Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA EL-SALVADOR - Mittelamerika
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Wochenschau
EL SALVADOR, CUBA UND DIE "SICHERHEIT" DES WESTENS
Die Ereignisse in Mittelamerika kann man so sehen: Eine von den
USA eingesetzte, bewaffnete und unterstützte Clique von Militärs
und Großgrundbesitzern führt einen Vernichtungsfeldzug gegen
Teile des eigenen Volkes, wobei das "Wüten einer barbarischen
Soldateska" keineswegs "sinnlos" oder "blind" ist, sondern der
militärischen Überlegung gehorcht, daß eine Guerilla, die ohne
ihre Unterstützung im Volk keine Chance gegen die Truppe hat, am
gründlichsten dadurch geschlagen wird, daß alle Leichen im Kampf-
gebiet, abzüglich der Soldaten, als gefallene Aufständische ge-
zählt werden. "Counterinsurgency" schließt verbrannte Erde, Mas-
saker an "unschuldigen Frauen und Kindern" und das Prinzip, keine
Gefangenen zu machen, ein. Kurz: Die US-Regierung ist entschlos-
sen, eine Machtübernahme der salvadorianischen Aufständischen zu
verhindern; und wenn dabei die halbe Bevölkerung draufgeht, so
ist das kein Exzess, sondern gehorcht einem Kalkül, dessen Resul-
tate billigend in Kauf genommen werden:
"Mit den Worten 'Ich weiß nicht, was passiert ist', kommentierte
Unterstaatssekretär Thomas B. Enders vom State Department bei ei-
ner Anhörung im interamerikanischen Untersuchungsausschuß des Se-
nats Berichte, daß Junta-Truppen 17 bis 20 Zivilisten ermordet
hätten."
Die demokratische Öffentlichkeit, vertreten durch ihre Presse,
sieht es aber ganz anders. Da ist von einer "tiefen Verstrickung
der Vereinigten Staaten in die inneren Händel" (Süddeutsche Zei-
tung vom 3. Februar) die Rede, als ob sich der Henker in seinem
eigenen Strick verfangen hätte, weswegen jetzt nicht das Leben
der Salvadorianer zählt, sondern viel mehr "auf dem Spiel steht",
nämlich etwas so Gewaltiges wie "Amerikas Glaubwürdigkeit". Der
"Spiegel" von letzter Woche zählt alle Grausamkeiten des Duarte-
Regimes nur zu dem Zweck auf, die Erfolgsaussichten der amerika-
nischen Mittelamerikapolitik zu bezweifeln, und der Leitartikler
der Münchner "Abendzeitung" beklagt am 3. Februar den "Skandal",
der für ihn darin besteht, daß El Salvador die "Solidarität der
freien Welt mit Polen unglaubwürdig" mache. So wird keine Tatsa-
che über das Wirken der Freiheit in Mittelamerika verschwiegen
und dennoch die Wahrheit über den demokratischen Imperialismus
interessiert übersehen: Weil es nämlich weder in Polen noch in El
Salvador um die M e n s c h e n geht, die Reklamation von Men-
schen r e c h t e n die P o l i t i k ist, mit der der Westen
die Durchsetzung seiner Souveränität innerhalb und außerhalb sei-
nes Herrschaftsbereichs betreibt, verfolgt sie in Polen und in
Salvador das g l e i c h e P r i n z i p: Die "Freiheit" für
die Polen nützt dem Westen, weil sie ein Regime des Gegners un-
tergräbt, Freiheit des Waltens in Mittelamerika muß jedoch den
Militärs gesichert werden, weil diesbezügliche Ansprüche der Un-
tertanen den Freien Westen gefährden sollen. Weil dies für den
westlichen Beobachter selbstverständlich ist, passieren auch Zy-
nismen wie der folgende des bereits zitierten Mr. Enders kommen-
tarlos als Selbstverständlichkeiten:
"In El Salvador ist der Entscheidungskampf für Zentralamerika im
Gang, denn wenn nach Nicaragua auch El Salvador von einer gewalt-
tätigen Minderheit erobert wird, wer in Zentralamerika könnte
dann noch ohne Furcht leben?"
Die Toten brauchen keine Angst mehr zu haben vor jener gewalttä-
tigen Minderheit in den Regierungssitzen der Freien Welt, weswe-
gen, dieser Logik zufolge, alle Maßnahmen der USA bis hin zur mi-
litärischen Intervention bekanntlich immer der Befriedung dienen.
*
Um diese für ganz Mittelamerika zu bewerkstelligen, haben die USA
wieder einmal Cuba als letztendliche Ursache für alle
"Instabilitäten" in einer Gegend ausfindig gemacht. in der
"vitale Sicherheitsinteressen" der Weltmacht Nr. 1 auf dem Spiel
stehen sollen. Das ist natürlich gleich dreifach gelogen: Daß
z.B. ausgerechnet die Sandinistas von Nicaragua aus die amerika-
nischen Grenzen bedrohen sollen, ist wohl ein Witz und selbst die
salvadorianische Befreiungsfront wird nicht müde zu betonen, daß
sie nach dem Sturz der Junta keinerlei Hindernisse für "gute Be-
ziehungen" zu den USA sehen kann. Und sorgt es nicht gerade für
die Stabilität der amerikanischen Hegemonie in der Region, daß
sich kein Regime ohne US-Unterstützung halten und erst recht
keine Widerstandsbewegung gegen die "Sicherheitsinteressen" der
USA behaupten kann? Für die Zustände in den Staaten Zentralameri-
kas, die immer wieder einmal Widerstand hervorrufen, ist schließ-
lich nicht Cuba "verantwortlich". Cuba ist deshalb auch nicht das
Ärgernis, das der amerikanischen Politik im eigenen "Hinterhof"
dauernd in die Quere käme. Im Gegenteil: Seit über 20 Jahren ist
dieser "Stützpunkt des Sowjetimperialismus" in der westlichen He-
misphäre einer der H e b e l gegen die Sowjetunion, der stets
betätigt wird, wenn eine Offensive gegen den Hauptfeind vorgetra-
gen wird. Ein Zustand, der als Ergebnis der Cuba-Krise von 1962
zwischen Washington und Moskau vertraglich festgelegt worden ist:
Die SU darf den Sozialismus auf Cuba finanzieren, solange dadurch
nicht die "Sicherheitsinteressen" der USA tangiert werden. Dies
eröffnet den USA die Möglichkeit, immer dann, wenn der Hebel an-
gesetzt wird, auf Vertragsverletzungen der anderen Seite hinzu-
weisen. (Dann melden die Zeitungen, daß sich auf der Insel eine
Brigade zuviel oder ein unzulässiges Flugzeug mehr aufhält.) Zur
Zeit geht das so, daß vor dem Hintergrund einer militärischen In-
terventionsdrohung Haig dem cubanischen Außenminister in letzte
Woche "bekannt gewordenen" Geheimgesprächen das "großzügige Ange-
bot" gemacht hat, Castro könne jederzeit in die westliche Welt
zurückkehren und dann gäbe es für die USA an Cuba nichts mehr
auszusetzen. Dies ist natürlich keine Offerte an Cuba, sondern
ein eindeutiger Liebesgruß nach Moskau.
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