Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA PANAMA - Kanal mit Volk

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KEIN WEIHNACHTEN OHNE KRIEG - DIESMAL PANAMA

Weihnachten 1979 sind die Sowjets in Afghanistan einmarschiert, um die mit ihnen verbündete dortige Regierung an der Macht zu halten. Weihnachten 1989 sind die USA in Panama einmarschiert, um den bei ihnen in Ungnade gefallenen Machthaber Noriega zu stür- zen. Daß zwischen diesen beiden Militärinterventionen Welten lie- gen, darüber war sich die hiesige Öffentlichkeit sofort einig. Und damit hat sie sogar recht - allerdings ganz anders, als sie es sich einbildet. Denn daß sich die amerikanische "Operation gerechte Sache" von der russischen ausgerechnet durch die hehren moralischen Gründe und Absichten unterscheiden soll, das kann man getrost sofort wieder vergessen. An die vom US-Präsidenten Bush beschworene "unmittelbare Gefahr" für die 35.000 in Panama lebenden Amerika- ner glaubt im Ernst noch nicht einmal die bundesdeutsche Presse. Bezeichnenderweise sind denn auch durch die angebliche "Schutzaktion" mehr Amis ums Leben gekommen als bis zur Invasion aufgrund der - von der US-Regierung im übrigen zielstrebig ge- schürten - Spannungen. Und was den Kriegsgrund Noriega betrifft - es mag ja sein, daß dieses "Ananasgesicht" ein Rauschgifthändler, Wahlfälscher, zu allem Überdruß vielleicht auch noch ein "Sex- Monster" (Bild), kurz der "Inbegriff menschlicher Verworfenheit und Grausamkeit" (Süddeutsche Zeitung) ist. Bloß: Unappetitlicher ist diese Figur auch nicht als die vom Westen gesponserten afgha- nischen "Freiheitskämpfer"; die darf man hierzulande ja auch nur deshalb nicht wie ihre Gesinnungsbrüder im Iran als "menschenverachtende religiöse Fanatiker" beschimpfen, weil sie genau so als Waffe gegen die sowjetfreundliche afghanische Regie- rung taugen. Und vor allem: Genau dieses "Scheusal" (SZ) Noriega hat den Amis doch jahrzehntelang zunächst als "Geheimdienstchef und Vertrauter des US-Truppenkommandos am Panamakanal und der CIA" (SZ), dann als Staatspräsident wertvolle Dienste geleistet. Unter anderem z.B. durch folgendes: "Gekonnt fälschte Armeechef Noriega 1984 die panamaischen Prä- sidentschaftswahlen, statt des von der Regierung Ronald Reagan mit Mißtrauen betrachteten Nationalisten Arnulfo Arias gewann überraschend der US-Kandidat Nicolas Ardito Barletta. Weil No- riega zudem die nicaraguanischen Contras heimlich unterstützte, hatte ihm sogar der damalige Vizepräsident Bush seine Aufwartung gemacht." (Spiegel) "Entdeckt und protegiert" (Spiegel) wurde Noriega, wie zig andere Diktatoren in der Freien Welt auch, von der westlichen Führungs- macht. Und wie diese anderen Diktatoren auch wurde er entdeckt und protegiert nicht trotz seiner Skrupellosigkeit, sondern weil er sich gerade mit ihr für die ihm zugedachte Aufgabe bestens eignete: in den "Vorgärten", sprich Armenhäusern des Impe- rialismus für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Daß die US-Invasion jetzt angeblich ausgerechnet "dem Volkswillen verspätet zum Recht verhelfen" (SZ) wollte, ist deshalb auch nur ein schlechter Witz. Abserviert wurde Noriega nur deshalb, weil er nicht umstandslos bereit war, als Erfüllungsgehilfe jeder Wendung der US-Mittelame- rikapolitik zu fungieren. Seit die USA den Panamakanalvertrag re- vidieren wollen, gilt Noriega als Rauschgifthändler. Das paname- sische Volk durfte den Amis wieder einmal den ehrenwerten Beru- fungstitel für die Intervention liefern - und im übrigen die Ze- che seiner "Befreiung" bezahlen: mit 500 Toten und zerbombten Wohnvierteln. Und da wunderten sich manche Pressefritzen blauäu- gig über die mangelnde Begeisterung in Panama für die "ameri- kanischen Freunde" ... Nein - durch ihre vorgeblich menschenfreundlichen Beweggründe un- terscheidet sich die US-Invasion in Panama todsicher nicht vom russischen Einmarsch in Afghanistan. Eher schon verraten Dauer und Erfolg der Militäraktion etwas über den wirklichen Unter- schied. Die sowjetische Besetzung Afghanistans dauerte knapp 10 Jahre, kostete die UdSSR haufenweise