der Regel) der Staat Schwierigkeiten, so wird diesem entweder das GG vor die Nase gehalten oder er wird auf- gefordert, sich als kapitalistischer Staat aufzugeben. Konsequen- ter ist da schon die Art von Politik, die einfach kommunistische Politik und Tätigkeit im Beruf für dasselbe erklärt. Man nehme nur die Inhalte, die dem Staat (vgl. die Zielsetzungen der Hoch- schulreform) für die Entfaltung des kapitalistischen Individuums auch schon in den Sinn gekommen sind, und gebe sie als "kommunistische Forderungen" aus. So kann man sich noch im Stre- ben nach einer gesicherten Laufbahn für einen Kommunisten halten, der dem Imperialismus durch die Ausübung seines Berufs wüste Schläge versetzt. 5) Die Frage ist nicht die der optimalen "kommunistischen Be- rufsperspektive": in welchem Beruf kann ich am besten agitieren und den Klassenkampf unterstützen, sondern: welche Berufe, welche Jobs lassen mir die meiste Kraft und Zeit, die notwendigen Aufga- ben kommunistischer Politik zu erfüllen? - Nicht Beruf und Kom- munist-Sein vereinbaren, T r e n n u n g ist die adäquate Konsequenz aus dem Wissen um die kapitalistische Gesellschaft. Ein Kommunist kann dieser Gesellschaft, so wie sie ist, nichts nutzen! 6) Daß Studenten allüberall auf der Welt bei politischen Bewegun- gen in vorderster Front stehen, hängt noch mit ihrer geistigen Tätigkeit und ihrer Ausbildungssituation zusammen. Ob ihr politi- sches Verhalten richtig oder falsch ist, ist allerdings eine ganz andere Frage. 7) Unsere Agitation zielt somit auf die Erklärung der Widersprü- che, die der einzelne Student in seinem interessierten, allen möglichen Motivationen gehorchenden Umgang mit Wissenschaft er- fährt, nicht auf eine Bestärkung seiner subjektiven Interessen gegen die Mängel der Ausbildung. Die Vertretung der studentischen Interessen läuft auf eine Parteinahme fur ein Moment der Wider- sprüche im kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb hinaus, statt die widersprüchlichen Verhältnisse anzugreifen: sie bedarf zu ihrer Legitimation als antikapitalistische Hochschulpolitik deswegen auch des erlogenen Arguments, der an seiner Ausbil- dung, an besserer Qualifikation interessierte Student repräsen- tiere ein mit dem Proletariat gemeinsames Interesse, was dann auch zur falschen Analogie der Politik studentischer Interessen- vertretung mit gewerkschaftlichen Kämpfen im Produktionsbereich führt. 8) Der nicht durchschaute Mangel der bürgerlichen Geisteswissen- schaft führt bei Spartakus und KSV zur Reproduktion des Instru- mentalismus in einer hinter die bürgerliche Wissenschaft zurück- fallenden Form: die Kategorie des N u t z e n s fürs Volk wird als Vorurteil in die Analyse jedes Gegenstands eingebracht und führt dann zu Entdeckungen von Klassen innerhalb der Psychologie, Sprachwissenschaften, Kunst etc. Statt die bürgerliche Qualität dieser Wissenschaften nachzuweisen, nimmt man das unbegriffene Resultat der Marxschen Theorie als Richtschnur für die Beurtei- lung verschiedenster Gegenstände und stellt ein solches Vorgehen der bürgerlichen Wissenschaft als sogenannte "materialistische Wissenschaft" entgegen. Im Slogan des KSV, der die "Klassenwirk- lichkeit" in die Seminare "hineintragen" will, zeigt sich noch, daß er die kapitalistische Qualität der Wissenschaft an ihr selbst n i c h t aufzufinden in der Lage ist. 9) Dies vollzieht sich als "Sozialistisches Studium" t a g- t ä g l i c h in den jeweils laufenden Seminaren - was auf den Vorwurf, wir würden den Kampf an der Hochschule vernachlässigen, ein zweifelhaftes Licht wirft. Daß wir die Kritik bürgerlicher Wissenschaft als "Sozialistisches Studium" bezeichnen, verdankt sich dem Umstand, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer tatsächlichen Erkenntnis feindlich gegenüberstehen - richtige Wissenschaft, eine, die nicht sich den gegebenen Verhältnissen instrumentell unterwirft, verlangt deren Abschaffung. 10) Hat man die Stellung der bürgerlichen Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft begriffen, so zeigt sich auch die Absurdität der Thesen, die einen Zugriff der Monopole als Charakteristikum des Verhältnisses von Wissenschaft und Kapital behaupten. Der Staat als Verwalter des Wissenschafts- und Ausbildungsbetriebes muß den Instrumentalismus der Wissenschaft gerade als deren "Freiheit" sichern, als ihre Offenheit gegenüber allen an die Wissenschaft herangetragenen Zwecken und kann den Interessen bestimmter Ein- zelkapitale, etwa in einer langfristig konzipierten Hochschulre- form, keine Vozugsstellung einräumen. Selbst die Vorschläge be- stimmter Interessenverbinde müssen diese universelle Verwendbar- keit für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung berücksichtigen, von der auch ihr Prosperieren abhängt. Als Kritik an den Natur- wissenschaften ist die Forderung, sie möchten doch dem Volke die- nen, schon angesichts ihrer wirklichen Erkenntnisleistungen un- tauglich: wenn nur die A n w e n d u n g kritikabel ist, dann fallen auch die Folgerungen für eine Veränderung nicht in die Sphäre der Wissenschaft, sondern richten sich auf die ökonomi- schen Verhältnisse, in denen Naturerkenntnis gegensätzlich zur Tätigkeit derer eingesetzt wird, die sie anwenden. Einem Natur- wissenschaftler vorwerfen, er kümmere sich nicht um die Verwen- dung seiner Resultate, heißt, ihn als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ansprechen, nicht aber ihn als W i s s e n- s c h a f t l e r angreifen. 11) Die falschen Varianten der Begründungen von Kämpfen an der Hochschule reichen vom blanken Reformismus, der sich als Vertre- tung objektiver Interessen von Arbeitern und Studenten tarnt, über Kämpfe im "Bündnisbereich" (demokratischer Kampf) zum Wohle der Arbeiterklasse (Stellvertreterpolitik) bis hin zu den absurden Vorstellungen, daß sich durch Kampf als "praktischem" und "konkretem" (oder als innerem Erlebnis) das Be- wußtsein der Studenten in antikapitalistisches verändere. In ih- nen werden entweder die vorfindlichen Interessen schon für anti- kapitalistische gehalten (wozu dann eigentlich noch agitieren?), oder Studenten werden mit einer Aufgabe identifiziert, die in ih- rer Beschränkung auf den demokratischen Kampf weder diesen noch dem Proletariat weiterhilft auf dem postulierten Weg zur Abschaf- fung der kapitalistischen Gesellschaft. IV. 1. Der Staat tritt in allen gesellschaftlichen Bereichen als g e s o n d e r t e B e d i n g u n g kommunistischer Politik in Erscheinung. Dies ist die notwendige Konsequenz der für die kapitalistische Produktionsweise eigentümlichen Verdoppelung von Gesellschaft und Staat. Als "besondere Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft" (MEW 3/62) bewirkt der Staat in der Form souveränen Handelns die Durchsetzung der Zwangsgesetze kapitalistischer Produktion: deren Zwecken ordnet er sich in der T r e n n u n g von den Prozessen der ökonomischen Konkurrenzbe- wegung unter. Die Tatsache, daß der bürgerliche Staat gerade in seiner formel- len S e l b s t ä n d i g k e i t gegen die Konkurrenz deren Inhalt, die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit, aufrechter- hält und durchsetzt, konstituiert die spezifische Schwierigkeit im Umgang mit der Sphäre bürgerlicher Politik und gibt den ver- schiedenen Organisationen Anlaß zu den abenteuerlichsten Revisio- nismen. a) Die zur Phrase verkommene Rede vom Klassenstaat geht einher mit der Auffassung, der Klassencharakter des Staates bestehe darin, daß er von der Bourgeoisie als bewußt gehandhabtes Instru- ment ihrer Herrschaft eingesetzt werde, während die ausgebeutete Klasse ihn ausschließlich als Unterdrückungsinstanz erfahre. Träfe dies zu, wäre nicht mehr einsichtig, weswegen Kommunisten die Zugehörigkeit des Staates zur Klassengesellschaft gegen ein irgendwie unterstelltes falsches Bewußtsein überhaupt vorbringen müssen. Wird die kapitalistische Qualität des bürgerlichen Staa- tes u n m i t t e l b a r im empirischen Bezug von Kapitalisten auf dessen Institutionen gesehen, so hat man nicht begriffen, worin der Klassencharakter des Staates eigentlich besteht (1). b) Der Umstand, daß sich der Staat in alle gesellschaftlichen Prozesse einmischt, ist auch die Grundlage für die Annahme eines gewandelten Verhältnisses von Staat und Ökonomie, sei dies nun in Gestalt von S o z i a l s t a a t s t h e o r i e n oder als T h e o r i e d e s S t a a t s m o n o p o l i s t i s c h e n K a p i t a l i s m u s. Beide nehmen Marx' Theorie als Darstel- lung nicht der allgemeinen Gesetze der kapitalistischen Produkti- onsweise, sondern als Analyse des Kapitalismus im 19. Jahrhundert und konstatieren aus der empirischen Zunahme von Staatsfunktionen in der kapitalistischen Entwicklung entweder einen gefestigten, weil mit seinen Widersprüchen zurechtkommenden und der sozialen Befriedung fähigen Kapitalismus, oder eine neue Qualität der ka- pitalistischen Herrschaft, in welcher dem Staat ökonomische Potenzen zukommen, die sich als Kooperation mit den Monopolen zeigen und die Qualität der Antagonismen innerhalb der Gesellschaft verschieben: An die Stelle des Gegensatzes von Kapital und Arbeit tritt der von Monopolen/Staatsgewalt und dem Rest der Gesellschaft (2). c) Obgleich es hier nicht um die positive Darstellung der Bestim- mungen des bürgerlichen Staates, sondern um die aus ihnen erwach- sende Politik geht, kommen wir nicht umhin, angesichts der übli- chen Beschränkung auf Phrasen und agententheoretische Füllungen des Diktums vom Klassenstaat einige Ableitungsschritte darzustel- len. 2. Kommunistische Politik muß den Zusammenhang der politischen Demokratie mit den Ökonomischen Verhältnissen der Klassengesell- schaft aufdecken. Sie richtet sich gegen die Illusionen bezüglich der Sphäre, in der sich Herrschaftsverhältnisse konstituieren. Nicht die "Unvollkommenheit" der Demokratie ist Gegenstand der Kritik, sondern an der Demokratie und ihren Widersprüchen ist klarzumachen, daß die Ursachen von Unfreiheit und Ausbeutung nicht im Gegensatz zu ihr stehen, sondern ihre Voraussetzung ab- geben. a) Die Demokratie stellt die in der V e r f a s s u n g eines bürgerlichen Staates geforderte Realisierung der "Freiheit der Individuen" dar. Aus dem Bezug der konkurrierenden Privatsubjekte aufeinander entsteht die Notwendigkeit, daß sie sich in der Form der abstrakten Allgemeinheit zu einem Gemeinwesen zusammenschlie- ßen, welches neben ihren ökonomischen Zusammenhang tritt. Der Staat faßt die Individuen in dieser Form zusammen: während sie als Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft nach ihrer Klassen- zugehörigkeit, der Art und Weise ihrer Reproduktion durchaus un- terschieden sind, verschwindet jegliche Differenz in der aus der Konkurrenz entspringenden Form des anerkannten freien Willens, welche die Grundlage des bürgerlichen Staates ausmacht: "Das Prinzip der Politik ist der Wille" (MEW 1/402). In ihrer Bestim- mung als V o l k eines Staates stellen die Mitglieder also die Abstraktion von all ihrer Besonderheit, auch von ihrer klassenmä- ßigen Bestimmung, als ihre positive Eigenschaft dar (3). Die Konstitution des Staates beruht auf der Verdoppelung des bür- gerlichen Menschen in Bourgeois und Citoyen, auf einer Trennung, die ihnen aufgezwungen wird und die Realität der G l e i c h h e i t ausmacht, in der manche Organisationen ein noch zu verwirklichendes Ideal sehen: "Die Trennung der bürgerli- chen Gesellschaft und des politischen Staates erscheint notwendig als eine Trennung des p o l i t i s c h e n B ü r g e r s, des Staatsbürgers, von der bürgerlichen Gesellschaft, von seiner ei- genen wirklichen, empirischen Wirklichkeit, denn als Staatsidea- list ist er etwas g a n z a n d e r e s, von seiner eigenen Wirklichkeit verschiedenes, unterschiedenes, entgegengesetztes W e s e n" (MEW 1/281). Insofern der Staat seine Souveränität durch den Willen der Bürger erhält, denen er als allgemeine Macht g e g e n ü b e r- s t e h t, um die Grundlage für die Verfolgung ihres Privatinte- resses zu sichern (Eigentum), ist die adäquate Form seines Bestehens die Demokratie: alle Handlungen des Staates kommen als Akte der G e s e t z g e b u n g (allgemeine Anerkennung und Gültigkeit) zustande, seine Agenten sind vom Volk g e w ä h l- t e Repräsentanten und von diesen eingesetzte Regierungen. (Die Alternativen in der Erfüllung der mannigfachen Staatstätigkeiten bilden den Gegenstand der Auseinandersetzung von Regierung und Opposition bzw. zwischen Parteien anläßlich der Wahlen.) In der Bestimmung des Staates, die Freiheit der in ihm zusammen- gefaßten Individuen zu realisieren, Eigentum und Person zu schüt- zen, aber auch die Mängel der ihm vorausgesetzten ökonomischen Verhältnisse zu beseitigen und zu kompensieren, wo diese der Ver- wirklichung besonderer Zwecke in der Konkurrenz Schranken aufer- legen, tritt hervor, daß er mit den angedeuteten "ideellen Be- stimmungen" ebenso in Widerspruch gerät wie mit seinen wirklichen Voraussetzungen. Der praktisch gewordene Idealismus des bürgerli- chen Staates bildet das Komplement zum Materialismus der kapita- listischen Gesellschaft, dem er seine Existenz verdankt. b) Als verselbständigte Instanz, die den kapitalistischen Repro- duktionsprozeß aufrechterhalten und sichern muß, ohne dabei prin- zipiell die besonderen Interessen, welche in der Konkurrenz sich geltend machen, zu beschränken, bedarf der bürgerliche Staat ei- nes Gewaltapparates, um sich gegenüber den Antagonismen der ge- sellschaftlichen Bewegung durchsetzen zu können. Die Gesellschaft "delegiert" mit der Konstitution des Staates also nicht nur friedfertige Parlamentarier, die in Akten der Gesetzgebung den Antagonismen eine Verlaufsform zu geben suchen, sondern einen "durch Teilung der Arbeit von der Gesellschaft besonderen eigenen Organismus" (MEW 19/29). Der Regierungsapparat (Organe der Autorität, Polizei, Richter etc.) gründet seine Tätigkeit auf die Loyalität der Staatsbürger, die s e i n e T ä t i g k e i t als Bedingung ihrer Reproduktion wissen. Dies gilt auch für die Arbeiterklasse: Solange sie auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen ist, muß ihr daran gelegen sein, daß dieser "ordnungsgemäß" verläuft und ihre Abhängigkeit vom Kapital nicht in Formen persönlicher Knechtschaft zurückfällt. Auch sie entwic- kelt notwendig ein Interesse am Schutz der Person und des Eigen- tums, für den Polizei und Justiz verantwortlich sind. Der im Pri- vateigentum eingehüllte Gegensatz des Staates gegen die Arbeit tritt jedoch dann unmittelbar hervor, wenn die Arbeiterklasse ihre Reproduktion auch dann sichern will und Arbeitskämpfe führt, wenn dies den Reproduktionsprozeß als ganzen gefährdet und das Allgemeininteresse, welches der Staat repräsentiert, offen mit den Interessen der Kapitalistenklasse zusammenfällt (4). Daraus wird von den meisten Organisationen der Schluß gezogen, der Ge- gensatz zwischen Arbeiterklasse und Staat sei vor allem in dieser Erscheinungsform zum Gegenstand der Agitation zu machen. Die Tatsache, daß der Staat "den Charakter einer nationalen Ge- walt des Kapitals über die Arbeit" besitzt, "einer politischen Gewalt, dazu organisiert, die soziale Unterdrückung zu erzwingen, den Charakter einer bloßen Maschine der Klassenherrschaft" (MEW 17/608), gilt es aber vor allem an den weniger offen gewalttäti- gen Aktivitäten des bürgerlichen Staates nachzuweisen - und zwar nicht um der Phrase vom "bösen Staat" willen, sondern um klarzu- stellen, daß es die Herrschaft des Kapital über die Arbeit ist, die den Staat notwendig macht und seine Funktionen bedingt. Nicht im Staat liegt das Wesentliche kapitalistischer Herrschaft: Das Kapital hat seine Macht über die Arbeit nicht von der Gnade des Staates - umgekehrt: Der Staat existiert nur aufgrund der Herr- schaft des Kapitals über die Arbeit (5). c) Die gängigen Programme des "demokratischen Kampfes" resultie- ren aus der Verwechslung zweier Ebenen: - die eine ist mit den politischen Verhältnissen der kapitalisti- schen Produktionsweise als B e d i n g u n g kommunistischer Politik bezeichnet; - die andere betrifft die Stellung des politischen Programms ei- ner kommunistischen Organisation zur Sphäre des Staates und der Demokratie. So wird aus Zitaten von Marx, Engels und Lenin geschlossen, daß die Durchsetzung demokratischer Verkehrsformen ein überhistori- scher Programmpunkt aller kommunistischen Politik sei. Noch dort, wo sich die Klassiker für demokratische Positionen einsetzen, finden sich Angaben über die Differenz zwischen den Z i e l e n kommunistischer Politik und der Sicherung von Kampfbedingungen, zwischen P r o g r a m m und instrumentellem Umgang mit den bürgerlichen politischen Verhältnissen (6). Selbst zu Zeiten und unter Verhältnissen, als die Realisierung der politischen Demo- kratie noch anstand, haben sie vor der Illusion gewarnt, die Überwindung des Kapitalismus sei gleichbedeutend mit der Verwirk- lichung der Demokratie (7). Sie wußten, daß die Verselbständigung der politischen Sphäre, der Staat und seine demokratische Form, zum Kapital gehört! Die Tatsache, daß die Widersprüche der kapitalistischen Ökonomie zur Veränderung auch der politischen Verhältnisse führen können, wird ebenfalls zum Anlaß genommen, Demokratie nicht mehr als gün- stige B e d i n g u n g des Klassenkampfes anzusehen, um die es durchaus zu kämpfen gilt, sondern Demokratie als E t a p p e zu fixieren, an der Kommunisten deswegen ein Interesse haben, weil sie dem Kapital oder dem Imperialismus entgegensteht. Eine beson- ders verkommene Variante davon stellt der "Antifaschistische Kampf" dar, der auf grundfalschen Annahmen über das Wesen des Fa- schismus beruht: man erklärt sich die Entstehung des Faschismus aus dem Gegensatz zwischen Monopolinteressen (8) und Demokratie, statt zu sehen, daß die Gefahr des Faschismus darin liegt, daß in Zeiten der Krise die Staatsbürger - und dazu zählen auch die Ar- beiter! - den "korrupten", "schwachen" Staat für die Mängel der Konkurrenz verantwortlich machen und vom ihm die Liquidierung der Konkurrenz f o r d e r n: daß eine Handvoll Monopolherren keine faschistische Bewegung darstellt, sondern daß dazu ein V o l k notwendig ist, das sich mit der aggressiven Außenpolitik und den "ordentlichen Zuständen" im Innern identifiziert, will ihnen nicht in den Kopf. Anstatt das der politischen Demokratie und dem Faschismus gemeinsame Verhältnis des Volkes zum Staat, die beiden zugrundeliegende ökonomische Gesellschaftsformation zu denunzie- ren, erklärt man ihre Differenz zum prinzipiellen Gegensatz und denkt - hier ganz im Stile bürgerlicher Faschismustheorie -, die Folgsamkeit des Volkes sei ein Werk obskurer Überredungskünstler. 3. Im zentralen Bereich kommunistischer Politik, der Betriebsar- beit, tritt der Staat als Bestimmungsfaktor für die Reprodukti- onsbedingungen der Arbeiterklasse in Erscheinung. Er ist Adressat und Gegner in Kämpfen um die Verbesserung der Reproduktion der Arbeiterklasse, die wir hier unterstellen. Daraus, daß wir etwa die Auseinandersetzungen über die Veränderungen des Gesundheits- und Ausbildungswesens hier nicht behandeln, darf nicht geschlos- sen werden, wir hielten sie für irrelevant. Diese dem Kapitalis- mus immanenten Konflikte setzen wir voraus, um an ihnen den In- halt kommunistischer Agitation zu umreißen. Sie zielt auf die Tatsache, daß in den Kämpfen um bessere Reproduktionsbedingungen - so notwendig sie für die Existenz der Arbeiterklasse sind - alle Erfolge noch ihre Beschränkung erkennen lassen. Diesbezügli- che Reformen, seien sie nun erkämpft, d.h. dem Kapital durch Ak- tionen abgerungen oder als Maßnahme des Staates von oben her durch geführt, b e r u h e n allesamt auf der vorausgesetzten Tendenz des Kapitals, die Arbeitskraft zu zerstören und sind so ein untaugliches Mittel, die Ursachen der periodisch wiederkeh- renden Existenzgefährdung zu b e s e i t i g e n, was in der temporär beschränkten Wirkung von Reformen zum Ausdruck kommt. Der agitatorische Bezug auf diese Funktion des bürgerlichen Staa- tes besteht deswegen aber auch nicht in der Leugnung ihrer Reali- tät. Zu behaupten, der Staat bewirke keinerlei positive Verände- rungen für die Lage der arbeitenden Klasse, wäre Unsinn. Es geht um den Nachweis, daß sich alle Staatstätigkeit in ihrer Wider- sprüchlichkeit als zum Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital gehö- rig charakterisiert. Wird durch ihre Analyse ihr notwendiges Scheitern erklärt, so bricht auch die Sozialstaatsillusion zusam- men, die ihre materielle Grundlage in der tatsächlichen Relevanz des Staates für die Reproduktion der Arbeitskraft im Kapitalismus hat. An die Stelle der Phrase, d a ß es sich beim bürgerlichen Staat um einen Klassenstaat handelt, muß die konkrete Analyse seiner Maßnahmen zeigen, w i e er in allen seinen Handlungen nur die Aufrechterhaltung und Durchsetzung der kapitalistischen Ausbeutung vermittelt. Die Demonstration der Tatsache, daß der Staat mit seinen sozial und wirtschaftspolitischen Intentionen zum Scheitern verurteilt ist, bedeutet alles andere als eine "Entschuldigung" oder "Rechtfertigung" staatlichen Versagens. Sie geht auf den Wider- spruch des Staates, der ihm aufgrund der gesellschaftlichen Vor- aussetzungen, auf die er sich bezieht, anhaftet. Seine Funktionen sind Resultate der auf dem Privateigentum beruhenden Produktions- weise und schließen die Unmöglichkeit ein, die durch die Konkur- renz hervortretenden Mängel des gesellschaftlichen Reproduktions- prozesses unter Beibehaltung der Produktionsweise zu beseitigen. Das "Versagen" des Staates verweist auf seinen Grund in der kapi- talistischen Produktionsweise und damit auf die Sphäre, in der die Arbeiterklasse die zunächst am staatlichen Handeln erfahrenen Einschränkungen ihrer Reproduktion bekämpfen kann. a) Insofern der Staat für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung sorgt, gewährleistet er auch die Form, in der sich Kapi- tal und Arbeit gegenübertreten, als Vertragsverhältnis. So schließt er z.B. die in der Phase der Durchsetzung des Kapitalis- mus noch gang und gäben Verhältnisse der persönlichen Abhängig- keit (Weiber- und Kinderarbeit), also Rückfälle in die Sklaverei, aus. Doch ist die Zerstörung der ihm eigentümlichen Verkehrsfor- men, der rechtlichen und sittlichen Verhältnisse, die es selbst hervorgebracht hat, eine bleibende Tendenz des Kapitals. Den kon- kurrierenden Einzelkapitalisten erscheinen diese Verhältnisse als Beschränkung ihres Dranges, sich möglichst viel Mehrarbeit anzu- eignen (aktuelle Beispiele: die illegale Beschäftigung ausländi- scher Arbeiter, die Ausbeutung von Lehrlingen anstelle der gefor- derten Ausbildung etc.). Daraus folgt jedoch nicht, daß es die Sache einer kommunistischen Organisation ist, sich anläßlich von Kämpfen gegen die Verletzungen des geltenden Rechts positiv auf dieses zu beziehen. Sie muß wissen, daß die Form des freien Ver- trags mit all ihren rechtlichen Implikationen die der kapitalistischen Ausbeutung a n g e m e s s e n e ist, auch wenn Einzelkapitalisten in ihr bisweilen eine Beschränkung erfahren: "Sofern jede einzelne Transaktion fortwährend dem Gesetz des Wa- renaustauschs entspricht, der Kapitalist stets dieselbe Arbeits- kraft kauft, der Arbeiter sie stets verkauft, ... schlägt offen- bar das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigene, innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes Gegenteil um ... Eigentum erscheint jetzt auf Seite des Kapitalisten als das R e c h t, fremde unbezahlte Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters als Unmöglichkeit, sich sein eigenes Produkt anzu- eignen ..." (MEW 23/609). Angesichts solch eindeutiger Feststel- lungen muß es verwundern, wenn sich "Kommunisten" landauf landab mit bürgerlichen Rechtspositionen gegen die Realität des Kapital- verhältnisses stellen wollen. In einer Phase des Kapitalismus, wo Sozialdemokraten die "Gleichberechtigung von Arbeit und Kapital" im Munde führen, müßte doch jedem einsichtig werden, daß sich die Gleichheit der Menschen nicht gegen die Unterwerfung der Arbeit unters Kapital ins Feld führen läßt, da diese mit dem Verkehr "freier und gleicher" Menschen nicht konfligiert, sondern zusam- menfällt. In der Auseinandersetzung zwischen Arbeiter- und Kapi- talistenklasse steht nicht von ungefähr "Recht wider Recht" - und: "Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt" (MEW 23/249). b) Der Staat schafft durch seine sozialpolitischen Aktivitäten, die von der Organisation des Gesundheitswesens bis zur Arbeitslo- senunterstützung reichen, die Formen zur Wiederherstellung und Erhaltung der im Produktionsprozeß verschlissenen Arbeitskraft. Die Sozialpolitik des Staates ist ihres zwangsläufigen Scheiterns zu überführen. Sie beruht auf den Voraussetzungen des unmittelba- ren Produktionsprozesses, die für die Zerstörung der Arbeitskraft verantwortlich sind. Diese Voraussetzungen aber entziehen sich weitgehend dem Einfluß des Staates- seine Maßnahmen reduzieren sich auf die K o m p e n s a t i o n der negativen Wirkungen der Ausbeutung, unterstellen diese also und perpetuieren sie. Statt vom Staat zu fordern, er möge per Gesetz die Arbeitsbedin- gungen humanisieren (wie es die Gewerkschaften in ihrer Eigen- schaft a l s I n t e r e s s e n v e r b a n d tun - wobei sie stets erfahren müssen, daß der Erfolg ihrer diesbezüglichen Be- mühungen davon abhängt, wieviel "Nachdruck" den Forderungen durch Arbeitskämpfe verliehen wird, daß es also gar nicht um Konzessio- nen auf Seiten des Gesetzgebers geht!), haben Kommunisten darauf hinzuarbeiten, daß die Arbeiter die beschränkte kompensierende und darum affirmative Rolle des Staates im Bereich der Sozialpo- litik begreifen und sich dort gegen die Zerstörung ihres Lebens zur Wehr setzen, wo sie wirklich stattfindet - im Produktionspro- zeß selbst. Über ihren Erfolg entscheidet auch hier allein die Gewalt, der Druck, den sie aufs Kapital durch Arbeitskämpfe aus- zuüben vermögen. Daß die Kämpfe zwischen Arbeit und Kapital ihren Niederschlag in der Formulierung allgemeingültiger Gesetze fin- den, heißt keineswegs, daß sie ihrem Inhalt nach Konflikte dar- stellen, die sich auf der Ebene des Ringens um s t a a t l i c h e Zugeständnisse abspielen. Schon an der Fa- brikgesetzgebung konnte Marx zeigen, daß sie kein Produkt "parlamentarischer Hirnweberei" waren. c) In seiner Organisation des Ausbildungssektors bemüht sich der Staat um die Zurichtung der Individuen für die arbeitsteiligen Funktionen im Gesamtreproduktionsprozeß der bürgerlichen Gesell- schaft. Die Organisation des Ausbildungssektors hat für die Ar- beiter vor allem die Bedeutung, daß Inhalt und Bezahlung ihrer Arbeit durch die Qualifizierung in der Ausbildung vermittelt (nicht bestimmt) werden. Der Bezug der Arbeiter auf ihre Ausbil- dung enthält somit den Schein, die Güte ihrer Reproduktion sei prinzipiell von ihren F ä h i g k e i t e n abhängig (ein Schein, der durch die Hierarchisierung der Arbeit im Betrieb und die Formen des "Leistungs"lohnes verfestigt wird), was bei Ge- werkschaften und revisionistischen Organisationen dazu geführt hat, Vorschläge zur Reform des Ausbildungssektors mit der Hoff- nung auf eine größere Sicherheit der Arbeitsplätze vorzubringen (9). Demgegenüber ist, wenn z.B. Reformen der Ausbildung Gegen- stand der Agitation werden, am Charakter der Ausbildungsprozesse deutlich zu machen, daß die in ihnen vermittelten Qualifikationen an der Aufrechterhaltung des bestehenden Systems der Arbeitstei- lung, der Hierarchie der Arbeiten und der Konkurrenz zwischen den Arbeitern - welche vulgäre Theorien immer noch als durch manipu- latorische Tricks verursachte "Spaltung der Arbeiterklasse" sehen möchten - orientiert sind und gewöhnlich die Reformen nur als Durchsetzung der dem Kapital adäquaten Form der Ausbildung be- griffen werden müssen. d) In den wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates, mit denen er sich dem Allgemeinwohl verpflichtet weiß - das Allgemeinwohl ist die formelle Zusammenfassung der Konkurrenzinteressen aller - sucht er die Kontinuität des Gesamtreproduktionsprozesses gegen die in diesem liegenden Tendenzen zur Krise zu sichern. Als sou- veräner Gesetzgeber ist er in seinen konjunkturpolitischen Ent- scheidungen an der Betrachtung der empirischen Gesamtbewegung orientiert, die sich in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechung niederschlägt. Die Implikationen seiner Alternativen bilden vor dem Hintergrund des vagen Bewußtseins aller Bürger, daß ihre Re- produktion vom Funktionieren des Ganzen abhängt, den zentralen Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen zwischen den Par- teien und Interessengruppen. Diese erzeugen den Schein, die Hand- lungen des Staates seien Resultat der um die Durchsetzung ihrer Interessen ringenden Bürger. Tatsächlich ist aber die Sphäre staatlichen Handelns unabhängig vom Willen der Einzelnen als Kon- sequenz der auf dem Privateigentum beruhenden Produktion festge- legt - in Wahlen wird nur noch über alternative R e g i e r u n g s programme "entschieden", nicht über das, was der S t a a t zu tun hat. Die Bezugnahme auf die Ansprüche der gesellschaftlichen Gruppierungen aller Art vollzieht sich nicht als Ausrichtung an den Wünschen der Bevölkerung, sondern als Festsetzung eines Programms, von dem man nicht müde wird zu be- haupten, es sei den vorhandenen Bedürfnissen gemäß (10). Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates enthalten in ih- ren widersprüchlichen Zielsetzungen die Ansatzpunkte für ihre De- nunziation. Indem an der Konjunktur-, Außenhandels- und Währungs- politik des Staates bewiesen wird, daß es gar nicht in der Macht des Staates liegt, die diversen Versprechungen gegenüber den "Arbeitnehmern" einzulösen, wird diesen die Falschheit diesbezüg- licher Erwartungen klar. Aus dem Inhalt der Argumentation muß zugleich hervorgehen, daß die beschränkten Reproduktionsmöglich- keiten der Arbeiter ihren Grund in den Produktionsverhältnissen haben, nicht in Fehlern von Staatsagenten. Ohne diese Einsicht, daß der Staat in seinen Handlungen prinzipiellen Beschränkungen unterliegt, da er auf der freien Marktwirtschaft und ihrer Anar- chie der Konkurrenz beruht, läuft die Agitation am Handeln des Staates stets Gefahr, den Schein von positiven Alternativen her- vorzurufen (11). _____ 1) Den agententheoretischen, auf die empirischen Phänomene der Kooperation von Kapitalisten und Staatsmännern bezogenen Aussagen widerspricht freilich schon das auf derselben Ebene zu beob- achtende demokratische Getriebe, welches ja von Liberalen in der- selben unwissenschaftlichen Verfahrensweise zum Beleg dafür ge- nommen wird, daß der bürgerliche Staat mit Klassenherrschaft nichts zu schaffen hat! 2) "Unter den Bedingungen des staatsmonopolistischen Kapitalismus spaltet sich die Gesellschaft immer sichtbarer in zwei objektiv feindliche Lager: die mächtige, aber zahlenmäßig kleine Spitzen- gruppe der Herrscher von Industrie, Banken und Staat auf der einen, und der Mehrheit des Volkes auf der anderen Seite. Die Zahl derer, die in Widerspruch zur Monopolmacht geraten, ist weiter gewachsen." (Thesen des Düsseldorfer Parteitags der DKP). Auch die zahlreichen Modifikationen dieser die Strategie der DKP begründenden Auffassung können ihre Absurdität und die Preisgabe wesentlicher, das Ganze der Marxschen Theorie betreffender Ein- sichten nicht verbergen (Wertgesetz, Konkurrenz). 3) Die Bestimmung des Volkes zu einer wesentlichen Kategorie kom- munistischer Propaganda in entwickelten kapitalistischen Ländern zu machen, erscheint von daher als totale Vergewaltigung der Marxschen Theorie und entspringt wohl der dem Liberalismus ent- nommenen Identifikation mit der Mehrheit, als die man sich "das Volk" vorstellt. Doch steht der Wunsch, die Arbeiterklasse möchte ihre Identität als V o l k behaupten und als solches Geschichte machen, dem Faschismus näher als der Emanzipation des Proletari- ats. 4) Dieses direkte Eingreifen des Staates in die Auseinanderset- zung zwischen Arbeit und Kapital findet häufig auch ohne akute Krise statt und wird gewöhnlich mit wirtschaftspolitischen oder rechtlichen Argumenten legitimiert - mildere Formen davon sind Einschränkungen der Tarifautonomie der Gewerkschaften etc. 5) Die falsche Verschiebung "kommunistischer Politik" auf die Auseinandersetzung mit dem Staat zeitigt einerseits die schizo- phrene Gestalt des Vorgehens, das im Nebeneinander von Forderun- gen an den Staat nach "demokratischen Alternativen" und seiner kontinuierlichen Beschimpfung als "Klassenstaat" auftritt, ande- rerseits in der ständigen Neuauflage anarchistischer Bewegungen. Die Politik der RAF z.B. beschränkte sich auf gewaltsame Ausein- andersetzungen mit der Staatsgewalt, wobei die falsche Auffassung kapitalistischer Herrschaft in der Ignorierung der Produkti- onssphäre als deren Zentrum klar zum Vorschein kam. Das Kapital- verhältnis, das nur durch die bewußte Aktion einer Klasse zu überwinden ist, wurde platt mit einzelnen Kapitalisten ineins ge- setzt und als über die "Zerschlagung" des Gewaltapparates des Staates angreifbar angesehen. 6) vgl. Marx' Spott über Leute, die dem Idealismus des bürgerli- chen Staates auf den Leim gehen und deswegen "dem Sozialismus eine höhere ideale Wendung geben wollen, d.h. die materialisti- sche Basis (die ernstes objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will) zu ersetzen durch moderne Mythologie, mit ihren Göttinnen der Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Fra- ternité." (Brief v. 19.8.1877 an Sorge). Auch Lenin wußte: "Die Demokratie ist eine der Formen des Staates. Indes sind wir Marxi- sten Gegner j e d e n Staates." (WW 24/71 f.) "Das Wort Demo- kratie, angewandt auf die kommunistische Partei, ist nicht nur wissenschaftlich unrichtig . . . " (WW 24/72). Wer bei Lenin ge- genteilige Aussagen zur Demokratie findet, möge sich fragen, wel- che seiner widersprüchlichen Aussagen die richtigen sind. 7) vgl. Grundrisse/160 8) Aus der Vorstellung, die diese Leute sich vom "Monopol" ma- chen, geht hervor, daß sie tatsächlich den 3. Band des "Kapital" für ein esoterisches Buch halten, das zu studieren sie "Seminar- marxisten" überlassen. 9) DKP/Spartakus verschweigen in ihren Forderungen nach "qualifizierter Ausbildung" systematisch das Faktum, daß die Attraktion und Repulsion von Arbeitskräften andere Ursachen hat als die "schlechte, arbeiterfeindliche Bildungspolitik von Staat und Mono polen". Sie denken gar nicht daran, die Beschränkung der Bildungsreformen zum Anlaß zu nehmen, auf ihre Grundlage in der Produktion hinzuweisen - sie verlangen im Gegenteil noch von der Arbeiterklasse als "Bündnispartner" die Unterstützung ihrer bornierten "demokratischen Lehrinhalte"! Ein Beispiel für den p o s i t i v e n Bezug auf den bürgerlichen Staat und seine Tä- tigkeit, der in Extremfällen sogar zum Stolz darauf verleitet, öffentlich als Kraft gelobt zu werden, die sich um "konstruktive" Beiträge bemüht! 10) Hier eröffnet sich das weite Feld der Demagogie, dem sich auch eine kommunistische Organisation anschließt, wenn sie - wie die DKP - an Wahlen teilnimmt, ohne aufzuzeigen, daß diese nur über belanglose Varianten des staatlichen Handelns entscheiden und eine kommunistische Partei in der Regierung prinzipiell den- selben Zwängen und Beschränkungen unterworfen ist wie alle ande- ren, (die Produktionsweise durch Gesetze zu verändern, hoffen wohl nicht einmal die hartgesottensten Volksfrontler). 11) Besonders sinnfällig wird dies in blödsinnigen Formulierungen von "Antirevisionisten" wie "die arbeiterfeindliche Brandt-Regie- rung" u.ä. Nicht auf eine "arbeiterfreundliche Regierung" müssen die Aktionen der Arbeiterklasse sich richten, sondern auf die A b s c h a f f u n g d e s S t a a t e s, was sich zwar nicht in der nach beliebtem Muster geformten Parole "Weg mit dem Staat!" äußert, jedoch im Charakter der Agitation zu den jeweili- gen besonderen Problemen seinen Ausdruck findet: ein positiver Bezug auf den Staat (auch in Auseinandersetzungen um bessere Re- produktionsbedingungen) darf nie als erklärtes Ziel vorgestellt werden. Einsichtig zu machen ist, daß noch mit jeder Reform die Mängel in der Reproduktion erhalten bleiben und der Staat mit seinen Maßnahmen auf die Produktionsverhältnisse verweist, mit deren Überwindung er selbst überflüssig wird. Überhaupt scheint uns die Denunziation von Staatsagenten auf dem infantilen Bedürfnis theoriefeindlicher Intellektueller zu beru- hen, die Behauptung der Bösartigkeit von Personen an die Stelle der Erklärung der kapitalistischen Wirklichkeit zu setzen. Offen- bar sind diese Organisationen der Auffassung, für die Arbeiter sei das Dümmste als Erklärung gerade gut genug! V. 1. Wenn Marx die Schaffung des Weltmarkts als "im Begriff des Ka- pitals gegeben", als wesentlich der Entwicklung der kapitalisti- schen Produktionsweise zugehörige Tendenz kennzeichnet (1), spricht er die allgemeine Natur all der Phänomene an, die als Im- perialismus Gegenstand kommunistischer Politik werden: es handelt sich um die Subsumtion der gesamten Produktion auf dem Erdball unters Kapital. Wenn er andererseits in seinem Aufbauplan die Analyse des Weltmarkts im Anschluß an die Darstellung des Staates vorsieht, charakterisiert er die Besonderheit, durch die sich die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise zum Weltmarkt von der gewöhnlichen Konkurrenzbewegung unterscheidet: sie ist über die Tätigkeit des Staates vermittelt. Die Expansion des Kapitals, die sich über die Konkurrenz der Privateigentümer vollzieht und die Konstitution des bürgerlichen Staates notwendig macht, schafft sich mit dem Staat zugleich eine Schranke für ihre maßlose Bewegung. Die territoriale Abgrenzung des Hoheitsgebie- tes, die Zusammenfassung des Eigentums an Grund und Boden, wel- cher die natürliche Grundlage für den Reproduktionsprozeß der Ge- sellschaft abgibt, schränkt den Markt und damit auch das Quantum Arbeit ein, die das Kapital ausbeuten kann. Somit stellt der Staat in seiner Eigenschaft als souveräne, neben die ökonomische Bewegung getretene Instanz, die durch ihr Gewaltmonopol die be- stehenden gesellschaftlichen Verhältnisse absichert, zugleich einen Mangel dieses Verhältnisses dar. Die Überwindung der Beschränkung, welche der Staat für die auf Expansion drängende kapitalistische Produktionsweise, also für die Reproduktion seiner Bürger darstellt, kann aufgrund seiner Souveränität nur von ihm geleistet werden. Was sich unmittelbar als Verkehr zwischen Nationalstaaten, die sich wechselseitig anerkennen und Verträge miteinander abschlie- ßen, abspielt, zeigt sich in den Gegenständen der diplomatischen Transaktionen als Auseinandersetzung zwischen den ökonomischen Interessen, die der Staat repräsentiert und durchzusetzen hat. Sofern diese Interessen sich nicht mehr mit den geregelten Bezie- hungen der wechselseitigen Anerkennung wahrnehmen lassen, pflegen die Staaten das Völkerrecht zu verletzen, da im Konflikt zwischen Nationen keine über den kontrahierenden Staaten stehende Macht existiert, die das Recht wiederherstellen könnte. Drängt die Akkumulation des Kapitals vermittelt über die Reproduktions- interessen der Staatsbürger den Staat zum gewaltsamen Vorgehen gegenüber anderen Staaten, so entscheidet allein die Gewalt. Bereits aus diesen Bestimmungen erweisen sich gängige Versuche der Kritik staatlichen Handelns nach außen als falsch: a) Statt eine imaginäre Friedensliebe der Massen zu beschwören, wenn kapitalistische Staaten zum Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" übergehen, gilt es die durchaus re- alen Interessen auch der Arbeiterklasse an einer Stärkung "ihres" Staates in der internationalen Konkurrenz als falsch nachzuwei- sen. Das bedeutet, daß am außenpolitischen Vorgehen des Staates gezeigt werden muß, wie in ihm die kapitalistische Zerstörung der Reproduktion der Arbeiterklasse enthalten ist und nicht deren Sicherung (2). Die Sphäre der Moral muß zugunsten einer politöko- nornischen Erklärung verlassen werden, sonst stellen sich jene grotesken Argumentationen ein, die den "Massen" weismachen wol- len, das Militär sei überflüssig. Das genaue Gegenteil wäre zu zeigen: daß zum bürgerlichen Staat notwendig das gewaltsame Vor- gehen nach außen gehört, was in der Errichtung des Militärs sei- nen Niederschlag findet. b) Statt gegen die kriegerische Außenpolitik die demokratischen Ideale ins Feld zu führen, ist darauf zu insistieren, daß beide derselben gesellschaftlichen Grundlage entspringen und die Form der bürgerlich-parlamentarischen Republik nur die adäquate Weise der Verselbständigung der politischen Sphäre darstellt, die als Staat den Expansionsdrang des Kapitals nach außen exekutiert. 2. Die Subsumtion der nicht kapitalistisch produzierenden Länder unter das Kapital vollzieht sich historisch als deren Einbeziehen in die internationale Waren z i r k u l a t i o n, wodurch diese Gesellschaften zunehmend vom internationalen Handel abhängig wer- den. Eine Epoche gewaltsamer Plünderungen (Kolonialismus) wird abgelöst durch die freie Konkurrenz, den Austausch von Waren zwi- schen den Gesellschaften, der die P r o d u k t i o n der Kolo- nie dem Wertgesetz unterwirft, ohne daß in ihnen die Produktiv- kräfte eine Entfaltung erfahren haben, die den "unterent- wickelten" Ländern die Konkurrenzfähigkeit sichern würde. Eine nationale Akkumulation des Reichtums wird verhindert. Die Vereinseitigung der Produktion, welche der Kolonialismus im Anschluß an die Phase des offenen Raubes vorbereitet, verstärkt sich in vielen "Entwicklungsländern" durch den Übergang zur kapi- talistischen Produktionsweise, die mit dem Kriterium des Profits in schroffem Gegensatz zu den Bedürfnissen dieser Gesellschaft steht. Ob produziert wird oder nicht, ist eine Frage der Rentabi- lität - der Preis der Arbeitskraft und die Reichtümer der Natur, deren die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften bedürfen, geben den Ausschlag. Dies gilt sowohl für den Kapitalexport aus den entwickelten kapitalistischen Ländern als auch für die Inve- stitionen, die durch eine entstehende nationale Bourgeoisie getä- tigt werden. Auch die letztere unterwirft sich der Konkurrenz der Kapitale auf dem Weltmarkt, wenngleich ihre Existenz im Unter- schied zur Direktinvestition aus dem Ausland der "unterent- wickelten" Gesellschaft mehr von dem zuteil werden läßt, was Marx die "zivilisatorischen Tendenzen" des Kapitals genannt hat. Der aus der Konkurrenz resultierende Gegensatz zwischen nationalem und ausländischem Kapital ist es auch, der den Schein verstärkt, der durch die Abwicklung des internationalen Handels über die Beziehungen der Staaten untereinander erzeugt wird, nämlich, daß der Imperialismus wesentlich ein Problem der n a t i o n a l e n U n a b h ä n g i g k e i t sei (3). In der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise treffen die kapitalistischen Staaten auf despotische Formen der Organisa- tion des Gemeinwesens, die sich im internationalen Rahmen wie bürgerliche Staaten verhalten müssen, ohne jedoch selbst Resultat einer kapitalistischen Entwicklung ihrer Produktionsweise zu sein. Diese Regierungen leisten mit ihrer direkten, nicht über die Verselbständigung einer politischen Sphäre neben dem ökonomi- schen Leben der Gesellschaft abgeleiteten Gewaltherrschaft einer- seits gute Dienste für die ausschließliche Verfügung kapitalisti- scher Unternehmen über die Bodenschätze ihrer Länder: deswegen werden sie von imperialistischen Staaten unterstützt und mit mi- litärischer Macht gehalten. Andererseits geraten sie in Gegensatz zur kapitalistischen Entwicklung ihrer Gesellschaften selbst, die ihnen von außen aufgezwungen wird. Auch in "unterentwickelten" Ländern bedarf das Kapital der freien Lohnarbeit, eines entwic- kelten Geld und Kreditwesens usw., was eine Auflösung der tradi- tionellen Lebensweise bedingt und als Forderung der imperialisti- schen Staaten an die jeweiligen Regimes seinen Niederschlag fin- det, meist in idealisierter Verkleidung als Aufforderung zur "Demokratisierung" und "Humanisierung" der politischen Verhält- nisse, oder auch als Bemühen um die Hebung des Bildungsniveaus. Dies bedeutet aber nicht, daß in der Agitation zum Imperialismus sich kommunistische Politik auf eine Seite des vom Kapital er- zeugten Widerspruchs zu fixieren hätte, dergestalt, daß sie die Herstellung demokratischer Verhältnisse in "unterentwickelten" Ländern als Ziel des Kampfes auszugeben hätte (4). Die Entwicklung politischer Demokratie kann - und das zeigen auch die Länder, in denen sich eine demokratische Staatsform herausge- bildet hat (Chile!) - bestenfalls zu "geregelten Formen" der öko- nomischen Abhängigkeit führen, die sich in mangelnder Konkurrenz- fähigkeit, Angewiesensein auf Kredit ("Entwicklungshilfe") etc. niederschlägt und die internationale Ausbeutung nur perpetuiert. Zudem suggeriert solche "antiimperialistische" Argumentation die Unversöhnlichkeit von politischer Demokratie und Klassenherr- schaft und nimmt damit einen Hauptpunkt bürgerlicher Ideologie in ihr Programm auf. 3. Aus der Analyse des Imperialismus ergibt sich auch unsere Stellung zu den Befreiungsbewegungen. Daraus, daß sie der Form nach nationale Bewegungen sein müssen, folgt keineswegs, daß sie sich auch in ihrem Programm auf nationale Zielsetzungen zu be- schränken haben. Auch für Bewegungen in der "Dritten Welt" (5) gilt, daß sie revolutionär nur sind, wenn sie sich aus der Ein- sicht in das weltweite Kapitalverhältnis bestimmen. Internatio- nale Solidarität kann deshalb auch nicht in ein moralisches Po- stulat verdreht werden, das von einer kommunistischen Organisa- tion in den Metropolen die bedingungslose Unterstützung aller Be- freiungsbewegungen fordert, nur weil es diese gibt (6). Kriterium für eine Unterstützung der Kämpfe muß auch in diesem Bereich kom- munistischer Politik sein, daß sich das Vorgehen der infragekom- menden Organisation objektiv gegen die U r s a c h e der sozia- len Mißstände richtet. Wir wissen, daß die Organisationen in der "Dritten Welt" aufgrund der dortigen Verhältnisse zu anderen Pro- grammen und Methoden ihres Kampfes gezwungen sind als eine KP in entwickelten kapitalistischen Ländern, so daß z.B. die Erringung demokratischer Zustände eine wesentliche Bedingung für weiterge- hende Kämpfe darstellt. Daraus eine Apotheose der Demokratie oder der "Volksfront" abzuleiten und die Strategie solcher Bewegungen gar als Beleg für die Richtigkeit einer ähnlichen Vorgehensweise hier bei uns zu nehmen, verbietet sich aufgrund unserer Kennt- nisse. Wenn in der Agitation der antiimperialistische Kampf in der "Dritten Welt" thematisiert wird, so sind es gewöhnlich drei Ziele, die wir verfolgen. Wir versuchen a) durch Sammlungen eine bescheidene materielle Unterstützung des Kampfes zu bewirken, b) durch die kontinuierliche Darstellung des imperialistischen Vorgehens in der "Dritten Welt" die geringen Druckmittel, die im Medium bürgerlicher Öffentlichkeit gegeben sind, auszunützen und Regierungen eventuell in einer für die Revolutionäre in der "Dritten Welt" günstigen Weise zu beeinflussen. (Daß die Erfolge von Demonstrationen äußerst bescheiden sind, haben zehn Jahre Vietnam-Protestbewegung in aller Welt aufs Deutlichste gezeigt. Eine klassenbewußte Arbeiterschaft hat hier freilich andere Druckmittel.) c) durch die wissenschaftliche Erklärung des Imperialismus die moralische Empörung in die Einsicht von der Notwendigkeit des Kampfes gegen das Kapital in den Metropolen zu überführen. Dies kann nur gelingen, wenn klar wird, daß die Ursache für den Hunger und die Völkermorde in der "Dritten Welt" im System der kapitali- stischen Produktionsweise liegt, die Verhältnisse dort und die bürgerlichen Zustände hier also zusammengehören. Wider den Mißbrauch ------------------- Wer sich um die praktische Umsetzung der wissenschaftlichen Kapi- talismuskritik bemüht, trifft stets auf einen bestimmten Entwick- lungsstand kommunistischer Theorie und Praxis. Das Kapitalver- hältnis produziert durch seine Antagonismen in den verschieden- sten gesellschaftlichen Bereichen ein Bewußtsein von der Notwen- digkeit seiner Veränderung und auch den Willen, eine praktische Bewegung ins Werk zu setzen. So finden sich gemäß den unter- schiedlichen Auffassungen über die kapitalistischen Verhältnisse und den Weg ihrer Beseitigung auch gegenwärtig eine Reihe konkur- rierender Organisationen deren Praxis zu den objektiven Voraus- setzungen kommunistischer Politik zählt. Unser Umgang mit diesen Voraussetzungen wurde an einigen Punkten der negativen Abgrenzung bereits zum Ausdruck gemacht. Aus dem Faktum der Erstellung einer eigenen Programmatik geht schon hervor, daß wir die bestehenden Ansätze für mangelhaft hal- ten; und soweit es die Allgemeinheit einer solchen Programmatik erfordert, haben wir auch die Kritikpunkte angesprochen (ihre de- taillierte Formulierung freilich gehört in die ständige Auseinan- dersetzung um die Begründung und Durchführung politischer Schritte). Sie lassen sich zusammenfassen in dem Vorwurf, daß die kritisierten Organisationen von einer wissenschaftlichen Begrün- dung ihrer Praxis abgehen und an ihre Stelle andere Kriterien treten lassen, was sich besonders deutlich im Umgang mit den Tex- ten der Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt. Wenn wir im Rahmen unserer Argumentation Zitate von Marx, Engels und Lenin verwenden oder auch bei ihnen entwickelte Argumente zusammenfassen, dann ist dies als Hinweis darauf zu nehmen, daß wir bei ihnen die we- sentlichen Grundlagen für die Bestimmung revolutionärer Politik finden. Nicht weil sie gemeinhin als Klassiker gelten, haben wir sie zitiert, sondern weil sie richtige Kenntnisse des Kapitalis- mus erarbeitet haben und zur Grundlage ihrer Strategie machten. Diese Selbstverständlichkeit muß wegen des üblich gewordenen Um- gangs mit den Schriften der Klassiker (und derer, die keine sind) ausgesprochen werden: dieser Umgang zeichnet sich dadurch aus, daß beim Zusammensuchen von Zitaten überhaupt nicht mehr geprüft wird, ob der jeweils zur Debatte stehende Gegenstand identisch ist mit dem, der im gewählten Beleg behandelt wird. Eine Refle- xion über die Richtigkeit des Zitierten gilt als völlig überflüs- sig; die Autorität des Klassikers genügt. Hier einige ständig wiederkehrende Beispiele aus dem Schatz ge- genwärtiger Auseinandersetzungen: a) In den sattsam bekannten Theorie-Praxis-Diskussionen wird stets denen, die auf der theoretischen Begründung aller prakti- schen Schritte beharren, mit Marx-Zitaten aus der "Deutschen Ideologie" begegnet, in denen die Worte "real", "praktisch", "wirklich" u.ä. vorkommen. Solche Zitate sollen die Ohnmacht des Gedankens mit Hilfe des Zeugnisses von Marx schlagartig demon- strieren, wenn man einen kleinbürgerlichen Theoretiker entdeckt zu haben glaubt. Abgesehen davon, daß in den positiven Ausführun- gen über bürgerliche Gesellschaft und insbesondere über falsches Bewußtsein, wie sie in der "Deutschen Ideologie" vorkommen, Feh- ler enthalten sind (z.T. handelt es sich auch um allgemeine Cha- rakteristika, die ihre wissenschaftliche Ableitung erst im "Kapital" erhalten), bringt ein solches "Verwenden" von Marx seine Polemik gegen b e s t i m m t e Theorien, die sich eine lächerliche Relevanz beimaßen, zum Zeugnis für Theoriefeindschaft herunter. Weshalb sich Marx sein Leben lang um die Ausarbeitung der Theorie bemüht hat und die "reale", "praktische", "wirkliche" Bewegung in ihrer Lasalleanischen Flachköpfigkeit kritisierte, muß ein Rätsel bleiben (Bisweilen mußte Marx sogar konstatieren, daß die Kämpfe der Arbeiter mehr Einsicht enthielten als die Programme "ihrer" Organisationen). Die schlichte Antwort auf dies Rätsel, daß die wirkliche Bewegung e r k a n n t sein will, soll sie der prole- tarischen Organisation als Grundlage ihres Handelns dienen, wird geleugnet und durch einen - der bürgerlichen Wissenschaft ent- lehnten - Gegensatz ersetzt. Die Realität und ihre wissenschaft- liche Analyse stehen sich als zwei einander ausschließende Be- stimmungsgründe kommunistischer Politik gegenüber; "konkrete" Er- fahrungen und Interessen g e g e n Wissenschaft ... Der von Marx für den Kapitalismus als wesentlich bezeichneter Sachver- halt, daß die Menschen ihre Geschichte ohne Bewußtsein machen, erfährt ausgerechnet von denen seine Bestätigung, die ihn ab- schaffen wollen. b) Die Neigung, den wissenschaftlichen Sozialismus auf leicht faßliche Quintessenzen zu verkürzen, findet ihrer Ausdruck in dem wahllosen Zitieren von Engels, ohne die Mängel seiner zusammen- fassenden Schriften und Polemiken zu berücksichtigen. Wer etwa konstatiert, daß sein Kommentar zum Wertgesetz im "Kapital III" oder manche Aussagen zur Rolle des Staates bei der Herausbildung des Kapitalismus im Widerspruch zur Kritik der Politischen Ökono- mie stehen, gilt den Zitierern bereits als Verräter des Histori- schen Materialismus. Im Bereich der Aussagen zur Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte führt das selbstgenügsame Herunterbeten von Resultaten, zu denen Engels durch das Studium der Quellen ge- langt ist, in die absurdesten Varianten der Idealismuskritik: die detaillierten Studien, die im Fragment zur "Dialektik der Natur" enthalten sind, werden zum Gegenteil dessen verwendet, was Engels zeigen konnte: man macht ihn zum Kronzeugen des Empirismus. c) Noch deutlicher offenbart sich das willkürliche Umspringen mit Zeugnissen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung in der "Kanonisierung" von Lenin. Die Tatsache, d a ß in Rußland eine Revolution stattgefunden hat, wird als Garantie dafür genommen, daß die Leninsche Theorie und Praxis auch richtig gewesen sein muß. Wird in der Auseinandersetzung gezeigt, daß sich in Lenins Auffassung vom Kapitalismus viele Fehler, ja den Marxschen Ein- sichten völlig widersprechende Aussagen fehlen, die auch dazu ge- führt haben, daß seine Analyse der historischen Verhältnisse in Rußland mangelhaft ist (was eben zu partiell anderen Erklärungen der revolutionären Kämpfe zwingt, als sie Lenin gegeben hat), er- findet man die Ausflucht, Lenin dürfe nicht als Marx-Philologe kritisiert werden - er sei wesentlich praktischer Revolutionär gewesen. In dieser Gegenüberstellung wird Lenin schon gar nicht mehr ernst genommen. Statt an seinen richtigen Einsichten festzu- halten, seine Fehler aber zu kritisieren, erkennt man nicht ein- mal mehr das immerzu hergebetete Diktum von Lenin selbst an, daß ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Bewegung möglich sei. d) Wo das fast schon religiöse Verhältnis zu Personen aus der re- volutionären Tradition die eigene wissenschaftliche Arbeit als Voraussetzung für politische Praxis ersetzt, macht es dann auch keine Schwierigkeiten, Leute zu "großen Marxisten" zu erklären, bei deren Theorien der Gegensatz zur Marxschen Theorie noch of- fensichtlicher ist. Wer die revolutionäre Theorie als die "gesammelten Erfahrungen der Arbeiterbewegung" faßt, muß Aussagen wie "Um also in der Politik nicht fehlzugehen, muß man vorwärts schauen und nicht rückwärts." "Um also in der Politik nicht fehlzugehen, muß man Revolutionär sein und nicht Reformist." " ... die Menschen bilden ein notwendiges Element der Bedin- gungen des materiellen Lebens der Gesellschaft und ohne das Vor- handensein einer gewissen Mindestzahl von Menschen kann es kei- nerlei materielles Leben der Gesellschaft geben." (Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus) für Bereicherungen der Wissenschaft halten. Kommunisten müssen aufräumen mit solchem vulgären Geseiche, das - unterstellt man, daß auch Stalin seinen "Einsichten" gemäß gehandelt hat - auch für die Praxis relevant geworden ist Den Absolventen der Akademie der Roten Armee meinte er z.B. durchaus beibringen zu müssen, "daß von allen wertvollen Kapitalien, die es in der Welt gibt, das wertvollste und entscheidenste Kapital die Menschen sind", weshalb es auch "Mangel an Menschen" zu überwinden gilt. e) Auch die Bedeutung, die manche Organisationen Mao Tse-tung als marxistischem Theoretiker beimessen, ist aus seinen Schriften nicht zu begründen, noch weniger aus dem Verlauf der chinesischen Revolution. Es steht dabei zwar außer Zweifel, daß er in seinen Analysen Gegensätze innerhalb der chinesischen Gesellschaft und vor allem ihre Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten zum Ausdruck brachte, auch daß er diese Gegensätze in der Praxis der KP Chinas ausfocht. Doch ist eine Theorie und Praxis, die in Ge- gensatz zu den Verhältnissen in China gerät, nicht schon wissen- schaftlicher Sozialismus (verfährt man so unhistorisch, kann man auch die vorbürgerlichen Revolutionäre zu Marxisten stempeln) und gültige Strategie im Kampf gegen das Kapital, von dem die chine- sische Gesellschaft wohl kaum beherrscht war. Seine sogenannten erkenntnistheoretischen Aussagen entsprechen denn auch seinen "Klassenanalysen": sie sind ein Gemisch aus empiristischen Posi- tionen (was durchaus bedeutet, daß sie sich radikal gegen tradi- tionelle Anschauungen in China richten) und ihnen widersprechen- den Zitaten der Klassiker, das in der Übernahme und schöpferi- schen Anwendung durch "Marxisten-Leninisten" bisher nur Stilblü- ten gezeitigt hat. Wir leugnen nicht die objektive Bedeutung des Umsturzes, zu dem der jahrzehntelange Kampf gegen Japan und die Kuomintang führte: es sind durch ihn sogar die M ö g l i c h k e i t e n eines sozialistischen Aufbaus geschaf- fen worden - deswegen auch die Aufzählung der "Elemente des Vol- kes" für marxistische Theorie zu halten, überlassen wir denen, die zur Politik eine positive Identifikation mit einem mächtigen Freund benötigen und meinen, mit der Wiederholung eines Satzes, die Haupttendenz in der Welt sei Revolution. eine "tiefe Weis- heit" von sich zu geben. _____ 1) Vgl. Grundrisse/311, MEW 26,2/425 und passim. Schon vor diesen allgemeinsten Bestimmungen des Imperialismus erweisen sich die gängigen Theorien, die im Imperialismus unter stereotyper Beru- fung auf Lenin ein neues "Stadium" sehen, als Revision von Marx. Was seiner Theorie zufolge die endgültige Durchsetzung des Kapi- talismus darstellt, wird als dessen qualitative Veränderung aus- gegeben, so daß sich schließlich zwei "Kapitalismen" gegenüber- stehen und die Gesetze des ersten für das "Stadium" heute nicht mehr gelten sollen. Lenins Imperialismusschrift ist zunächst Ausdruck dafür, daß Le- nin die Notwendigkeit einer Ableitung des Imperialismus aus den allgemeinen Gesetzen des Kapitals gesehen hat. Doch sind seine Ausführungen über den Imperialismus geprägt von einem falschen Monopolbegriff, den er in unhaltbaren Gegensatz zur Konkurrenz stellt (Monopole setzen den Marktpreis fest!) und durch eine Theorie des Finanzkapitals ergänzt, so daß der Imperialismus für ihn die Außerkraftsetzung des Wertgesetzes impliziert. Indem er so den Imperialismus als neues "Stadium" der kapitalistischen Entwicklung versteht, läßt er die falsche Auffassung erkennen, als handle Marx im "Kapital" geschichtliche Stadien im Kapitalis- mus ab, nicht dessen allgemeine Gesetze. 