Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA BRASILIEN - Krise mit Zukunft

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 71, 12.04.1983
       
       Wochenschau
       

DIE HUNGERAUFSTÄNDE VON SAO PAOLO

soll der deutsche Fernsehzuschauer und Zeitungsleser vor allem unter dem Gesichtspunkt zur Kenntnis nehmen, ob und inwieweit es der brasilianischen Regierung gelingt, "die Lage unter Kontrolle" zu halten. Denn "Stabilität" lautet die imperialistische Formel für jene Regionen - auf daß Land und Leute tauglich bleiben für die ökonomischen und politischen Absichten derer, die den Welt- markt ausmachen. Die Kosten dieser "Stabilität" für das ihr un- terworfene Menschenmaterial sind in dieser Rechnung ziemlich un- interessant - zumindest solange die Opfer still und leise vor sich hinvegetieren und krepieren. Wenn sie aber auf die Straße gehen, Geschäfte plündern und den Gouverneurspalast stürmen, ha- ben sie ihre Schlagzeilen sicher. Und nicht nur das: Genauestens werden die dortigen Arbeitslosenzahlen, die "galoppierende Infla- tion" und die "fehlende Gesundheitsfürsorge" bilanziert - und in grenzenloser imperialistischer Heuchelei auf "Versäumnisse und Fehler" der dortigen Machthaber zurückgeführt. Dabei ist das Elend in Brasilien gar keine "Fehlentwicklung", sondern ein sehr zielstrebig herbeigeführtes Resultat der imperialistischen Agen- turen, in denen unsere liebliche Bundesrepublik ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat. Und auch das wird von den demokratischen Medien hierzulande sehr freizügig mitgeteilt, die offenbar nicht befürchten müssen, daß Klarstellungen wie die folgende die bun- desrepublikanischen Bürger an der weltpolitischen Unschuld ihrer Nation irre machen könnten: "Auch in diesem Falle ist der Internationale Währungsfond IWF in Vertretung der Gläubigerbanken mit einem Sanierungsplan rasch zur Stelle gewesen, der auf dem Postulat der wirtschaftlichen Abküh- lung beruht. Brasilien soll nun, um dem reichen Norden die Schul- den abzahlen zu können, inmitten einer zunehmend protektioni- stisch gestimmten Weltwirtschaft einen Rekordüberschuß von 6 Mil- liarden Dollar in der Handelsbilanz erzeugen. Es soll gleichzei- tig die immer rascher galoppierende Inflation durch Abbau von Subventionen und straffere Lohnpolitik bremsen und innenpolitisch für Ruhe sorgen, um das Fremdkapital nicht kopfscheu zu machen." (Originalton Frankfurter Rundschau, 8.4.) Noch irgendwelche Unklarheiten darüber, w e r mit einem coolen, geschäftsmäßigen Federstrich Hunger und Elend in Brasilien produ- ziert?! Aber was kümmert das schon Leute, die es in demselben Artikel fertigbringen, die Hungermärsche in Brasilien hauptsächlich mit der zynischen Feststellung zu kommentieren, daß darunter die "Demokratisierung" des Landes Schaden nehmen könnte. Als ob es dem Imperialismus und seinen Kommentatoren Kopfzerbrechen berei- ten würde, wenn dort demnächst wieder eine knackige Militärdikta- tur für "Ordnung" sorgt und so d i e Grundbedingung für die nächste Demokratisierung schafft. zurück