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Brasilien
KRISE MIT ZUKUNFT
Brasilien, das "Schwellenland" par excellence, das mit seinem
Wirtschaftswachstum (jährliche Zuwachsraten von 8-10%) für inter-
nationale Kapitale zu den schönsten Hoffnungen Anlaß gab, ist ins
Gerede gekommen. Kaum entlassen VW do Brasil und Mercedes einen
Teil ihrer Arbeiter, entdeckt die Presse "das Ende des brasilia-
nischen Wirtschaftswunders" und macht dem Leser klar, nach wel-
chem Maßstab Ökonomien der "Dritten Welt " beurteilt werden:
"Das Land steht vor dem Bankrott. Inflation und Zinsen galoppie-
ren. Der Cruzeiro wird täglich schwächer. Pleiten und Massenent-
lassungen häufen sich, auch deutsche Firmen sind schwer ange-
schlagen." (manager-magazin 10/81)
Land und Leute dort haben nützlich zu sein für bundesrepublikani-
sche Interessen.
Folgerichtig werden dann Geschäftsschwierigkeiten von (deutschen)
Kapitalisten zu einer Krise des brasilianischen Staates, und al-
les das, was wie Auslandsverschuldung, Inflation oder Massenar-
beitslosigkeit schon bisher zu den charakteristischen Merkmalen
der Ökonomie Brasiliens gehörte, wird nur deshalb plötzlich zu
störenden Faktoren erklärt, weil es sich nicht mehr so umstands-
los für den eigenen, bundesdeutschen Profit benützen läßt. Die
öffentliche Aufregung wird deshalb auch durchaus von nüchternen
Stimmen begleitet, die es zu schätzen wissen, daß Brasilien
"trotz allem" eine lohnende Anlagesphäre für ausländisches Kapi-
tal bleibt:
"Das Länderrisiko Brasilien eskaliert... Nun ist es freilich
nicht so, daß etwa zum Rückzug geblasen würde. Im Gegenteil..."
(Börsenzeitung)
"Trotz manchen Stirnrunzelns der Banken ist es Brasilien gelun-
gen, bis Ende Juli 1981 bereits 10 Mrd. seines auf 14-15 Mrd.
Dollar geschätzten Finanzierungsbedarfs für 1981 an Krediten zur
Verfügung gestellt zu bekommen." (Finanzierung und Wirtschaft)
Akkumulation als staatliches Projekt
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Was ist nun wirklich los mit der brasilianischen Wirtschaft? Die
Konsumgüterindustrie für den brasilianischen Binnenmarkt - vor
allem Elektro- und Autobranche - verzeichnet eine "stagnierende
Nachfrage" und macht dafür die neue "restriktive" Wirtschafts-
und Finanzpolitik des Staates verantwortlich. Antonio Delfim
Neto, derselbe Mann, der seit dem Militärputsch von 1964 die Sym-
bolfigur des brasilianischen Booms ist, dessen erklärtes Ziel es
war und ist, Brasiliens Ökonomie mittels Staatsschulden den Über-
gang vom "Schwellenland" zum "Industrieland" zu ermöglichen,
"zieht jetzt die Bremse":
"Delfim hatte 1980 die Konjunkturbremse nicht wirksam genug ange-
zogen. Die Preissteigerungen erreichten im März 81 mit 121% ihre
Rekordmarke. Inzwischen hat der Chefplaner durch Verteuerung der
Kredite, Kürzung der Staatsausgaben, Abbau der Subventionen und
Freigabe kontrollierter Preise (vor allem für Lebensmittel) die
Restriktionsphase eingeleitet. So konnte er die Kreditgeber im
Ausland von der ernsthaften Absicht überzeugen, die Wirtschaft zu
sanieren." (Süddeutsche Zeitung)
Brasiliens Anstrengungen zum Aufbau einer nationalen Industrie,
um benötigte Güter nicht mit kostbaren Devisen einführen zu müs-
sen, sowie die gigantischen Projekte zur Schaffung einer
"Infrastruktur", um ausländische Kapitalanleger ins Land zu ho-
len, führten zur immer höheren Verschuldung auf den internationa-
len Kapitalmärkten und zwar Schulden in harten Devisen, DM und
Dollar. Mit Cruzeiros ist nun mal nicht an die Maschinen heranzu-
kommen, die zum Bau von Straßen, Kraftwerken, Telefonanlagen, Öl-
pipelines etc. gebraucht werden, damit ein Land, das nur (!) über
die "reichsten Naturschätze der Welt" verfügt, überhaupt einige
"infrastrukturelle" Voraussetzungen zuwege bringt, um Kapital ins
Land zu locken. Brasilien ist mit dieser Politik schon länger der
Entwicklungsländermusterknabe, der sich gemäß der von Reagan in
Cancun erneuerten Forderung so zurichtet, daß ausländische Kapi-
tale dort einsteigen.
