Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA MEXIKO - Von Erdbeben und VW
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EIN ERDBEBEN UND EIN PAAR FOLGEN
In Mexiko wackelt die Erde. Ein Naturereignis. In Mexiko-City
fallen zu Hunderten die Häuser zusammen; tausende Menschen werden
erschlagen. Eine Naturkatastrophe? Seltsam nur: Im Badeort Aca-
pulco ist alles stehengeblieben, obwohl ungefähr dort das Zentrum
des Bebens war. Die Regierungsgebäude der Stadt Mexico haben auch
wenig gelitten. Zusammengebrochen sind vor allem die Wohntürme
des "sozialen Wohnungsbaus" der 60er Jahre. Ein solches Ding al-
lein war für 1000 Tote gut. Wie sagt doch unsere Bauindustrie so
schön? "Beton! Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht!"
*
Stehengeblieben sind auch die Fußballstadien. Das hat eine inter-
nationale Kommission gleich am Tag nach dem Beben wissenschaft-
lich festgestellt.
Das war auch sehr wichtig. Denn schließlich ist die Fuaball-WM
für nächstes Jahr nach Mexiko vergeben. Und kaum war die Kata-
strophen-Meldung rund, da haben schon die Sportsfreunde aus
Deutschland-West ihre Chance gewittert und ihre erdbebensicheren
Stadien als Ersatz-Austragungsort angedient.
War aber zu voreilig. Die WM bleibt bei Mexiko. Das ist der Fuß-
ball schon den Erdbebenopfern schuldig.
*
Und der mexikanischen Kreditwürdigkeit. Denn die steht bei der
Schuldenlast des Staates und den sinkenden Erdöl-Preisen ohnehin
auf dem Spiel; schließlich kostet sie pro Monat 1 Milliarde Dol-
lar an Zinsen. Und damit Mexiko dieses Sümmchen auch wirklich aus
eigener Kraft aufbringt, hatte der Internationale Währungsfonds
gerade erst einen 2-Milliarden-Dollar-Kredit gesperrt. Um das
Land, das seinen Bewohnern nicht mehr an "Nationalprodukt" abge-
winnen kann, um so härter darauf festzulegen, daß es an ihnen
s p a r t - auch wo längst nichts mehr zu sparen ist.
Jetzt diese Naturkatastrophe! Was allein das Freiräumen der wich-
tigsten Verkehrsstraßen kostet! Da ist Mexiko auf jeden Touri-
sten-Dollar mehr denn je angewiesen.
Schon allein um den 2-Milliarden-Dollar-Kredit bedienen zu kön-
nen, den der IWF nun doch in Aussicht gestellt hat.
*
Den ersten Touristenschwung hat übrigens schon das Erdbeben
selbst ins Land gebracht. Das sind die Selbstheilungskräfte des
demokratischen Weltmarkts!
Keine geringere als Nancy Reagan hat mit einem Millionen-Scheck,
werbewirksam vor Trümmerbergen überreicht, das Bild des
"häßlichen Yankee" bekämpft. Ein Hundertschaften Journalisten
sind gleich mitgereist. Schließlich hat die freie Welt ein Recht
auf Information und rührselige Stories.
Und gerade dafür ist es gut, daß auch besonnene, kultivierte Re-
dakteure der "Süddeutschen Zeitung" sofort nach Mexiko gejettet
sind. Die haben gleich den unerkannt im Schutt wühlenden Bariton
Placido Domingo ausfindig gemacht und ein ABC-Kamerateam auf die-
ses lohnend Objekt hingewiesen. Diese Banausen wären sonst glatt
achtlos an der Berühmtheit vorbeigelatscht!
Wenigstens dieses Erdbebenopfer konnte gerade noch einmal verhin-
dert werden!
*
Ein paar andere Opfer hat das Erdbeben nicht verschüttet, sondern
aufgedeckt. Es hat den Polizeigewahrsam für einig Regimegegner
geknackt - die zum Teil allerdings schon vorher erschlagen worden
wären. Für die teilnahmsvolle Öffentlichkeit fallen sie unter die
interessante Rubrik "Grausige Funde".
Die komplementäre Abteilung: "Sensationelle Rettung", bleibt aber
auch nicht unbesetzt. Sie ist sogar besonders gut besetzt: mit
frischgeborenen Säuglingen die ihre ersten fünf Tage unter Trüm-
mern problemlos weggesteckt haben. Mexiko ist eben ein kinderlie-
bes Land. Mit diesem optimistischen Befund darf wieder zur Tages-
ordnung übergegangen werden.
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