Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA KOLUMBIEN - Drogen-Sucht-Geschäft-Krieg
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Die Herstellung und Bewältigung eines "Problems" durch die west-
liche Staatenwelt
DROGEN-SUCHT, -GESCHÄFT, -KRIMINALITÄT, -BEKÄMPFUNG, -KRIEG
US-Präsident Bush hat ein Markenzeichen für seine Präsidentschaft
gefunden: "Krieg der Rauschgiftmafia". Der "Kampf gegen die Dro-
genseuche von Millionen von Amerikanern" - unter Präsident Reagan
noch ein Betätigungsfeld für die First Lady - ist neuerdings
Chefsache im Weißen Haus.
Im Drogenkonsum seiner Untertanen hat der Präsident nämlich eine
politische Herausforderung der allerersten Güteklasse entdeckt:
"Die Lebenskraft unserer Nation ist vom Rauschgift bedroht."
(Bush in seiner Fernsehansprache an die Nation) Mit dieser Ent-
deckung hatte der Präsident seine Drogenbekämpfungs-Strategie
auch schon gefunden: mehr Gefängnisse im Inland und mehr US-Waf-
fen und Militärberater für die lateinamerikanischen Staaten. Die
werden nämlich als "Drogenanbau-Staaten" großzügig in den Rausch-
gift-Krieg einbezogen. Wenn die USA einen Kampf gegen die Drogen-
sucht ihrer Bürger beschließen und dafür einen weltweiten Drogen-
krieg ausrufen, dann gilt selbstverständlich, daß auswärtige Sou-
veräne sie in diesem ehrenwerten Anliegen zu unterstützen haben.
Die zeitgemäße US-Feindschaftserklärung an Regierungsmannschaften
im "südlichen Hinterhof" der USA heißt heutzutage "Verfilzung mit
der Rauschgiftmafia" - eine interessante Mischung aus Pflege der
US-amerikanischen Volkshygiene und imperialistischen Ansprüchen.
Die Ironie dieser Kriegserklärung besteht bloß darin, daß der
Führer der westlichen Weltmacht und seine westeuropäischen Kolle-
gen, die sich dem Drogenkampf-Programm begeistert angeschlossen
haben, die Urheber des "Drogenproblems" sind, das sie so ent-
schlossen bekämpfen wollen. Vom "Suchtverhalten" ihrer freien
Bürger bis zur militärischen Ausstattung der Drogenkartelle -
alle Geschäftsbedingungen eines flotten Drogengeschäfts sind Re-
sultate der von ihnen garantierten einzigartigen Weltwirtschafts-
ordnung.
Drogensucht - auch eine Heimat fürs bürgerliche Individuum
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Die bürgerliche Gesellschaft hat ein interessantes Angebot auf
Lager: Rauschgift wird als Ware angeboten. Kundschaft zu finden
ist offenbar kein Problem. Es scheint genügend Mitglieder dieser
Gesellschaft zu geben, die die Betäubung ihres Bewußseins attrak-
tiv finden. Leute, die ihr subjektives Glück auf eine merkwürdige
Art suchen. Wohlbefinden verschaffen sie sich nicht - oder nicht
mehr - im Verhältnis zur Realität, sondern durch chemische Beein-
flussung ihres Hirns. Drogenkonsumenten legen so viel Wert dar-
auf, sich "gut zu fühlen"; daß sie alles daransetzen, a n
s i c h einen Z u s t a n d d e r Z u f r i e d e n h e i t
herzustellen, auch und gerade dann, wenn die Welt ihnen keinen
Grund zur Zufriedenheit bietet. Sie brauchen sich noch nicht ein-
mal einzureden, daß sie die Realität a n d e r s s e h e n,
sie manipulieren lieber ihren Realitäts s i n n und versetzen
sich so in einen k ö r p e r l i c h e n Zustand, daß sie sie
anders bzw. überhaupt nicht mehr sehen. Rauschgifte verschaffen
ihnen das psychologische Erlebnis einer Gefühlswelt, die sich auf
nichts bezieht. "Drogenkarrieren" werden mit diesem Bedürfnis
nach grundloser Zufriedenheit begonnen; ein Bedürfnis, das durch
die physiologische Wirkung der Rauschgifte - mehr oder weniger
schnell - in körperlicher Abhängigkeit endet. Ist der Zustand er-
reicht, diktiert die körperliche Befindlichkeit das Bedürfnis
nach dem nächsten Trip, der Entschluß zum Drogenkonsum wird durch
physiologische Not ergänzt. Das Verlangen nach der Drogenwirkung
ist dann endgültig auf das reduziert, was auch schon sein Aus-
gangspunkt war, auf das Bedürfnis nach pharmakologischer Manipu-
lation. Daß die Methode, sich mittels gewohnheitsmäßiger chemi-
scher Beeinflussung des Nervensystems Glücksgefühle zu verschaf-
fen, körperliche Folgen hat, liegt in der Natur der Sache. Des-
halb stimmt es aber noch lange nicht, daß mit der körperlichen
Abhängigkeit quasi naturgesetzmäßig über das Schicksal von Süch-
tigen entschieden wäre. Die Behauptung unterstellt nämlich, daß
die Betroffenen g e g e n ihren Willen nicht vom Drogenkonsum
lassen können. Auch eine körperliche Abhängigkeit zwingt zu
nichts, außer zu der Entscheidung, ob man sich weiter die Sucht-
mittel verschaffen oder eine Entgiftung über sich ergehen lassen
will. Der Wahrheitsgehalt von Sprüchen wie "Einmal süchtig, immer
süchtig", mit denen Gesundheitspolitiker die "gefährdete Jugend"
bearbeiten, wird auch dadurch nicht größer, daß die meisten Süch-
tigen selber das Argument beherrschen, ihre Sucht wäre der unwi-
dersprechliche Beweis, daß sie nicht anders könnten.
Nicht ihr absurdes Bedürfnis nach einem grundlosen Glücksempfin-
den unterscheidet Drogenkonsumenten vom Rest der bürgerlichen
Welt, sondern die Art und Weise, wie sie es an sich herstellen.
Sie betäuben ihr Bewußtsein nicht mit Ideologien, sondern direkt.
Dieser direkte chemische Weg wird von allen einschlägigen Drogen-
therapien als gefährlicher Selbstbetrug kritisiert - angeboten
werden statt dessen alternative Techniken der Selbstmanipulation.
Obwohl sie wahrscheinlich den alten Marx-Spruch vom "Opium fürs
Volk" noch nicht einmal kennen, ist aufrechten Sucht-Betreuern in
USA die "Begegnung mit Jesus" als mindestens gleichwertiger Er-
satz für Drogen-Trips eingefallen. Ob dieses Angebot bei Fixern
und Koksern verfängt, hängt allerdings schon davon ab, ob die
sich auf das Versprechen einlassen wollen, daß man sich bei einem
"Leben mit Jesus" auch ziemlich besoffen fühlen kann, wenn sie
ihren Trip auch durch einen einfachen "Schuß" haben können. Dafür
hält ein nicht unerheblicher Teil der rauschgiftfreien Bevölke-
rung ein Leben ohne "Ersatzdroge Jesus" für ganz und gar nicht
lebenswert. Zigtausend körperlich völlig gesunde Jugendliche be-
haupten auf Kirchentagen und ähnlichen tiefschürfenden Gemein-
schaftserlebnissen: "Ich fühl' mich gut, seit ich Jesus kenne."