Die unmittelbare Folge: Der Schuldendienst für die von Brasilien
in Gang gesetzten Entwicklungsprojekte des eigenen Landes, d.h.
allein die fälligen Zinsen zusammen mit den für die Öleinfuhren
erforderlichen Devisen, hatte 1980 die Höhe sämtlicher Exporter-
löse überschritten. Die deshalb direkt drohende internationale
Zahlungsunfähigkeit bewog die brasilianische Regierung zu dem
oben zitierten Bündel von Einsparungen beim Staatsetat, um über-
haupt weiter Kredite zu bekommen.
Das interne Streichen aller staatlichen Projekte, die nicht un-
mittelbar auf a u s w ä r t i g e s Interesse am
"Wirtschaftswachstum" Brasiliens reflektieren, wird von Neto für
notwendig erachtet, "um Brasiliens Souveränität nicht zu gefähr-
den" (Süddeutsche Zeitung). Er kommt den üblichen Auflagen des
IWF also nicht zuvor, weil er sich nun endgültig zum willfährigen
Rohstofflieferanten herrichten möchte, sondern grad weil er mit
diesem Entschluß am staatlichen Ideal einer eigenständigen Wirt-
schaft festhält, wofür nun einige Opfer zu erbringen sind. Dem
auswärtigen Beobachter kommt es aufs Resultat an,
A b s i c h t e n bleiben den Brasilianern unbenommen.
"Dadurch, daß der brasilianische Staat das Ideal einer nationalen
Akkumulation verfolgt, indem er jeden Anleger kreditiert, wenn er
nur ein Stück brasilianische "Wirtschaftsmacht" ins Werk setzt -
und auch die Staatsbeteiligung an neuen Unternehmungen ist eine
per Verschuldung vollzogene Kreditierung des Geschäfts -, sucht
er die nicht vorhandene Kalkulationsgrundlage
für das Kapital zu e r z e u g e n, damit eine Erweiterung der
unter seiner Herrschaft stattfindet. Dies ist seine moderne, auf
eine lange Tradition zurückblickende "Reaktion" auf die eigene
Geschichte: die "n a t ü r l i c h e n R e i c h t ü m e r"
Brasiliens sind für ihre Benützer noch nie im Rahmen einer natio-
nalen Akkumulation zu w i r k l i c h e m K a p i t a l gewor-
den, sondern stets dadurch, daß sie - ob agrarische oder Indu-
strieerzeugnisse oder Rohstoffe - dem Weltmarkt zur Verfügung ge-
stellt wurden.
