Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA EL-SALVADOR - Mittelamerika


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       Was brauchen  die Salvadorianer?  Was für eine Frage, schließlich
       weiß jeder, daß es sich dabei um Leute handelt, die entweder hun-
       gern oder  sich für Hungerlöhne an westliche Früchte- und Kaffee-
       gesellschaften verkaufen  müssen, und  die ansonsten einen harten
       Überlebenskampf gegen die Killertruppen ihrer Staatsgewalt führen
       müssen.
       Da brauchen sie natürlich nichts dringlicher als -
       

WAHLEN - FREI UND GEHEIM FÜR EL SALVADOR

Denn e i n e s soll für die Menschen El Salvadors nicht mehr hinnehmbar gewesen sein: Eine Regierung zu haben, der das Volk nicht ausdrücklich seine Unterwerfungsbereitschaft mitteilen durfte, die deshalb auch keine "legitime Regierung" war. Aufat- mend stellte die freie Welt, in der dieses angebliche Grundbe- dürfnis eines jeden Bürgers längst institutionalisiert ist, fest, daß mit der Präsidentenwahl "der Wille der Menschen, ... durch die Wahlentscheidung endlich eine legitime Regierung herbeizufüh- ren", zum Zuge kommen durfte. Ermöglicht wurde den Alvadorianern dies alles 1 durch den amerikanischen Präsidenten. Reagan sei Dank konnte die- ser in seinem Senat 61,7 Millionen Dollar Militärhilfe durchset- zen, den US-Flugzeugträger 'America' plus zwei Zerstörer und ein Tankschiff bis zum Sommer in die mittelamerikanischen Gewässer entsenden, zusätzlich noch etliche Aufklärungsflugzeuge, deren Anwesenheit bis zum Mai - dem Datum der Stichwahlen - zugesichert ist. Den "Sieg der Freiheit über die Tyrannei" (Reagan zum Wahl- ergebnis) läßt sich Amerika schon einiges kosten. Vor allem das Blut der "Tyrannen", von denen es dort gemäß US-Berechnungsart bekanntlich nicht wenige gibt. Man denke nur an die Nicaraguaner, die sich nicht freiwillig von den Söldnern der Freiheit üherfal- len lassen wollen, oder an die salvadorianische Guerilla, auch "Kommunistengesindel" genannt, die sich den Todesschwadronen nicht beugt und meint, sie müßte gegen die Verelendung kämpfen... Nie war es deutlicher als jetzt, daß deren Bekämpfung und Ausrot- tung ein Gebot der Demokratie und des Volkswillens ist: dieser hat schließlich ein Recht auf gesicherte Wahlen! 2 Auch das salvadorianische Herrschaftspersonal war bemüht, alles in seiner Macht stehende für eine reibungslose Stimmabgabe zu tun: - Eine Wahlalternative wurde aufgeboten: Auszuwählen war, ob der mittelamerikanische Frontstaat die Vernichtung innerer und äuße- rer Feinde der Freiheit künftig mit der offiziellen Armee oder mit der rechten Privatarmee oder mit beiden wahrnehmen soll. Der Befreiungsfront hatte man eine Beteiligung an den Wahlen an- geboten. Natürlich nur unter der Bedingung, daß sie vorher ihre Waffen abliefert und sich Mann für Mann registrieren läßt. Daß sie eine derartige Bereitschaft zum Selbstmord nicht aufgebracht hat, unterstrich noch einmal, daß die Linke das Haupthindernis des "Demokratisierungsprozesses" ist. - Die Kandidaten taten alles, um den Vorwurf nicht aufkommen zu lassen, ihre Wahlwerbung "Sicherheit für El Salvador" sei eine 'hohle Phrase'. Duarte verwies auf seine guten Beziehungen zur amerikanischen und salvadorianischen Streitmacht, die schon tatkräftig dabei waren, jeden Keim eines Wahlboykotts zu ersticken. D'Aubuissons bestes Argument waren seine mit amerikanischen Waf- fen ausgerüsteten und vom freiesten Geheimdienst der Welt, dem CIA, ausgebildeten Todesschwadronen. Diese hatten die Streit- kräfte schon frühzeitig "aufgefordert, einen ordnungsgemäßen Wahlprozeß zu garantieren." Unterstützend haben sie "einen (?) linken Terroristen hingerichtet", "als Bestandteil unserer Kampa- gne zur Unterstützung der Wahlen." Um jedem stimmberechtigten Bürger sein R e c h t auch wirklich zu garantieren, wurde es gleich als W a h l p f l i c h t ver- ordnet. Die leistet gute Dienste für die weitere Sortierung der Bevölkerung in Kommunisten und solche mit Wahlstempel und Men- schenrecht. Zwar gab der Wahlzwang hiesigen Beobachtern einigen Anlaß zu Zweifeln an