2) Die "Identifikation" der Arbeiter mit den Aktivitäten des Staates hat ihre materielle Grundlage im allgemeinen Verhältnis der Privatsubjekte - so auch der Arbeiter - mit ihren Interessen an Reproduktion zum Staat als der allgemeinen Instanz, die die Bedingungen für die Reproduktion ihrer Bürger sichern soll. Es ist also nicht der unmittelbar erwartete Vorteil für die Repro- duktion, der die Arbeiter in den Krieg ziehen läßt, sondern die Anerkennung des Staates als der für das Allgemeinwohl eintreten- den Instanz. Sieht man diese Grundlage nicht, verlegt man die Er- klärung der Tatsache, daß es die Arbeiter verschiedener Nationen sind. die sich im Krieg wechselseitig umbringen - und nicht die Kapitalisten oder "Monopolherren" - ganz in den Bereich einer je- der gesellschaftlichen Grundlage entbehrenden Gesinnung: hier zeigt sich, wie nahe die Beschwörung der "Friedensliebe" der Klage über die "Aggressionen" der Menschen steht, mit denen die bürgerliche Friedensforschung aufwartet. Korrelat zur unterstell- ten "Friedensliebe" bildet die falsche Auffassung von der Beste- chung der Arbeiter in den Metropolen, die an die Stelle einer Theorie über das Verhältnis von Staat und Volk, in der die objek- tive Funktion des Staates auch für die Reproduktion der Arbeiter- klasse ihre Erklärung findet, den Vorwurf setzt, die Arbeiter würden unrechtmäßig ihren Vorteil suchen. 3) Daß diesem Schein gerade diejenigen aufsitzen, die sich auf Lenins Imperialismustheorie berufen, ist ein Indiz für das eklek- tizistische Verhältnis moderner "Leninisten" zu seinen Aussagen, enthält doch die Imperialismusschrift die richtige Einsicht, daß unter den vom Imperialismus hergestellten Weltmarktbedingungen der Nachvollzug einer autonomen kapitalistischen Entwicklung vom Imperialismus abhängiger Staaten unmöglich ist. Daraus folgt, daß deren politische Unabhängigkeit nur eine neue, dem Weltmarkt ad- äquate Form ökonomischer Abhängigkeit darstellt. 4) Angesichts der offen zutagetretenden ö k o n o m i s c h e n Wirkung des Imperialismus, wie er sich im Hunger der "Dritten Welt" manifestiert, erscheint es als blanker Zynismus, daß "Marxisten" hierzulande die p o l i t i s c h e n I d e a l e des Kapitalismus als Kampfziel angeben! Demokratische Verkehrs- formen sind auch hier nur Mittel kommunistischer Politik. 5) Der Begriff "Dritte Welt" enthält die falsche Vorstellung, als existierten neben kapitalistischen und sozialistischen Ländern noch Länder einer eigenen Kategorie. Somit ist im Begriff "Dritte Welt" ausgelöscht, daß die ökonomische Unterentwicklung bestimm- ter Länder Produkt des Kapitalverhältnisses im Weltmaßstab ist. 6) Die falschen Varianten antiimperialistischer Politik reichen von der Auffassung, man dürfe Befreiungsbewegungen nicht kriti- sieren, da dies hieße, sich zum Richter praktischer Kämpfe der ausgebeuteten Völker aufzuspielen, bis zur platten Übertragung von Strategien in der "Dritten Welt" auf kommunistische Politik in den Metropolen. Anstatt die im proletarischen Internationalis- mus enthaltene Pflicht zur Kritik falscher kommunistischer Posi- tionen grundsätzlich anzuerkennen, fordern solche Auffassungen die Verherrlichung existierender Befreiungsbewegungen. Hinter dem Vorwurf, Intellektuelle, die es sich in Westeuropa gut gehen lassen, hätten keine Berechtigung zur Kritik an den Strate- gien der Befreiungsbewegungen, steckt gewöhnlich gar nicht die verlangte Enthaltsamkeit bezüglich der Beurteilung der Kämpfe, sondern eine offene Parteinahme für die politischen Programme be- stimmter Organisationen in den jeweiligen Ländern. Der Aufbau des Kapital (I) -------------------------- Die Berufung auf Marx stellt eine, vielleicht die einzige, Ge- meinsamkeit dar, durch die sich Organisationen und Individuen, welche sich kommunistisch nennen, auszeichnen. Noch dort, wo die Differenzen in der Beurteilung von Tagesfragen der politischen Praxis in einen erbitterten Kampf zwischen Feinden übergehen, prangt von den Druckschriften der streitenden Parteien der Kopf von Marx. Und bisweilen geht solche Identitätserklärung, die ihre Fragwürdigkeit schon durch die Präsenz minder illustrer Köpfe do- kumentiert, auch über das Symbolische hinaus. Der "gewaltige Den- ker", wie Engels seinen Freund nannte, allen zum Trotz, die mei- nen, Marxismus stünde im Gegensatz zum Denken, wird auch zitiert - womit man ausspricht, daß es nicht um die Partikularität des bärtigen Mannes auf den Posters geht, sondern um seine Einsich- ten. Dieses Urteil tritt noch deutlicher dort hervor, wo dem je- weiligen Gegner die Abweichung von der Marxschen Theorie als "ernster Fehler" vorgerechnet wird und deren W a h r h e i t außer Frage steht. In krassen Gegensatz zu diesem in der Auseinandersetzung prakti- zierten Beharren auf der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus ge- rät jedoch das brutale Sammelsurium moralischer und begriffloser Parteilichkeits"argumente" und Weltanschauungsphrasen, das eher den Eifer des Proselyten verrät als den "Mann der Wissenschaft", der seine E i n s i c h t e n in die Natur der kapitalistischen Gesellschaft in der Tat umsetzen will. Es macht deutlich, daß im Bereich der Auseinandersetzung zwischen kommunistischen Organisa- tionen mehr noch als sonst das Gebot von Marx gilt, daß man einen Menschen nicht danach zu beurteilen hat, was er sich selbst dünkt, sondern danach, was er tut. Wo das formelle Pochen auf die Wahrheit des wissenschaftlichen Sozialismus beständig mit noch hinter die bürgerliche Wissenschaft zurückfallender Phraseologie kollidiert, sinkt Marx zum Zeugen für das Gegenteil dessen herab, was er vertrat. Ein solcher Umgang mit Marx zeigt nur, daß man mit Marx bereits fertig war, bevor man ihn studiert hatte. Dieje- nigen, die ihn praktizieren, scheiden wohl auch von vornherein als Adressaten für einen in mehreren Fortsetzungen geplanten Ar- tikel über den Aufbau des "Kapital" aus. Er richtet sich nicht an die, welche den Namen "Marx" bloß im Munde führen, sondern an die, welche ihn s t u d i e r e n; unser Kommentar soll die beim Studium des "Kapital" auftretenden Schwierigkeiten, die wirkliche Wissenschaft mit sich bringt, lösen helfen. Er wendet sich zunächst einmal an die Gruppen, die sich unserer Politik verpflichtet wissen und sie durchzusetzen versuchen; dann die Leute, die durch Kenntnisnahme unserer Veröffentlichungen parti- ell oder ganz davon überzeugt sind, daß unsere Politik richtig ist und sich die Ergebnisse unserer theoretischen Arbeit aneignen wollen; schließlich an alle Individuen und Zirkel, die mit der Aneignung der Marxschen Theorie Ernst machen und deshalb auch den praktischen Konsequenzen gegenüber offen sind, die wir als Orga- nisation bereits gezogen haben. Einer Erwähnung existenter kommunistischer Organisationen und ihres Umgangs mit der Marxschen Theorie hätte es angesichts ihres offenkundigen Desinteresses an einer Fundierung ihrer Politik durch die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft nicht bedurft, würde sich nicht bei denen, die sich mit dem "Kapital" tatsäch- lich beschäftigen, im Prinzip derselbe Fehler finden, den die Vulgärmaterialisten aller Schattierungen begehen: das V e r w e n d e n von Marx zum Zwecke der Bestätigung der unbe- griffenen Resultate seiner Theorie, das Handhaben einzelner Stel- len seines Werks als Beleg dafür, was man u n a b h ä n g i g von den konkret durchgeführten Argumentationen seiner Theorie von dieser zur Kenntnis genommen hat. (Die Varianten vulgärmarxisti- scher Marx-Vergewaltigung sind bekannt: während die einen außer der platten Aussage, unsere Gesellschaft sei eine von Klassen, so gut wie nichts im "Kapital" finden, demonstrieren die anderen mit Hilfe von Zitaten, die sie aufgrund der mangelhaften oder völlig fehlenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Kritik der politischen Ökonomie per Register suchen, unablässig, daß die Marxsche Theorie nicht (mehr) stimmt (Stamokap!). Die Varianten subtilerer Instrumentalisierung des Werkes von Marx erscheint als vorgezogene Diskussionen über dieses Werk. Statt sich auf das einzulassen, was Marx über den Kapitalismus herausbekommen hat, pflegt man sein wissenschaftliches Vorgehen, seine "Methode" zu thematisieren, über das Verhältnis von Forschung und Darstellung zu spekulieren oder gar die Beziehung zwischen Marx und Hegel zu besprechen. Wo die einen ihr praktisches Tun durch ihre Bezug- nahme auf die Autorität von Marx zu legitimieren suchen, nehmen die anderen das Kapital zum Anlaß, ihre mehr oder minder begrün- deten Vorstellungen von Wissenschaft und "dialektischer Methode", zur Marxschen Vorgehensweise und seinem Verhältnis zur klassi- schen Philosophie darzutun. Man hatte sich vorgenommen, die Marx- sche Kritik der politischen Ökonomie zu begreifen und betreibt, noch ehe man damit begonnen hat, ein völlig anderes Geschäft: man befaßt sich mit Marx als Wissenschaft treibendes Subjekt, mit der Differenz seines Denkens zu dem anderer Leute usw. Gegenstand der Diskussion ist nicht mehr der Kapitalismus, sondern W i s s e n s c h a f t, richtige und falsche, bürgerliche und revolutionäre, ihr Verlauf als Tätigkeit eines Individuums und die Darstellung ihrer Resultate. Der erste Vorwurf, der den gang und gäbe gewordenen Expositionen zur Kapital-Lektüre gegenüber zu erheben ist, wäre der, daß ein W e c h s e l d e s G e g e n s t a n d e s stattfindet. Es ist und bleibt nun mal etwas anderes, über Wissenschaft zu handeln, als über den Kapita- lismus. Abgesehen davon, daß dabei eine der bürgerlichen Wissen- schaft eigentümliche und ihrem Fehler geschuldete Unsitte über- nommen wird (1), ist das Gerede über die Methode von Marx schon deshalb unstatthaft, weil man eben damit beginnt, Marx kennenzu- lernen, also über sein Vorgehen noch gar nicht urteilen kann. Kann sich bürgerliche Wissenschaft zunächst - zumindest dem Schein nach - bei ihren Methodendiskussionen ex ante noch darauf hinausreden, sie wolle den aus anderen Quellen bekannten Begriff von Wissenschaft abklären, entlarvt sich das in Schulungen und in der wild wuchernden Marx-Literatur (2) praktizierte Vorwegdisku- tieren "der" Marxschen Methode als barer Unsinn, geht es doch auf die Klärung eben der Wissenschaft, die man noch gar nicht kennt. Anders ausgedrückt: der spezifische Charakter des wissenschaftli- chen Verfahrens von Marx wird nur für den kein Gegenstand von Vorurteilen, der Marx studiert hat. Von daher ist es unerklär- lich, daß in Schulungen und Kapital-Arbeitskreisen ausgerechnet solche Diskussionen als Hilfe für diejenigen ausgegeben werden, die gerade den Entschluß gefaßt haben, die Marxsche Theorie des Kapitalismus nachzuvollziehen. Hinzu kommt, daß die für die be- sagten Vorklärungen herangezogenen Äußerungen von Marx selbst ge- wöhnlich nicht Äußerungen über W i s s e n s c h a f t darstel- len, sondern die R e s u l t a t e richtiger resp. falscher Wissenschaft charakterisieren und auf den von Marx durchgeführten Studien beruhen. Sätze wie die aus der Einleitung zu den Grund- rissen - "Hegel geriet daher auf die Illusion das Reale als Re- sultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich verteifenden, und aus sich selbst sich bewegenden Denkens zu fassen ..." sind knappe Zusammenfassungen des Fehlers an der Hegelschen Philoso- phie, die bislang hauptsächlich dazu verwendet wurden, als höchste Einsicht über wissenschaftliches Denken Phrasen auszu- sprechen, die die Differenz zwischen Gedanken und Realität hoch- leben lassen. Was in einer Variante bürgerlichen Denkens von Marx als falsches Resultat aufgezeigt wird, dient als positive Bestim- mung richtig zu Werke gehender Wissenschaft. Doch die häufigen Rückfälle in plattesten Empirismus lassen erkennen, daß eine Wis- senschaft, die die Realität nicht als Produkt des Denkens auf- faßt, noch lange nicht in Ordnung zu sein braucht... Die schlimm- ste Konsequenz von solchen unbegründeten und dilettantischen "methodischen Vorüberlegungen" zeigt sich aber erst in der Dis- kussion der Marxschen Ausführungen zur Politisches Ökonomie, die sich als D u r c h f ü h r u n g der zu Beginn etikettierten Methode bewähren müssen. Das "Kapital" gerät zur Idealismus- bzw. Wissenschaftskritik, sein Charakter als positive Wissenschaft des bestimmten Gegenstandes "kapitalistische Ökonomie" tritt in den Hintergrund. Allenthalben setzt die Suche nach dem "Materiali- stischen" an Marx ein und an die Stelle des Nachvollzugs seiner Gedanken über Ware, Wert, Kapital etc. tritt das Rätseln über w i s s e n s c h a f t s k r i t i s c h e Motive, die Marx bewogen haben sollen, dieses oder jenes Kapitel hinzuschreiben. So liest man immer wieder erstaunt, die Abhandlung von Konkur- renzphänomenen im "Kapital" geschehe zum Zweck des Beweises, daß den Kategorien und Begriffen der Theorie auch Realität zukomme. An solchen Punkten machen sich die Wünschelrutengänger der Idealismuskritik zum Anwalt eben jener Auffassung des Ver- hältnisses von Begriff und Sache, die sie bekämpfen wollen, denn sie unterstellen Marx ein Vorgehen, bei dem der Konstruktion von Begriffen noch ein "materialistischer" Nachweis dafür folgen muß, daß ihrem Gehalt auch etwas Reales entspricht. Schulungen, die sich einmal auf das widersinnige Verfahren der nur als Vorgriff zu führenden Diskussionen um die "Marxsche Methode" eingelassen haben, geraten folgerichtig in das zwangshafte Bemühen, die Ab- folge der Argumentation im Kapital aus etwas anderem l e g i t i m i e r e n zu wollen, als aus dem, was Marx entwic- kelt. Dabei werden dann Zitate über das Verhältnis von Forschung und Darstellung herangezogen, die aber auch wieder die Kenntnis des Marxschen Werkes nebst der des Prozesses, den die Marxsche Auseinandersetzung mit der Ökonomie - und nicht nur dieser - durchlaufen hat, voraussetzen. Wer weiß, daß sich Forschung und Darstellung ihrer Resultate unterscheiden, weiß eben nur dies. Und zu mehr ist die ganze Zitatenklauberei über besagtes Verhält- nis auch nicht nütze - zum Verständnis des "Kapital" trägt sie nichts bei. Wer dies behauptet, bringt nur die irrige Auffassung zum Ausdruck, daß die Marxsche Theorie nur dann zu begreifen sei, wenn der Weg, auf dem sie entstanden ist, nochmals zurückgelegt wird. Dieser Fehler kommt sogar explizit ausgesprochen vor: man suggeriert den Teilnehmern von Schulungen, sie müßten sich erst mit dem befassen, was Marx kritisiert hat, um ihn zu verstehen, und hetzt sie auf die Kritik von Ricardo und A. Smith. Diese wird dann wiederum mit Hilfe von Kennzeichnungen, die Marx ihren falschen Resultaten verliehen hat, vorgetragen und hantiert so mit Einsichten über Grundrente, Profitrate, das Verhältnis von Kapital und Konkurrenz - mit Kategorien also, die man erst ken- nenlernen und begreifen soll - um das wissenschaftliche Vorgehen von Marx zu "erklären". Und da Marx an den von ihm kritisierten Ökonomen zeigen kann, daß ihnen die kapitalistische Produktionsweise nicht als eine be- stimmte, von anderen unterschiedene kenntlich wird, sondern zu einer quasinatürlichen, überhistorischen Gesellschaftsform er- klärt wird, glauben "Marxisten" den Garanten für eine richtige wissenschaftliche Betrachtung der kapitalistischen Gesellschaft entdeckt zu haben: man nimmt die der Analyse von Marx ent- sprungene Aussage über den historischen Charakter des Kapitalis- mus für einen S t a n d p u n k t, den er vor seiner Erkennt- nistätigkeit eingenommen hat und fixiert den Fehler bürgerlicher Ökonomie (der Wissenschaft) als "ahistorischen Standpunkt" (3). Die Frage nach der Herkunft der historischen "Betrachtungsweise", nach ihrer Begründung als der wissenschaftlichen gegenüber der "ahistorischen" Ideologie wird meist recht seltsam beantwortet - nur nicht mit dem einzig richtigen Argument, daß wirkliche Wis- senschaft eben zu der Erkenntnis von der Aufhebung des Kapital- verhältnisses gelangt (4); stattdessen dreht man das Verhältnis von Kapitalbegriff und Geschichte, wie es bei Marx eindeutig for- muliert ist (5), einfach um. Nicht das begriffene Kapitalverhält- nis erklärt dann die geschichtlichen Prozesse als seine Heraus- bildung, sondern historische Fakten sollen den Bau der kapitali- stischen Gesellschaft deuten. Diese Verdrehung, auf der die Phrase von Geschichtslehrern be- ruht, man müsse, um die Gegenwart zu verstehen, Geschichte trei- ben, kann sich auf die falsche Kapitalrezeption von Lenin stützen (6); er faßt die Abfolge der Argumentation des Marxschen Werkes als Darstellung von historischen Stadien, welche die kapitalisti- sche Gesellschaft durchlaufen hat, was zu den von Revisionisten aller Schattierungen zitierten Fehldeutungen der kapitalistischen Entwicklung im 20. Jahrhundert führt: die Durchsetzung des Kapi- talverhältnisses, die Überwindung von Schranken, die aus überkom- menen Gesellschaftsformationen der Bewegung des Kapitals entge- genstehen, deutet er als Veränderung des Kapitalismus, seiner Ge- setzmäßigkeiten selbst (7). Die Darstellung des Begriffs der ka- pitalistischen Produktionsweise ist aber nicht mit der ihrer ge- schichtlichen Herausbildung identisch. Ein derartiges Verständnis des Marxschen Werkes übersieht, daß der Endpunkt der bisherigen Geschichte als Kapitalverhältnis begriffen sein muß, damit sich vorkapitalistische Prozesse als d e s s e n Genesis fassen las- sen. Wenn der erkannte Kapitalismus auf seine historischen Vor- aussetzungen verweist, so heißt das noch lange nicht, daß die Be- trachtung dieser Voraussetzungen umgekehrt die Gesetze der bür- gerlichen Ökonomie enthüllt. Daß Begriff und Geschichte des Kapitals nicht ohne weiteres iden- tisch sind, drängt sich auch denen auf, die sich um die "Methode" von Marx bemühen, ohne seine Aussagen und ihren Zusammenhang im Kapital selbst zu verfolgen. Aus verstreuten Aussagen von Marx, die in der Literatur zum Kapital ausgiebig zitiert werden, weiß man, daß die Reihenfolge der von Marx behandelten Kategorien "bestimmt (ist) durch die Beziehung, die sie in der modernen bür- gerlichen Gesellschaft aufeinander haben, und die genau die umge- kehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe ihrer historischen Entwicklung entspricht" (8). Statt nun solche Bemerkungen ernstzunehmen und am Material der Kritik der Politischen Ökonomie zu prüfen, in welchem Verhältnis die Ausfüh- rungen über Geschichte zur begrifflichen Entwicklung der Katego- rien stehen, versucht man wiederum a priori eine "Marxsche Me- thode" allein aus dem oberflächlich konstatierten Nebeneinander von Begriffsbestimmung und Aussage über die Durchsetzungsweise einer Kategorie zu konstruieren - doch die klangvollen Namen wie "logisch-historisch", "strukturell-genetisch" usw. können nicht darüber hinwegtäuschen, daß man nicht mehr weiß, als daß im "Kapital" zwei Ebenen von Aussagen voneinander zu unterscheiden sind: das bestimmte Verhältnis zwischen ihnen fordert zu seiner Erklärung mehr als einen Bindestrich und Spekulationen darüber, wie stark Hegel, Engels und Marx die Identität von "logischer und historischer Entwicklung" betonen. Nicht besser steht es um die "Problematisierung" der Beziehung zwischen "Logik" und "Empirie", die in neueren Papieren und Broschüren modisch geworden ist. Sie zehrt von der Vermischung zweier Fragestellungen, die sich durch die aufgezeigte Verschiebung des Gegenstandes in methodischen Vordiskussionen ergibt: Die Differenz zwischen den Formbestimmun- gen, die Marx im Kapital systematisch darstellt und den aus ihnen sich ergebenden Charakteren des Handelns in der Konkurrenz ist eine Schwierigkeit, die man klären möchte - das Verhältnis von Begriff und Realität, die Frage "Was ist Wissenschaft?" also, die andere. So wenig nun etwas dagegen einzuwenden ist, das wissen- schaftliche Denken selbst wissenschaftlich zu untersuchen, gilt es doch den Unsinn herauszustellen, der darin liegt, das R e s u l t a t der Marxschen Erkenntnis mit Hilfe von Reflexio- nen über Erkenntnis besser verstehen oder erklären zu wollen. Der Zusammenhang der im Kapital gegebenen Kategorien (Ware, Kapital, Mehrwert, Profit etc.) mit den Formen der Konkurrenz (oder wie Marx sich des öfteren ausdrückt, der "Oberfläche") ist Gegenstand von durchgeführter Wissenschaft - eben der Politischen Ökonomie. Wer ihn klären will, treibt diese Wissenschaft und nicht Erkennt- nistheorie. Und wer Erkenntnistheorie treibt, wird über das Ver- hältnis von Kapital und Oberfläche sicher nichts herausbekommen. Das Durcheinanderwerfen beider Gegenstände - ein Hauptmangel al- ler der Erarbeitung Marxscher Erkenntnisse über den Kapitalismus vorgelagerten Raisonnements - bildet auch die Grundlage für die absonderliche Suche nach Rechtfertigung dessen, was Marx jeweils tut, wenn er eine ökonomische Kategorie, den Umgang der Menschen mit ihr oder ihre historische Herausbildung behandelt. Nicht mehr aus den in seinem Werk enthaltenen Argumenten soll sich ersehen lassen, weshalb er in dieser oder jener Weise fortfährt, sondern aus zusätzlichen, externen Reflexionen des Lesers. Gerade dort, wo vorgeblich der wissenschaftliche Charakter des Marxschen Wer- kes gründlich ernst genommen wird, verfällt man in ein für die bürgerliche Erkenntnistheorie charakteristisches Verfahren und nimmt die durchgeführte Wissenschaft von der kapitalistischen Produktionsweise als Anwendung von Prinzipien, Regeln "des dia- lektischen Materialismus", die weiß der Herr woher genommen sind. Wenn das Kapital Wissenschaft ist, lassen sich aus ihm auch die Bestimmungen von Wissenschaft erkennen - aber eben a u s i h m: nichts ist dagegen unwissenschaftlicher als die Argumentations- schritte im "Kapital" woanders her erklären zu wollen als aus ihm selbst. Am offenkundigsten wird dies bei den üblichen Anstrengun- gen, den Anfang des Kapitals zu begründen, Anstrengungen, die meist einer Parallelisierung mit der Hegelschen Logik resp. Enzy- klopädie entspringen. Unbeschadet der offenkundigen Differenz zwischen "Logik" und "Reichtum der Gesellschaften" wird versucht, mit Hilfe der Fragestellung in der Logik die Berechtigung dafür darzulegen, daß Marx mit der Ware und nicht mit den Produktions- faktoren, der Zahnpasta oder dem "Wirtschaften der Menschen" an- fängt. Schon ein erster Vergleich des "Kapital" mit den Problemen der Logik, wie sie Hegel in seinen Vorbemerkungen darstellt - seine Vorbemerkungen dienen im übrigen wie diese Einleitung dazu, falsche Fragestellungen zu kritisieren und den Leser daran zu hindern, vor dem Kennenlernen der Wissenschaft (in unserem Fall der Wissenschaft von der Politischen Ökonomie) über diese Be- scheid wissen zu wollen - mit der Überschrift des ersten Kapitels müßte zeigen, daß die Ware mit dem "unbestimmten Unmittelbaren" etwa so viel zu tun hat wie der Saturn mit den Butterpreisen. Das heißt indes nicht, daß im Anfang des "Kapital" keinerlei Hinweis auf den Charakter des Werkes enthalten wäre. Wenn Marx sagt: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Pro- duktionsweise herrscht, erscheint als eine "ungeheure Warensamm- lung", die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersu- chung beginnt daher mit der Analyse der Ware." (MEW 23/49) so bezeichnet er nicht nur den Gegenstand seiner Theorie, sondern bringt auch zum Ausdruck, daß er in seiner wissenschaftlichen Tä- tigkeit zu einem Resultat gelangt ist. Die verschiedenen Formen des Reichtums (Waren, Geld, Aktien, Grundstücke) stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander, das er begriffen hat und im "Kapital" zur Darstellung bringen will. Der Anfang mit der Ele- mentarform ist eine Konsequenz, die Marx aus seinem Studium der politischen Ökonomie gezogen hat und die deshalb auch nur durch das Studium dieser Wissenschaft verstanden werden kann. Über die Richtigkeit der Aussage, die Ware sei Elementarform, ohne den Einstieg in die ausgeführte Wissenschaft entscheiden zu wollen, wäre müßig. Wenn die Ware Elementarform ist, dann muß sich aus ihren Bestimmungen ihr Verhältnis zu den übrigen Formen des Reichtums erschließen lassen. Diese werden damit aber auch nicht als etwas vorgestellt, was es auch noch gibt, sondern als notwen- dige Folge der Ware, denen als dem logischen Produkt der Warenbe- stimmungen also auch objektive Existenz in einer Gesellschaft zu- kommt, in welcher der Reichtum als eine Warensammlung erscheint. Mit seinem Hinweis auf den Grund des Anfangs mit der Ware deutet Marx an, daß er in die Weise seiner Darstellung die Kenntnis des Zusammenhangs in der kapitalistischen Produktionsweise aufgenom- men hat und s y s t e m a t i s c h vorgeht (9). In der Verfol- gung des notwendigen Zusammenhangs der ökonomischen Kategorien wird sich dann auch der Stellenwert jener Ausführungen klären lassen, die als "Empirisches" und "Historisches" rubrifiziert und meist in falscher Weise als entweder zum eigentlichen Gang der Argumentation gehörig oder ihm äußerliche, überflüssige Zutat ab- gestempelt werden. _____ 1) Vgl. hierzu den Artikel "Wissenschaft und Teleologie" in Heft 2 2) Dies gilt auch für die durchaus ernst zu nehmenden Arbeiten von Zeleny, Reichelt, A. Schmidt, Iljkov u.a. 3) Dgl. findet sich bei Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, bei Zeleny, Die Wissenschaftslogik bei Marx und das "Kapital", passim. 4) Die blödsinnigste Antwort besteht in dem monstrosen Schluß, daß der Kapitalismus vergänglich sei, w e i l e r R e s u l- t a t v o n G e s c h i c h t e i s t. 5) "Es ist daher nicht nötig, um die Gesetze der bürgerlichen Ökonomie zu entwickeln, die wirkliche Geschichte der Produktions- verhältnisse zu schreiben." (GR/364) 6) Vgl. Lenin, Karl Marx, WW 21; Drei Quellen und Bestandteile des Marxismus, WW 19 7) Vgl. Lenin. Der Imperialismus..., WW 22 8) Vgl. Einleitung zu den Grundrissen. S. 28 9) Dies heißt wiederum nicht, daß Wissenschaft nur dort gegeben sei, wo sie systematisch vorgetragen wird, oder daß objektive Er- kenntnis nur dann vorliege, wenn der jeweilige Gegenstand im Zu- sammenhang einer Ableitung aus der Elementarform steht. Freilich wird wirkliche Wissenschaft in der Erkenntnis ihres Gegenstandes auf dessen Voraussetzungen stoßen und etwa aus der Erklärung des Zinses zum Kapital, Mehrwert etc. gelangen und den Punkt er- reichen, an dem sie einer systematischen Darstellung fähig ist. Erster Abschnitt: Ware und Geld ------------------------------- 1. Kapitel ---------- Die Ware -------- 1. Die einleitende Bemerkung kennzeichnet als den Gegenstand des "Kapital" eine b e s t i m m t e Gesellschaft deren erstes Cha- rakteristikum darin liegt daß die einzelne Ware die Elementarform ihres Reichtums darstellt (1). Diese ist z u n ä c h s t "ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt" (MEW 23/49). Der erste "Faktor" der Ware, ihr Gebrauchswert, besteht in ihrer Beziehung auf den Menschen mit seinen Bedürfnissen, in einem Ver- hältnis, in das sie zum Menschen tritt: "Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert" (MEW 23/50). Das Nützlichkeitsverhältnis, das die Ware als Gebrauchswert cha- rakterisiert, hat an der Ware selbst seine objektive Vorausset- zung: "Aber diese Nützlichkeit schwebt nicht in der Luft. Durch die Ei- genschaften des Warenkörpers bedingt, existiert sie nicht ohne denselben" (MEW 23/50) (2). Objektiv, unabhängig von ihrer Beziehung auf das menschliche Be- dürfnis, reduziert sich der erste Faktor der Ware auf die Bestim- mung eines natürlichen Gegenstandes. Damit ist auch klargestellt, daß Gebrauchswert zu sein, kein Spe- zifikum der kapitalistischen Ökonomie darstellt. Als erste Be- stimmung der Ware ist er festzuhalten - ihre Eigentümlichkeit aber liegt nicht in ihm: "Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, wel- ches immer seine gesellschaftliche Form sei." (MEW 23/50) Und die Untersuchung der Waren nach ihren nützlichen Eigenschaf- ten gibt auch keinen Aufschluß über das Wesentliche der Elemen- tarform "Ware", sie fällt als Naturwissenschaft, die damit befaßt ist, "die Gebrauchsweisen der Dinge zu entdecken", außerhalb der ökonomischen Wissenschaft: "Die Gebrauchswerte der Waren liefern das Material einer eigenen Disziplin, der Warenkunde." (MEW 23/50) (3) Insofern, als die Elementarform des kapitalistischen Reichtums Gebrauchswert ist, andererseits gleichgültig bleibt gegen die be- stimmten Eigenschaften der Warenkörper und ihre spezifische Nütz- lichkeit, läßt sich aus den Aussagen über den G e b r a u c h s- w e r t d e r W a r e ein erstes allgemeines Charakteristikum der bürgerlichen Ökonomie erschließen: sie stellt ein Verhältnis der Gesellschaft zur Natur vor, dessen Eigengarten sich nicht aus der qualitativen und quantitativen Bestimmtheit der Natur als Gegenstand menschlicher Bedürfnisse ableiten. Diese Gesellschaft unterstellt die die Natur als Objekt des Nutzens, läßt sich aber von deren Beschaffenheit nicht ihre ökonomischen Gesetze vorschreiben. In der Gleichgültigkeit der Elementarform gegen die Besonderheiten der Gebrauchseigenschaften, die sie voraussetzt, drückt sich die Unterwerfung der Natur durch die kapitalistische Gesellschaft aus. So verwundert es auch nicht, daß die spezifisch gesellschaftliche Bestimmung der Elementarform über ein Verhältnis, in das Gebrauchswerte treten, eingeführt wird. Vom Gegenstand menschlichen Bedürfnisses, als der die Ware zunächst figuriert, kann es keinen Übergang zur bestimmten gesellschaftlichen Form geben, in der sich die Menschen der Natur bemächtigen. "Der Tauschwert erscheint zunächst als das quantitative Verhält- nis, die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ..." (MEW 23/50) Indem sich die beiden Arten von Gebrauchswerten in bestimmter Quantität gegenübertreten, fungieren sie als spezifizierende Mo- mente eines Maßverhältnisses füreinander. Das Austauschverhältnis beruht selbst nicht auf der Qualität der Gebrauchswerte, die es zu seiner Voraussetzung hat, sondern auf deren quantitativem Vor- handensein (4). Daß sich der eine Gebrauchswert zum andern als seinem Maß verhält, hat mit seiner natürlichen Beschaffenheit und dem Bedürfnis, das er befriedigt, ebensowenig zu schaffen, wie die bestimmte Proportion, in der dies geschieht. Der Tauschwert erscheint als "... ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt" (MEW 23/50) und muß deshalb als gegen das einzelne, bestimmte Verhältnis gleichgültig begriffen werden. Dessen Relativität und Zufällig- keit s c h e i n t dem Tauschwert als solchem eigentümlich - ".... ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert also eine contradictio in adiecto" (MEW 23/51) - i s t es aber nicht. Die Reihe von Austauschverhältnissen, die die Gleichgültigkeit des Tauschwerts gegen das einzelne Verhält- nis dokumentiert, läßt auch erkennen, daß der Tauschwert, das Verhältnis, in das eine Art von Gebrauchswerten zur anderen tritt, auf einer objektiven Bestimmung der Warenkörper beruht. auf einer allgemeinen Eigenschaft, die sie befähigt, als Tausch- wert zu erscheinen (5) "Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches aus. Zweitens aber: der Tauschwert kann überhaupt nur die Aus- drucksweise, die "Erscheinungsform", eines von ihm unterscheidba- ren Gehalts sein." (MEW 23/51) So richtig die Feststellung ist, daß das Maßverhältnis, welches zwei Arten von Gebrauchswerten eingehen, nicht aus ihrer Beson- derheit als Gebrauchswerte, aus ihren natürlichen Eigenschaften bestimmbar ist, so falsch ist die Folgerung, der Tauschwert habe nichts mit den Sachen zu tun die in diesem Verhältnis als Maße füreinander wirken. Im Gegenteil: Ihre G l e i c h s e t z u n g nötigt zu dem Schluß, daß es sich bei ihnen nicht um bloße Ge- brauchswerte handelt: "Daß ein Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiednen Dingen existiert, in 1 Quarter Weizen und ebenfalls in a Ztr. Ei- sen. Beide sind also gleich einem Dritten, das an und für sich weder das eine noch das andre ist. Jedes der beiden, soweit es Tauschwert, muß also auf dies Dritte reduzierbar sein." (MEW 23/51) (6) Beide Seiten des Austauschverhältnisses müssen das Maß, welches im Tauschwert erscheint, bereits in sich tragen. Gebrauchswerte, die als Äquivalente auftreten, zeigen, daß ihnen eine identische Qualität objektiv zukommt, und daß sie diese Qualität im Tausch- wert darstellen. "Dies Gemeinsame kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Waren sein. Ihre körperlichen Eigenschaften kommen überhaupt nur in Betracht, soweit selbe sie nutzbar machen, also zu Gebrauchswerten. Andrer- seits aber ist es gerade die Abstraktion von ihren Gebrauchswer- ten, was das Austauschverhältnis der Waren augenscheinlich cha- rakterisiert. Innerhalb desselben gilt ein Gebrauchswert gerade so viel wie jeder andre, wenn er nur in gehöriger Proportion vor- handen ist." (MEW 23/51 f.) (7) Die Bestimmtheit des "gemeinsamen Dritten" das Marx in der 1. Auflage sogleich Wert nennt (8), der Einheit, als deren Darstel- lung die Waren qualitativ gleich und quantitativ verschieden sind ist aus ihrer Erscheinungsform im Austauschverhältnis zu er- schließen. Die als Maße für einander fungierenden Gebrauchswerte müssen Qualitäten, die als Grundlage für die Gleichsetzung aus- scheiden, noch eine nicht-natürliche Eigenschaft besitzen (9), eine Eigenschaft, die sie zu Waren macht. Als ihre o b j e k t i v e Eigenschaft kommt sie den Warenkörpern a l s n a t ü r l i c h b e s t i m m t e n Gegenständen zugleich n i c h t zu. Im Wertsein ist somit die unmittelbare Objektivi- tät des Warenkörpers negiert; was in der F o r m einer gegen- ständlichen Eigenschaft an ihm existiert, ist seinem I n h a l t nach etwas Nicht-Gegenständliches. Durch ihre zweite, aus dem Austauschverhältnis erschlossene Bestimmung, durch ihre Wert-Ge- genständlichkeit charakterisiert sich die Ware als dingliches Re- sultat eines P r o z e s s e s (10) - sie ist Resultat einer Vermittlung, in welcher natürliche und gesellschaftliche Tätig- keit in Einheit sind. Sie ist A r b e i t s p r o d u k t: "Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten." (MEW 23/52) Insofern die Waren als Werte, Produkte menschlicher Arbeit, gleich sind - als Tauschwerte zeigen sie diese ihre Identität -, sind auch die ihr Dasein vermittelnden Arbeiten gleich: "Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiednen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind alle- samt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschli- che Arbeit." (MEW 23/52) (11) Der Inhalt der Wertbestimmung führt uns hier zu einer Charakteri- sierung der die Waren hervorbringenden Tätigkeit. Da die im Aus- tauschverhältnis erscheinenden Gebrauchswerte verschiedner Natur sind, entspringen sie selbstverständlich auch unterschiednen Ar- beitsprozessen (12). Ihre Gleichheit aber als Werte kennzeichnet sie als Produkte "unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Ver- ausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produk- tion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit auf- gehäuft ist." (MEW 23/52) (13) Und da ihre Funktion als Maße füreinander auf ihrem Wertsein be- ruht, ist mit der Bestimmung der Wertsubstanz auch das den Waren immanente Maß gefunden, das sie im Verhältnis zueinander ausdrüc- ken; die Größe des Werts wird gemessen "Durch das Quantum der in ihm enthaltenen wertbildenden Substanz" (MEW 23/53) Diese Substanz, g l e i c h e menschliche Arbeit, wird als Be- wegung an der Zeit gemessen - alle anderen, auf die Besonderheit der jeweiligen Arbeit und auf die Individualität des Arbeitenden zurückgehenden qualitativen Maßbestimmungen stünden im Wider- spruch zur Gleichheit der Arbeiten (14). Sind die Waren als Tauschwerte nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit, mithin Darstellung derselben Einheit, die sie in gewisser Größe vorstel- len, kann auch die von der Individualität des Arbeiters abhängige Dauer seiner Tätigkeit, die dieser für die Fertigung seines Pro- dukts benötigt, nicht dessen Wert messen. Seine Arbeit charakte- risiert sich durch die Gleichsetzung mit andrer Arbeit ebenso wie diese als Teil der Einheit (15), die alle Arbeiten zusammen- schließt. Die einzelnen Arbeiten sind Teilquanta der gesell- schaftlichen Gesamtarbeit: "Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen in- dividuellen Arbeitskräften besteht" (MEW 23/53) Die Differenzen an den individuellen Arbeiten vorausgesetzt, fun- gieren sie dennoch nicht durch ihre Besonderheit als immanentes Maß der Warenwerte, sondern insofern, als sie Teile derselben Einheit repräsentieren. Sie gelten als wertbildend und die Größe des Werts bestimmend nach der d u r c h s c h n i t t- l i c h e n Dauer, die zur Herstellung eines Produkts verwandt wird: "Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer ge- sellschaftlichen Durchschnitt-Arbeitskraft besitzt und als solche gesellschaftliche Durchschnittsarbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht" (MEW 23/53) (16) So erweist sich die bestimmmte Wertgröße einer Ware als abhängig von den jeweils in einer Gesellschaft vorhandenen Produktionsbe- dingungen, vom allgemeinen Entwicklungsstand der Produktivkraft (17): "Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände be- stimmt, unter anderem durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel, und durch Naturverhältnisse" (MEW 23/54) (18) und "Die Wertgröße einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktivkraft der sich in ihr verwirkli- chenden Arbeit" (MEW 23/55) Bevor wir zum Doppelcharakter der Arbeit, der sich aus der Klä- rung dessen, was Wert als den Waren immanente Einheit darstellt, erschließen ließ, fortgehen, sollen noch einige modische Mißver- ständnisse des 1. Abschnitts der Warenanalyse beleuchtet werden. a) Die "Projektgruppe zur Kritik der Politischen Ökonomie" hat sich in ihrer Broschüre "Zur Logik des Kapitals", die inzwischen beim VSA (Bischoff-Gruppe) in 2. Auflage erschienen ist, um die konsequenteste Durchführung der in unserer Einleitung charakteri- sierten Umgehensweisen mit dem Kapital verdient gemacht. Ihre Vermischung aller Fragestellungen, die sich bestenfalls n a c h der Kenntnisnahme des Kapital klären lassen, mit dem Nachvollzug der Marxschen Argumentation, läßt letztere völlig baden gehen. Unter der Überschrift "Logik und Empirie" wird da die tiefgrün- dige Frage "Die Natur der Begriffe, die der Forschungsgang her- vorbrachte, ist näher zu untersuchen. Wie verhalten sie sich zur empirischen Realität? " mit Marx-Zitaten zum Verhältnis von Kapi- tal und Oberfläche (Konkurrenz) "beantwortet", was in der Kommen- tierung des "Kapital" als Etikettierung von Gegenständen, die Marx behandelt, mit "empirisch" und "begrifflich" wiederkehrt; an Stellen wie diesen: "Aus der Analyse des empirischen Tauschvor- gangs haben wir den Wert lediglich als gesellschaftliche Qualität bestimmt, die allen Waren einheitlich zukommt ..." "Im "Kapital" bleibt Marx bei dieser leeren und dürftigen Aussage nicht stehen, sondern untersucht den empirischen Entstehungsprozeß der Waren, um ihre gesellschaftliche, der Formbestimmung nach abstrakt-all- gemeine Wertqualität näher zu kennzeichnen ..." wird deutlich, daß die Autoren weder über Wissenschaft noch über die Natur des Werts Bescheid wissen. Die Formen, die ein Gegenstand im Prozeß der Erkenntnis annimmt, verwechseln sie mit durchaus verschie- denen Gegenständen, und da sie den Schluß auf die Inhaltsbestim- mung des Werts nicht verstanden haben dichten sie Marx einfach ein unwissenschaftliches Vorgehen an. Statt auf dem im Austausch- verhältnis enthaltenen Widerspruch die Bestimmung des Warenwerts gefolgert zu haben, soll er auf die Untersuchung des Entstehungs- prozesses der Waren verfallen sein, dem im übrigen noch das At- tribut "empirisch" zukommt! Marx untersucht aber gar keinen Ar- beitsprozeß, sondern schließt aus der objektiven Existenz einer n i c h t - g e g e n s t ä n d l i c h e n Eigenschaft a n d e n W a r e n k ö r p e r n, aus einem Widerspruch, der der Klärung bedarf also, daß die Waren die Bestimmung einer Vermitt- lung an sich haben, durch die sie hindurchgegangen sind. Und die Art dieser ihr Dasein vermittelnden Tätigkeit ergibt sich n o t w e n d i g aus den zuvor aufgenommenen Bestimmungen der Waren als sich wechselseitig messende Gebrauchswertquanta. Für die Projektgruppe dagegen veranstaltet Marx einen wahren Hokus- pokus. Er "wendet ... dieselbe Abstraktion, die bei der Be- trachtung des Tausches zum Wert geführt hat, auf die Arbeit an und erhält so die abstrakte Arbeit als ebenso bestimmt wie der Wert "als Gleichheit aller Verschiedenheiten" - fürwahr ein starkes Stück: es liegt gar keine wissenschaftliche Erkenntnis vor, die aus der Ware den Doppelcharakter der Arbeit, die tatsächlich vorgehende Abstraktion entdeckt, sondern der lustige Einfall von Marx, ein bereits praktiziertes Verfahren - wohl weil's so schön war - nochmals "anzuwenden". Statt nun aber Marx ob solch subjektivistischer Vergehen fallenzulassen, preist man ihn dafür. Seine "Reflexion auf den empirischen Konstitutions- prozeß der Waren" vermittelt nämlich einen ziemlich einmaligen "Übergang" von einem Gegenstand zu einer Theorie (!), "von der Bestimmung des Werts als der abstrakt-allgemeinen identischen Qualität der Warenwelt zur Arbeitswerttheorie". Und solches ist notwendig - zwar nicht für die Entwicklung im "Kapital" ("an keinem Punkt innerhalb dieser Entwicklung ist das Argument der Konstitution des Werts durch menschliche Arbeit notwendig"), aber für die Durchbrechung des "idealistischen Scheins der Logik des Kapitals", den freilich erst die "Projektgruppe" erfunden hat. Die Kategorien des "Kapital" sind nicht mehr die bestimmten, hi- storischen Formen, in denen sich der Reproduktionsprozeß der ka- pitalistischen Gesellschaft abspielt, sondern als "Logik des Ka- pitals" eine einzige Barriere für die Erkenntnis der kapitalisti- schen Realität: "Ihr spezifisch historischer Charakter, ihre tatsächliche Produziertheit aus bestimmten Strukturen (?) des "wirklichen Lebensprozesses" der Menschen selbst, die Konstitu- tion der abstrakten Logik des Kapitals aus konkreten empirischen Voraussetzungen, kann aus ihr selbst heraus nicht begriffen wer- den". Eben diese Unmöglichkeit des "Begreifens" von etwas Unbe- greiflichem hat nun Marx aber vollbracht: "Erst wenn die wissen- schaftliche Theorie die Waren als Arbeitsprodukte, den Wert, das Abstrakt-Allgemeine, als durch menschliche Arbeit hervorgebracht begreift" - durch einen unwissenschaftlichen Sprung in die Empi- rie, was immer das sei "kann der idealistische Schein der Logik des Kapitals durchbrochen und ihr wirkliches Konstitutionsprinzip verstanden werden." Zu wünschen bleibt, daß sich die "Projekt- gruppe" entweder auf das Studium dessen, was im "Kapital" steht, besinnt - statt in ihm einen Beleg für die unbegriffenen Zusam- menfassungen Marxscher Idealismuskritik zu suchen - oder sich auflöst. b) Auch Marx-Widerleger Becker hat sich über den Zusammenhang von Wert und Arbeit seine Gedanken gemacht; er überlegt sich, ob die S c h l ü s s e von Marx mit seinen V o r s t e l l u n g e n vereinbar sind: "Die These von der Reduzierbarkeit der Arbeits- qualität auf ihre Quantität" - hier bestätigt sich der Verdacht des Analphabetismus - "bezieht ihre Plausibilität" (was bezieht eine These? Sie bezieht Plausibilität. Der gute Philosophiepro- fessor bezieht Revenue mit solchen Offenbarungen) "zweifellos aus dem historisch-gesellschaftlichen Faktum, daß die maschinellen Bedingungen der neuzeitlichen industriellen Produktion zu einer solchen Entqualifizierung tendieren" (S. 44). "Eine solche Gleichförmigkeit ist nur bei total technisierter und in einem Ausmaß vollautomatisierter Produktionsweise gegeben, wie man es sich selbst in unserer Gegenwart noch nicht als realisierbar vor- stellen kann" (S. 44 f.). Er sollte sich zum Zweck der "Reflexion des empirischen Entstehungsprozesses der Waren" mit der "Projektgruppe" zusammenschließen, um die "Arbeitswertlehre", eine wissenschaftliche Theorie, das Resultat eines Gedankenganges durch Fabrikbesichtigungen einer Klärung zuzuführen. Leider hat der in der bürgerlich-wissenschaftlichen Öffentlichkeit so gefei- erte Marx-Kritiker aber schon resigniert. Verschämt gesteht er seine Hilflosigkeit ein, die ihn angesichts einer Wissenschaft befällt, die wirklich eine ist und nicht nur Vorstellungen eines Werkeltagsphilosophen reproduziert: "... der Marxsche Wissen- schaftsbegriff zeigt von Anfang an Elemente, die es nicht gestat- ten, ihn mit dem der empirischen Wissenschaften neuzeitlicher Prägung ineinszusetzen" (S. 48). Fürwahr! c) Die bürgerliche Ökonomie pflegt die Identität, welche den Gü- tern als "Werten" zukommt und sie gleichsetzbar macht, als N u t z e n zu fassen. Stellvertretend für ein Heer von Natio- nalökonomen sei hier Menger zitiert: "Der Güterwert ist in der Beziehung der Güter zu unseren Bedürfnissen begründet, nicht in den Gütern selbst: Mit dem Wechsel dieses Verhältnisses muß auch der Wert entstehen oder vergehen ... Der "Gebrauchswert" sowohl als der "Tauschwert" sind ... in Wahrheit nur besondre Formen der einen generellen Erscheinung des "Wertes", jener oben dargelegten subjektiven Bedeutung, welche Güter für unser Leben und unsere Wohlfahrt haben." (Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, S. 108 f.) Die zahlreichen Modifikati- önchen der "subjektiven Wertlehre", denen die aus der Verglei- chung verschiedener Nutzen erschwindelte Grenznutzentheorie die Frage des Wertmaßes lösen soll, laufen auf die Leugnung der Ob- jektivität einer Gleichsetzung und damit tatsächlich an den Waren gegebenen Einheit hinaus. Aus der Stellung der am Austauschprozeß beteiligten Subjekte zu den ins Verhältnis gesetzten Gegenständen statt aus der Analyse des Verhältnisses selbst bezogen, werden die Behauptungen dieser Theorien gewöhnlich gar nicht aus dem Tauschwert "erschlossen", sondern sogleich über die Stellung des bedürftigen Menschen zu verschiedenen Gütern, die nach ihrer Nützlichkeit verglichen werden, eingeführt. Die Indifferenzkur- ven, an bessere Wissenschaft erinnernde geometrische Darstellun- gen, können die Zirkularität der Erklärungen jedoch nicht verber- gen: sie sind Buidln, Illustrationen der Vulgärwissenschaft, die das Verhältnis, in das Waren zueinander treten, in ein Verhältnis der Menschen zu den Gütern verwandelt, also übersieht, daß im Austauschverhältnis der Waren "alle Rücksicht auf ihre natürli- chen Eigenschaften als Gebrauchswerte und daher auf das Verhält- nis der Waren zu besondern Bedürfnissen ausgelöscht ist" (MEW 13/30). Was würde man wohl von einem Naturwissenschaftler halten, der die Gesetze von Verhältnissen, die zwischen Naturkörpern be- stehen, in die Bedeutung, die sie für den Menschen haben, auf- löst? 2. Die Ausführungen zum Doppelcharakter der in den Waren darge- stellten Arbeit fassen Konsequenzen zusammen, die sich aus dem Inhalt der Wertbestimmung ergeben: die Tätigkeit, die Waren zu ihrem Resultat hat, ist selbst zwieschlächtiger Natur: "Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis be- friedigt. Um ihn hervorzubringen, bedarf es einer bestimmten Art produktiver Tätigkeit" (MEW 23/56) Als solche Tätigkeit, deren Zweck in der Herstellung eines nütz- lichen Gegenstandes liegt, wirkt sie entsprechend dem Zweck auf ein "materielles Substrat, das ohne Zutun des Menschen von Natur vorhanden ist" (MEW 23/57) unter Verwendung gemäßer Mittel ein: "Sie ist bestimmt durch ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat" (MEW 23/56) Derselbe Rock charakterisiert sich im Austauschverhältnis mit Ge- brauchswerten anderer Art als Wert, somit als Resultat von Ar- beit, die keinerlei Differenz zur produktiven Tätigkeit aufweist, die andere Gebrauchswerte hervorbringt: "Als Werte sind Rock und Leinwand Dinge von gleicher Sub- stanz, objektive Ausdrücke gleichartiger Arbeit" (MEW 23/58) Die Gleichheit der verschiedenen Arbeiten unterstellt eine ihnen gemeinsame Qualität, eine Eigenschaft, die ihnen allen zukommt, sofern - wie es die vollzogene Gleichsetzung der Ware ausdrückt - von ihren Besonderheiten abstrahiert wird. Die doppelt bestimmte Arbeit muß die praktizierte Abstraktion von ihrer Besonderheit sein; als solche zeichnet sie sich durch ihren Zweck, Operations- weise, Gegenstand, Mittel, Resultat aus und vollzieht sich zugleich getrennt, in Abstraktion von dieser ihrer Bestimmtheit. Was als positive Bestimmung der abstrakten Arbeit bleibt, ist "daß sie eine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist ..., produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw." (MEW 23/58) "Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn" (MEW 23/61) Damit ist ausgesprochen, daß die warenproduzierende Arbeit, wie- wohl auf Gegenstände des menschlichen Bedürfnisses gerichtete zweckmäßige Tätigkeit, insofern als Einheit von natürlichem und geistigem Prozeß bestimmt, in einer Weise verrichtet wird, die sie zur bloßen Betätigung der Naturkraft des Menschen macht. Noch vor der Kenntnisnahme der Eigenarten kapitalistischer Produktion - zunächst ist immer noch die W a r e Gegenstand der Untersu- chung - zeigt uns die positive Bestimmung der abstrakt-allgemei- nen Arbeit, was es heißt, warenproduzierende Arbeit zu verrich- ten. Sie ist nicht Betätigung der Individualität des Arbeitenden, sondern Verausgabung seiner Körperkräfte, Reduktion seiner Tätig- keit auf die Funktionen seiner Leiblichkeit. "Der Wert der Ware aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt. Wie nun in der bürgerlichen Gesellschaft ein General oder Bankier eine große, der Mensch schlechthin dagegen eine sehr schäbige Rolle spielt, so steht es auch hier mit der menschlichen Arbeit. Sie ist Ver- ausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder ge- wöhnliche Mensch, ohne besondre Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt." (MEW 23/59) Alle Arbeiten gelten also - ohne Ansehen ihrer Kompliziertheit - als diesselben einfachen Arbeiten: die Gleichsetzung der Produkte als Tauschwerte zeigt dies schlagend. Wenn sich diese als Werte gleich sind, dann kann auch die Besonderheit der Arbeiten, die mit ihrer verschiednen Kompliziertheit gegeben ist, nicht rele- vant "worin verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maß- einheit reduziert sind", (MEW 23/59) machen deutlich, d a ß die Reduktion stattfindet, die näheren Umstände, wie die verschiedene Kompliziertheit konkreter Arbeiten auf die Größe des Tauschwerts einwirkt, aber in die Behandlung der Konkurrenz gehören (19). Aus dem Doppelcharakter der Arbeit, dem Springpunkt, "um den Sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht" (MEW 23/56), wird schließlich auch deutlich, welches gesellschaftliche Verhältnis der Individuen zueinander in der Elementarform des Reichtums ein- gehüllt ist. Die Waren treten sich im Austauschverhältnis als verschiedne Gebrauchswerte, also auch als Produkte besondrer Ar- beiten gegenüber, zeigen aber in ihrer Wertgegenständlichkeit daß sie Teile einer Einheit darstellen, daß die besonderen Arbeiten also Glieder eines gesellschaftlichen Zusammenhangs von Arbeiten sind: "In der Gesamtheit der verschiedenartigen Gebrauchswerte oder Wa- renkörper erscheint eine Gesamtheit ebenso mannigfaltiger, nach Gattung, Art, Familie, Unterart, Varietät verschiedner nützlicher Arbeiten - eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit." (MEW 23/56) (20) Doch machen die Waren ihre Zugehörigkeit zu einem gesellschaftli- chen System der Bedürfnisse und die besonderen Arbeiten ihren Charakter als Teiltätigkeit eines Zusammenhangs von Arbeiten eben nur in ihrer Wertegegenständlichkeit bzw. in der Form der ab- strakten Allgemeinheit geltend (21). Als besondere Arbeiten drüc- ken sie den gesellschaftlichen Zusammenhang, dem sie angehören und von dem sie bestimmt sind, nicht aus: " Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Pri- vatarbeiten treten einander als Waren gegenüber." (MEW 23/57) (22) Die Analyse der beiden Faktoren der Ware enthüllt die Privatar- beit als eine widersprüchliche Form der gesellschaftlichen Ar- beit: Die Tätigkeit des Einzelnen steht in einem System der ge- sellschaftlichen Teilung der Arbeit, vollzieht Sich aber unabhän- gig, ohne Rücksicht auf ihren Charakter als Teilarbeit: "Sie produzieren in und für die Gesellschaft, als gesellschaftli- che, aber zugleich erscheint dies als bloßes Mittel, ihre Indivi- dualität zu vergegenständlichen. Da sie weder subsumiert sind un- ter ein naturwüchsiges Gemeinwesen noch andererseits als bewußt Gemeinschaftliche das Gemeinwesen unter sich subsumieren, muß es ihnen als den unabhängigen Subjekten gegenüber als ein ebenfalls unabhängiges, äußerliches, zufälliges Sachliches ihnen gegenüber existieren. Es ist dies eben die Bedingung dafür, daß sie als un- abhängige Privatpersonen zugleich in einem gesellschaftlichen Zu- sammenhang stehn." (Gr/909) 3. Die beiden erste Abschnitte gelten der Herausarbeitung dessen, was Ware ist. Marx nimmt die Elementarform kapitalistischen Reichtums auf "in der Form" worin sie erscheint" (MEW 19/369). "Hier finde ich nun, daß sie einerseits in ihrer Naturalform ein Gebrauchsding, alias G e b r a u c h s w e r t ist; anderer- seits T r ä g e r v o n T a u s c h w e r t, und unter diesem Gesichtspunkt selbst "Tauschwert". Weitere Analyse des letzteren zeigt mir, daß der Tauschwert nur eine "Erscheinungsform", selb- ständige Darstellungsweise des in der Ware enthaltenen W e r t s ist, und dann gehe ich an die Analyse des letzteren." (MEW 19/369) Das Resultat dieser Analyse ist die Formulierung des I n h a l t s der Wertbestimmung, so daß der Begriff der Ware geklärt ist. Sie ist Gebrauchsgegenstand, Naturalform, und Wert, sachlicher Ausdruck einer bestimmten Form der gesellschaftlichen Arbeit. In diesem ihrem Doppelcharakter stellt die Ware einen Wi- derspruch dar: "lm graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlich- keit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding." (MEW 23/62) Diese Argumentation, die darauf hinauszulaufen scheint, daß der Wert einer Ware nicht wahrgenommen werden kann, darf nicht dar- über hinwegtäuschen, daß es um den in der Ware selbst enthaltenen Gegensatz geht. Als Wert i s t sie Vergegenständlichung g e s e l l s c h a f t l i c h e r Arbeit in bestimmter Form, verrichtet in einer Dauer, die als g e s e l l s c h a f t- l i c h n o t w e n d i g e Arbeitszeit gefaßt war. Der Waren- körper, die Naturalform enthält ein gesellschaftliches Verhält- nis, das er als einzelner Gegenstand zugleich nicht darstellt (23). Notwendig wird deshalb eine Form, in der das als sachliche Eigenschaft des Gegenstandes unterstellte gesellschaftliche Ver- hältnis existiert, seine Realisierung erfährt (24). (Dies ist die Bedeutung des sog. Realisierungsproblems, das meist nur bezüglich der Wert g r ö ß e diskutiert wird!) Die Ware muß als Sache das in ihr eingeschlossene gesellschaftliche Verhältnis darstellen und tut dies im Verhältnis zu einer anderen Sache, in der das- selbe Verhältnis steckt (25): "Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlich- keit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlich- keit also rein gsellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann." (MEW 23/62) Aus den Bestimmungen der Ware ergibt sich also die Wertform als Verhältnis, das die Waren untereinander eingehen. Die Eigenart dieses Verhältnisses kann sich nur aus der Natur der beteiligten Sachen ergeben, eben aus der Natur der Ware. Die Analyse der Wertform, deren Resultate wir im folgenden zusammenfassen, haben die in den ersten beiden Abschnitten des Warenkapitels erschlos- senen Bestimmungen der Ware also zu ihrer Voraussetzung. Wenn Marx schreibt: "Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder vom Austauschver- hältnis der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform Wer- tes zurückkehren." (MEW 23/62), so darf dies also nicht als Ankündigung einer Wiederholung aufge- faßt werden. Ging es in der Analyse des Tauschwerts, genauer: des Austauschverhältnisses zweier Arten von Gebrauchsgegenständen, um die Bestimmung der in diesem Verhältnis befindlichen Sachen (aus der B e z i e h u n g der Gebrauchsgegenstände aufeinander wurde erschlossen, daß sie als bloße Gebrauchswerte einer solchen Beziehung gar nicht fähig sind etc.), so handelt es sich hier um die Konsequenz, die sich aus dem Charakter der Ware ergibt (26): Die Wertform ist die notwendige Beziehung zweier W a r e n auf- einander - der Schein, es ginge in solchem Verhältnis um die Be- ziehung von bloßen Gebrauchswerten, ist längst aufgelöst (27). Im Unterschied zur Untersuchung des am empirisch gegebenen Aus- tauschprozeß aufgenommenen Tauschverhältnis zwischen zwei Arten von Gebrauchswerten, die mit dem B e g r i f f d e s W e r t s endet, haben wir es hier mit einem Ü b e r g a n g zu tun: d a ß es eine Wertform gibt und w a s diese Wertform ist er- gibt sich als notwendige Konsequenz der die Ware charakerisieren- den Bestimmungen (28). Da sich an diesem ersten Übergang in der systematischen Entwick- lung die Fehler die in unserer Einleitung angesprochenen Vorge- hensweisen "bewähren", d.h. die Marxsche Argumentation mit den Vorurteilen bezüglich Wissenschaft, Idealismus und dgl. entweder verdreht oder gar kritisiert wird, soll hier in der Auseinander- setzung mit falschen Auffassungen das Wesentliche zur Natur des Übergangs bemerkt werden. Wir machen jedoch lediglich das expli- zit, was Marx in seinen Ausführungen zu Ware und Wertform tut, verlangen also nicht von ihm eine bestimmte Weise des Fortschrei- tens seines Gedankens. Statt der Wissenschaft vorzuschreiben, wie eine systematische Ableitung von objektiven Kategorien zu bewerk- stelligen sei, vergegenwärtigen wir uns, wie in der Wissenschaft der Politischen Ökonomie eine analysierte, inhaltlich bestimmte Kategorie eine andere notwendig macht, ihre objektive Existenz also unterstellt. Backhaus (29) hat sich den Übergang von der Ware zur Wertform be- sonders genau angesehen: "Die mangelhafte Vermittlung von Sub- stanz und Form des Werts kommt schon darin zum Ausdruck, daß in der Entwicklung des Werts ein Bruch aufweisbar ist: Der Übergang vom zweiten zum dritten Abschnitt des ersten Kapitels ist als n o t w e n d i g e r