Und aus der jährlich um einige Milliarden steigenden Verschuldung
Brasiliens läßt sich entnehmen, daß das "Projekt Brasilien", wie
es seine nationalen Idealisten schon seit geraumer Zeit handhaben
und voranbringen, im Sinne der ökonomischen Wahrheit des Imperia-
lismus fortschreitet und scheitert zu gleich - der Wahrheit, daß
fremde Armut immer eine gute, eigner Mangel aber die denkbar
schlechteste Geschäftsgrundlage einer Nation darstellt. Soviel
ist nämlich sicher: Die Kreditierung aller möglichen Importe, Ex-
porte und Kapitaltransfers, mit der brasilianische Planer aus ih-
rer Nation eine brauchbare ökonomische Potenz erst noch
h e r s t e l l e n wollen, stellt in allen Fällen ein
A n g e b o t dar, dessen Akzeptierung nicht von den Kriterien
des brasilianischen Staats abhängt - und dessen E r f o l g e
auch nicht die seinen sind. In den R e s u l t a t e n seiner
"Aufbauleistungen" wird er deshalb auch - und zwar stets auf er-
weiterter Stufenleiter - mit dem Ausgangspunkt seiner Bemühungen
konfrontiert." ("Resultate" Nr. 6, "Imperialismus 3, Brasilien",
S. 224)
Sparprogramm auf brasilianisch
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Eine energische Offensive des Exportsland wirtschaftlicher und
sonstiger Rohstoffe, der die Haupteinnahmequelle Brasiliens bil-
det, brachte 1981 eine Steigerung der Exportvolumina um 30%: Ne-
ben den traditionellen Produkten Kaffee, Kakao, Eisenerz wurden
die Anbauflächen durch staatliche Anreize wie Aufhebung der Bar-
depotpflicht, Minderung der Exportsteuern, Zollerleichterungen
etc. für Soja und Zuckerrohr so gesteigert, daß zum einen nahezu
alle einfachen Grundnahrungsmittel im Lande nicht mehr genügend
angeboten werden, und die durch die neue großindustrielle Agrar-
produktion erwirtschafteten Devisen sind natürlich viel zu
schade, um damit braune Bohnen, das, Haupt-Arme-Leute-Essen, zu
importieren; zum anderen stagnieren wieder einmal, und eben gar
nicht zufällig, die Weltmarktpreise wegen der Rekordernte Brasi-
liens, so daß letztendlich der gesteigerte Export nicht entspre-
chend mehr Devisen eingebracht hat. Trotzdem reichen diese enor-
men "Anstrengungen der Landwirtschaft hin, um Brasiliens Lei-
stungswillen zu demonstrieren", als vertrauensbildende Maßnahme
sozusagen.
Weil nach wie vor Produktionsmittel bzw. ganze Industrieanlagen
nur im Ausland zu haben sind und der Absatz der eigenen Produkte
und Rohstoffe von den Bedingungen der Nachfrageländer abhängt,
wird der Devisenerwerb von einem Neben- zu einem Hauptzweck: In
seinem Bemühen, die nationale Akkumulation überhaupt erst zu be-
werkstelligen und über alle Hindernisse hinwegzuhieven, schiebt
der brasilianische Staat alle Ideale eines ausgeglichenen Haus-
halts beiseite und kreditiert an allen Ecken und Enden devisen-
trächtige Geschäfte - Ziel der immer neuen Kreditvergabe bzw.
staatlichen Verschuldung: harte Devisen, um wenigstens bei den
Zinsen nachzukommen. Während der BRD-Staat sein Einkommen erhöht,
wenn Waren made in Germany in die ganze Welt gehen, indem er
einen Teil der Erlöse (durch Computer und nicht Sojabohnen) sei-
ner Exporteure abschöpfen kann, da diese Waren einen Überschuß
über den nationalen Bedarf darstellen, muß der brasilianische
Staat den Export seiner Produkte durch seine Maßnahmen erst zum
Geschäft machen, indem er auf Einnahmen verzichtet. Ein Beispiel:
Damit ein Plantagenbesitzer seine Produktion auf Soja umstellt
oder die Kaffeefelder vermehrt, gibt ihm der Staat billige Kre-
dite und garantiert ihm gerade wegen des Mechanismus der Roh-
stoffbörsen (wo die Industrieländer je nach ihrem Bedarf die
Preise bestimmen und die Rohstofflieferanten durch ihr steigendes
Angebot die Preise drücken lassen müssen) seinen Gewinn: Die na-
tionale Kaffeebehörde kauft zu einem bestimmten Preis auf oder
offeriert den Exporteuren entsprechende Steuererleichterungen, so
daß die Nationalbank schließlich Devisen bekommt - nur, wofür ei-
gentlich? Die erzielten Einkünfte werden den Benzinimporteuren
zur Verfügung gestellt, rüber neue Staatsbeteiligungen 'in die
Wirtschaft gesteckt' oder sie dienen gleich direkt der Zinsentil-
gung für die Staatsschulden bei der Chase Manhattan Bank.
