Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA EL-SALVADOR - Mittelamerika

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       Marxistische Gruppe, April 1982
       
       Einige Fragen an die Teilnehmer der El Salvador-Demo
       

GEGEN DIE MITTELAMERIKA-POLITIK DER USA UND BRD

I. Wer von Euch hätte sich auch zur Teilnahme an der Demo gegen das Wirken des Imperialismus in El Salvador entschlossen, wenn diese sich zugleich eindeutig g e g e n die E n t w i c k l u n g s- h i l f e p o l i t i k der BRD gerichtet hätte? Wenn, statt über z u w e n i g Entwicklungshilfe für El Salvador, Zimbabwe oder Nicaragua zu klagen, ganz umgekehrt j e d e von Offergeld und Co. für Entwicklungshilfe vergebene DM für z u v i e l erachtet worden wäre, weil diese "Hilfe" es nämlich in sich hat? Was sich jüngst an der Mittelamerikareise des Ministers für Ent- wicklungshilfe studieren ließ. Erste Station der Reise: Nicara- gua. Was hatte der Offergeld eigentlich dort verloren? Wollte dieser Vertreter "westlich-deutscher Hilfsbereitschaft" etwa den dort lebenden Leuten mit großzügigen Zuwendungen auf die Beine helfen? Und das angesichts der Tatsache, daß der freie Westen in Gestalt seiner US-Vormacht Nicaragua, also auch seine Einwohner längst als russisch-kubanische "Festung" behandelt, die aufgelöst gehört? Eine in der Tat absurde Vorstellung. Geprüft werden sollte vielmehr, ob bzw. unter welchen Bedingungen eine sandini- stische Regierung weiterhin "Wirtschaftshilfe" durch die BRD ver- dient. Was im Klartext auf die folgende Erpressung hinausläuft: "E n t w e d e r Ihr bekommt Geld, das Ihr dringend braucht, und bequemt Euch freiwillig - zu einem schönen "demokratischen Pluralismus", damit zur Tole- rierung aller US-gesponserten Oppositionen, die den Sturz der Sandinisten betreiben, letztlich also - zu einer "wirklichen", d.h. garantiert antisowjetischen und prowestlichen "Blockfreiheit", bei der sich jede angelegte Mark nicht nur ökonomisch auszahlt; o d e r Ihr bekommt keinen Peso "Wirtschaftshilfe" mehr, dafür aber umso mehr Terrorkommandos des großen Bruders, deren Wirkung Euch gerade zur Ausrufung des Notstands gezwungen hat. Und d e r ist für die westliche Freiheit untragbar. Also auch I h r! So geht - in schönster Arbeitsteilung mit den USA - auf speziell bundesdeutsche Saubermanns-Tour die Verstärkung des Drucks auf eine Regierung vonstatten, die laut Haig "eine üble Provokation gegen die Sicherheit der westlichen Hemisphäre ist". Angesichts dieses ebenso entschiedenen wie wirkungsvollen Auftre- tens des bundesdeutschen Imperius halten wir es für eine in jeder Hinsicht gefährliche Illusion, ausgerechnet auf die hiesigen po- litischen Machthaber zu setzen. Was sollen Appelle an Schmidt und Genscher, nie sollten die diplomatischen Beziehungen zu Duartes Junta abbrechen und die FDR/FMLN anerkennen? Wie kommt man dar- auf, daß ausgerechnet die hiesigen Vertreter der NATO-Politik als Dolmetscher von Forderungen einiger Demonstrationsteilnehmer fun- gieren könnten! Bildet man sich wirklich ein, die NATO-Partner- schaft der BRD lasse sich ab Waffe gegen das Wirken des NATO- Partnern USA verwenden? II. Wer von Euch hätte sich auch zur Teilnahme an einer Demo gegen das Wirken des Imperialismus in El Salvador entschlossen, wenn diese zugleich gegen die N A T O - P o l i t i k i n S a- c h e n P o l e n protestiert hätte? Wenn also klargestellt worden wäre, daß sich der Vernichtungsfeldzug einer von den USA eingesetzen und unterstützten Clique von Militärs und Grundbesit- zern in El Salvador gegen Teile des eigenen Volkes demselben NATO-Kalkül verdankt, das die "Ereignisse" in Polen benutzt, um die "Bestrafung" der Weltmacht Nr. 2 in die Wege zu leiten? Fällt Euch nicht auf, daß Reagan, Haig und Weinberger beschlossen haben, überall dort die Russen am Werk zu sehen, wo ein Staat sich den westlichen Weltherrschaftsansprüchen nicht unterwirft? Bekanntlich w a r die Einsetzung der Militärdiktatur von Jaru- zelsky der "Einmarsch der Russen" und bekanntlich i s t jeder salvadorianische Guerillero im Zweifelsfall ein "verkleideter Russe". Das Beweisverfahren, welches die Weltmacht Nr. 1 hierzu praktiziert, ist so brutal wie wirkungsvoll: Wenn jeder Kampf in einem