Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA EL-SALVADOR - Mittelamerika
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Marxistische Schulzeitung Bremen, 22.04.1982
El Salvador:
NEBENFRONT DER WELTKRIEGSVORBEREITUNG?
1. N e i n: Nach El Salvador, nach Guatemala usw. werden
k e i n e portofreien Päckchen verschickt, bloß weil die Leute
dort von ihrer Regierung brutal drangsaliert werden. Mittelame-
rika ist schließlich nicht Polen.
Und da ist was dran. Päckchen für notleidende Mittelamerikaner
kämen ganz bestimmt nicht an. In Slums und den trostlosen Dörfern
dort gibt es keine Postadressen. Und die Regierung dort, samt Ar-
mee und Polizei, würde die Postboten bestimmt keine Päckchen aus-
tragen lassen, deren Inhalt sie selber verwenden könnte und sei
es auf dem offiziellen Schwarzmarkt.
2. N e i n: es ist wirklich nicht wichtig, ob die Regierungen
in EI Salvador oder Guatemala durch "korrekte" Wahlen, an die
Macht kommen oder durch gefälschte oder gleich durch einen
Putsch. Darauf drängen die großen Demokratien des Westens nicht
besonders. Was nicht heißt, daß sie sich heraushalten aus dem Re-
gierungsgeschäft dortzulande. "Kooperationswillig" muß die jewei-
lige Regierung schon sein. Aber ob sie ihre "Kooperations-
bereitschaft" mit dem Westen durch eine Scheinwahl oder einen
Putsch beweist, das ist im Prinzip ziemlich egal.
Und auch da ist was dran. Mit ihren Untertanen haben mittelameri-
kanische Regierungen sowieso nur in einem Sinne zu tun: Sie sol-
len nicht stören; andernfalls werden sie niedergemacht. Die Waf-
fen dafür bekommen sie aus dem Westen. Und das demokratische
Ideal, die Leute sollten dazu auch noch in freien Wahlen "Ja!"
sagen, schenkt der Westen ihnen gratis mit dazu.
3. D o c h, es ist schon wahr: Mit ihrer Hilfe für "koopera-
tionswillige" regierende Menschenschlächter, und ebenso mit ihren
kaum verheimlichten Terroranschlägen gegen die "kooperations-
unwilligen" Herrscher in Nicaragua, wollen die USA den
"Weltkommunismus" aus Lateinamerika heraushalten. Zwar schiebt
sich in allen diesen Ländern mit Kommunismus so gut wie gar
nichts, und die Sowjetunion hat dort auch keine Bastionen - außer
der alten auf Kuba.
Ernst zu nehmen ist es aber schon, wenn die amerikanischen Führer
jeden bewaffneten Streit bei ihren südlichen Nachbarn - speziell
wenn das Elend dort zum Himmel schreit - in eine sowjetische Ma-
chenschaft umdeuten und sich so aufführen, als stünde dort die
westliche Freiheit auf dem Spiel. Denn wenn die das so sehen und
entsprechend handeln, dann ist jeder Staat vor die Entscheidungs-
frage gestellt: Für oder gegen Amerika?
F ü r - dann heißt das: Ruhe im Innern und aufrüsten bis zum
geht nicht mehr gegen den Weltkommunismus.
G e g e n - dann heißt das: Euch gibt es nicht mehr lange; un-
sere Söldner und Untergrundkämpfer stehen schon Gewehr bei Fuß;
und unsere Banken und Export-Import-Händler wissen sowieso, was
sie zu tun haben.
4. Warum ist es den USA so wichtig, die ganze Welt, einschließ-
lich Mittelamerika, vor diese Entscheidungsfrage zu stellen?
Sehr einfach: Weil es ihnen um die Entscheidungsschlacht gegen
den Sowjetkommunismus geht. D e s w e g e n müssen a l l e
Staaten der Welt "auf Linie" gebracht werden, auch wenn sie mit
Russen und Kommunisten selber gar nichts zu schaffen haben. Und
nur deswegen: außer für die Zwecke einer
W e l t k r i e g s f r o n t macht diese harte Gleichschaltung
der Staatenwelt überhaupt keinen Sinn.
5. Daß in machtlosen Miniaturstaaten wie El Salvador und Gua-
temala von der prowestlichen Regierung, in Nicaragua gegen eine
weniger prowestliche Regierung so erbarmungslos zugeschlagen
wird, ist also wirklich "bloß" ein Unterpunkt. Ein Unterpunkt in
der Vorbereitung eines viel gewaltigeren Schlags, den die USA
führen wollen - gegen den Osten, die angebliche "Zentrale des
Weltterrorismus". Und wenn die USA sich schon solche Dinge lei-
sten, bloß um sich überall auf der Welt freie Hand gegen den So-
wjetkommunismus zu verschaffen - wie sieht dann wohl das aus, was
sie mit diesem ihrem Hauptfeind vorhaben?!