Religiöse Spinnerei ist nur e i n e s der vielen Angebote, die
die bürgerliche Gesellschaft Leuten bietet, die in jeder Lebens-
lage die Frage stellen: "Wie fühle ich mich?" - und es darauf ab-
gesehen haben, ihre Launen ins Positive zu manipulieren. Eine
ganze Abteilung der bürgerlichen Geisteswissenschaft - die Psy-
chologie - beschäftigt sich mit der Pflege des Ideals eines Indi-
viduums mit "ausgeglichenem Seelenhaushalt", das sein "Gleich-
gewicht" ganz unabhängig von, also unter allen äußeren Le-
bensbedingungen zu finden hat. Und wenn sich Psychofans in ihr
Verhaltens-, Entspannungs- und sonstiges Selbstbewußtseins-Trai-
ning nur lange genug hineingesteigert haben, verkünden sie regel-
mäßig, daß sich zwar sonst nichts geändert hat, aber s i e
s c h o n, und daß sie g a n z p e r s ö n l i c h den Kö-
nigsweg zur Zufriedenheit gefunden hätten.
Im Vergleich mit den gängigen, höchst ehrenwerten bürgerlichen
Psycho-Touren, sich grundlos zufrieden zu fühlen, sind Drogen-
Trips eine ziemlich radikale Variante, aber der Unterschied ist
eben gar kein prinzipieller. Drogen sind wie Religion, Psycholo-
gie oder wie die ganz schlichten Lebensweisheiten des Normalbür-
gers, der "arm, aber gesund und anständig" ist, ein Angebot für
Leute, die die Grunddogmen der bürgerlichen Gesellschaft begrif-
fen haben. Sie haben die Lebensphilosophie unserer freiheitlichen
Gesellschaftsordnung beherzigt, nach der der ganze marktwirt-
schaftliche Konkurrenzbetrieb eine einzige Veranstaltung für das
individuelle Glücksstreben sein soll, eine Ansammlung von Chancen
und Angeboten, aus denen jeder einzelne nur das für ihn Passende
herauszugreifen braucht, um das Beste für sich daraus zu machen.
Die Praxis der marktwirtschaftlichen Konkurrenz sieht bekanntlich
ein bißchen anders aus. Die Erfahrung, daß die Sache mit dem
Glück objektiv nicht aufgeht, bleibt kaum einem erspart. Aus die-
ser Erfahrung lernen freie Bürger allerdings in den seltensten
Fällen, daß ihr Materialismus mit Notwendigkeit - nämlich an den
wirklichen Sachzwängen des Kapitalismus - scheitert. Ihre Erfah-
rungen bewältigen bürgerliche Menschen statt dessen mit den Ideo-
logien, die ihre Gesellschaft ihnen bietet. Bevor sie auf ihre
individuelle Glückssuche verzichten - und sich damit gemäß der
gültigen Weltsicht, nach der jeder sein Glück selber in der Hand
hat, zum Versager erklären -, verlegen sie ihr ganz persönliches
Lebensglück eben in den Bereich der Einbildungen, die durch keine
mißlichen "Lebenserfahrungen" mehr zu blamieren sind.
Insofern sind Drogen-Trips ein durchaus klassenübergreifendes An-
gebot der Klassengesellschaft an ihre Insassen - auch in diesem
Punkt unterscheiden sie sich nicht von Religion, Psychologie oder
Irrenhaus. Daß der einzelne immer und überall im Mittelpunkt
steht und darin seine Bewährungsprobe zu bestehen hat, dieses
verrückte Grunddogma der bürgerlichen Gesellschaft teilen selbst-
verständlich auch Leute, die in gutsituierten bis luxuriösen Le-
bensverhältnissen leben. Die Abwesenheit von materiellen Sorgen
schafft auf dieser Seite der Klassengesellschaft Raum für eine um
so freiere Suche nach einem angeblich ganz eigenen Lebens- und
Glücksgefühl. Die Antwort auf ihre höchst persönliche Lebens-
Sinnfrage suchen sich auch kultivierte Wohlstandsbürger aus dem
vorhandenen Angebot aus - "Bewußtseinserweiterung" durch Koks ist
da eben auch eine Möglichkeit.
In einer Hinsicht unterscheidet sich die Vernebelung des Bewußts-
eins durch Rauschgifte allerdings schon von den üblichen psycho-
logischen Techniken, mit denen bürgerliche Individuen ihr Leben
"bewältigen". Sie funktioniert von selbst, ohne geistige Umstände
und Einbildungen, wie sie der Glaube an Ideologien verlangt. Dro-
genkonsumenten haben sämtliche Lebenslügen der freiheitlichen Ge-
sellschaft verstanden, sie sehen bloß weit und breit kein zu ih-
rer Geschmacksrichtung passendes ideologisches Hilfsmittel, um
daran glauben zu können. Sie pflegen nicht das falsche Bewußt-
sein, das an Chancen glaubt, wo es keine gibt. Sie können sich
nicht an der Vorstellung berauschen, gelungene Typen zu sein, in-
dem sie über ein vorzügliches Familienleben mit eigenen unver-
gleichlichen Kindern verfügen. Sie kriegen auch den Wahn nicht
hin, an ein Jenseits voller Chancen zu glauben, weil es im Dies-
seits keine gibt. Also wählen sie den direkten chemischen Weg zum
"individuellen Glück". Es ist deshalb kein Wunder, daß die
"Anfälligkeit" für Drogen an den Randbezirken der Klassengesell-
schaft besonders verbreitet ist: bei den Underdogs der Marktwirt-
schaft, die im normalen bürgerlichen Getriebe von vornherein
keine Lebenschance entdecken können, und in den oberen Schicke-
ria-Kreisen, in denen man, nachdem man sowieso schon jeden sinn-
stiftenden Mist ausprobiert hat, gelegentlich von den gutbürger-
lichen Durchschitts-Glücksprogrammen angeödet ist.
Daneben gibt es noch Leute, die Koks schnupfen oder Amphetamine
einwerfen, um ihren Beruf auszuhalten - in den USA ist Kokain ein
unter LKW-Fahrern weitverbreitetes "Weckmittel", und auf manchem
Fabrikparkplatz wird es aus dem Kofferraum verkauft. Das Glück,
das durch diesen zweckmäßigen Einsatz von Drogen winkt, besteht
darin, nicht auszuflippen, seinen Mann zu stehen und beim zügigen
Verschleiß der eigenen Gesundheit ein bißchen high zu sein. Auch
das ehrt die hervorragende westliche "Leistungsgesellschaft".
Die Staatsgewalten des freien Westens, die das Rauschgiftproblem
so bejammern, schaffen mit der von ihnen garantierten Wirt-
schaftsordnung nicht nur die materiellen Lebensumstände, die ih-
ren Untertanen zu schaffen und sie für alle kompensatorischen
Sinn-Angebote empfänglich machen. Ihre Gesellschaftsordnung legt
auch die geistige Lage des freien Bürgers fest, der unter allen
Bedingungen und gegen alle Erfahrungen daran festhält, daß das
Individuum in dieser besten aller Welten im Mittelpunkt zu stehen
hat. Daß dieser erbitterte pursuit of happiness irgendwann auch
mal beim Rauschgift landet, ist wirklich kein Wunder.
Der Rauschgift-Markt -
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ein Geschäft nach allen Regeln der Marktwirtschaft
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Auch für Rauschgift gilt das kapitalistische Gesetz: Auch hier
kommen Angebot und Bedürfnis nur deswegen zusammen, weil es einen
Markt für das Zeug gibt, auf dem Geld zu machen ist. So funktio-
niert nun mal diese prächtige Wirtschaftsordnung: Jedes Bedürfnis
ist in Geld zu verwandeln - und das heißt umgekehrt, ohne Geld
wird überhaupt kein Bedürfnis befriedigt, geschweige denn erregt.
Wenn es nicht ums Geschäft ginge, gäbe es auch kein Interesse,
ein Bedürfnis nach Suchtmitteln zu wecken und durch Angebote aus-
zunutzen. Das Warenangebot an Drogen geht marktwirtschaftlich ge-
sehen also voll in Ordnung. Denn wenn jedes Bedürfnis nur befrie-
digt wird, weil und soweit sich daraus ein Geschäft machen läßt,
dann wird aber auch j e d e s Bedürfnis bedient, aus dem Geld
zu schlagen ist. So kalkulieren private Geschäftsleute - und so
sollen sie in unserer soziale Marktwirtschaft auch kalkulieren.