Übergang nicht mehr einsichtig." Leider sucht man nach einer Erklärung dieser Tautologie (mangelhafte Vermittlung = Bruch = nicht notwendiger Übergang) am Marxschen Text vergeblich. Sie wiederholt nur die eine Seite zuvor aufge- stellte Behauptung: "Die von der Erscheinungsform unabhängige Analyse des Wesens führt nun dazu, daß Marx gänzlich unvermit- telt, ohne Aufweis einer inneren Notwendigkeit, zur Analyse der Erscheinungsform zurückkehrt." Als Beleg zitiert er: "Wir gingen in der Tat vom Tauschwert der Waren aus, um ihrem darin versteck- ten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Er- scheinungsform des Werts zurückkehren.", allerdings ohne die in "müssen" ausgedrücke Notwendigkeit in der inzwischen vollzogenen Analyse des Werts zu suchen, auf die Marx doch als Ergebnis der bisherigen Untersuchung hinweist. Stattdessen nimmt er den auf den Übergang zur Wertform v e r w e i s e n d e n Satz, der auch den Unterschied der Behandlung des Austauschverhältnisses zu Beginn des Kapitels und hier zum Ausdruck bringt, f ü r d e n Ü b e r g a n g selbst. Diese Verschiebung verbindet er mit ei- ner Reihe von Ansprüchen, die er an einen durchgeführten Übergang stellt, und fragt: "Ist nun diese (!) Entwicklung noch als Aus- druck jener Methode verstehbar, die Marx ... als das Aufsteigen "vom Abstrakten zum Konkreten" charakterisiert? " Der Zusammen- hang von Wert und Wertform soll sich einer Methode verdanken (30), Marx soll mit der Frage, "Warum dieser Inhalt jene Form an- nimmt", einem erkenntnisleitenden Motiv" gefolgt sein und die Entwicklung Tauschwert - Wert - Wertform soll Backhaus zufolge (warum eigentlich?) begreifbar sein "als dialektische Bewegung vom unmittelbaren Sein durch das Wesen zur vermittelten Existenz" (131). Backhaus führt den Übergang, den Marx angeblich vermissen läßt, leider nicht vor - aber er weiß wenigsten von vornherein, daß sich beide zueinander verhalten wie "Wesen" und "vermittelte Existenz"! Wo Marx die Notwendigkeit der Wertform aus den wider- sprüchlichen Bestimmungen der Ware folgert - sie ist "äußerer Ge- genstand" ein "Ding" ... und Wert? Ausdruck einer gesellschaftli- chen Einheit, menschlicher Arbeit ... = interessiert sich Back- haus für eine "dialektische Bewegung", der die Marxsche Argumen- tation gefälligst zu gehorchen hat (31). Die Dialektik, die in der Ware steckt, reicht ihm nicht - und so leugnet er die wider- sprüchliche Identität der Ware, die Marx aus ihrer Erscheinungs- weise erschlossen hat und die eine vom Dasein der einzelnen Ware unterschiedene Wertform fordert (32): "Daß der "allgemeine Gegenstand" (!) als solcher, das heißt der Wert als Wert sich gar nicht ausdrücken läßt, sondern nur in ver- kehrter Gestalt "erscheint", nämlich als "Verhältnis" von zwei Gebrauchswerten, entzieht sich dem Verständnis des Lesers." Unse- rem Verständnis entzieht sich, wie der Leser Backhaus zu seinem Verständnis der fälligen Argumentation kommt, ohne die objekti- ven, weil aus dem gegebenen Austauschverhältnis erschlossenen Be- stimmungen der Ware zu berücksichtigen. Wir sehen aus seinen Be- merkungen, "daß der Kerl vorhat, die politische Ökonomie hegelsch vorzutragen.." (33) Die "Projektgruppe", die sich der "Logik" des Kapitals annimmt, verwandelt den Übergang zur Wertform und damit zum Geld in einen von der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Sie konstatiert nicht wie Backhaus einen Mangel in der Marxschen Entwicklung, sondern er- gänzt diese schöpferisch: "Aber die Ware ist in ihrer Existenz nur a n s i c h, nicht w i r k l i c h gedoppelt, also nur potentiell, nicht wirklich Ware. In der einfachen Existenz der konkreten Ware kommt ihre doppelte Natur nicht zum Ausdruck, denn ihr eigenes Wertsein zeigt sich nicht an ihr, sondern ist nur an sich, ihrem Begriff nach vorhanden..." Und so wird der Übergang ausgerechnet von denen, die so großen Nachdruck auf die Idealis- muskritik legen, daß sie diese mit gesammelten Marx- und En- gels-Zitaten ihren Ausführungen zum "Kapital" voranstellen, in der Weise bewerkstelligt, daß sich die Ware ihre Potentialität zu Herzen nimmt und sich verdoppelt. Wie sie das alles schafft, ohne wirklich zu existieren, und zwar als Einheit von Gebrauchswert und Wert, bleibt das Geheimnis derer, die vor lauter Subsumtion des "Kapital" unter die Rubrik "Idealismuskritik" den Fehler des Idealismus nicht mehr merken. Wenn Marx den Begriff des Waren- werts formuliert, dann hat er W i s s e n s c h a f t, E r k e n n t n i s betrieben; der Begriff hat als gedankliches Resultat seiner Bemühungen die O b j e k t i v i t ä t des Werts, also etwas außerhalb des Gedankens selbständig Existentes zum Inhalt. Wenn nun die Begriffsbestimmungen einer Sache in Wi- derspruch zueinander stehen, so heißt das, daß auch die Sache de- ren Begriff zur Debatte steht, eine widersprüchliche ist, mithin die der ebenfalls Objektivität zukommt. Hinter der Formulierung, daß etwas "seinem Begriff nicht entspricht", steckt bei Marx nie die Behauptung, daß es nicht existiert; diese Art von Aussagen präsentiert lediglich das wissenschaftlich ermittelte Resultat, daß die Existenz des behandelten Gegenstandes eine widersprüchli- che ist und auch eine diesen Widersprüchen gemäße Verlaufsform als vorhandene unterstellt (34). Ein "Übergang" ist also die theoretisch, ideell vollzogene Konsequenz eines realen Zusammen- hangs: Die Erkenntnis e i n e r Sache, die als bestimmt exi- stente am Anfang des theoretischen Prozesses aufgenommen wird, zeigt, daß sie aufgrund ihrer Widersprüchhlichkeit auf eine b e s t i m m t e andere Sache verweist, deren Existenz unter- stellt. Die ausführliche Analyse, die Marx vor der Wertform gibt, gestat- tet es daß wir uns im folgenden auf die Differenz zwischen den Wertformen beschränken und unserer Hauptaugenmerk darauf legen, inwiefern die jeweils höhere Stufe der Darstellung des Warenwerts die vorhergehende kritisiert. d.h. Konsequenz und Aufhebung von deren Mangel ist. Die Ware muß sich - so verlangte es der in ihr enthaltene Widerspruch, ins Verhältnis zu andrer Ware setzen: auf diese Weise stellt sie ihren Wert als von ihr Naturalgestalt un- terschieden und zugleich in sachlicher Form dar. Im Tauschwert existiert ihr Wert als eine "Gegenständlichkeit", welche von ihr selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit andrer Ware ge- meinsam ist" (MEW 23/66) 35). Im Verhältnis von Ware zu Ware ist der Widerspruch des Auseinanderfallens der an der Ware in Einheit vorhandenen Bestimmungen aufgehoben (36), indem der Gebrauchswert der Ware B zum Ausdruck des Werts der Ware A dient. In der unter- schiedenen Funktion der beiden Waren liegt auch der Springpunkt aller Schwierigkeiten, welche das Verständnis der Wertform hin- dern (37): Die Ware A spielt die aktive Rolle, es ist i h r Wert, der erscheint, Ware B dagegen dient als Gebrauchswert zum Wertausdruck: "Der Wert der Ware Leinwand ... wird ausgedrückt im Körper der Ware Rock, der Wert einer Ware im Gebrauchswert der anderen." (MEW 23/66) "Vermittelst des Wertverhältnisses wird also die Naturalform der Ware B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A." (MEW 23/67) Zugleich stellt sich der Wert der Ware A als q u a n t i t a- t i v bestimmter in einem Quantum Gebrauchswert der Ware B dar: da er sich in dieser V e r g l e i c h u n g einen Ausdruck seiner Größe gibt und im Material seines Ausdrucks, im Gebrauchswert der Ware B, deren Wertgröße als solche nicht zur Darstellung gelangt, handelt es sich beim Tauschwert also nicht um die Repräsentation einer absoluten Wertgröße: "Wirkliche Wechsel der Wertgröße spiegeln sich also weder unzweideutig noch erschöpfend wider in ihrem relativen Ausdruck oder in der Größe des relativen Werts" (MEW 23/69) (38) Das Quidproquo, das sich innerhalb des Wertverhältnisses für die Ware B ereignet (MEW 23/71), faßt Marx in den drei Eigentümlich- keiten der Äquivaltentform, der "Form unmittelbarer Austauschbar- keit mit anderer Ware" (MEW 23/70) zusammen: - Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform des Werts - konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform abstrakt menschlicher Arbeit - Privatarbeit wird zur Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form - Bestimmungen der Wertform, die die Kenntnis der I n h a l t s- b e s t i m m u n g d e s W e r t s zu geben gestattet, die auch Voraussetzungen für die Formulierung des Mangels der ersten Wertform ist. Das "Unzulängliche der einfachen Wertform" liegt darin, daß der Wert als Vergegenständlichung abstrakt-gemeiner Arbeit nur im Unterschied zu einer einzelnen Warenart ausgedrückt wird, daß die Ware A ihre "qualitative Gleichheit und quantita- tive Proportionalität" nur mit einer bestimmten Ware B darstellt - der Wertausdruck also der Gleichgültigkeit des Werts gegenüber dem Gebrauchswert, der a b s t r a k t e n Allgemeinheit der Arbeit nicht entspricht. Die Zufälligkeit der einfachen Wertform, die Bindung des Wertausdrucks an den Gebrauchswert einer einzelnen Warenart wird überwunden, wenn die Ware A zu mehreren Gebrauchswertarten ins Wertverhältnis tritt, wenn sich ihr "vereinzelter Wertausdruck ... in die stets verlängerbare Reihe ihrer verschiednen einfachen Wertausdrücke" (MEW 23/76) verwandelt. In der totalen oder entfalteten Wertform wird jeder andere Warenkörper zum Spiegel des Werts einer Ware: "So erscheint dieser Wert selbst erst wahrhaft als Gallerte un- terschiedsloser menschlicher Arbeit. Denn die ihn bildende Arbeit ist nun ausdrücklich als Arbeit dargestellt, der jede andre men- schliche Arbeit gleichgilt, welche Naturalform sie immer besitze ... Zugleich liegt in der endlosen Reihe seiner Ausdrücke, daß der Warenwert gleichgültig ist gegen die besondre Form des Ge- brauchswerts, worin er erscheint" (MEW 23/77) (39) Trotz dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Besonderheit des Ge- brauchswerts stellt sich der Wert doch nur in jeweils besonderer Form dar: es ist die entfaltete Wertform einer Summe beschränkter Äquivalentformen, von denen jede die andere ausschließt. Als Glied dieser Summe einfacher relativer Wertausdrücke steht der besondere Gebrauchswert, welcher das Material zum Wertausdruck liefert, zugleich nur für seine F u n k t i o n: er ist durch beliebigen anderen Gebrauchswert ersetzbar. Damit ist auch der Mangel der entfalteten Wertform, die Uneinheitlichkeit des Wert- ausdrucks, als überwindbarer angesprochen. Wenn ein Gebrauchswert nur notwendig ist, um zum Wertausdruck zu dienen - der Wertaus- druck aber nicht die der Allgemeinheit des Werts widersprechende Beschränkung auf jeweils besondere Gebrauchswerte aufweisen soll (40), dann muß die Eigenschaft, als Wertausdruck zu fungieren, - e i n e r Ware zukommen. Gefordert ist die Trennung, Aussonde- rung einer Ware aus dem "Warenpöbel", die als allgemeines Äquiva- lent in der Funktion des Wertausdrucks aufgeht (41). Was Marx in der Umkehrung der totalen Wertform zeigt, drückt also nur "die der Sache nach schon in der Reihe enthaltenen Rückbeziehung aus" (MEW 23/79). In der allgemeinen Wertform existiert der Wert jeder Ware unter- schieden von ihrem Gebrauchswert. Über das allgemeine Äquivalent, die Ware, die gegenüber allen anderen unmittelbar austauschbar ist und die gegenständliche Form gleichartiger menschlicher Ar- beit darstellt, beziehen sich alle Waren als Werte aufeinander (42). Die Pole der Wertform sind nun endgültig als gegensätzliche fi- xiert: der Widerspruch der Ware als Trennung aller Waren von ei- ner besonderen, die ihnen gegenüber ihr Wertsein verkörpert: "Eine Ware, die Leinwand, befindet sich daher in der Form unmit- telbarer Austauschbarkeit mit allen andren Waren oder in unmit- telbar gesellschaftlicher Form, weil und sofern alle andren Waren sich nicht darin befinden." (MEW 23/82) die dem Wertbegriff adäquate Wertform - "Die Waren stellen ihre Werte jetzt 1. einfach dar, weil in einer einzigen Ware und 2. einheitlich, weil in derselben Ware. Ihre Wertform ist einfach und gemeinschaftlich, daher allgemein" (MEW 23/79) - läßt somit erkennen, daß sie dem Widerspruch der Ware nur eine Verlaufsform gibt, ihn aber nicht auflöst. Der Fortschritt von der allgemeinen Wertform zur Geldform besteht nur darin, "daß die Form unmittelbarer allgemeiner Austauschbarkeit oder die allgemeine Äquivalentform jetzt durch gesellschaftliche Gewohn- heit endgültig mit der spezifischen Naturalform der Ware Gold verwachsen ist" (MEW 23/84) Daß die edlen Metalle die Rolle des allgemeinen Äquivalents über- nehmen und damit Geld sind, beruht einerseits darauf, daß die Geldware, deren Gebrauchswert darin besteht, als Wertausdruck zu dienen, nicht in Widerspruch zu ihrer Bestimmung als Gegenstand menschlichen Bedürfnisses geraten darf - sie soll einem allgemei- nen, sich der ökonomischen Formbestimmung der Ware verdankenden Bedürfnis genügen, als Gebrauchswert ökonomische Formbestimmung sein (43) - andererseits auf den Anforderungen an die "notwendigen physischen Eigenschaften der besondren Ware, worin sich das Geldsein aller Waren kristallisieren soll, soweit sie aus der Natur des Tauschwerts unmittelbar hervorgehen . . . be- liebige Teilbarkeit, Gleichförmigkeit der Teile und Unterschieds- losigkeit der Exemplare dieser Ware" (44). Die grundlegende Bedeutung der Analyse von Ware und Geld für das Begreifen des die bürgerliche Gesellschaft bestimmenden Kapital- verhältnisses haben Marx und Engels wiederholte Male hervorgeho- ben (45) und zugleich den leichtfertigen Umgang mit diesem Teil der Kritik der politischen Ökonomie gegeißelt: "Die Entwicklung der Wertform ist allerdings das An-sich der gan- zen bürgerlichen Schmiere, die revolutionäre Konsequenz tritt aber noch nicht so hervor und die Leute können sich an diesen ab- strakten Sachen leichter vorbeidrücken" (46) Als hätte Marx die beiden Varianten dieses "Sich-Vorbeidrückens", die heute gang und gäbe sind, vorausgeahnt, schließt er an die Analyse der Ware und der Wertform seine Ausführungen über den Wa- renfetisch an. Mit ihnen führt er dem Leser nochmals eindringlich vor daß mit den Bestimmungen der Elementarform kapitalistischen Reichtums Aussagen über das gesellschaftliche Verhältnis der Men- schen zueinander gemacht worden sind. Er zieht Schlüsse auf die Natur des menschlichen Handelns in einer Gesellschaft in welcher die Arbeitsprodukte die Form von Waren besitzen. Wenn er z.B. konstatiert: "Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren" (MEW 23/89) so denunziert er alle pseudokonkreten Theorien, die mit flachen Beschimpfungen von Kapitalisten und Lobreden auf die Arbeiter das kapitalistische Herrschaftsverhältnis als eines von persönlicher Abhängigkeit fassen und eher im Sumpf der Moral als auf wissen- schaftlichem Boden gewachsen sind; andererseits steckt in dersel- ben Aussage durchaus der Hinweis darauf, daß sich die waren pro- duzierenden Individuen mit der Abstraktion, die den gesellschaft- lichen Inhalt ihrer Tätigkeit ausmacht, anderen Individuen unter- werfen. Noch bevor also die aus dem Geld zu entwickelnden Katego- rien Kapital und Arbeitskraft, damit auch die Individuen, die als Träger Charaktermasken dieser Kategorien fungieren, abgeleitet sind, charakterisiert sich die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Elementarform Ware als eine, in der sich Menschen wechselseitig als Mittel für ihre individuellen Zwecke benutzen - was den modi- schen Entfremdungstheorien und Leuten, die aus der W a r e auch noch die Sexualität, die Angst oder gar das Denken und die Kunst ableiten wollen, zu denken geben müßte: die abstrakteste Formbe- stimmung der kapitalistischen Ökonomie läßt auch das gesell- schaftliche Verhältnis der Menschen nur in abstrakter Weise er- kennen - die konsequente Verfolgung der in ihr enthaltenen Wider- sprüche allerdings zeigt die Klassenverhältnisse, die Konkurrenz- bewegung, den Staat und all die "höheren Sphären des Blödsinns" als gesellschaftliche Realität, der mit Verdinglichungs- und Ent- fremdungsgeschwafel nicht beizukommen ist. Solches Geschwätz ver- fehlt den Kapitalismus als Gegenstand seiner Bemühungen ebenso wie die vulgären Agententheorien, denen die Vermittlung aller gesellschaftlichen Beziehungen - auch der zwischen Kapitalist und Arbeiter - über Sachen, damit auch das notwendig falsche Bewußt- sein unbekannt sind und die einen "ökonomischen, politischen und ideologischen Kampf" zur Konsequenz haben, der kapitalistische Ausbeutung als Diebstahl, den Staat als Betrug und die Ideologie als bloße Lüge angreift. 4. Der Inhalt der Wertbestimmung - Waren sind Produkte menschli- cher Arbeit - läuft nur auf eine schlichte "physiologische Wahr- heit" hinaus. Die nützlichen Arbeiten verschiedenster Art weisen in der Tat die Gemeinsamkeit auf, "daß sie Funktionen des men- schlichen Organismus sind und daß jede solche Funktion, welches immer ihr Inhalt und ihre Form, wesentlich Verausgabung von men- schlichem Hirn, Muskel, Nerv, Sinnesorgan usw. ist" (MEW 23/85) (47). Das Spezifikum der Ware liegt nicht darin, daß sie Produkt menschlicher Arbeit ist, sondern daß "Produkt menschlicher Arbeit zu sein" als Wertgegenständlichkeit, als von ihrer Naturalform getrennte Eigenschaft erscheint, unter die im Wertausdruck die konkret-nützliche Arbeit als bloße Erscheinungsform der Arbeit subsumiert ist (48). Darin, daß die Arbeit des einzelnen die Form der abstrakten Allgemeinheit, ihr Produkt die Form eines allge- meinen Äquivalents annimmt, liegt ihr gesellschaftlicher Charak- ter, bewährt sie sich als Glied einer Totalität von Arbeiten. De- ren gesellschaftlicher Zusammenhang und damit der der Individuen existiert nur in dieser objektiven Vermittlung, in der Wertgegen- ständlichkeit der Arbeitsprodukte, im Geld "als einem Ding außer- halb der wirklichen Produktion". Die Beziehung der Menschen in einer warenproduzierenden Gesell- schaft aufeinander besteht also wesentlich darin, daß "sie sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten" verhalten. Sie entsprechen im Austausch der Notwendigkeit der Ware, ihr "Wertsein' zu realisieren, existieren füreinander als "lebendige Äquivalente", als "subjektivierte Tauschwerte" (Grundrisse 912). Die Besonderheit der Individuen ist ganz unter die objektive Zweckbestimmung des Austausches, die Realisierung des Warenwerts subsumiert. Eine warenproduzierende Gesellschaft ist gekenn- zeichnet durch B e h e r r s c h u n g d e r N a t u r durch die gesellschaftliche Tätigkeit der Individuen; andererseits u n t e r w e r f e n s i c h d i e M e n s c h e n einem g e s e l l s c h a f t l i c h e n Z w a n g s z u s a m m e n h a n g, den sie selber reproduzie- ren und der ihnen wie ein Naturgesetz die Bestimmungen ihres Han- delns vorschreibt. Von diesen objektiven, aus der Existenz der Ware gefolgerten allgemeinen Bestimmungen der gesellschaftlichen Praxis ergibt sich auch die Notwendigkeit des falschen Bewußts- eins in der bürgerlichen Gesellschaft. Denn der wirkliche Austauschprozeß ist ein Akt, der durch wil- lentlich handelnde Individuen vollzogen wird, bei diesen also ein B e w u ß t s e i n vom Tun voraussetzt. Der sachliche Charak- ter, den die gesellschaftlichen Verhältnisse im Warenwert besit- zen, geht als objektive Voraussetzung ihres praktischen Verhal- tens in ihr Bewußtsein ein - es erscheinen ihnen somit "die ge- sellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten ... a l s d a s, w a s s i e s i n d, als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen" (MEW 23/87). Diese Folgerung ergibt sich allein aufgrund der Bestim- mungen der Ware: ihre Gültigkeit bedarf nicht der näheren Kennt- nis der Oberflächenprozesse, die sich als Konkurrenz von Indivi- duen abspielen, welche als Revenuequellenbesitzer zum Zweck ihrer Reproduktion mit Waren umgehen: "Das Gehirn der Privatproduzenten spiegelt diesen doppelten ge- sellschaftlichen Charakter ihrer Privatarbeiten nun wider in den Formen, welche im praktischen Verkehr, im Produktenaustausch er- scheinen - den gesellschaftlich nützlichen Charakter ihrer Pri- vatarbeiten also in der Form, daß das Arbeitsprodukt nützlich sein muß, und zwar für andre - den gesellschaftlichen Charakter der Gleichheit der verschiednen Arbeiten in der Form des gemein- samen Wertcharakters dieser materiell verschiednen Dinge, der Ar- beitsprodukte." (MEW 23/88) Wenn das gesellschaftliche Verhältnis ihrer Arbeiten gar nicht anders existiert als in der Realisierung der Wertgegenständlich- keit ihrer Produkte, dann müssen die Individuen dieses ihr Ver- hältnis auch als eine Sache b e h a n d e l n, sich in ihrer Besonderheit betätigen und dabei mit ihrer gesellschaftlichen Identität als einem Mittel umzugehen wissen (49). Die objektive Beschaffenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse: ihre eigenen gesellschaftlichen Charaktere treten ihnen als Material zur Ver- wirklichung ihrer Besonderheit gegenüber - nötigt ihnen das i n s t r u m e n t e l l e B e w u ß t s e i n a u f. Sie sind gezwungen, die Gegenstände als das anzusehen, was sie prak- tisch bedeuten. Die wechselseitige Instrumentalisierung, die sie im Umgang mit den Waren praktizieren, bildet sich ihr Bewußtsein ein (50). Bereits durch ihre Elementarform ist somit die kapitalistische Produktionsweise als eine widersprüchliche gekennzeichnet: Von den Zwangsverhältnissen des natürlichen Daseins emanzipiert - die Natur wird in einem Gesetzen erkannt und zum Zwecke der Bedürf- nisbefriedigung gemäß diesen Gesetzen verwandelt - reproduziert sich diese Gesellschaft in Formen, die wie ein blindes Naturge- setz wirken, dem sich ihre Mitglieder unterwerfen müssen. Diese Unterwerfung unter e i n e n v o n i h n e n s e l b s t p r o d u z i e r t e n Zwangszusammenhang enthält die Notwen- digkeit einer bewußt geplanten Produktionsweise als Forderung - die w i s s e n s c h a f t l i c h e E r k e n n t n i s d e s K a p i t a l i s m u s v e r l a n g t s e i n e p r a k t i s c h e A b s c h a f f u n g. _____ 1) Marx geht es also schon dem ersten Satz zufolge nicht um Ge- sellschaft schlechthin. Die kapitalistische Produktionsweise mag mit anderen Gesellschaftsformationen allgemeine Züge gemeinsam haben - diese werden dann bei ihrer Untersuchung zutage treten -, hier interessiert nur sie als b e s t i m m t e, also auch von anderen räumlich oder zeitlich getrennt existierende. Dieser deutliche Hinweis auf den "historischen Charakter" der Theorie, den diese von ihrem Gegenstand bezieht, wird nicht nur von wohl- wollenden Kapitalinterpreten bei der Suche nach dem "Histori- schen" am Marxismus ignoriert, sondern auch vom modernsten Marx- Widerleger, dem "Philosophen" Werner Becker in seiner "Kritik der Marxschen Wertlehre" (Hamburg, 1972) geflissentlich übersehen: Für ihn führt Marx "den auf Ricardo zurückgehenden Tauschwert- begriff, der sich ausschließlich am Verhältnis der Arbeitszeiten orientiert, unter Ausschluß einer jeden historischen Perspektive so ein, als könne man für jede Entwicklungsphase der Wirtschaftsgeschichte behaupten, die Arbeit sei der einzige wert- bildende Faktor" (S. 37). Wir haben es hier offenbar mit einer Variante bürgerlicher Wissenschaft zu tun, die dem Analphabetis- mus verwandt ist. 2) Vgl. MEW 13/15: "Die Summe seiner möglichen Nutzanwendungen jedoch ist zusammengefaßt in seinem Dasein als Ding mit bestimm- ten Eigenschaften"; MEW 26,3/126: "... es ist durch seine eigne property, seine eignen Eigenschaf- ten, daß ein Ding Gebrauchswert und daher ein Element des Reich- tums für die Menschen ist." 3) Vgl. MEW 13/16: "Obgleich Gegenstand gesellschaftlicher Be- dürfnisse, und daher in gesellschaftlichem Zusammenhang, drückt der Gebrauchswert jedoch kein gesellschaftliches Produktionsver- hältnis aus ... Gebrauchswert zu sein scheint notwendige Voraus- setzung für die Ware, aber Ware zu sein gleichgültige Bestimmung für den Gebrauchswert. Der Gebrauchswert in dieser Gleichgültig- keit gegen die ökonomische Formbestimmung, d.h. der Gebrauchswert als Gebrauchswert, liegt jenseits des Betrachtungskreises der po- litischen Ökonomie." 4) Vgl. MEW 13/16: "Als Tauschwert ist ein Gebrauchswert grade so viel wert wie der andre, wenn nur in richtiger Proportion vorhan- den" 5) Vgl. Gr/119: "Ein Produkt, als Tauschwert gesetzt, ist wesent- lich nicht mehr als einfaches bestimmt; es ist in einer von sei- ner natürlichen Qualität verschieden gesetzt; es ist als Verhält- nis gesetzt und zwar dies Verhältnis allgemein, nicht zu einer Ware, sondern zu jeder Ware, zu jedem möglichen Produkt" 6) Vgl. MEW 13/16: "Ganz gleichgültig also - gegen ihre natürli- che Existenzweise, und ohne Rücksicht auf die spezifische Natur des Bedürfnisses, wofür sie Gebrauchswerte, decken sich Waren in bestimmten Quantitäten, ersetzen einander im Austausch, gelten als Äquivalente, und stellen so trotz ihres buntscheckigen Sch- eins dieselbe Einheit dar." MEW 26,3/141: "Um diese Verschie- denen einander gleichzusetzen, muß jedes, abgesehen vom andren, d i e s e l b e E i n h e i t ausdrücken." (Paralleler Schluß in der Geometrie in der Polemik gegen Bailey) 7) Vgl. MEW 13/30: "Aber als solche bloße Gebrauchswerte sind sie gleichgültige Existenzen füreinander und vielmehr beziehungslos. Als Gebrauchswerte können sie nur ausgetauscht werden in Bezie- hung auf besondre Bedürfnisse. Austauschbar aber sind sie nur als Äquivalente, ..., so daß alle Rücksicht auf ihre natürlichen Ei- genschaften als Gebrauchswerte und daher auf das Verhältnis zu besondren Bedürfnissen ausgelöscht ist." 8) Vgl. 1. Aufl./4: "Als Gebrauchsgegenstände oder Güter sind die Waren k ö r p e r l i c h verschiedne Dinge. Ihr W e r t h- sein bildet dagegen ihre Einheit." 9) Vgl. 1. Aufl./4: "Diese Einheit entspringt nicht aus der Na- tur, sondern aus der Gesellschaft." 10) Vgl. MEW 13/24: "Als Tauschwert wird die Ware immer nur unter dem Gesichtspunkt des Resultats betrachtet." 11) Vgl. MEW 13/16 f.: "Als Materiatur der gesellschaftlichen Ar- beit sind alle Waren Kristallisationen derselben Einheit." 12) Vgl. MEW 13/17: "In der Tat, was sachlich als Verschiedenheit der Gebrauchswerte, erscheint prozessierend als Verschiedenheit der die Gebrauchswerte hervorbringenden Tätigkeit." 13) Vgl. MEW 13/17: "Als Tauschwerte stellen sie aber gleiche, unterschiedslose Arbeit dar, d.h. Arbeit, worin die Individuali- tät der Arbeitenden ausgelöscht ist. Tauschwert setzende Arbeit ist daher a b s t r a k t a l l g e m e i n e Arbeit." 14) Vgl. MEW 13/17: "Wie das quantitative Dasein der Bewegung die Zeit ist, so ist das quantitative Dasein der Arbeit die A r b e i t s z e i t. Die Verschiedenheit ihrer eignen Dauer ist der einzige Unterschied, dessen sie fähig ist, ihre Qualität als gegeben vorausgesetzt." 15) Vgl. MEW 13/18: "Die Arbeit, die so gemessen ist durch die Zeit, erscheint in der Tat nicht als Arbeit verschiedner Sub- jekte, sondern die verschiednen arbeitenden Individuen erscheinen vielmehr als bloße Organe d e r Arbeit." 16) Vgl. MEW 13/18: "Diese Abstraktion der allgemein menschlichen Arbeit e x i s t i e r t in der Durchschnittsarbeit, die jedes Durchschnittsindividuum einer gegebenen Gesellschaft verrichten kann..." 17) Vgl. MEW 26,3/126, wo Marx gegen den Vorwurf Baileys gegen Ricardo, dieser würde in seiner Theorie den Wert aus etwas R e l a t i v e m in etwas A b s o l u t e s verwandeln, pole- misiert: "Als Gebrauchswert erscheint die Ware als etwas Selb- ständiges. Als Wert dagegen als bloß G e s e t z t e s, bloß bestimmt durch ihr Verhältnis zur gesellschaftlich notwendigen, gleichen, einfachen Arbeitszeit. So sehr relativ, daß, wenn die zur Reproduktion erheischte Arbeitszeit (sich) ändert, ihr Wert (sich) ändert, obgleich die in ihr wirklich enthaltne Arbeitszeit unverändert geblieben ist." 18) Diese Voraussetzung, die die Größe der Warenwerte in der Ent- wicklung der Produktivkräfte hat, ist von nichts weiter entfernt als davon, zur W i d e r l e g u n g der Marxschen Theorie zu dienen: im Gegenteil, die Aussagen sind ihr immanent. Dem vulgär- wissenschaftlichen Herumstochern freilich muß alles, was irgend- welche Wirkungen auf die Größe des Profits zeigt, den das Kapital macht, als Widerlegung der unbegriffenen Aussagen zum Begriff des Werts erscheinen. So hat Habermas in " Technik und Wissenschaft als Ideologie" (S. 80) den "Fortschritt", den "wissenschaftlich- technischen" zumal, zur "unabhängigen Mehrwertquelle", damit auch zur Quelle von Wert ernannt. Ähnlich Adorno in seinem Einlei- tungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag; vgl. "Spätkapita- lismus oder Industriegesellschaft", Stuttgart 1969, S. 16: "Sinkt aber, durch den Umfang des technischen Fortschritts, tatsächlich durch Industrialisierung, der Anteil der lebendigen Arbeit, aus der seinem Begriff nach allein der Mehrwert fließt, tendenziell bis zu einem Grenzwert, so wird davon das Kernstück, die Mehrwerttheorie affiziert." 19) Hier wird auch der Unsinn von lange andauernden Bemühungen deutlich, anhand der im "Kapital" enthaltenen Stellen zum "Reduktionsproblem" etwa Probleme der Bildungsökonomie klären zu wollen. Vgl. MEW 13/19: "Die Gesetze, die diese Reduktion regeln, gehören nicht hierher." 20) Vgl. GR/905: "Eine andre Voraussetzung des Austausches, die das Ganze der Bewegung betrifft, ist die, daß die Subjekte des- selben als unter die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit subsu- miert produzieren." 21) Vgl. MEW 13/21, wo Marx darauf hinweist, daß in der kapitali- stischen Produktionsweise im Gegensatz zu vorkapitalistischen Ge- sellschaften, in denen sich ebenfalls Arbeitsteilung findet, der gesellschaftliche Charakter der Arbeit dadurch vermittelt ist, "daß die Arbeit des einzelnen die abstrakte Form der Allgemein- heit, oder sein Produkt die Form eines allgemeinen Äquivalents annimmt." Oder Grundrisse/9+8: "Die Form der Allgemeinheit der Arbeit bestätigt sich durch ihre Realität als Glied einer Tota- lität von Arbeiten, als besondre Existenzweise der gesell- schaftlichen Arbeit." 22) Vgl. MEW 13/21: "Die Arbeit, die sich im Tauschwert dar- stellt, ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten Einzelnen", und K a p i t a l, 1. Aufl./32: "Wäre die Arbeit u n m i t t e l b a r g e s e l l s c h a f t l i c h e, d.h. gemeinsame Arbeit, so erhielten die Produkte den unmittelbar ge- sellschaftlichen Charakter eines Gemeinprodukts für ihre Produ- centen, aber nicht den Charakter von Waaren füreinander." 23) Vgl. MEW 13/29: "Aber wie sie unmittelbar ist, ist sie nur vergegenständlichte individuelle Arbeitszeit von besondrem In- halt, nicht allgemeine Arbeitszeit." 24) Vgl. 1. Aufl./16: "Leinwand kömmt auf die Welt in Gestalt ei- nes G e b r a u c h s w e r t h s oder nützlichen Dings. Ihre steifleinene Körperlichkeit oder N a t u r a l f o r m ist da- her nicht ihre W e r t h f o r m, sondern deren grades Gegen- theil. Ihr eignes Werthsein zeigt sie zunächst dadurch, dass sie sich auf eine a n d r e Waare, den Rock als ihr Gleiches be- zieht... Q u a l i t a t i v setzt sie sich dem Rock gleich, in- dem sie sich auf ihn bezieht als V e r g e g e n- s t ä n d l i c h u n g g l e i c h a r t i g e r m e n s c h- l i c h e r A r b e i t, d. h. i h r e r e i g n e n W e r t h s u b s t a n z... Indem sie ihre W e r t h- g r ö s s e - und Werthgrösse ist beides Werth überhaupt und quantitativ gemessener Werth - i n R o c k a u s d r ü c k t, giebt sie ihrem Werthsein eine von ihrem unmittelbaren Dasein unterschiedne W e r t h f o r m. Indem sie sich so als ein in sich selbst Differenziertes darstellt, stellt sie sich erst wirklich a l s W a a r e dar - nützliches Ding, das zugleich Werth ist." 25) Vgl. 1. Aufl./17: "Aber W a a r e n sind S a c h e n. Was sie sind, müssen sie sachlich sein oder in ihren eignen sachli- chen Beziehungen zeigen." 26) Eine Konsequenz, die rückblickend deutlich macht, warum Marx den Warenwert nur im Austauschverhältnis entdecken konnte: "... um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen"! 27) Vgl. 1. Aufl./20: "Die Waare ist von Haus aus ein z w i e s c h l ä c h t i g e s Ding, Gebrauchswerth und Werth. Produkt nützlicher Arbeit und a b s t r a k t e Arbeitsgal- lerte. Um sich darzustellen, als das was sie ist, muß sie ihre Form v e r d o p p e l n. Die Form eines Gebrauchswerths be- sitzt sie von Natur. Es ist ihre Naturalform. Werthform erwirbt sie erst im Umgang mit anderen Waaren. Aber ihre Werthform muß selbst wieder g e g e n s t ä n d l i c h e Form sein. Die ein- zigen gegenständlichen Formen der Waaren sind ihre Gebrauchsge- stalten, ihre Naturalformen. Da nun die Naturalform einer Ware, der Leinwand z.B. das grade Gegentheil ihrer Wertform ist, muß sie eine a n d r e Naturalform die N a t u r a l f o r m e i n e r a n d e r e n W a a r e zu ihrer Werthform machen." Vgl. die Zusammenfassung, die Marx in der 1. Aufl./34 an die Ana- lyse der Wertform anschließt: "Man sieht: die Analyse der Waare ergiebt alle w e s e n t l i c h e n Bestimmungen der Werthform und die Werthform selbst in ihren gegensätzlichen Momenten ... Das entscheidend Wichtige aber war den inneren nothwendigen Zu- sammenhang zwischen Werth f o r m, Wert s u b s t a n z und Werth g r ö s s e zu entdecken, d.h. i d e e l l ausgedrückt, zu beweisen, dass die Werth f o r m aus dem Werth b e- g r i f f entspringt." 29) H.-G. Backhaus, Zur Dialektik der Wertform, in: A. Schmidt (Hrsg.), Beiträge zur marxistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt a.M. 1969, S. 130 ff. 30) Solches Verständnis der Trennung von "Methode" und durchge- führter Wissenschaft ist bei Lukács auf die Spitze getrieben: "Denn angenommen..., die neuere Forschung hätte die sachliche Un- richtigkeit sämtlicher einzelnen Aussagen von Marx einwandfrei nachgewiesen, so könnte jeder ernsthafte "orthodoxe" Marxist alle diese neuen Resultate bedingungslos anerkennen, sämtliche einzel- nen Thesen von Marx verwerfen - ohne für eine Minute seine marxi- stische Orthodoxie aufgeben zu müssen ... Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Me- thode." (Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 13) 31) Diese Variante von Applikation der "Dialektik" auf den kon- kreten Stoff der ökonomischen Wissenschaft konnte Marx bereits an Lasalle bewundern: "Er wird zu seinem Schaden kennenlernen, daß es ein ganz anderes Ding ist, durch Kritik eine Wissenschaft erst auf den Punkt zu bringen, um sie dialektisch darstellen zu kön- nen, als ein abstraktes, fertiges System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems anzuwenden." (Brief an Engels vom 1.2.1858) 32) Vgl. Gr/763: "Obgleich unmittelbar in der Ware vereinigt, fallen Gebrauchswert und Tauschwert ebenso unmittelbar auseinan- der." 33) Brief an Engels vom 1.2.1858 34) Wo die aus wirklicher Erkenntnis resultierenden Konsequenzen nicht objektiv vorfindlich sind, resigniert bisweilen das er- kennende Subjekt - oder es setzt den objektiven Verhältnissen ihre immanente Notwendigkeit als Forderung entgegen: Das Aristo- teles-Beispiel (MEW 23/73 f.) und die Utopien resp. Programme frühbürgerlicher Philosophen und Staatstheoretiker liefern für beide Varianten ein Material, das von Marx ausgiebig zur Kenntnis genommen wurde. Im übrigen besteht kommunistische Politik eben darin den im Kapitalverhältnis objektiv enthaltenen Notwendigkei- ten - e s g i b t d i e A r b e i t e r k l a s s e, die in ihrer Tätigkeit die Freiheit der Gesellschaft von a l l e n Abhängigkeitsverhältnissen praktiziert, dies aber in einer Form tut, die nur die Herrschaft von Menschen über andere reproduziert - zur Durchsetzung zu verhelfen. "Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen i h r e e i g n e M e l o d i e vorsingt." 35) Vgl. 1. Aufl./20: "Was sie nicht unmittelbar für sich selbst, kann sie unmittelbar für andre Waare und daher auf einem Umweg für sich selbst thun. Sie kann ihren Werth nicht in ihrem eignen Körper oder in ihrem eignen Gebrauchswerth ausdrücken, aber sie kann sich auf einen andern Gebrauchswerth oder Waarenkörper als unmittelbares Werthdasein beziehn." 36) Vgl. 1. Aufl./20: "Statt auseinanderzufallen, reflektiren sich die gegensätzlichen Bestimmungen der Waare in einander." 37) Vgl. 1. Aufl./19 38) Vgl. 1. Aufl./15: "Ihren wirklichen Werthwechsel ersähe man daraus, dass in derselben Arbeitszeit nun allgemein ein grös- seres oder kleineres Waarenquantum als vorher geliefert würde." 39) Vgl. 1. Aufl./24: "Dennoch birgt diese zweite Form eine we- sentliche Fortentwicklung. Es liegt darin nämlich nicht nur, daß die Leinwand ihren Werth zufällig bald in Röcken ausdrückt, bald in Kaffee usw., sondern daß sie ihn s o w o h l in Röcken a l s in Kaffee usw. ausdrückt, e n t w e d e r in dieser Waare o d e r jener o d e r der dritten ..." 40) Vgl. MEW 13/32: "Wie eine besondre Ware unmittelbar darstel- len als v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e allgemeine Ar- beitszeit, oder, was dasselbe ist, wie der individuellen Arbeits- zeit, die in einer besonderen Ware vergegenständlicht ist, unmit- telbar den Charakter der Allgemeinheit geben?" 41) Vgl. MEW 13/33: " indem alle Waren ihren Tauschwert in ei- ner besonderen Ware messen, wird die ausgeschlossene Ware adäqua- tes Dasein des Tauschwerts, sein Dasein als allgemeines Äquiva- lent.", und MEW 13/34: "So ist in der einen Ware der Widerspruch gelöst, den die Ware als solche einschließt, als besonderer Ge- brauchswert zugleich allgemeines Äquivalent und daher Gebrauchs- wert für jeden, allgemeiner Gebrauchswert zu sein." 42) Vgl. 1. Aufl./779: "Erst durch ihren a l l g e m e i n e n Charakter entspricht die W e r t h f o r m dem W e r t h b e g r i f f. Die Werthform mußte eine Form sein, worin die Waaren als bloße Gallerte unterschiedsloser, gleich- artiger, menschlicher Arbeit, d.h. als dingliche Ausdrücke der- selben Arbeitssubstanz für einander erscheinen. Dies ist jetzt erreicht. Denn sie alle sind ausgedrückt als Materiatur derselben Arbeit, ..., oder als dieselbe Materiatur der Arbeit ... So sind sie qualitativ gleichgesetzt." 43) Vgl. Gr/83: "U r s p r ü n g l i c h wird die Ware als Geld dienen - d.h. eingetauscht werden, nicht als Gegenstand des Bedürfnisses und der Konsumtion, sondern um sie wieder auszutau- schen gegen andre Waren -, die am meisten als Gegenstand des Be- dürfnisses eingetauscht wird, kursiert; die also am sichersten ist, wieder gegen andre besondre Waren ausgetauscht werden zu können; die also in der gegebnen gesellschaftlichen Organisation den Reichtum kat' exochén repräsentiert, Gegenstand der allge- meinsten Nachfrage und Zufuhr ist und einen besondren Gebrauchs- wert besitzt ... Im Fortgang der Entwicklung wird grade das umge- kehrte eintreten, d.h. die Ware, die am wenigsten unmittelba r Gegenstand der Konsumtion oder Werkzeug der Produktion, wird am besten grade die Seite repräsentieren, daß sie dem Bedürfnis d e s A u s t a u s c h s a l s s o l c h e n dient. 44) MEW 13/35 45) So z.B. in dem Brief von Marx an Engels vom 22.6.1867: "Außerdem ist die Sache zu entscheidend für das ganze Buch. Die Herrn Ökonomen haben bisher das höchst Einfache übersehn, daß die Form 20 Ellen Leinwand = 1 Rock nur die unentwickelte Basis von 20 Ellen Leinwand = 20 Pfund Sterling, daß also die e i n f a c h s t e W a r e n f o r m, worin ihr Wert noch nicht als Verhältnis zu allen andern Waren, sondern nur als U n t e r s c h i e d n e s von ihrer eignen Naturalform ausge- drückt ist, das g a n z e G e h e i m n i s d e r G e l d- f o r m und damit, in nuce, a l l e r b ü r g e r l i- c h e n F o r m e n d e s A r b e i t s p r o d u k t s ent- hält ..." 46) Engels an Marx am 24.6.1867 47) An Petty u.s. kann Marx zeigen, daß "die Erkenntnis der Ar- beit als Quelle des stofflichen Reichtums keineswegs die Verken- nung der bestimmten gesellschaftlichen Form ausschließt, worin die Arbeit Quelle des Tauschwerts ist" (MEW 13/40), und an den Beispielen des Robinson, der mittelaltrigen Verhältnisse sowie des "Vereins freier Menschen" demonstriert er, daß gesellschaft- liche Verhältnisse, in denen der bestimmte gesellschaftliche Cha- rakter nicht in der a b s t r a k t e n A l l g e m e i n- h e i t der Arbeiten liegt, grundsätzlich andrer Natur sind als die Warenproduktion und auch kein notwendig falsches Bewußtsein hervorbringen! 48) Vgl. 1. Aufl./771: "Innerhalb des Wertverhältnisses und des darin einbegriffenen Wertausdrucks gilt das Abstrakt-Allgemeine nicht als Eigenschaft des Konkreten, Sinnlich-Wirklichen, sondern umgekehrt das Sinnlich-Konkrete als bloße Erscheinungs- oder be- stimmte Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen." 49) Ihr Bewußtsein hat das Wissen zum Inhalt, "1) daß jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit er dem andern als Mittel dient; 2) daß jedes nur Mittel für das andere wird als Selbstzweck; 3) daß die Wechselseitigkeit wonach jedes zugleich Mittel und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mittel wird, und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck setzt..., daß diese Wechselseitigkeit ein notwendiges fact ist, vorausgesetzt als natürliche Bedingung des Austauschs, daß sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs gleichgültig ist... Das heißt, das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Gesamt- akts erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht sozusagen nur hinter dem Rücken der in sich selbst reflektierten Sonderin- teressen, dem Einzelinteresse im Gegensatz zu dem des andren vor." (Gr/155 f.) 50) Selbst die Wissenschaft von der Politischen Ökonomie, welche die Identität der ökonomischen Formbestimmungen erkennen will, erliegt aus Gründen, die hier nicht interessieren, dem gegen- ständlichen Schein der gesellschaftlichen Charaktere der Arbeit: "Formeln, denen es auf der Stirn geschrieben steht, daß sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozeß den Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozeß bemeistert, gelten ihrem bürgerlichen Bewußtsein für ebenso selbstverständli- che Naturnotwendigkeit als die produktive Arbeit selbst." (MEW 23/96) 2. Kapitel ---------- Der Austauschprozeß ------------------- Der Widerspruch der Ware hatte die Notwendigkeit eines selbstän- digen Wertausdrucks ergeben und in der Entwicklung der Bestimmun- gen dieser Wertform, die im Bezug der Waren aufeinander exi- stiert, zum Geld gebührt. Das Geld ist das gesellschaftlich gül- tig fixierte allgemeine Äquivalent, in dem alle Waren ihr Wertda- sein objektiv ausdrücken. Die Waren müssen sich daher jetzt auf das Geld beziehen im Austausch. Die Untersuchung der Formseite dieses Prozesses - die Entwicklung der Bestimmungen des Geldes - gibt den weiteren Fortgang im 3. Kapitel. Gegenstand des 2. Kapi- tels ist der Austauschprozeß als gesellschaftliches Verhältnis der die Warenbeziehungen vermittelnden Subjekte. Schon im 1. Ka- pitel zog MARX Schlüsse aus den entwickelten Bestimmungen der Ware auf Handeln und Bewußtsein der Individuen. In diesem Sinne führt er nun weiter aus, wie sich die Beziehung der Waren aufein- ander im Handeln der gesellschaftlichen Subjekte vollzieht (1). Daß die Waren Dinge sind, die "nicht selbst zu Markte gehen" (MEW 23/99), heißt, daß sie als Sachen dem willentlichen Handeln von Subjekten unterworfen sein müssen. Sie sind von Subjekten angeeignete Dinge, ihr gesellschaftlicher Kontakt vermittelt sich über diese Subjekte, die Warenbesitzer. Damit erscheint die Beziehung der Waren als eine der Subjekte. Gleichwohl liegt die Identität die- ses Prozesses in den ökonomischen Gegenständen. Die Formbestim- mungen des Austauschs haben sich ja aus dem ergeben, was Ware und Geld sind, nicht aus dem Willen und Bewußtsein der Warenbesitzer; der gesellschaftliche Charakter des Prozesses ist in den ökonomi- schen Gegenständen objektiv. Diese zwingen also den Subjekten ihr Tun auf, die Warenbestimmungen sind Bedingungen ihres Handelns. Die Subjekte beziehen sich folglich nur vermittels ihrer Waren aufeinander, sie stehen hier in keinem unmittelbaren gesell- schaftlichen Kontakt, sondern treten sich gegenüber als Personen, die den Willen des anderen in versachlichter Form, in seiner Ware liegend vorfinden und anerkennen: sie sind Privateigentümer. Die gegenseitige Anerkennung der Subjekte als Privateigentümer, über die sich der Austausch der Waren vermittelt, drückt sich aus in der Form des Vertrags. "Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben." (MEW 23/99) (2) Daß die Subjekte sich als gleiche anerkennen ist identisch damit, daß sie sich nur als "Repräsentanten" der Ware gegenüberstehen. "Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charakter- masken der Personen nur die Personifikation der ökonomischen Ver- hältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenüberstehen." (MEW 23/99 f.) (3) Daß Dinge als Waren in einen gesellschaftlichen Kontakt miteinan- der treten, daß ihnen die gellschaftliche Eigenschaft Wert objek- tiv zukommt, impliziert, daß die gesellschaftliche Identität der Subjekte - obwohl sie Herren über die Dinge sind - ganz in diesen Dingen liegt. Als besondere Subjekte stehen sie sich gleichgültig gegenüber; sie abstrahieren von ihrer jeweiligen Besonderheit? d.h. die Subjektivität reduziert sich in diesem gesellschaft- lichen Verhältnis auf ein abstraktes Willensverhältnis, dessen Inhalt ganz in den ökonomischen Gegenstand Ware fällt (4). Weil die Subjekte in ihrem gesellschaftlichen Bezug aufeinander nur das durchsetzen, was in der Ware enthalten ist, bestimmt sich ihr Wille aus den versachlichten ökonomischen Verhältnissen. Im Austauschprozeß als Handeln warenbesitzender Individuen exi- stiert der Widerspruch der Ware in verwandelter Form. Dementspre- chend leitet Marx nun das Geld als eine Forderung der Warenbesit- zer in ihrem wechselseitigen Bezug aufeinander ab. Ergab sich das Geld im 1. Kapitel aus dem Widerspruch der Ware, so tritt es hier als eine Voraussetzung auf, derer die Individuen zum Vollzug des Warentauschs bedürfen (5). Die Warenbesitzer beziehen ihre Waren aufeinander, um sich wech- selseitig die Gebrauchswerte zur Bedürfnisbefriedigung zu ver- schaffen. Die Ware ist Gebrauchswert für ihren Nicht-Besitzer, Nicht-Gebrauchswert für ihren Besitzer (6). Der Warenbesitzer muß also erst die Wertbestimmung der Ware im Austausch realisieren ehe sie als Gebrauchswert in die Konsumtion eingehen kann. Dies setzt aber umgekehrt voraus, daß sie sich als Gebrauchswert be- wahrt, daß ein Bedürfnis nach dieser bestimmten Ware existiert, was selbst wieder erst der Austausch erweisen kann. Dieser Zirkel, der hier für die Realisierung der Warenbestimmun- gen durch den Tauschakt ausgedrückt ist, ergibt sich entsprechend in der Stellung der Warenbesitzer zum Austauschprozeß. Sie tau- schen nur gegen fremde Ware, wenn dieser Gebrauchswert für ihr besonderes Bedürfnis ist - insofern ist der Austausch für sie bloß indvidueller Prozeß -, sie wollen andererseits ihre eigene Ware als Wert in jeder beliebigen anderen Ware realisieren, wofür ihnen der Gebrauchswert ihrer Ware bloße Bedingung ist - insofern ist der Austausch für sie gesellschaftlicher Prozeß (7). Die Ge- sellschaftlichkeit des Prozesses ist also durch das atomistische Verhalten der Warenbesitzer charakterisiert, von denen jeder sich auf seine eigene Ware nur als Inkarnation von Wert bezieht, die sich gegen alle anderen Waren, die ihn nur als besondere Ge- brauchswerte interessieren, austauschen können soll. Da jeder so nur den Standpunkt seiner besonderen Ware gegen alle anderen Wa- ren vertritt, liegt die Gesellschaftlichkeit des Prozesses nicht unmittelbar in ihren bewußten Handlungen, sie muß vielmehr diesen vorgegeben sein, außerhalb ihrer objektiv existieren: Damit sich die Warenwerte durch die Aktionen der tauschenden Warenbesitzer realisieren können, muß ein gesellschaftlich gültiger Ausdruck des Warenwerts vorhanden sein, auf den sich die Warenbesitzer be- ziehen müssen. Damit stehen wir vor dem Paradox, daß der gesellschschaftliche Charakter des Austauschprozesses in den Warenbestimmungen liegt, daß diese sich aber erst realisieren können, wenn der Wert unab- hängig von den besonderen Warengestalten gesellschaftlich gültig ausgedrückt ist; daß es die Handlungen der Warenbesitzer sind, die den gesellschaftlichen Austauschprozeß der Waren vermitteln, und doch dies kein unmittelbar gesellschaftlicher Bezug ist, son- dern außerhalb ihrer Handlungen Objektivität besitzen muß, die aber selbst nur Produkt eines gesellschaftlichen Handelns sein kann: "Sie haben daher schon gehandelt, bevor sie gedacht haben." (MEW 23/101) Der Inhalt dieses naturwüchsigen Handelns ist die Herstellung der Voraussetzung, die in der Wertformanalyse als Resultat des Waren- widerspruchs entwickelt worden war; die Bildung des Geldes. Es muß eine bestimmte Ware als allgemeines Äquivalent durch die "gesellschaftliche Aktion aller anderen Waren" (MEW 23/101) aus- geschlossen werden. Das Ergebnis der Wertformanalyse - daß sich der Wert der Ware nur in der Beziehung zum Geld adäquat ausdrückt - stellt sich hier dar als Ausschließung einer Ware aus der un- mittelbaren Bedürfnisbefriedigung: sie soll nur noch den Aus- tausch ermöglichen. Dieser Prozeß bestimmt sich als Handeln der Subjekte also ganz aus dem Widerspruch der Ware: "Die Gesetze der Warennatur betätigen sich im Naturinstinkt der Warenbesitzer." (MEW 23/101) Zugleich ist hierin noch einmal ausgesprochen, daß das Geld zwar willentliches, aber nicht bewußtes Produkt ihres Handelns sein kann. Mit den Schlüssen des 2. Kapitels, die die Identität des Handelns der Individuen mit dem Inhalt der Warenbestimmungen zeigen, ist ein objektiver Zirkel bloßgelegt: Die Beziehungen der Waren auf- einander, ihre gesellschaftliche Aktion setzt Subjekte voraus, die in einem gesellschaftlichen Kontakt stehen, durch ihr Agieren die Waren aufeinander beziehen, das Handeln der Subjekte charak- terisiert sich aber umgekehrt aus den objektiven Warenbestimmun- gen, ist also deren Resultat. Das Handeln soll die Warenbeziehun- gen konstituieren, zugleich soll es sich gemäß den Warenbestim- mung vollziehen. Dies wechselseitige Sich-Voraussetzen kann nur Ergebnis eines Handelns sein, das die Warenbeziehung erst hervor- gebracht hat und damit sich selbst den Warenbestimmungen unter- worfen hat; es liegt hierin also der Verweis auf ein Handeln, das selbst noch nicht in diesem Verhältnis befangen war, sondern die- ses erst konstituiert hat: Es geht also um die E n t s t e- h u n g des Austauschverhältnisses. Wenn das Geld Resultat der Warenaktion, der ökonomischen Handlun- gen der Warenbesitzer ist, zugleich aber das Geld erst die Ar- beitsprodukte zu Waren macht, d.h. Bedingung der Gesellschaft- lichkeit des Austauschprozesses und damit der Realisierung der Warenwerte ist, muß die historische Entwicklung die Verwandlung von Arbeitsprodukten in Waren und die darin eingeschlossene na- turwüchsige Herausbildung des Geldes beinhalten; oder umgekehrt ausgedrückt: mit der allmählichen Herausbildung eines allgemeinen Äquivalents aus den Erfordernissen des Austauschs und mit seiner gesellschaftlich gültigen Fixierung verwandelt sich der Austausch von Produkten in wirklichen Warenaustausch. Der Inhalt des ge- schichtlichen Prozesses ist also nichts anderes als die histori- sche Entfaltung des in der Ware schlummernden Gegensatzes. "Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschpro- zesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsäch- lich gleichgesetzt und dabei tatsächlich in Waren verwandelt wer- den. Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickelt den in der Warennatur schlummernden Gegensatz von Ge- brauchswert und Wert. Das Bedürfnis, diesen Gegensatz für den Verkehr äußerlich darzustellen, treibt zu einer selbständigen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie endgültig erzielt ist durch die Verdopplung der Ware in Ware und Geld. In demselben Maße daher, worin sich die Verwandlung der Arbeitspro- dukte in Waren, vollzieht sich die Verwandlung von Ware in Geld." (MEW 23/102) (8) Marx umreißt im folgenden die wesentlichen Stufen dieser Entwick- lung. Als historisches Resultat dieser Entwicklung unterstellt die gesellschaftliche Gültigkeit des allgemeinen Äquivalents, daß der Austauschprozeß ein dauerhaftes, das ganze Gemeinwesen um- greifendes ökonomisches Verhältnis ist, kein sporadischer und lo- kal begrenzter Prozeß. (9) Die gesellschaftliche Produktion und Verteilung der Güter muß wesentlich durch den Austausch bestimmt sein. Für das Geld bedeutet dies, daß es nicht nur als eine be- stimmte Ware für das ganze Gemeinwesen gültig und dauerhaft fi- xiert sein muß, sondern daß für diese Ware bestimmte Eigenschaf- ten erfordert sind: Die edlen Metalle haben im Laufe der Ge- schichte überall die Rolle des Geldes übernommen, da ihre Natu- reigenschaften - gleichförmige Qualität jedes einzelnen Stücks und beliebige Teilbarkeit - den Funktionen des Geldes als allge- meinem Äquivalent entsprechen. Resultat des zweiten Kapitels ist also auf anderer Ebene noch einmal dasselbe, was schon Ergebnis der Entwicklung der ökonomi- schen Formbestimmungen im 1. Kapitel war: In der Beziehung Ware- Geld hat nun der gesellschaftliche Austauschprozeß seine Identi- tät. Existiert das Geld, so bezieht sich jede Ware, d.h. auch je- der Warenbesitzer im Austauschprozeß auf das Geld als vorgefun- denes gesellschaftlich gültiges Äquivalent. So reproduziert sich die gesellschaftliche Objektivität dieses Verhältnisses im bewuß- ten Handeln der Individuen. Damit gewinnt der falsche Schein, den Marx im Warenfetisch als gesellschaftlich gültig erklärt hatte, in Geld seine Vollendung. Daß "die Geldform nur an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehung aller anderen Waren" (MEW 23/105) ist stellt sich dem tauschenden Warenbesitzer so dar, daß er, nur weil es Geld gibt, seine Ware als Wert ausdrücken und realisieren kann. Die Warenbesitzer müssen sich so verhalten - und dies spie- gelt sich in ihrem Bewußtsein - als ob dem Geld naturgegeben die Eigenschaft zukommt, die Waren vergleichbar zu machen; denn sie beziehen sich auf das Geld nicht als Produkt ihrer eigenen Aus- tauschbeziehungen, sondern als gegenständliche Voraussetzung, die ihnen das Eingehen solcher Beziehungen erst ermöglicht. " Das bloß atomistische Verhalten der Menschen in ihrem ge- sellschaftlichen Produktionsprozeß und daher die von ihrer Kon- trolle und ihrem bewußten individuellen Tun unabhängige, sachli- che Gestalt ihrer eigenen Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, daß ihre Arbeitsprodukte allgemein die Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs." (MEW 23/107 f.) _____ 1) Das 2. Kapitel erbringt also keine den Gang der ökonomischen Analyse von Ware und Geld weiterführenden Formbestimmungen, sondern stellt dar, was mit ihnen über das gesellschaftliche Handeln der Subjekte folgt. Wer dagegen das 2. Kapitel als notwendige "Ergänzung" ausgibt, die erst die Realität der im 1. Kapitel entwickelten Bestimmungen beweise, übersieht zweierlei: Zum einen geht Marx im 1. Kapitel vom einfachsten ökonomischen K o n k r e t u m, der Ware aus, deren Bestimmungen noch als existent erweisen zu müssen, eine schlichte Tautologie wäre, sind sie doch als die eines existenten ökonomischen Gegenstandes auf- genommen. Das gesellschaftliche Handeln der Subjekte kann diese Realität schlechterdings nicht erst erbringen, würde doch damit die Objektivität des ökonomischen Gegenstandes Ware zurückgenom- men. Zum andern führt das 2. Kapitel das Handeln der gesell- schaftlichen Individuen zurück auf das, was als ökonomische Form- bestimmungen der Ware, in denen die Identität der Gesellschaft liegen soll, entwickelt worden war. Allerdings ist das 2. Kapitel deswegen kein überflüssiges Beiwerk. Marx geht es vielmehr darum, schon hier zu zeigen, daß mit der Ware durchaus das bestimmte Handeln der Subjekte erklärbar ist. Die erneute "Ableitung" des Geldes in 2. Kapitel ist demnach nichts anderes als die Darstel- lung dessen, w i e sich die Realität des Geldes im Verhalten der Warenbesitzer als Notwendigkeit darstellt. Wer diesen Stel- lenwert des 2. Kapitels übersieht und die Subjekte als zweite notwendige Ableitungsebene postuliert, verfällt in Tautologien und mißversteht das, was schon im Warenfetisch als Charakteristi- kum des Kapitalismus erschlossen wurde: daß das gesellschaftliche Bewußtsein und Handeln der Individuen sich von den versachlichten ökonomischen Verhältnissen bestimmen, die Subjekte als willent- lich Handelnde Charaktermasken sind. Seine scheinbare Legitima- tion findet dieses Mißverständnis in der erneuten Darstellung der Notwendigkeit des Geldes im 2. Kapitel sowie in den verschiedenen Vorarbeiten von Marx zur endgültigen Fassung des Kapital, in denen er erst nach und nach die Formbestimmungen von den in ihnen eingeschlossenen gesellschaftlichen Charakteren der Subjekte streng geschieden hat. Die "Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems" verfällt in ihrer Darstellung der verschiedenen Fassungen von Wertformanalyse und Austauschprozeß in dem Buch " Das Kapitel vom Geld" trotz richtiger Einsichten in den bezeichneten Fehler. Zwar heben sie hervor: "Erst die vorausgesetzte Analyse der Warennatur, ausge- hend von der einfachen Wertform bis hin zur Geldform, ermöglicht die Warenbesitzer als das darzustellen, was sie wirklich sind: für-sich- seiende Ware, d.h. mit Bewußtsein behaftete Ware, nur Personifikation der ökonomischen Verhältnisse ..., als deren Trä- ger sie sich gegenübertreten." (S. 173), doch hindert sie diese Aussage nicht, im selben Atemzug von zwei getrennten "Ableitungs- ebenen" zu sprechen (die Tautologie "t h e o r e t i s c h e Ableitung", bezogen auf die Wertformargumentation von Marx, kenn- zeichnet schon ihre falsche Auffassung vom Entwicklungsgang der Marxschen Darstellung). So nehmen sie dann auch die ausgespro- chene Einsicht in die Bestimmtheit des gesellschaftlichen Han- delns durch die ökonomischen Formbestimmungen wieder zurück. "Damit das Ausschließen einer spezifischen Warenart statthat, da- mit also die Verdoppelung der Ware in Ware und Geld abgeleitet werden kann, ist es notwendig, daß die Ware "nicht wie bisher analytisch bald unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswerts, bald unter dem Gesichtspunkt des Tauschwerts betrachtet, sondern als ein Ganzes wirklich auf andere Waren bezogen wird. Die wirkliche Beziehung der Waren aufeinander ist aber ihr Austauschprozeß". (S. 161) Der Versuch, diese Aussage mit Marx-Zitaten zu belegen erweist sich allerdings als brüchig und selbst philologischer Redlichkeit spottend. Der Briefhinweis an Engels, daß er "dies über Geldform nur des Zusammenhangs wegen" eingefügt habe, den sie als Beleg dafür neh- men, daß das Geld noch nicht ins 1. Kapitel gehöre, bezieht sich bei Marx nur auf die zusätzlichen Reflexionen über die Besonder- heit des Übergangs vom allgemeinen Äquivalent zum Geld. Der von Marx in den späteren Auflagen gestrichene letzte Satz des 1. Ka- pitels der Erstauflage des "Kapital", der auch in der oben zi- tierten Aussage als Beleg für die Unterscheidung von bloß theore- tischer Beziehung der Waren im 1. Kapitel und ihrer praktischen Realität im 2. Kapitel herhalten muß, zielt bei Marx auf die Dar- stellung, die Art und Weise, wie die Ware von ihm betrachtet wird - im 1. Kapitel werden ihre Bestimmungen analysiert, im 2. Kapi- tel der Prozeß, in dem diese Bestimmungen existieren (vgl. MEW 13/28). Das Problem der objektiven Existenz aller Formbestimmun- gen hatte Marx sicher nicht (vgl. MEW 13/637). Daß es sich bei der Warenanalyse um wirklich Kategorien handelt, nicht um "theo- retische Ableitungen", die ihre Realität jeweils n a c h g e- l i e f e r t bekommen, spricht Marx überall deutlich genug aus. Die Argumentation der "Projektgruppe" schlägt dies alles endgül- tig in den Wind, wenn schließlich die Subjekte dazu erkoren wer- den, den inneren Widerspruch der Ware als äußeren darzustellen - "Sie (die Warenbesitzer) stellen so den inneren Gegensatz der Ware als äußeren dar" (S. 177 -, obgleich im ersten Kapitel von Marx die Verdoppelung der Ware als notwendig entwickelt worden war. Der Schluß - "Die Darstellung des Austauschprozesses ist so- mit Glied der logisch-genetischen (!) Darstellung. Ohne sie wäre die Ableitung des Geldes und damit der preisbestimmten Ware nicht geleistet." (S. 177) - und die Behauptung - zwei Schritte seien die Voraussetzung der Entfaltung der Geldtheorie, "die Ableitung der allgemeinen Äquivalentform als Betrachtung des "inneren not- wendigen Zusammenhangs zwischen Wertform, Wertsubstanz und Wert- größe", und die Ableitung des Geldes aus der Struktur des Aus- tauschprozesses" (S. 203; sie beziehen sich hier affirmativ auf Aussagen von Reichelt, die denselben Fehler enthalten) - sind die Konsequenz dieser falschen Auffassung vom Gang des Kapital. Die andere verbreitete Auffassung, die das zweite Kapitel als Be- schreibung im Unterschied zum entwickelten kapitalistischen Wa- renaustausch erklärt, beweist ihre Absurdität schon darin, daß sie die allererste Aussage von Marx, die Ware sei die Elementar- form des k a p i t a l i s t i s c h e n Reichtums, schlicht negiert und auch alle weiteren Hinweise von Marx darauf, daß er von der Realität kapitalistischer Verhältnisse handelt, geflis- sentlich beiseitelassen muß. (Vgl. z.B. Brief vom 2. April 1858: "Diese einfache Zirkulation für sich betrachtet - und sie ist die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, worin die tiefern Ope- rationen ausgelöscht sind -, zeigt keinen Unterschied zwischen den Subjekten des Austausches, außer nur formelle und verschwin- dende ... Kurz, es ist hier alles "scheene", wird aber gleich ein Ende mit Schrecken nehmen, und zwar infolge (!) des Gesetzes der Äquivalenz." 