der F r e i w i l l i g k e i t der Er- mächtigung legitimer Schlächter - "Die Wahlpflicht, die von den regierenden Parteien den Bürgern auferlegt wurde, wirkt sicher- lich wie ein Zwang auf viele furchtsame Untertanen, die durch Kenntlichmachung des Personalausweises im Wahllokal zudem jeder- zeit kontrolliert werden können." (SZ) -, die dieselben Herren jedoch anschließend gekonnt ausräumten: Betrachtet man nämlich das R e s u l t a t des Urnenganges, die unschuldigen Kreuzchen als solche, so "muß man freilich davon ausgehen, daß ein erhebli- cher Teil der Bevölkerung der Forderung nach 'Ausrottung' der Kommunisten durchaus zustimmt." (SZ)! Lobend sei in diesem Zusammenhang der mühevolle Einsatz von Wahl- helfern der Parteien erwähnt, die in den Urnen den Analphabeten die Hand führten, damit deren Votum auch an die richtige Stelle gesetzt wurde. 3 Die Bundesrepublik entsandte extra Bundestagsabgeordnete aller drei demokratischen Parteien, um sich davon zu überzeugen, ob vor ihrem demokratisch geschulten Auge diese Wahlen auch Bestand hat- ten. Völlig ungehindert (!) konnten sie ihrem Auftrag gerecht werden und der Wahl den bundesdeutschen Segen erteilen: "Die Prä- sidentenwahlen in El Salvador sind nach Ansicht der Bundestagsab- geordneten Karl Lames (CDU) und Helmut Schäfer (FDP) nicht poli- tisch manipuliert worden." Zwar sahen sie "erhebliche Mängel bei der technischen Abwicklung" - keine Hochrechnung um fünf nach sechs und keine Sitzverteilungskuchen in Farbe auf dem Monitor, wie in den Mutterländern der Demokratie. Aber "trotz schwierig- ster äußerer Bedingungen seien die Menschen ihrer Wahlpflicht in beeindruckender Weise nachgekommen." Für soviel gelungene Ver- wandlung von Hungerleidern und Analphabeten in Stimmvieh hat sich Duarte das Glückwunschtelegramm Helmut Kohls im Namen des deut- schen Volks wirklich verdient. So weit, so gut - gäbe es da nicht noch jene kritische Öffent- lichkeit in der Bundesrepublik, bei der keine rechte Zufrieden- heit mit den Wahlen aufkommen will: "Keines der Kernprobleme die- ser zentralamerikanischen Republik ist mit der chaotischen Wahl- übung vom Sonntag einer Lösung näher gekommen. Die Legitimität der zukünftigen Herrschaft wird nicht nur aufgrund der Wahlent- haltung eines großen Teils der Bevölkerung eingeschränkt sein, der für tief greifende Reformen kämpft, sondern auch durch den irregulären Charakter des Urnengangs. Und die Möglichkeit einer Beendigung des Bürgerkriegs, der bereits über 50.000 Menschenle- ben gefordert hat, scheint in noch weitere Ferne gerückt zu sein." (FR, 30.3.) Es sind schon recht ausgesuchte Maßstäbe, nach denen hier Kritik geübt wird: - Daß der Staatsgewalt in El Salvador das Prädikat "legitim" von westdeutschen Journalisten nur "eingeschränkt" zuerkannt werden kann - das soll man für eines der "Kernprobleme" dieses Landes halten? In El Salvador jedenfalls haben die Leute Probleme mit dem, was die Staatsgewalt gegen sie u n t e r n i m m t und nicht damit, ob die sich dabei zu Recht oder Unrecht auf ihr de- mokratisches Zustandegekommensein berufen darf. - Eine von der Staatsmacht perfekt nach den Kriterien hiesiger Bundestagswahlen organisierte Wahlveranstaltung - das soll das "Kernproblem" Bürgerkrieg einer "Lösung näherbringen"? In El Sal- vador jedenfalls verfolgen die Machthaber ihr Ziel, den Staat zu einem mustergültigen US-Vorgarten herzurichten mit der Produktion von Tausenden von Leichen unter ihren Untertanen, und sie treffen dabei auf den Widerstand derjenigen, die um ihr Überleben gegen die Regierung kämpfen. Auf eine "alle Bevölkerungsteile" umfas- sende Zustimmung zur Staatsgewalt legen die Herrscher also offen- sichtlich genausowenig wert, wie es ihren Opfern etwas nützen würde. Daß es El Salvador zu seinem Glück und Frieden an nichts so sehr fehlt wie an den Techniken westlicher Herrschaftsausübung - das ist die einzige "Diagnose", die solch einem kritischen Journali- sten zu diesem "chaotischen" Land einfallen will. Ausgerechnet dann, wenn die Ansprüche westlicher Herrschaft dort wieder einmal "über 50.000 Menschenleben gefordert" haben. zurück