Das Angebot an Rauschgiften und die Versorgung der Leute damit
kommt also auf genau dieselbe Tour zustande wie die Versorgung
des Marktes mit Coca-Cola und Autos.
Wenn die Gesetze des freien Marktes immer und überall gelten sol-
len, was gerade US-Präsidenten in jeder Antrittsrede fordern,
warum dann eigentlich bei Drogen nicht? Daß das Zeug die Gesund-
heit der Konsumenten ruiniert, kann ja wohl kein ernstzunehmender
Einwand gegen ein florierendes Geschäft sein. Für Autos wie für
Waffen, für Chemieabfall wie für Kalbfleisch und Milch, für alle
Produkte und Bedarfsartikel der Warenwelt gilt nur e i n ökono-
misches Gesetz - das des kapitalistischen Geschäfts: Wenn
G e l d damit zu machen ist, geht die Sache in Ordnung; ruinöse
F o l g e n des Geschäfts gehen die Geschäftswelt nichts an, ge-
nauso wenig wie die Ausbeutungsverhältnisse bei der Produktion.
Warum sollten den Rauschgifthändlern, völlig gegen alle guten
Sitten der Marktwirtschaft, die Konsumenten am Herzen liegen?
Die Liebhaber der freien Marktwirtschaft könnten sich also auch
für diese Branche ihren Standard-Spruch einfallen lassen, daß ge-
gen die Kräfte des Marktes nun mal kein Kraut gewachsen ist. Es
ist ihnen doch sowieso so selbstverständlich wie nur was, daß,
wie jede Versorgungsgroßtat unserer Gesellschaft, auch die Ver-
sorgung mit Rauschgift in Geld gemessen wird. Rauschgiftfahnder
geben die Größe ihres Erfolgs jedenfalls immer im Straßenver-
kaufswert der beschlagnahmten Rauschgiftfuhren an.
Und dann kommen ausgerechnet die Führer der Staaten, die dafür
geradestehen, daß sich alle gesellschaftlichen Verhältnisse am
Geld bemessen, daher und beschweren sich, daß die Belieferung des
Rauschgiftmarktes so prächtig klappt.
Das staatliche Rauschgiftproblem -
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der Rechtsstaat schafft sich seinen Handlungsbedarf
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Demokraten sind sich einig: Der Rechtsstaat muß Rauschgift-Krimi-
nalität bekämpfen. Es sind aber bekanntlich sogar schon findige
Sozialarbeiter, Suchtberater und Drogenärzte darauf gekommen, daß
der Staat sein Kriminalitätsproblem vom Hals hätte, wenn er den
Drogenkonsum nicht verbieten und statt dessen alle Rauschmittel
ungefähr so wie Schnaps behandeln würde. Die Ablehnung solcher
"radikaler Lösungsvorschläge" zeigt, daß bürgerliche Staatsgewal-
ten offenbar ein weitergehendes Anliegen haben, als die Folgen
der Kriminalisierung des Drogenkonsums zu bekämpfen. Sie haben
einen Einwand gegen den Drogenkonsum selbst - sonst würden sie
ihn gar nicht erst kriminalisieren. Zwischen dem Grund der Krimi-
nalisierung des Rauschgiftkonsums und den Folgen dieser Krimina-
lisierung können und wollen der US-Präsident und seine Kollegen
zwar nicht unterscheiden; dasselbe ist es trotzdem nicht.
"Die Lebenskraft unserer Nation ist vom Rauschgift bedroht. Die
Drogenseuche verwandelt unsere Städte in Schlachtfelder, ermordet
unsere Kinder, zerstört unsere Wohnviertel, unsere Familien, un-
sere Freunde." (Bush in seiner Fernsehansprache an die Nation)
Die "Schlachtfelder" in seinen Städten könnte sich Bush wirklich
ersparen, wenn er den Drogenkonsum legalisieren und seine Drogen-
polizei auflösen würde. Aber das kommt für einen verantwortungs-
vollen demokratischen Staatsmann eben nicht in Frage, wenn er die
Diagnose stellt, daß Rauschgifte die Grundlagen seiner Gesell-
schaft in Frage stellen. Bush redet von der "Lebenskraft der Na-
tion", und die meint er auch. Bürgerliche Staaten bekämpfen Dro-
gensucht aus Sorge um die Brauchbarkeit ihres Volkes, wobei die
staatlichen Ansprüche an ein brauchbares Volk ihre eigenen Ge-
sichtspunkte haben. Die Sorge um die körperliche Unversehrtheit
seiner Leute ist jedenfalls nicht der Ausgangspunkt für das
staatliche Rauschgift-Verbot. Drogensucht ist schließlich keine
Seuche, bei der die Gefahr bestünde, daß erhebliche Teile des
Volkskörpers durch Ansteckung infiziert und dadurch körperlich
ruiniert und unbrauchbar gemacht würden. Es stimmt zwar, daß
Rauschgiftkonsumenten in der Regel nach einiger Zeit körperliche
Wracks sind, aber wenn es den staatlichen Aufsichtsbehörden darum
ginge, den gesundheitlichen Verfall der Süchtigen zu verhindern
oder einzudämmen, dann könnten sie sich wirklich umstandslos den
Argumenten der Befürworter einer Legalisierung des Drogenkonsums
anschließen. Allen Expertenberichten ist nämlich zu entnehmen,
daß die gesundheitlichen "Risiken" der Süchtigen - bis hin zum
Drogentod durch Überdosierung - viel eher aus der Kriminalisie-
rung des Drogenkonsums als aus dem Konsum selbst folgen.
"Richtig dosiert, so betonen Experten, haben die Opiate relativ
geringe Nebenwirkungen. Selbst Heroin zerstört, anders als das
Kokain, nicht den Körper... Da der Drogenabhängige weder seine
individuellen Grenzen noch die Reinheit des von ihm konsumierten
Rauschgift kennt, wird die Überdosierung und infolgedessen Atem-
lähmung allzu leicht sein tödliches Schicksal. Eine große Zahl
von Erkrankungen der Opiatsüchtigen hat allerdings nicht direkt
mit der Droge zu tun. Infektionen wie Hepatitis und neuerdings
Aids sind eher Folgen des kriminellen und krankmachenden Mili-
eus." (Süddeutsche Zeitung, 15.9.)
Als Einwand gegen ihr Rauschgiftverbot läßt die Staatsgewalt sol-
che Diagnosen nicht gelten, genauso wenig wie die Hinweise, daß
Rauschgiftabhängige mit ärztlich kontrollierter Drogenversorgung
durchaus einem geordneten Berufsleben nachgehen könnten. Der Kri-
minalisierung des Drogenkonsums geht ja auch keine Überprüfung
voraus, ob Rauschgiftkonsumenten tatsächlich für ihren jeweiligen
Beruf unbrauchbar geworden sind. Drogenkonsum wird als Verbrechen
verfolgt ganz unabhängig davon, ob ein Koks schnupfender Manager
seinen Job prächtig erledigt, oder ob es sich bei den Betroffenen
um Slum-Insassen handelt, die zum marktwirtschaftlichen Ausschuß
gehören, an dessen produktiver Benutzung sowieso kein Interesse
besteht.
