Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ARGENTINIEN - Zinstragend, zur Zeit demokratisch
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"HOFFNUNG FÜR ARGENTINIEN"
schöpft die "Süddeutsche Zeitung" im Einklang mit dem Tenor der
demokratischen Presse aus dem Wahlergebnis von Buenos Aires - für
A r g e n t i n i e n wohlgemerkt, den die vom Sieger Alfonsin
und seiner "Radikalen Bürgerunion" versprochene "Politik einer
automatischen Lohnanpassung an die Inflation von 350%, einer ko-
stenlosen Gesundheitsfürsorge und Erziehung und der Aktionen ge-
gen Armut und Hunger ist infolge der katastrophalen Haushaltsde-
fizite sowie bei 40 Mrd. Dollar Auslandsschulden kaum zu verwirk-
lichen", gibt sich der Schreiber realistisch. Das bequeme Gefühl,
daß über die Lebensstände der Argentinier immer noch auswärts
entschieden wird und entschieden gehört, läßt Kritik an "bloßen
Wahlversprechen" erst gar nicht aufkommen. Für die Argentinier
kann nicht viel mehr rausschauen als die F r e i h e i t, denn
die neue D e m o k r a t i e wird jeden ihnen abgenommenen Peso
brauchen für eine "Verständigung mit dem Internationalen Wäh-
rungsfonds und den Auslandsgläubigern", die nach Auffassung aller
"Fachleute" u n u m g ä n g l i c h ist - das ist die erste
Botschaft unserer Oberdemokraten. Und die wird von der journali-
stischen Gebetsmühle demokratischer Zynismen vielfach variiert.
D e n "Fehler" Perons, "Geschenke" an die Arbeiterklasse zu
"verteilen", darf es nicht mehr geben; d a s hat nämlich das
Land "ins Chaos gestürzt" und "die Inflation angeheizt".
(Deswegen ist sie wohl unter den Generälen so hoch gestiegen!)
"Wenn seinen Bürgern Freiheit und Menschenrechte garantiert wer-
den, wäre schon viel erreicht." Kurz: Die demokratische Durchset-
zung und Verwaltung der Armut muß reichen. Die kritischen Armuts-
berichte liefert man dann später wieder unter dem Titel "Versagen
der Regierung und Krise des Landes".
Zufriedenheit herrscht über das Ergebnis der Wahl: 62% für den
"sympathischen und freiheitlich gesinnten Alfonsin" und der erst-
mals über Wahlen zuwege gebrachte Ausschluß des Peronismus von
der Macht zeigen jedem westlichen Beobachter, daß die Argentinier
mehrheitlich ihre Lektion aus 8 Jahren Diktatur und Wirtschafts-
krise gelernt haben und "reifer" geworden sind für die Demokra-
tie. Wenn das Volk Repräsentanten wählen darf, die es dann regie-
ren, dann muß auch sein Wählerwille so beschaffen sein, daß die
richtige Regierung dabei zustandekommt - heißt die zweite Bot-
schaft. Dann kann man sich sogar vorstellen, daß das Militär
diesmal vielleicht in den Kasernen bleibt.
Dann, und nur dann ist nämlich Demokratie auf dem richtigen Weg,:
Der "Sozialreformer und Demokrat" Alfonsin kann jetzt der Nation
den Verzicht auf die Malvinas und den Arbeitern den Verzicht auf
mehr Lohn als Vollstreckung des Volkswillens präsentieren, der
sich an den Wahlurnen geäußert hat. "Gestärkt durch das Wahler-
gebnis" heißt sowas Demokratie ist ein probates Mittel, die har-
ten Notwendigkeiten die westliches Geschäfts- und Machtinteresse
gebieten, reibungsloser durchzusetzen, heißt also die dritte Bot-
schaft. Und worin die neue Einsicht der Herrschaft zu bestehen
hat und wer sie ihr wie beigebracht hat, bleibt auch kein Geheim-
nis: Schulden und ein verlorener Krieg, also westliche Kreditge-
ber und die britische Flotte sorgen für den Willen,
"Verständigung mit den Engländern, den Europäern und Amerikanern
zu suchen". Dies und nichts anderes ist der Inhalt aller westli-
chen "Hoffnungen auf eine stabile Demokratie". Eine "uns" genehme
Politik ohne laufende Unruhen, das ist Demokratie = eine stabile
Herrschaft, heißt die vierte Botschaft. Und die enthält selbst-
verständlich auch ihre Umkehrung: Für eine solche Herrschaft ist
immer wieder ein Volk doch noch nicht "reif" genug für die Demo-
kratie.
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