2) Die hier von Marx getroffenen Aussagen über Privateigentum als rechtliche Form dürfen ebenfalls nicht als Ableitung in dem Sinn mißverstanden werden, als ob die weitere Entwicklung der ökonomi- schen Bestimmungen jeweils des Rückgriffs auf die Eigentumskate- gorie bedürfe. Es sind vielmehr Reflexionen auf die Oberfläche, nicht der notwendige Übergang aus der Sphäre der Ökonomie in die des willentlichen Bezugs der Subjekte aufeinander (dieser setzt die entwickelten Konkurrenzbestimmungen voraus). Daß Schlüsse von den Warenbestimmungen auf ihre spezifischen Durchsetzungsformen an der Oberfläche Inhalt des Kapitels sind, zeigt sich noch daran, daß Marx hier auf alle weitergehenden Ausführungen über die Oberflächenformen verzichtet, wie er sie in den Grundrissen z.B. im Hinblick auf die im Warentausch eingeschlossenen gesell- schaftlichen Bestimmungen der Subjekte als freie und gleiche macht (vgl. Gr/81, 153 ff., 905 ff.). Im "Kapital" greift er diese nur in einer Fußnote, die die Vulgärsozialisten kritisiert, auf, beschränkt sich ansonsten aber streng auf die Momente des willentlichen Handelns, die unmittelbar die W a r e n b e- z i e h u n g wie sie im 1. Kapitel entwickelt ist, reprä- sentieren. Auf den Austauschprozeß geht er jeweils an den Stellen ein, wo im Entwicklungsgang bestimmte ökonomische Kategorien auf ihn verweisen oder wo solche Schlüsse den erreichten Stand der Argumentation verdeutlichen können. Daher greift er Freiheit und Gleichheit als Bestimmungen der Subjekte im Austausch an der Stelle noch einmal zusammen fassend auf, wo sich aus dem Gang der ökonomischen Formanalyse eine Unterscheidung an den Subjekten ergeben hat (Kapitalist-Arbeiter), wo die ökonomische Analyse auf eine andere Sphäre verweist - die Produktion als Konsumtion der Ware Arbeitskraft -, oder dort, wo die Untersuchung des Produkti- onsprozesses erwiesen hat, daß das Kapital als Resultat fremder Arbeit seine Voraussetzungen, die es in der Zirkulation vorfindet (die Ware Arbeitskraft und die Produktionsmittel) selbst produziert und reproduziert und somit in den Zirkulationsformen sich ein ganz anderer Inhalt vollzieht - "Umschlag des Eigentums- gesetzes". Das 2. Kapitel erklärt nicht, w i e die verwandelten Oberflä- chenformen sich aus dem ökonomischen Entwicklungsgang ergeben - dies ist Inhalt der fortschreitenden Analyse der ökonomischen Formbestimmungen. Auch wird noch nicht dargestellt, wie das im Warenbezug implizierte gesellschaftliche Verhältnis der Subjekte existiert (nämlich als staatlich garantiertes Rechtsverhältnis), da dies weitere Schlüsse auf andere Oberflächenformen notwendig machen würde. 3) Vgl. MEW 13/28: "Es ist dies gesellschaftlicher Prozeß, den die voneinander unabhängigen Individuen eingehen, aber sie gehen ihn nur ein als Warenbesitzer; ihr wechselseitiges Dasein fürein- ander ist das Dasein ihrer Waren, und so erscheinen sie in der Tat nur als bewußte Träger des Austauschprozesses." 4) Der Schluß von der Ware auf ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Warenbesitzern - Anerkennung als Pri- vateigentümer, Vertrag - ist bis in die parallelen Formulierungen eine implizite Kritik der Hegelschen Darstellung des Privateigen- tums in der Rechtsphilosophie. Während Hegel aus dem abstrakt freien Willen als Begriff des Willens überhaupt, der sich in Din- gen eine äußerliche Existenz geben muß, die Beziehung der Sub- jekte aufeinander ableitet - Hegel entwickelt also aus dem Ver- hältnis des freien Willens zu den Naturgegenständen vor jeder Ge- sellschaftlichkeit das Privateigentum als Begriff menschlicher Naturaneignung und leitet aus diesem Verhältnis Mensch-Ding die gesellschaftliche Beziehung der Individuen (gegenseitige Anerken- nung als Privateigentümer) als dem Wesen des Menschen adäquates Willensverhältnis ab, - stellt Marx dar, daß die spezifische öko- nomische Beziehung der Subjekte über Waren ihre gegenseitige wil- lentliche Anerkennung als Privateigentümer impliziert. Privatei- gentümer-Sein, abstrakt freier Wille ist g e s e l l- s c h a f t l i c h e F o r m b e s t i m m u n g d e s W i l- l e n s, die nicht der "Natur" des Willens entspringt: sondern ein gesellschaftliches Verhältnis voraussetzt, in dem die Sub- jekte sich ihren eigenen Produktionsverhältnissen unterwerfen, die in sachlicher Form den Zusammenhang zwischen den Individuen bestimmen. 5) Vgl. MEW 13/29 f., wo Marx allerdings in der Darstellung die ökonomischen Formbestimmungen nicht streng von ihren Durchset- zungsformen im gesellschaftlichen Handeln der Tauschsubjekte trennt. 6) Vgl. MEW 13/29; Gr/74, 910 f. In den Grundrissen und angedeu- tet auch in MEW 13 finden sich in diesem Zusammenhang weitere Ausführungen einerseits über die vorausgesetzte Arbeitsteilung und ein entwickeltes System von Bedürfnissen, andererseits über das wechselseitige Zweck-Mittel-Verhältnis der Warenbesitzer in diesem Prozeß. 7) Vgl. MEW 13/30: "Dieselbe Beziehung also soll Beziehung der Waren als wesentlich gleicher, nur quantitativ verschiedner Grö- ßen, soll ihre Gleichsetzung als Materiatur der allgemeinen Ar- beitszeit und soll gleichzeitig ihre Beziehung als qualitativ verschiedene Dinge, als besondre Gebrauchswerte für besondre Be- dürfnisse, kurz, sie als wirkliche Gebrauchswerte unterscheidende Beziehungen sein. Aber diese Gleichsetzung und Ungleichsetzung schließen sich wechselseitig aus." 8) Der Unterschied der Darstellung in der 1. Auflage und den spä- teren Auflagen (vgl. Fußnote 1) liegt abgesehen von der Strei- chung des letzten Satzes des 1. Kapitels der 1. Auflage v.a. in der Änderung dieses Passus. Die 1. Auflage argumentiert an dieser Stelle noch ganz im Sinne der Wertformanalyse und bringt so die Oberflächenargumentation in der Darstellung unmittelbar zusam- men mit der Analyse des Warenwiderspruchs in seinen entfalteten Formen: "Der Geldkrystall ist n o t w e n d i g e s Produkt des Austauschprozesses der Waren. Der immanente Widerspruch der Ware als unmittelbare Einheit von Gebrauchswerth und Tauschwerth, als P r o d u k t nützlicher P r i v a t a r b e i t die ein nur vereinzeltes Glied eines naturwüchsigen Gesamtsystems der nützli- chen Arbeiten oder der T e i l u n g d e r A r b e i t bil- det, und als V e r d o p p e l u n g d e r W a a r e i n W a a r e u n d G e l d gestaltet hat. In demselben Masse daher, worin sich die Verwandlung der A r b e i t s p r o- d u k t e i n W a a r e n, vollzieht sich die Verwandlung von W a a r e i n G e l d." (1. Auflage/48) Der Grund hierfür liegt darin, daß Marx in der 1. Auflage das allgemeine Äquivalent als Geld erst im 2. Kapitel dargestellt, diesen Mangel aber dann schon im Anhang zur 1. Auflage ausbessert. Seit der 2. Auflage sind die Ebene des Austauschprozesses und seiner historischen Entwicklung und die Ebene der Wertformanalyse klarer voneinander geschieden. Die Analogie der Wertformargumentation mit den wesentlichen Stu- fen der historischen Entwicklung, wie Marx sie im folgenden skiz- ziert, darf nicht zu dem Fehlschluß führen, die Analyse der Ware sei nichts weiter als die logische Abstraktion des Entstehungs- prozesses der Warenzirkulation. Im 1. Kapitel wird aus dem Wider- spruch der existierenden "Elementreform" Ware darauf geschlossen, daß es Geld geben muß und in diesem die anderen Wertformen aufge- hoben sind. Dagegen entwickelt sich historisch - wie im 2. Kapi- tel dargestellt - mit dem Geld auch erst der Produktentausch zum wirklichen Warentausch. 9) Vgl. 1. Auflage/783: "Man sieht, die eigentliche Geldform bie- tet an sich gar keine Schwierigkeit ... Es handelt sich nur noch darum, daß die Ausschließung o b j e k t i v e g e s e l l s c h a f t l i c h e K o n s i s t e n z und a l l g e m e i n e G ü l t i g k e i t gewinnt, daher weder a b w e c h s e l n d verschiedene Waren trifft, noch eine b l o ß l o k a l e Tragweite in nur besonderen Kreisen der Wa- renwelt besitzt." 3.Kapitel --------- Das Geld oder die Warenzirkulation ---------------------------------- Die Verdoppelung der Ware in Ware und Geld ist notwendige Konse- quenz des Warenwiderspruchs und ermöglicht ihm einen dem Begriff des Werts adäquaten Ausdruck. Mit der Trennung der beiden Pole der Wertform stellt sich die Realisierung des Warenwerts nun dar als Beziehung der Ware auf das Geld, eine Ware, der gegenüber der übrigen Warenwelt eine hervorgehobene Stellung zukommt. Die Be- währung der Ware als Vergegenständlichung gesellschaftlicher Ar- beitszeit vollzieht sich nun als Funktion des Geldes; die beson- deren Formbestimmungen, die der Bezug von Ware auf Geld ergibt, sind als Kategorien der W a r e n z i r k u l a t i o n zugleich die F u n k t i o n e n d e s G e l d e s. (1) 1. Maß der Werte ---------------- Zunächst drücken die Waren durch ihr Verhältnis zum Gold als ein- heitlicher Äquivalentware ihre gemeinsame Qualität, ihr Wertsein aus. Im Quantum Gold, das einer Ware zum Material ihres Wertaus- drucks dient, erhält die in ihr vergegenständlichte Arbeit auch ihre quantitative Bestimmung. So stellen sich alle Waren in ihrem Verhältnis zum Gold als Quanta derselben Einheit dar, das Gold fungiert als Maß ihrer Werte: "Die erste Funktion des Goldes besteht dann, der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks zu liefern oder die Warenwerte als gleichnamige Größen qualitativ gleiche und quantitativ vergleich- bare, darzustellen. So funktioniert es als allgemeines Maß der Werte, und nur durch diese Funktion wird Gold, die spezifische Äquivalentware, zunächst Geld" (MEW 23/109) (2) Da "die Äquivalentware, das Gold, bereits den Charakter von Geld besitzt", braucht eine vereinzelte Gleichung, wie "1 Tonne Eisen = 2 Unzen Gold ... nicht länger in Reih' und Glied mit den Wertgleichungen der andren Waren aufzumarschieren." (MEW 23/110) In der Gestalt der einfachen Wertform drückt nun eine einzelne Ware ihren Wert gesellschaftlich gültig aus. Der Wertausdruck ei- ner Ware im Geld ist ihre Geldform oder ihr Preis. (3) In der Preisform setzt sich die einzelne Ware mit dem gegenüber allen Waren verselbständigten Tauschwert gleich, vergleicht sich mit dem Geld, das neben ihr existiert; sie wird als ein Quantum Geld- ware vorgestellt: " Der Preis oder die Geldform der Waren ist, wie ihre Wertform überhaupt, eine von ihrer handgreiflich reellen Körperform unter- schiedne, also nur ideelle oder vorgestellte Form." (MEW 23/110) (4) Wenn so der Wert einer Ware als ein Quantum der Geldware vorge- stellt wird, in dem gleichviel Arbeit vergegenständlicht ist wie in ihr selbst, dann ist zwar die Existenz der Geldware unter- stellt, die Quantität, in der sie tatsächlich vorhanden ist, für die Preisform der Ware aber gleichgültig. "In seiner Funktion des Wertmaßes dient das Geld daher - als nur vorgestelltes oder ideelles Geld " (MEW 23/111) Dennoch bleibt festzuhalten, daß durch den Ausdruck des der Ware immanenten Wertmaßes, der Arbeitszeit, die auf sie verwandt wurde, im Quantum Gold, das dieselbe Arbeitszeit enthält, der Preis vom reellen Geldmaterial durchaus abhängt. Je nachdem, wie- viel Arbeitszeit in einem bestimmten Quantum der Geldware verge- genständlicht ist, ändert sich der in ihr vollzogene Preisaus- druck. Die Warenwerte sind auf beiden Seiten der Gleichung x Ware A = y Geldware vorausgesetzt, es geht nur darum, sie quan- titativ zu vergleichen und so die einzelne Ware mit anderen als Quantum desselben Dings zu vergleichen: (5) " Als solche verschiedne Goldquanta vergleichen und messen sie sich untereinander, und es entwickelt sich technisch die Notwen- digkeit, sie auf ein fixiertes Quantum Gold als ihre Maßeinheit zu beziehn. Diese Maßeinheit selbst wird durch weitere Einteilung in aliquote Teile zum Maßstab fortentwickelt." (MEW 23/112) Die Fixierung eines Maßstabs der Preise hat die Eigenschaft der Geldware, selbst Arbeitsprodukt zu sein, "also der Möglichkeit nach ein veränderlicher Wert" (MEW 23/113), zur Voraussetzung, betrifft aber als bestimmtes Metallgewicht, das anderen Quantis Gold als Einheit dient, die Funktion des Goldes als Maß der Werte nicht: "Als Maß der Werte und als Maßstab der Preise verrichtet das Geld zwei ganz verschiedne Funktionen. Maß der Werte ist es als die gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, Maßstab der Preise als ein festgesetztes Metallgewicht. Als Wert- maß dient es dazu, die Werte der bunt verschiednen Waren in Preise zu verwandeln; als Maßstab der Preise mißt es diese Gold- quanta." (MEW 23/113) Dem interessierten Blick des Zirkulations- agenten freilich, dem auch die Vorstellung entspringt, das Geld mache die Waren kommensurabel (vgl. MEW 23/109), verschwindet die Differenz zwischen Maß der Werte und Maßstab der Preise: die aus der Konfusion zweier Probleme - der Fixierung eines Maßstabs der Preise und der Veränderlichkeit des Werts der Geldware - erwach- senen "Theorien über die Maßeinheit des Geldes" hat Marx in MEW 13/59 ff. kritisiert. Ob als Vorstellung von einer "idealen Maß- einheit des Geldes" oder als Lehre von der Arbeitszeit als unmit- telbarer Maßeinheit des Geldes vertreten, zeichnen sich diese Theorien dadurch aus, daß sie im Geld als Wertmaß nicht die "notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit" (MEW 23/ 109) erkennen und auch den Geldnamen der in der Ware vergegenständlichten Arbeit nicht als notwendige, "begriffslos sachliche, aber auch einfach gesellschaftliche Form" (MEW 23/116) erfassen können, zu der sich der Wert fortentwickeln muß. Die Rechennamen des Geldes würden - wären sie Namen für be- stimmte Quanta Arbeitszeit - der Inhaltsbestimmung des Wertes zu- widerlaufen oder anders, in Erinnerung an die Analyse der Wert- form ausgedrücket: die Wertgröße einer Ware muß sich als Q u a n t u m e i n e r S a c h e darstellen, hier der Geld- ware: "Die Wertgröße der Ware drückt also ein notwendiges, ihrem Bildungsprozeß immanentes Verhältnis zur gesellschaftlichen Ar- beitszeit aus. Mit der Verwandlung der Wertgröße in Preis er- scheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer ihr existierenden Geldware. In diesem Verhält- nis kann sich aber ebensowohl die Wertgröße der Ware ausdrücken, als das Mehr oder Minder worin sie unter gegebnen Umständen ver- äußerlich ist. Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße, oder die Abweichung des Preises von der Wertgröße liegt also in der Preisform selbst. Es ist dies kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise worin sich die Regel nur als blind- wirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann," (MEW 23/117) (6) - einer Produktionsweise, in der sich die in einem Produkt enthaltene individuelle Arbeitszeit zunächst nur theoretisch als Teilquantum der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, als Preis darstellt, sich als tatsächlich gesellschaftlich not- wendige Arbeitszeit aber erst über die Beziehung auf Produkte an- derer Arbeiten bewähren muß. Wenn Marx im Anschluß an die Erwähnung des Sachverhalts, daß aus verschiedensten Gründen eine Trennung der Geldnamen der Metallge- wichte von ihren ursprünglichen Gewichtsnamen erfolgt ist, be- merkt, daß der Geldmaßstab, da er allgemeiner Gültigkeit bedarf, "gesetzlich reguliert" wird (MEW 23/114 f.), so handelt es sich keineswegs um einen Schritt in der Ableitung des bürgerlichen Staates, sondern um die Benennung einer Aufgabe, die ihm gegen- über der Konkurrenz der Waren- und Geldbesitzer, die sich als universeller Austauschprozeß abspielt, zukommt. In der allgemei- nen Gültigkeit des Maßstabs der Preise schaffen sich die Agenten des Zirkulationsprozesses eine Bedingung ihrer ökonomischen Be- ziehungen, die sie als partikulare Warenbesitzer nicht herzustel- len in der Lage sind. Solche Bedingungen werden im "Kapital" häu- fig aufgegriffen, wenn auf die Betätigung der Subjekte als Reprä- sentanten der ökonomischen Kategorien reflektiert wird - jedoch nie im Sinne einer systematischen Entwicklung des Staates (die aus der Darstellung der Konkurrenz zu erfolgen hat): meist - so auch in diesem Fall - handelt es sich um eine Kritik der Vorstel- lungen von Ökonomen, die ganz in der Manier der Zirkulationsagen- ten die vermittelnde Tätigkeit des Staates zur Erklärung der öko- nomischen Kategorien heranziehen und seine auf die Variationen der Wertgrößen von Waren und Geld ohne Einfluß bleibenden, diese gerade voraussetzenden Fixierungen des M a ß s t a b s d e r P r e i s e unmittelbar als Grund für die Schranken auffassen, die sich im Zirkulationsprozeß wahrnehmen lassen. (7) In der Preisform ist die einzelne Ware R e p r ä s e n t a n t von Geld, d.h. sie g i l t als Vergegenständlichung gesell- schaftlich notwendiger Arbeitszeit in abstrakt allgemeiner Form, i s t es aber nicht. Marx macht diesen Widerspruch am Warenhüter deutlich. " Jeder Warenhüter weiß, daß er seine Waren noch lange nicht vergoldet, wenn er ihrem Wert die Form des Preises oder vorge- stellte Geldform gibt, und daß er kein Quentchen wirkliches Gold braucht um Millionen Warenwerte in Gold zu schätzen." (MEW 23/111) Die I d e a l i t ä t, die das Geld als Maß der Werte besitzt, zeigt als p o s i t i v e Bestimmung der Ware, deren Wertform hier als Vergleich mit dem getrennt von ihr existenten Geld ent- wickelt ist, daß die preisbestimmte Ware sich n e g a t i v zu sich selbst verhält: "Wie die relative Wertform überhaupt, drückt der Preis den Wert einer Ware, z.B. einer Tonne Eisen, dadurch aus, daß ein be- stimmtes Quantum Äquivalent, z.B. eine Unze Gold, unmittelbar austauschbar mit Eisen, aber keineswegs umgekehrt, daß seiner- seits das Eisen unmittelbar austauschbar mit Gold ist". (MEW 23/117) Eine preisbestimmte Ware drückt also aus, daß sie von Geld gekauft werden kann und macht ihre Realität als einzelner Ge- brauchswert geltend als identisch mit der Geldware: ihre Gleich- setzung mit dem Gold ist als i d e e l l e objektiv, fordert also ihre R e a l i s i e r u n g (8), sie muß in Gold verwan- delt werden: "Im ideellen Maß der Werte lauert daher das harte Geld." (MEW 23/118) (9) 2. Zirkulationsmittel --------------------- a) Die Realisierung der Einheit mit dem allgemeinen Äquivalent, die an der preisbestimmten Ware nur ideell gegeben ist, kann auf- grund der Trennung der Geldware von allen Waren nur als tatsäch- liches Übergehen der Ware in Geldform geschehen. Die gegensätzli- chen Formunterschiede der Waren werden zu ihren Bewegungsformen sie bewährt sich als Ware, indem sie sich in Geld verwandelt: "In diesen Gegensatz treten die Waren als Gebrauchswerte dem Geld als Tauschwert gegenüber. Andererseits sind beide Seiten des Ge- gensatzes Waren, also Einheiten von Gebrauchswert und Wert. Aber diese Einheit von Unterschieden stellt sich auf jedem der beiden Pole umgekehrt dar, und stellt dadurch zugleich deren Wechselbe- ziehungen dar. Die Ware ist reell Gebrauchswert, ihr Wertsein er- scheint nur ideell im Preis, der sie auf das gegenüberstehende Gold als ihre reelle Wertgestalt bezieht. Umgekehrt gilt das Goldmaterial nur als Wertmateriatur, Geld. Es ist reell daher Tauschwert. Sein Gebrauchswert erscheint daher nur noch ideell in der Reihe der relativen Wertausdrücke, worin es sich auf die ge- genüberstehenden Waren als den Umkreis seiner reellen Gebrauchs- gestalten bezieht. Diese gegensätzlichen Formen der Waren sind die wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschprozesses." (MEW 23/1199) (10) Der Austausch von Ware gegen Geld, W-G, ist die Bewegung, durch die eine Ware ihre Einheit als Gebrauchswert und Tauschwert re- alisiert, die sie als preisbestimmte nur ideell besitzt; durch ihre Verwandlung in Geld erweist sie die in ihr vergegenständ- lichte Arbeit als gesellschaftlich notwendige, indem sie sich als Teil der gesellschaftlich verausgabten Arbeit in abstrakt-allge- meiner Form setzt. Ihr Preis wär nur Ausdruck des frommen Wun- sches, "Gold zu werden, d. h. der in ihr enthaltenen Arbeitszeit die Gestalt der allgemeinen Arbeitszeit zu geben." (MEW 13/70) Marx faßt die erste Metamorphose am Verhältnis des Warenbesitzers zu seiner Ware und zum Geld, das er für sie erhalten will, zusam- men. Seine besondere Tätigkeit hat einen bestimmten Gebrauchswert hervorgebracht, der ihm aber nicht als unmittelbarer Gegenstand seines Bedürfnisses dient, sondern als Tauschwert. "Allgemeine gesellschaftlich gültige Äquivalentware erhält es (sein Produkt) aber nur im Geld, und das Geld befindet sich in fremder Tasche. Um es herauszuziehen muß die Ware vor allem Gebrauchswert für den Geldbesitzer sein, die auf sie verausgabte Arbeit also in gesell- schaftlich nützlicher Form verausgabt sein oder sich als Glied der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bewähren." (MEW 23/121) Doch ist im Preis nicht nur die Verwandlung der Ware in Geld überhaupt antizipiert, sondern auch eine quantitative Bestimmung des Geldes angezeigt, in das sie sich umsetzen soll: "Er soll auf sein Produkt nur den gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt von Arbeitszeit verausgabt haben. Der Preis der Ar- beit ist also nur Geldname des in ihr vergegenständlichten Quan- tums gesellschaftlicher Arbeit." (MEW 23/121) Am Beispiel des Leinwandwebers ist ausgeführt, wie die über die Wertgegenständlichkeit der Produkte vermittelte Arbeitsteilung ihren naturwüchsigen Charakter geltend macht: der Warenbesitzer erfährt erst auf dem Markt, ob in seinem Produkt gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit vergegenständlicht ist. Unabhängig von ihm, "hinter seinem Rücken kann sich die Produktivität der Lein- wandweberei verändern und/oder auch die Proportion der gesell- schaftlichen Gesamtarbeit, welche auf die Leinwandweberei ver- teilt ist, wechseln. Es zeigt sich, daß in "gesellschaftlich not- wendiger Arbeitszeit" sowohl die durchschnittliche Produktivität einer nützlichen Arbeit als auch der Bezug auf das quantitativ gefaßte gesellschaftliche Bedürfnis ("das gesellschaftliche Be- dürfnis ... hat sein Maß" (MEW 23/ 121) impliziert ist - an der Ware: ihr G e b r a u c h s w e r t bleibt Grundlage ihres Wertseins! (11) Im Vollzug der Bewegung W-G, des V e r k a u f s einer Ware wird nicht nur der Preis oder die ideelle Wertform der Ware re- alisiert; dieselbe Bewegung ist umgekehrt "Realisierung des nur ideellen Gebrauchswertes des Geldes." "Der eine Prozeß ist zwei- seitiger Prozeß, vom Pol des Warenbesitzers Verkauf, vom Gegenpol des Geldbesitzers Kauf. Oder Verkauf ist Kauf, W-G zugleich G-W." (MEW 23/123) Jeder der beiden ineinander übergehenden Pole ist das reell, was der andere ideell ist und umgekehrt. So haben wir es beim Formwechsel W-G nicht bloß, wie beim Maß der Werte mit vorgestelltem Geld auch tun, sondern mit t a t s ä c h l i c h v o r h a n d e n e m: "Reelles Geld wird es, weil die Waren durch ihre allseitige Ver- äußerung es zu ihrer wirklich entäußerten oder verwandelten Ge- brauchswertgestalt und daher zu ihrer wirklichen Wertgestalt ma- chen." (MEW 23/123) (12) Was die Bewegung W-G zunächst als ihre Umkehrung in sich enthält, die Bewegung G-W, ist eine Metamorphose, die die in Geld verwan- delte Ware selbst zu. vollziehen hat: denn durch ihre Verwandlung in Geld hat sie zwar ihre Bestimmung, Wert zu sein, realisiert, andrerseits ist aber ihr Gebrauchswert im Geld aufgegangen; und als Geld ist sie zwar unmittelbar austauschbar, Darstellung ab- strakt - allgemeiner Arbeit - bezieht sich aber auf kein men- schliches Bedürfnis; außer auf das formale, auf seine Funktion als allgemeines Äquivalent gerichtete. Als realisierter Preis ist sie nicht mehr Gebrauchswert. (13) "Sobald die Ware nun in Geld verwandelt, wird letzteres zu ihrer verschwindenden Äquivalentform, deren Gebrauchswert oder Inhalt diesseits in andren Warenkörpern existiert. Als Endpunkt der er- sten Warenverwandlung ist das Geld zugleich Ausgangspunkt der zweiten" (MEW 23/125) Damit ergibt sich die Beziehung der preisbestimmten Ware auf das Geld als ein aus den umgekehrten Bewegungsphasen der Warenmeta- morphose zusammengesetzter Kreislauf, an dessen Endpunkt sie als negierter Tauschwert oder realisierter Gebrauchswert erscheint. Als preisbestimmte charakterisiert sich die in Gebrauchswertge- stalt ihren Kreislauf beginnende Ware als Exemplar einer Waren- gattung, als B e s o n d e r h e i t, die sich zum Geld als au- ßer ihr existente A l l g e m e i n h e i t verhält: es ist i h r e allgemeine Wertgegenständlichkeit die ihr im Geld gegen- übertritt: "Aber womit tauscht sich die Ware aus? Mit ihrer allgemeinen Wertgestalt. Und womit das Gold? Mit einer besondren Gestalt sei- nes Gebrauchswertes." (MEW 23/122 f) Anders das Verhältnis des Geldes zur Ware, in die es sich umsetzt als realisierter Preis: sie bestimmt sich als negierter Tausch- wert, somit in Form eines bedürfnisbefriedigenden Gegenstandes - was Marx wiederum am Subjekt, dem Repräsentanten der zirkulieren- den Ware ausdrückt: "Am Ausgangspunkt ist die Nicht-Gebrauchswert, am Endpunkt Ge- brauchswert für ihren Besitzer." (MEW 23/126) (14) In der Analyse der Warenmetamorphose kommt so die bestimmte Form zum Vorschein, in der sich der gesellschaftliche Stoffwechsel vollzieht. Bereits in der ersten Metamorphose W-G ist unter- stellt, daß eine andere Ware sich in Geld verwandelt hat, das sich gegenüber der übrigen Warenwelt als Material ihres Wertaus- drucks betätigt und dessen eigener Wert in den Warenpreisen be- reits gegeben ist. Ebenso setzt die Metamorphose G-W preisbe- stimmte, schon auf Geld als ihren Wertausdruck bezogene Waren voraus, die sich so als Produkte eines gesellschaftlichen Zusam- menhangs von Arbeiten ausweisen: "Die zwei Metamorphosen, die den Kreislauf einer Ware, bilden zugleich die umgekehrten Teilmetamorphosen zweier andren Waren. Dieselbe Ware eröffnet die Reihe ihrer eignen Metamorphosen und schließt die Gesamtmetamorphose einer andren Ware. Während ihrer ersten Wandlung, dem Verkauf, spielt sie diese zwei Rollen in eigner Person. Als Goldchrysalide dagegen, worin sie den Weg allen Fleisches wandert, endet sie zugleich die Metamorphose ei- ner dritten Ware. Der Kreislauf, den die Metamorphosenreihe jeder Ware beschreibt, verschlingt sich also unentwirrbar mit den Kreisläufen andrer Waren. Der Gesamtprozeß stellt sich dar als Warenzirkulation." (MEW 23/126) (15) Diese Bewegung, die den gesellschaftlichen Zusammenhang reali- siert, welchen wir im Wertsein der einzelnen Ware, in ihrer Ein- heit mit andrer Ware analysiert haben, zeigt nun durch die Ver- mittlung über das Geld als festen Wertkristall, daß sie bloße Verlaufsform des Warenwiderspruchs ist, ihn in neuer Gestalt er- scheinen laßt. Denn im Geld als notwendigem Durchgangsstadium der Warenmetamorphose ist nicht nur die innere Einheit der beiden Ex- treme W-W, sondern auch ihre Trennung gegenständlich. " Da die erste Metamorphose der Ware zugleich Verkauf und Kauf, ist dieser Teilprozeß zugleich selbständiger Prozeß ... Daß die sebständig einander gegenübertretenden Prozesse eine innere Einheit bilden, heißt ebensosehr, daß ihre innere Einheit sich in äußeren Gegensätzen bewegt." (MEW 23/127) (16) Die Warenzirkulation ist also nicht begriffen, faßt man sie als das, was in ihrem Resultat vollbracht ist, nämlich als gesell- schaftliche Bewegung, in der Gebrauchswerte gegen Gebrauchswerte getauscht werden. Die Form, in der sich diese Bewegung vollzieht - die Vermittlung über das Geld, welches somit als Z i r k u l a t i o n s m i t t e l fungiert - zeigt, daß sie nicht bloße Erweiterung des unmittelbaren Produktenaustausches ist. "Die Zirkulation sprengt die zeitlichen, örtlichen und indi- viduellen Schranken des unmittelbarn Produktenaustausches eben dadurch, daß sie die hier vorhandene unmittelbare Identität zwi- schen dem Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Ar- beitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet.": (17) Möglichkeit der Krise. Der Verselbständigung von Verkauf und Kauf gegeneinander ist so- mit als die Entwicklung des Widerspruches gekennzeichnet, der sich schon an der preisbestimmten Ware zeigt: gilt sie dort schon als bloßer Repräsentant von Geld, bewährt sie sich in der Zirku- lation a l s W a r e dadurch, daß sie sich in Geld verwandelt. Obgleich einerseits bloßes Mittel für den Stellenwechsel der Waren, ist für diese ihre Verwandlung in Geld auch vorübergehender Zweck. Während die Waren durch ihre Zirkulation zu negierten Tauschwerten, deshalb zu Gegenständen der individuellen Konsumtion werden, bleibt das Geld im Kreislauf neuer Waren erhalten, die ihre Metamorphose vollziehen, indem sie sich zum Mittel für das Geld machen: "Der Zirkulationsprozeß erlischt deswegen auch nicht, wie der un- mittelbare Produktenaustausch, in dem Stellen- und Händewechsel der Gebrauchswerte. Das Geld verschwindet nicht, weil es schließ- lich aus der Metamorphosenreihe einer Ware herausfällt... Der Er- satz von Ware durch Ware läßt zugleich an dritter Hand die Geld- ware hängen. Die Zirkulation schwitzt beständig Geld aus." (MEW 23/126 f.) Die gesellschaftlichen Subjekte stellen sich als Agenten des Zir- kulationsprozesses in Gestalt von Waren- und Geldbesitzer dar. "Diese zwei entgegengesetzten Wandlungen der Ware vollziehen sich in zwei entgegengesetzten gesellschaftlichen Prozessen des Waren- besitzers und reflektieren sich in zwei entgegengesetzten ökono- mischen Charkateren derselben ... Wie dieselbe Ware die zwei um- gekehrten Wandlungen sukzessiv durchläuft, aus Ware Geld und aus Geld Ware wird, so wechselt derselbe Warenbesitzer die Rollen von Verkäufer und Käufer. Es sind dies also keine festen, sondern in- nerhalb der Warenzirkulation beständig die Personen wechselnden Charaktere." (MEW 23/125), Die Bestimmung der Subjekte als f r e i e und g l e i c h e, ihre wechselseitige Gleichgültig- keit gegen die sie kennzeichnenden Unterschiede hat im Austausch- prozeß, der die Verlaufsform der K o n k u r r e n z darstellt, ihren Ursprung (Vgl. Grundrisse/151 ff). Abstrakt ist im Tausch- verkehr bereits der Zwang für das Individuum enthalten, "daß sein unmittelbares Produkt kein Produkt für es ist sondern solches erst w i r d im gesellschaftlichen Prozeß und diese allgemeine und doch äußerliche Form annehmen muß." (Grundrisse/159), und jeder einzelne den anderen als Mittel für seinen besonderen Zweck behandeln muß (155). Zugleich kommt im Austausch als universeller Verkehrsform dieser Gesellschaft zum Ausdruck, daß es sich nicht mehr um unmittelbare Gewaltverhältnisse handelt, in die die Indi- viduen zueinander treten. Marx warnt daher vor falscher Lamentie- rerei über den "Verlust" an Individualität, die sich aus der Be- trachtung des Austauschverhältnisses ergibt, aus zwei Gründen: sie vergißt einmal, daß in der wechselseitigen Anerkennung der Warenbesitzer durchaus ein Schritt der Emanzipation gegenüber früheren Gesellschaftsformationen ausgedrückt ist, zum anderen ist das für die kapitalistische Gesellschaft wesentliche Ausbeu- tungsverhältnis zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern in der Beziehung der Austauschagenten noch versteckt: So albern es daher ist, diese ökonomisch bürgerlichen Charaktere von Käufer und Ver- käufer als ewige gesellschaftliche Formen der menschlichen Indi- vidualität aufzufassen, so verkehrt ist es, sie als Aufhebung der Individualität zu betränen. Sie sind notwendige Darstellung der Individualität auf Grundlage einer bestimmten Stufe des gesell- schaftlichen Produktionsprozesses. Im Gegensatz von Käufer und Verkäufer drückt sich zudem die antagonistiche Natur der bürger- lichen Produktion noch so oberflächlich formell aus, daß dieser Gegensatz auch vorbürgerlichen Gesellschaftsformen angehört, in- dem er bloß erheischt, daß die Individuen sich aufeinander als Inhaber von Waren beziehen." (MEW 13/76 f) b) Die Metamorphose der Waren ist die Bewegung, die sie als preisbestimmte Gebrauchswerte durchlaufen müssen, um sich als Teil der vergegenständlichten gesellschaftlichen Gesamtarbeit zu bewähren. Die Analyse ihrer Form zeigt, daß die Ware i h r e Metamorphose nur in ihrem ersten Teil s e l b s t vollzieht; ihr zweiter Teil ist ein Schritt, den das Gold, in das sie ver- wandelt ist, verrichtet. "In ihrer ersten Zirkulationshälfte wechselt die Ware den Platz mit dem Geld. Damit fällt zugleich ihre Gebrauchsgestalt aus der Zirkulation heraus, in die Konsumtion. Ihre Wertgestalt oder Geldlarve tritt an ihre Stelle. Die zweite Zirkulationshälfte durchläuft sie nicht mehr in ihrer eignen Naturalhaut, sondern in ihrer Goldhaut." (MEW 23/129) Im Gesamtprozeß der Zirkulation bewegt sich also jede Ware nur einmal, der ergänzende Schritt ihrer Metamorphose ist eine Funk- tion des Geldes, das damit - obgleich bloßer V e r m i t t l e r der Warenzirkulation - zum selbständigen Element der Zirkulation wird: gerade weil es ganz der Bewegung der Waren dient, erhält es durch d e r e n Metamorphose seine S e l b s t ä n d i g k e i t in der Funktion des Zirkulations- mittels: "Jede Ware, bei ihrem ersten Schritt in die Zirkulation, bei ih- rem ersten Formwechsel, fällt aus der Zirkulation heraus, in wel- che stets neue Ware eintritt. Das Geld dagegen als Zirkulations- mittel haust beständig in der Zirkulationssphäre und treibt sich beständig in ihr herum." (MEW 23/131) (18) Die Realisierung der Warenpreise scheint somit vom Standpunkt des Zirkulationsagenten nicht nur übers Geld vermittelt, sondern die Leistung des Geldes zu sein. Als bleibendes Element des Zirkula- tionsprozesses dient es dem Käufer als Mittel, sich fremde Ware anzueignen, "es funktioniert als Kaufmittel, indem es den Preis der Ware realisiert." (MEW 23/129) (19). Doch handelt es sich bei dieser Subsumtion des Zirkulationsmittels, seiner Bestimmung als Realisator der Warenpreise unter den Zweck des Kaufens - wie bei allen Varianten des falschen Bewußtseins - nicht um einen schlichten Irrtum der Zirkulationsagenten, sondern um eine not- wendige Verkehrung des Verhältnisses von Ware und Geld, die im Zirkulationsprozeß selbst ihre objektive Grundlage besitzt. Das Geld erscheint tatsächlich als Subjekt der Bewegung: "Es entfernt die Waren beständig aus der Zirkulationssphäre, in- dem es beständig an ihre Zirkulationsstelle tritt und sich damit von seinem eignen Ausgangspunkt entfernt. Obgleich daher die Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint umge- kehrt die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung." (MEW 23/130) Aus seiner durch die Bewegung der Waren bestimmten Funktion er- hält es eine ihm eigentümliche Bewegungsform, die in den Gesetz- mäßigkeiten des G e l d u m l a u f s zusammengefaßt wird (20). So sehr sich diese ihrem Inhalt nach - wieviel Geld im Zirkulati- onsprozeß vorhanden ist, bestimmt sich durch die "Preisbewegung, die zirkulierende Warenmasse und endlich die Umlaufsgeschwindig- keit des Geldes" (MEW 23/135) - als bloßer Ausdruck des Prozesses der Warenwelt erweisen und den bedingten Charakter des Geldum- laufs dokumentieren (21), sind sie als Gesetze des G e l d um- laufs auch Resultat einer spezifischen Verselbständigung, die das Geld als Mittler der Warenmetamorphose erfährt. Sein Vorhandensein im Zirkulationsprozeß ist hier die Bedingung seiner vermittelnden Rolle; seine auf die p r o z e s s i e r e n d e W a r e n w e l t bezogene Funktion verlangt seine Existenz in bestimmter Masse (22). Mit den Gesetzen des Geldumlaufs wird also eine F o r m d e r S e l b s t ä n d i g k e i t des Geldes formuliert, in der es sich der Metamorphose der Waren u n t e r o r d n e t - es ist nicht mehr die bloße Existenz eines von den Waren getrennten allgemeinen Äquivalents, was in dem Verhältnis des Geldes zum P r o z e ß der Warenzirkulation zum Vorschein kommt, andererseits tritt es in dieser Selbstän- digkeit noch nicht in eine n e g a t i v e B e z i e h u n g auf die Warenwelt (23). c) Auf den Gesamtprozeß der Zirkulation bezogen, ist das Geld nur D u r c h g a n g s s t u f e im allseitigen Händewechsel der Waren. Zwar muß jede Ware, um ihren Preis zu realisieren, Geld- form annehmen, aber nur um sie wieder abzustreifen (24). Die Er- setzung von Quantität durch die Umlaufsgeschwindigkeit, die dar- auf beruht, daß ein und dasselbe Geldstück einer Reihe von Meta- morphosen als Vermittler dienen kann, macht bereits deutlich, daß das Vorhandensein des Geldes in der Zirkulation ganz mit seiner Mittlerfunktion zusammenfällt. Die Münze, der "in dem Preise oder Geldnamen der Waren vorgestellte Gewichtsteil Gold", der "ihnen in der Zirkulation als gleichnamiges Goldstück" (MEW 23/138) ge- genübertritt, "funktioniert fortwährend als Zirkulationsmittel und existiert daher ausschließlich als Träger dieser Funktion: Ihre Bewegung stellt nur das fortwährende Ineinanderumschlagen der entgegenge- setzten Prozesse der Warenmetamorphose W-G-W dar, worin der Ware ihre Wertgestalt nur gegenübertritt, um sofort wieder zu ver- schwinden. Die selbständige Darstellung des Tauschwerts der Ware ist hier nur flüchtiges Moment." (MEW 23/143) Das völlige Aufgehen der Münze in ihrer Funktion, der verschwin- dende Charakter, den die Realisierung der Preise im Geld hier aufweist, macht dessen materielle Existenz zu etwas Gleichgülti- gem. In der wiederholten Funktion eines Goldstücks kommt zum Vor- schein, daß es in der Zirkulation mehr Wert vertritt, als es sel- ber darstellt; es r e p r ä s e n t i e r t Geld, statt selbst Geld zu s e i n. Als Zirkulationsmittel erfährt das Geld eine I d e a l i s i e r u n g (25): weil es nur als Zeichen seiner selbst fungiert, kann es durch bloße W e r t z e i c h e n er- setzt werden. Insofern es außerhalb seiner Funktion diese Ideali- sierung keineswegs erfahrt, tritt sein Scheindasein als Zirkula- tionsmittel in Konflikt mit seinem wirklichen Dasein als Metall und Materiatur des Werts (26), falls tatsächlich Gold zirkuliert - was Marx am historischen Phänomen des Verschleißens der Gold- münzen darstellt: "Das Gold als Zirkulationsmittel weicht ab vom Gold als Maßstab der Preise, und hört damit auch auf. wirkliches Äquivalent der Waren zu sein, deren Preise es realisiert." (MEW 23/139). In dieser durch den Geldumlauf selbst vollzogenen Scheidung zwi- schen Realgestalt und Nominalgehalt der Münze kommt nur zum Aus- druck, daß die Münzfunktion des Goldes. dann auch der an seine Stelle gesetzten Silber- und Kupfermarken unabhängig "von ihrem Gewicht, d.h. von allem Wert" ist. "Das Münzdasein des Goldes scheidet sich völlig von seiner Wertsubstanz" (MEW, 23/14). Auf das Wertsein des Geldzeichens kommt es also gar nicht an (27). Die Sicherung seiner "objektiv gesellschaftlichen Gültigkeit", deren die im Umlauf befindlichen Geldzeichen bedürfen und die aufgrund des praktischen Idealismus, zu dem das Geld hier fort- geht, der Staat übernimmt (28), verändert nicht die Gesetze des Geldumlaufs, sondern bleibt ihnen unterworfen: "Papierzettel..., denen Geldnamen aufgedruckt sind, werden vom Staat äußerlich in den Zirkulationsprozeß hineingeworfen. Soweit sie wirklich an der Stelle der gleichnamigen Geldsumme zirkulie- ren, spiegeln sich in ihrer Bewegung nur die Gesetze des Geldum- laufs selbst wieder. Ein spezifisches Gesetz der Papierzirkula- tion kann nur aus ihrem Repräsentationsverhältnis zum Gold ent- springen. Und dies Gesetz ist einfach dies, daß die Ausgabe des Papiergelds auf die Quantität zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold wirklich zirkulieren müßte." (MEW 23/141) (29) Zwar kann der Staat beliebig viele Wertzeichen in Umlauf setzen, kann aber nicht verhindern, daß sich die immanenten Gesetze der Zirkulation geltend machen. Im allgemeinen Steigen der Preise werden die Wertzeichen dem Quantum Gold angeglichen, an dessen Stelle sie scheinbar zirkulieren. "Die Wirkung ist dieselbe, als wäre das Gold in seiner Funktion als Maß der Preise verändert worden." (MEW 23/142) Die Zirkulation, in deren Bewegung die Wa- ren eintreten, um sich als Werte darzustellen, hat ein doppeltes Resultat. Die Waren waren durch sie Gegenstände der Konsumtion, existieren also als Moment des Reichtums nicht in der allgemeinen Form des Werts, sondern als jeweils besondere Gegenstände des Be- dürfnisses. Werte sind sie innerhalb der Zirkulation nur i d e e l l, sei es nun in der Preisform als vorgestelltes Quan- tum Geldware oder als "verschwindend objektivierter Reflex der Warenpreise" in Gestalt des Geldes als Münze. Das G e l d das als selbständige Darstellung des Warenwerts in einer besonderen Ware Voraussetzung für die Zirkulation ist, ist als Maß der Werte, auf das sich die Waren beziehen, bloß v o r g e s t e l l t e s Geld und gleichgültig gegen die Quan- tität, worin es vorhanden ist. Durch sein Aufgehen in der Funk- tion der Vermittlung erfährt es eine Idealisierung, die seine tatsächlich vorhandene Gestalt zum Zeichen seiner selbst macht (30). Wenn die Waren in der für sie notwendigen Zirkulationsbewe- gung sich nur als Repräsentanten des Geldes betätigen, umgekehrt das Geld innerhalb der Zirkulation nur als ideelles fungiert, dann muß die wirkliche Darstellung des Werts im Geld als dessen F e s t h a l t e n g e g e n d i e Z i r k u l a t i o n er- folgen (31). An die Stelle der Funktionalisierung des Geldes für die Zirkulation muß die Realisierung der Warenpreise nicht nur v o r ü b e r g e h e n d dem i d e e l l e n Geld, sondern dem r e e l l e n Geld als E n d z w e c k unterworfen wer- den. Statt des Stoffwechsels ist dann das Geld, "als alleinige Wertgestalt oder allein adäquates Dasein des Tauschwerts allen anderen Waren als bloßen Gebrauchswerten gegenüber fixiert" (MEW 23/144), das Resultat und der Inhalt des Formwechsels der Ware. 3. Geld ------- Als Voraussetzung der Zirkulation ist das Geld die reelle Wertge- stalt d e r W a r e n, die getrennt von ihnen existiert: der Warenwert muß in der Verwandlung von Ware in Geld r e a l i s i e r t werden. In der Zirkulation erscheint es als verschwindend - ideelle Darstellungsform der Warenwerte; die Re- alisierung der Preise als beständiges Übergehen von Ware in Geld und von Geld in Ware macht das Geld zum bloßen Mittel des Austau- sches von Ware gegen Ware. Da die Bewegung, durch die der Waren- wert realisiert wird, zugleich diesen ihr immanenten Zweck ne- giert, ist das Geld erst dann wirklich Geld, wenn es als reali- sierter Preis existiert, ohne sich in besondere Ware zu verwan- deln. Das Geld in seiner dritten Bestimmung ist als das selbstän- dig vorhandene "Formdasein der Ware" (MEW 13/101) zugleich Resul- tat der Zirkulation u n d deren Negation. Es enthält die Be- stimmung des Wertmaßes ebenso wie die des Zirkulationsmittels, ohne in der einen oder anderen aufzugehen: selbständige Existenz- form des Werts, mißt es nicht den Wert von anderem (von besonde- ren Waren), sondern seinen eigenen; es r e p r ä s e n t i e r t auch nicht Geld, sondern i s t Geld: nicht die bloße Form des gesellschaftlichen Reichtums, sondern der Reichtum als besonderer Gegenstand. Als eine Ware, die nicht mehr bloß "besonderes Moment des Reichtums" ist, stellt die Geldware den abstrakten Reichtum in ihrer materiellen Existenz dar; sie ist die "einzig wirkliche Ware" (MEW 13/102): "Im Gegensatz zu den Waren, die das selbständige Dasein des Tauschwerts, der allgemeinen gesellschaftlichen Arbeit, des ab- strakten Reichtums, nur vorstellen, ist Gold d a s m a t e r i e l l e D a s e i n d e s a b s t r a k t e n R e i c h t u m s." (MEW 13/102) Doch kommt dem Gold diese Bestimmung nicht von Natur zu. Es ist Geld durch seine Beziehung auf die Waren und ihre Bewegung, es steht der Zirkulation selbständig gegenüber, "aber diese seine Selbständigkeit ist nur ihr eigener Prozeß." (Grundrisse/130) Unmittelbare Inkarnation der allgemeinen Arbeit kann die Geldware nur im V e r h ä l t n i s zu den Produkten aller besonderen Arbeiten sein. Das Gold r e p r ä s e n t i e r t in seinem Ge- brauchswert die Gebrauchswerte aller Waren (32), insofern es un- mittelbar in den Gegenstand jedes Bedürfnisses umsetzbar ist; der Zirkulationsprozeß der Waren, von dem es sich sondert, ist die bleibende Garantie für seine Qualität als allgemeiner Reichtum. Die unterschiedenen Existenzweisen des Geldes als Geld sind des- halb zu fassen als Modifikationen seines Verhältnisses zur Zirku- lation. a) Schatz --------- Die Metamorphose der Waren enthält in ihrem ersten Teil bereits den Formwechsel, die Verwandlung der Ware in Geld als vorüberge- henden Zweck und damit die Möglichkeit der Trennung von Verkauf und Kauf. Was sich in der Zirkulation als deren Begleiterschei- nung abspielt, die Verwandlung von Zirkulationsmittel in Geld ("suspendierte Münze"), gleicht formell der Schatzbildung, ist aber wesentlich von ihr unterschieden. Die Immobilisierung des Zirkulationsmittels ist Bedingung seiner Funktion, in der Schatz- bildung wird "aus bloßer Vermittlung des Stoffwechsels... dieser Formwechsel zum Selbstzweck." (MEW 23/144) (33) Der Schatz als die erste Form, in welcher Geld als wirkli- ches Geld auftritt, ist veräußerte, in Geldform verwandelte Ware, die nicht weiterzirkuliert, nicht als Kaufmittel fungiert und sich in gewöhnliche Ware, Gegenstand besonderen Bedürfnisses, auflöst: festgehaltenes Resultat des V e r k a u f s. Der Zweck, den der Warenverkäufer verfolgt, wenn er "das Produkt der ersten Metamorphose, die verwandelte Gestalt der Ware oder ihre Goldpuppe" festhält, liegt in der Bewahrung der M ö g l i c h- k e i t, an der Zirkulation teilzunehmen: "Mit mehr entwickelter Warenproduktion muß jeder Warenproduzent sich den nervus rerum, das "gesellschaftliche Faustpfand" si- chern. Seine Bedürfnisse erneuern sich unaufhörlich und gebieten unaufhörlichen Kauf fremder Ware, während Produktion und Verkauf seiner eignen Ware Zeit kosten und von Zufällen abhängen." (MEW 23/145) Wenn Marx die "Leidenschaft" und die "Goldgier" des Schatzbild- ners erwähnt, dann nicht, um die ökonomische Form des Schatzes psychologisch zu begründen, sondern um zu zeigen, wie sich die gesellschaftliche F o r m des Reichtums selbst zum Inhalt des Bedürfnisses des Zirkulationsagenten entwickelt (34) und ihm den Widerspruch der ökonomischen Form spüren läßt. Denn ist der Schatz die festgehaltene M ö g l i c h k e i t der Verfügung über alle besonderen Gestalten des Reichtums, so stellt er gerade n i c h t die Totalität der Gebrauchswerte dar. Der Schatzbild- ner verfügt über den allgemeinen R e p r ä s e n t a n t e n des Reichtums, nicht über diesen selbst, er "opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung." (MEW 23/147) Die Bereicherung, die er durch das Festhalten von Gold vollzieht, bedeutet zugleich Verzicht (35). Und da der Zweck des Schatzbild- ners in der gesellschaftlichen Macht des Geldes - seiner mögli- chen Umsetzung in besondere Formen des Reichtums - liegt, wird er durch Verkauf von Waren ohne anschließenden Kauf stets nur be- schränkt realisiert. Als bestimmte Quantität repräsentiert Gold den stofflichen Reichtum nur entsprechend der Menge, in der es vorhanden ist: "Qualitativ oder seiner Form nach ist das Geld schrankenlos, d.h. allgemeiner Repräsentant des stofflichen Reichtums, weil in jede Ware unmittelbar umsetzbar. Aber zugleich ist jede wirkliche Geldsumme quantitativ beschränkt, daher auch nur Kaufmittel von beschränkter Wirkung. Dieser Widerspruch zwischen der quantita- tiven Schranke und der qualitativen Schrankenlosigkeit des Geldes treibt den Schatzbildner stets zurück zur Sysiphusarbeit der Ak- kumulation." (MEW 23/147) Da in der Schatzbildung der Tauschwert zum Zweck wird, die ab- strakt-allgemeine Form des Reichtums selbst den Inhalt der Tätig- keit ausmacht, ist die Vermehrung des Schatzes die Konsequenz (36). Indem der Schatz den Wert als solchen, zugleich aber nur ein identisches Quantum wirklicher Geldware darstellt und damit seine Vermehrung nötig macht, weist er als ökonomische Form über die einfache Zirkulation, der er entspringt, hinaus; seine Ver- mehrung ist solange nur formell, d.h. keine wirkliche Vermehrung des Tauschwerts, wie dieselbe Wertgröße, die in den Waren exi- stiert, in Geld verwandelt und damit nur Wert in der einen Form angehäuft wird, weil man auf ihn in der anderen verzichtet. Als selbständige Tätigkeit spielt die Schatzbildung nur in vorkapita- listischen Gesellschaften eine Rolle, wo sie aufgrund der noch beschränkten Entwicklung von Bedürfnissen im Gold den Überfluß dieser unentwickelten Gesellschaft festhält. In der kapitalisti- schen Produktionsweise wird der Schatz f o r m e l l zum Aus- druck des Überflusses, tatsächlich ist er angesichts der univer- sellen Entwicklung der gesellschaftlichen Bedürfnisse Ausdruck der Beschränkung. Deshalb nennt Marx an späterer Stelle den Schatzbildner den "verrückten Kapitalisten" und den Kapitalisten den "rationellen Schatzbildner" (MEW 23/168) (37). Der Schatz geht als eigenständige Form in F u n k t i o n e n auf, die er für die Waren- resp. Geldzirkulation erfüllt: "Man hat gesehen, wie mit den beständigen Schwankungen der Waren- zirkulation in Umfang Preisen und Geschwindigkeit die Umlaufs- masse des Geldes rastlos ebbt und flutet. Sie muß also der Kon- traktion und Expansion fähig sein. Bald muß Geld als Münze attra- hiert, bald Münze als Geld repelliert werden. Damit die wirklich umlaufende Geldmasse dem Sättigungsgrad der Zirkulationssphäre stets entspreche, muß das in einem Lande befindliche Gold- oder Silberquantum größer sein als das in Münzfunktion begriffene. Diese Bedingung wird erfüllt durch die Schatzform des Geldes." (MEW 23/148) (38) An der ersten Gestalt, in der das Geld als Selbstzweck erscheint, zeigt sich auch das spezifische Verhältnis der bürgerlichen Indi- vidualität zum gesellschaftlichen Reichtum, der in der Form der Ware existiert. Wenn aus der Warenzirkulation die Notwendigkeit herauswächst, den Reichtum in seiner abstrakt-allgemeinen Form, getrennt von den besonderen stofflichen Gegenständen, festzuhal- ten, dann steht dieser in keinem besonderen individuellen Ver- hältnis mehr zu den Subjekten: sie verfügen über Geld und d a m i t über den gesamten Reichtum, den die Gesellschaft her- vorbringt - ganz unabhängig von der Entwicklung ihrer individuel- len Bedürfnisse und Fähigkeiten: "Wie im Geld aller qualitative Unterschied der Waren ausgelöscht ist, löscht es seinerseits als radikaler Leveller alle Unter- schiede aus. Das Geld ist aber selbst Ware ein äußerlich Ding, das Privateigentum eines jeden werden kann. Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson." (MEW 23/146)(39) Die Borniertheit der bürgerlichen Form des Reichtums, der sich gesellschaftlich entfaltet, aber ohne, ja gegen die "Universa- lität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivitätkräfte etc. der Individuen" (Grundrisse/387), kommt in der Macht des Geldbesitzers zum Vorschein: Im Vergleich mit dem Stein der Weisen erinnert Marx an die Verkehrtheit einer Welt, die sich vom Geld regieren läßt, liegt doch in der Vorstellung vom Stein der Weisen die Sehnsucht nach einer individuellen Verfügung über das gesellschaftliche Wissen, die dem Individuum ohne sein Zutun zuteil wird, das gegenständlich, getrennt von seinen geistigen Potenzen existente Wissen als Sache, die nur des simplen Akts der Aneignung eines äußeren Gegenstandes bedarf, um es zu dem seinen zu machen: "Der Besitz des Geldes stellt mich im Verhältnis zu dem Reichtum (dem gesellschaftlichen) ganz in dasselbe Verhält- nis, worein mich der Stein der Weisen in bezug auf die Wissen- schaft stellen würde." (Grundrisse/133) b) Zahlungsmittel ----------------- Die Selbständigkeit des Geldes gegen die Zirkulation der Waren ist, sofern es als Schatz festgehalten wird, fiktiv; Es wäre bloß "nutzloses Metall, seine Geldseele wäre aus ihm entflohen und er bliebe (i.e. der Schatz) als ausgebrannte Asche der Zirkulation, als ihr caput mortuum zurück, stünde er nicht in beständiger Spannung zu ihr" (MEW 13/109). Obgleich der Schatz nur m Verhält- nis zur Zirkulation seine Identität als Repräsentant des allge- meinen Reichtums bewahrt, beruht er doch auf ihrer N e g a t i o n: er kommt durch ihre U n t e r b r e c h u n g zustande (weshalb seine Vermehrung nur Vermehrung des Reichtums in der e i n e n Form im Gegensatz zur anderen darstellt) und bleibt nur als n i c h t z i r k u l i e r e n d e s Geld als Schatz erhalten. Seine Form schließt die Bedingung seiner Exi- stenz - eine funktionierende Tirkulation - zugleich aus. Das selbständige Vorhandensein des Geldes, das nicht in der vorüber- gehenden Funktion der Realisierung der Warenpreise, sondern in seiner Fixierung als realisierter Preis seinen Zweck erfüllt, ist unvereinbar mit dem Verlauf der Zirkulation, wie er sich aus dem Gegenüberstellen von Ware und Geld ableitet: "In der bisher betrachteten unmittelbaren Form der Warenzir- kulation war dieselbe Wertgröße stets doppelt vorhanden, Ware auf dem einen Pol, Geld auf dem Gegenpol." (MEW 23/148) Als Geld kann das Geld also nur fungieren, wenn der in der Form der Warenzirkulation enthaltene Zweck - der gesellschaftliche Stoffwechsel der Stellenwechsel der Ware - mit seiner Verselb- ständigung nicht negiert, sondern verwirklicht wird. Die Zirkula- tion muß eine Gestalt annehmen, in der sich die Veräußerung der Waren ebenso vollzieht wie das Festhalten des wirklichen Geldes als realisiertem Preis. Die in der Schatzbildung einander aus- schließenden Momente - der Schatz negiert die Bewegung auf der seine Identität gründet - müssen sich voneinander t r e n n e n: die Veräußerung der Ware darf nicht mit der Realisierung ihres Preises zusammenfallen; Kauf und Zahlung schließen, solange sie in einem Akt vereint sind, eine Funktion des Geldes als Geld bei gleichzeitiger Kontinuität der Zirkulation aus. Gerade die Not- wendigkeiten, die der Ablauf des gesellschaftlichen Stoffwechsels (in ihm liegt der Zweck der einfachen Zirkulation: W-G-W) mit sich bringt, führen zu einer Veränderung der Metamorphosen der Ware oder ihrer Wertform: "Mit der Entwicklung der Warenzirkulation entwickeln sich jedoch Verhältnisse, wodurch die Veräußerung der Ware von der Realisie- rung ihres Preises zeitlich getrennt wird. Es genügt, die ein- fachsten dieser Verhältnisse hier anzudeuten. Die eine Warenart erheischt längere, die andere kürzere Zeitdauer zu ihrer Produk- tion. Die Produktion verschiedener Waren ist an verschiedene Jah- reszeiten geknüpft. Die eine wird auf ihrem Marktplatz geboren, die andere muß zu entferntem Markt reisen..." (MEW 23/149) In solcher veränderten Metamorphose, in der die Ware sich für ih- ren Käufer in Gebrauchswert verwandelt, bevor sie zu Geld wird, also den zweiten Schritt vor dem ersten vollzieht, fungiert das Geld als Z a h l u n g s m i t t e l. Im wirklichen Prozeß der Veräußerung, des Stellenwechsels der Ware, tritt es nicht in Er- scheinung: "Das Geld funktioniert jetzt erstens als Wertmaß in der Preisbe- stimmung der verkauften Ware ... zweitens als ideelles Kaufmit- tel." (MEW 23/150) Da Kauf und Zahlung getrennt voneinander stattfinden, wirkt es als Kaufmittel ideell und ist, wo es reell in die Zirkulation tritt, nicht mehr Kaufmittel: "Das Zahlungsmittel tritt in die Zirkulation hinein, aber nachdem die Ware bereits aus ihm herausgetreten ist. Das Geld vermittelt nicht mehr den Prozeß. Es schließt ihn selbständig ab, als abso- lutes Dasein des Tauschwerts oder allgemeine Ware." (MEW 23/150) (40) Der Schatz ist die aus der Zirkulation e n t z o g e n e Geld- puppe der Ware und verdankt sich der Unterbrechung der Warenmeta- morphose - das Geld als Zahlungsmittel ist Geld nicht außerhalb, sondern innerhalb der Zirkulation (41). Und um als abschließendes Resultat einer bereits vollzogenen Metamorphose fungieren zu kön- nen muß Ware auch ausdrücklich zu dem Zweck verkauft werden, sie in Geld zu verwandeln: "Der Verkäufer verwandelte Ware in Geld, um ein Bedürfnis durch sein Geld zu befriedigen, der Schatzbildner, um die Ware in Geld- form zu präservieren, der schuldige Käufer, um zahlen zu kön- nen... Die Wertgestalt der Ware, Geld, wird also jetzt zum Selbstzweck des Verkaufs durch eine den Verhältnissen des Zirku- lationsprozesses selbst entspringende, gesellschaftliche Notwen- digkeit." (MEW 23/150) (42) Die Formveränderung der einfachen Warenzirkulation macht aus den Agenten ihrer Bewegung, aus Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner; während er eine vorhandene Ware veräußert, tritt der andere als bloßer "Repräsentant von Geld" auf. Im Händewechsel der Ware, wo das Geld nur als ideelles fungiert, steht nun der Käufer selbst mit seinem Versprechen an der Stelle des Geldes (43). Er zeigt damit, daß er sich in einem gesellschaftlichen Zu- sammenhang bewegt, der durch die künftige Zahlung nicht erst her- gestellt, sondern nur bestätigt wird: "Die prozessierende Kette von Zahlungen oder nachträglichen Meta- morphosen unterscheidet sich wesentlich von der früher betrachte- ten Verschlingung der Metamorphosenreihen. Im Umlauf des Zirkula- tionsmittels wird der Zusammenhang zwischen Verkäufern und Käu- fern nicht nur ausgedrückt. Der Zusammenhang selbst entsteht erst in und mit dem Geldumlauf. Dagegen drückt die Bewegung des Zah- lungsmittels einen schon von ihr fertigen gesellschaftlichen Zu- sammenhang aus." (MEW 23/151) (43a) Die in der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel vorausgesetzten Beziehungen sind auch der Grund dafür, daß dieselben Phänomene, die die Quantität des umlaufenden Zirkulationsmittels erhöhen, in genau entgegengesetzter Weise (44) auf die Masse der notwendigen Zahlungsmittel einwirken: " Gleichzeitigkeit und Nebeneinander der Verkäufe beschränken den Ersatz der Münzmasse durch Umlaufgeschwindigkeit. Sie bilden umgekehrt einen neuen Hebel in der Ökonomie der Zahlungsmittel. Mit der Konzentration der Zahlungen an demselben Platz entwickeln sich naturwüchsig eigne Anstalten und Methoden ihrer Ausglei- chung. So z.B. die Virements im mittelaltrigen Lyon. Die Schuld- forderungen von A an B, B an C, C an A usw. brauchen bloß kon- frontiert werden, um sich wechselseitig bis zu einem gewissen Be- lauf als positive und negative Größen aufheben. So bleibt nur eine Schuldbilanz zu saldieren. Je massenhafter die Konzentration der Zahlungen, desto relativ kleiner die Bilanz, also die Masse der zirkulierenden Zahlungsmittel." (MEW 23/151) Mit der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel erhält die Krise, welche der Möglichkeit nach in den Formen der einfachen Warenzir- kulation eingeschlossen ist, ihren Charakter als G e l d k r i- s e. Die Störungen im universellen Zusammenhang der Zirkulation - deren Notwendigkeit entspringt "einem ganzen Umkreis von Verhältnissen, die vom Standpunkt der einfachen Warenzirkulation noch gar nicht existieren" - erscheinen, "wo die prozessierende Kette von Zahlungen und ein künstliches System ihrer Ausgleichung völlig entwickelt sind" (MEW 23/152), als allgemeiner Geldmangel. Der "Gegensatz zwischen der Ware und ihrer Wertgestalt, dem Geld", wird "bis zum absoluten Widerspruch gesteigert", indem der wirkliche stoffliche Reichtum eine "aktive Depreziation" erfährt: "Der Gebrauchswert der Ware wird wertlos, und ihr Wert verschwin- det vor seiner eigenen Wertform." (MEW 23/152) (45) Der "unvermittelte Widerspruch" zwischen dem bloß ideellen Fun- gieren als Rechengeld und der wirklichen Existenz als Geldware, wie sie gefordert ist, sobald sich die Zahlungen nicht ausglei- chen, macht auch den Wechsel im Wert der Geldware entscheidend wichtig für das Geld in seiner Funktion als Zahlungsmittel. Ver- ändert sich der Wert zwischen dem Zeitpunkt, an dem es als Maß sowie ideelles Kaufmittel fungiert und dem Zahlungstermin, so ist die Übervorteilung einer der kontrahierenden Seiten die Folge: "Die Funktion einer besonderen Ware wie Gold und Silber als Geld oder verselbständigter Tauschwert kommt hier in Kollision mit ih- rer Natur als besonderer Ware, deren Wertgröße vom Wechsel ihrer Produktionskosten abhängt." (MEW 13/124) Geldfunktionen und Staat ------------------------ 1. In allen Funktionen, in welchen das Geld eine I d e a l i s i e r u n g erfährt, finden sich Verweise auf den Staat. So beim Geld als Maß der Werte, das die Fixierung eines bestimmten Goldgewichts als Maßstab der Preise erforderlich macht: "Da der Geldmaßstab einerseits rein konventionell ist, anderer- seits allgemeiner Gültigkeit bedarf, wird er zuletzt gesetzlich reguliert" (MEW 23/115); beim Symbolgeld: "Nur bedarf das Zeichen des Geldes seiner eignen objektiven ge- sellschaftlichen Gültigkeit, und diese erhält das Papiersymbol durch den Zwangskurs." (MEW 23/143). beim Zahlungsmittel: "Wie aber früher die allgemeine Symbolik des Wertzeichens die Garantie und den Zwangskurs des Staates, ruft jetzt die per- sönliche Symbolik des Käufers gesetzlich erzwingbare Privatkon- trakte unter den Warenbesitzern hervor." (MEW 13/117). Damit das Geld trotz der Verselbständigung seiner Funktion gegen seine Materiatur als a l l g e m e i n e s Äquivalent wirkt, ist G e w a l t vonnöten; der praktische Idealismus, der mit der Versachlichung des gesellschaftlichen Verhältnisses im Gelde eintritt, hat zur Konsequenz, daß die Individuen in der Beziehung ihres Privatinteresses auf den dinglich existenten gesellschaft- lichen Zusammenhang (und darüber vermittelt auf einander) sich selbst gegenüber in der Form der abstrakten Allgemeinheit zusam- menschließen und im Staat eine allgemeine Macht schaffen, der sie sich unterwerfen. Die Notwendigkeit des Staates ist damit aber nicht a u s d e m G e l d abgeleitet, sondern aus der Form, in der sich die konkurrierenden Individuen im universellen Prozeß der Zirkulation gegenübertreten (46). Die Identität des Verhält- nisses von Ware und Geld mit dem vom Privatsubjekt und Eigentümer resp. Staatsbürger kann jedoch kaum die abenteuerliche Ableitung begründen, welche die Projektgruppe "Entwicklung des Marxschen Systems" für den Staat liefert: "Das wahre Gemeinwesen tritt den Warenbesitzern in der Form einer Sache, als Geld gegenüber. Die gemeinsame Sache kann nicht selbst zu Markte gehen, sie bedarf eines Hüters..." (Das Kapitel vom Geld, S. 137) Hier zeigt sich wie an anderer Stelle, daß die Projektgruppe zwar ständig von der Differenz zwischen Kapital und Oberfläche bzw. Konkurrenz redet, aber nicht weiß, was sie damit ausspricht. So erklärt sie den Staat nicht mehr als Garanten für die objektive Gültigkeit des Geldes, soweit es idealisiert ist, sondern für das Subjekt, welches das Geld zu Markte trägt. Konsequenz eines kom- pilatorischen Umgangs mit den Marxschen Schriften, der Fehler ei- gentlich nur dann vermeidet, wenn zitiert wird. Sooft der Versuch erfolgt, einen bei Marx implizierten Gedanken explizit zu machen, einen Übergang zu verdeutlichen, wird die genannte Schrift falsch oder banal. Endlose Paraphrasen werden verbunden mit Floskeln wie: "wir können festhalten...", "es wird formuliert...", "der Widerspruch wird benannt...", auch hier wird festgestellt...", u.a.m. Die Wiederholung des Marxschen R e s u l t a t s wird so für den n o t w e n d i g e n S c h l u ß des Übergangs ausge- geben. (Einige inhaltliche Fehler dieser Variante von Philologie erwähnen wir im Anschluß an die Ausführungen zum Weltgeld.) 2. Da die bisher abgehandelten Funktionen des allgemeinen Äquiva- lents mit seiner Idealisierung einhergehen und seine objektive Gültigkeit durch ein gesellschaftliches Gewaltverhältnis gesi- chert wird, kommt dem Geld in diesen Funktionen nur l o k a l b e s c h r ä n k t e r C h a r a k t e r zu. Es fungiert nur, soweit die Macht des Staates reicht. Die Verselbständigung seiner Funktion gegen die Materiatur der Geldware steht mit ihrer Konse- quenz, den Lokalformen (als Maßstab der Preise, als Münze und als Wertzeichen, sowie in der Zirkulation der Zahlungsmittel) in Ge- gensatz zum Begriff des a l l g e m e i n e n Äquivalents. Das Geld drückt seine widersprüchlichen Existenzweisen stets auch durch seine lokal begrenzte, damit nicht auf a l l e Waren be- zogene Funktion aus. c) Weltgeld ----------- Der mit der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel gegebene ge- sellschaftliche Zusammenhang beruht auf einer Trennung der Waren- zirkulation vom Geldumlauf. Der Händewechsel der Waren vollzieht sich über Kontrakte, durch die sich die Agenten der Zirkulation in einem allgemeinen System der Abhängigkeit von Gläubigern und Schuldnern zusammenschließen. Soweit sich in diesem Kreis die wechselseitigen Schuldforderungen aufheben, ist die Verrichtung von Geldzahlungen überflüssig. Für die Begleichung der Differen- zen allerdings wird die Anhäufung von Geld nötig, Schatzbildung zum Zweck der Zahlung von Schulden: "Die Entwicklung des Geldes als Zahlungsmittel ernötigt Geldakku- mulationen für die Verfalltermine der geschuldeten Summen. Wäh- rend die Schatzbildung als selbständige Bereicherungsform ver- schwindet mit dem Fortschritt der bürgerlichen Gesellschaft, wächst sie umgekehrt mit demselben in der Form von Reservefonds der Zahlungsmittel." (MEW 23/156) Der gesellschaftliche Stoffwechsel, der sich in der dem Zahlungs- mittel entsprechenden Zirkulationsform abspielt, beruht damit auf über sie hinausweisenden, beständig vorgehenden Zirkulationsak- ten, in denen Ware gegen wirkliches Geld umgesetzt wird. Dieses fungiert dabei in seinem materiellen Dasein als a l l g e m e i n e s Ä q u i v a l e n t und sonst nichts. Es bestimmt sich als r e a l i s i e r t e r W e r t und verdankt sich einer Bewegung, die jene mit der Funktion von Zirkulations- und Zahlungsmittel umschriebene Sphäre verläßt, um als Mittel für die in ihr zu begleichenden Schulden verwendet zu werden: "Mit dem Austritt aus der innern Zirkulationssphäre streift das Geld die dort aufschießenden Lokalformen von Maßstab der Preise, Münze, Scheidemünze und Wertzeichen wieder ab und fällt in die ursprüngliche Barrenform der edlen Metalle zurück. Im Welthandel entfalten die Waren ihren Wert universell. Ihre selbständige Wertgestalt tritt ihnen daher hier auch gegenüber als Weltgeld Erst auf dem Weltmarkt funktioniert das Geld in vollem Umfang als die Ware, deren Naturalform zugleich unmittelbar gesellschaftli- che Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit in abstracto ist." (MEW 23/156) (47) Die lokale Beschränkung, die seinen bisher entwickelten Formen eigentümlich und der Differenz zwischen Funktion und Daseinsweise geschuldet ist, verschwindet mit dem Geld in seiner Form als in- ternationales Tauschmittel: es i s t Materie des abstrakten Reichtums und damit allgemeines äquivalent - und f u n g i e r t auch als solches; seine Anwendung beruht auf seinem Dasein als Geldware - "Seine Daseinsweise wird seinem Begriff adäquat." (MEW 23/156) - und bewirkt keine Modifikation für dasselbe: Als eine besondere Form des Geldes läßt sich das Weltgeld nur im Gegensatz zu seinen übrigen Funktionen fassen (48), denn es fällt ganz mit der Be- stimmung zusammen, die der Geldware als Resultat des Widerspruchs der Ware zukommt und welche sie historisch durch die Entwicklung des Austauschs erhält: "Als internationales Geld endlich vollziehn die edlen Metalle wieder ihre ursprüngliche Funktion als Tauschmittel, die, wie der Warenaustausch selbst, nicht im Innern der naturwüchsigen Gemein- wesen sondern an den Berührungspunkten verschiedner Gemeinwesen entsprang. Als Weltgeld erhält also das Geld seine naturwüchsig erste Form zurück." (MEW 13/125) Doch vermittelt es als allgemeines Tauschmittel nicht den Aus- tausch zufällig vorhandenen Überflusses zwischen den Gemeinwesen, dient also nicht als Mittler der prozessierenden Einheit W-G-W, sondern es saldiert den Wertüberschuß im Verhältnis zu den inner- halb der nationalen Zirkulation umlaufenden Waren (49). Als Kauf- mittel wirkt es, wenn der Stoffwechsel einseitig verläuft: "Das Weltgeld funktioniert als allgemeines Zahlungsmittel, allge- meines Kaufmittel und absolut gesellschaftliche Materiatur des Reichtums überhaupt (universal wealth). Die Funktion als Zah- lungsmittel, zur Ausgleichung internationaler Bilanzen, herrscht vor." (MEW 23/157) Am Weltgeld, der universellen Ware, erscheint nun endgültig die bestimmte Form des gesellschaftlichen Reichtums der kapitalisti- schen Produktionsweise als Zweck der Austauschbewegung. Obgleich nicht Gegenstand eines individuellen Bedürfnisses, wird die An- häufung der Geldware ein aus der Zirkulation der Waren, der kapi- talistischen Form des gesellschaftlichen Stoffwechsels, entsprin- gendes soziales Bedürfnis. "Während also die Nationen von Waren- besitzern durch ihre allseitige Industrie und allgemeinen Verkehr Gold zu adäquatem Geld umschaffen, erscheinen ihnen Industrie und Verkehr nur als Mittel, um das Geld in Form von Gold und Silber dem Weltmarkt zu entziehn." (MEW 13/127) Die innere Zirkulation der Nationen erweist sich hier als abhängig von der Verfügung über Geld in seiner konkreten Gestalt, der Form, in welcher der Reichtum sich als solcher erhält und als über die unmittelbare Bedürftigkeit hinausgehender die Befriedigung künftiger Bedürf- nisse sichert: Der internationale Handel ist der B e r e i c h e r u n g d e r N a t i o n e n unterworfen; in ihr liegt sein Zweck, was historisch vom Merkantilismus zuerst ausgesprochen wurde "Daher das Losungswort des Merkantilsystems - Handelsbilanz." (MEW 23/158 f.) Damit steht das Weltgeld auch in Gegensatz zur Form der einfachen Warenzirkulation, deren Inhalt in der gesellschaftlichen Vermitt- lung des stofflichen Reichtums liegt. Die Analyse der Zirkulati- onsform W-G-W zeigt, daß diese sich dem verselbständigten Tausch- wert als ihrem Zweck und Inhalt unterordnet: Die Projektgruppe Entwicklung des MARXschen Systems nimmt in ih- rer Interpretation des Urtextes "Zur Kritik der Politischen Öko- nomie" die Kategorie des Weltgeldes zum Anlaß, einiges über Auf- bau- und Darstellungsprobleme verlauten zu lassen. Sehen wir zu, weshalb sie solches ausgerechnet an dieser Stelle für notwendig erachten. (Alle Zitate aus "Das Kapitel vom Geld", S. 71-76) Zunächst springt die Originalität des Übergangs vom Zahlungsmit- tel zum Weltgeld ins Auge: "Im Geld als Geld traten bisher zwei Bestimmungen auf: Schatz und Zahlungsmittel. Aber damit ist die Ebene der dritten Geldbestim- mung nicht erschöpft, es folgt noch das Geld als Weltmünze." Und nach einem Marx-Zitat, aus dem die notwendige Existenz des Weltgeldes offenbar folgen soll (Grundrisse 878), orakeln die Au- toren über das Weltgeld in einer Weise, die das Eingeständnis einschließt, daß ihr Übergang doch keiner war: "Wenn sich ergibt (!), daß das Weltgeld Einheit von Schatz und Zahlungsmittel ist, verbleibt dennoch die Frage, inwiefern es sich hier um eine neue Bestimmung des Geldes handelt, wie also die Einheit zu interpretieren ist." (50) Ihr Übergang zum Weltgeld ist für sie einer zu einer Kategorie, von der sie noch gar nicht wissen, was sie ist. Die zusammenfas- sende Formel "Einheit von Schatz und Zahlungsmittel" haben sie zitiert, aber nicht verstanden, weshalb sie nun aus einem anderen Zitat, in dem Marx das Weltgeld im Unterschied zu den vorherge- henden Funktionen des Geldes charakterisiert, zu klären suchen, wie denn das Weltgeld ausgerechnet an jene Stelle im Geldkapitel geraten ist. "Weiter wurde formuliert, daß hier Begriff und Daseinsweise zusammenfallen, denn auf dem Weltmarkt zählt das Geld nur in sei- ner metallischen Leiblichkeit. Wenn hier erst Erscheinungsweise und die Allgemeinheit des Begriffs übereinstimmen, ist damit klar (damit?), daß vom logischen Gang der Kategorien her das Weltgeld in der Betrachtung der Sphäre der einfachen Warenzirkulation sei- nen notwendigen Ort hat." Jede andere Aussage von Marx zum Weltgeld hätte diesem mechani- schen Verfahren der Projektgruppe ebenfalls - zu (Un)recht - als Begründung für die Behandlung des Weltgeldes an dieser Stelle dienen können. Ginge es den Autoren wirklich um die Klärung der Frage, warum hier und nicht anderswo die Kategorie des Weltgeldes fällig ist, müßten sie lediglich den Mangel des Zahlungsmittels festhalten. Da sie aber den Übergang auf die ihrer Philologie ei- gentümliche Weise "gemacht" haben, sehen sie sich plötzlich mit einer Kategorie konfrontiert, die sie aufgrund ihrer Bekannt- schaft mit dem Aufbauplan des "Kapital" erst "weiter hinten" er- wartet hätten: "Doch ist der Weltmarkt nicht eine konkretere Kategorie, die ans Ende des Systems gehört?" Ebensowenig wie die Projektgruppe die lokale Beschränkung als Schluß durchschaut hat, den Marx aus der Idealisierung, die das Geld in seinen Funktionen erfährt, zieht, gewahrt sie die Nega- tion dieser lokalen Beschränkung als Konsequenz aus dem Wider- spruch des Zahlungsmittels - trotz üppigen Zitierens aller be- treffenden Stellen. Das Verlassen der inneren Sphären der Zirku- lation, die Universalität des Weltgelds mitversteht sie als Sprung in das "Buch vom Weltmarkt" nicht als einen den Bestimmun- gen des Geldes (wie im übrigen auch anderen Kategorien) immanen- ten Hinweis auf die Existenz einer Weltmarktszirkulation. Von diesem Mißverständnis aus flüchten die schlechten Marx-Philologen (d a ß sie Philologie treiben, ist für u n s nichts Negatives) in eine der eingangs besprochenen, der bürgerlichen Wissenschaft abgeborgten Todsünden allen Studiums: das spärliche Arsenal von Marx' Aussagen über den Gang einer systematischen Darstellung (S. 72 f.) muß nun herhalten zur Klärung einer inhaltlichen Schwie- rigkeit. Aus der Einleitung zu den Grundrissen wird einmal mehr der Spruch von der Darstellungsweise zitiert, welche vom Abstrak- ten zum Konkreten aufsteigt, und schöpferisch mit einer Stelle verbunden (Grundrisse 138 f), in welcher Marx den Aufbau des Ge- samtwerkes skizziert. Der geniale Schluß, der sich aus dieser Verknüpfung ziehen läßt, wirft jedoch aufgrund der Annahme, mit der Bestimmung des Weltgelds befinde man sich in der Darstellung des Weltmarkts (die aus der Weltwährungskrise geläufigen Phäno- mene: "Goldstandard", "IWF," "Leitwährung" usw. genügen im übri- gen zur Einsicht, daß auf der Oberfläche der Weltmarktsbewegung das Weltgeld andere Formbestimmungen erhält als die im Geldkapi- tal angegebenen, wiewohl diese nicht ausgelöscht sind) neue Schwierigkeiten auf: "Hieraus läßt sich ersehen, daß der Weltmarkt, wie übrigens auch in den späteren Bauplänen, die letzte Kategorie ist. Doch wie verträgt sich das Auftauchen der konkretesten Kategorien des Sy- stems mit dem logischen Status der einfachen Warenzirkulation als abstrakter Sphäre des bürgerlichen Gesamtreproduktionsprozesses?" Zur Lösung dieses selbstgeschaffenen Rätsels vollzieht nun die Projektgruppe eine Konfrontation zwischen einer fragwürdigen Zu- sammenfassung dessen, "was unter abstrakter Sphäre des bürgerli- chen Gesamtreproduktionsprozesses zu verstehen ist" und einer Briefstelle aus dem Jahre 1858, die besagt, daß "die eigentliche Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft... die Herstellung des Weltmarkts" sei. Ein inhaltlicher Zusammenhang ist nicht zu er- kennen, noch weniger freilich der Fortgang zu folgendem mon- strösen Schluß, bei dem man nicht so recht weiß, ob er eine Tau- tologie, idealistisch vorgetragene Politische Ökonomie oder eine richtige Ahnung (die dann einerseits den "methodischen" Umweg überflüssig machen würde, andererseits den Übergang zum Weltgeld immer noch offen ließe) darstellt. "Wenn nun erst im W e l t geld die im Geld gesetzte Allgemeinheit des Begriffs mit der Universalität seiner Erscheinung zusammenfällt, ist klar, daß die bürgerliche Produktionsweise schon immer den Weltmarkt ein- schließt." Zuguterletzt wird auch noch (richtigerweise) von einem V e r w e i s auf die letzte Ebene des Weltmarkts im Gang der Kategorien gesprochen, aber nur, um "die in der Marx-Interpreta- tion gängige Vorstellung eines quasi-linearen Aufsteigens vom Ab- strakten zum Konkreten bei der Darstellung der Autonomie der bür- gerlichen Gesellschaft zu korrigieren." Ausgerechnet jene, die die "gängige Vorstellung" zur Klärung ihres Problems zunächst heranziehen, korrigieren ihr Kriterium sogleich - aber nur mit einer anderen Vorstellung. Denn dafür, daß die Reihenfolge der K a t e g o r i e n im "Kapital" nicht als Gang vom Abstrakten zum Konkreten verläuft, haben sie keinen Beweis erbracht. Das Vorkommen von Schlüssen auf Oberflächenformen, Prozesse der Durchsetzung bestimmter Kategorien in der Konkurrenz, historische Voraussetzungen, auf die Existenz des Staates u.a.m. ändern nichts am inneren Zusammenhang, an den Übergängen zwischen den ökonomischen Formbestimmungen, ja sie werden erst durch sie ver- ständlich. Die Unart dieser Marx-Rezeption besteht darin, daß die Ebenen von Kapital und Oberfläche nur dann geschieden werden, wenn ein Marx-Zitat explizit ihre Scheidung und damit die objek- tive Selbständigkeit der Oberflächenformen behauptet. Tauchen im "Kapital" Verweise, und Schlußfolgerungen der oben genannten Art auf nimmt man dies flugs als Beleg dafür, daß die Trennung der Ebenen so ernst gar nicht gemeint sei. Die Logik dieses Verfah- rens spottet allerdings bei der Bischoff-Gruppe jeder Logik: man konstatiert die Differenz, um sie zu leugnen. Die Vollständigkeit von Zitaten kann den Mangel dieser Wissenschaft kaum verbergen - offenkundig wird er, sobald ein Gegenstand vorliegt, zu dem zu- sammenhängende Aussagen der Klassiker nicht vorliegen und selb- ständiges Denken gefordert ist. (Vgl. in diesem Heft die Bespre- chung der "Materialien") _____ 1) Vgl. MEW 13/53: "Von der bestimmten Weise, worin die Waren füreinander ihre eignen Tauschwerte darstellen, hängt jedesmal die Formbestimmtheit ab, worin das Geld sich als Geld kristalli- siert." 2) Vgl. MEW 13/50: "Weil alle Waren ihre Tauschwerte in Gold mes- sen, in dem Verhältnis, worin bestimmte Quantität Gold und be- stimmte Quantität Ware gleich viel Arbeitszeit enthalten, wird das Gold zum Maß der Werte ..." 3) Vgl. Grundrisse/104 "Der in der Bestimmtheit des Geldes ge- setzte Tauschwert ist der Preis." 4) Vgl. Grundrisse/105: "Der Preis ist eine Eigenschaft der Ware, eine Bestimmung, in der sie als Geld v o r g e s t e l l t wird. Er ist nicht mehr eine unmittelbare, sondern reflektierte Bestimmtheit derselben. Neben dem reellen Geld existiert nun die Ware als ideell gesetztes Geld." MEW 13/53: "Die Waren treten sich jetzt als Doppelexistenzen ge- genüber, wirlklich als Gebrauchswerte, ideell als Tauschwerte. Die Doppelform der Arbeit die in ihnen enthalten ist, stellen sie jetzt füreinander dar, indem die besondere reale Arbeit als ihr Gebrauchswert wirklich da ist, während die allgemeine abstrakte Arbeitszeit in ihrem Preise ein vorgestelltes Dasein erhalt." 5) Vgl MEW 13/54: Indem die Waren sich nicht mehr als durch die Arbeitszeit zu messende Tauschwerte, sondern als in Gold gemes- sene gleichnamige Größen aufeinander beziehn verwandelt sich das Gold aus dem M a ß d e r W e r t e in den M a ß s t a b d e r P r e i s e." 6) Vgl. MEW 13/51: "Um als Maß der Werte dienen zu können, muß Gold der Möglichkeit nach ein veränderlicher Wert sein, weil es nur als Materiatur der Arbeitszeit zum Äquivalent anderer Waren werden kann, dieselbe Arbeitszeit aber mit dem Wechsel der Pro- duktivkräfte der realen Arbeit in ungleichen Volumen derselben Gebrauchswerte sich verwirklicht." 7) Vgl. hierzu MEW 13/59 ff., Grundrisse 53 ff. (Widerlegung der "Stundenzettel"-Theorie) und MEW 26.3/132 ff. 8) Vgl. MEW 13/53: "Ihre Preisbestimmung ist ihre nur ideelle Verwandlung in das allgemeine Äquivalent, eine Gleichung mit dem Gold, die noch zu realisieren bleibt." Realisierung heißt also zunächst einmal Aufhebung der nur i d e e l l vorhandenen qua- litativen E i n h e i t mit der Geldware - und erst in zweiter Linie Bewährung der in der Ware vergegenständlichten Arbeitszeit als gemessener! 9) Es zeigt sich also, daß in der ersten, nur i d e e l l e n Beziehung der Ware auf das gegen sie verselbständigte Geld die Voraussetzung fur die Formverwandlung, die eigentliche Warenzir- kulation geschaffen wird, die als Kauf resp. Verkauf jedermann bekannt ist: "Der erste Prozeß der Zirkulation ist sozusagen theoretischer, vorbereitender Prozeß für die wirkliche Zirkula- tion." (MEW 13/49) 10) Vgl. MEW 13/71 f.: "... an der Ware existiert ihr Tauschwert nur ideell als Preis während am Gold, obgleich es selbst ein wirklicher Gebrauchswert ist, sein Gebrauchswert nur als Träger des Tauschwerts existiert und daher nur als formaler, auf kein wirkliches individuelles Bedürfnis bezogener Gebrauchswert. Der Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert verteilt sich also po- larisch an die beiden Extreme von W-G, so daß die Ware dem Gold gegenüber Gebrauchswert ist, der seinen ideellen Tauschwert, den Preis, erst im Gold realisieren muß, während das Gold der Ware gegenüber Tauschwert ist, der seinen formalen Gebrauchswert erst in der Ware materialisiert." 11) Vgl. MEW 25/648: "Es ist in der Tat das Gesetz des Werts, wie es sich geltend macht, nicht in bezug auf die einzelnen Waren oder Artikel, sondern auf die jedesmaligen Gesamtprodukte der be- sondren, durch die Teilung der Arbeiten verselbständigten gesell- schaftlichen Produktionssphären; so daß nicht nur auf jede ein- zelne Ware nur die notwendige Arbeitszeit verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit nur das nötige proportionelle Quantum in den verschiedenen Gruppen verwandt ist. Denn Bedingung bleibt der Gebrauchswert. Wenn aber der Gebrauchs- wert bei der einzelnen Ware davon abhängt, daß sie an und für sich ein Bedürfnis befriedigt, so bei der gesellschaftlichen Pro- duktenmasse davon, daß sie dem quantitativ bestimmten gesell- schaftlichen Bedürfnis für jede besondre Art von Produkt adäquat, und die Arbeit daher im Verhältnis dieser gesellschaftlichen Be- dürfnisse, die quantitativ umschrieben sind, in die verschiednen Produktionssphären proportionell verteilt ist." 12) Vgl. MEW 13/71: "Durch den Verkauf W-G wird nicht nur die Ware, die in ihrem Preise ideell in Gold verwandelt war, reell in Gold verwandelt, sondern durch denselben Prozeß wird das Geld, das als Maß der Werte nur ideelles Gold war und in der Tat nur als Geldnamen der Waren selbst figurierte, in wirkliches Geld verwandelt." 13) Vgl. Grundrisse/924: "Die Negation in einer Bestimmung der Ware ist immer ihre Realisation in der andren. Als Preis ist sie schon negiert, ideell als Gebrauchswert, und als Tauschwert ge- setzt; als realisierter Preis, d.h. Geld ist sie negierter Ge- brauchswert." 14) Vgl. MEW 13/76: "Das erste W verhält sich als besondre Ware zum Geld als der allgemeinen Ware, während Geld als die allge- meine Ware sich zum zweiten W als einzelner Ware verhält. W-G-W kann daher abstrakt logisch auf die Schlußform B-A-E reduziert werden, worin die Besonderheit das erste Extrem, die Allgemein- heit die zusammenschließende Mitte und die Einzelheit das letzte Extrem bildet." 15) Vgl. MEW 13/75: "Wenn also die Gesamtmetamorphose einer ein- zelnen Ware sich nicht nur als Glied einer anfangs- und endlosen Metamorphosenkette, sondern vieler solcher Ketten darstellt, stellt sich der Zirkulationsprozeß der Warenwelt, da jede ein- zelne Ware die Zirkulation W-G-W durchläuft, als ein unendlich verschlungenes Kettengewirr dieser an unendlich verschiednen Pro- dukten stets endenden und stets neu beginnenden Bewegung dar." 16) Vgl. MEW 13/75: "Jeder einzelne Verkauf und Kauf besteht aber zugleich als ein gleichgültiger und isolierter Akt, dessen ergän- zender Akt zeitlich und räumlich von ihm getrennt sein kann und sich daher nicht als Fortsetzung unmittelbar an ihn anzuschließen braucht." 17) Vgl. Grundrisse/115 : "Wir sehen, daß es in der Natur des Geldes liegt, daß es die Widersprüche sowohl des unmittelbaren Tauschhandels, als des Tauschwerts nur löst, indem es sie allge- mein setzt. Es war zufällig, ob sich das besondre Tauschmittel gegen ein besondrer umtauschte oder nicht: jetzt aber muß sich die Ware gegen das a l l g e m e i n e T a u s c h m i t t e l austauschen, gegen das ihre Besonderheit in noch größerem Wider- spruch steht. Um die Tauschfähigkeit der Ware zu sichern, wird ihr die Tauschfähigkeit selbst als eine selbständige Ware gegen- übergestellt. (Vom Mittel wird es Zweck)" 18) Vgl. Grundrisse/114: "Die Bestimmung des Geldes dagegen ist es, in der Zirkulation zu bleiben als ihr Rad; als p e r p e t u u m m o b i l e seinen Umlauf stets von neuem zu beginnen." 19) Vgl. MEW 13/79: "Im Kauf wie im Verkauf stehen sich Ware und Geld stets in derselben Beziehung gegenüber, der Verkäufer auf Seite der Ware, der Käufer auf Seite des Geldes. Geld als Zirkulationsmittel erscheint daher stets als K a u f m i t t e l, womit seine unterschiedenen Bestimmungen in entgegengesetzten Phasen der Warenmetamorphose unerkenntlich ge- worden sind." 20) Vgl. MEW 13/81: "Als Zirkulationsmittel hat es seine eigene Zirkulation. Die Formbewegung der prozessierenden Waren erscheint daher als seine eigene, den Austausch der an sich bewegungs- losen Waren vermittelnde Bewegung. Die Bewegung des Zirkulations- prozesses stellt sich also dar in der Bewegung des Geldes als Zirkulationsmittel - im G e l d u m l a u f." 21) Vgl. MEW 13/85 f.: "Der oberflächliche und formelle Charakter der einfachen Geldzirkulation zeigt sich eben darin, daß alle die Anzahl der Zirkulationsmittel bestimmenden Momente, wie Masse der zirkulierenden Waren, Preise, Steigen oder Fallen der Preise, Anzahl gleichzeitiger Käufe und Verkäufe, Geschwindigkeit des Geldumlaufs, abhängen von dem Prozeß der Warenwelt, der wiederum abhängt vom Gesamtcharakter der Produktionsweise, ..., kurz von Umständen, die alle außerhalb der einfachen Geldzirkulation lie- gen und sich nur in ihr abspiegeln." 22) Vgl. MEW 13/83: "Während also in der Preisgebung der Tausch- wert aller Waren ideell in ein Golquantum von derselben Wertgröße verwandelt und in den beiden isolierten Zirkulationakten G-W und W-G dieselbe Wertsumme doppelt vorhanden war, auf der einen Seite in Ware, auf der anderen in Gold, ist das Dasein des Goldes als Zirkulationsmittel bestimmt nicht durch seine isolierte Beziehung auf die einzelnen ruhenden Waren sondern durch sein bewegtes Da- sein in der prozessierenden Warenwelt, durch seine Funktion in seinem Stellenwechsel den Formwechsel der Waren, also durch die Geschwindigkeit seines Stellenwechsels die Geschwindigkeit ihres Formwechsels darzustellen. Sein wirkliches Vorhandensein im Zir- kulationsprozeß, d.h. die wirkliche Masse Gold, die zirkuliert, ist also nun bestimmt durch sein funktionelles Dasein im Gesamt- prozeß selbst." 23) Vgl. MEW 13/104 die Note zu Boisguillebert! 24) Vgl. Grundrisse/123: "... insofern dieser Prozeß nun statt- findet, um das Geld wieder in Ware zu verwandeln, um also die erste Ware gegen die zweite auszutauschen, erscheint das Geld nur verschwindend, oder seine Substanz besteht nur darin, daß es fortwährend als dieses Verschwinden erscheint, als dieser Träger der Vermittlung. Das Geld als Umlaufsmittel ist nur Umlaufsmit- tel." 25) Vgl. MEW 13/89: "Während andre Wesen durch Reibung mit der Außenwelt ihren Idealismus einbüßen, wird die Münze durch die Praxis idealisiert, in bloßes Scheindasein ihres goldenen oder silbernen Leibes verwandelt." 26) Vgl. MEW 13/90 27) Vgl. MEW 13/93: "Es erscheint damit, was in der Natur der Sa- che lag, daß sie Symbole der Goldmünze sind, nicht weil sie aus Silber oder Kupfer gemachte Symbole sind, nicht weil sie einen Wert haben, sondern soweit sie keinen haben." Denn: "Nur soweit innerhalb des Prozesses das Goldgeld selbst bloßes Zeichen seines eigenen Werts wird, können bloße Wertzei- chen es ersetzen." (MEW 13/95) 28) Vgl. Anhang: "Geldfunktionen und Staat" 29) Vgl. MEW 13/98: "Die Quantität der Papierzettel ist also be- stimmt durch die Quantität des Goldgeldes, das sie in der Zirku- lation vertreten, und da sie nur Wertzeichen sind, sofern sie es vertreten, ist ihr Wert einfach durch ihre Quantität bestimmt." 30) Vgl. MEW 13/99 f.: "Für seine Funktion als Maß der Werte, wo das Geld nur als Rechengeld dient und das Gold nur als ideelles Gold, kommt alles auf das natürliche Material an. In Silber ge- schätzt oder als Silberpreise stellen sich die Tauschwerte natür- lich ganz anders dar als in Gold geschätzt oder als Goldpreise. Umgekehrt in seiner Funktion als Zirkulationsmittel, wo das Geld nicht nur vorgestellt ist, sondern als ein wirkliches Ding neben den andern Waren vorhanden sein muß, wird sein Material gleich- gültig, während alles von seiner Qualität abhängt." 31) Vgl. MEW 13/102: "Da alle Waren so nur vorgestelltes Geld sind, ist Geld die einzig wirkliche Ware." 32) Vgl. Grundrisse /132: "Wenn daher einerseits in ihm, soweit das Geld für sich betrachtet wird, Form und Inhalt des Reichtums identisch sind, ist es andererseits im Gegensatz zu allen anderen Waren ihnen gegenüber die allgemeine Form des Reichtums, während die Totalität dieser Besonderheiten seine Substanz bildet. Wenn das Geld nach der ersten Bestimmung der Reichtum selbst, so ist es nach der anderen der a l l g e m e i n e m a t e r i e l l e R e p r ä s e n t a n t d e r s e l b e n." 33) Vgl. MEW 13/106: "Die Metamorphose der Ware W-G findet statt um ihrer Metamorphose willen, um sie aus besonderem natürlichen Reichtum m allgemeinen gesellschaftlichen Reichtum zu verwandeln. Statt des Stoffwechsels wird der Formwechsel Selbstzweck. Aus der bloßen Form schlägt der Tauschwert um in den Inhalt der Bewe- gung." 34) Vgl. MEW 13/107: "Der vergängliche Gehalt wird so der unver- gänglichen Form geopfert." 35) Vgl. Grundrisse /929: "Die Bereicherung erscheint so dem In- halt nach als freiwillige Verarmung. Es ist nur die Bedürfnislo- sigkeit, das Entsagen dem Bedürfnisse, das Entsagen dem Ge- brauchswerte des Werts, wie er in der Form der Ware existiert, das es möglich macht, ihn in der Form des Geldes anzuhäufen." 36) Vgl. MEW 13/110: "Das Geld erscheint also ebensosehr als Ge- genstand wie Quelle der Bereicherungssucht", Grundrisse /141: "Wenn es der allgemeine Reichtum ist, so ist einer umso rei- cher, je mehr er davon besitzt, und der einzig wichtige Prozeß ist das Anhäufen desselben..." 37) Vgl. MEW 13/111: "Unser Schatzbildner erscheint als Märtyrer des Tauschwerts, heiliger Asket auf dem Gipfel der Metallsäule. Es ist ihm nur um den Reichtum in seiner gesellschaftlichen Form zu tun, und darum vergräbt er ihn vor der Gesellschaft. Er verlangt die Ware in ihrer stets zirkulationsfähigen Form, und darum entzieht er sie der Zirkulation. Er schwärmt für den Tauschwert, und darum tauscht er ihn nicht aus. Die flüssige Form des Reichtums und sein Petrefakt, Elixier des Lebens und Stein der Weisen, spuken alchimistisch toll durcheinander. In seiner eingebildeten schrankenlosen Genußsucht entsagt er allem Genusse. Weil er alle gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigen will, be- friedigt er kaum die natürliche Notdurft. Indem er den Reichtum in seiner metanischen Leibhaftigkeit festhält, verdunstet er ihn zum bloßen Hirngespinst. In der Tat aber ist das Aufhäufen des Geldes um des Geldes willen die barbarische Form der Produk- tion um der Produktion willen, d.h. Entwicklung der Produktiv- kräfte der gesellschaftlichen Arbeit hinaus über die Schranken herkömmlicher Bedürfnisse." 38) Vgl Grundrisse /935: "Soweit der ökonomische Prozeß im Ganzen betrachtet wird, dient die Schatzbildung nur als eine der Bedin- gungen der metallischen Zirkulation selbst." Später wird sich zeigen (K II/88), daß dem Schatz wichtige Funktion auch für die Kapitalzirkulation zukommt! 39) Vgl. MEW 13/110 f.; Grundrisse/874: "Das Geld ist unpersönli- ches Eigentum. In ihm kann ich die allgemeime gesellschaftliche Macht und den allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhang, die gesellschaftliche Substanz in der Tasche mit mir herumtragen. Das Geld gibt die gesellschaftliche Macht als Ding in die Hand der Privatperson, die als solche diese Macht übt." 40) Vgl. MEW 13/118: "Der lebendige Prozeß dieses doppelseitigen polarischen Gegensatzes wird nun wieder in seiner Verwirklichung gespalten. Der Verkäufer veräußert die Ware wirklich und realis- lert Ihren Preis zunächst wieder nur ideell... Auf der Seite des Verkäufers wird die Ware als Gebrauchswert wirklich veräußert, ohne daß sie als Preis wirklich realisiert wäre; auf der Seite des Käufers wird das Geld wirklich im Gebrauchswert realisiert, ohne daß es als Tauschwert wirklich veräußert wäre." 41) Vgl. MEW 13/118: "In dieser Funktion als Zahlungsmittel er- scheint das Geld als die absolute Ware, aber innerhalb der Zirku- lation selbst, nicht wie der Schatz außerhalb derselben." 42) Vgl. MEW 13/118: "Die Verwandlung von Ware in Geld als ab- schließender Akt oder die erste Metamorphose der Ware als Selbst- zweck ... ist jetzt zu einer ökonomischen Funktion geworden. Das Motiv und der Inhalt des Verkaufs, um zu zahlen, ist aus der Form des Zirkulationsprozesses selbst entspringender Inhalt dessel- ben." 43) Vgl. MEW 13/117: "Statt daß früher das Wertzeichen, vertritt hier der Käufer selbst symbolisch das Geld." 43a) Seine Bewegung unterstellt bereits über das Geld vermittelt Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft und greift über die Sphäre der Warenzirkulation hinaus: "Es wird die allge- meine Ware der Kontrakte" (MEW 23/154), auch wenn es sich bei diesen nicht um den Austausch von Waren handelt. Die Verhältnisse der Individuen zu ihrem organisierten Gemeinwesen erhalten die Form der Geldzahlung. Steuern, Geld als Strafmaß etc. Vgl. MEW 13/120. 44) Vgl. MEW 13/121: "Die als Zahlungsmittel erheischte Summe Geldes wird daher bestimmt sein nicht durch die Preissumme der gleichzeitig zu realisierenden Zahlungen, sondern durch die größere oder geringere Konzentration derselben und die Größe der Bilanz die nach ihrem wechselseitigen Aufheben als negative und positive Größen übrigbleibt." 45) Vgl. Grundrisse/876: "Seine Entwicklung als allgemeines Zah- lungsmittel hüllt den Widerspruch ein, daß der Tauschwert von seiner Existenzweise als Geld unabhängige Formen angenommen hat, andererseits seine Existenzweise als Geld gerade als definitive und einzig adäquate gesetzt ist." 46) Die konkrete Entwicklung des bürgerlichen Staates hat aus der K o n k u r r e n z der Revenuequellenbesitzer zu erfolgen, nicht aus der ökonomischen Kategorie des Geldes. Wenn Marx hier auf den Staat als objektiver Verselbständigung des abstrakt all- gemeinen Willens reflektiert, dann deswegen, weil das Verhält- nis von Waren- und Geldbesitzern die Form darstellt, welche die Revenuequellenbesitzer in ihrem praktischen Bezug aufeinander an- nehmen und als solche Form den Schluß auf ihre Verdopplung in be- sondere Interessen Verfolgende einerseits, in abstrakt allgemeine Personen, Privateigentümer andererseits zu ziehen gestattet. (Vgl. Kap. 2) 47) Vgl. MEW 13/125: "Gold wird Geld im Unterschied von Münze, erst indem es sich als Schatz aus der Zirkulation zurückzieht, dann als Nichtzirkulationsmittel in sie eintritt, endlich aber die Schranken der innern Zirkulation durchbricht, um als allge- meines Äquivalent in der Welt der Waren zu funktionieren. So wird es Weltgeld." 48) Vgl. Grundrisse/883: "Es ist also in der Tat die Form des Geldes als internationales Tausch- und Zahlungsmittel keine be- sondre Form desselben, sondern nur eine Anwendung desselben als Geld; die Funktionen desselben, worin es am auffallendsten in seiner einfachen und zugleich konkreten Form als Geld, als Ein- heit von Maß und Zirkulationsmittel und weder das eine noch das andre funktioniert. Es ist die ursprünglichste Form desselben. Sie erscheint als besonders nur neben der Partikularisierung, die es in der sogenannten innern Zirkulation, als Maß und Münze an- nehmen kann." 49) Vgl. Grundrisse/883: "Es erscheint nicht für den Austausch des Überflusses, sondern als Saldierung des Überflusses im Ge- samtprozeß des internationalen Austauschs. Die Form füllt hier unmittelbar zusammen mit seiner Funktion Ware zu sein, als die aller Orten zugängliche Ware, universelle Ware." 50) Auch das auf S. 134 Gebotene - dort bezieht sich der Kommen- tar auf die Schrift "Zur Kritik..." - ist alles andere als ein Übergang: "Die nächste Formbestimmung des Geldes als Geld ist eigentlich keine neue, sondern Verallgemeinerung und Modifikation der Bestimmungen von Schatz und Zahlungsmittel". Ebenso matt ge- stalten sich die Ausführungen zum Verhältnis der ersten Geld- funktionen untereinander; man überprüfe nur den Gehalt der endlos wiederholten Phrasen über die Wesentlichkeit und Unwesentlichkeit von Qualität bzw. Quantität in den einzelnen Bestimmungen. Doch geht es uns hier nicht um das schadenfrohe Aufzeigen möglichst vieler oder aller inhaltlichen Mängel des Buches, - Fehler können jedem passieren - sondern um die Kennzeichnung des V e r f a h r e n s, das die Berliner praktizieren. Dabei scheint uns auch Polemik angebracht, da an die Stelle des Nach- vollzugs bzw. der Ergänzung Marx'scher G e d a n k e n der Wettstreit im Sammeln von Zitaten getreten ist. Die spezifischen Schwierigkeiten, denen sich Schulungsteilnehmer bei der Aufarbei- tung des "Kapital" konfrontiert sehen, die also über das Ver- ständnis des einen oder anderen Satzes hinausgehen und sich mit der Frage umschreiben lassen: warum steht d a s an d i e s e r Stelle, ohne deren Beantwortung also auch nichts verstanden wor- den ist, erfahren durch die kompilatorische Schrift der Projekt- gruppe keinerlei Minderung. Zweiter Abschnitt: Die Verwandlung von Geld in Kapital ------------------------------------------------------ 4. Kapitel ---------- Verwandlung von Geld in Kapital ------------------------------- Das Geld steht als "letztes Produkt der Warenzirkulation" zugleich in Gegensatz zu dieser. Als selbständiges Dasein des Tauschwerts, in seiner Bestimmung als absolute Ware widerspricht es einer Bewegung, in der es sich als Mittel der Metamorphose der Waren unterordnet. Soll das Geld als solches wirklich Zweck der Zirkulation sein und als Überschuß über die in ihr zirkulierenden Warenwerte festgehalten werden, bedarf es einer Form der Zirkula- tion, in der das Geld A u s g a n g s p u n k t und R e s u l t a t der Bewegung ist, der Formwechsel von Ware und Geld nicht letzteres verschwinden macht, sondern es erhält: G-W-G (1). "Geld als Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zunächst nur durch ihre verschiedne Zirkulationsform. Die unmittelbare Form der Warenzirkulation ist W-G-W, Verwandlung von Ware in Geld und Rückverwandlung von Geld in Ware, verkaufen um zu kaufen. Ne- ben dieser Form finden wir aber eine zweite, spezifisch unter- schiedne vor, die Form G-W-G, Verwandlung von Geld in Ware und Rückverwandlung von Ware in Geld, kaufen um zu verkaufen Geld, das in seiner Bewegung die letztre Zirkulation beschreibt, ver- wandelt sich in Kapital und ist schon seiner Bestimmung nach Ka- pital" (MEW 23/151 f.). 1. Die allgemeine Formel des Kapitals ------------------------------------- Die erste Bestimmung des Kapitals liegt in der spezifischen F o r m der Zirkulation. Zwar finden sich auch hier zwei entge- gengesetzte Phasen, W-G, Verkauf, und G-W, Kauf. "Was jedoch die beiden Kreisläufe... von vornherein scheidet, ist die umgekehrte Reihenfolge derselben entgegengesetzten Zirkulationsphasen" (MEW 23/163). Da der Zweck und das Resultat der Bewegung hier im Geld liegt, eigentlich Austausch von Geld gegen Geld stattfindet, ver- mittelt nicht das Geld, sondern die Ware den Prozeß. Der Geldbe- sitzer "entläßt das Geld nur mit der hinterlistigen Absicht, sei- ner wieder habhaft zu werden. Es wird daher nur vorgeschossen" (MEW 23/163). In der Absicht des Kapitalisten, der das Geld nicht ausgibt, um sich Gegenstände der Konsumtion zu verschaffen, son- dern um Geld zurückzuerhalten, ist der Tauschwert selbst "als treibendes Motiv und bestimmender Zweck" (MEW 23/164) offensicht- lich. Zugleich ist damit der Bewegung des Kapitals derselbe Wi- derspruch eigen, den wir in der Bestimmung des Geldes als Geld vorfinden. Liegt im W e r t als der abstrakten Form des gesell- schaftlichen Reichtums der Zweck des Kreislaufs G-W-G, so er- scheint die quantitative Bestimmtheit seines Resultats immer auch als Beschränkung. Hier, wo ein Geldquantum bereits vorhanden ist und auch als solches den Ausgangspunkt der Bewegung darstellt, wäre die Rückkehr des Geldes zu sich selbst in derselben Größe demnach eine Wiederherstellung dieser Beschränktheit. Schon vor- handenes Geld gegen sich selber einzutauschen, "scheint eine ebenso zwecklose als abgeschmackte Operation" (2). Insofern der Wert den Inhalt des Prozesses ausmacht, ist seine Vermehrung die notwendige Konsequenz: "Der ursprünglich vorgeschoßne Wert erhält sich daher nicht nur in der Zirkulation, sondern in ihr verändert sich seine Wert- größe, setzt einen Mehrwert zu, oder verwertet sich. Und diese Bewegung verwandelt ihn in Kapital" (MEW 23/165). Geht aus der Identität des Anfangs- und Endpunktes dieses Kreis- laufs hervor, daß die in ihm beschriebene Bewegung e n d l o s ist (MEW 23/166), verleiht ihr die Differenz welche sie hervor- bringen muß, die Bestimmung der M a ß l o s i g k e i t: "... die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos" (MEW 23/167). Der Inhalt des Formwechsels von Ware und Geld liegt damit auch nicht mehr im FesthaIten des Geldes als sachlicher Existenzweise des Werts; von seiner Erhaltung als dem selbständigen Dasein des abstrakten Reichtums her wird seine V e r m e h r u n g nötig, womit das Geld selbst zum bloßen Moment einer Bewegung herab- sinkt, die der Wert durchläuft und als die er K a p i t a l ist: Der Wert wird also prozessierender Wert, prozessierendes Geld und als solches Kapital" (MEW 23/170) (3). Die Zirkulationsform des Kapitals, G-W-G', macht also Ware und Geld zu bloßen Durchgangsstufen des Verwertungsprozesses, wobei "das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise" (MEW 23/168) ist: Wenn in der einfachen Zirkulation der Wert der Waren ihrem Gebrauchswert gegenüber höchstens die selbständige Form des Geldes erhält, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine pro- zessierende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Ware und Geld beide bloße Formen" (MEW 23/169) (4). 2. Widersprüche der allgemeinen Formel -------------------------------------- Die allgemeine Formel des Kapitals bringt den Prozeß zum Aus- druck, in welchem sich Wert von bestimmter Größe vermehrt: der Formwechsel von Ware und Geld erhält den Wert, ist der Prozeß s e i n e r Verselbständigung und erzeugt an ihm eine auantita- tive Differenz: "In der Tat wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, wo er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ur- sprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewe- gung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung" (MEW 23/169). Durch die Veränderung der Zirkulations f o r m, aufgrund der ge- genüber der einfachen Warenzirkulation umgekehrten Reihenfolge von Verkauf und Kauf, vollzieht sich eine Vermehrung des in die Zirkulation eingehenden Werts, was "allen früher entwickelten Ge- setzen über die Natur der Ware, des Werts, des Geldes und der Zirkulation selbst" widerspricht (MEW 23/170). An den Versuchen, diesen Widerspruch zu tilgen und die Warenzirkulation als Quelle von Mehrwert darzustellen, zeigt Marx daß solche Bemühungen ent- weder die Bestimmungen der einfachen Zirkulation, des Äquivalen- tentausches als Voraussetzung aufgegeben und damit das, was sie zu beweisen vorgeben, gar nicht beweisen oder mit der "Erklärung" des Mehrwerts als nominellen Preisaufschlag der Waren nur bestä- tigen, daß der Warenaustausch die Vermehrung des Werts nicht be- wirken kann: "Man mag sich also drehen und wenden wie man will, das Fazit bleibt dasselbe. Werden Äqulvalente ausgetauscht so entsteht kein Mehrwert und werden Nichtäquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert" (MEW 23/177 f.). Aber auch ein Rekurs auf das Verhältnis des Warenbesitzers zu seinem Produkt nimmt die Problemstellung, wie bereits vergegen- ständlichte Arbeit, Wert, seiner eigenen Vermehrung fähig sein kann, zurück: "Der Warenbesitzer kann durch seine Arbeit Werte bilden, aber keine sich verwertenden Werte" (MEW 23/180). Der zu Beginn des Teilabschnitts konstatierte Widerspruch, daß in der Zirkulationsbewegung der Form G-W-G die Erhaltung und Vermehrung des Werts vonstatten gehen muß, obgleich diese Bewegung als Form- wechsel von Ware und Geld eine Vermehrung des Werts gar nicht hervorbringen kann, hat sich durch keine der in der Ökonomie gän- gigen Erklärungen aufgelöst. Die Selbstverwertung des Werts hat also die Bestimmungen der Zirkulation, von Ware und Geld, zu ih- rer Voraussetzung, sie beruht auf ihnen- und unterstellt zugleich über die einfache Zirkulation hinausgehende ökonomische Verhält- nisse: "Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen, und es kann ebensowenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muß zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen" (MEW 23/180). 3. Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ------------------------------------ a) Aus dem formellen Unterschied, den der Kreislauf des Kapitals zur Warenzirkulation aufweist, ergibt sich auch der inhaltliche. Wenn die Verwandlung des Werts in die Ware als Seine "besondere Existenzweise" um Seiner Vermehrung willen geschieht (5), dann ist umgekehrt die Ware M i t t e l d e r V e r w e r t u n g: weder im Formwechsel noch in ihrem Wertsein - das hat die Analyse von G-W-G gezeigt - kann die Veränderung der Wertgröße ihren Grund haben, so daß hier der Gebrauchswert der Ware das bestimmte ökonomische Verhältnis ausmacht (6). I h r e N ü t z l i c h- k e i t besteht in der Verwertung des Werts; sie ist in den Kreislauf nicht nur als bloße Materiatur des Tauschwerts, diesem gegenüberstehend eingeschlossen, sondern als realisierter Gebrauchswert (7): Die Veränderung muß sich also zutragen mit der Ware, die im ersten Akt G-W gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, denn es werden Äquivalente getauscht, die Ware wird zu ihrem Wert bezahlt Die Veränderung kann also nur entspringen aus ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. aus ihrem Verbrauch" (MEW 23/181). Somit kann die Ware, welche hier zum Mittler des Selbstverwer- tungsprozesses des Werts wird, nicht irgendein Gebrauchsgegen- stand sein, dessen Konsumtion ihren Wert einfach verschwinden läßt (8): Um aus dem Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein, innerhalb der Zirkulationssphäre, auf dem Markt, eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besaße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor - das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft" (MEW 23/181). Die Verwandlung von Geld in Kapital hat uns damit auf eine ökono- mische Kategorie verwiesen, die einerseits als W a r e bestimmt ist, andererseits sich dadurch auszeichnet, daß ihr G e b r a u c h s w e r t nicht gleichgültig ist, vielmehr die Eigentümlichkeit dieser Ware ausmacht: ihre Konsumtion ist Verge- genständlichung von Arbeit, sie selbst ist der Möglichkeit nach Arbeit: "Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbe- griff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leib- lichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existie- ren, und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte ir- gendeiner Art produziert" (MEW 23/181). b) Insofern die Verwertung des Kapitals auf dem Kauf der Ware Ar- beitskraft beruht, also ein Besitzer dieser Ware in eine Bezie- hung zum Geldbesitzer tritt, wie sie sich im Warentausch als wechselseitige Respektierung von Privateigentümern ergeben hatte, kann das dem Geldbesitzer gegenübertretende Subjekt nur das sein dessen Arbeitsvermögen Gegenstand des Austauschaktes ist. Die Be- stimmungen des Warentausches schließen persönliche Abhängigkeits- verhältnisse, unmittelbare Gewalt über den Willen anderer aus: "Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentumer seines Arbeits- vermögens, seiner Person sein" (MEW 23/182). Zugleich darf der freie Eigentümer der Arbeitskraft deren Verkauf nicht in einer Weise vollziehen, die ihn als diesen freien Eigen- tümer nicht bestehen läßt, "aus einem Warenbesitzer in eine Ware" verwandelt "Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als sei- nem Eigentum und daher seiner eignen Ware verhalten, und das kann er nur, soweit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend für einen bestimmten Zeittermin zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigentum an ihr verzichtet" (MEW 23/182). Andererseits ist mit dem Verkauf des Arbeitsvermögens eine zweite Bedingung angegeben, ohne die die Beziehung von Geldbesitzer und Arbeiter nicht zustande kommt, nämlich die, daß letzterer, "statt Waren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit verge- genständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existiert, als Ware feilbieten muß" (MEW 23/183) (9). Im "freien Arbeiter" kündigt sich das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, demzufolge der "freie Wille" des einzelnen respek- tiert wird, als Form an, in der sich das für diese Gesellschafts- formation spezifische Verhältnis von Kapital und Arbeit durch- setzt: "Was die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist, daß die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehö- rigen Ware, seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit erhält" (MEW 23/184). c) Die Wertbestimmung der Ware, durch deren Kauf und Konsum sich der Wert vermehrt, weist aufgrund ihrer Beschaffenheit eine Be- sonderheit auf. Zunächst "repräsentiert die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesell- schaftlicher Durchschnittsarbeit". Da sie als "Anlage des leben- digen Individuums" existiert, löst sich die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit auf "in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeits- zeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhal- tung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel" (MEW 23/185). Damit ist aber ausgesprochen, daß sich die Wertgröße der Arbeits- kraft über die Bedürfnisse des Arbeiters vermittelt, also über ein Moment seiner Subjektivität, die sich entsprechend den ge- sellschaftlichen Verhältnissen entwickelt: "Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element" (MEW 23/185) - was allerdings nichts an dem grundsätzlichen Verhältnis zwischen Reproduktion des Arbeiters und der Verausgabung seiner Arbeits- kraft ändert: während die Form der Lohnarbeit, wie sie an der Oberfläche erscheint, unmittelbar die Arbeit als Mittel für die Reproduktion des Arbeiters erscheinen läßt, zeigt der hier ent- wickelte Begriff der Arbeitskraft (der aus der Analyse der Wider- sprüche, die die Lohnarbeit enthält, zu erschließen ist), daß die Reproduktion des Arbeiters umgekehrt Mittel für seine Arbeit ist, die er dem Kapitalisten überläßt. d) Deutlich wird dies an der Trennung zwischen "Veräußerung der Kraft" und ihrer "wirklichen Äußerung", ihrem zeitlichen Ausein- anderfallen: in seiner Arbeit ist der Arbeiter bloßes Element des Produktionsprozesses neben Rohmaterial und Arbeitsmittel, seine Tätigkeit ist Mittel für die Verwertung des Werts: "Der Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozeß von Ware und Mehrwert. Die Konsumtion der Ar- beitskraft, gleich der Konsumtion jeder andren Ware, vollzieht sich außerhalb des Markts oder der Zirkulationssphäre." (MEW 23/189) Während sich innerhalb der Zirkulationssphäre lediglich der den Gesetzen des Warenaustausches gehorchende Austausch von Geld und Arbeitskraft vollzieht, stellt der den Verwertungsprozeß bewir- kende Gebrauch der Arbeitskraft, die warenproduzierende Tätig- keit, die nicht bloßer Umgang mit vergegenständlichter Arbeit, sondern V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g von Arbeit ist, einen ökonomischen Prozeß dar, der sich als Grund für die formale Bewegung der Tauschwerte erweist. Mit dem Übergang von Geld zum Kapital wird die P r o d u k t i o n, die bisher mit der Exi- stenz von Ware und Geld unterstellt war, selbst Gegenstand der Betrachtung. Die Zirkulation zeigt sich als "das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Prozesses" (Grundrisse/166): "Im Austausch zwischen Kapital und Arbeit ist der erste Akt ein Austausch, fällt ganz in die gewöhnliche Zirkulation; der zweite ist ein qualitativ vom Austausch verschiedner Prozeß und es ist nur by misuse, daß er überhaupt Austausch irgendeiner Art genannt werden könnte. Er steht direkt dem Austausch gegenüber; wesent- lich andre Kategorie." (Grundrisse/186) e) Die Subjekte der ökonomischen Bewegung, die aufgrund der Be- stimmungen der einfachen Zirkulation keine g e s e l l- s c h a f t l i c h e n Differenzen aufweisen - "Wir kennen bisher kein ökonomisches Verhältnis der Menschen außer dem von Warenbesitzern, ein Verhältnis, worin sie fremdes Arbeitsprodukt aneignen, indem sie eignes entfremden" (MEW 23/123) - unter- scheiden sich nun in zwei entgegengesetzte "Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation oder des Warenaustauschs, woraus der Freihändler vulgaris Anschauun- gen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unsrer dramatis per- sonae." (MEW 23/190 f.) Insofern die wesentliche Beziehung von Kapitalist und Arbeiter über den Austausch vermittelt ist, in dem sie als bloße Geld- und Warenbesitzer agieren, erscheinen Kapitalist und Arbeiter tatsächlich in der Form, die den Individuen des Austausches im gesellschaftlichen Verkehr zukommt: "als freie, rechtlich eben- bürtige Personen". Sie s i n d frei und gleich, die "einzige Macht, die sie zusammen und im ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatin- teressen" (MEW 23/190). Der Austauschprozeß ist also mit allen ihm zugehörigen Kategorien der Oberfläche - Freiheit, Gleichheit, Eigentum auf jeder Seite - die F o r m, in welcher sich der Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital d u r c h s e t z t, welcher im Austausch nur an der Besonderheit der gehandelten Ware zu fassen ist, wesentlich aber in deren anschließender Konsumtion beruht: es ist die unter- schiedliche Stellung in der P r o d u k t i o n, welche diesen Gegensatz charakterisiert, weshalb es auch müßig ist, die der Form des Austauschs entspringenden Bestimmungen der Freiheit und Gleichheit als der kapitalistischen Produktionsweise entgegenste- hende verwirklichen zu wollen (10). Die Konkurrenz der Indivi- duen, die verschiedenen Klassen angehören vollzieht sich in eben diesen Formen, die mit der kapitalistischen Ausbeutung verschwin- den, statt verwirklicht werden zu müssen. _____ 1) Vgl. Grundrisse/931: "Sein Eingehn in die Zirkulation muß selbst ein Moment seines Beisichbleibens und sein Beisichbleiben ein Eingehn in die Zirkulation sein." 2) Vgl. Grundrisse/935: "Wir haben schon gesehn beim Geld, und in der Schatzbildung erscheint es, daß die Vermehrung des Geldes die Vervielfältigung desselben als der einzige Prozeß der Form der Zirkulation ist, welcher dem Wert Selbstzweck ist, d.h. daß sich der verselbständigte und sich in der Form als Tauschwert erhal- tende Wert zugleich der Prozeß seiner Vermehrung ist, daß sein Sicherhalten als Wert zugleich sein Fortgehn über die quantita- tive Schranke ist, seine Vergrößerung als Wertgröße, und daß die Verselbständigung des Tauschwerts weiter keinen Inhalt hat." 3) Vgl. Grundrisse/939: "Es ist Einheit von Ware und Geld, aber die prozessierende Einheit beider, und weder die eine noch das andre, wie sowohl die eine als das andre." 