"Staatsbankrott" in Brasilien ist also sicher keine neue Erschei-
nung - im Gegenteil: Der Fortgang der nationalen Wirtschaft be-
ruhte während der ganzen Jahre des "Wirtschaftswunders" darauf,
daß der Staat auf Einnahmen verzichtete bzw. die Cruzeiro-Druck-
pressen ununterbrochen in Gang hielt und so seine permanent lee-
ren Kassen wieder auffüllte. Um aus diesem "Teufelskreis" heraus-
zukommen und "endgültig" die Inflation "einzudämmen", verordnete
sich die brasilianische Regierung ihr Sparprogramm: Staatliche
Investitionen in laufenden Projekten werden gekürzt, keine
Neugründungen von Staatsfirmen, Einstellungsstop im öffentlichen
Dienst; Drosselung des staatlichen Imports um 1/3 (worunter na-
türlich auch Lebensmittel für die Bevölkerung zählen), Streichung
von Lebensmittelsubventionen (was sofort die Preise in die Höhe
schnellen ließ)
Investieren, wo es sich lohnt
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Lediglich Großprojekte, die als Joint ventures mit ausländischen
Firmen durchgeführt werden, wie Itaipu (größtes Wasserkraftwerk
der Welt), Carajas (das lukrative Langzeitprojekt zur Erschlie-
ßung der größten Eisenerzlager der Erde) und das Energiesubstitu-
tionsprogramm mit dem Atomkraftwerksgeschäft mit der BRD und der
staatlichen Erdölfirma Petrobras werden in voller Höhe beibehal-
ten (immerhin 70% der gesamten Investitionen), womit die Junta
kundtut, wofür sie sich auch weiterhin verschulden will und wie
gut sie sich Reagans neue Prinzipien zur Entwicklungshilfepolitik
zu Herzen nimmt: Nachdem die Ami-Banken deutlich zum Ausdruck
brachten, daß sie nicht bereit sind, Brasilien (als den größten
Schuldner aller Entwicklungsländer) bevorzugt zu behandeln und
dem Land für seine "ehrgeizigen" Entwicklungsprojekte Geld zu
schenken in Form von "weichen", d.h. niedrig verzinsten Krediten,
konzentriert sich die Junta auf die wirklich lukrativen Projekte,
die Brasilien als Anlagesphäre für multinationale Kapitale auf
dem Rohstoffsektor attraktiv bleiben lassen, wozu die Alimentie-
rung der Bevölkerung mit bezahlbaren Lebensmitteln augenschein-
lich nicht gehört. Darein fügt sich auch eine Reprivatisierungs-
kampagne von Staatsbetrieben, die an private Interessenten zu
niedrigen Preisen verkauft werden sollen (denn sonst kauft sie
keiner) und zu denen (zwecks Erhöhung der Verkaufsattraktivität)
auch gutgehende Firmen z.B. aus der Tourismusbranche gehören.
Diese Ausgabenkürzungen verbessern nur vordergründig die Finanz-
situation des brasilianischen Staates: Beschneidet das Wirt-
schaftsministerium den staatlichen Betrieben, die ca. 50% des
jährlich erwirtschafteten Reichtums erbringen, die Gelder, be-
wirkt dies bei all den kleinen privaten Zulieferfirmen und
Dienstleistungsbetrieben, die von staatlichen Aufträgen abhängen,
einen Rückgang der Produktion, so daß dieser Ausgabenverminderung
sofort auch eine Einnahmenverminderung des Staatshaushaltes auf
dem Fuße folgt.