Ganz getrennt davon, wie und ob seine Bürger sich in seiner Ge-
sellschaft nützlich machen, legt der bürgerliche Staat Wert auf
die generelle Brauch b a r k e i t seines Volks. Er erhebt An-
spruch auf ein Volk, das alle Bedingungen und "Sachzwänge" seiner
freiheitlichen Marktwirtschaft als seine Lebensumstände und -
chancen akzeptiert; Bürger, deren W i l l e n, brauchbar zu
sein und sich brauchbar zu halten, außer Frage steht; das ist
sein Kriterium für "nationale Lebenskraft". Bürgerlichen Staats-
männern ist die M o r a l i t ä t ihrer Untertanen eben ganz
und gar nicht gleichgültig. In der Manipulation und Ausschaltung
des Willens durch Drogen sehen sie eine prinzipielle Gefahr für
ihre Gesellschaft: die Verweigerung korrekten Mitmachens und dar-
über hinaus den Einstieg in "Drogenkarrieren", in deren Verlauf
die Leute ihren Willen so zurichten, daß sie nach allen gültigen
Maßstäben nicht mehr richtig wollen können. Dieser staatliche
Verdacht gilt für jedes Rauschmittel - vom Alkohol bis zum He-
roin. Welche Drogen dann gesetzlich verboten, welche rationiert
und welche ganz frei gegeben werden, diese Entscheidung treffen
Politiker - je nach ihrer aktuellen Gefahreneinschätzung - durch-
aus unterschiedlich. Skandinavische Staatsbürger können in ihren
Heimatländern - fast wie in alten US-amerikanischen Prohibitions-
zeiten - Alkohol nur in staatlich reglementierten Rationen bezie-
hen. Die holländische Regierung verspricht sich eine effektivere
Bekämpfung des Heroin- und Kokainkonsums durch die Freigabe von
Haschisch und Marihuana. Hiesige Politiker stehen dagegen mehr
auf dem Standpunkt, daß gerade durch die Freigabe der "weichen
Drogen" und erst recht durch durch die Umstellung von Heroinsüch-
tigen auf den "Ersatzstoff" Methadon der "Sucht Tor und Tür ge-
öffnet" werden.
Wie unterschiedlich ihre jeweiligen Drogengesetzgebungen im ein-
zelnen auch sein mögen: Daß Drogenabhängigkeit als Gefährdung der
sittlich-moralischen Grundlagen ihrer Gesellschaft zu bekämpfen
ist, davon gehen alle westlichen Industrienationen aus. Für Staa-
ten, die auf die willentliche Bereitschaft ihrer Bürger setzen,
sich in allen Lebenslagen den gesellschaftlichen "Rahmenbedin-
gungen" anzupassen, sind Leute, die ihr Hirn chemisch bekiffen,
ein nicht hinnehmbares Gefahrenpotential. Diese Sorte
Aussteigertum wird bekämpft oder - blumiger gesagt - als "soziale
Herausforderung" begriffen. Gerade der anerkannte liberale Stand-
punkt, nach dem Drogensucht als Krankheit anzusehen ist, unter-
streicht den staatlichen Handlungsbedarf. Die Vorstellung von
Drogenabhängigen, deren "Selbstkontrolle" einer kaum beherrschba-
ren Krankheit zum Opfer fällt, trifft ziemlich genau den Inhalt
der staatlichen Befürchtungen.
Dieser sehr prinzipielle Tauglichkeitsanpruch steht immer Pate,
wenn Politiker die Dringlichkeit der Drogenbekämpfung an Beispie-
len aus dem gesellschaftlichen Leben begründen. Man kann genauso
gut auf US-Senatoren verweisen, die sich für ihre Drogenbekämp-
fungs-Sitzungen mit einer Prise Koks fitmachen, wie auf Soldaten,
die sich in Vietnam mit Opium kriegstauglich gehalten hatten und
sich mit der Umstellung auf zivilere Umgangsformen schwertun, wo
man die Knarre auch mal wieder weglegen muß. Am liebsten verwei-
sen Politiker allerdings auf die Flut von Verbrechen, die sich an
die Kriminalisierung des Drogenkonsums anschließt - als wäre die
Gier nach Drogen schon von Natur aus dasselbe wie die "kriminelle
Energie", die sie jedem zur Last legen, der Verbotenes tut.
Gegen die "kriminelle Energie" ist nach der Logik des bürgerli-
chen Gemeinwesens K r i m i n a l i s i e r u n g angesagt; das
ist schließlich d i e Waffe des Rechtsstaats, wo immer ihm die
Sitten und Gebräuche nicht passen, mit denen sich seine Unterta-
nen in ihren Lebensverhältnissen einrichten. Da kennt er nur ein
Rezept: verbieten und die Verbots-Übertretung bestrafen. Daß Ver-
bieten und Verhindern nicht dasselbe ist, ist dabei durchaus be-
kannt. Der Staat rechnet schließlich bei jedem Verbot damit, daß
alle Umgangsformen, die er per Gesetz zum Verbrechen erklärt, in
seiner Gesellschaft dauernd auf der Tagesordnung stehen und dort
auch stehen bleiben. So glaubt auch bei der Kriminalisierung des
Drogenkonsums ernsthaft kein Mensch, daß die Drogengesetze zur
Abschaffung des Drogenkonsums beitragen.
Das staatliche Verbot führt nur zu einem: Beide Seiten - Leute,
die die verbotenen Bedürfnisse haben, und die, die daraus ein Ge-
schäft machen - stellen sich auf das Verbot ein. Ihre kriminellen
Karrieren sind damit für beide Abteilungen vorprogrammiert. Für
die Geschäftswelt bedeutet Illegalität nicht das Ende ihres Ge-
schäfts, sondern eine zusätzliche Geschäftsbedingung: Gegenüber
den Staatsorganen steht Abschirmung und Bestechung an. Was die
Konkurrenz betrifft, so kann man in der Branche auf das bürgerli-
che Rechtssystem mit seinem Vertragsrecht, seinen Handelsregi-
stern, seiner Gerichtsbarkeit und seinen Gerichtsvollziehern be-
greiflicherweise nicht mehr bauen. Ohne Ordnungs- und Aufsichts-
Instanzen ist ein Geschäftsleben aber nicht zu machen. Für Ord-
nung und Aufsicht bis hin zu eigenen "Gerichten" sorgt die Bran-
che also selbst; und die Konkurrenz wird nicht mehr mit den übli-
chen, überwiegend rechtlich geschützten Mitteln als Kampf ums Mo-
nopol abgewickelt, sondern als Bandenkrieg ums Monopol. So was
nennt sich dann "Mafia" und gilt allgemein als der Gipfel aller
Scheußlichkeiten. Dabei könnte man die Sache auch mal als kleinen
Hinweis sehen, für welche ehrenwerten Aufgaben die legale Ge-
schäftswelt auf die stinknormale staatliche Gerichtsbarkeit zu-
rückgreifen kann, wieviel Gewalt also der Rechtsstaat seinen
Kaufleuten zur Verfügung stellt. Die Organisation eines florie-
renden illegalen Geschäftslebens schafft im übrigen jede Menge
Unkosten; aber mit dem staatlichen Verbot ist ja noch eine wei-
tere Geschäftsbedingung in die Welt gekommen: Auf Basis des Ver-
bots läßt sich aus dem Drogengeschäft hemmungslos Geld schlagen,
ab jetzt können für Rauschgifte horrende Monopolpreise verlangt
werden. Was da "kriminelle Energie" heißt, ist Geschäftstüchtig-
keit - sonst nichts -, die ja auch im Normalfall keine Skrupel
kennen darf.
Für die Drogenkonsumenten wird es damit nicht nur schwierig und
gefährlich, sondern vor allem sündteuer, an den Stoff zu kommen.
Leute, die meistens sowieso kein Geld übrig haben, müssen sich
ausgerechnet ihr Aussteigertum Summen kosten lassen, die weit
jenseits der Kalkulationen von Normalverdienern liegen. (Der
"Tagessatz" für einen Heroinsüchtigen liegt in der BRD derzeit
bei 200 bis 300 DM.) Die zwei bis drei bekannten Touren, durch
"Beschaffungskriminalität" zu Geld zu kommen - Prostitution,
Diebstahl und Rezeptfälschereien -, sind in dieser Gesellschaft
schon vorgezeichnet. Das Verbot macht aus dem Aussteigertum eine
kriminelle Laufbahn.