4) Vgl. Grundrisse/937: "Im Kapital hat das Geld seine Starrheit verloren und ist aus einem handgreiflichen Ding zu einem Prozeß geworden." 5) Vgl. Grundrisse/942: "Die Verselbständigung besteht nur noch darin, daß der Tauschwert an sich als Tauschwert festhält, ob er in der Form des Geldes oder in der der Ware existiere, und er geht nur in die Form der Ware über, um sich selbst zu verwerten." 6) Vgl. Grundrisse/185 f.: "Hier erscheint umgekehrt der Ge- brauchswert des gegen das Geld Eingetauschten als besondres öko- nomisches Verhältnis, und die bestimmte Verwendung des gegen das Geld Eingetauschten bildet den letzten Zweck beider Prozesse." Sowie Grundrisse/944: "Bei der einfachen Zirkulation war der Inhalt des Gebrauchswerts gleichgültig, fiel außerhalb die ökonomische Formbeziehung. Hier ist er wesentliches ökonomisches Moment derselben. Indem der Tauschwert nur dadurch als an sich im Austausch festhaltender zunächst bestimmt ist, daß er sich aus- tauscht mit dem seiner eignen Formbestimmung nach ihm gegenüber- stehenden Gebrauchswert." 7) Vgl. Grundrisse/943: "Die wirkliche Negation des Gebrauchs- werts, die nicht in der Abstraktion von ihm, sondern in seiner Konsumtion existiert (nicht in dem ihm gegenüber Gespannt-stehen- bleiben), diese seine reale Negation, die zugleich seine Verwirk- lichung als Gebrauchswert ist, muß daher zum Akt der Selbstbeja- hung, Selbstbetätigung des Tauschwerts gemacht werden." 8) Vg Grundrisse/943: "Gebrauchswert ist nur noch für das Geld nicht ein Konsumtionsartikel, worin es sich verliert, sondern nur noch der Gebrauchswert, wodurch es sich erhält und vermehrt. Für das Geld als Kapital existiert kein andrer Gebrauchswert. Es ist eben dies das Verhalten seiner als Tauschwerts zum Gebrauchswert. Der einzige Gebrauchswert, der einen Gegensatz und Ergänzung zum Geld als Kapital bilden kann, ist die Arbeit und diese existiert im Arbeitsvermögen, das als Subjekt existiert." 9) Vgl. Grundrisse/945: "Die Bedingung ist also, daß der Arbeiter sein Arbeitsvermögen als zu vernutzende Ware feilbietet: also der freie Arbeiter. Die Bedingung ist, daß der Arbeiter erstens als freier Eigentümer über sein Arbeitsvermögen disponiert, sich zu ihm als Ware verhält; dazu muß er freier Eigentümer desselben sein. Zweitens aber, daß er seine Arbeit nicht mehr in der Form einer andren Ware, vergegenständlichter Arbeit auszutauschen hat, sondern die einzige Ware, die er anzubieten hat, zu verkaufen hat, eben sein lebendiges, in seiner lebendigen Leiblichkeit vor- handnes Arbeitsvermögen ist, die Bedingungen der Vergegenständ- lichung seiner Arbeit, die gegenständlichen Bedingungen seiner Arbeit also als fremdes Eigentum, in der Zirkulation auf der and- ren Seite, jenseits seiner selbst befindliche Waren existieren." 10) Denen, die solches versuchen und den Zwangscharakter der Gleichheit, die im S t a a t ihren Ausdruck findet, nicht ein- mal ahnen, "ist zu antworten: daß der Tauschwert oder näher das Geldsystem in der Tat das System der Gleichheit und Freiheit ist und daß, was ihnen in der näheren Entwicklung des Systems störend entgegentritt, ihm immanente Störungen sind, eben die Verwirkli- chung der Gleichheit und Freiheit, die sich ausweisen als Ungleichheit und Unfreiheit" (Grundrisse/160). Warum scheitern Marxisten an der Erklärung ------------------------------------------ des bürgerlichen Staates? ------------------------- Besprechungen neuerer Arbeiten zur Staatstheorie ------------------------------------------------ An der wachsenden Anzahl von Veröffentlichungen über den bürger- lichen Staat kommt das Eingeständnis einer Lücke in der revolu- tionären Theorie zum Ausdruck. Man weiß von der Notwendigkeit po- sitiven Wissens über den Staat und gibt in diversen Bemühungen zu erkennen, daß dieses Wissen noch nicht existiert, also noch erar- beitet sein will. Dabei ist für die Beurteilung der einschlägigen Versuche die Herkunft des Bewußtseins, daß in Sachen 'Staat' ein Mangel zu beheben sei, zunächst völlig gleichgültig. Daß neben der Unzufriedenheit mit den theoretischen, in Programmen sich niederschlagenden Bestimmungen und dem aus ihnen folgenden prak- tischen Verhalten zum Staat, das existentente kommunistische Or- ganisationen pflegen, auch minder politische Motive eine Rolle spielen, ist uns bekannt. Doch braucht ein theoretischer Beitrag zum Thema 'Staat' noch nicht falsch zu sein, wenn er aus dem Be- dürfnis linker Sozialwissenschaftler heraus entstanden ist, sich im Konkurrenzkampf der 'Ansätze' als marxistischer Theoretiker Anerkennung zu verschaffen. Insofern, als sich diese bis in die Form des Schreibens hinein kenntliche Motivation noch mit der In- tention verbindet, marxistische, und das heißt richtige Theorie hervorzubringen, genügt allein die Auseinandersetzung mit dem Dargebotenen, um festzustellen, ob sich die Autoren um eine For- tentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus verdient gemacht haben oder nicht. Polemische Formulierungen sind jedoch deshalb nicht überflüssig, sondern immer dort notwendig, wo die mit einer theoretischen Veröffentlichung faktisch vollzogene Unterstellung, es ginge den Autoren um die w i s s e n s c h a f t l i c h e Analyse des Staates, negiert wird. Neben der immanenten Kritik der Gedankengänge, die sich in den einzelnen Veröffentlichungen finden, gestatten wir uns, wo wir Fehler feststellen können, auch Schlüsse auf den G r u n d dieser Fehler. Den ständig vorgenom- menen Konfrontationen zwischen verschiedenen 'Ansätzen' eine wei- tere hinzuzufügen, erscheint uns ein müßiges Geschäft. Da es uns um die notwendigen Fortschritte in der Erarbeitung positiven Wis- sens über den kapitalistischen Staat geht, wollen wir über die friedliche Koexistenz von Ansätzen gerade hinaus und erklären, warum es diese gibt - um sie a l s A n s ä t z e, die sich oh- nehin unablässig ihre eigene Vorläufigkeit bescheinigen und nie vergessen, darauf hinzuweisen, was zu tun w ä r e, wollte man wirklich Staatstheorie treiben, ad acta zu legen. Das heißt aber auch, daß wir von einem in der Theoriebildung wie in der gegen- seitigen Kritik üblich gewordenen Verfahren zunächst einmal Ab- stand nehmen, das darin besteht, daß man die Berechtigung des At- tributs "marxistisch" durch den ständigen Rekurs auf das "Kapital" dokumentiert. Die Unterstellung, daß eine Theorie des Staates in ihren Aussagen nicht dem gesicherten Wissen aus der Kritik der Politischen Ökonomie widersprechen darf, soll sie ebenso richtig sein wie diese, verkehrt sich dabei zu einem Vor- gehen, das sich der Richtigkeit von Aussagen zum S t a a t durch permanentes Zitieren der Marxschen Resultate versichert, die einen anderen Gegenstand, nämlich die Ö k o n o m i e, be- treffen. Es ist, als hätte die bürgerliche Wissenschaft mit ihrer Manier, jeden Gedanken zunächst für eine Hypothese zu erklären, um ihn anschließend, nach getaner Wissenschaft einer Verifikation zu unterziehen, bei Marxisten eine neue Variante hervorgebracht, die sich dadurch auszeichnet, daß das Kriterium der Überprüfung im "Kapital" gesehen wird. Zwar läßt sich eine Theorie des Staa- tes, die ihm ökonomische Funktionen zuschreibt, welche allen Ge- setzen, die MARX im "Kapital" darstellt, widersprechen, mit die- sem Verfahren schnell als unwissenschaftlich abqualifizieren, doch ist es kaum geeignet, die wissenschaftliche Untersuchung des Staates selbst zu ersetzen. Und auch die Gewißheit, daß zwischen kapitalistischer Produktionsweise und den Formbestimmungen des Staates ein notwendiger "Zusammenhang" besteht, daß sich der Staat aus der Ökonomie "ableitet" u.ä., ändert nichts an der von jedem Staatstheoretiker vorausgesetzten Tatsache, daß es den Staat als selbständigen Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse gibt. Die in allen Variationen wiederkehrenden Aussagen, daß der bürgerliche Staat "Ausdruck" der antagonistischen Klassenverhält- nisse, "Konsequenz" der widersprüchlichen Produktionsweise, seine Grundlage "die bestehende Gesellschaft" ist usw., ändern nichts am Sachverhalt daß man sich mit ihnen lediglich an resultathafte Formulierungen der Klassiker anlehnt, aber noch nichts über den Staat weiß. Und auch dann, wenn der bestimmte Zusammenhang zwi- schen Ökonomie und Staat gewußt wird, als notwendiger Übergang von den Bestimmungen der Konkurrenz zur ihr gegenüberstehenden allgemeinen Macht entwickelt ist, steht man erst am Anfang der Bestimmungen des Staates. Die Sicherheit, die sich für die Auto- ren aus der Anknüpfung an MARXsche und ENGELSsche Formulierungen der obengenannten Art ergibt, ist eine fiktive - was sie selbst, indem sie sich die Erarbeitung der Staatstheorie als A u f g a b e setzen zugeben. Wir werden, wo an die Stelle von Aussagen über den Staat selbst das endlose Variieren von Klassi- kersätzen über das V e r h ä l t n i s des Staates zu seinen ökonomischen Voraussetzungen getreten ist, und für Staatstheorie ausgegeben wird und diese überflüssig zu machen scheint, deshalb auch nicht mit dem Vorwurf aufwarten, daß den ausgearbeiteten Teilen der Kapitalismustheorie w i d e r s p r e c h e n d e Bestimmungen des Staates vertreten werden, sondern daß ü b e r h a u p t keine Einsicht oder f a l s c h e Vorstel- lungen über den Gegenstand Staat vorliegen. Wenn dies nachgewie- sen werden kann, ist es auch sinnvoll, ein falsches MARX-Verständnis oder eine unwissenschaftliche Stellung zum Ge- genstand als Grund für die aufgezeigten Fehler anzugeben. (Ohne die Grundlage einer immanenten Kritik mündet der Vorwurf der Ab- weichung von MARX gewöhnlich in einem Wechsel des Gegenstandes - die Auseinandersetzung verlagert sich dann endgültig aufs Zitie- ren der Einleitung zu den Grundrissen und anderer sogenannter "methodischer" Stellen.) Doch besteht der durchgängige Mangel der hier besprochenen Veröffentlichungen zum Staat, die sich alle marxistisch wähnen, weniger im Mißverständnis bestimmter Teile der Kritik der Politischen Ökonomie (obwohl auch da mancher Un- sinn geboten wird), sondern zunächst einmal in der V e r w e n d u n g politökonomischer Argumente für die Analyse einer Sphäre, die explizit als v o n d e r Ö k o n o m i e g e s o n d e r t e behauptet wird. Obwohl man sich vorgenommen hat, zu erklären, was den bürgerlichen Staat kennzeichnet, führt man - je nach Kenntnissen - einen Passus aus dem "Kapital" nach dem anderen auf. Den Vorwurf von MARX gegen das Gothaer Programm, daß es die "bestehende Gesellschaft" nicht "als Grundlage des be- stehenden Staates" behandelt - eine Kurzformel, die nur aus- spricht, daß die Verfasser des Gothaer Programms sich über den Charakter des bürgerlichen Staates im Unklaren waren und hervor- hebt, was eine wissenschaftliche Untersuchung des Staates zum R e s u l t a t hat -, versteht man offenbar so, daß man den Staat durch Nacherzählungen aus dem "Kapital" begreift. Das unbe- griffene Resultat der MARXschen Untersuchungen, d a ß der Staat von der Ökonomie bestimmt sei, wird kurzerhand zum Anlaß dafür genommen, mehr oder weniger gekonnte Zusammenfassungen über den Produktionsprozeß, die Akkumulation, die Krise etc. als E r k l ä r u n g des Staates zu präsentieren. Was solche "Anwendung" von MARX zu leisten vermag, läßt sich ex- emplarisch am Aufsatz von MÜLLER/NEUSÜSS (1) zeigen, der sich zunächst darauf beschränkt, verschiedenen Vorstellungen bezüglich der ö k o n o m i s c h e n F u n k t i o n e n des Staates mit Argumenten aus der Kritik der Politischen Ökonomie zu begeg- nen und nachzuweisen, daß der Staat dessen, was ihm revisionisti- sche, reformistische und bürgerlich-wissenschaftliche Theorien zuschreiben, gar nicht fähig ist. Diese Argumentation konfron- tiert also die von MARX formulierten Bewegungsgesetze der kapita- listischen Produktion mit bestimmten Annahmen über die ökonomi- sche Relevanz des Staates, die partiell auch von Leuten vorge- bracht werden, die sich auf MARX berufen, und konstatiert ihre Unvereinbarkeit. Doch versuchen die Autoren darüberhinaus auch noch zu erklären, wie die von ihnen falsifizierten Anschauungen zustandekommen: "Kapitalistische Produktion und Verteilung, sowohl der für die Erweiterung der Produktion als auch der für den individuellen Konsum bestimmten Waren, haben sich durch das Dazwischentreten der Staatsgewalt voneinander gelöst. Der Staat erscheint als gegenüber den Produktionsverhältnissen autonomes Subjekt" (15). Wer jedoch nach der Benennung dieses Widerspruches erwartet, daß an der zugestandenen Distributionstätigkeit des Staates nachgewiesen wird, w i e seiner formellen Selbständig- keit keineswegs eine Autonomie entspricht, durch die er in der Lage wäre, die dem kapitalistischen Reproduktionsprozeß eigentüm- lichen Gesetze außer Kraft treten zu lassen, ja daß er diesen ei- gentlich nur zur D u r c h s e t z u n g verhilft, sieht sich getäuscht. Die Auflösung der falschen Auffassungen - die, so war gesagt worden, ihre reale Grundlage in der tatsächlichen Distri- butionstätigkeit des Staates finden - vollzieht sich nicht an der Untersuchung dessen, was der Staat tut, sondern durch die Be- trachtung der Produktion und ihrer Gesetze: selbst den bürger- lich-nationalökonomischen Theorien wird "eine realistischere Vor- stellung ... von den Schranken der Staatstätigkeit" zugesprochen, nicht ohne zu vermerken, daß sie natürlich falsch seien. Liegt die Überwindung falschen Bewußtseins bezüglich der ökonomischen Potenzen des Staates nicht in dem Verfolgen s e i n e r wider- sprüchlichen Tätigkeit, sondern in der Betrachtung des Produkti- onsprozesses - "Die Entstehung des zu Verteilenden, des "Sozialprodukts", also der Produktionsprozeß, existiert nicht als Problem der Verteilung. Daher können die staatlichen Maßnahmen als bloß politische, als von den politischen Machtverhältnissen und nicht von den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft abhängig aufgefaßt werden" (16) - muß nun aber auch die "realistischere Vorstellung" der Natio- nalökonomie, die ja auf der Anschauung des Produktionsprozesses beruht, aber doch nicht ganz stimmt, kritisiert werden. Ihr Feh- ler liegt darin, daß sie - im Gegensatz zu MARX - den wirklichen Zusammenhang "zwischen Produktion und Distribution nicht erfaßt, und es kann auch nicht anders sein. Vom bürgerlichen Standpunkt aus kann die Distribution der Produkte bzw. der Einkommen nicht als bloßes Moment des Kapitalkreislaufes und der in ihm enthalte- nen Distribution der Produktionsagenten begriffen werden, weil mit dem Begriff des kreislaufenden und sich verwertenden Kapitals zugleich die Produktionssphäre als Ort der Produktion von Mehr- wert begriffen wäre" (16). Diese Tautologie - der Standpunkt der bürgerlichen Wissenschaft begreift deshalb nicht, weil er sonst begreifen würde (2) - führt zum endgültigen Umschlag der Argumen- tation in eine Anleitung zum Begreifen des Staates, die darauf hinausläuft, die P r o d u k t i o n mit MARX' 'Kapital' unter die Lupe zu nehmen, wenn man über den S t a a t etwas herausbe- kommen will. Die Fortsetzung der "Kritik" behauptet implizit, daß nur die Verkennung der ö k o n o m i s c h e n Gesetzmäßigkei- ten den Grund für die Staatsillusion bei Revisionisten und ande- ren ausmache und bestreitet explizit, daß die Qualität des Staa- tes als M o m e n t d e r D u r c h s e t z u n g der Kapi- talverwertung an ihm selbst aufzuspüren sei: "Eine wissenschaft- liche Methode, die beim Staat als Untersuchungsobjekt ansetzt, aus seinen Erscheinungsformen seine Souveränität gegenüber dem Produktionsprozeß ableitetet, ihn zum Träger der Sozialordnung werden läßt, und dann auch die gesellschaftlichen Konflikte nicht mehr durch die besondere Weise der gesellschaftlichen Produktion konstituiert sieht, löst schließlich den gesamten gesellschaftli- chen Prozeß in verschiedene Sphären auf und kommt dabei zu dem Ergebnis, auch das Individuum in verschiedene Sphären aufzutei- len" (31). Abgesehen davon, daß der Staat nun einmal gegenüber der Bewegung der Gesellschaft s o u v e r ä n ist, daß er sich gegenüber der Gesellschaft verselbständigt hat und Gewalt übt, daß es also tatsächlich eine politische Sphäre gibt und auch eine Verdoppelung des Individuums in bourgeois und citoyen (und diese Verselbständigung behaupten die Autoren selbst als n o t- w e n d i g e B e s o n d e r u n g) , wird hier umstandslos das "Ansetzen" beim Staat zur falschen Methode erklärt und suggeriert, das Aufnehmen des Staates als Gegenstand der Theorie impliziere n o t w e n d i g sein Verfehlen. Nicht in der Ana- lyse des tatsächlich souveränen Staates wird gezeigt, daß er sich in den Inhalten seiner Tätigkeit den gesellschaftlichen Voraus- setzungen, denen er entspringt, unterordnet, sondern die Unter- ordnung wird bis zur Leugnung der offensichtlichen Abtrennung ab- strakt mit den im "Kapital" zusammengefaßten Gesetzen behauptet. Die Unfähigkeit, die Unterordnung des Staates als seiner abge- trennten Existenz zugehörig festzuhalten (was in seinem Bezug auf die Staatsbürger zum Ausdruck kommt und der Analyse noch harrt - darin, daß die konkurrierenden Privatsubjekte sich praktisch auf den Staat als Bedingung ihrer Reproduktion beziehen müssen, liegt auch die wirkliche Erklärung der Sozialstaatsillusion!), macht deutlich, daß die Autoren die Gesetze der kapitalistischen Pro- duktionsweise umstandslos mit ihrer Durchsetzung identifizieren - anderenfalls hätten sie es nicht ständig nötig, mit dem "Kapital" g e g e n die verwandelten Formen anzutreten, in denen sich sein Verwertungsprozeß vollzieht und diese Formen als Hirngespinste der Politologie abzutun. Daß die bürgerlichen Sozialwissenschaf- ten die Oberflächenprozesse der kapitalistischen Produktionsweise nicht als Ausdruck der im "Kapital" dargestellten Gesetze erfas- sen, hat nicht darin seinen Grund, daß sie die verwandelten For- men der Konkurrenz und der ihr komplementären Staatstätigkeit b e t r a c h t e n, sondern daß sie dies f a l s c h tun. Um- gekehrt heißt dies nicht, daß mit MARX' Verscheiden die Aufgabe hinfällig geworden ist, die er sich selbst stellte: die Formen der Konkurrenz und des Staates zu analysieren - was MÜLLER- NEUSÜSS offenbar annehmen, wenn sie gemäß ihrer Behauptung, die Analyse des Produktionsprozesses im "Kapital" würde das notwen- dige Wissen über den Staat schon erbringen, die Schlüsse, die MARX an verschiedenen Punkten der Ableitung ökonomischer Katego- rien auf ihre Durchsetzung zieht, für eine Ableitung des Staates ausgeben: "Als eine solche Entwicklung einer bestimmten staatli- chen Funktion soll MARX' Darstellung der Entstehung und Durchset- zung der Fabrikgesetzgebung im ersten Band des "Kapital" im fol- genden resümiert und charakterisiert werden. Es soll also die Ab- leitung des "bestehenden Staates" aus der "bestehenden Gesell- schaft" an einem konkreten Beispiel vorgeführt werden, um zu zei- gen, was MARX unter "Zusammenfassung der bürgerlichen Gesell- schaft" verstanden hat" (46). Daß sich eine A b l e i t u n g aus einem "konkreten (!) Beispiel machen läßt, ist umso erstaun- licher, als die Autoren sich bemüßigt fühlen, sogleich darauf hinzuweisen, daß man die "von Marx gegebene historische Skizze" nicht einfach "aus der Darstellung des "Kapital" herauslösen und "ohne die Bezeichnung ihres systematischen Ortes" referieren darf (46). Warum sie sich nicht eines anderen Beispiels bedienen - Schlüsse auf die Existenz des Staates als "der verselbständigten Macht der Gesellschaft" und bestimmte Funktionen, die er ausübt, gibt es im "Kapital" wahrlich genug: die idealisierten Formen des Geldes machen sein "Eingreifen" nötig, das Kreditwesen könnte ohne ihn nicht funktionieren, ja die Ware selbst unterstellt, wie MARX im 2. Kapitel ausführt, das Privateigentum als Rechtsver- hältnis, das ebenfalls durch die Staatsgewalt seine objektive Gültigkeit erhält etc. etc. - hat offenbar nur den einen Grund, daß der Aufsatz sich von vornherein auf die sozialpolitischen Funktionen des Staates beschränkt und in der Auseinandersetzung um den Arbeitstag, die den Staat als Gesetzgeber und Gewalt zur Durchsetzung der von ihm erlassenen Gesetze bereits voraussetzt, diese Tätigkeit begründen will: "Die oben erwähnte Antinomie zwi- schen dem Recht des Kapitalisten als dem Käufer und dem Recht des Arbeiters als dem Verkäufer der Ware Arbeitskraft wird nach MARX durch Gewalt entschieden; sie konstituiert (!) den Staat zugleich in einem doppelten Charakter. Einerseits werden die sozialpoliti- schen Funktionen des Staates überhaupt erst durch die wirklichen oder drohenden Kämpfe der Arbeiter als Klasse durchgesetzt ohne sie wäre seine Existenz als ideeller Gesamtkapitalist und schein- bar selbständige Instanz nicht möglich" (55 f.). In den Kämpfen um eine Fixierung des Arbeitstages stehen die Arbeiter nicht dem Staat, sondern der Kapitalistenklasse gegenüber, der Staat, der als Gesetzgeber hier bereits unterstellt und nicht abgeleitet wird, gibt dem Resultat solcher Kämpfe lediglich seine rechtliche Form. Die Distributionstätigkeit, die in den übrigen Teilen des Aufsatzes als Funktion des Staates behandelt wird, hat mit der gesetzlichen Regelung des Lohnarbeiterverhältnisses jedoch gar nichts zu schaffen. Sie faßt den Staat als ökonomisches Dasein, in seiner Verfügung über einen Teil des gesellschaftlichen Reich- tums, der ihm in Form von Steuern zufließt, mit dem er sich selbst erhält, und die Mängel in der Reproduktion der Konkurrenz- subjekte kompensiert. Wird er gegenüber den Arbeitern s o z i a l p o l i t i s c h tätig, so geschieht dies in bezug auf diese als sich r e p r o d u z i e r e n d e - ein Verhält- nis das ihre Ausbeutung durchs Kapital unterstellt und komplemen- tär zu ihr steht. Während die Autoren im einen Teil des Aufsatzes nicht müde werden zu betonen daß der Arbeitslohn als Kategorie der P r o d u k t i o n aus dem Verhältnis zwischen Kapital und Arbeitskraft entspringt und die Verteilung, die der Staat an sei- nem Haushalt gemäß seinen verschiedenen Aufgaben vornimmt, die Produktion v o r a u s s e t z t, machen sie hier aus dem kodi- fizierenden Akt des Staates, der lediglich das R e s u l t a t der Auseinandersetzung zwischen den Klassen darstellt, einer Aus- einandersetzung um die Gestaltung des P r o d u k t i o n s- p r o z e s s e s, eine "sozialpolitische Funktion" des Staates (3). Doch nicht genug damit: "Andererseits konstituieren diese Klassenkämpfe immer auch die Arbeiter als Klasse im Sinne eines handelnden Subjekts, damit aber auch die Tendenz zur Aufhebung der Kapitalverhältnisses und seines Staates; dieser Tendenz entspricht wiederum die militärische Unterdrückungsaufgabe des Staates. Wäre nicht die Arbeiterklasse von Zeit zu Zeit gezwungen für ihre Rechte als Warenverkäufer zu kämpfen oder damit zu drohen, so wäre Polizei usw. überflüssig" (56). Zwar ist nicht zu bestreiten, daß der Gewaltapparat des Staates gegen die Arbeiter eingesetzt wird, wenn sie gegen das Kapitalverhältnis kämpfen, doch unterstellt noch jede andere Funktion des bürgerlichen Staates seine Verfügung über eine Gewaltmaschinerie - anderen- falls könnte keinerlei Sicherung von Person und Eigentum gesche- hen, auf die im übrigen auch der Arbeiter angewiesen ist. Jener Sonderfall der Sicherung von Eigentum, wie er in Arbeitskämpfen sich abspielt, kann unmöglich zur Begründung dafür herhalten, d a ß es eine Polizei gibt - wiewohl es notwendig ist, daß die Staatsgewalt gegen gesellschaftliche Bewegungen vorgeht, die seine Existenz und damit die Bedingungen der kapitalistischen Produktion bedrohen. MÜLLER/NEUSÜSS zeigen an solchen Punkten ihrer Ableitung", wohin ihre Weigerung, sich den Staat selbst anzusehen, sie bringt. Eine bestimmte Stelle im "Kapital", an der MARX den h i s t o r i s c h e n Ausdruck, den ein bleibender Antagonismus des Kapitalverhältnisses fand, in die Darstellung aufnimmt, gilt ihnen als unmittelbarer Ausgangspunkt für zwei Bestimmungen des bürgerlichen Staates; seine Eigenschaft als G e w a l t wie seine auf die R e p r o d u k t i o n der Individuen bezogene Sozialpolitik stellen sie als Konsequenz d e s Verwertungsprozesses dar, aber nicht als wissenschaftliche Ableitung aus dessen Formbestimmungen, sondern aus einer bestimmten Variante des Kampfes der Arbeiter gegen die Zerstörung ihrer Individualität. Die Analyse des Staates löst sich auf in gesellschaftliche Prozesse, durch die sich seine Bestimmungen durchsetzen, herausbilden: "Der Prozeß dieser allmählichen, durch Katastrophen und Auseinan- dersetzungen, Siege und Niederlagen vermittelten "Aufherrschung" konstituiert jeweils erst den "Sozialstaat", den "Interventions- staat" usw. als besondere, dem Kapital an sich äußerlich gegenüberstehende Zwangsgewalt" (57). Doch unterstellt noch jede Aussage über die geschichtliche Herausbildung des Staates die Kenntnis dessen, w a s sich da herausbildet. Wären die Autoren mit einer Auskunft zum Charakter des Geldes zufrieden, die statt seiner Formbestimmung seine Herkunft aus Klassenkämpfen emphatisch darlegen würde? Liegt die wissenschaftliche Erklärung des Kapitalverhältnisses im 24. Kapitel des ersten Bandes oder setzt die Abhandlung der ursprünglichen Akkumulation die Entwick- lung des Kapitalbegriffs voraus? Doch erinnern sich MÜLLER/NEUSÜSS,nachdem sie den Staat erst ein- mal aus dem unmittelbaren Produktionsprozeß "abgeleitet" haben, anhand der Deutschen Ideologie" daran, daß er ja doch "neben und außer" der bürgerlichen Gesellschaft existiert: der Grund, den sie bei MARX dafür angegeben finden, das Privateigentum, nen- nen sie ohne weitere Zutat, wehren sich in einer Fußnote gegen die "Vorstellung der Selbständigkeit des Staates" und gewahren auch hier nicht, daß sie jene Selbständigkeit eben selbst konsta- tieren mußten. Diese zweite "Ableitung" des Staates, durch die er die Form eines mit Gewalt ausgestatteten Subjekts erhält, führen sie in Zusammenhang mit Exkursen an, die gegen die Auffassung ge- richtet sind, der Staat sei etwas Ewiges, und polemisieren gegen die Erklärung des Staates aus einem Vertragsschluß. Doch findet sich kein Gedanke daran, daß eine solche Begründung der Existenz des Staates aus dem Privateigentum nicht mehr an das Kapital im Allgemeinen anknüpft, sondern an die Bestimmungen der Konkurrenz anschließt, die in der Form von Austauschbeziehungen verläuft, in denen jeder nur auf sein Sonderinteresse aus ist und zweckmäßig mit seiner Revenuequelle umgeht so daß die wechselseitige Aner- kennung der Konkurrierenden, die Sicherung ihres Eigentums einer allgemeinen Macht bedarf, die sie selbst zur Verfolgung ihres Sonderinteresses benötigen und mit Gewalt über sich ausstatten müssen. Im Gegenteil, die Autoren schaffen es auch hier, die Exi- stenz des Staates mit der Kategorie des Mehrwerts direkt zusam- menzuschließen: "Weil der direkte Zweck der Produktion nicht die gesellschaftliche Lebenserhaltung, sondern der Mehrwert ist, weil deshalb der Produktionsprozeß von Gesetzmäßigkeiten vorwärtsge- trieben wird, die dem bewußten Willen der Individuen verborgen sind und sich hinter ihrem Rücken, aber durch ihr eigenes Handeln durchsetzen, ist eine solche gesonderte gesellschaftliche Insti- tution notwendig, die der Gesellschaft als produzierender gegen- übertritt" (60). Und nachdem die Produktion von Mehrwert als "Aneignung der Mehrarbeit einer Klasse durch eine andere Klasse" bezeichnet worden ist, wird die Kontrolle des Staates über sol- ches Treiben zusammengefaßt als "eine der Funktionen, die der Staat in dieser Klassengesellschaft übernehmen muß"; "diese Kon- trolle soll also den Klassencharakter dieser Gesellschaft erhal- ten" (60). Damit sind nun endgültig alle Schwierigkeiten, die die Analyse des bürgerlichen Staates bereitet, zwar nicht gelöst, aber übergangen. Begründet aus der Kategorie des Mehrwerts, die jedoch keiner - außer denen, die MARX studieren - kennt, dient er der Kontrolle der Mehrwertproduktion. Wie die Agenten des Staates etwas kontrollieren, was sich ihrem willentlichen Handeln ent- zieht, bleibt offen. So sicher es ist, daß der Staat als Gewalt- verhältnis die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produkti- onsweise und der dazugehörigen Klassenverhältnisse betreibt, so sicher ist es auch, daß sich dies in der Manier von MÜL- LER/NEUSÜSS nicht zeigen läßt. Die völlige Ignoranz ihrer Ablei- tung des Staates (am "konkreten Beispiel", wie man sich erin- nert!) gegenüber den Bewegungsformen der Konkurrenz, aus welchen der Staat abgeleitet werden muß, decken sie selbst als ihren Feh- ler auf, wo sie das den Staat "begründende" Prinzip, den Mehr- wert, als gar nicht in das Bewußtsein und den Willen der Subjekte eingehendes charakterisieren. Hätten sie sich nach den objektiv- gesellschaftlichen Formbestimmungen umgesehen, die den tatsächli- chen Inhalt des willentlichen Handelns der kapitalistischen Indi- viduen ausmachen (und aus dem "Kapital" abgeleitet werden können, ebenso wie MARX aus ihnen die Gesetze des "Kapitals" entwickeln konnte), wäre ihnen erklärbar geworden, weshalb sich die ausge- beuteten Arbeiter noch mit den Staat identifizieren, ihn brauchen und wollen, solange sie Arbeiter sind und auf ihre Reproduktion als solche aus sind. Nachdem sie aber den Staat aus den Klassen- kämpfen der Arbeiter "abgeleitet" haben, ist es nicht verwunder- lich, daß diese "möglicherweise vorübergehend die Verwertung des Kapitals" s t a b i l i s i e r e n und auch zur "materiali- stischen Begründung der Staatsillusion" herhalten müssen: "Da die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen die Erfahrung macht, daß im Gefolge dieser Kämpfe der Staat sozialpolitische Funktionen übernimmt, indem er dem Kapital Zwangsgesetze aufherrscht, also als "besonderes Wesen" gegenüber dem Kapital in Erscheinung tritt, entsteht die Illusion der Klassenneutralität der Staatsge- walt und damit der bürgerliche Reformismus in der Arbeiterklasse und die revisionistische Theorie" (63). Hier stellen MÜL- LER/NEUSÜSS alles auf den Kopf da für sie die Arbeiter zuerst einmal k ä m p f e n d e sind, versuchen sie aus ihrer falschen Ableitung des Staates zu begründen, warum sie n i c h t m e h r kämpfen. Statt aus der objektiven Bestimmung des Arbeiters dessen Reproduktion a l s Arbeiter als seinen unmittelbaren Zweck auf- zunehmen und zu untersuchen, inwieweit er bei der Verfolgung die- ses Zwecks zum Kampf gegen das Kapital gezwungen wird inwiefern in den Ergebnissen dieser Klassenauseinandersetzungen die "Einsicht in ihre objektive Lage" reifen kann, jammern die Auto- ren über die Gewerkschaften die die Arbeitenden "bloß als durch das Kapital angewendete Objekte behandeln" - offenbar aus Un- kenntnis darüber, daß die Gewerkschaften als Koalitionen der um ihre kapitalistische Reproduktion bemühten Arbeiter gar nichts anderes sein können als eine Organisation, die die Objektrolle der Proleten perpetuiert. Die Subjekte, als die MÜLLER/NEUSÜSS die Arbeiter gern sehen möchten, sind diese erst, wenn sie ein- gesehen haben, daß sie bloße Objekte bleiben, solange das Lohnar- beitsverhältnis währt, und dieses Verhältnis angreifen. Die weiteren recht abenteuerlichen Schlußfolgerungen über das Verhältnis von ökonomischem und politischem Kampf übergehen wir hier, um zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurückzukehren. Die mit Argumenten aus dem Kapital vorgetragene Kritik an revi- sionistischen und bürgerlichen Sozialstaatstheorien resp. -illusionen hat sich bei MÜLLER/NEUSÜSS in die positive Behaup- tung verwandelt, man dürfe den Staat als s e l b s t ä n- d i g e n G e g e n s t a n d gar nicht erst anerkennen, will man anständiger Marxist sein. Der unmittelbare Produktionsprozeß sollte die Bestimmungen des Staates erschließen lassen: die A n w e n d u n g der MARXschen Theorie über den Verwertungsprozeß f ü r die Analyse des Staates - das war die "nicht-revisionistische" Methode, deren Konsequenzen wir an eige- nen Punkten verfolgten und an sämtlichen weiteren staatstheoreti- schen Versuchen wiederfinden werden. Die Varianten reichen von den bereits bei MÜLLER/NEUSÜSS vorhandenen Erklärungen des Staa- tes aus den Klassenkämpfen bzw. bestimmten historischen Anforde- rungen der bürgerlichen Gesellschaft über seine Ableitung aus den Krisen und den wiederum historischen Akkumulationsbedingungen des Kapitals bis zur Entwicklung des Staats aus der wissenschaftli- chen Methode und der expliziten Leugnung dessen, daß der Staat überhaupt ein Gegenstand ist, an dem allgemeine, im notwendigen Zusammenhang stehende Bestimmungen aufzufinden wären. Den Ab- schluß wird eine Glosse zu H. REICHELTs neuester Veröffentli- chung, da er selbst für nicht gerade verwöhnte Leser wie uns et- was fertigbringt, was selbst die bürgerliche Wissenschaft ver- blassen lassen müßte: er macht nicht - wie die anderen hier be- sprochenen Theorien - bei der Analyse des Staates Fehler, sondern ist imstande, den Pseudomarxismus auf die Spitze zu treiben: er macht nur noch den Fehler, und zwar o h n e sich überhaupt mit dem Staat zu befassen. 1. Altvater ----------- In die kritische Sichtung von Schriften zur Staatstheorie ver- dient der Aufsatz "Zu einigen Problemen des Staatsinterrentionis- mus" (4) deswegen aufgenommen zu werden, weil er gar nicht bean- sprucht, den bürgerlichen Staat zu analysieren, sondern sich "nur einer Seite staatlicher Aktionen zuwenden" (5) will, dann aber doch, unbekümmert der sich selbst auferlegten Beschränkung, ver- sucht, "die wesentlichen Charaktere des bürgerlichen Staates in der für unser Problem gerade noch zu verantwortenden Kürze her- auszuarbeiten" (5). Ob es nur die Kürze ist, die der Verfasser zu verantworten hat, wird sich zeigen. Die Beschränkung der Untersuchung auf die Aktionen des Staates, die er "auf die vielen Einzelkapitale" ausübt, wird von ALTVATER in seiner Einleitung, also noch v o r dem Einstieg in sein Thema, als gefährlich, ja eigentlich unzulässig gekennzeichnet: "Jede Begrenzung der Analyse auf die bloßen Funktionen des ökono- misch verstandenen Staatsinterventionismus muß von vornherein blind für die allgemeinen Funktionsbedingungen der kapitalisti- schen Gesellschaft und ihres Staates und daher auch für die Er- kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen sein, da diese sich ja nur aus der spezifischen Form der Gesellschaft ergeben" (1). Die Ana- lyse dieses Zitats lohnt der Mühe, da in ihm das Verfahren sich ankündigt, mit dem sich der Verfasser jeder der von ihm benannten Aufgaben entzieht, und dennoch dem Leser den Aufsatz als "Beitrag zur Entwicklung einer marxistischen Staatstheorie" (5) präsen- tiert. Zunächst wird da behauptet, die Möglichkeiten und Grenzen des staatsinterventionismus ließen sich nur ausmachen, sofern die allgemeinen Funktionsbedingungen der kapitalistischen Gesell- schaft und ihres Staates berücksichtigt würden. Ein Teil der Tä- tigkeiten, durch die der Staat in Beziehung zur Gesellschaft, nä- her: ihrer ökonomischen Bewegung tritt, soll zu seiner Analyse der Kenntnis des allgemeinen Verhältnisses von kapitalistischer Gesellschaft und Staat bedürfen, was - wirklich ernstgenommen - die Hintanstellung der Analyse des Staatsinterventionismus zur Folge haben müßte, und zwar solange, bis man die allgemeinen Funktionsbedingungen... geklärt hat. Doch für jemanden, der in besonderen Beziehungen zwischen der ökonomischen Bewegung und dem bürgerlichen Staat nicht deren allgemeine Verhältnisse auffindet (die Beschränkung auf eine Teilfunktion macht ja blind für das allgemeine Verhältnis), ist die Kenntnis des letzteren umgekehrt auch noch nicht der Schlüssel für die Erklärung des Staatsinter- ventionismus: dieser erweist sich nämlich als ein Phänomen, das sich v e r ä n d e r t. "Bei der allgemeinen Bestimmung der 'wesentlichen Charaktere' des bürgerlichen Staates allerdings kann es nicht bleiben, sollen einzelne Fragen des Staatsinterven- tionismus behandelt werden. Denn die Erscheinungsformen gesell- schaftlicher Krisen und daher auch die interventionistischen Ant- worten des Staates unterliegen historischen Wandlungen, die jeder Analyse ernsthafte Probleme stellen..." (1 f.). Damit hat ALTVA- TER an die Stelle seines eigentlichen Vorhabens, Probleme des S t a a t s i n t e r v e n t i o n i s m u s aufzuklären, gleich zwei andere "Probleme" treten lassen: - Mit dem falschen Argument, die Analyse einer "Staatsfunktion" bedürfe zu ihrem Verständnis der g e t r e n n t e n Bestimmung der "wesentlichen Charaktere" des bürgerlichen Staates (als ob nicht das allgemeine Verhältnis zwischen kapitalistischer Gesell- schaft und Staat in dessen Funktionen selbst aufzufinden sei!), verschafft er sich Gelegenheit, z u m Z w e c k e d e r E r h e l l u n g d e s S t a a t s i n t e r v e n t i o- n i s m u s allgemeine Phrasen über den Staat darzubieten (5) und eine zirkuläre Erklärung für die Notwendigkeit des Staates aus der "Konkurrenz der Kapitale" zu geben, die die Existenz des Staates bereits unterstellt und verschiedene seiner F u n k t i o n e n als Grund für sein Vorhandensein ausgibt. - Mit dem Hinweis auf die historischen Veränderungen, denen die interventionistische Tätigkeit (wie alles andere auch auf der Welt!) unterliegt, meint er einen M a n g e l an der systemati- schen Analyse der Verlaufs f o r m e n der Konkurrenz und der Formbestimmungen des Staates entdeckt zu haben, was ihm Anlaß gibt, eine R e a l a n a l y s e zu propagieren, die etwas über die Bestimmungen der einzelnen Phänomene als Varianten, Besonde- rungen der allgemeinen, von der Wissenschaft erfaßten Formen Hin- ausgehendes leisten soll und im G e g e n s a t z zur Herstel- lung des systematischen Zusammenhangs der O b e r f l ä c h e n- b e w e g u n g mit den B e w e g u n g s g e s e t z e n des "Kapital" steht, dessen Möglichkeit er glatt leugnet: "Allerdings gibt es auch keinen Königsweg vom allgemeinen Kapitalbegriff zur Oberfläche des Kapitalverhältnisses und den historischen Verlaufsformen einer konkreten Gesellschaft" (3) - womit die im "Kapital" entwickelten Gesetze keinen notwendigen Zusammenhang mit der Weise ihrer Durchsetzung mehr aufweisen und das "Studium des 'Kapitals'" dazu heruntergebracht wird, daß es ermöglicht, "Fragestellungen zu entwickeln, die den an historischen Erscheinungen ausgerichteten Forschungsprozeß zu leiten vermögen" (3) (6). Die angebliche Notwendigkeit, der Untersuchung des Staatsinter- ventionismus Allgemeines über die Natur des bürgerlichen Staates vorauszuschicken, läßt für ALTVATER die "Besonderungen des Staa- tes in der bürgerlichen Gesellschaft" zum Thema werden. Er tritt also von seinem Gegenstand, den "Aktionen (des Staates) auf die vielen Einzelkapitale" zuerst einmal zurück, um die Frage, die er als "entscheidend für unser Problem" (5) erachtet, zu klären: "in welcher Weise die reale Zusammenfassung der aus vielen Einzelka- pitalen bestehenden Gesellschaft erfolgt und welche Bedeutung da- bei dem Staat zukommt" (5). So wenig nun dagegen einzuwenden ist, das Verhältnis der Staatstätigkeit zur Konkurrenz der Einzelkapi- tale zu untersuchen, so falsch ist es, dieses Verhältnis mit der "Besonderung" des Staates in eins zusetzen. Um auf die konkurrie- renden Kapitale wirken zu können, muß der Staat schon vorhanden sein. Die Ableitung der Existenz einer besonderen, politischen Sphäre "neben und außer" der bürgerlichen Gesellschaft, welche auf diese zurückwirkt, kann nicht so geschehen, daß der Staat be- reits unterstellt wird und eine b e s t i m m t e Tätigkeit dieser "Einrichtung" aus einem b e s t i m m t e n Mangel der Konkurrenz gefolgert wird. Dieses Verfahren, das wir bereits bei MÜLLER/NEUSÜSS feststellen konnten - sie behaupteten die Notwen- digkeit der gesetzlichen Fixierung von Resultaten, die aus den Auseinandersetzungen zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse hervorgehen, als "Ableitung" d e s Staates - macht aus dem Staat eine Reihe in sich zusammenhangloser Funktionen, die je nach Vorliebe der staatsableitenden "Marxisten", die mit dem "Kapital" Fragestellungen entwickeln (ALTVATER: "Fragestellungen ergeben sich unseres Erachtens auf jeder Stufe der Aneignung des 'Kapital'") ins Blickfeld geraten. Und wie bei MÜLLER/NEUSÜSS kommt bei ALTVATER hinzu, daß er zwar mit der Bestimmung einer Staatstätigkeit aus einem Mangel der Konkurrenz eine richtige Ah- nung hat, aber die K o n k u r r e n z eigentlich gar nicht in den ihr eigentümlichen F o r m e n faßt, sondern sie mit ihrem I n h a l t gleichsetzt: "In der Konkurrenz kann das Kapital als Gesamtkapital aber nur insoweit hergestellt werden, als die ein- zelnen Kapitale sich wirklich aufeinander beziehen. Dies können sie jedoch nur, insofern sie kapitalistisch handeln, d.h. als Mehrwert produzierende Kapitale" (7). Als ob MARX nie etwas von den "verwandelten Formen" der Konkurrenz hätte verlauten lassen als ob die vielen Antizipationen der Verkehrungen, die in der "wirklichen Bewegung" existieren und die objektive Grundlage für das falsche Bewußtsein der Produktionsagenten abgeben, nicht im "Kapital" stünden, wird hier das "Sich wirklich aufeinander Be- ziehen" der Kapitalisten mit der Kategorie des Mehrwerts gefaßt, so daß - wiederum aus dem Kapital im allgemeinen: Mehrwert ist eine Kategorie, die zu diesem gehört - eine "Ableitung" des Staa- tes erfolgt, die diesen nicht mehr als Zusammmenschluß der den Bewegungsgesetzen des Kapitals unterworfenen I n d i v i d u e n (die dadurch selbst eine bestimmte F o r m erhalten) begreift, sondern platt als Negation e i n e r ökonomischen Kategorie ausgibt: "es bedarf auf seiner Grundlage einer besonderen Ein- richtung, die seinen Grenzen als Kapital nicht unterworfen ist deren Handeln also nicht von der Notwendigkeit der Mehrwertpro- duktion bestimmt ist, und i n d i e s e m S i n n e (!) eine besondere Einrichtung 'neben und außer der bürgerlichen Gesell- schaft' ist ..." (7). Damit geht der Staat auf in einer Institu- tion die einen "Restposten" der von den Einzelkapitalien nicht zu vollziehenden Leistungen übernimmt, was zu einer gewaltsamen Be- gründung sogar der Sicherung allgemeiner Rechtsverhältnisse aus der Tatsache führt, "daß der Staat als Organ der herrschenden Klasse nicht dem Verwertungszwang der einzelnen Kapitale unter- worfen ist, und sich daher am Gesamtinteresse a l l e r Kapi- tale orientieren kann" (13 f.) (7). Kein Wort über die Notwendig- keit, daß das im Staat gegebene Gewaltverhältnis die F o r m des Rechts annehmen muß und was das für die konkurrierenden Indi- viduen in ihrem Verhältnis zum Staat bedeutet! Nachdem die Bestimmungen des bürgerlichen Staates zur Angelegen- heit des bei der Kapitallektüre "Fragestellungen" entwickelnden Marxisten geworden ist - seinen "Marxismus" dokumentiert er vor allem durch Einschiebsel wie: "Vielmehr durchdringt der Charakter des Staates als bürgerlicher Klassenstaat alle seine Funktionen sie dienen alle letztlich dazu, das Kapitalverhältnis als Herr- schafts- und Ausbeutungsverhältnis gegenüber der Arbeiterklasse zu erhalten und zu festigen. Davon kann nicht abstrahiert wer- den." (15) - gerät der Staat zu einer Aufzählung von Funktionen, die er "innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft wahrnimmt, da Einzelkapitale sie nicht wahrzunehmen vermögen" (9). ALTVATER kennt deren viere: "(1) Herstellung allgemeiner materieller Produktionsbedingungen (Infrastruktur); (2) Setzung und Sicherung von allgemeinen Rechtsverhältnissen, in denen sich die Beziehungen der Rechtssubjekte in der kapitalisti- schen Gesellschaft abspielen; (3) Regulierung des Konflikts Lohnarbeit und Kapital und gegebe- nenfalls politische Unterdrückung der Arbeiterklasse und zwar nicht nur mit rechtlichen, sondern auch mit polizeilichen und mi- litärischen Mitteln; (4) Sicherung der Existenz und Expansion des nationalen Gesamtka- pitals auf dem kapitalistischen Weltmarkt" (9). Was uns staunen macht, ist hier schon nicht mehr die Gleichgül- tigkeit der einzelnen Funktionen gegeneinander, oder die Vorstel- lung, daß Rechtsverhältnisse ohne Polizei möglich wären, und der plötzliche Sprung auf das Verhältnis des Staates nach außen, son- dern das Fehlen der "Funktion", die gemeinhin als "Interventio- nismus" auftritt: die Einflußnahme des Staates auf die Gesamt- bewegung der Kapitale, die ALTVATER später als "Krisenregu- lierung" abhandelt, und wegen der er den ganzen Zauber der "Besonderung" des Staates veranstaltet hatte. Erinnern wir uns: eine Herleitung des Staates war ja ursprünglich gar nicht seine Absicht, er bedurfte ihrer eigentlich nur, um nicht "blind" zu werden für die "allgemeinen Funktionsbedingungen", solange er sich um die "Probleme des Staatsinterventionismus bemüht. Zu sei- nem Thema, den "Möglichkeiten staatlicher Interventionen", ge- langt er auf S. 25: "Wir wenden uns damit einem staatlichen Funk- tionsbereich zu, der in seinen Besonderheiten bisher noch nicht angesprochen worden ist (25 f.) (8). Und hier erinnert sich ALT- VATER - wie schon bei seinen Erläuterungen zu den vier von ihm aufgeführten Funktionen des Staates - daran, daß die "Erscheinungsformen gesellschaftlicher Krisen" einem historischen Wandel unterliegen. Hatte er bereits zur Bestimmung dessen, was "allgemeine Produktionsbedingungen" sind, die "jeweilige histori- sche Situation" bemüht und die Funktion des Staates für den Kon- flikt Lohnarbeit und Kapital emphatisch als "Resultat histori- scher Entwicklung" dargelegt (14), dann sogar einen G e g e n s a t z konstruiert zwischen dem Grund für die Beson- derung des Staates und seiner H e r a u s b i l d u n g: "Die Besonderung des Staates liegt somit in der "Natur" des Kapital- verhältnisses begründet, aber (!) die Herausbildung des wirkli- chen Staates vollzieht sich jeweils unter den besonderen histori- schen Bedingungen eines Landes in einer bestimmten Epoche" (17), so dient ihm hier das Gefasel vom "Gewordensein" des Staates gar zum Argument dafür, daß der Staat eigentlich gar nicht "Regulator, die Gesellschaft in ihren Lebensbereichen aber bloßes Objekt der Regulierung ist", also zum Beleg dafür, daß es mit der Macht des Staates über die Ökonomie so weit her doch nicht sei. Man stelle sich solche Argumentation in bezug auf das Kapital vor: w e i l es historisches Resultat von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist, besitzt es keine Macht. Seinen elefantösen Gedanken - "Daher tritt der Staat nicht erst als Regulator von Krisen, als M e i s t e r des Krisenmanage- ment ... in Erscheinung ..., s o n d e r n (!) er ist als hi- storisch gewordener Staat selbst Resultat historischer Gesell- schaftskrisen und ist davon geprägt." (25) - verkauft er noch als "Hinweis zur prophylaktischen Vermeidung von Fehlern bei der Un- tersuchung des Staates" und zeigt mit diesem pseudomarxistischen Schluß, daß er an den Widersprüchen des staatlichen Handelns selbst dessen Bestimmtheit durch die ökonomische Bewegung nicht nachweisen kann, geschweige denn einen "Beitrag zur Entwicklung einer marxistischen Staatstheorie" geleistet hat. 2. Läpple (9) ------------- Wie für ALTVATER ist auch für LÄPPLE die Ableitung des "für die bürgerliche Gesellschaft spezifischen, und allen ihren histori- schen Entwicklungsphasen als allgemeines zugrunde liegenden Ver- hältnisses von Ökonomie und Politik", die Entwicklung der "Grundstruktur der allgemeinen Bestimmungen des Staates aus der ökonomischen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft" (10) ein Ge- schäft, das er um der Analyse einer bestimmten Tätigkeit des Staates willen auf sich nimmt. Er will die Herstellung "allgemeiner Produktionsbedingungen" durch den Staat untersuchen und sieht sich bei diesem Unternehmen genötigt, auf die "Trennung von Ökonomie und Politik durch die damit verbundene Mystifikation des bürgerlichen Staates" (19) einzugehen. Wie bei allen hier be- sprochenen Arbeiten werden wir auch bei LÄPPLE unser Augenmerk auf seine Variante der Staatsableitung richten und in diesem Zu- sammenhang auftretende Mißverständnisse des "Kapital" nur strei- fen. Die wiederholten Beteuerungen bezüglich der Art und Weise, wie ein gestandener Marxist die Ableitung des Staates vorzunehmen habe, lassen nichts Gutes ahnen. Anstatt die MARXschen Hinweise auf die Natur des bürgerlichen Staates für inhaltliche Auskünfte über seinen Gegenstand zu nehmen, sieht LÄPPLE in ihnen offenbar "methodische Vorschriften". Er zitiert MARX' Bemerkungen aus "Zur Judenfragen" über das doppelte Leben des Menschen im "politischen Gemeinwesen" und in der "Bürgerlichen Gesellschaft", die eindeu- tig auf die Komplementarität von Staat und K o n k u r r e n z verweisen (26), weiß davon, daß "die Verdopplung der bürgerlichen Welt in eine politische und private" sich aus dem Widerspruch "zwischen den besonderen und den gemeinschaftlichen Interessen der bürgerlichen Individuen" (27) ergibt - und sieht in solchen Aussagen nicht etwa die allgemeine Bestimmung des Verhältnisses von Ökonomie und Politik, also ein wesentliches Argument i n der Staatsableitung aus der F o r m, in welcher sich das ökono- mische Leben der Gesellschaft abspielt (Konkurrenz), sondern eine Phrase, die man erst noch "materialistisch" belegen muß. Er über- setzt die MARX-Stellen flugs zurück in die abstrakten Kalauer, die zum Arsenal all derer gehören, die die Ergebnisse der MARX- schen Wissenschaft als Mittel für ihre eigene Theorie verwenden. So nimmt sich LÄPPLE auf S. 28 vor, "die Formbesonderung des Staates aus dem materiellen Leben der Individuen" abzuleiten, "also aus der spezifischen Form der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft", und später ist es ein weiteres Mal "die Aufgabe einer Ableitung des Staates", die wesentlichen Charaktere der Staaten der bürgerlichen Gesellschaften "aus der ökonomischen Produktionsweise herauszuarbeiten" (37). Und nach soviel dem ei- gentlichen Anliegen vorausgeschickten "Materialismus" konfron- tiert der Autor den Leser ausgerechnert mit dem I. Abschnitt des "Kapital", sowie entsprechenden Stellen aus den Grundrissen, die er mehr schlecht als recht kommentiert. Er hat sich offenbar für die abstraktesten Bestimmmungen der kapitalistischen Ökonomie als Ausgangspunkt seiner Staatsableitung entschieden, weil aus den Bestimmungen von Ware und Geld von MARX bereits Schlüsse auf die Form gezogen werden, welche die Individuen als Subjekte des Aus- tauschprozesses erhalten, und der Austausch die Form ist, in der sich die Subjekte der kapitalistischen Produktionsweise aufeinan- der beziehen. Die von ihm zitierten Stellen zu Freiheit und Gleichheit bringen ihn allerdings in Widerspruch zu seinen Vorbe- merkungen über das Verhältnis von Staat und Ökonomie, durch die er den Staat bereits in Beziehung zu den K l a s s e n der bür- gerlichen Gesellschaft gestellt hatte. Im ersten Abschnitt des "Kapital" ist aufgrund der dort abgehandelten ökonomischen Kate- gorien vom Klassengegensatz noch gar nicht die Rede: "Wir kennen bisher kein ökonomisches Verhältnis der Menschen außer dem von Warenbesitzern ..." (MEW 23/123) so daß die kapitalistische Qua- lität des Staates für LÄPPLE in einer zusätzlichen Argumentation herbeigeschafft werden muß. Nachdem er den Staat aus d e n For- men der "ökonomischen Struktur" "abgeleitet" hat, in denen sich die "antagonistische Natur der bürgerlichen Produktion noch so oberflächlich und formell" ausdrückt, "daß dieser Gegensatz auch vorbürgerlichen Gesellschaften angehört" (MEW 13/77), anderer- seits aber einen Zusammenhang von Staat und Klassenherrschaft nicht vermissen möchte, wird es zu einem Geschäft eigener Art, die Zugehörigkeit des Staates zur kapitalistischen Produktions- weise aufzuzeigen. So konstruiert er zunächst einmal eine schein- bare Aufhebung des mit der Ware gegebenen Widerspruchs der spezi- fischen Form der gesellschaftlichen Arbeit im Geld, die nur mög- lich ist "durch die Doppelung des gesellschaftlichen Reprodukti- onsprozesses in zwei innerlich zusammengehörende, aber sich äu- ßerlich gegeneinander verselbständigende Prozesse: Produktion und Zirkulation" (40), um die Notwendigkeit des Staates aus der letz- teren zu begründen. Der Schluß auf den Staat ist bei ihm nicht gezogen aus der K o n k u r r e n z, in deren Bewegung die Be- stimmungen der Produktionsweise, wie sie MARX im "Kapital" ent- wickelt, aufgehoben sind, sondern aus den ökonomischen Kategorien von W a r e und G e l d sowie den mit ihnen verknüpften Ver- hältnissen zwischen Waren- und Geldbesitzern. "Freiheit und Gleichheit der Warenbesitzer sind also Produkt des entwickelten Tauschwertprozesses. Damit sich diese Warenbesitzer jedoch tatsächlich als freie und gleiche zueinander verhalten, genügt es nicht, daß einerseits eine ökonomische Struktur gegeben ist, die Warenproduktion und Warenaustausch erfordert und möglich macht und andererseits die Ideen der Freiheit und Gleichheit den Köpfen der Warenbesitzer vorhanden sind, sondern es ist dazu auch eine reale der ökonomischen Struktur entsprechende, juristische und politische Struktur erforderlich, die Freiheit und Gleichheit der Warenbesitzer als verbindliche Verkehrsformen setzt (41 f.). Zwar enthält die richtige Ableitung der allgemeinen Macht ebenfalls den Austausch, die Form, in der sich die Subjekte der bürgerli- chen Gesellschaft aufeinander beziehen, als Argument, jedoch als Notwendigkeit, die den u n t e r s c h i e d e n e n Klassen von Revenuequellenbesitzern auferlegt ist: nicht bloße Waren- und Geldbesitzer sind die ökonomische Grundlage des bürgerlichen Staates, sondern soziale Charaktere ganz anderen Inhalts! Von der Existenz dieser Charaktere weiß nun auch LÄPPLE, und er sieht der B e z i e h u n g des Staates auf die K l a s s e n sogar dessen Eigenart, er ist "Ausdruck der Klassenspaltung und Klassenherrschaft" (19). Somit steht er vor dem Problem den unab- hängig von den Klassen, da aus der einfachen Warenzirkulation ab- geleiteten Staat, zu dem zu machen, was er nach seiner Kenntnis- nahme bestimmter Klassikerzitate von ihm weiß. Er erinnert sich, daß d i e ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft sich nicht in den Kategorien von Ware und Geld erschöpft. "Entsprechend der MARXschen Vorgehensweise sind wir in unserer Untersuchung zunächst von der 'einfachen Warenzirkulation' ausge- gangen, also von der Form, die sich zunächst an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft darstelllt, die jedoch bereits die volle Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise voraus- setzt" (45 f.). Weil MARX das "Kapital" mit der Ware beginnt, meint LÄPPLE auch seine Staatstheorie mit der Ware anfangen las- sen zu müssen. "Entsprechend der MARXschen Vorgehensweise ... (!)" Und weil sich bei MARX im "Kapital" an die Warenzirkulation das Kapitalverhältnis anschließt, bezieht er dieses kurzerhand in seine Betrachtung des Staates mit ein "Wir wollen nun diese vor- aus gesetzten, mehr oder minder mit der Freiheit und Unabhängig- keit der Individuen kollidierenden Produktionsbeziehungen und ökonomischen Verhältnisse in unsere Untersuchung einbeziehen" (46 f.). Und dieses nachträgliche Einbeziehen der Produktion, die Er- wähnung des "Umschlags des Aneignungsgesetzes", führt zu einer neuerlichen Begründung für die Existenz des Staates, die nicht nur der ersten "Ableitung" widerspricht, sondern den Charakter wissenschaftlicher Argumentation völlig vermissen läßt: "Damit (!) jedoch die Produktion reguliert werden kann durch das Wertge- setz, das sich vermittelt durch die Konkurrenz, gegenüber den einzelnen Privatproduzenten bzw. den Kapitalen als blindes Natur- gesetz durchsetzt, bedarf es wie wir bereits gesehen haben der Verdoppelung der Gesellschaft in Gesellschaft und Staat, einer außerökonomischen Instanz, d.h. einer Instanz, die nicht wie die einzelnen Privatproduzenten bzw. Kapitale dem Gesetz der Mehr- wertproduktion unterworfen ist, und die somit die äußeren Bedin- gungen des Warentauschs und der Warenproduktion herstellen und deren Durchsetzung gegenüber allen Gesellschaftsmitgliedern ga- rantieren kann" (50 f.). Hier wird die Notwendigkeit des Staates zunächst aus der Form, in welcher sich das Wertgesetz durchsetzt, aus der Konkurrenz, begründet, dann aber - "wie wir bereits gese- hen haben" - die Konkurrenz mit der Warenzirkulation einfach gleichgesetzt (10). Doch schließt sich eine weitere Begründung unmittelbar an: als eine außerökonomische Instanz sei der Staat deswegen notwendig, weil die Herstellung und Garantie der äußeren Bedingungen des Warentauschs nur von einem Subjekt wahrgenommen werden könne, das nicht dem "Gesetz der Mehrwertproduktion" un- terworfen ist. Identisch mit der Bestimmung des Staates als einer allgemeinen M a c h t, eines G e w a l t gegen die Gesell- schaft übenden Subjekts wird hier das Nicht-Vorhandensein einer spezifischen ökonomischen Tätigkeit gesetzt. Daß mit diesem Argu- ment, das bereits bei ALTVATER vorkommt, nur gesagt ist, daß der Staat eben kein Kapital, sondern etwas anderes ist, fällt LÄPPLE nicht auf, so daß er sich erst einmal der Illusion hingeben kann, sein Problem gelöst zu haben: zu erklären, weshalb der Staat "als eine von der herrschenden Klasse, dem Kapital, getrennte Institu- tion besteht" (20). Weil er als Marxist etwas von der Zusammenge- hörigkeit des Staates und des Kapitals gehört hat, ist ihm die T r e n n u n g des ersteren von der Kapitalistenklasse zum b e s o n d e r e n Problem neben der Ableitung des Staates aus der Ökonomie geworden, die er seltsamerweise von Kategorien her bezog, die die Existenz der Klassen nicht einschließen. Damit ist er unversehens beim V e r h ä l t n i s des Staates zur Gesell- schaft angelangt. LÄPPLE handelt nun nicht mehr davon, was der Staat i s t, sondern davon, was er leistet. Er spricht von ei- ner "doppelten Herrschaftsausübung"; neben der direkten ökonomi- schen Form in der Produktionssphäre faßt er den Staat als "vermittelte, politische Form in (!) der Zirkulationssphäre" (51) auf, teilt uns mit, daß sich beide Formen gegenseitig bedingen und in einem dialektischen Verhältnis stehen. Doch hat seine er- ste "Ableitung" den Staat nicht mit den Klassenverhältnissen zu- sammenbringen können, ist diese Schwierigkeit durch den Hinweis darauf, daß die Zirkulation zur Mehrwertproduktion gehört, doch nur scheinbar gelöst. LÄPPLE muß die Staatstätigkeiten, von denen er weiß - eine von ihnen macht den Gegenstand seines Buches aus - gerade wegen seiner Verwechslung von Zirkulation und Konkurrenz gesondert begründen, denn außer der Sicherung der Rechts- bzw. Eigentumsverhältnisse hat sich für ihn noch keine Bestimmung des Staates ergeben. Die dürftige Zusammenfassung seines Staatsbe- griffs als eine "durch die abstrakte Herrschaft des Gesetzes ver- mittelte politische Klassenherrschaft (51)", wobei diese Herr- schaft "in der Zirkulationssphäre" lokalisiert wird, feiert er als Resultat einer "Ableitung der Formbesonderung des Staates aus dem Doppelcharakter der Arbeit" (53) und als Darstellung der "den verschiedenen Staaten der modernen bürgerlichen Gesellschaften gemeinsamen wesentlichen Charaktere", gesteht aber im gleichen Atemzug zu, daß, diese von uns entwickelten Bestimmungen", "entsprechend der weiteren Entfaltung des Kapitalbegriffs weiter entwickelt werden" müßten (54). Offensichtlich hat er ganz ver- gessen, daß er den S t a a t zum Gegenstand hat - wie sonst könnte die "Entfaltung des Kapitalbegriffs" bis hin zur Oberflä- che ... für ihn von Interesse sein? Ganz ernst meint er es auch selbst mit der Weiterführung seiner Staatstheorie anhand des "Kapital" nicht, denn durch "diese Weiterentwicklung kommen je- doch keine wesentlich neuen Bestimmungen in das von uns skiz- zierte spezifische Verhältnis von ökonomischer und politischer Struktur der bürgerlichen Gesellschaft hinein" (54). Man würde durch die weitere Konkretisierung schließlich zum K l a s s e n- k a m p f gelangen (was stimmt), den LÄPPLE deshalb kurzerhand zum Argument für die über die Sicherung des Rechts hinausgehenden Staatstätigkeiten macht (was nicht stimmt). "Vermittelt über den Klassenkampf muß der Staat in zunehmendem Maße in den gesell- schaftlichen Reproduktionsprozeß eingreifen, um zu verhindern, daß die in der kapitalistischen Produktionsweise angelegten Wi- dersprüche nicht zur Zerstörung oder Aufhebung der kapitalisti- schen Produktionsweise führen. Auf diese Weise (!) wachsen dem Staat im Verlaufe des historischen (!) Entwicklungsprozesses eine Vielfalt von Aufgaben und Funktionen zu" (55) - was nur bedeutet, daß alles zur Sicherung der Rechtsverhältnisse hinzutretende Tun des Staates nicht mehr e r k l ä r t werden muß, sondern ledig- lich des Fingerzeigs auf stattgefundene Auseinandersetzungen zwi- schen den Klassen bedarf. Der Staat hat nicht eine der wissenschaftlichen Analyse zugängliche F o r m, deren Momente in einem inneren Zusammenhang stehen, sondern geht auf in historisch vorgekommenen Reaktionen auf gesellschaftliche Pro- zesse, die sich häufen LÄPPLEs Scheitern, das sich bereits in den Formulierungen seines Vorhabens an kündigt, beruht auf einer Reihe von Unterstellungen, die wir nochmals hervorheben, da sie - obgleich simple Fehlschlüsse - zu Gemeinplätzen "marxistischer" Literatur geworden sind. Auf S. 19 beabsichtigt LÄPPLE - gleich viermal - eine "Analyse des Verhältnisses von Ökonomie und Poli- tik" meint aber offensichtlich damit die Ableitung des Staates aus der "ökonomischen Struktur" der Gesellschaft. Das unbeküm- merte Gleichsetzen von Ableitung und Analyse des Verhältnisses macht sich darin geltend, daß er nicht die Formbestimmungen des Staates aus denen der Ökonomie durch notwendige Übergänge er- schließt, sondern als Bestimmung des Staates stets Widersprüche der ökonomischen Sphäre angibt. Zwar ist da häufig die Rede von einer T r e n n u n g zwischen Ökonomie und Politik, mithin von der selbständigen Existenz des Staates, dessen Formen also auch nicht mit ökonomischen Widersprüchen identifiziert werden dürfen, doch erfolgt faktisch eine beständige Leugnung eben dieser objek- tiven Selbständigkeit. So wird "politische Herrschaft" zu einer "Herrschaft i n der Zirkulationssphäre"(51), die "politische Klassenherrschaft" wird beschworen, was nach Konstatierung einer Trennung zwischen Ökonomie und Politik verwundern muß: Klassen- verhältnisse sind solche der Ökonomie und der Witz am bürgerli- chen Staat besteht nun einmal darin, daß er zwar auf Klassenver- hältnissen b e r u h t, aber selbst eine andere Form der ge- sellschaftlichen Beziehung darstellt; Freiheit und Gleichheit als Formen, die die Individuen erhalten, haben ihren G r u n d in der kapitalistischen Ökonomie, lassen sich aber nicht "in die my- stifizierende Form einer Geldbeziehung zwischen freien und glei- chen Warenbesitzern" zurücknehmen. LÄPPLE weiß offenbar nicht, daß eine Ableitung alles andere ist, als die ständige Wiederho- lung des Ausgangspunktes; er charakterisiert beständig den Staat mit Aussagen über das, woraus er ihn ableitet. Diesen seinen Ausgangspunkt gibt er mit verschiedenen Formeln an, die für ihn offenbar ein- und dasselbe sind: "ökonomische Struk- tur", "materielles Leben der Individuen", "einfache Warenzirkula- tion", "Basis der bürgerlichen Gesellschaft", "spezifische Form der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft" und schließlich der "Doppelcharakter der Arbeit" erscheinen als die Bestimmungen, die den Staat ergeben. Die Unklarheit über das simple Faktum, daß der Staat ein bestimmtes Verhältnis zwischen Individuen darstellt, deshalb auch aus der Form ihres ökonomischen Verkehrs untereinan- der, nicht aber aus einer Kategorie des Kapitals, die sie als bloße Charaktermasken unterstellt, abgeleitet werden muß, führt zur Begründung des Staates aus der Warenzirkulation und einem nachträglichen In-Beziehung-Setzen des Staates zu den Klassen. Doch kommen auf diese Weise keine Bestimmungen des S t a a t e s zustande, sondern nur Aussagen über die Gesellschaft, zu der der existente Staat ins V e r h ä l t n i s tritt. In welchen For- men er dies tut, kann gar nicht mehr zum Problem werden: ist der Staat einmal aufgelöst in F u n k t i o n e n f ü r die Klas- sengesellschaft, bedarf es nur noch des Blicks auf d e r e n Widersprüche, um einen Katalog von Tätigkeiten aufzustellen, die der Staat verrichtet und die in den Kategorien des "Kapital", nicht aber in den der Oberfläche eigentümlichen Formen zu erfas- sen versucht werden. Als Grund für ihre Existenz als Tätigkeit des Staates wird der "historische" Verlauf der Klassenkämpfe angegeben - die Phänomenologie der Auseinandersetzungen in der bürgerlichen Gesellschaft tritt an die Stelle ihres Begriffs. Es wäre interessant, von solchem "Materialismus" zu erfahren, wes- halb der Staat Wissenschaft und Ausbildung in der Form betreibt, wie er es tut; weshalb er den Paragr. 