Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA KOLUMBIEN - Drogen-Sucht-Geschäft-Krieg


       zurück

       Kolumbien
       

SCHAUSPIEL MIT GEISELN IN BOGOTA

Am 27. Februar überfiel ein Kommando der kolumbianischen Gueril- laorganisation M-19 die dominikanische Botschaft in Bogota und forderte für die Herausgabe der gefangenen Botschafter die Frei- lassung von 300 politischen Gefangenen sowie ein Lösegeld. Zur Stunde dauert die Affäre noch an, nur werden die Geiseln ständig weniger, ohne daß die Guerilleros der Erfüllung ihrer Forderungen einen Schritt näher gekommen sind. Art und Durchführung der Aktion verweisen in ihrer ganzen Trost- losigkeit auf die desolate Lage einer Organisation, die nach ei- ner der üblichen Wahlbetrügereien der Regierungsparteien 1970 in den Untergrund ging, zunächst im menschenleeren Bergland dieser mittelamerikanischen Republik den Regierungstruppen diverse Scharmützel lieferte und in einer großangelegten Säuberungsaktion weitgehend aufgerieben wurde. So ist die Geiselnahme die Ver- zweiflungstat der Überlebenden, die mit einer spektakulären Ak- tion demonstrieren wollten, daß es sie noch gibt, um die Bevölke- rung, die zum massenhaften Widerstand nicht mobilisiert werden konnte durch die "Propaganda der Tat" auf ihre Seite zu ziehen. Angesichts der Ohnmacht gegen den Terror des eigenen Regimes, sollte über das Ausland Druck auf die lokalen Gorillas ausgeübt werden, wobei man vor allem auf die USA setzte, deren Gesandter sich unter den Geiseln befindet. Als Demonstration angelegt, verläuft die Aktion nach allen Regeln einer moralischen Erpressung. Man bricht das Völkerrecht, auf dessen skrupulöse Einhaltung durch den Gegner gleichzeitig speku- liert wird, verletzt alle diplomatischen Gepflogenheiten, um dann mit allen Verfahrensweisen friedlicher Austragung von Ansprüchen feindlicher Mächte gegeneinander in Verhandlungen einzutreten, wobei beide Seiten fortwährend ihren "guten Willen" und die Ent- schlossenheit zum Zuschlagen herausstreichen. Mit dem Ultimatum übermittelt der Anführer ein Verhandlungsangebot, schickt eine Frau zum Rotkreuzwagen und dokumentiert durch lauter Entgegenkom- men ohne Gegenleistung, daß man die eigenen Drohungen nicht wahr- machen wird. Die Regierungsseite, deren Anti-Terror-Einheiten be- reitstehen, hält sich - anders als in Guatemala, wo es nur um das Leben des spanischen Vertreters ging - mit dem Sturm auf die Bot- schaft mit Rücksicht auf die involvierten Nationen zurück, gibt den Forderungen nicht nach und kalkuliert, beraten von dem öster- reichischen Aggressionsforscher Hacker, das Kalkül der Geiselneh- mer mit ein. Zwei gefangene Journalisten lehnen ihre Freilassung ab, weil sie über die Aktion ein Buch schreiben wollen und da wollen sie auch das Ende live miterleben. Die Beobachter hierzulande verweisen auf den "undemokratischen Charakter" des Regimes in Bogota und zugleich auf die Unent- schuldbarkeit des Völkerrechtsbruchs an Botschaften. Österreichs Kanzler Bruno Kreisky hat da eine differenzierte Stellung: ganz im Sinne des Aggressions t h e o r e t i k e r s Hacker reagiert er auf die Freilassung des Österreichischen Botschafters mit ei- nem Dankschreiben. Die demokratische Presse empört sich hierüber zu Unrecht, handelt Kreisky doch, ganz Diplomat, gemäß der takti- schen Linie der kolumbianischen Behörden: mitten im Kampf die ge- meinsamen humanitären Ideale herausstreichen wenn das nicht ge- bührenden Eindruck auf die Besetzer macht! Die übrigen noch ge- fangenen Interessenvertreter der zivilisierten und weniger zivi- lisierten Staaten in der Hauptstadt eines faschistischen Regimes, das bei der Ausbeutung seiner Campesinos sich der Erfahrung zu- gereister Mafiosi bedient, müssen noch ein Weilchen aushalten: Es wird einmal verhandelt, einmal nicht verhandelt, die Forderungen reduzieren sich mit jeder Verhandlungsrunde, bis die Besetzer freiwillig aufgeben und unter Hinterlassung einer flammenden Bot- schaft ausgeflogen werden - wenn sie Glück haben und ihnen ihre Regierung nicht doch noch das Los ihrer bereits ermordeten Genos- sen bereitet. Das dabei vielleicht fällig werdende Staatsbegräb- nis für den einen oder anderen Botschafter geht dann ohnehin auf ihr moralisches Konto, weil sie eine innenpolitische Auseinander- setzung auf dem Rücken derer austragen, die mit den inneren Ver- hältnissen in Kolumbien nicht das geringste zu tun haben - außer daß sie das Interesse ihrer Staaten an ihnen diplomatisch vertre- ten. zurück