Jetzt hat der Rechtsstaat endlich sein Problem - er hat Krimina-
lität zu bekämpfen. Eine ganze Abteilung seiner Gesellschaft ist
voller Gesetzesbrecher - und daß sie seine Gesetze brechen, ist
für ihn Grund und Maßstab seines Eingreifens. Dem Staat geht es
ab jetzt um seine Rechtsordnung; die muß immer und überall durch-
gesetzt werden. Die Art und Weise, wie die Drogengeschäftswelt
auf das Verbot reagiert, registriert der Rechtsstaat als beson-
ders hartnäckigen Gesetzesbruch. Er muß "organisiertes Verbre-
chen" bekämpfen und feststellen, daß sich dieses Verbrecherwesen
seiner gewaltsamen Kontrolle oft entzieht:
"Die Stadt Miami ist das zentrale Einfallstor für den illegalen
Drogenimport in die Vereinigten Staaten... Das Miami Police De-
partment ist von Korruption durchsetzt... Polizisten bekommen
fast alles, was sie wollen (Güter, Dienstleistungen, Sex, Drogen,
Alkohol), umsonst... Gewalttätige Verbrechen wurden von Polizi-
sten begangen, vor allem gegen Drogenhändler. Keines der Opfer
beschwerte sich jemals, denn sie waren froh, von den Polizisten
nur um ihr Eigentum (Geld und Drogen) gebracht worden zu sein,
ohne auch ihre Freiheit zu verlieren. Die Drogen wurden von den
Polizisten dann wieder in den, normalen Geschäftskreislauf ge-
bracht. Auch Tote gab es bei solchen Überfällen gelegentlich...
Städte wie Miami profitieren in großem Stil vom Drogengeschäft,
besonders die dort tätigen Bankiers, Steuerberater, Anwälte, Ar-
chitekten, Grundstücksmakler und Autoverkäufer." (Süddeutsche
Zeitung, 10.10.)
Sobald der Befund lautet: Verbrecherbanden stellen eine "eigene
Macht im Staate" dar, hält jeder anständige Rechtsstaat die Dro-
genkriminalität endgültig für untragbar. Dann gilt das
"organisierte Verbrechen" genauso wie die Zunahme von Rausch-
giftsüchtigen, die sich durch "Beschaffungskriminalität" über
Wasser halten, als Indiz für eine potentielle Entmachtung der
Staatsgewalt, deren Gewaltmonpol unter allen Umständen wieder
hergestellt werden muß.
Die gewaltsame Durchsetzung der staatlichen Rechtsordnung ist et-
was anderes als Schutz vor Rauschgiftsucht oder Schutz vor der
Folge-Kriminalität. Aufrechte Demokraten können zwischen Schutz
und Staatsgewalt allerdings nie unterscheiden. Leute, die staat-
liche Gewalt als Universal-Heilmittel für "gesellschaftliche Pro-
bleme" schätzen, begrüßen jeden Staatseinsatz gegen Drogenverbre-
chen als höchst moralischen Dienst an Familien mit drogensüchti-
gen Kindern oder der gefährdeten Jugend überhaupt. Und wenn dann
auch noch Bilder von Drogentoten aus Bahnhofstoiletten durch die
Presse gehen, bleibt endgültig kein Auge trocken, und alle ver-
antwortungsbewußten Menschen sind sich einig, daß der Staat
gefordert ist. Dabei ist die Wahrheit genau umgekehrt: Jeder Dro-
gentote geht auf das Konto der Staatsgewalt.
Das Rauschgiftgeschäft - eine internationale Wachstumsbranche
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Alles, was zur Herstellung und Verbreitung der Ware Rauschgift
nötig ist, ist für Geld zu haben: Die chemischen Substanzen und
Laboreinrichtungen, die zur Aufbereitung der Koka- und Mohnpflan-
zen zu Kokain und Opium erforderlich sind, werden von europäi-
schen und US-Chemiekonzernen geliefert; Transportmittel und Ver-
packungsmaterial für das Endprodukt sind ebenfalls problemlos zu
beziehen. Alles das wird aus höchst ehrenwerten Geschäftskalkula-
tionen produziert oder bereitgestellt und steigert irgendwo auf
der Welt das Bruttosozialprodukt. Denn selbstverständlich ist das
Drogengeschäft - wie jedes großes Geschäft - als internationales
organisiert.
Und selbstverständlich wird auch in dieser Branche um das zah-
lungfähige Bedürfnis konkurriert. Der Markt bietet ein vielfälti-
ges Angebot: die sogenannten "klassischen Rauschgifte" - Kokain
aus Südamerika, Opiate aus Südostasien - werden Jahr für Jahr um
neue synthetisierte Drogen ergänzt. "Designerdrogen" nennt die
Fachwelt dieses Zeug - und mit jeder neuen Kreation wird eine
neue "Suchtmode" eingeleitet. Welches Produkt sich am Markt
durchsetzt, hängt wie immer von den Geschäftsbedingungen ab: Lie-
ferschwierigkeiten bei Kokain erhöhen erstens dessen Marktpreis
und steigern zweitens die Absatzchancen für Heroin:
"Das goldene Dreieck hat unerwartet Hochkonjunktur. Während die
Welt alle Aufmerksamkeit auf den blutigen Rauschgiftkrieg in Ko-
lumbien richtet, nutzen die Drogenbarone Südostasiens ihre Markt-
chancen... Schon jetzt hat Südostasien nach Einschätzung US-ame-
rikanischer Rauschgiftexperten seine führende Rolle als Heroin-
lieferant der USA wiedererlangt. Der Generalsekretär der thailän-
dischen Rauschgiftbehörde... rechnet mit einem Anstieg der Opium-
produktion der Region in diesem Jahr von 1500 Tonnen um 60 Pro-
zent auf 2400 Tonnen. " (Frankfurter Rundschau, 12.9.)
Wenn das kein Sieg der Marktwirtschaft ist!
Das Geschäft mit Drogen klappt vor allem deswegen weltweit, weil
die dafür entscheidende Geschäftsbedingung zur Verfügung steht:
eine internationale Bankenwelt, die dafür sorgt, daß überall auf
der Welt mit Dollar Geschäfte zu machen sind. Aus welcher Sorte
Geschäft die Dollars stammen, die sich in den Filialen der Groß-
banken sammeln - das ist diesen schönen Scheinen ja nie anzuse-
hen; das ist gerade der Witz am Geld. Den Unterschied zwischen
"schwarzem" und "gewaschenem" Geld haben schließlich nicht Ban-
kiers erfunden, für die ist Geld Geld - wie für jeden Normal-
sterblichen auch. Es gibt überhaupt nur einen Gesichtspunkt, un-
ter dem gutes echtes Geld "schmutzig" werden kann: den Standpunkt
der staatlichen Steuergesetzgebung. Das ganze Problem einer soge-
nannten "Geldwäsche" besteht folglich darin, einen Dreh zu fin-
den, mit dem Gewinne aus Drogengeschäften dem Staat als legitimer
Besitz präsentiert werden können. Wo man "Schwarzgeld" am ge-
schicktesten plaziert, welche Scheinfirmen mit schlecht überprüf-
baren Bilanzen man sich beispielsweise zulegen muß oder welcher
Bankkredit für diesen Zweck besonders günstig ist, darüber kann
man sich heutzutage garantiert bei jedem mittelmäßigen Steuerbe-
rater informieren - ganz zu schweigen von den Schatzmeistern
sämtlicher demokratischer Parteien.