mittelamerikanischen Staat als Beleg g e w e r t e t wird, daß dort endlich aufgeräumt gehört mit Staaten und Bewegun- gen, die sich nicht umstandslos den weltpolitischen Absichten des Westens gegen seinen Hauptfeind unterordnet, dann bedarf es nur der Fortsetzung solcher Metzeleien - und schon wird täglich aufs Neue die Notwendigkeit des eigenen Terrors bewiesen. Dabei folgen die Regierungstruppen in El Salvador dem militärischen Kalkül, daß eine Guerilla am besten dadurch geschlagen wird, daß man ihr "Umfeld", die Bevölkerung dezimiert und a l l e Leichen im Kampfgebiet - abzüglich der Regierungssoldaten - als gefallene "Terroristen" zählt. So setzt die USA ihre Doktrin von der "sowjetisch-gesteuerten, terroristischen Gefahr" in Mittelamerika mit Gewalt in die Tat um und verbucht dabei jedes von ihr produ- zierte Opfer als neuen Beweis für die von ihr entdeckte Gefahr. Dabei ist es ihr nicht nur herzlich gleichgültig, wieviele Tote diese Strategie produziert. Das fortgesetzte Abschlachten der salvadorianischen Bevölkerung dient ihr vielmehr als Mittel der Erpressung gegen Kuba, Nicaragua und die Sowjetunion. Nach dem Motto: Solange dort gekämpft wird, ist bewiesen, d a ß der Osten dort seine Finger im Spiel hat. Und deswegen werden die an- haltenden Kämpfe von den USA auch lämig als diplomatisches und politisches Druckmittel gegen die andere Seite benutzt. In Sachen Polen lautet dasselbe Motto: Solange dort eine Militärregierung existiert, die nicht prowestlich, also "un-demokratisch" ist, so- lange dort keine Gewerkschaft 'Solidarität' existiert und keine Ökonomie, die sich ausschließlich um die westliche Kreditwürdig- keit sorgt, kurz: solange Polen noch zum östlichen Lager zählt, solange ist der "Einmarsch der Russen in Polen" eine akute Gefahr des Weltfriedens und gehört so behandelt - in Europa, in Genf und in Mittelamerika! Der Protest gegen das Wirken des US-Imperialismus in El Savador ist also so unschuldig nicht. Sein Gegenstand sind nicht einige zig-Tausend Tote, die 1. sehr weit entfernt anfallen und 2. den USA anzulasten sind. Humanismus, der sich um die Gründe der Met- zeleien nicht schert, und Anti-Amerikanismus, der eigentlich nur "Deutschland, sauberes Deutschland" ruft, ist da grundverkehrt und übel. Denn wer es ernst meint mit seiner Empörung über die Opfer im "Hinterhof" Mittelamerika, der sollte auch seinen Gegner beim Na- men nennen: den Imperialismus der USA und BRD mit ihrem Bündnis namens NATO. Man sollte sich entscheiden: E n t w e d e r man protestiert als das schlechte Gewissen den BRD-Imperialismus, - dem es die Amis in der Karibik zu toll treiben, - das den eigenen Staat für eine kritische Distanz zum Bünd- nispartner USA belobigt, die von allen verantwortlichen Bonner Politikern energisch dementiert wird, - das den hiesigen Politikern jede Saubermanns-Tour bereitwillig abnimmt, mit der sie ihren NATO-Beitrag zum Weltfrieden versehen, - das die A r b e i t s t e i l u n g im NATO-Bündnis zwischen USA und BRD für einen G e g e n s a t z halten will, in dem die BRD gut aussieht, wenn sie sich nur daran hielte. Dann aber sollte man sich seinen Protest lieber sparen. Denn wer seinen guten Glauben an die eigene Nation mit dieser Sorte K r i t i k vorbringt, wird doch ohnehin zum F e i n d der Nation gestem- pelt, der man aus falschen Gründen gar nicht sein will. Denn be- kanntlich gelten der Öffentlichkeit alle Demonstrationen als "vom Osten gesteuert", und ganz besonders diese, weil sie sich gegen das Abschlachten der "vom Osten gesteuerten Terroristen" in El Salvador wendet. O d e r man protestiert - gegen den Imperialismus der USA und der BRD - der Staaten also, die so frei sind, die ganze Welt als ihr rechtmäßiges Ausbeu- tungsmaterial, also auch als ihre Einflußsphäre zu betrachten und zu behandeln; - gegen die Friedenspolitik der NATO, die mit allen Mitteln die zum Störenfried der "Weltwirtschaftsordnung" erklärte Sowjetunion aus der Welt schaffen will und dafür jetzt in Mittelamerika ein Blutbad anrichtet; - gegen die Freiheit, in deren Namen auch dieser Vernichtungs- feldzug gerechtfertigt wird. Dann sollte man sich aber über die Verdächtigungen, man sei Kom- munist, nicht beschweren, sondern vielleicht gleich einer werden. zurück