Neue, kräftige Cruzeiroabwertungen in garantierten, regelmäßigen
Intervallen gemäß der inländischen Inflationsrate erleichtern den
multinationalen Konzernen (die unter "sanftem Druck" Brasiliens
schon längst in das Exportgeschäft mit den Rohstoffen eingestie-
gen sind) das Umgeben mit der Inflation, ebenso wie die Freigabe
der letzten staatlich kontrollierten Preise und Kreditzinsen. Ko-
sten eines ausländischen Anlegers, die in Cruzeiros anfallen, wie
Löhne, Benzin, Strom etc. werden im Verhältnis zum Dollar billi-
ger; und die inländische Abwertungsrate läßt sich eh auf den
Preis des Endprodukts einkalkulieren. Durch die Freigabe der
Pharmapreise konnte Hoechst 1980 "endlich einen Jahresüberschuß
von 622 Mio. Cruzeiros zustandebringen" (Börsenzeitung). Und so-
lange dieser Profit noch nicht ins Dollar- oder DM-Ausland trans-
feriert ist, garantiert die brasilianische Regierung den Schutz
vor dem Währungsverfall, indem sie alle Bankguthaben von Auslän-
dern parallel zum Ansteigen der Inflationsrate 'aufwertet'. Die
Freigabe der bisher staatlich limitierten Kreditzinsen - sie la-
gen unterhalb der Inflationsrate, so daß das private Geldanlegen
praktisch zum Erliegen kam und der Staat Kredite mit für ihn ne-
gativen Zinssätzen vergab (bei Zinssätzen von 90% und einer
100%igen Inflation macht vor allem der Kreditnehmer ein Geschäft)
- ließ diese sofort auf 150% ansteigen, so daß das Geldverleiben
wieder zu einem privaten Geschäft gemacht worden ist. Wer sich
diese enormen Zinssätze von effektiv 30-40% noch leisten kann,
ist de facto entschieden.
"Satt mit Eigenkapital ausgestattet, können Unternehmen wie Voith
oder Dürr, Siemens oder Mercedes-Benz ohne existenzielle Not
schon mal auf die Verzinsung verzichten."
Der brasilianische Staat nimmt es bei seiner nationalen Sanie-
rungspolitik in Kauf, daß kleinere b r a s i l i a n i s c h e
Firmen kaputtgeben, während gerade gegenüber dem ausländischen
"Risikokapital" die Angebote vergrößert werden, risikofrei zu in-
vestieren: Während wegen der verordneten Devisenersparnis Importe
allgemein durch neue Steuern verteuert wurden, wurde den Lieb-
lingsfirmen der Junta zugesichert, ganze Fertigungsanlagen zoll-
und importsteuerfrei einführen zu können. Die Konkurrenzsituation
der ausländischen Firmen verbessert sich also durch das forcierte
Verdrängen inländischer Kapitalisten (deren Interessenverbände
denn auch zu den schärfsten Kritikern des Regierungskurses zäh-
len), die neuen Abschreibungs- und Steuererleichterungen etc. -
und seit wann sind (wie bei VW oder Daimler-Benz) geringere Zu-
wachsraten beim Gewinn ein Grund, sich aus einem Investitionsland
zurückzuziehen? Entsprechend der Optimismus bei VW do Brasil,
dessen Betriebsleiter Sauer ("ein Mann, der 30 Jahre in der be-
ruflichen Karriere von Erfolg zu Erfolg schritt und bei seinem
Freund Delfim Neto ohne Anzuklopfen ein- und ausgeht") verlauten
läßt: "Was mich nicht umwirft, macht mich stärker. VW kommt wie-
der. Ich (!) fahre diesen Laden wieder frei."