218 reformiert, eine Fuß- ball-Nationalmanuschaft unterhält, einen Haushaltsplan aufstellt und die Arbeitslosenunterstützung gesetzlich verankert! All das soll sich aus "Klassenkämpfen" erklären? So verwundert es auch nicht, daß LÄPPLE die "Herstellung allge- meiner Produktionsbedingungen" nicht in den Formen faßt, in denen sie sich wirklich abspielen, und an ihnen nachweist, daß sie sich den Gesetzen kapitalistischer Akkumulation fügt, sondern eine di- rekte Beziehung zwischen Staat und Kapital im Allgemeinen sugge- riert, die sich mit dem Vorwurf gegenüber der bürgerlichen Ökono- mie paart, sie würde den Dienst des Staates gegenüber der Akkumu- lation des Kapitals umdeuten" in die Versorgung mit "kollektiven Konsumgütern" (120) - daß die Akkumulation des Kapitals sich eben auch in der Gestalt der Beförderung des Allgemeinwohls durch den Staat abspielt, ist ihm unbekannt: die Gesetze des Kapitals stellt er wie die bürgerlichen MARX-Widerleger den Formen ihrer Durchsetzung g e g e n ü b e r, nur daß er sich mit dem "Kapital" gegen die Erscheinungen wendet, wo diese die Erschei- nungen gegen die Gesetze geltend machen. 3. Funken (11) -------------- Die Überlegungen beginnen mit einer Sammlung von Stilblüten, die wenig Gutes verheißt. Im Gegensatz zu ENGELS geht es dem Autor nicht um die "Systematisierung von Funktionen des Staatsapparats" (98), sondern um eine ordentliche Staatstheorie. Doch bevor er sich um die Erkenntnis des Staates bemüht, gilt seine Aufmerksam- keit methodischen und wissenschaftstheoretischen Fragen, deren Klärung er offenbar einer Staatstheorie für zuträglich erachtet: "Der Staat erscheint im MARXschen System als eine Konkretions- stufe der Entfaltung von Denkbestimmungen oder, anders ausge- drückt, die Staatstheorie ist eine bestimmte Stufe der Aneignung der Wirklichkeit vermittels des Begriffs" (98). Was dem Leser da als Marxismus verkauft wird - vermittels "des Begriffs" wird sich der bestimmte Gegenstand der Wirklichkeit an- geeignet, vor der bestimmten Wissenschaft existiert bereits der "Begriff" - wäre selbst als richtige Aussage über Erkenntnis für eine Theorie des Staates belanglos. An die Stelle vom "Staat" könnte in solchen Auslassungen jeder beliebige andere Gegenstand der Theorie von MARX treten: es gibt für die Wissenschaft vom Staat wie für alle anderen Theorien nichts her, zuerst einmal über MARX, seine Schriften, seine Forschungs- und Darstellungs- weise etc. zu faseln. Wo solche Exkurse als Mittel, sich in sei- ner eigentlichen Aufgabe - hier: Staatstheorie - besser zurecht- zufinden, angeboten werden liegt gewöhnlich nicht nur eine falsche Auffassung über Wissenschaft, sondern auch handfeste Ver- drehungen der MARXschen Aussagen über den Kapitalismus vor. In dem Versuch, den Einsichten von Marx über den Umweg "methodischer Reflexion" beizukommen, gelangt FUNKEN zu folgender Ungeheuer- lichkeit: "Um überhaupt einen solchen nomologischen Ansatz (!) entfalten zu können, nimmt MARX auf jeder Stufe seiner Theorieex- plikation (!) an, daß sich der Funktionsmechanismus des Reproduk- tionssystems im Gleichgewicht befindet ... Diese Voraussetzung, die MARX machen muß, d a er Gesetze formulieren w i l l (!), ist wichtig für eine der fundamentalen Annahmen der MARXschen Theorie, daß nämlich im Verlauf des kapitalistischen Produktions- prozesses das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital mitreprodu- ziert wird ..." (101 f.). Somit hat er MARX erst einmal auf einen Vertreter bürgerlicher Wissenschaft heruntergebracht, wie sie heutzutage die Universitä- ten bevölkern: um e i n e Annahme machen zu können, macht er eine a n d e r e. Solche Trennung und Entgegensetzung von Theo- rie und Wirklichkeit, Denkbestimmung und Realität hat zwar mit MARX nichts zu schaffen, charakterisiert aber die "Argumentation" von FUNKEN und ist verantwortlich für seine absurden Ableitungs- versuche des Staates. Die von BUCHARIN und LENIN übernommene und MARX unterschobene An- nahme eines Gleichgewichts des kapitalistischen Reproduktionssy- stems führt FUNKEN konsequent fort, in einer Manier, die bürger- licher MARX-Widerlegung zur Ehre gereichen würde. Davon, daß sich das Wertgesetz notwendig über die Oszillation der Marktpreise durchsetzt, hat er offensichtlich noch nichts gehört: "Anders ausgedrückt: der Austausch der Waren zu ihren Werten ist im Kapitalismus eine fiktive Annahme; der Warenwert ist überhaupt keine empirisch fixierbare Größe ..." (108/109). Weil unser "Materialist" alles, was sich nicht anfassen oder zäh- len läßt, für f i k t i v hält, leugnet er die Gültigkeit des Wertgesetzes - rätselhaft bleibt bei dieser Auffassung, weshalb er überhaupt von einem Wissenschaftler wie MARX (der - so müßte FUNKEN konsequenterweise kritisieren - laufend Annahmen macht, denen keine Objektivität zukommt) Klärung für eine Staatstheorie verspricht! (12) Umgekehrt läßt sich schon hier sagen, daß FUN- KENs Fehler für die Staatsableitung herhalten müssen: durch seine "methodologischen Vorüberlegungen" hat er die bei MARX entwickel- ten objektiven Bestimmungen der kapitalistischen Produktionswei- sen in "Annahmen" verwandelt, denen nur in besonderen Situa- tionen Realität zukommt: den Krisen. Da diese aber "jeweils am Anfang und am Ende des Zyklus" stehen, ist die MARXsche Annahme doch noch zu retten und der Staatsableitung eine neue Variante eröffnet: schließlich sind die Krisen, der Mechanismus, durch den sich die "Gleichgewichtigkeit des Reproduktionssystems ... wieder in ihr Recht" setzt, eine Störung der kapitalistischen Verwer- tung, der irgendwie Einhalt geboten werden muß: "Vor allem in Krisensituationen, in denen der Funktionsmechanis- mus des Kapitalverhältnisses empfindlich gestört ist, benötigt die Kapitalistenklasse eine Einrichtung (13), die den gestörten Reproduktionsmechanismus des Lohnarbeit-Kapital-Verhältnisses partiell ersetzt (!), eine Einrichtung, die die Aufrechterhaltung der Ausbeutergesellschaft als Ganzes gewährleistet, ohne Rück- sicht auf einzelkapitalistische Interessen" (109). Doch das "vor allem" deutet bereits an, daß die Krise als Besei- tigung des Ungleichgewichts nicht als letzter Grund für die Exi- stenz des Staates herangezogen werden soll: sie ist ja nur eine "temporäre Störung", die eine permanente Störung beseitigen hilft. So kommt FUNKEN auf seinen mühsam erarbeiteten Gegensatz von Wertgesetz und Ungleichgewicht zurück und benennt letzteren jetzt mit dem Terminus "strukturelle Störung": "Diese Aufgabe des Staatsapparats - die Geschäfte der Kapitali- stenklasse gegenüber der Lohnarbeiterklasse zu besorgen, wenn der Reproduktionsprozeß gestört ist - ist permanent gestellt. Neben temporären Störungen - wie der ökonomischen Krise - gab es im Ka- pitalismus immer strukturelle Störungen des kapitalistischen Re- produktionsprozesses, d.h. es gab stets Aufgaben, die nur von staatlichen Einrichtungen erfüllt werden konnten, die dem Kapital nie unmittelbar subsumiert waren" (118). Damit ist das Argument für die Notwendigkeit des Staates und sei- ner Tätigkeit auf ein Gerede von "Störungen" im "Kapitalismus" zurückgenommen, die es notwendig machen, daß der Staat bestimmte Aufgaben der G e s e l l s c h a f t übernimmt. Weder wird ge- klärt, warum diese bestimmten Aufgaben nach außerhalb der Gesell- schaft an eine besondere Instanz delegiert werden, noch kann die Existenz dieser Instanz und ihre Eigenart ausfindig gemacht wer- den. Sie wird identifziert mit einer Serie von Aufgaben, die FUN- KEN einfach aufnimmt - "Das betrifft vor allem (!) die Ausbildung der Lohnarbeiterklasse, ihre medizinische Versorgung, die Befrie- digung ihrer kulturellen und religiösen Bedürfnisse" (110) - und, was nach den emphatischen Abgrenzungsbemühungen gegen ENGELS ei- nigermaßen peinlich wirkt, mit einem Apparat: "Diese Einrichtung ist (!) ein Apparat mit den Sektionen Armee, Polizei, Justiz, staatlichen Unterstützungsfonds und ähnlichem" (109). Im Unterschied zu den bisher besprochenen Beiträgen zur "marxi- stischen Staatstheorie" bringt die mit Hilfe "methodologischer Vorüberlegungen" erschlichene "Ableitung" des Staates aus den Störungen der kapitalistischen Ökonomie eine andere Art und Weise hervor, in der Marxisten sich um die Analyse der Widersprüch- lichkeit des bürgerlichen Staates drücken. Hatten MÜLLER, NEUSÜSS ALTVATER und LÄPPLE die Bestimmungen und Widersprüche des Staates ganz in seine (falsch gefaßte) Herkunft aus der Gesellschaft aufgelöst, erscheint der Staat hier als Krisenfeuerwehr, als Instanz, die eben die Mängel der Gesellschaft kompensiert. Er ist - weil überhaupt nicht bestimmt - auch nicht mit irgendwelchen Mängeln behaftet, sondern tritt gleichsam als nützliche Einrichtung an das von Störungen heimgesuchte Kapital heran und löst seine Probleme (14) - natürlich entsprechend den Interessen der Bourgeoisie: Staatsmonopolistischer Kapitalismus heißt diese Chimäre gemeinhin! 4. Hirsch (15) -------------- Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig: auch HIRSCH geht "von den Grundlagen einer materialistischen Staatstheorie aus, wie sie von MARX und ENGELS bei ihrer Untersuchung der "Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft" entwickelt ... worden sind" (200). Doch ist mit diesem "Ausgehen von ...", mit der Beteuerung, daß sich der Staat aus den spezifischen Produktionsverhältnissen al- lein begreifen lasse, auch bei ihm das MARXsche R e s u l t a t zu einem Gemeinplatz verkommen, der genügend Raum läßt für eine gründliche Revision all dessen, wovon als gesicherte Grundlage ausgegangen werden soll. Wenn die Rede ist von "materialistischer Theorie", so heißt das - und HIRSCH hat das ebensowenig begriffen wie die anderen Staatstheoretiker -, daß wirkliche Wissenschaft zu Ergebnissen gelangt, die sich i n h a l t l i c h als Mate- rialismus kennzeichnen lassen, nicht aber, daß ein bestimmter un- tersuchter Gegenstand mit einem Vorurteil nach B e z i e h u n- g e n zur ökonomischen Basis abgeklopft wird. "Materialistisch" ist kein Attribut der wissenschaftlichen Tätigkeit, sondern der Inhalte, die richtige Wissenschaft als o b j e k t i v e erar- beitet. In den gängigen Phrasen, man wolle den Staat "materiali- stisch" begreifen etc., ist das Wort materialistisch durchaus überflüssig: wer den Staat b e g r e i f t, weiß auch um seine Bestimmtheit aus den Produktionsverhältnissen. Wenn man schon die Arbeit an der Theorie des Staats für notwendig hält, da die Klassiker nicht mehr zu einer geschlossenen Darstellung dieses Bereichs gekommen sind, dann kann sich eine solche Arbeit doch nicht darin erschöpfen, immerfort zu wiederholen, daß die Formbestimmung des Staates auf die Produktionsverhältnisse zurückverweist; es geht darum, wie der Staat, den es doch g i b t als von der Ökonomie unterschiedene Sphäre, seine Zuge- hörigkeit zu dieser in seinen eigenen selbständigen Bestimmungen manifestiert. An der Stelle einer A u f l ö s u n g des Staates in ökonomische Kategorien und Funktionen muß an s e i n e n Be- stimmungen der Zusammenhang mit der Ökonomie aufgezeigt werden. Freiheit und Gleichheit der Staatsbürger sind nicht identisch mit dem Warentausch, Wirtschaftspolitik ist nicht dasselbe wie Akku- mulation, und der Bundestag ist nicht "die Bourgeoisie". HIRSCH gelangt aufgrund einer Analogie zur "allgemeinsten Formbe- stimmung des bürgerlichen Staates", zur "Besonderung des Staates als illusorischer und widersprüchlicher Verkörperung des gesell- schaftlich Allgemeinen" (203): "Wie der Tauschwert verkörpert im Geld, unabhängig vom Willen der Individuen die gesellschaftliche Einheit der Produktion herstellt, bedarf es des Staates zur Ge- währleistung der außerhalb der individuellen Produzenten liegen- den allgemeinen Bedingungen der Produktion und Reproduktion" (202). Selbst wenn man unterstellt, daß HIRSCH um die Berechti- gung und Grenze der Analogie - die Verselbständigung der abstrak- ten Allgemeinheit ist einmal eine des Werts, im anderen Falle die des W i l l e n s - weiß, muß es verwundern, daß er sofort die B e g r ü n d u n g des Staates mit einer Funktion, mit einer Rückwirkung des Staates auf die Gesellschaft zusammenwirft. Die "allgemeinste Formbestimmung" löst er auf in eine Staatstätigkeit unter anderen und suggeriert damit, daß die grundlegende Formbe- stimmung mit ökonomischen Funktionen zusammenfällt. Offensicht- lich weiß er gar nicht, was eine Formbestimmung ist, denn er macht diesen Fehler zur Grundlage seiner folgenden Entwicklung: "Wird der Staat mithin als Besonderung der Allgemeinheit der bür- gerlichen Gesellschaft bestimmt, m i t d e r F u n k t i o n (Hervorh. d. Verf.), die gemeinsamen Bedingungen der Reproduktion dieser Gesellschaftsformation zu garantieren, so (!) ist dieser Reproduktionsprozeß als kapitalistischer, d.h. auf Mehrwertpro- duktion beruhender, erweiterter und damit als A k k u m u- l a t i o n s p r o z e ß zu untersuchen" (203). Kaum angetreten, Elemente einer Staatstheorie zu entwickeln, ist unser "Materialist" bereits wieder bei der Politischen Ökonomie angelangt. D e r e n Studium soll die Wissenschaft vom Staat vorwärtsbringen: "J e n s e i t s der aus dem Begriff der wa- renproduzierenden Gesellschaft abgeleiteten allgemeinen Bestim- mungen des bürgerlichen Staates sind also dessen konkrete Funkti- onsbestimmungen aus den sich historisch verändernden Bedingungen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, der durch ihn voran- getriebenen Entwicklung der Produktivkräfte und der sich mit ihm verändernden Formen der Vergesellschaftung abzuleiten" (203 f.) - weshalb dann Staatstheorie zur "politischen Ökonomie des Staats- apparates" erklärt wird, bereichert um die Berücksichtigung "historischer Veränderungen". Jemand, der mit einem "allgemeinen Begriff" des bürgerlichen Staates (den er eigentlich gar nicht hat) "wenig anzufangen" weiß (208) und deshalb die Politische Ökonomie zum Material einer Sammlung von Staatsfunktionen herunterbringt, muß auch aus den Kategorien des "Kapital" etwas anderes machen als sie sind. HIRSCH, der mit seiner Suche nach F u n k t i o n e n des Staa- tes f ü r das Kapital und seinen Akkumulationsprozeß das "Kapital" nach der Stelle abklopft, wo das Kapital einen Mangel aufweist, den der Staat kompensieren könnte, gerät an das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate: hier zeigt sich die Gegen- sätzlichkeit des Kapitals zu sich selbst in einer Weise, die den "Materialisten" dazu verleitet, die Tätigkeit des Staates auf die mit dem Fall der Profitrate im Zusammenhang stehende K r i s e zu beziehen. Wenn im Fall der Profitrate aber nicht nur die Not- wendigkeit der Krise sondern auch eine "Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus" gesehen wird (daß mit der periodischen Entwertung von Kapital die Akkumulation wieder ermöglicht und beschleunigt wird, die Krise also zwar eine Störung des Reproduktionsprozes- ses, aber eben eine ihm immanente ist, weiß HIRSCH gar nicht), dann "bleibt das eigentliche Problem der Untersuchung die Frage, warum dieser Zusammenbruch bis heute nicht eingetreten ist, d.h. welche konkreten Entwicklungen die Durchsetzung des allgemeinen Gesetzes modifiziert haben und modifizieren. Für die Bestimmung der Staatsfunktionen liegt hier ein entscheidender Punkt" (217). Nachdem der tendenzielle Fall der Profitrate so von seinem Wider- spruch befreit und in ein allgemeines Gesetz und diesem äußerlich entgegentretende Phänomene seiner Verhinderung getrennt ist, ge- raten HIRSCH die Staatstätigkeiten, die mit der Entwicklung der Produktivkräfte zu tun haben, zu Maßnahmen, durch die der Staat den Zusammenbruch aufhält: "Als Mittel zur Reorganisation der Ka- pitalstruktur, zur Verschärfung der Ausbeutung mittels Vergröße- rung des relativen Mehrwerts und zur imperialistischen Ausbeutung abhängiger Länder bedeutet die Entwicklung von Wissenschaft und Technik eine immer wichtigere Gegenwirkung zur Krisen- und Zusam- menbruchstendenz in den entwickelten kapitalistischen Ländern" (230 f.). Daß der Fall der Profitrate auf der Steigerung der Mehrwertrate b e r u h t, statt durch sie verhindert zu werden, kann HIRSCH an dieser Stelle schon nicht mehr weiter stören: Sein Vorurteil, der Staat habe eben mit Funktionen für die Akkumulation des Kapi- tals erklärt zu werden - wobei er von den F o r m e n, in denen sich die Gesetze der Akkumulation d u r c h s e t z e n, höf- lich schweigt - bringt ihn notwendig zum empirischen Tun des Staates und dessen In-Beziehung-Setzen zu Kategorien des Kapitals im Allgemeinen. Als Begründung für bestimmte Tätigkeiten des Staates bleibt der Blick in die Geschichte: vom frühen bis zum heutigen Kapitalismus lassen sich "Funktionszuwächse" feststel- len. "Versucht man, sie aus der Entfaltung der Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaftsformation abzuleiten, so erscheint als der entscheidende Punkt die im historischen Verlauf wachsende Unfähigkeit des Kapitals, sich aus eigener Kraft, d.h. auf der Basis konkurrierender Einzelkapitale zu reproduzieren" (234). Weshalb dies der entscheidende Punkt ist, wissen wir - weil HIRSCH gar keine Staatstheorie treibt, sondern lediglich darauf hinweist, was eine solche zu leisten hätte: sie müßte die "erscheinende Bewegung an der Oberfläche" zur Grundlage nehmen (bei HIRSCH ist diese Einsicht aber zugleich mit der Vorstellung verknüpft, daß der tendenzielle Fall der Profitrate den 'logischen Verknüpfungspunkt' abgibt zwischen Kapital im Allge- meinen und Oberflächenbewegung). Auf jeden Fall kann HIRSCH auch das, was e r für eine richtige Staatstheorie hält, nicht lei- sten und gesteht dies auch offen ein. Interessant ist aber zu hö- ren, was er stattdessen vorhat: "D e s h a l b (weil wir eine richtige Ableitung nicht bringen können!) müssen wir uns vorerst damit begnügen, erscheinende Funktionen des Staatsapparats syste- matisch einzuordnen und anhand der entwickelten Kategorien zu in- terpretieren. Ihre kategoriale Ableitung im einzelnen steht noch aus" (234). Spätestens hier müßte auch der wohlwollendste Leser seinen Auf- satz weglegen: es ist eine Zumutung, was von HIRSCH als Marxismus verkauft wird. Nachdem er zunächst den Staat mit seinen Funktio- nen identifiziert hat, diese im "Kapital" ausmachen wollte, merkt er, daß damit keine "Elemente einer materialistischen Staatstheo- rie" zustandekommen, gesteht dies ein, aber nur, um seine falsche Vorgehensweise zu l e g i t i m i e r e n! Die dreißig Seiten, die nach dieser Ungeheuerlichkeit noch zu lesen sind, halten wir aus e i n e m Grund dennoch für interessant. Sie sind eine Do- kumentation des Verfahrens, wie man zur Auffassung vom Staatsmo- nopolistischen Kapitalismus gelangt. Da wird der Staat zum In- strument von "ökonomisch oder politisch entscheidenden Kapitalen oder Kapitalgruppen" (239) - obwohl sich HIRSCH (205) von In- tenentionstheorien heftig abgegrenzt hat -, da wird eine weitge- hende "Verschmelzung" von "Segmenten des Staatsapparats mit ein- zelnen Monopolgruppen" (260) konstatiert, da wird die D u r c h s e t z u n g des Kapitals und des ihm adäquaten Staa- tes als beider V e r ä n d e r u n g gedeutet, einem ehedem "relativ funktionierenden Parlamentarismus" nachgetrauert (256). Aber nicht nur das: der anfänglich beschworene "Materialismus": der Staat sollte aus den ökonomischen Verhältnissen bestimmt sein, kehrt sich um: HIRSCH weiß von einer "administrativen Um- verteilung von Revenue und Zirkulationssteuerung" (239). Daß der Staat sogar als nicht eigentlich zum "ordentlichen Kapitalismus" gehörig vorgestellt wird, erhellt an Stellen wie dieser: "Die vielzitierte "Krise der Staatsfinanzen" ist sicherlich heute eine entscheidende Manifestation des stagnierenden, auf eigener Basis (!) nicht mehr reproduktionsfähigen Spätkapitalismus" (262) - wo- mit er wiederum bei seiner "Erklärung" des Staates aus histori- schen Schwierigkeiten der Kapitalakkumulation angelangt wäre. Zu guter letzt entläßt uns HIRSCH mit der matten, an den heutigen Zustand der Sozialwissenschaften erinnernden Feststellung: "Offenbar ist das Verhältnis von "Basis" und "Überbau" komplexer geworden" (266). 5. Mandel (16) -------------- Im Unterschied zu den bisher kritisierten Erklärungsversuchen ne- giert Mandel von vornherein jeden Ansatz einer systematischen Ab- leitung des kapitalistischen Staates. An ihre Stelle setzt er eine Folge von Argumenten, in der alles wiedererscheint was wir schon an verschiedenen "Ansätzen" kennengelernt haben oder noch kennenlernen werden. MANDEL zeichnet sich dabei gegenüber allen anderen dadurch aus, daß ein einheitlicher Gedankengang kaum noch auszumachen ist, daß er vielmehr alle gängigen "materialisti- schen" Vorurteile über den Staat zu einem brüchigen Sammelsurium vereinigt, das sich durch die Nähe zur Stamokap-Theorie charakterisiert. Versuchen wir, den wechselnden Gedankengängen dieses marxistischen Professoralwissenschaftlers zu folgen! Mandel kommt uns gleich historisch: "Der Staat ist ein Produkt gesellschaftlicher Arbeitsteilung; er entsteht aus einer Verselb- ständigung gewisser Überbautätigkeiten und ihrer Vermittlung mit der materiellen Produktion - zu dem Zweck, eine bestimmte Gesell- schaftsstruktur (Produktionsverhältnisse, Klassenherrschaft) auf- rechtzuerhalten" (432). Nachdem MANDEL den Klassenstaat aus der historischen Entwicklung "gewonnen" hat, anstatt ihn zu erklären, bleibt er auch weiterhin dabei, ihn als solchen zu unterstellen und das aufzugreifen, was ihm als Beleg für seinen Klassencharakter zu passen scheint. Da bieten sich nun als erstes die "Hauptfunktionen" des Staates für die Gesellschaft an, die MANDEL einteilt in "repressive, inte- grierende und technische". Diese Funktionen faßt er dann in fol- gender "Formel" zusammen: "Sicherung und Reproduktion der gesellschaftlichen Struktur (der grundlegenden Produktionsverhältnisse), sofern diese nicht durch die wirtschaftliche Automatik gewährleistet ist" (432). Damit hat er zunächst verschiedene Produktionsweisen abgedeckt, in denen der verselbständigte Staat jeweils funktionalisiert wird für die Sicherung der bestimmten Gesellschaft. Der bürgerliche Staat soll sich davon spezifisch unterscheiden: "Der bürgerliche Staat in seiner reifen Form hebt sich durch eine Reihe besonderer Merkmale von anderen Klassenstaaten ab" (433). Diese Merkmale reduzieren sich auf einen "weitgehenden" Verzicht auf "direkten Gebrauch der Staatsgewalt" durch das Bürgertum, das die politische Macht erobert hat. Der sparsame Gebrauch rührt da- her, daß die Austauschverhältnisse des "vorimperialistischen Ka- pitalismus" - "die die Ökonomische Abhängigkeit und den in ihr enthaltenen Ökonomischen Zwang (Trennung der Lohnabhängigen von Produktions- und Lebensmitteln) verhüllt sowie dem ausgebeuteten Proletariat den Schein der Gleichheit und der Freiheit verleihen" - "allgemein internalisiert werden". Dank dieser Verinnerlichung begnügt sich das Kapital mit seiner "Ökonomischen Überlegenheit" (434). Ist der Staat in seinen Funktionen solcherart zum Instrument der Gesellschaft erklärt, läßt sich nun auch die Geschichte wieder herbeizitieren, um neues Material für dieses Vorurteil abzugeben. MANDEL stellt fest, daß der Staat schon lange nicht mehr der ist, als den er ihn gerade charakterisiert hat. Denn es hat sich eini- ges geändert, was MANDEL nun Anlaß gibt, getreu der Unterstellung von der Spiegelbildlichkeit von Verwertungsschwierigkeiten und Staatsaktivitäten Schlüsse zu ziehen. "Verändert sich dieser Tatbestand, so ist dies bereits ein Zei- chen dafür, daß die Herrschaft des Kapitals ihren Höhepunkt über- schritten hat. D i e w a c h s e n d e M a c h t u n d d i e w a c h s e n d e V e r s e l b s t ä n d i g u n g d e s b ü r g e r l i c h e n S t a a t e s e n t s p r e- c h e n d e r e r h ö h t e n S c h w i e r i g k e i t r e i b u n g s l o s e r K a p i t a l v e r w e r t u n g" (434 f.) (Hervorh. von MANDEL). Die "zunehmende Hypertrophie" des Staates spiegelt für MANDEL die zunehmende Unsicherheit des Kapitals" und die "sich verschärfen- den Klassenkämpfe" wider. Beide Entwicklungen bilden "ein auf ge- genseitige Bedingung und Wechselwirkung aufgebautes einheitliches System" (435), das den Staat zu Eingriffen in Wirtschaft und Ge- sellschaft zwingt. Der Staat erhält damit die zentrale Bestim- mung, "direktes (!) Instrument der Kapitalverwertung" und "Gen- darm des sich tendenziell ausdehnenden Klassenkampfes" zu sein (435). Der Gedanke der Proportionalität von Staatseingriffen und Kapi- talschwierigkeiten ist für MANDEL aber nicht nur Schlüssel der geschichtlichen Entwicklung, sondern auch Ausgangspunkt für alle möglichen weiteren Irrwege bei der Erklärung staatlicher Funktio- nen. Die Verbindung des empirisch feststellbaren Faktums zuneh- mender Staatsaktivität mit der von Beginn an mitgeschleppten Un- terstellung vom Klassenstaat - dies sollte eigentlich Ergebnis der Erklärung des Staates sein - bestimmt den fehlerhaften Fort- gang. Dies wird zunächst deutlich an MANDELs Umgang mit den Staatseingriffen. So sichert der Staat nach MANDEL die "Kontinuität der politischen Herrschaft des Bürgertums" durch Verlagerung dieser vom Parlament in die Verwaltung. Das führt zur Verselbständigung des S t a a t s a p p a r a t e s, was MANDEL mit einem ALTVATER-Zi- tat belegt sieht, das von der Souveränität des S t a a t e s spricht. MANDEL geraten also noch Versuche, die Verselbständigung des Staates aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals abzuleiten, unter der Hand zu Argumenten für seine historischen Einordnungen. Wenn er Wirtschaftssteuerung und -programmierung des Staates aus der Notwendigkeit bestimmt, "schwerwiegende, den Bestand der bür- gerlichen Herrschaft unmittelbar gefährdende Wirtschaftskrisen einzudämmen" (437), zeigt sich überdies, daß er keine Ahnung da- von hat, was Krisen für das Kapital bedeuten. Nicht besser steht es um einen weiteren Staatseingriff: die "Steuerung eines riesigen Manipulationsapparats zur "Integration" des Arbeiters in die bürgerliche Gesellschaft als Konsument, "Sozialpartner", die bestehende Gesellschaftsordnung bejahender "Staatsbürger" usw." Um diese Staatsfunktionen herzukriegen, braucht MANDEL das Monopolkapital als big brother, das wegen sei- ner bekannten ("zunehmenden") Verwertungsschwierigkeiten "sämtliche Momente des Produktions- und Reproduktionsprozesses" seiner Kontrolle unterwerfen muß. Dazu bedient es sich des Staats: "Der Staat ist in steigendem Maße Hauptinstrument dieser Kon- trolle" (437) (Eine Seite vorher verwahrte sich MANDEL noch mit ALTVATER gegen die Bezeichnung des Staates als "bloßes politi- sches Instrument"!) Bei dieser Kontrollfunktion kommt MANDEL et- was in Konflikt mit der Wirklichkeit, was sich jedoch lösen läßt durch Einführung zweier "Hauptlinien", zwischen denen der Spätka- pitalismus "hin- und herpendelt": nämlich zwischen "Versuchen zur Entschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche" und solchen, "sie gewaltsam zu unterdrücken". Mandel faßt seine Erkenntnis zusammen: "Die Rolle des bürgerli- chen Staates - als konzentrierter Interessenvertreter der herr- schenden Klasse - ist also weder eine Deus-ex-machina-Rolle, die durch vollständige Verselbständigung des Überbaus der bürgerli- chen Gesellschaft die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Pro- duktionsweise außer Funktion setzen könnte, noch ein durch "Sachzwang" bedingtes "automatisches" Produkt der zeitgenössi- schen Technik. Im Gegenteil, sie läßt sich sehr wohl aus der im- manenten Bewegung des Kapitals erklären, entspricht seiner inne- ren Logik und ist sein legitimes Geschöpf auf der entsprechenden Stufe der Entwicklung (des Niedergangs) der kapitalistischen Pro- duktionsweise" (438). Hier tritt noch einmal die zentrale Schwäche MANDELs hervor: Statt den Staat aus der immanenten Bewegung des Kapitals zu er- klären, was er immer vorgibt zu tun, bestimmt er ihn aus histori- schen Prozessen und macht ihn fest an den Funktionen, die der Staat für die sich verändernde Gesellschaft ausübt. Der Staat wird zum Instrument für die jeweils herrschende Klasse, die sich seiner bemächtigt und für ihre Zwecke in Dienst nimmt (17). Als matte Quintessenz von MANDELs Bestimmung des Staates bleibt üb- rig: Je mehr Staat, desto mehr Verwertungsschwierigkeiten des Ka- pitals. An die Stelle wissenschaftlicher Begründung ist das Her- beibeschwören des Niedergangs des Kapitalismus getreten: "Je stärker der Staatseingriff in das kapitalistische Wirt- schaftssystem ist, um so deutlicher tritt hervor, daß dieses Sy- stem an einer unheilbaren Krankheit leidet" (438) MANDEL hält inne. Der Staat ist "erklärt": er ist Instrument. Freilich, über den Staat selbst, seine Formbestimmungen, ist bis- her noch nichts gesagt worden MANDEL merkt, daß er sein eigentli- ches Ziel, am Staat seinen Klassencharakter nachzuweisen, noch nicht erreicht hat. So fängt er nun nochmal an: Am Staat selbst will er nun zeigen, daß er auch wirklich Instrument der Kapitali- sten, Klassenstaat ist. Notwendige Folge seiner nicht geleisteten wissenschaftlichen Ableitung des Staates ist nun die empirisch- faktische "Begründung" seines Charakters in der Manier bürgerli- cher Politologie. MANDEL stellt sich nämlich die genannte Aufgabe in Form der agententheoretischen Frage: "Wie übt die dominierende Schicht der bürgerlichen Klasse ... politische Macht im Spätkapi- talismus aus?", oder: "Wie artikulieren sich Wirtschaftsmacht und ideologische Vorherrschaft in bezug auf die politische Kontrolle über den Staatsapparat?" (439) Zur Beantwortung dieser Frage fällt MANDEL zunächst die "unmittelbare finanziell-ökonomische Herrschaft über den Staatsapparat" ein. Er erinnert sich an die "MARXsche Formel, der zufolge die Gesellschaftsklasse, welche das gesellschaftliche Mehrprodukt kontrolliert, auch den auf diesem Mehrprodukt fußenden gesellschaftlichen Überbau kontrolliert" und denkt sofort an die "Abhängigkeit des Staatsapparats von kurzfristigen Bankkrediten". Da drängt sich dann natürlich sofort die "Verfilzung zwischen den Spitzen des Staatsapparats bzw. der Regierung und führenden Vertretern der Großkonzerne" auf. Diese Verfilzung ist ja "belegt"! (440) Obwohl MANDEL sich nicht scheut, den Bankier Abs anzuführen, wird es ihm ein bißchen flau an dieser Stelle: er spürt, daß eine solche Aussage der "Komplexität(!) der politischen Klassenherrschaft des Kapitals" nicht gerecht wird, "unvollständig ist und den Marxismus ver- flacht". Nachdem er so dem schlechten Gewissen Luft verschafft, fährt er "am Staat selber" fort: Hier ist es die "Klassenherkunft der Einzelmitglieder des Staatsapparats", die den hierarchischen Aufbau des Staatsapparats bestimmen soll. Auch hierfür kann MANDEL "überzeugende Zahlen" anführen (441). Damit ist klar, daß die Struktur des Staates "bürgerlich determiniert" ist: Diese Einbettung des bürgerlichen Staates in eine durch die Ge- sellschaftsstruktur wie durch seine eigene Struktur bedingte In- strumentalisierung zugunsten kapitalistischer Klasseninteressen wird für die Akteure wie fur die Zuschauer und Opfer von der my- stifizierenden These vom Staat als Schiedsrichter z w i- s c h e n den Klassen, als Vertreter des "allgemeinen Inte- resses", als neutralem wohlwollenden Richter sämtlicher "plurali- stischer Kräfte" verhüllt" (442 f.). Freilich, wer wollte angesichts seiner überzeugenden Zahlen nicht von solchen Mystifzierungen ablassen! Um zu zeigen, wie es mit der Instrumentalisierung "in der Praxis aussieht", läßt MANDEL einen "führenden liberal-bürgerlichen Journalisten" sprechen und bemerkt anschließend: "Man kann keine bessere Bestätigung (!) der marxistischen Erklä- rung der Funktionsweise des spätbürgerlichen Staates - komplett mit strategischen Entscheidungen, die von "leading businessmen" suggeriert und dann von bürgerlichen Politikern ausgeführt wer- den, und mit der Einübung der hohen Beamten in die Problematik der herrschenden Klasse - als diesen offenherzigen Bericht fin- den" (442). Aber MANDEL "erklärt" zuguterletzt auch noch die Struktur des Staates selbst. Sie ist geprägt durch formale Teilung der Gewal- ten und Berufsbeamtentum, d.h. durch "permanente(n) Verhinderung direkter Machtausübung (Selbstverwaltung) der Masse der Lohnab- hängigen und Staatsbürger". Die Gewaltenteilung wird also nicht nach dem beurteilt, was sie ist, sondern was sie nicht ist: sie entspricht nicht den Wünschen MANDELs, d.h. dem Bedürfnis nach "Herrschaft des Volkes selbst", nach "tatsächlicher Ausübung de- mokratischer Freiheiten" (443 f.) MANDELs Behandlung des Staates, der ihm nun ganz in eins gefallen ist mit dem Staatsapparat, endet also damit, der schlechten Wirk- lichkeit ein Ideal gegenüberzustellen. Es gibt im brüchigen Gedankengang MANDELs einen fehlerhaften Zu- sammenhang zwischen historischer, phänomenologischer und agenten- theoretischer Argumentation, der noch erklärt, warum Mandel bei aller Wirrnis seiner Staatserklärungen unbekümmert daran festhal- ten kann, er habe den Staat marxistisch analysiert. Sein Fixpunkt ist nämlich die - schon von FUNKEN und HIRSCH bemühte - falsche Vorstellung eines unmittelbaren Erklärungszusammenhangs von Staat und kapitalistischen Krisen. Anstatt die Tatsache, daß die Staatsfunktionen und Staatseingriffe im Laufe der Geschichte zu- genommen haben, als historische Herausbildung eines adaquaten ka- pitalistischen Staates zu begreifen - das hätte allerdings mehr erfordert als die Verbindung eines Vorurteils mit empirischen Fakten - nimmt MANDEL sie zum Ausgangspunkt für die umgekehrte Unterstellung: Mehr Staatstätigkeit bedeute zunehmenden Verfall des Kapitalismus, denn der Staat leiste Ausgleich des ökonomi- schen Versagens, mehr Staatstätigkeit sei also gleichbedeutend mit wachsenden Mängeln der Kapitalverwertung. Da MANDEL so die Identität des Staates in die Verwertungsschwierigkeiten des Kapi- tals legt, deren Kompensation er darstellt, kann er ihn im weite- ren als direktes Instrument des Kapitals, damit auch als politi- sches Machtmittel der Kapitalisten charakterisieren. Die falsche Identifizierung des Staates mit falsch begriffenen Funktionen - er soll Krisenfeuerwehr sein - führt zur Personalisierung eines Verhältnisses, das MANDEL selbst als 'strukturelles' benennt. Die 'Erklärung' des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft wird auf der Ebene der persönlichen Machtverhältnisse noch einmal wieder- holt. Da die Schwierigkeiten des Kapitals solche der Kapitalisten sind, diese als die Mächtigsten den größten Einfluß im Staat ha- ben, ist dieser Mittel in ihrer Hand für ihre Zwecke. Die wach- sende Staatstätigkeit kennzeichnet nun das immer direktere Agie- ren der Kapitalisten mit dem Staat. Daß solche Auflösung staatli- chen Handelns in das Umgehen der Kapitalistenklasse mit dem Staat als ihrem Instrument der unterstellten Selbständigkeit des Staa- tes zuwiderläuft, stößt MANDEL selber noch auf, freilich nur als Problem des nochmaligen empirischen Nachweises dieser Behauptung. Er tut daher ein letztes und belegt den Klassencharakter noch einmal an Klassenherkunft der Staatsagenten, empirischer Ver- flechtung von Staatsapparat und Kapitalvertretern usw. und damit - so meint er - am Staat selbst. Der hier skizzierte Zusammenhang führt MANDEL folgerichtig zielstrebig in die unmittelbare Nähe zur Stamokap-Theorie - man vergleiche MANDELs Schlußseufzer nach tatsächlichen demokratischen Freiheiten mit den Forderungen von DKP und Spartakus! -, deren nähere Analyse wir einem eigenen Auf- satz in einer späteren Nummer der RESULTATE vorbehalten haben. 6. Huisken / von Flatow (18) ---------------------------- Der Fortschritt dieses Aufsatzes gegenüber der üblichen Vorge- hensweise von Marxisten bei der Analyse des Staates besteht in der Einsicht, "daß erst von den Bestimmungen der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft aus sich jene Zusammenhänge ergeben, die es erlauben, das Wesen des bürgerlichen Staates in den Griff zu bekommen" (100). Damit sprechen sie aus, daß sie von der Dif- ferenz zwischen Kapital im Allgemeinen und Konkurrenz in einer anderen Weise Kenntnis nehmen, als dies im endlosen Wiederholen von MARX-Zitaten aus dem "Kapital" praktiziert wird. Sie beharren darauf, daß im "Kapital" die Individuen als "Charaktermasken", als Personifikationen mit den ökonomischen Formbestimmungen zu- sammenfallen, während in der Bewegung der Oberfläche die einzel- nen zweckmäßig und bewußt mit ihren R e v e n u e q u e l l e n (der letzten Kategorie des "Kapital") umgehen, und daß dieser Um- gang selbständige Formen, die es zu analysieren gilt, aufweist. Diese Formen müssen - so ist verschiedenen Stellen zu entnehmen - auch als die gelten, die zunächst einmal das Bewußtsein der Agen- ten der kapitalistischen Produktionsweise bestimmen (19). Da es ihnen aber um den Staat geht, führen sie keine Analyse der Kon- kurrenz durch, sondern beschränken sich auf deren allgemeine For- men. Was sie mit ihrer Einsicht, daß der Staat aus der Konkurrenz zu entwickeln sei, anstellen, wollen wir prüfen. Nach einer zusammenfassenden Referierung von Argumenten des III. Bandes des "Kapital", die zu den drei Klassen von Revenuequellen- besitzern hinführen, versuchen sie deren Handeln zu charakteri- sieren: es geht den Revenuequellenbesitzern um die "Erhaltung der Revenuequelle" als bleibendem Mittel ihrer Reproduktion, um "möglichst hohe Revenue", sowie um deren "kontinuierlichen Fluß" (106). Diese Implikationen des Begriffs "Revenuequelle" formulie- ren von FLATOW-HUISKEN als "Interessen" der Subjekte, "unabhängig von der stofflichen Verschiedenheit des jeweiligen Eigentums" (106). Der III. Band hatte in ihrer eigenen Zusammenfassung mit den u n t e r s c h i e d e n e n Revenuequellen geendet, was ja auch Verschiedenheit im Gebrauch dieser stofflichen Elemente des Produktionsprozesses notwendig macht - Kapitalisten, Grundei- gentümer und Arbeiter konkurrieren in je spezifischer Weise - und doch werden diese Differenzen durch eine willkürliche Abstraktion eliminiert. Das Verfahren ist denkbar einfach und liefert die Grundlage für die folgenden Mängel der Staatsbestimmung. Die Au- toren subsumieren die unterschiedenen Revenuequellenbesitzer un- ter die Kategorie, in der sie als gleiche erscheinen und von der man weiß, daß sie eine grundlegende Bestimmung des Staates ist: das E i g e n t u m. Offensichtlicher als in der eben angegebe- nen Stelle tritt dies unmittelbar im Anschluß an das Zitat der trinitarischen Formel "Kapital-Zins (Profit), Erde-Rente, Arbeit- Arbeitslohn" hervor: "Kommen wir nun zu den subjektiven Trägern der Verhältnisse. In der Beziehung von Revenue auf Revenuequelle erscheinen die Eigen- tümer der jeweiligen Revenuequelle einander als gleiche, gleichrangige und unabhängige" (105) Revenuequellenbesitzer wer- den hier zu besonderen Eigentümern, die disparaten stofflichen Quellen ihres Einkommens zu besonderem Eigentum erklärt, um den Schluß zu ziehen, daß sie a l s E i g e n t ü m e r gleiche seien. So richtig ihr auf S. 93 ff. unternommener Versuch anhebt, die Bestimmungen der einfachen Warenzirkulation in "Kapital I" als falschen Ausgangspunkt für die Ableitung des Staates zu kenn- zeichnen, so fehlerhaft erweist sich hier ihr Verständnis vom Verhältnis dieser Warenzirkulation zur Konkurrenz. Statt aus dem Umgang der Klassen mit ihren Revenuequellen ihre Austauschbezie- hung (die im übrigen häufig erwähnt wird) zu folgern - die Einbe- ziehung von Revenue bedarf aufgrund der Natur ihrer Quellen die- ses Bezugs der Klassen aufeinander - und die wechselseitige Aner- kennung als Privateigentümer hieraus zu schließen, unterstellen sie ausgerechnet den unterschiedenen Klassen a l s s o l c h e n ein gleiches, gemeinsames Interesse. Nicht mehr aus der G e g e n s ä t z l i c h k e i t des Sonderinteresses, das jeder in der Konkurrenz verfolgt, entsteht die wechselseitige Anerkennung als Personen (a b s t r a k t freier Wille), son- dern aus friedlicher G e m e i n s c h a f t l i c h k e i t. Die über den Warentausch erfahrene Abhängigkeit der R e v e- n u e q u e l l e n b e s i t z e r untereinander, die MARX als Beziehung zwischen W a r e n b e s i t z e r n bereits in Kapitel 2 von Band I behandelt (in der Konkurrenz erscheinen die Bestimmungen der einfachen Zirkulation als Resultat der ent- wickelten Klassenverhältnisse: dies ist der Witz an der Rede von der Warenzirkulation als "Oberfläche" des Gesamtprozesses; ent- sprechend den in "Kapital I" bis zum 2. Kapitel entwickelten Ka- tegorien von Ware und Geld existieren dort noch keine g e s e l l s c h a f t l i c h e n Unterschiede, alle sind Wa- ren- und Geldbesitzer, während sich hier die sozial u n t e r s c h i e d e n e n Charaktere als solche aufeinander beziehen, um sich mit Hilfe ihres Einkommens zu reproduzieren), n ö t i g t zur Anerkennung der Agenten untereinander als Pri- vateigentümer (20). Bei von FLATOW-HUISKEN ist dieser Zwang zu- rückgenommen; im Dasein als abstrakt-allgemeine Person erhalten die Individuen nicht eine o b j e k t i v e Bestimmung n e b e n ihrer gesellschaftlichen Besonderheit, sondern sie sind ihren s u b j e k t i v e n Interessen entsprechend Leute, die g e m e i n s c h a f t l i c h e Zwecke verfolgen. Mit ih- rem ersten und entscheidenden Fehler erklären sie die "Gleichheit" zur Chimäre der Subjekte, nicht zu einer Kategorie, die im Staat und seinem praktischen Verhältnis zu den Individuen Objektivität besitzt. Sie wähnen (!) sich in der Sphäre von Frei- heit und Gleichheit, welche nun nicht mehr das Resultat einer - methodisch unzulässigen - Ausbreitung der Bestimmungen des Aus- tauschaktes oder der einfachen Warenzirkulation ist, sondern Re- sultat der Entwicklung jenes Bewußtseins (!), in dem die ihrer ökonomischen Formbestimmung nach gerade als Nicht-Eigentümer, als von Eigentum los und ledig, frei (21) gekennzeichneten Lohnarbei- ter nun sich selbst als stolze Privateigentümer erscheinen kön- nen." (108). Sie handeln sich dadurch auch die Schwierigkeit ein, daß sie zwar ein besonderes und allgemeines Interesse "abgeleitet" haben, aber keine Notwendigkeit der T r e n n u n g beider voneinander, die als Konkurrenz (Gesellschaft) und Staat ins Verhältnis zueinander treten. Diese Schwierigkeit lösen sie dadurch, daß sie in dem von ihnen erfundenen gemeinschaftlichen Interesse aller Revenuequellenbesitzer als besonderer (so etwas wäre w i r k l i c h a l l g e m e i n e s Interesse und würde in der Tat keine Verselbständigung des abstrakt freien Willens gegen die Besonderheit erfordern, also auch keinen Staat) nur die "M ö g l i c h k e i t der Entfaltung des bürgerlichen Staates" (107) gegeben sehen. Im folgenden Teil des Aufsatzes diskutieren von FLATOW-HUISKEN die drei allen Revennequellenbesitzern gemeinschaftlichen Inter- essen, die sie auf S. 106 eingeführt hatten, ohne dabei des be- ständig dargebotenen Eingeständnisses gewahr zu werden, daß sie die unterschiedenen Interessen der jeweiligen Revenuequellenbe- sitzer behandeln und die Gemeinschaftlichkeit, von der sie reden, nur eine innerhalb derselben Klasse ist. Darüberhinaus unter- schieben sie das im staatlichen Handeln wirklich existente Ziel eines "krisenlosen Funktionierens der Wirtschaft" (116) und an- deres mehr den Individuen als k o n k u r r i e r e n d e n, also gerade ihre besonderen Zwecke verfolgenden. Was die einzel- nen als Staatsbürger sich selbst gegenüber mit Gewalt durchsetzen müssen: ihre eigene Beschränkung zugunsten einer nicht wirklichen Gemeinschaftlichkeit (dies der Sinn vom illusorischen Allgemein- interesse, der Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen") wird in diesen Ausführungen dem Willen der Konkurrierenden zuge- schlagen, obgleich andererseits all diese "allgemeinen Interes- sen" aus den Beschränkungen der Konkurrenz abgeleitet werden. Der grundlegende Widerspruch des "bellum omnium contra omnes" wird beständig wider besseres Wissen harmonisiert: statt in der F r e i h e i t die Verfolgung der besonderen Zwecke des einzel- nen zu erkennen, die notwendig am Konkurrenten ihre Schranke fin- det, also die bestimmte F o r m der Abhängigkeit der Revenue- quellenbesitzer festzuhalten, verfallen die Autoren beständig in den Fehler, über die Kategorie des I n t e r e s s e s die Be- sonderheit der einzelnen mit den aus ihrer Beschränkung erwach- senden N o t w e n d i g k e i t e n, bestimmten in der Konkur- renz nicht vorhandenen Bedingungen ihres Tuns, die sie zu "allgemeinen Interessen" erklären, zu vereinen. Wie durch die versäumte Ableitung von Person und Eigentum die Trennung des Staates von der Gesellschaft nicht als Notwendigkeit erschlossen werden konnte, so dient hier die Rede vom Interesse zur Einbüh- rung all der Bestimmungen, die im Kapitalismus Gegenstand einer getrennten (abstrakten!) Sphäre sind, in den Bereich der Konkur- renz selbst. Doch wollen von FLATOW/HUISKEN selbst nicht bei einem bloß mögli- chen Staat stehenbleiben und erinnern sich d e s h a l b des Widerspruchs der Konkurrenz allerdings in der Weise, die sie sich durch ihren Fehler aufgezwungen haben. "Als einzelne in die Kon- kurrenz eingebundene Private nehmen sie das allgemeine Interesse, welches sie mit anderen Privaten verbindet, nicht als solches, sondern nur in der Form des je besonderen Interesses wahr" (118). Das führt sie aber auch nicht zu dem Schluß, daß das "allgemeine Interesse" nur außerhalb der Konkurrenz existieren kann und ge- waltsam gegen die Besonderheit geltend gemacht werden muß. Sie machen den Staat zu einer Notwendigkeit deswegen, weil sich in- nerhalb der Konkurrenz so etwas wie "allgemeines Interesse" nicht r e a l i s i e r e n läßt: "... in der Form der Verfolgung sei- ner besonderen inhaltlichen Bestimmtheit läßt sich ein allgemei- nes Interesse nicht realisieren; die Besonderungen addieren sich nicht auf sondern schließen einander in der Bewegung der Konkur- renz aus" (119). So nahe die nun gefolgerte Besonderung des Staa- tes einer "Wiedergutmachung" ihres Versäumnisses auch zu kommen scheint - im folgenden zeigt sich, daß dies die Ableitung des Staates n i c h t ist: denn als Produkt gemeinschaftlicher In- teressen erscheint der Staat als M i t t e l dieser Interessen, was der von den Autoren über Beispiele eingeführten gesetzgeben- den Tätigkeit und der dazugehörigen Gewaltausübung (Durchsetzung des Kodifizierten gegenüber den Privaten) widerspricht. Wenn für von FLATOW - HUISKEN "die Verwaltung allgemeiner Interessen von Privateigentümern ... zunächst nichts anderes als die Konstituie- rung einer Form, in der man (!) sich mit diesen Interessen be- schäftigt" (122), bedeutet, dann geht für sie die spezifische Form gerade unter: der Staat ist ein Gewaltverhältnis und kein Interessenverband! (Solche gibt es übrigens in der bürgerlichen Gesellschaft als Institutionen, die sich um Einfluß auf den Staat bemühen!) Daß die Autoren auch mit dieser ihrer Bestimmung des Staates aus dem Problem der Durchsetzung von allgemeinen Interes- sen selbst nicht zufrieden sind, zeigt sich schlagend an einem weiteren Kapitel, das sie der bisher geleisteten "Ableitung" hin- zufügen. Sie handeln "Staatsfunktionen und die Form des bürgerli- chen Staates" ab, was nur heißen kann daß sie die "allgemeinen Interessen", die in der Konkurrenz entstehen, ausfindig machen: "Nicht die Empirie ist der Ausgangspunkt der Bestimmung der Staatsfunktionen ... sondern der Begriff des allgemeinen Interes- ses mit seinen oben entwickelten Bestimmungen" (12). Doch sieht sich der Leser getäuscht, wenn er nun einen Rückgriff auf die bereits abgehandelten Interessen erwartet. Die Frage nach dem "Warum" dieser oder jener Maßnahme muß sich - so wird noch einmal versichert - "auf die Interessen selbst beziehen" (130); von FLATOW - HUISKEN aber kündigen ihre Antwort auf solche Fragen folgendermaßen an: "Dabei werden wir im folgenden die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft verlassen müssen, denn(!) die öko- nomischen Grundbeziehungen und Gesetzmäßigkeiten der an der Ober- fläche artikulierten allgemeinen Interessen stehen zur Diskussion" (130). Begründet wird diese Entscheidung nicht nur mit diesem ominösen "denn", sondern mit dem Argument daß die Subjekte der Konkurrenz ja Charaktermasken seien und nur den Bewegungsgesetzen des Kapitals zur Durchsetzung verhelfen würden! Die ganze Veranstaltung einer Ableitung der Staatsbestimmungen aus der Oberfläche war überflüssig, wenn mit diversen Stellen aus sämtlichen Bänden des "Kapital" - in derselben Manier wie die von von FLATOW - HUISKEN kritisierten MÜLLER - NEUSÜSS und ALTVATER - das, was der Staat tut, erklärt werden kann. Und um endgültig einzugestehen, daß die ganze Begriffshuberei am Beginn ihres Elaborats nur Bluff war, charakterisieren die Autoren ihre Verfahrensweise selbst: "Methodisch (!) beinhaltet dies, daß wir jetzt auf der Ebene des Kapitals im allgemeinen oder (!) auf der Ebene der Konkurrenz der Einzelkapitale argumentieren" (130). Daß die Kenntnisnahme bestimmter Diskussionen und Papiere für sie nur Mittel für demonstrative Zurschaustellung ihres "eigenen" Eklektizismus ist, beichten sie mit erstaunlicher Naivität dem Leser, der eine wissenschaftliche Behandlung des Staates erwartet hat. Auf S. 136 wird "schließlich deutlich, daß ein methodischer Zwang zu einer allgemeinen Ableitung spezifischer Staatstätigkeit in u n s e r e m Kontext nicht mehr besteht". 