Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA BRASILIEN - Krise mit Zukunft
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Marxistische Hochschulzeitung, April 1982
Wochenschau
BUNDESPRÄSIDENT CARSTENS UND AUSSENMINISTER GENSCHER
haben Brasilien einen Staatsbesuch abgestattet, dessen Erfolg ei-
gentlich Routinesache war, denn Brasilien ist ein erlesener
Freund bundesdeutschen Imperialismus. Nicht allein, daß Brasilien
beständig auf der "Schwelle" zur kapitalistischen Macht die
"natürlichen Reichtümer" seines Landes und reichlich Volk feil-
biete, daß "Investitionen der deutschen Wirtschaft" zurecht "auf
die wirtschaftliche Zukunft Brasiliens vertrauen" (Carstens im
Weser-Kurier) und in der Gegenwart sich rentieren. All das garan-
tiert auch Brasiliens Militärherrschaft durch eine "auf Frieden
und Mäßigung aufbauende Politik" (SZ), die im Innern friedensstö-
rende Unmäßigkeiten beim Arbeitsvieh und Gewerkschaftsführern wie
Lula erst gar nicht aufkommen läßt und auch auf dem "Kontinent"
verläßlich Front gegen jeden macht, den der freie Westen zum Ter-
rorismusnest erklärt hat.
Aber: "Carstens und Genscher drängen Brasilien zur Aktivität"
(SZ). Diesmal nämlich hatten die deutschen Staatsbesucher mehr im
Reisegepäck als die üblichen Angebote, deutsches Kapital in Bra-
silien Profite machen zu lassen und die Staatsgewalt mit passen-
den Gewaltmitteln aus deutschen Rüstungsschmieden auszustatten.
Als EG- und NATO-Partner Großbritanniens überbrachten sie die von
ihnen geteilte Kriegserklärung an Brasiliens Nachbarn Argenti-
nien. "Den Brasilianern sollte auf englischen Wunsch erläutert
werden, daß Argentinien sich über den Ernst der britischen Ab-
sichten wirklich keinen Illusionen hinzugeben habe." Und damit
nahmen die deutschen Kriegsdiplomaten zugleich die Brasilianer in
die imperialistische Pflicht.
"Damit wurde plötzlich auch das Dreiecksverhältnis berührt, daß
zwischen der Bundesrepublik als Lieferant von Nukleartechnologie
an Brasilien und Argentinien und zwischen diesen beiden Ländern
selbst beim Austausch von Kernbrennstoffen und Reaktorkomponenten
besteht. Der nie ganz ausgeräumte Verdacht, daß Argentinien als
auf dem Nuklearsektor fortgeschrittenes Land zur Bekräftigung na-
tionaler Machtansprüche doch die Atombombe bauen und damit auch
Brasilien zum Nachziehen zwingen könnte, erscheint angesichts der
aggressiven Haltung der argentinischen Militärs in neuem Licht."
Die westlichen Auftraggeber verbieten, daß die Machtmittel für
nationalistische Erkapaden ausgenutzt werden, wo sie diesen Län-
dern doch nur aus und für Geschäft und Weltpolitik des Westens
erwachsen. Folglich lautet das Angebot an den brasilianischen Na-
tionalismus, nicht zuletzt gegen den argentinischen Konkurrenten
dadurch einen Punkt zu machen, indem es sich verstärkt als Auf-
passer für die südamerikanische Front des Westens engagiert. Ein
Angebot, daß der bundesdeutschen Spitze im "Dreiecksverhältnis"
nicht ohneweiteres auszuschlagen ist.
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