Wie sich Sparpolitik und Liberalisierung der Geldpolitik auf die
Bevölkerung auswirkt, ist auch kein Rätsel: Massenentlassungen
und Umsatzstagnation der Konsumgüterbranche machen derzeit einen
weiteren Teil der Brasilianer überflüssig; sie werden zur Ent-
wicklung des Landes nicht mehr gebraucht und fallen dem Hunger
anheim, der in der Presse gemäß der Zensur als "Mangelernährung"
auftaucht. Denjenigen, die weiter arbeiten dürfen, wird neuerlich
gezeigt, was Kaufkraftverlust heißt: Löhne werden nur noch 1/2-
jährlich der Inflation angepaßt und dann weit unterhalb der In-
flationsrate; Lebensmittelpreise steigen so sehr, daß die
"Süddeutsche Zeitung"vermelden konnte, "Großstädter backen ihr
Brot wieder selbst, da sie es sich nicht mehr kaufen können." Die
Gewerkschaften haben schon auf ihre Weise auf diesen ungeheuren
Verelendungsschub reagiert: Selbst Kämpfe um Erhalt der Ar-
beitsplätze (wo es schon um höheren Lohn nicht mehr geht) wurden
eingestellt. Zur Zeit herrscht Friedhofsruhe bis auf lokale Hun-
geraufstände mit Plünderungen in den Automobilstädten. "In Brasi-
lien wird wieder (!) gehungert - auch verhungert. Hunderttausende
bieten sich an, sogar unter dem staatlich garantierten Mindest-
lohn von 230 DM zu arbeiten."
Dennoch ist die vom "manager-magazin" besorgt gestellte Frage:
"Droht in Brasilien ein Aufstand der Arbeitslosen?" nicht mehr
als rhetorisch gemeint - da ist, und nicht zuletzt deswegen ist
Brasilien ja für ausländisches Kapital so 'risikofrei', die Mili-
tärjunta davor.
Fazit
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Brasilien steckt nicht mehr, aber auch nicht weniger in der Krise
als früher; Erstmals mußte der Staat jedoch auf Druck der impe-
rialistischen Geldgeberbanken seine bisher steigenden staatlichen
Geldausgaben kürzen, wurde ihm klargemacht, was seine Rolle in
der "Weltwirtschaft" ist, die ihm zugestanden wird: Brasiliens
hochfliegende Träume vom selbständig operierenden Land, das seine
Ressourcen zur Entwicklung einer nationalen Reichtumsverfügung
verwenden kann, wurden zurechtgestutzt. Die "Industrieländer"
sind nicht bereit, seine Anstrengungen zu finanzieren, in den
Kreis der Ihren aufgenommen zu werden, vielmehr darf Brasilien
den Abtransport seiner erschlossenen und unerschlossenen
"natürlichen Reichtümer" verstärkt organisieren und die nötige
"Infrastruktur" bereitstellen, damit ausländische Kapitale dies
auch ordentlich erledigen können. Eine inländische Konjunktur und
Absatzmöglichkeiten für Konsumgüter verdanken sich eben in Brasi-
lien der Bereitschaft des ausländischen Kapitals, auf die Ange-
bote der brasilianischen Regierung einzusteigen - indem sich Bra-
silien jetzt hauptsächlich als Rohstoffland interessant macht und
z.B. die Erdölprospektion mit Hilfe von US-Firmen vorantreibt,
hält es an seinem alten Plan eines "großen Brasilien" fest. Und
damit an seinem Ausgangspunkt: Mit viel Schulden und Auslandska-
pital die nationale Wirtschaft aufbauen. Damit sind auf jeden
Fall 2 Sachen garantiert: 1. Es lohnt sich, in Brasilien zu inve-
stieren. 2. Die nächste Krise ist schon immer da.
***
Ein Held des freien Westens
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"Helder Camara gehört zu den prominentesten, aber auch umstrit-
tensten Kirchenführern Lateinamerikas. Die brasilianische Mili-
tärregierung stempelt ihn als 'roten Bischof' ab, als verkappten
Kommunisten. Seine Anhänger dagegen rühmen Camara, 72, als muti-
gen Kämpfer für die Menschenrechte. Nach der Priesterweihe 1931
stand er eine Zeitlang den faschistischen 'Grünhemden' nahe.