Die Bevölkerung ganzer Länder ist vom Geschäft der Rauschgiftkar-
telle abhängig geworden. Auch das ist überhaupt nichts beson-
deres, sondern eine ganz normale Begleiterscheinung unseres frei-
heitlichen Weltmarkts. Wenn schon das Geschäft mit so harmlosen
Sachen wie Kakao und Schokolade über das Überleben oder Verhun-
gern ganzer Völkerschaften in der 3. Welt entscheidet, weil das
einzig Interessante an dem Zeug sein Weltmarktpreis ist - der in
diesen Fällen allerdings nicht im Straßenverkauf, sondern an den
Börsen der Weltwirtschaftsmächte festgelegt wird -, dann gilt das
Gleiche selbstverständlich auch für den Anbau von Koka-Pflanzen.
Und natürlich gilt auch bei der Produktion von Rauschgift - wie
bei jedem anständigen Geschäft mit Rohstoffen aus exotischen Län-
dern -, daß eine kleine Geschäfts-"Mafia" Riesengewinne absahnt
und die landwirtschaftlichen und sonstigen Zuarbeiter mit den
ortsüblichen Hungerlöhnen versorgt werden. Ganz nebenbei hat man
übrigens in den letzten Wochen erfahren, daß die betroffene Land-
bevölkerung, die den Drogenkartellen zuarbeitet, besser lebt als
Landarbeiter auf hochanständigen legalen Plantagen. Um sich ihr
dienstbares Volk gewogen zu halten, lassen die südamerikanischen
Drogenbarone nämlich die eine oder andere "Sozialleistung" sprin-
gen. Das hat eine United Fruit Company nicht nötig.
Nicht das Rauschgift sorgt für Produktionsverhältnisse, die ganze
Landstriche vom Anbau der entsprechenden Rohmaterialien abhängig
machen, sondern die weltweite Zirkulation des Geldes, das damit
zu verdienen ist. Für die Gültigkeit dieser weltweiten Geschäfts-
bedingung sorgen bekanntlich die Staaten, die sich zu Recht Welt-
wirtschaftsmächte nennen.
Ein florierendes weltweites Geschäft wird weltweit kriminalisiert
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Die Klage aller verantwortlichen Politiker, der Drogenkriminali-
tät sei mit den Mitteln der normalen Verbrechensbekämpfung nicht
beizukommen, hat ihren Grund darin, daß Drogenhandel als
i n t e r n a t i o n a l e r Geschäftszweig organisiert ist.
Für die Führer der westlichen Industrienationen steht damit fest,
daß sie ihren Drogenkampf nicht auf ihren eigenen Hoheitsbereich
beschränken können, sondern a n d e r e S t a a t s g e w a l-
t e n für ihr Verbrechensbekämpfungs-Interesse mit in Anspruch
genommen werden müssen. So wird aus ihrem innenpolitischen
Rechtsproblem ein a u ß e n p o l i t i s c h e r A n-
s p r u c h an den Rest der Staatenwelt. Wie der zwischenstaat-
liche Dialog zwischen Drogenanbau- und "Abnehmer"-Länder abläuft,
steht dabei fest: Die westlichen Führungsmächte treten nicht in
Verhandlungen ein, in denen um Interessen gefeilscht wird; sie
verlangen die Übernahme ihres Fahndungs- und Bestrafungs-
Standpunkts.
Die USA machen den Hauptanbau-Ländern der Koka-Pflanze - Kolum-
bien, Peru und Bolivien - das großzügige "Angebot", sie beim
Kampf gegen die Drogenkriminalität zu "unterstützen". Diese
"Hilfsangebote" sind nichts anderes als eine imperialistische
Vorschrift. Die Staatsmänner vor Ort haben von sich aus nämlich
gar kein gesteigertes Interesse, den Anbau von Koka-Pflanzen und
den Handel mit Drogen zu behindern und zu kriminalisieren.
Sie haben in ihrer Gesellschaft erstens überhaupt kein Drogenpro-
blem wie die USA oder die westeuropäischen Staaten. Im Gegenteil,
in diesen Regionen der freien Welt wird das Kauen von Koka-Blät-
tern als Mittel geschätzt, mit dem sich die Massen für ihre be-
schissenen Lebensverhältnisse fithalten. Und damit ist der Dro-
genkonsum in diesen Ländern tatsächlich etwas anderes als in den
westlichen Industrienationen. Hierzulande muß man sich schon
einen psychologischen Vers auf seine Lebensumstände machen, um
auf Drogen als "Lösung" zu verfallen. Für lateinamerikanische
Campesinos sind Koka-Blätter ein Lebensmittel in einem brutaleren
Sinn. Ohne die Hunger- und Kältegefühl betäubende Wirkung der
Droge sind die ganz normalen ortsüblichen Lebensbedingungen für
die Mehrzahl der dortigen Bevölkerung nicht auszuhalten; Lebens-
bedingungen, über die mittlerweile längst nicht mehr durch die
Launen der Natur, sondern an den internationalen Rohstoffbörsen,
auf Weltwirtschaftsgipfeln und IWF-Tagungen entschieden wird. Die
Zurichtung der dortigen Ökonomien nach den Bedürfnissen des welt-
weiten Geschäfts hat dafür gesorgt, daß die angeblich
"traditionelle Neigung der ortsansässigen Indios zum Koka-Konsum"
nicht aus der Mode kommt. Wenn man das Ganze natürlich stur umge-
kehrt betrachtet, kann man als kritischer Intellektueller lässig
so tun, als wäre die tägliche Koka-Ration fürs Aushalten der
Schufterei in südamerikanischen Bergwerken letztlich auch nur
eine Art Indio-Folklore:
"In Bolivien und Peru hat der Koka-Anbau seit den vorkolonialen
Zeiten Tradition. Koka-Blätter zu kauen, gehörte zu den religiö-
sen Riten und dient noch heute zur Stimulierung für die schwere
Arbeit von Bauern und Bergleuten im Anden-Hochland." (Süddeutsche
Zeitung, 15.9.)
Von sich aus haben die ortsansässigen Staatsgewalten zweitens
erst recht keinen Grund, die sogenannten "Drogenbarone" zu krimi-
nalisieren. Warum sollten sie einer wichtigen Fraktion ihrer bes-
seren Gesellschaft, einem blühenden Zweig ihrer Nationalökonomie
und der einzig florierenden Devisen-Einkommensquelle ihres Staa-
tes das Wasser abgraben?
"I Bolivien wird bei einem Sozialprodukt von umgerechnet rund
acht Milliarden Mark der Umfang des Koka-Schmuggels mit dem Aus-
land auf sechs Milliarden Mark geschätzt. Was wirklich davon ins
Land fließt, nämlich rund eine Milliarde Mark, entspricht der
Hälfte der Erlöse aus den traditionellen Exporten von Erdgas,
Zinn und Gold. Die... Stabilisierung des vorher durch Hyperinfla-
tion von 24.000 Prozent geplagten Landes wird von Experten zu ei-
nem erheblichen Teil der offiziell geduldeten Geldwäsche von Dro-
gen-Dollars zugeschrieben." (Süddeutsche Zeitung, 15.9.)
"Es wird geschätzt, daß heute fast ein Viertel der arbeitsfähigen
Bolivianer direkt oder indirekt vom Drogengeschäft leben... ca.
100 Mio. US-Dollar gehen an die Beschäftigten der Kokaindustrie
(Chemiker, Spezialisten für den Geldtransfer, Cocabauern, Coca-
stampfer, Spediteure, Sicherheitskräfte und andere qualifizierte
Fachleute), der Rest verbleibt in den Händen der zehn oder fünf-
zehn Familien, die das Drogengeschäft kontrollieren."
(Süddeutsche Zeitung, 10.10.)
"In Peru... hat der Koka-Schmuggel einen Anteil von etwa 6,5 Mil-
liarden Mark am Sozialprodukt von rund 30 Milliarden. Die im Land
verwendeten Drogen-Devisen werden auf 1,4 Milliarden Mark ge-
schätzt, also rund 25 Prozent der Exporterlöse." (Süddeutsche
Zeitung, 15.9.)