7. Projekt Klassenanalyse (22) ------------------------------ Mit den "Materialien" hat das PROJEKT KLASSENANALYSE eine Unter- suchung vorgelegt, die sich auf die Schließung einer Lücke in der revolutionären Theorie richtet: die Analyse der "verwandelten Formen" der Oberfläche, eine wesentliche Voraussetzung für kommu- nistische Politik, ist Gegenstand dieser Studie. Die Autoren wis- sen von der Relevanz ihrer Aussagen für die politische Praxis von Kommunisten, für sie gibt es einen "inneren Zusammenhang zwischen MARXscher Theorie, Klassenanalyse und revolutionärer Taktik" (9), so daß ihre Veröffentlichung - ob sie dies nun wollen oder nicht - ein Stück Kritik an den Organisationen darstellt, die meinen, auf Studien solcher Art verzichten zu können. Während wir mit ih- rem Bemühen um eine Analyse der Formen, in denen sich die "wirkliche Bewegung" abspielt, einverstanden sind, haben wir an der Art und Weise, wie sie ihr Vorhaben durchführen, manches aus- zusetzen - was wir in diesem Zusammenhang am II. Abschnitt der "Materialien", der den Staat betrifft, darlegen wollen. Unter der Überschrift "Die Verdoppelung der Gesellschaft in Ge- sellschaft und politische Form" kündigen die Autoren des PROJEKTS KLASSENANALYSE (PKA) an, daß sie sich nicht damit begnügen wol- len, die These, "daß jede Form der Produktion ihre eigenen Rechtsverhältnisse, Regierungsformen etc. erzeugt", auch für die bürgerliche Gesellschaft bloß zu behaupten (69). Sie haben sich vorgenommen, "aus der ökonomischen Struktur der bürgerlichen Ge- sellschaft die Notwendigkeit der politischen Form des Gemeinwe- sens abzuleiten, die einzelnen Vermittlungsglieder zwischen dem organisch Zusammengehörenden aufzufinden" (69 f.) und meinen d e s h a l b, "von der Charakterisierung der spezifischen ge- sellschaftlichen Form der Arbeit, die der ganzen bürgerlichen Ge- sellschaft zugrundeliegt" (70), ausgehen zu müssen. Unter dieser Charakterisierung versteht nun das PROJEKT KLASSENANALYSE eine Sammlung von Aussagen zum Verhältnis von Kapital und Arbeit, des- sen Vermittlung über den Austausch zur trinitarischen Formel und zu Mystifikationen; daß der Kapitalismus persönliche Abhängig- keitsverhältnisse auflöst, erfährt der Leser ebenso wie den Um- stand, daß die Verteilung der Gesamtarbeitszeit auf die verschie- denen Sphären der Produktion über die Konkurrenz vonstatten geht, in der jeder sein besonderes Einzelinteresse verfolgt. Aber auch für die kapitalistische Gesellschaft n i c h t Charakteristi- sches wird behandelt: "Wiedererzeugung, Erhaltung und Reproduk- tion der bestimmten gesellschaftlichen Beziehungen ..." ergeben sich aus der "bloßen Kontinuität des Produktionsprozesses" - "und dies ist nun keine besondere Eigenschaft der bürgerlichen Produk- tionsweise" (77) - was schon einigermaßen seltsam anmutet. Noch unverständlicher ist die Erklärung "falschen Bewußtseins" aus diesem Zirkel: "Denn weil (!) die Erfahrung eben die Repro- duktion der Verhältnisse zeigt, wächst daraus notwendig(!) die Vorstellung hervor, daß deren spezifisch gesellschaftlicher Cha- rakter und daher (!) die gesellschaftliche Stellung der Produkti- onsagenten zueinander natürliche (!) und notwendige Existenzbe- dingungen des individuellen Lebensprozesses sind" (79). Da hätte es sich MARX mit dem Warenfetischismus leichter machen können, wenn er nur eine Abart des "Kontinuitätsfetischismus" darstellt! Was die Fortführung dieser falschen "Charakterisierung" der "spezifischen Form der gesellschaftlichen Arbeit" (die häufigste Floskel des Buches, auf die zurückzukommen sein wird) für die in der Überschrift genannte "Verdoppelung" leisten soll - so "wird aus der bloßen Akzeptierung dieser Ordnung Antizipation dersel- ben", welche nun umgekehrt "selbst zur Voraussetzung der Konti- nuität des Lebensprozesses" wird etc. -, bleibt vorerst unerfind- lich. Schließlich, nach einer längeren Passage über vorkapitali- stische Gesellschaften, in denen die "Antizipation" der Verhält- nisse durch die Individuen die "Form von Brauch und Tradition" annimmt, erfahren wir, daß es im Kapitalismus neben der "inneren Notwendigkeit der Kontinuität der bestimmten sozialen Verhält- nisse" (88) auch den "Zwang zur fortwährenden Revolutionierung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit" (88) gibt, und daß aus den spezifischen Bedingungen der modernen Gesellschaft hervorgeht, "daß die gesellschaftliche Befestigung der Verhält- nisse die Form a l l g e m e i n e r W i l l e n s- v e r h ä l t n i s s e annehmen muß" (89). Nun merkt auch das PROJEKT KLASSENANALYSE, daß sich auf diese Weise keine Ableitung der "politischen Form" der bürgerlichen Ge- sellschaft machen läßt. Es hat dieser "politischen Form" den Na- men "allgemeiner Willensverhältnisse" gegeben und behauptet, diese seien eine besondere Variante des allen Gesellschaften ge- meinsamen Phänomens der "Befestigung" ihrer Verhältnisse. Die Be- gründung aber steht noch aus und wird nun nachgeliefert. In einem ersten Anlauf geschieht dies über die Rede vom Indivi- duum, das "in der bürgerlichen Gesellschaft ... geprägt und be- stimmt durch die bestimmten sozialen Verhältnisse" (89) ist und "nicht aus dieser bürgerlichen Haut schlüpfen" kann. Wie das kommt, vergessen uns die Autoren leider mitzuteilen - stattdessen wiederholen sie jene für alle Gesellschaften unterstellte Neigung der Leute, an ihren gesellschaftlichen Existenzbedingungen festzuhalten, wobei sie diese Neigung hier einführen über eine Abwandlung ihrer Erklärung falschen Bewußtseins: das Individuum "fühlt und ahnt" die gesellschaftlichen Verhältnisse als "Momente seines individuellen Daseins", kann sie aber nur soweit begrei- fen, "wie seine eigene Reproduktion mit dem gesellschaftlichen Gefüge verknüpft ist" (89). Eben war es noch "geprägt" und "bestimmt" durch die Verhältnisse, seine Reproduktion war also "sehr weit" verknüpft mit dem Gefüge, so daß es auch im Begreifen desselben "sehr weit" vorankommen müßte. Doch es kommt noch schlimmer. Das PROJEKT KLASSENANALYSE "folgert" aus seiner Bestimmung falschen Bewußtseins in der bür- gerlichen Gesellschaft als Kombination von Gefühl, Ahnung und partiellem Begreifen, "daß aus der Notwendigkeit, sich reprodu- zieren zu müssen, das soziale Verhältnis, worin das Individunm sich reproduziert, selbst als Bedingung seiner fortwährenden Exi- stenz erkannt wird" (89). Im ganzen Gang der Argumentation findet sich kein einziges A r g u m e n t, das - nach der als überhi- storisch gekennzeichneten Tendenz zur "Kontinuität", "Antizi- pation", "Befestigung" - über etwas spezifisch B ü r g e r l i- c h e s handelt! Und dennoch bringt es das PROJEKT KLASSEN- ANALYSE fertig, am Schluß dieses Abschnitts eine Formbestimmung herzuzaubern, die der bürgerlichen Gesellschaft "eigentümlich" ist, nämlich die des Privateigentümers: "Doch der Wille des Individuums nach Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung bleibt innerhalb des Horizonts, der sich aus seinen Lebensbedingungen als Privateigentümer ergibt" (89). Das "doch" zu Beginn dieser Konklusion hat nach der vollzogenen "Ableitung" keinen Sinn: Wenn das Individuum die Bedingungen seiner Existenz will, von denen es bestimmt wird, dann will es sich eben als das erhalten, was es ist - eine Tautologie beschließt hier erst ein- mal den Auftakt einer Erklärung dessen, was "allgemeine Willens- verhältnisse" sind, die allerdings mit dem willkürlichen Hinweis auf eine Kategorie endet, die für den zweiten Anlauf des PKA das Material liefert. Nach einigen Ausführungen zu Privatarbeit und Austausch von Wa- ren, über den die Individuen in Verkehr treten, folgt die Wieder- holung des Arguments, daß die einzelnen ihre Reproduktionsbedin- gungen aufrechterhalten wollen mit der Modifikation, daß nun die Form des P r i v a t e i g e n t ü m e r s von vornherein un- terstellt ist, zugleich aber das wirkliche Sich-Betätigen als Privateigentümer als Resultat der A n e r k e n n u n g, mithin als W i l l e n s v e r h ä l t n i s gefaßt wird: "Das Bedürf- nis des einzelnen Privateigentümers nach Aufrechterhaltung der Reproduktionsbedingungen kann daher in der bürgerlichen Gesell- schaft nur das Bedürfnis sein, als Privateigentümer anerkannt zu werden" (90). Das Willensverhältnis, das sich die Autoren abzu- leiten bemühen, nehmen sie vorweg, statt es als Notwendigkeit aus der Konkurrenz, welche die Beziehung der einzelnen als Warenbe- sitz im Tausch einschließt, zu folgern. Sie perfektionieren ihren Zirkel sogar noch: "Da (!) der einzelne Privateigentümer als Vor- aussetzung (!) seiner individuellen Reproduktion den anderen Pri- vateigentümer voraussetzt und bedingt ..., geht hieraus das all- gemeine Bedürfnis hervor, sich wechselseitig als freie und glei- che Privateigentümer anzuerkennen" (90). An dieser Stelle wie an vielen anderen macht sich das PROJEKT KLASSENANALYSE eines Fehlers schuldig, der häufig dann eintritt, wenn Marxisten bei Ableitungen den Widerspruch der Kategorien, v o n d e n e n a u s sie einen Übergang zu einer anderen er- schließen wollen, nicht festzuhalten vermögen: sie verwechseln logische und empirische Voraussetzungen miteinander. Während im Gang der systematischen Ableitung die Bestimmungen der Konkurrenz z.B. dem Staat vorausgesetzt sind und ihn als n o t w e n d i g e n erschließen lassen, ist die empirische Existenz des Staates vorausgesetzt, damit sich Konkurrenz abspie- len kann. Die Ableitung des Staates aus der Konkurrenz als be- stimmter ökonomischer Verkehrsform ist damit auch der Beweis da- für, daß seine Existenz für die Betätigung der Konkurrierenden als solche gefordert, vorausgesetzt ist. Daß die Autoren der "Materialien" dies nicht wissen, erhellt nicht nur in ihrem zu- sätzlichen Bemühen um eine "Ableitung" des Attributs "allgemein", das sie den Willensverhältnissen zusprechen mit dem Argument: "... und da diese Bedingung die Bedingung vieler ist, geht sie aus dem sozialen Stoffwechsel als allgemeine Bedingung der Pro- duktion hervor" (90) - ein Argument, das sie auf der folgenden Seite wieder zurücknehmen: "Es wäre falsch, das Allgemeine dieser Willensverhältnisse wesentlich darin zu sehen daß es ein Wille vieler ist" (91), um die Allgemeinheit des Willens in den "sozialen Inhalt" zu legen, der sich "in den Willensverhältnissen allgemein (!) ausdrückt" (91). Hier bestimmen sie die F o r m, die sie als objektive in der bürgerlichen Gesellschaft glauben abgeleitet zu haben, mit dem Inhalt der Kategorien, die ihre Exi- stenz als notwendig erschließen läßt. (So erläutern sie Anerken- nung des Privateigentümers als "Anerkennung der Tatsache, daß der Privateigentümer selbst gesellschaftlich bestimmt ist durch die Vermittlung über den Tauschwert" (90), was nur einen Rückgriff auf eine Kategorie darstellt, die der Bestimmung des Privateigen- tümers logisch vorhergeht, aber nicht diese ausmacht!) Auch im folgenden dritten Anlauf zur Ableitung der "allgemeinen Willensverhältnisse" macht sich dieser Fehler geltend und zwar in doppelter Hinsicht. Einmal im R ü c k g r i f f auf die ab- straktesten Kategorien der politischen Ökonomie des Kapitalismus, die von Ware und Geld, zum anderen in der Bestimmung der Gleich- heit der Privateigentümer als bloß v o r g e s t e l l t e r, und dies nach einer Argumentation, die den richtigen Übergang von der Konkurrenz der Individuen und ihrer Beziehung als Warenbesit- zer aufeinander enthält: "Die Notwendigkeit, daß der Wille der vielen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft, an den vorgefun- denen sozialen Verhältnissen festzuhalten, den Charakter allge- meiner Willensverhältnisse annehmen muß, ergibt sich aus der Tat- sache, daß alle sozialen Beziehungen in der bürgerlichen Gesell- schaft als Beziehungen freier und g l e i c h e r Warenbesitzer erscheinen" - hier wiederum das Abzuleitende: die G l e i c h h e i t der Warenbesitzer als Privateigentumer in die Voraussetzung aufgenommen! - "wobei ihre respektiven besonde- ren Arbeiten bzw. deren Resultate verschiedene Gebrauchswerte, allgemeine Warenform annehmen und sich erst im Austausch als Ver- körperung gesellschaftlicher Arbeit bewähren müssen" (91 f.). Hat man - was in diesem Zitat durch die vorgängige Unterstellung der Gleichheit nicht geschieht - aus dem Verkehr von Warenbesit- zern miteinander die Privateigentümer erschlossen, dann verbietet es sich, auf die Inhaltsbestimmung des Warenwerts zu rekurrieren und so zu tun, als ob in d i e s e r der Widerspruch formuliert sei, der die Formbestimmung des Individuums als abstrakt-allge- meinen Willen, Person, und das heißt Privateigentümer, ergibt. Im Fortgang ihrer Argumentation widerlegen die Autoren selbst die Berechtigung eines Rückgangs in den ersten Band des "Kapital", indem sie von den Individuen als welchen sprechen, die zum Zwecke ihrer Reproduktion in Beziehung zueinander treten, also konkreter bestimmt sind als die Charaktermaske des Waren- und Geldbesit- zers, an dem im zweiten Kapitel von Band I der Schluß auf die Be- stimmung des Privateigentümers gezogen wird. Daß in der Konkur- renz - die die drei Bände des "Kapital" zur logischen Vorausset- zung hat - der Austausch von ganz anderen Sachen sich abspielt als bloß von Waren, die "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" enthalten, hätte dem PROJEKT KLASSENANALYSE zumindest einfallen müssen - und verhindern können, daß sie die Form des Austausches, wie sie bereits mit den Bestimmungen der Ware und des Geldes dar- stellbar ist und in der Konkurrenz sich geltend macht - in ihr beziehen sich die Repräsentanten der verschiedenen Klassen auf- einander etc. - zum Anlaß nehmen, mitten in ihrer Staatsableitung auf die Warenanalyse zurückzugehen! Noch deutlicher wird ihr Fehler, wenn sie nun die Bestimmung des abstrakt-allgemeinen Willens ableiten und zugleich leugnen, d.h. sie in die "Vorstellung" der Subjekte zurücknehmen: "Sie können sich als Individuen mit besonderen Bedürfnissen oder als beson- dere Individuen nur reproduzieren, indem sie in Verkehr mit ande- ren besonderen Individuen treten. Und dieser Verkehr findet nur statt (!), soweit sie von ihrer Besonderheit abstrahieren und sich als gleiche Individuen, als einfache Privateigentümer, v o r s t e l l e n" (92). Und daß dies "Vorstellen" kein Lapsus ist, sondern die Rücknahme des Inhalts des ganzen Satzes, in dem ja behauptet wird, daß die Abstraktion von ihrer Besonderheit n o t w e n d i g ist, zeigt sich an Aussagen wie diesen: "Diese scheinbare Gleichheit ist es aber, die in den allgemeinen Wil- lensverhältnissen festgehalten wird" (93), oder, wenn von "I l l u s i o n e n von Freiheit, Gleichheit, Eigentum ..." (94) die Rede ist und der Übergang zum wirklichen "allgemeinen Willensverhältnis" als ein zusätzlicher Schritt der Ableitung verstanden wird: "Die Wahrung der allgemeinen Bedingungen des ge- sellschaftlichen Lebensprozesses und damit die Wahrung der Konti- nuität der sozialen Beziehungen war nach unserer bisherigen Be- trachtung r e i n i d e e l l in den allgemeinen Willensver- hältnissen" - was nur heißt, daß diese "Wahrung" (hier erfolgt wiederum der Rückfall in den ersten Fehler der Ableitung) noch keine o b j e k t i v e Existenz besitzt, d.h. nur dem s u b j e k t i v e n Belieben der Besonderheit in der Konkur- renz angedichtet wird, obgleich Konkurrenz nur s t a t t f i n- d e t bei Vollzug der Abstraktion von der Besonderheit, die doch auf den anderen Besitzer zum Zweck ihrer Reproduktion angewiesen ist. Der Schluß, der die W i r k l i c h k e i t der politischen Form erbringen soll, ist eine konsequente Tautologie der Form: wenn das Notwendige nicht geschieht, muß es geschehen. "Dieser Wille muß aber in dem Augenblick umgesetzt und verwirklicht wer- den, wo dieser nicht von allen oder (!) nicht allgemein anerkannt wird. Der bloße Wille allein schützt die Individuen der bürgerli- chen Gesellschaft nicht vor dem Bruch ihrer allgemeinen Produkti- ons- und Verkehrsbedingungen durch einzelne. Zur Aufrechterhal- tung dieser Bedingungen muß der Wille daher eine handgreifliche Form annehmen. Um zu garantieren, daß der einzelne sich den all- gemeinen Bedingungen der Produktion und des Austausches unter- wirft bzw. gemäß diesen Bedingungen handelt, muß die Gesellschaft auch ein Mittel haben, wodurch die Garantie wirklich gewährlei- stet wird" (96). Immerhin macht dieser zusätzliche "Übergang" von der "Idealität" zur "Realität" der "allgemeinen Willensverhält- nisse" dem PROJEKT KLASSENANALYSE wenigstens nachträglich klar, daß die Bestimmung der "politischen Form" als Festhalten der In- dividuen an der "Kontinuität" ihrer Existenzbedingungen nicht das eigentümliche G e w a l t v e r h ä l t n i s zu fassen gestat- tet, das die konkurrierenden Privatsubjekte "wollen müssen"! II. Im Verfehlen der ersten Bestimmungen des bürgerlichen Staates als Verselbständigung des abstrakt freien Willens der Konkurrenzsub- jekte, die damit zu Staatsbürgern werden und sich im Staat eine Gewalt gegenüberstellen, die ihrer Bestätigung als freie "Besonderheiten" komplementär ist, liegt auch der Grund dafür, daß dem PROJEKT KLASSENANALYSE trotz Kenntnis so gut wie aller MARXscher Aussagen zum Staat die systematische Bestimmung von dessen Tätigkeit nicht möglich ist. Bereits im eben zitierten "Übergang" zur "Realität" der "allgemeinen Willensverhältnisse" macht sich der ständig praktizierte Rückgang in das, was die Au- toren alles unter "spezifischer Form der gesellschaftlichen Ar- beit" verstehen, als Widerspruch zu den richtigen Aussagen über den Staat als "praktisch-idealistische Überbauform", als beson- dere Existenz "neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft" geltend. In der Formulierung: "... muß die Gesellschaft auch Mittel haben, wodurch diese Garantie wirklich gewährleistet wird" (97), unter- stellt das PROJEKT KLASSENANALYSE d i e G e s e l l s c h a f t als ein Subjekt, das sich im Staat eine Institution schafft, die es zur Bewältigung seiner Kollisionen einsetzt, so daß die Spezi- fik der Staatsableitung, an die es so nahe herangekommen ist und die es als Resultat richtig festhält, gerade verschwindet; wenn "die Gemeinschaftlichkeit ... bloß illusorisch oder als Allge- meinheit vorhanden" (98) ist, dann heißt das eben, daß außer im Staat d i e Gesellschaft keine Subjektivität besitzt. Sie gibt es nur als Zusammenhang der ihre besonderen Interessen verfolgen- den einzelnen, als Konkurrenz. Wird die S o u v e r ä n i t ä t des Staates, den die Konkurrenzsubjekte "wollen müssen", nicht als Konsequenz der Abstraktion des Willens - und Abstraktion heißt Trennung! - festgehalten, fallen die Formbestimmungen staatlicher Tätigkeit schlicht in eins mit dem Inhalt, der sich für die Ökonomie im Kapitalismus ausmachen läßt. Statt den Staat zu analysieren, identifiziert man ihn mit F u n k t i o n e n für die Sphäre, die ihn notwendig macht als besondere, objektive Selbständigkeit besitzende Form: "Die politische Form ist jene Instanz oder öffentliche Gewalt, die durch Sicherstellung, Wah- rung und Garantierung der allgemeinen Bedingungen der Produktion die Kontinuität der bürgerlichen Gesellschaft gewährleistet" (99). In solchen Aussagen wird dem Staat dann eine Fähigkeit zur "Gewährleistung" von Sachen zugeschrieben, deren er wohl auch den Kenntnissen des PKA zufolge gar nicht fähig ist. Wenn gesagt wird, "daß alle Aufgaben, die sich aus dem Reproduktionsprozeß, seinen Bedingungen wie seinen Resultaten ergeben und für den störungsfreien (!) Ablauf desselben notwendig sind, die aber das Kapital (!) unmittelbar selbst nicht zu bewältigen vermag, in den Tätigkeitsbereich der politischen Organe fallen ..." (99), so mag vielleicht etwas Richtiges gemeint sein - auch MARX bedient sich solcher Zusammenfassungen der Widersprüche der Konkurrenz, die er als Durchsetzungsweise des Verwertungsprozesses weiß; nur treibt er an den betreffenden Stellen keine Staatstheorie -; dennoch tritt hier die Nennung des allgemeinen Produktionsverhältnisses, "Kapital", an die Stelle der konkreten Bestimmung des Verhältnis- ses zwischen Staat und Konkurrenz, das sich in anderen Formen ab- spielt als denen, die mit "Kapital" suggeriert werden. Mit dem ständigen Ausweichen vor den Formbestimmungen des Staates und ihrer Identifikation mit ihrer "Herkunft" aus der Sphäre der Ökonomie kann sich das PROJEKT KLASSENANALYSE in der glücklichen Lage wähnen, nicht das "organisch Zusammengehörende zufällig aufeinander zu beziehen, in einen bloßen Reflexionszusammenhang zu bringen" (69), wenn es verkündet: "Die Verfassung ist entwic- kelt worden als vollständiger A u s d r u c k, allgemeines und illusorisches Resümee der inneren Widersprüchlichkeit der bürger- lichen Gesellschaft, aller illusionären Vorstellungen, die dieser Gesellschaftsform entspringen ..." (131), oder: Wie die politischen Parteien selbst nur der mehr oder weniger entsprechende A u s d r u c k der Klassen und Klassenfraktionen sind ..." (124), oder, in Wiederholung von MARX in der "Deutschen Ideologie": "Der Ausdruck dieses durch ihre gemeinschaftlichen Interessen bedingten Willens ist das Gesetz!" (119). Daß das PRO- JEKT KLASSENANALYSE aber nur eine subtilere Variante der anderen hier besprochenen Staatstheorien vorträgt, wird in der Unfähig- keit deutlich, auch nur eine Bestimmung des bürgerlichen Staates anders zu fassen als mit Aussagen darüber, wovon sie Ausdruck ist. So kann die Unmenge von Staatsbestimmungen, die sie aus den Schriften von MARX und ENGELS zusammentragen, nicht verhindern, daß die Reihenfolge, in welcher sie in den "Materialien" auftre- ten, keine ist. Da wird an einem Punkt der Ableitung, wo die "Willensverhältnisse" für die Autoren noch "ideelle" sind, von der "Sicherung des Allgemeinwohls" erzählt (95), von einer Tätig- keit des Staates also, die nicht nur seine Existenz als Souverän, Gesetzgebung als Form seines Inbeziehungtretens zum "Volk" etc. als entwickelte voraussetzt, sondern auch sein "ökonomisches Da- sein", welches beim PROJEKT KLASSENANALYSE unter Punkt 6 ran- giert. Die Form des G e s e t z e s wird nicht daraus entwic- kelt, daß der Staat der verselbständigte Wille der B e s o n d e r e n ist, also sein souveränes Handeln der Aner- kenaung aller bedarf, über ihren Willen vermittelt sein muß, son- dern zum Anlaß genommen, aus dem Gegensatz von "maßlosen Interes- sen" (118) in der Konkurrenz ein "Durchschnittsinteresse" zu kon- struieren, was mit der F o r m des Gesetzes überhaupt nichts zu schaffen hat! Neben die "Ableitung" der "allgemeinen Willensverhältnisse" tritt eine "Ableitung" der "Konstitution des allgemeinen Willens", in- nerhalb derer sich ganz unvermittelt die "Regierung" als unter- schieden vom Staat findet. Daß das PROJEKT KLASSENANALYSE einmal behauptet, daß "an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft ... der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse ausgelöscht ist" (94) - was so nicht stimmt: er tritt in anderen Formen auf -, hindert nicht daran, zu den simpelsten agententheo- retischen Befunden zu gelangen: "Die Interessen der Bourgeoisie, die materiellen Bedingungen ihrer Klassenherrschaft bilden den Inhalt der Demokratie" (133), oder: "Die Regierung ist eben das ausführende Organ oder die Exekutive der Bourgeoisklasse" (139). Wenn der Staat in seinen Tätigkeiten, die als "Verwirklichung der Freiheit und Gleichheit" erscheinen (was die Autoren selbst wis- sen: zweifelhaft ist nur, ob sie an allen Stellen, wo diese Kate- gorien behandelt werden, an der R e a l i t ä t dieser Erschei- nung festhalten - die entsprechenden MARX-Zitate kommen alle vor!), sich auf die Bürger als gleiche bezieht und ihre sozialen Differenzen unterstellt, so kann höchstens in seiner objektiven Praxis nachgewiesen werden, daß er in allem die Klassenverhält- nisse voraussetzt und ihre Widersprüche perpetuiert, also selbst eine Durchsetzungsform des Kapitalverhältnisses darstellt, nicht aber kann die Rede sein von einer Fungibilität für die Bourgeois- klasse. Ist die Analyse der objektiven Staatsbestimmungen aber erst ein- mal zugunsten von "Funktionen des Staates" oder "der Regierung" für die Bourgeoisie aufgegeben und das Kapitalistische an seiner Praxis mit der ökonomischen Basis identifiziert, der er sich ver- dankt, dann läßt sich auch eine Regierung denken, die sich anders zu den Klassen verhält, als es eben von einem bürgerlichen Staat und seiner Regierung zu erwarten ist. Alle richtigen Aussagen und Zitate über den Staat werden vergessen, wenn der "getäuschte Wäh- ler" eine Partei wählt, "die noch nicht verbraucht ist, das kann letztlich nur heißen: Vertreter der politischen Partei des Prole- tariats" (142). Da geht es nicht mehr um die Ableitung des S t a a t e s aus den Klassenverhältnissen, der ökonomischen Bewegung usw., sondern nur um einen "Desillusionierungsprozeß über den Charakter der bürgerlichen P a r t e i e n". Kein Wort davon, daß eine Partei des Proletariats sich angesichts des Charakters des Staates nicht auf eine Alternative der Regierungsausübung festlegt, sondern, sofern sie die politische Macht erobert - was alles andere bedeu- tet als ein "Erstarken der neuen Opposition" (143) -, diese nicht als "besseren Staat" an den vorhandenen Interessen und ihrer Ver- wirklichung ausrichtet, sondern die Produktionsverhältnisse, die Existenz der Klassen abzuschaffen versucht: in der Form der von der Gesellschaft getrennten "allgemeinen Macht" etwas dieser Form völlig Widersprechendes tut, was auch eine andere Beziehung auf die Arbeiterklasse als die des Staates zu "Wählern" einschließt! Die Widersprüche, welche das PROJEKT KLASSENANALYSE trotz der vielen richtigen Aussagen zum Staat, zu denen es aufgrund seiner MARX-Lektüre gelangt ist, formuliert, finden ihre Erklärung in der permanenten Versicherung, die sich die Autoren in der Politi- schen Ökonomie verschaffen wollen. Während bei den zuvor bespro- chenen Staatstheorien dieser "Materialismus" die eigentliche Auf- gabe, die sie lösen wollen, erst gar nicht in den Blick rücken läßt und kaum eine richtige Bestimmung des Staates mehr gestat- tet, gibt sich das PROJEKT KLASSEN-ANALYSE zunächst Mühe, die Trennung des Staates von der Gesellschaft abzuleiten und mit den ihm durchaus bekannten Bestimmungen wie Demokratie, Parlamenta- rismus, Allgemeinwohl, Gesetzgebung u.a.m. in einen logischen Zu- sammenhang zu bringen. Im Scheitern sowohl der Ableitung der "einfachsten politischen Form", wie sie die erste, abstrakteste Bestimmung des Staates nennen und zugleich zur bloß ideellen Exi- stenz erklären, zeigt sich jedoch, daß sie den Gegenstand "Staat" trotz aller Beteuerungen nicht ernstnehmen: stets versuchen sie, durch Darbietung polit-ökonomischen Materials die Ableitung des S t a a t e s zu e r s e t z e n. Ihre Intention, die systema- tische Entwicklung eines Stücks "Oberfläche" zu leisten, verfeh- len sie mit diesem Verfahren. III. Eine zufällige Verzögerung in der Fertigstellung dieses Heftes läßt es uns Beraten erscheinen, auf die jüngste Publikation des PROJEKTS KLASSENANALYSE zum Thema "Staat und Oberfläche" einzuge- hen, zumal dieses sich um eine Kritik derselben Versuche marxi- stischer Staatstheorie bemüht, die auch wir besprochen haben. Was den Inhalt dieser Kritik anlangt, so reflektiert sie einerseits die Fähigkeit der Autoren, den unhaltbaren Konstruktionen von ALTVATER, LÄPPLE usw. ihre Widersprüchlichkeit nachzuweisen, an- dererseits ihre eigenen, in den "Materialien" begangenen Fehler. Zunächst muß jedem Leser auffallen, daß das PROJEKT KLASSENANA- LYSE weniger die Fehler der von ihm kritisierten Autoren in der Ableitung des S t a a t e s aufs Korn nimmt als - durchaus vor- kommende - Mißverständnisse der Warenanalyse. An die häufiger noch als in den "Materialien" auftretende Phrase von der "spezifischen gesellschaftlichen Form der Arbeit", aus der es den Staat zu entwickeln gälte, schließen sich die langwierigen Aus- führungen über Wert, Tauschwert, Arbeitsquanta und anderes mehr an. Aufgrund ihres eigenen Mißverständnisses bezüglich des Cha- rakters einer Staatsableitung werfen die Verfasser des "Diskussionsbandes 2" ihren Adressaten nie vor, sie würden den Staat aus etwas abzuleiten versuchen, aus dem er schlechterdings nicht abzuleiten ist. Lediglich in der Kritik an LÄPPLE finden sich einige - gegenüber den "Materialien" neue - Erkenntnisse über die Differenz von einfacher Warenzirkulation und Konkurrenz. An anderer Stelle, in der Kritik am Cirkular 3 der MG/Erlangen, behaupten die Autoren zwar auch: "Das Projekt Klassenanalyse hat daher nie die Möglichkeit der Ableitung des bürgerlichen Staates auf dieser Ebene angenommen" (50), stützen diese Beteuerung je- doch mit falschen Argumenten: "Man darf über dieser Erscheinungs- form nur nicht ... vergessen, daß darunter ganz andere Verhält- nisse sich verbergen" (50) - und offenbaren damit unfreiwillig, daß sie die einfache Warenzirkulation bei der Ableitung des Staa- tes doch für ganz brauchbar halten, wenn "man nur nicht" vergißt, daß es andere Verhältnisse "auch noch" gibt. Ähnliches kann man auch in der Widerlegung von HIRSCH lesen (138). Statt aber ihr Kritikverfahren abzukürzen und schlicht zu konstatieren, daß der Staat eben nicht aus dem Widerspruch der Ware abzuleiten ist, widmen sie sich seitenlang dem Nachweis, daß, wer die Ware nicht verstanden habe, auch den Staat nicht verstehen könne, und gelangen dabei zu peinlichen Offenbarungen. Da wir hier falsche Staatstheorie kritisieren und uns nicht dem Geschäft widmen wollen, auch dem PROJEKT KLASSENANALYSE dicke Hunde in Sachen Warenanalyse nachzureden, möge ein Zitat genügen, über dessen Haltbarkeit die Bischoffgruppe hoffentlich selbst ei- nige Zweifel hegt: "Gesellschaftliche Arbeit ist in quantitativen Verhältnissen verausgabte Arbeit. Wenn die Gleichheit der Arbeit zur einzig gesellschaftlichen Form der Arbeit wird, dann kann es sich nicht bloß um Gleichheit als menschliche Arbeit schlechthin handeln, sondern diese Gleichheit muß quantitativ bestimmt sein. Die gesellschaftliche Form der Arbeit besteht also darin, daß sie in bestimmter Quantität jeder anderen Arbeit in derselben Quanti- tät gleich ist - was sich in der Wertgleichheit der Produkte aus- drückt" (177). Daß sich das PROJEKT KLASSENANALYSE bis zu solchen unsinnigen Verdrehungen des Begriffs gesellschaftliche Arbeit steigert, liegt hier zwar nicht daran, daß es aus diesem den Staat ableiten will, aber immerhin an seiner Unterstellung daß ein Versagen bei der Ableitung des Staates seinen Grund im Mißverständnis der Ware haben muß. Sicherlich liegt ein solches vor, wenn die Ware zur Staatsableitung hergenommen wird - was sich aber nicht dahinge- hend umkehren läßt, daß die betreffenden Staatstheoretiker ihren Gegenstand bewältigen würden, hätten sie das erste Kapitel des "Kapital" richtig studiert. Der Grund für einen Fehler in der Staatstheorie kann nicht in einem anderen Fehler, beim Studium der Warenanalyse, gesehen werden. Wenn es einen Zusammenhang zwi- schen beiden Fehlern gibt, dann liegt ein dritter vor: daß statt vom Staat von der Ware geredet wird - und darauf versteht sich das PROJEKT KLASSENANALYSE wie sonst niemand. Auch ihr willkürlicher Wechsel in der Rede von logischer und em- pirischer Voraussetzung macht sich in dem, was sie an anderen auszusetzen haben, bemerkbar. Zwar bringen sie auch in "Oberfläche und Staat" häufig genug zum Ausdruck, daß der Staat empirische Voraussetzung für die kapitalistische Produktionsweise ist (ein Beispiel möge genügen: "Aber die Gewährleistung der all- gemeinen Bedingungen geht aus diesen selbst hervor und ist selbst allgemeine B e d i n g u n g der bestimmten sozialen Verhält- nisse." (140)), glauben aber andererseits LÄPPLE vorwerfen zu müssen, daß er den Staat "aus einem abgeleiteten Moment des ge- sellschaftlichen Zusammenhangs zum Konstituens dieses Zusammen- hangs" mache (186), nur weil er ebenfalls an der kritisierten Stelle das empirische Verhältnis von Staat und Produktion be- nennt. Ja, sie erweitern die Kritik sogar zu dem Vorwurf: "Eine zwar wichtige, aber dennoch abgeleitete Frage wird zum zentralen Problem der wissenschaftlichen Arbeit" (195), weil LÄPPLE sich um die Klärung der Staatsillusion bemüht und sie nicht wie das PRO- JEKT KLASSENANALYSE aus etwas anderem als dem Staat zu klären sucht (Kontinuität). Doch ist da noch etwas. Statt sich damit zufrieden zu geben, an- deren Marxisten Mängel bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach- gewiesen zu haben, setzt das PROJEKT KLASSENANALYSE seine Kritik fort in eine Richtung, die uns staunen macht. Da klingen häßliche Töne an: "Kleinbürgerlicher Sozialismus" werde breitgetreten, die kritisierten Theorien liefern die Grundlage für "Sektenpolitik" usw. Nun ist klar, daß die Mängel in den Versuchen von Marxisten, die Theorie ein Stück voranzubringen, immer auch auf Schwächen in der politischen Praxis von Kommunisten hinweisen. Alles, was noch nicht begriffen ist, kann auch in der Agitationstätigkeit von Or- ganisationen noch nicht erklärt werden - und auf der Erklärung der sozialen Phänomene beruht nun einmal kommunistische Politik. Doch warum sieht sich das PROJEKT KLASSENANALYSE veranlaßt, in bestimmten Fällen die wissenschaftliche Polemik in einen politi- schen Vorwurf hineinzuverlängern, in anderen nicht? Ist jeder falsche Gedanke eines intellektuellen Marxisten bereits Zeugnis für sein Sektierertum? Dies scheint auch das PROJEKT KLASSENANA- LYSE nicht anzunehmen, denn es hält seine eigenen Veröffentli- chungen für offen gegenüber der Kritik von anderer Seite: "Solange nun an unseren Ausführungen selbst nicht nachgewiesen wird, daß wir unsere Auffassungen als allgemeingültige hinstellen und sie der Kritik entziehen, halten wir den Vorwurf der denun- ziatorischen und unsolidarischen Kritik der Sache nach für falsch und politisch bezeichnend für die Art und Weise, wie die Genossen ihrerseits Auseinandersetzungen zu führen pflegen" (99). Und an anderer Stelle hält das PROJEKT KLASSENANALYSE daran fest, "im Gegensatz zu solchen, die glauben, nur noch Richtiges, abschlie- ßende "Resultate" ihrer theoretischen Konferenzen zu verbrei- ten..., daß die theoretische Arbeit - als selbst durch die wider- spruchsvolle soziale Entwicklung, durch deren Fort- und Rück- schritte bestimmt - nur Vorläufiges produziert ..." (69). Aus der bloßen Falschheit bestimmter Theorien kann die Bischoff- Gruppe angesichts solcher Bescheidenheit wohl ihren Vorwurf des Sektierertums nicht beziehen, im Gegenteil: Das Bekenntnis zur Vorläufigkeit, die Relativierung der eigenen Veröffentlichungen läßt darauf schließen, daß sie Sektierertum nur dann entdeckt, wenn jemand auf der Richtigkeit seiner Position beharrt. Hier sei ein sanfter Hinweis gestattet: Das Beharren auf der Allgemeingül- tigkeit dessen, was man sagt, ist noch jeder Wissenschaft eigen; dazu bedarf es keiner besonderen Erklärung. Würde das PROJEKT KLASSENANALYSE nicht der Auffassung sein, mit den R e s u l t a t e n seiner theoretischen Konferenzen (oder ent- stehen seine Bücher als Bastelarbeit? ) anderen richtige und das heißt allgemeingültige Erkenntnisse mitteilen zu können, hätte es wohl noch keine Zeile veröffentlicht. Uns jedenfalls käme es nie in den Sinn, angesichts einer Widerlegung bestimmter von uns ver- tretener Positionen ihre Vorläufigkeit als Entschuldigung ins Feld zu führen, wie dies das PROJEKT KLASSENANALYSE an manchen Stellen tut. Wir werden schlicht erklären, daß unsere Aussagen falsch waren und versuchen, sie so schnell wie möglich durch richtige zu ersetzen. Aber auch etwas anderes würde uns nie ein- fallen: Die Abweichung von einer - von uns selbst dazu noch kri- tisierten - kommunistischen Organisation zum Anlaß dafür zu neh- men, den Sektierervorwurf zu erheben. Findet sich in der wissen- schaftlichen Auseinandersetzung des PROJEKTS KLASSENANALYSE mit anderen Theoretikern keine Notwendigkeit des Schlusses auf das Stigma des Sektierertums (was nur heißt, daß der Grund für den Vorwurf außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion gesucht wer- den muß), so gibt es umgekehrt sehr wohl einen Zusammenhang zwi- schen der Wissenschaft, die die Bischoff-Gruppe betreibt, und ih- rem Bekenntnis zur DKP. Jemand, dem das falsche Bewußtsein der Subjekte im Kapitalismus als das Resultat der "Kontinuität" dieser Produktionsweise gilt ("Materialien" 89), welche von den Individuen "erfahren" und "antizipiert" wird, der muß sich auch die Auflösung falschen Be- wußtseins als Prozeß von E r f a h r u n g e n vorstellen; so erklärt sich das PROJEKT KLASSENANALYSE die Auflösung der Staats- illusion - als ob es nie Faschismus gegeben hätte - in folgender Weise: "Es ist einsichtig, daß das Wechselspiel von Regierung und Opposition zwar die Massen eine ganze Zeit lang an der Nase her- umfuhren kann, daß aber das Mißverhältnis, daß die Opposition sich unter dem Versprechen wählen läßt, alles besserzumachen als die Regierung, dann aber alles genauso schlecht macht wie ihre Vorgängerin, wenn nicht noch schlechter, an gewissen Punkten zur Erkenntnis führen muß, daß, wenn man auch wählt den Versprechun- gen keine Taten folgen werden, also leere Versprechungen sind" ("Materialien" 142). Abgesehen davon, daß solche Leute mit dem Warten auf "gewisse Punkte" ihre eigene theoretische Arbeit für überflüssig erklären und ihre Lebensaufgabe darin sehen, unter dem Vorwand politischer Tätigkeit alle marxistischen Neuerschei- nungen einschließlich ihrer eigenen als Diskussionsmaterial zu begrüßen - als ob Diskussion ein Zweck von Marxismus wäre -, er- klären sie pseudo-materialistisch nicht nur den Stand der Klas- senauseinandersetzungen so, wie er nun einmal ist, für notwendig, sondern sie legitimieren auch noch die Theorie und Praxis einer Organisation, auf die nicht nur sämtliche Vorwürfe zutreffen, die MARX gegen das Gothaer Programm formuliert hat, die nicht nur Kinderorganisationen gründet, sondern in ihrer kommunistischen Tageszeitung auch die "Massen" vor die Alternative Overath oder Netzer stellt. Nicht genug, daß das PROJEKT KLASSENANALYSE dem Vordringen des Vulgärmarxismus in und nach der Studentenbewegung wider besseres Wissen keine Alternative entgegengesetzt hat (schließlich ist ja auch die Politik des KSV Ausdruck von irgend- welchen Widersprüchen, realen versteht sich), es setzt seinen philologischen Eifer auch noch dafür ein, die sonst so befürwor- tete radikale Kritik zu bremsen, wenn es um die DKP geht. Wer nicht merkt, daß wiederholte Erfahrungen eben nur Erfahrungen sind und absolut nicht für die Einsicht in den Charakter der Pro- duktionsweise bürgen, kann sich getrost auf marxistische Diskus- sionen zurückziehen und im übrigen die Partei unterstützen, die zwar kein wissenschaftliches Programm, wohl aber Arbeiter vorzu- weisen hat. Während das PROJEKT KLASSENANALYSE gegenüber marxi- stischen Intellektuellen außerhalb der DKP das schmutzige Ge- schäft betreibt, das falsche Bewußtsein derjenigen zu verteidi- gen, die sich unter der Fahne der antimonopolistischen Demokratie versammelt haben, beansprucht es für sich selbst den Luxus einer vorsichtigen, taktischen Kritik, deren Konsequenzlosigkeit es selber praktisch und theoretisch ausspricht. Um von vornherein Mißverständnisse auszuräumen: Die Roten Zel- len/AK haben nicht die Absicht, die "Resultate" einem ständigen Diskussionsprozeß mit dem PROJEKT KLASSENANALYSE oder anderen zu unterwerfen. Wir werden nur dann auf zu erwartende Stellungnahmen eingehen, wenn wir auf Fehler in unserer Argumentation aufmerksam gemacht werden. Ob die mögliche Verwirrung, die neue Veröffentli- chungen bei unseren Adressaten anrichten können, Grund für eine Auseinandersetzung ist, entscheidet unsere Organisation. Für Dis- kussionsprozesse als organisierte Konkurrenz unter linken Theore- tikern haben wir nichts übrig. Zusammenfassung --------------- Das Fazit, das sich aus der Sichtung der neueren Versuche "marxistischer Staatstheorie" ziehen läßt, macht einen nicht recht froh. Die wenigen, die entgegen der herrschenden Praxis sich kommunistisch nennender Organisationen an der Notwendigkeit wissenschaftlicher Fundierung einer Politik, die das Kapitalver- hältnis abschaffen will, festhalten (oder auch aus anderen Grün- den auf die richtige Analyse des Staates aus sind), sind nicht in der Lage, den Staat zu erklären und damit die derzeit prakti- zierte Politik zu kritisieren und durch eine richtige zu erset- zen. Und da der Staat ein beständiger Agitationsgegenstand ist, werden auch weiterhin "Marxisten-Leninisten" die Auseinandersetzung um den Paragr. 218 den "Massen" als Resultat der Krise, in die das Kapital geraten ist, verkaufen; werden Spartakisten dem bürgerli- chen Staat vorrechnen, daß er die im Grundgesetz versprochene Gleichheit nicht garantiert, und diverse Parteien die Klassenna- tur des Staates mit der Kooperation von Schmidt und Pfanni bewei- sen, ohne daß die Sozialwissenschaftler, die sich durch ihre wis- senschaftliche Arbeit negativ zum bürgerlichen Universitätsbe- trieb verhalten und sich fürs Proletariat starkmachen wollen, eine Alternative zu bieten hätten. Ihre Enthaltsamkeit auch im begrenzten Feld der Hochschulpolitik, die den Vormarsch extrem vulgärer Varianten kommunistischer Politik beschleunigte, hat ihre Entsprechung in einem unfreiwilligen Verzicht auf die Ent- wicklung der marxistischen Theorie; die Aufgabe, die man sich ge- stellt hat und deren Vernachlässigung seitens der bestehenden Or- ganisationen von Intellektuellen als Rechtfertigung für ihre iso- lierte Publikationstätigkeit ins Feld geführt wird, erfährt eine miserable Erfüllung. Da uns nichts ferner liegt, als den Schwach- sinn der Marxisten-Leninisten nachzubeten, Fehler in der Theorie- bildung von Intellektuellen seien auf ihre "Klassenlage", ihre Herkunft oder auf ihre "Isolation von Massen" zurückzuführen, su- chen wir die aufgetretenen Mängel zusammenfassend auf den Begriff zu bringen und von da aus den Grund für das Versagen der behan- delten Autoren deutlich zu machen. An einem Gegenstand, den noch jeder, der sich als Marxist ver- steht, für relevant hält, und über den keine geschlossenen Aus- führungen bei MARX und ENGELS vorliegen, wollen wir demonstrie- ren, weshalb die Vertreter des Marxismus bisher überall dort wo die Klassiker keine fertige, zitierfähige Darstellung hinterlas- sen haben - und das sind, neben der Analyse der Konkurrenz, alle Bereiche des "Überbaus" - nur ihre Unwissenschaftlichkeit unter Beweis stellen. Allen besprochenen Schriften gemeinsam ist etwas, das eigentlich einen Vorteil in der wissenschaftlichen Arbeit - welchem Gegenstand sie sich auch immer zuwendet - darstellt: sie kennen das allgemeine Ergebnis ihrer Untersuchung und zitieren auch die Quelle, aus der sie ihr Wissen beziehen. MARX und ENGELS haben, obgleich ihnen die Zeit für eine gründliche Darstellung des bürgerlichen Staates nicht geblieben ist, bei mehreren Gele- genheiten ausgesprochen, d a ß der Staat seine Existenz der Ei- genart der bürgerlichen Gesellschaft verdankt. Die Belege aus den Frühschriften von MARX, der "Deutschen Ideologie" und den sog. "Politischen Schriften", die dies ausdrücken werden eifrig ange- führt, ohne daß sie als Aussagen über den bürgerlichen Staat miß- verstanden werden, die seine Analyse überflüssig machen: sie die- nen als Aufhänger der Aufsätze, als Gedanken, an die man sich an bestimmten Punkten der eigenen Überlegungen erinnert etc. Man ist darauf aus, in dem s e l b s t ä n d i g über den Staat Erar- beiteten zu einem Ergebnis zu gelangen, das den Resultaten, die die Klassiker hinterlassen haben, entspricht. Das Vertrauen in die Richtigkeit ihrer zusammenfassenden Charak- teristika des Staates, die Gewißheit, die aus den wenigen Stellen über das bestimmte Verhältnis von Staat und kapitalistischer Pro- duktionsweise bezogen wird, nimmt nun in den theoretischen Versu- chen heutiger "Marxisten" eine recht seltsame Form an: statt wirklich Sicherheit an den Tag zu legen bezüglich des Klassencha- rakters des Staates oder des notwendigen Zusammenhangs mit den Formen der kapitalistischen Produktionsweise und sich der Aufgabe zu widmen, am Staat und seinen Bestimmungen zu zeigen, w i e er die gewußten allgemeinen Charakteristika in seinen Aktionen tatsächlich aufweist, bemüht man sich unablässig um den B e w e i s, d a ß es so sei wie die Klassiker sagen. Nicht die wissenschaftliche Analyse des Staates wird betrieben, so daß jede seiner Formbestimmungen in der ihr eigentümlichen Weise - eben weil sie richtig begriffen worden ist - auf die Gesellschaft schließen läßt, zu der dieser Staat gehört, sondern die allgemei- nen Aussagen über das V e r h ä l t n i s von Staat und kapita- listischer Klassengesellschaft werden als Thesen behandelt, denen die Staatstheoretiker Gültigkeit dadurch zu verschaffen haben, daß sie an den einzelnen Seiten der Staatstätigkeit das Beweisma- terial zusammenklauben, mit Hilfe dessen MARX' und ENGELS' Aussa- gen bestätigt und sie selbst zu Marxisten werden. Die Verschiebung der Argumentation von der Untersuchung d e s S t a a t e s und der aus ihren Resultaten folgenden Bestimmung des V e r h ä l t n i s s e s, in dem er zur Gesellschaft steht, auf die phrasenhafte Wiederholung der MARXschen Kennzeich- nung des Verhältnisses zwischen kapitalistischer Gesellschaft und Staat, denen dann sowohl die wirr aufgegriffenen Staatsbestimmun- gen als auch die verschiedensten Momente der ökonomischen Sphäre als Belegmaterial gemäß gemacht werden, vollzieht sich in Varian- ten, welche sich gerade aufgrund ihres identischen Verfahrens in Gegensatz zueinander wähnen, aber auch die Gestalt sich ergänzen- der "Gesichtspunkt"/"Ansätze" annehmen können. Rekapitulieren wir die drei wichtigsten dieser Varianten: a) Die Bestimmung des Staates aus der Ökonomie, die in den Formu- lierungen von MARX und ENGELS ausgedrückt wird, dient als Aus- gangspunkt für angestrengtes Suchen nach S t e l l e n im Kapi- tal, aus denen sich Staats f u n k t i o n e n "ableiten" las- sen. Der Staat gerät in diesem Verfahren zu einer Einrichtung, die keine eigene Formbestimmung mehr aufweist, sondern sich in mehr oder minder zufällig zusammengetragene ökonomische Katego- rien auflöst, die die I n h a l t e seiner Tätigkeit abgeben. (Die Register der MEW dürften diesem Vorgehen noch einige lang- weilige Modifikatiönchen ermöglichen.) Die Identifizierung des Staats mit Kategorien des Kapital im Allgemeinen impliziert die Leugnung von objektiven Formen, in denen sich die Durchsetzung der "allgemeinen Bewegungsgesetze" vollzieht. Der Auflösung der Selbständigkeit des Staates in die immer wiederholte Feststel- lung, er sei bloßer "Ausdruck" ökonomischer Verhältnisse, ent- spricht auf der anderen Seite die Unfähigkeit, seine Identität anders denn negativ zu fassen: er ist nicht Ökonomie, unterliegt nicht den Gesetzen der Mehrwertproduktion, beginnt da, wo die Ökonomie aufhört. b) Daß sich der Staat nicht aus den allgemeinen Kategorien kapi- talistischer Ökonomie wie Mehrwert unmittelbar ableiten läßt, ahnt die zweite Variante: sie versteht das Diktum von der beste- henden Gesellschaft als Grundlage des Staates "h i s t o- r i s c h". Die geschichtlichen Wechselfälle kapitalistischen Produzierens (Krisen, Akkumulationsbedingungen, Fälle von Klassenkämpfen etc.) gelten ihr als Erklärung für die Existenz und Funktion der politischen Sphäre und Staatsgewalt. Dabei geht es ihr nicht besser als der ersten: Am Ende solcher Untersu- chungen steht der Staat nicht als auf den Begriff gebrachte "allgemeine Macht" in bestimmter Form, deren Tätigkeiten selbst im Verhältnis der Notwendigkeit zueinander stehen, sondern er- scheint als eine Sammlung von wiederum zufälligen Reaktionen auf historische Auseinandersetzungen und Phänomene, deren Bestimmun- gen durch bloße Namen (wiederum aus dem Kapital) ersetzt werden. Ihre Plausibilität verdankt für viele Marxisten diese Variante dem von ihnen mißverstandenen Zauberwort "Geschichte" - die für die Klassiker einen I n h a l t hatte (die Herausbildung des Kapitals nämlich) -, bei den "Marxisten" aber wie für die bürger- liche Wissenschaft auf Z e i t (irgendwann ist etwas - was ist nicht so wichtig - passiert...) reduziert wird... c) Die dritte Variante ist die absurdeste und doch möchte sie kaum einer missen, der sich mit dem Staat befaßt: a l s Marxist mit den "methodischen" Stellen bei MARX vertraut, weiß der Staatstheoretiker, daß sich die Bestimmung einer Sache durch eine andere, von der MARX häufig spricht, in seiner Darstellung als Ableitung, Übergang "vom Abstrakten zum Konkreten" - äußerlich als "Reihenfolge" im Aufbau - niederschlägt; flugs dreht er das Verhältnis um und versucht, das Verhältnis von Gesellschaft und Staat, deren Formbestimmungen und begrifflichen Zusammenhang mit Hilfe von methodischen Erörterungen zu klären und aus Aussagen über Wissenschaft den Bezug der Sachen, mit denen man sich be- faßt, herzukriegen. (Diese Variante kann sich bei Popper und Ha- bermas Hilfestellung erhoffen!) Die besprochenen Arbeiten zur Staatstheorie verdanken ihre Wider- sprüchlichkeit diesen Verfahrensweisen, wobei sich freilich die meisten als unfähig erwiesen haben an e i n e m fehlerhaften Vorgehen ordentlich festzuhalten: wo sie an ihren Ausführungen Mängel spüren, verfallen die Autoren stets auf die nächste Art, wissenschaftliches Denken durch die A n w e n d u n g unbegrif- fener Klassikersätze zu ersetzen, wobei die Normalform des Über- gangs von einer Alternative zur nächsten in einem schlichten "nicht nur ... sondern auch" besteht. Und dies ist auch die Manier, in der sie sich wechselseitig kri- tisieren: kaum ein Versuch, den anderen "Ansatz" immanent zu kri- tisieren und damit seine Unhaltbarkeit zu erweisen! Stets laufen die Vorwürfe und Kritiken darauf hinaus, dem anderen zuzugeste- hen, daß er schon einiges ganz richtig gesehen habe, andererseits aber doch auch ... - was (wir ersparen uns hier die Belege: der Leser wird sie selber finden) sich bei näherem Hinsehen als Gel- tendmachen des e i n e n f a l s c h e n U m g a n g s mit MARX g e g e n den a n d e r e n, bei höflicheren Leuten als E r g ä n z u n g zu erkennen gibt. Die Bestleistung in dieser Disziplin des kritischen Diskutierens ist jüngst von H. REICHELT erzielt worden, der aufgrund seiner Dissertation so etwas wie Autorität genießt. In "Einige Anmerkun- gen zu Sybille von FLATOWs und Freerk HUISKENs Aufsatz..." (in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie I; Frankfurt a.M. 1974) drückt er seine Mißbilligung in doppelter Weise aus: Zum einen stellt er verschiedenen Aussagen im Aufsatz der Bremer eine andere Auffassung gegenüber (er meint z.B., daß es ein "allgemeines Interesse" nicht gibt, daß MARX "weder Geld noch Ware und schon gar nicht Kapital als ein Ding ... bezeichnet hat" und anderes mehr), zum anderen spricht er Empfehlungen aus, wie eine Staatstheorie vielleicht doch noch zustandezukriegen sei: Er beklagt die "Ausklammerung der Historie" (16): "Ferner wird von von FLATOW/HUISKEN die Staatsbürgerschaft jedem Arbeiter abstrakt zugesprochen (!) (Daß HUISKEN in Bremen Pässe ausstellt, ist wirklich nicht fein), ohne daß auch nur ein Wort verloren würde über den h i s t o r i s c h e n Prozeß, der dazu geführt hat." Er verlangt "in m e t h o d i s c h a u s g e w i e s e n e r Form" "Auskunft... über die besondere Gestalt, in der sich die durch den V e r w e r t u n g s p r o z e ß d e s G e s a m t k a p i t a l s bedingten Funktionen institutionell verfestigen, d.h. als Staatsfunktionen erscheinen müssen" (26) - wir sind uns angesichts der raffinierten Verknüpfung aller drei Varianten des falschen Umgangs mit MARX (wir haben sie unterstri- chen) sicher, daß es REICHELT "je schon" auf die Verhinderung ei- ner Ableitung des Staates abgesehen hat: "Wäre es nicht ausrei- chend, den für die Formdiskussion konstitutiven Gedanken der wi- dersprüchlichen Einheit des Besonderen und des Allgemeinen im Hinblick auf jede einzelne Funktion in ihrer spezifischen Gestalt als Staatsfunktion zu thematisieren? " Was einmal Wissenschaft des Proletariats war - und d.h. wirkliche Wissenschaft, die sich einen Gedanken zutraut und nicht alle Be- stimmungen des Gegenstandes ins methodische Gelaber zurücknimmt, um mit anderen sich über die M ö g l i c h k e i t von Wissen- schaft, den "methodologischen Status" der Begriffe und ähnlichen Quark zu verständigen -, verkommt hier zu einer zirkulären Be- stimmung der Möglichkeiten, die es für die Erarbeitung einer Staatstheorie gibt und zu einer Auflösung des Marxismus in plura- listisch-höfliche Hinterfragerei. _____ 1) Die Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital, in: Probleme des Klassenkampfs, Sonderheft 1, Ber- lin/West 1972 2) Solche Tautologien finden sich immer häufiger in Polemiken ge- gen die bürgerliche Wissenschaft und beruhen darauf, daß man sie nicht als W i s s e n s c h a f t kritisiert, sondern ihre falschen Resultate benennt. Der Grund für die falschen, weil MARX widersprechenden Ergebnisse, wird im S t a n d p u n k t der Wissenschaftler gesucht, was dann von einer agententheoretischen Auffassung kaum noch zu unterscheiden ist. Die inhaltliche Falschheit der bürgerlichen Theorie, die MARX häufiger zu ihrer Kennzeichnung verwendet, ist aber nicht gleichzusetzen mit ihrem fehlerhaften Verfahren, das im instrumentellen, der praktischen Stellung des bürgerlichen Subjekts zu den gesellschaftlichen Ge- genständen seines Lebens entlehnten Umgang mit den Objekten sei- ner Erkenntnis zu suchen ist. Vgl. hierzu die Umdeutung von MARX in MEW 23, S. 180, Fn. über die Zerstörung von Erkenntnis durch Interesse. 3) Dabei zitieren sie selbst, aber nur wegen ihrer unwissen- schaftlichen Neigung, etwas als erklärt auszugeben, wenn sie es als "Produkt von Klassenkämpfen" dargestellt haben, MARX, der die Arbeitsschutzgesetzgebung als alles andere denn als Produkt "parlamentarischer Hirnweberei" verstanden wissen wollte. 4) E. ALTVATER, in: Probleme des Klassenkampfs, Nr. 3, Mai 1972 5) "Der Staat ist im Kapitalismus Organ der Herrschaft des Kapi- tals über die Lohnarbeiterklasse. Diese Aussage ist nicht nur po- litische Erfahrungstatsache ..., sondern läßt sich auch systema- tisch ableiten" (5). 6) Was ALTVATER auf S. 2-4 in seiner Polemik gegen eine ideali- stische Position, die er sich als Gegner vorstellt, an Argumenten vorbringt, spottet jeder Beschreibung: das Verhältnis von For- schung und Darstellung bei MARX, die Tatsache, daß MARX zu aktu- ellen Ereignissen Analysen verfaßt hat, Erwägungen zur Organisa- tion einer kollektiven theoretischen Arbeitsprozesses sowie die "politische Bedingtheit der forschenden Subjekte alles, was mit dem sachlichen Problem der wissenschaftlichen Analyse von Ober- flächen f o r m e n der bürgerlichen Gesellschaft (in seinem Fall des Staats) a b s o l u t n i c h t s zu schaffen hat, vereint sich zu einem Wirrwarr, der keinen leitenden Gedanken mehr erkennen läßt. 7) MARX hat Rechtsverhältnisse für W i l l e n s verhältnisse gehalten, deren I n h a l t "durch das ökonomische Verhältnis gegeben ist" (MEW 23/99) 8) (Nur der Vollständigkeit halber sei angeführt, daß auch hier die Analyse nur stellenweise - bei der Besprechung der Sachver- ständigengutachten (41 ff.) - die Form berührt, in der die Tätig- keit des Staates tatsächlich stattfindet, so daß der gesamte Auf- satz weder eine wissenschaftliche Behandlung des Verhältnisses Staat - Konkurrenz noch der bestimmten Staats f u n k t i o n bietet, deren Behandlung der Titel angekündigt hat. Das meiste,, was ALTVATER zu den Möglichkeiten staatlicher Krisenbeeinflussung sagt, läuft auf die Referierung allgemeiner Aussagen zur Krise hinaus, wie sie im Rahmen der Behandlung des Kapitals im all- gemeinen von MARX getroffen werden und für die Bestimmung der Verlaufsformen der Krisen, die für das staatliche Handeln die Grundlage abgeben, nichts hergeben. Erst die Analyse von Konkur- renz und Kredit wird diesen Bereich staatlicher Intervention wis- senschaftlich fassen lassen.) 9) D. LÄPPLE: Staat und allgemeine Produktionsbedingungen. Grund- lage zur Kritik der Infrastrukturtheorien; Westberlin 1973 10) Was mit der zweifelhaften Wiedergabe des Verhältnisses von Ware und Austausch im I. Abschnitt des "Kapital" korrespondiert: vgl. S. 39: "Durch den Vergleichungsprozeß der Produkte im Aus- tauschprozeß erhalten wir ihren Wert ..." - was etwas durchaus anderes ist, als das zum Beleg an diese Aussage angeschlossene Zitat ausdrückt: es handelt von der W e r t g e g e n- s t ä n d l i c h k e i t, die die Arbeitsprodukte erst im Aus- tausch erhalten! 11) K. FUNKEN: Überlegungen zu einer marxistischen Staatstheorie, in: Probleme einer materialistischen Staatstheorie: Frankfurt a.M. 1973 12) Anderen Unsinn, wie die Definition der kapitalistischen Ge- sellschaft als "besonderes Reproduktionssystem, das aufgrund be- stimmter natürlicher Bedingungen über eine bestimmte Gebrauchs- wertstruktur als Grundlage seiner Warenproduktion verfügt" (103), wie überhaupt seine Verballhornung des MARXschen Aufbauplanes zu "vier Analyse-Ebenen" (100), behandeln wir nicht gesondert, da die zentrale Argumentation zum S t a a t durch den Rückgriff auf diese Fehler nur kompensiert werden soll, der allgemeine Grund für den Staat bei FUNKEN aber in der K r i s e gesucht wird! 13) Nicht nur an dieser Stelle weiß sich FUNKEN nicht anders zu helfen als mit der platten Version vom bürgerlichen Klassenstaat als dem frei verfügbaren Instrument der Bourgeoisie. 14) FUNKEN ist der Meinung, daß "staatliche Einrichtungen nur insofern entwickelt bzw. übernommen werden, als sie Funktionsstö- rungen im kapitalistischen Reproduktionsprozeß zu beheben (!) in der Lage sind" (110). 15) HIRSCH: Elemente einer materialistischen Staatstheorie, in: Probleme einer materialistischen Staatstheorie. Frankfurt 1973 16) E. MANDEL: Der Spätkapitalismus, Frankfurt 1972, Kap. XV: Staat und Ideologie im Zeitalter des Spätkapitalismus 17) Worum es MANDEL bei seiner Untersuchung des Staates geht, formuliert er selber im Vorwort zum "Spätkapitalismus": Er will den Staat in seine "Erklärung der Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise" "miteinbauen". Auch Mandel hat etwas gehört vom Kapital im allgemeinen und den "konkreten Erscheinungsformen der 'vielen Kapitalien'" (7). Beide Ebenen will er miteinander ver- mitteln. Und da bekanntlich schon MARX die drei Bände des "Kapital" um einige erweitern wollte, nimmt MANDEL MARXens Auf- bauplan auf und bemüht sich um die Integration von Weltmarkt, Staat etc. in sein Werk. Die angesprochene Vermittlung aber kann er nicht leisten: dazu fehlt ihm das nötige Wissen. Es bleibt beim entsprechenden historischen "Einbau" des Staates. 18) Von FLATOW/HUISKEN: Zum Problem der Ableitung des bürgerli- chen Staates, in: Probleme des Klassenkampfs, Nr. 7, Mai 1973 19) Die gesamte Anlage dieser Schrift deutet auf die Art und Weise hin, wie die Autoren Papiere bestimmter Diskussionen aus den Jahren 1971/72, die vor allem in München und Erlangen geführt wurden, mißverstanden und zu einem Elaborat eigener Prägung umge- schmolzen haben. So wird sich zeigen, daß sie, was das Verhältnis Konkurrenz - Eigentum anlangt, den prinzipiellen Fehler des Cir- cular 3 übernehmen, ansonsten aber heftig gegen das Richtige der (viele falsche Argumente enthaltenden) Broschüre aus Erlangen po- lemisieren; daß sie z.B. das Festhalten daran, daß sich aus den Widersprüchen in der Verbesserung der Reproduktion von Arbeitern, die diese durch den Arbeitskampf erreichen wollen, eine andere Stellung der Arbeiter zu ihrer Revenuequelle ergeben muß als eine instrumentelle (Abschaffung der Lohnarbeit als Ziel), kritisieren mit dem Argument, es würde eine "hermetische Oberfläche" konstru- iert! Wer die Widersprüche des Versuchs, die Revenuequelle Arbeit konsequent als Mittel für die Reproduktion einzusetzen, auf zeigt ("Zirkularität" heißt das bei den Erlangern), beweist die Über- windung falschen Bewußtseins als in den Erfahrungen der Arbeiter- klasse angelegte, statt sie zu leugnen! 20) Vgl. Kapital 1/99: "Sie m ü s s e n (!) sich daher wechsel- seitig als Privateigentümer anerkennen." 21) Eine erneute Lektüre von Kapital I/183 müßte die Autoren wohl überzeugen, daß das Kapitalverhältnis auf dem freien Arbeiter als E i g e n t ü m e r seiner Arbeitskraft beruht. 22) Materialien zur Klassenstruktur der BRD. Erster Teil: Theore- tische Grundlagen und Kritiken. Westberlin 1973 zurück