Dann, als Beamter im Erziehungsministerium in Rio, besuchte er
die Armenviertel und wurde zum Reformer. Von 1952 bis 1964 war
Camara Weihbischof von Rio, dann wurde er Erzbischof von Olinda
und Recife in rückständigen Nordosten Brasiliens." (Spiegel,
2.11.81)
Es ist schon merkwürdig: Nur weil ihn die eigenen Oberen - welt-
lich und nicht - nicht leiden mögen, gerät jemand in den Ver-
dacht, ein kleiner heimlicher Kommunist zu sein. Den Ruf, ein un-
barmherziger Kritiker der brasilianischen Militärs und vehementer
'Vertreter der Interessen der Armen zu sein, hat Camara aus-
schließlich, weil ihn die Junta in seinem Staat trotz aller
staatsfrommen Äußerungen für einen gefährlichen Mann hält, dessen
massenbesorgtes Wirken vorsorglich eingeschränkt gehört. Aus sei-
nen Taten - wo hat er je die Massen gegen ihre Unterdrücker und
kapitalistischen Ausbeuter aufgehetzt und sie dabei unterstützt?
- und Worten jedenfalls läßt sich sein Renommee nicht herleiten.
Eher schon eine geradlinige Biographie. - Beliebt hierzulande
sind also Theologen der Befreiung, weil sie das Elend in Latein-
amerika t h e m a t i s i e r e n, ohne daß mehr dabei heraus-
kommt als ein müdes So-geht-es-nicht; dafür aber auf jeden Fall
das gute Gewissen desjenigen, der sich ein schlechtes ob der
Frage macht, wie unzulänglich und 'menschenverachtend' doch die
Staatsmacht in fremden Ländern sei. - Camara ist für dieses Ge-
schäft ein prominenter Stichwortgeber, durchaus auf den Höhen des
Zeitgeistes.
1. Pharaonische Staatsgewalt verschleudert menschliche Energie:
"Sehr oft hat die Regierung Pharaonische Projekte, etwa zur Elek-
trizitätsgewinnung. Staudämme werden gebaut, ohne die Leute zu
fragen, deren Land durch den Stausee überflutet wird. Deshalb
marschieren wir mit Hunderten von Menschen zur Regierung und sa-
gen: Wenn Ihr elektrische Energie braucht, dann ist das in Ord-
nung, aber respektiert auch diese menschliche Energie hier, denn
dies alles sind Kinder Gottes."
2. Kritik: Die Militärs beten den falschen Gott an.
"Wenn man die nationale Sicherheit als höchsten Weit festsetzt,
dann ist das unserer Meinung nach Götzenverehrung. Es gibt nur
einen höchsten Weit, nämlich Gott."
3. Das Schöne an den Massen: Sie tragen das Kreuz Christi!
"Nichts gegen Prozessionen!... Was uns an Christus interessiert,
ist die Passion. Aber heute seid ihr die Unterdrückten, ihr seid
Christus, und ihr tragt die schweren Kreuze. Ich liebe die Volks-
frömmigkeit sehr, wenn sie richtig verstanden wird."
4. Gewalt? Zu einfach!
"Es wäre viel leichter, gewaltsam zu reagieren, als passiven Wi-
derstand zu leisten. ... Ja, die aktive Gewaltlosigkeit erfordert
mehr innere Kraft als die Gewalt. Ich sage den Menschen in den
Elendsvierteln: Eure Waffe ist eure Einheit..., Also demonstriert
und singt, singt, singt!"
5. Was tun? Ökumenisches Aktienkapital!
"In England, der Bundesrepublik und der Schweiz traf ich zum Bei-
spiel junge Leute, die Aktien von Multis kauften... In den USA
gibt es jetzt ökumenische Organisationen, die Geld in multinatio-
nale Unternehmen investieren, um dort Einfluß zu nehmen. Sie for-
dem klare Auskünfte über die Herkunft der Profite."
6. Wo steht der Hauptfeind?
"Sie werden sehen, das russisehe Volk, das sehr mystisch ist,
wird nicht immer einer im Grund antirussischen Partei unterworfen
bleiben. ... in den kommunistischen Ländern ist es noch schlim-
mer, da darf man nicht mal denken."
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