"In welchem Maße in Kolumbien Arheitsplätze durch die Mafia ge-
schaffen wurden, zeigte sich während der jüngsten Razzien bei der
Besetzung von mehr als 200 Haciendas durch die Sicherheitskräfte:
Baugewerbe und Einrichtungsfirmen müssen jahrelang beschäftigt
gewesen sein und viel daran verdient haben. Ein Heer von Ange-
stellten und Landarbeitern war auf den Gütern im Einsatz. Agrar-
experten hatten schon vorher neidlos anerkannt, daß die Landwirt-
schaft, besonders die Viehzucht, in vielen Regionen durch die
neuen Gutsbesitzer einen erfreulichen Aufschwung nahm. Rinderher-
den von 200.000 Stück sind im Besitz der Drogenbarone."
(Süddeutsche Zeitung, 15.9.)
"Die Zahl der Menschen in Peru, die ihren Lebensunterhalt beim
Drogen-Multi verdienen, wird auf mehr als 500000 geschätzt - Bau-
ern, Pflücker, Verarbeiter, Händler und viele andere."
(Frankfurter Rundschau, 9.9.)
Na bitte da sprechen doch wohl lauter höchst ehrenwerte wirt-
schaftspolitisch vernünftige Gesichtspunkte für das Drogenge-
schäft. Sogar jede Menge Arbeitsplätze werden durch den Koka-Han-
del geschaffen. Für Leute, die den Dienst am Geschäft für das be-
ste aller Lebensmittel halten und die deshalb hierzulande noch
jede Geschäftskalkulation mit dem "Arbeitsplatz-Argument" recht-
fertigen, muß das alles doch voll in Ordnung gehen.
"Arbeitsplätze" damit läßt sich in einer freien Marktwirtschaft
bekanntlich alles begründen, z.B. neulich die Schaffung des bun-
desdeutschen Daimler-MBB-Rüstungskonzerns, dessen Produkte ja
auch nicht gerade das Gesündeste sind.
Wenn "der Koka-Anbau die gewinnbringendste Kultur für diese Re-
gionen ist; und Kokain der einzig Rohstoff Lateinamerikas ist,
dessen Preis in den letzten Jahren gestiegen ist" (der peruani-
sche Präsident Garcia), dann ist der Anbau und Export von dem
Zeug nach allen Regeln des freien Weltmarktes das einzig Senk-
rechte für diese Staaten. Mit den Weltmarktpreisen ist das näm-
lich so eine Sache: Je mehr eine Nation auf den Export eines Roh-
stoffes setzt, um so schlechter wird ihre Position bei den Prei-
sen. Gerade Kolumbien hat mit dieser Sorte Marktmechanismus vor
kurzem seine Erfahrungen machen können. Im Sommer hat die US-Re-
gierung im Namen der freien Marktkräfte das internationale Kaf-
fee-Abkommen mit seinen Garantiepreisen für Rohkaffee zu Fall ge-
bracht. "Der Markt" hat selbstverständlich sofort reagiert:
"Der wirtschaftliche Schaden Kolumbiens durch den fünfzigprozen-
tigen Preisverfall am internationalen Kaffeemarkt wird mit rund
400 Millionen Dollar angegeben." (FAZ, 14.9.)
Wenn die Gesetze des freien Marktes schon so hervorragend sein
sollen, wieso sollen sich dann eigentlich kolumbianische Wirt-
schaftspolitiker nicht auf den Standpunkt stellen, daß gegen die
Marktkräfte in Harlem und im Frankfurter Bahnhofsviertel nichts
zu machen ist? Wieso sollten ausgerechnet die Lateinamerikaner
Rücksicht nehmen auf die Volksgesundheit fremder Völker, deren
Konsumenten ihren Geschäftsleuten Kokain abkaufen, und das sogar
zu happigen Preisen: Südamerikanische Politiker befinden sich
doch in bester Gesellschaft, wenn sie weit und breit kein Problem
sehen, bloß weil sich die Untertanen ihrer Kollegen in USA und
Westeuropa in so großer Zahl eine Sucht zugelegt haben. Präsident
Bush sorgt sich ja auch nicht übermäßig, wenn seinen kolumbiani-
schen Kollegen die Kaffeebauern verhungern. Und wieso sollen
Staaten, in denen amerikanische Konzerne in ganzen Landstrichen
das Sagen haben und sich wie die Staatsmacht aufführen dürfen,
darunter leiden, wenn Drogenbarone mit ihren Aufsehern und Pri-
vatarmeen für eine ihnen genehme Ordnung sorgen?
Aber das ist eben der entscheidende Unterschied zwischen den
Staatschefs der Koka-Länder und einem US-Präsidenten oder EG-Au-
ßenminister. Letztere können die Staatsgewaltigen in Kolumbien,
Bolivien oder Peru so unter Druck setzen, daß die sich den Sorgen
der Weltwirtschaftsmächte beugen und auch bei sich zu Hause das
Drogengeschäft verbieten. Derzeit zwingt der US-Präsident seinem
kolumbianischen "Hinterhof" einen mittelprächtigen Bürgerkrieg
auf, den sich dort kein Mensch bestellt hat. Die einheimischcn
Richter jedenfalls hatten offensichtlich mit der bisherigen orts-
üblichen Rechtsauffassung keine größeren Probleme, nach der Dro-
gen-Bosse aus Mangel an Beweisen nicht zu verurteilen waren, in
kolumbianischen Gefängnissen herrschaftlich residierten oder
gleich wieder freigekauft wurden. Jetzt sollen sie anhand einer
von US-Behörden erstellten "schwarzen Liste" "Schwerverbrecher"
aussortieren und zur Aburteilung an die USA ausliefern. Dafür
spendiert ihnen Washington ein paar kugelsichere Westen. Die ko-
lumbianische Regierung kriegt - ob sie will oder nicht - US-Mili-
tärberater zur Unterstützung im "Drogenkrieg" und zusätzlich 65
Millionen Dollar "Krisenhilfe" zur Bewältigung einer Krise, die
sie ohne die tatkräftige Unterstützung durch USA überhaupt nicht
hätte. (Nur nebenbei: Daß 65 Millionen Dollar ungefähr ein Sech-
stel der 400 Millionen sind, die Kolumbien durch die Kündigung
des Kaffee-Abkommens an Devisen weniger einnimmt - das konnte so-
gar die FAZ ausrechnen.) Die USA fordern von den Regierungen der
"Anbauländer" die Unterstützung in einem Kampf, der gegen die na-
tionalen Interessen dieser Staaten gerichtet ist. D a s hat
überhaupt erst dazu geführt, daß sich die dort herrschenden Par-
teien und die führende Geschäftswelt, die sowieso weitgehend per-
sonalidentisch sind, in die beiden gegnerischen Fraktionen des
"kolumbianischen Drogenkriegs" gespalten haben, dessen Leichen
die hiesige Öffentlichkeit seit ein paar Monaten zählt.
Eines stand dabei allerdings von vornherein fest: Keine latein-
amerikanische Regierung kann und will es sich leisten, das
"Hilfsangebot" der USA abzulehnen, also setzen sie umgekehrt dar-
auf, daß ihre Hilfsdienste im US-Drogenkampf durch ein paar zu-
sätzliche Dollar-Millionen für ihre Staatskassen honoriert wer-
den. Außer matten Appellen an die UNO und die Industrienationen,
daß "das Rauschgiftproblem nicht zuletzt eines von Angebot und
Nachfrage" sei, bestand das Ergebnis einer Sonderkonferenz der
Regierungschefs der wichtigsten lateinamerikanischen "Rauschgift-
Anbau-Länder" Anfang Oktober konsequenterweise im wesentlichen in
einer Bereitschaftserklärung, mit Präsident Bush auf einem Dro-
genkampf-Gipfeltreffen die weitere Zusammenarbeit zu koordinie-
ren. Unter diesen Voraussetzungen verbietet sich natürlich jeder
offizielle Deal mit der Drogenmafia. Deren umfassende Waffen-
stillstands-Angebote von der großzügigen Offerte, die Hälfte der
kolumbianischen Auslandsverschuldung in Höhe von 2 Milliarden zu
bezahlen, bis zur Bereitschaftserklärung, den Drogenhandel einzu-
stellen, wenn die Regierung von Auslieferungen an die USA absieht
- werden abgelehnt.