Soldaten und Material, und statt zu einem zuverlässigen Bündnispartner und strategischen Vorposten wurde Afghanistan für die Sowjets am Ende endgültig zu einem bleibenden Krisenherd. Für den "chirurgischen Eingriff'' (SZ) des US-Militärs in Panama durfte dagegen nur ein schlappes Dutzend US-Boys den Heldentod sterben. Einen Tag brauchte es bis zur Absetzung Noriegas, eine knappe Woche bis zur Brechung des letzten Widerstandes seiner Truppen. Und zwei Wochen, bis mit dem Vatikan die Überstellung an die US-Justiz ausgehandelt wurde. Von der anfangs beschworenen Gefahr eines längerdauernden Bürger- kriegs redet mittlerweile niemand mehr. Daß diese "wunderbare Leistung" (US-Präsident Bush) eines erfolgreichen und nur für den Feind verlustreichen Blitzkrieges sich allein der "Präzision und Professionalität" (US-Außenminister Cheney) des US-Militärs verdankt, das die Gelegenheit nutzte, sein allerneuestes Kriegs- gerät in der Praxis zu testen: Daran mögen siegestrunkene demo- kratische Nationalisten glauben. Die in solchen Sprüchen um- standslos gefeierte konkurrenzlose Überlegenheit der amerikani- schen Gewaltmaschinerie ist allerdings nur die eine Seite der amerikanischen Erfolgsmedaille. Die andere Seite ist die Frei- heit, diese Gewaltmaschinerie rücksichtslos nach Gutdünken ein- setzen zu können. Eine Freiheit, die darauf beruht, daß sie den USA tatsächlich von keiner anderen maßgeblichen Macht mehr be- stritten wird. Des Wohlwollens ihrer europäischen Bündnispartner konnten und können sich die USA trotz aller geheuchelten Distan- zierung ohnehin noch bei jeder auswärtigen Gewaltaktion sicher sein. Aber auch die Sowjetunion, immerhin immer noch die Welt- macht Nr. 2 und der weltpolitische Gegner der USA, mochte sich auch jetzt wieder nicht zu mehr als einer erkennbar folgenlos ge- meinten Verurteilung verstehen. Nur zur Erinnerung: Als die So- wjets in Afghanistan einmarschierten, war die einhellige westli- che Verurteilung der "brutalen Völkerrechtsverletzung" nur der Auftakt für die diplomatische und wirtschaftliche Ächtung und Schädigung der UdSSR und für die militärische Ausrüstung einer afghanischen Opposition, die den Preis für die sowjetische Ab- sicht, sich eine strategisch wichtige Einflußzone zu erhalten, immer mehr in die Höhe treiben sollte. Nichts von alledem im Fall der USA. Deren Recht, in "ihren" Einflußzonen und speziell in "ihren" mittel- und südamerikanischen "Vorgärten" zu verfahren, als handle es sich bei denen bloß um ausgelagerte Landesteile der USA und nicht um selbständige Staaten, steht mittlerweile auch für die SU außer Frage. Jedenfalls will die sich dadurch noch nicht einmal das gute diplomatische Einvernehmen mit Washington verderben lassen. Dieser weltpolitische Freibrief und sonst nichts ist der Grund für die Leichtigkeit und Problemlosigkeit des amerikanischen Sieges in Panama. Und so ein Freibrief macht anspruchsvoll. Der oberste Weltpoli- zist fordert in seinen "Vorgärten" bedingungslosen Gehorsam ein, unterstellt die Länder dieser Region quasi seinem Hausrecht, sta- tuiert dafür ein gewaltsames Exempel - und sein Weltmachtskonkur- rent läßt ihn gewähren. Ob dieser Sieg des Imperialismus die Welt gemütlicher macht? P. S.: Die bundesdeutsche Presse war in Sachen US-Invasion wieder einmal ganz die treue Stimme ih- rer politischen Herren. Wo sich in Bonn von Egon Bahr bis Heiner Geißler "eine große Koalition des Wohlwollens" (SZ) für den Ein- marsch auftat, da wollte auch sie die gute Stimmung nicht durch wirkliche Einwände stören. Erstens sei natürlich Gewalt "kein Mittel der Politik" (Abendzeitung); zweitens aber hätten die USA "möglicherweise zu lange gezögert" (AZ) und mit "amateurhaften Versuchen, Noriega loszuwerden" (Spiegel) die Zeit verplempert; drittens habe Noriega natürlich die "Intervention heraus- gefordert"; und viertens sei es bei den "konfusen Attacken der US-Invasionstruppe" (SZ) "nicht ohne Pannen" (Spiegel) abgegan- gen. Die imperialistische Schlächterei muß eben erst noch erfun- den werden, die es bundesdeutschen Klugscheißern in jeder Hin- sicht recht machen kann. zurück