6. Westeuropäische Staatsmänner heucheln gern schon mal Mitleid
mit den Opfern der amtlichen Schlächtereien in Mittelamerika und
äußern Bedenken gegen die Mittalamerikapolitik der USA. Dabei
hecken sie mit ihrem großen Verbündeten gemeinsam die Pläne für
die endgültige weltweite Abrechnung mit der Sowjetunion aus -
also genau die Politik, deren Nebenfront die USA durch ein paar
Schlächter in Mittelamerika erledigen lassen.
So gehen El Salvador, Guatemala, Nicaragua usw. t a t s ä c h-
l i c h auch den normalen Bundesdeutschen etwas an. Noch ist er
nicht nur Opfer dieser westlichen Weltpolitik -- so wie die
Leute, die das Pech haben, Mittelamerikaner zu sein. Aber ob das
ein Grund zur Beruhigung ist?
7. Die westdeutschen Meinungsbildner haben sich in der Vergangen-
heit gewöhnlich über die süd- und mittelamerikanische Kopie der
Techniken mokiert, mit denen die freien Herrschaften des Westens
ihr Volk Zustimmung demonstrieren lassen: Wahlen. Diese wurden
gängigerweise als Farce entlarvt - eine Verurteilung, die billig
zu haben war, weil sie die von den freien Staaten alimentierten
Schlächterregime nur in einem kritisierten: die Beherrschung des
eigenen Volks nicht nach den Kriterien demokratischer Herr-
schaftsausübung abzuwickeln.
Mit der Wahl in El Salvador hat die meinungsbildende westdeutsche
Intelligenz auch von dieser seichten und selbstzufriedenen Kritik
Abstand genommen. Von einer Wahlfarce ist nicht mehr die Rede.
Völlig unbekümmert von den Mitteilungen, die selbst noch den von
ihnen verfaßten Zeitungen (s.u.a. FAZ 31.3., SZ 1.4.) zu entneh-
men sind
- der amtierende Präsident Napoleon Duarte ließ in einer Opera-
tion verbrannte Erde große Teile seines Volkes dezimieren, noch
ehe es überhaupt einen Stimmzettel gesehen hatte;
- es wurde ein Drittel mehr Stimmen abgegeben als Stimmzettel
ausgegeben;
- "Beobachter" der kandidierenden Parteien standen neben den
Wahlkabinen;
nicht zu wählen hätte zumindest den Entzug des täglichen Lebens-
unterhalts - falls vorhanden - bedeutet,
- mit ihrer Kandidatur hätten sich linke oppositionelle Politiker
selbst ans Messer geliefert; mit dem eventuellen Austausch von
ein paar Herrschaftsfiguren qua Wahl ändert sich zumindest für
das Volk - überhaupt nichts;
kommentieren sie den Wahlausgang haargenau so, wie es die poli-
tischen Kommandanten über die Hauptkampflinie der Freiheit ver-
künden. Vergessen sind alle kritischen Kommentare zum Umgang der
staatlichen Herrschaft mit ihrem Volk. Heutzutage bekommt man zum
Wahlausgang in El Salvador unisono die folgende Meinung gebildet:
Die Wahlen waren "sauber und frei" (Haig, CDU/CSU et al.); das
Volk hat gesiegt. Soll heißen: das Volk hat seinen Willen zur
Freiheit und damit die Ablehnung der Guerilleros zum Ausdruck ge-
bracht. Duarte ist ein Reformer, der das Vertrauen des Westens
genießt. Was nicht heißt, daß man nicht auch mit dem Chef der To-
desschwadronen wird "leben und zusammenarbeiten können" (Haig),
dem der Duarte schon die ganze Zeit freie Hand gelassen hat. Al-
les in allem. Die Wahl in EI Salvador "eine Absage an jede (!!)
Form von Gewalt"! (Lenz, CDU)
8. Für den freien Westen erklärte der amerikanische Außenminister
die Bedeutung der Wahl folgendermaßen: nicht nur das Volk habe
mit seinem Freiheitswillen gesiegt, sondern die Wahl sei ein Sieg
jedes freien Menschen: "Die Wahl ist ein Siegt der Freiheit". Wie
das deutsche Volk dies zu verstehen hat, kann es dem Kommentar-
der Wahlbeobachter der CDU/CSU entnehmen, denen sich angesichts
der Wahl von El Salvador folgender Vergleich aufdrängte:
"Wir würden als Deutsche in Ost und West Gott auf Knien danken,
wenn in der DDR solche Wahlen unter den kritischen Augen interna-
tionaler Wahlbeobachter durchgeführt werden könnten." (SZ 1.4.82)
Nichts Schöneres als statt Honnecker einen Strauß, Duarte oder
d'Aubuisson. Wer, ist egal. Hauptsache, statt Honnecker.
Das macht unsere Brüder und Schwestern im Osten frei.
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