Der Bombenterror in kolumbianischen Städten geht als weiter.
Die Drogenkartelle sind für diesen Kampf gerüstet - auch das ist
ein Resultat des freien Weltmarkts, auf dem alles käuflich ist.
Käuflich sind nicht nur die zuständigen Politiker, sondern vor
allem die zur Ausrüstung von Privatarmeen nötigen Waffen, ein-
schließlich staatlicher Militärausbilder - Reservisten aus Is-
rael, England und USA wurden gesichtet. Die Bildung von
"Selbstverteidigungsgruppen" ist Kolumbiens Großgrundbesitzern
gesetzlich ausdrücklich erlaubt - zur Bekämpfung der linken Gue-
rilla. Und das ist ja wohl erst recht im Sinne des freien Welt-
handels.
Wenn Imperialisten zu Hause ein "Problem" haben, dann verlangen
sie als erstes mehr Macht für sich; und wenn sie entdecken, daß
an ihrem Problem fremde Staaten beteiligt sind, dann fällt ihnen
als Allererstes ein, daß sie mehr Macht über diese fremden Staa-
ten brauchen. In diesem Sinne kriegt Kolumbien einen Bürgerkrieg
und ganz Lateinamerika zusätzliche Militärberater spendiert. So
erfrischend schlicht und eindeutig sehen die Macher der Weltwirt-
schaft die internationalen Verhältnisse.
Der Drogenkrieg - eine imperialistische Offensive
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Der Beschluß von Präsident Bush, den "Kampf gegen die Drogenseu-
che" im Innern zu verschärfen, fällt mit einer Prüfung der Reich-
weite US-amerikanischer Macht nach außen zusammen. Wenn der Prä-
sident der USA sich entschließt, in der Drogenkriminalität ein
Indiz für eine Infragestellung der US-Staatsgewalt und eine Be-
drohung für den Bestand der Nation zu sehen, dann ist eine Über-
prüfung auswärtiger Staatsgewalten fällig. Denn daß alle anderen
Staaten den USA bei der Bewältigung der Drogenkriminalität zu
helfen haben, steht schon längst fest. Die westliche Weltmacht
sortiert den Rest der Staatenwelt dann nach dem einzigen Maßstab,
den sie in Machtfragen kennt, nämlich ob und inwiefern die Unter-
stützung durch fremde Souveräne zu wünschen übrig läßt - sei es,
daß sie nicht können, nicht genügend wollen oder - im schlimmsten
Falle - weil sie den USA Schaden zufügen wollen: Alliierte, po-
tentiell gefährliche Neutrale und Gegner - so teilt sich für
einen US-Präsidenten die Welt immer ein.
In diese Weltpolizei-Sicht lassen sich alle Schranken und Pro-
bleme, auf die die US-Macht schon immer gestoßen sein will, auch
unter dem Obertitel "Kampf der Drogenmafia" einsortieren. Die
prinzipielle Unterscheidung zwischen Freund und Feind steht
schließlich fest: Grundsätzlich befreundete Staaten wie Kolum-
bien, Bolivien und Peru werden von Washington zur besseren Koope-
ration gemahnt. Bei Figuren wie Panamas Noriega, den die USA
schon seit einiger Zeit nicht für die optimale Besetzung ihrer
Panamakanal-Verwaltung halten, sieht die Sache anders aus. Da
lautet der Vorwurf: Drogenhändler aus böser Absicht. Staaten, die
der freie Westen dauernd als Feinde im Visier hat - wie Nicaragua
und Kuba -, werden als Drahtzieher des internationalen Drogenge-
schäfts "entlarvt", was zur Strategie der Aushöhlung und Unter-
wanderung der USA, von der man bei ihnen sowieso ausgeht, passen
soll. Und falls der US-Präsident demnächst mal wieder eine
"Strafaktion" gegen Libyen für angebracht halten sollte, kann man
sich ziemlich sicher sein, daß Gadafi bei Drogenschiebereien er-
wischt wurde. Die kubanische Führung hat den Ernst der Lage of-
fensichtlich schnell begriffen, als im letzten Sommer aus
Washington der Vorwurf an sie erging, in ihren Reihen würden sich
Drogenhändler tummeln. Sie hat umgehend Todesstrafen verhängt und
vollstreckt, auch gegen "verdiente Helden der Nation", um damit
den USA jeden Anlaß für Feindschaftserklärungen unter dem Motto
"Drogenkampf" zu nehmen.
"Kampf der Drogenmafia" ist nicht Vorwand, sondern eine Spielart
des imperialistischen Ordnungsanspruchs der USA: Insofern ist es
sehr sachgerecht und kein Zeichen von Inkonsequenz, wenn sich die
maßgeblichen Machthaber bei der Abwicklung ihres Drogenkampfs an
haargenau den einen Sortierungsmaßstab halten, den sie kennen: Wo
und durch wen sehen sie ihre Macht beschränkt. Dieser Ordnungsan-
spruch trennt sich dann schon mal von dem Anliegen, immer und
überall das Drogengeschäft zu bekämpfen. Als die US-Regierung im
letzten Jahr Wirtschaftssanktionen gegen Birma verhängte, hat es
sie offenbar nicht sonderlich erschüttert, daß sie damit "auch
ihre Hilfe bei der Rauschgiftbekämpfung im goldenen Dreieck ein-
gestellt hat" (Frankfurter Rundschau, 12.9.). Und daß die nicara-
guanischen Contras ihr Budget für Waffenkäufe durch Kokain-
Schmuggel aufbessern, ist genauso bekannt wie die Opiumgeschäfte
"unserer afghanischen Freiheitskämpfer". Aus übergeordneten Erwä-
gungen einer Weltordnung, die der amerikanischen Macht nützt, muß
gewissen Drogenhändlern eben Freiraum gelassen werden Das ist we-
der ein Widerspruch zum "weltweiten Drogenkrieg", noch ist dieser
ehrenwerte Titel ein bloßer Vorwand für imperialistisches Zu-
schlagen. Was soll dem Führer der US-Weltmacht denn auch sonst
einfallen, wenn er "Probleme" entdeckt, außer dem Programm, das
er immer schon verfolgt?
Seinen westeuropäischen Partnern ist - wie immer - haargenau das-
selbe eingefallen. Seit Bush den "Drogenkrieg" ausgerufen hat,
betätigen sie sich als eifrige Mitstreiter und entdecken dabei -
wie immer - lauter ureigene Ordnungsansprüche, die sie erstens
gegen die jeweiligen europäischen Partner und zweitens gemeinsam
als "zukünftiger europäischer Binnenmarkt" gegen die restliche
Staatenwelt in Anschlag bringen.
Das Programm "Krieg der Droge" rettet zwar unter Garantie kein
Drogenopfer in Harlem, Westberlin oder sonstwo - wie sollte es
auch. Die guten Gründe, die für die Entstehung dieses Geschäfts-
zweigs gesorgt haben, sind inzwischen in den Rang von
"Schwierigkeiten" aufgestiegen, die sich allen Staatsmännern
guten Willens bei der Bekämpfung der Drogenmafia entgegenstellen.
Das mit dem Gift verdiente Geld, die gute Organisation, der Ein-
fluß, kurz: die Macht und das durch sie erworbene Recht sollen
ja, jedem seriösen bürgerlichen Beobachter zufolge, einen Sieg im
Drogenkrieg vereiteln. Ohnmacht freilich ist garantiert nicht im
Spiel; eher schon die Fortsetzung der stinknormalen Komplizen-
schaft zwischen Geschäft und Gewalt.
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