Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ARGENTINIEN - Zinstragend, zur Zeit demokratisch
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Argentinien
AUS DER NIEDERLAGE ZU NEUEN SIEGEN
"Der Sieg hat 100 Väter, während die Niederlage ein Waisenkind
ist." (John F. Kennedy nach dem "Schweinebucht-Desaster" im April
1961)
Für die freie Presse der Bundesrepublik ist es das Selbstver-
ständlichste, daß eine Regierung wie die Argentiniens unter Druck
gerät, weil sie einen Krieg verliert. Genauso selbstverständlich
ist ihr, daß gerade diese Kritik berechtigt ist und deshalb der
Übergang zur Demokratie ansteht. Und mindestens ebenso selbstver-
ständlich, daß eine solche "Demokratisierung" einige Härten ge-
genüber den Untertanen erfordert.
Sind die Argentinier eigentlich "reif genug für die Demokratie"
oder brauchen sie wie Türken oder Brasilianer noch etwas "straffe
Führung", lautet die um die Ordnung und Brauchbarkeit solcher
Staaten bemühte Frage. Wo käme schließlich ein S t a a t hin,
der sich einfach so den Regungen seines Volkes, und seien sie
auch noch so national gesinnt, überantwortete. Alles, was von
Staats wegen in Argentinien inszeniert wird, kann sich also eines
kritisch en demokratischen Einverständnisses hierzulande er-
freuen.
Glaubt man beispielsweise den Zeitungsmeldungen über immer neue
oder vermutete Gräberfunde in Argentinien, so haben die dortigen
militärischen Machthaber alle Mühe, sich des Problems der
"Verschwundenen" zu entledigen. Wo jeder weiß, w e r die 15000
getöteten "Terroristen" unter die Erde gebracht hat, gilt es
jetzt als "Zugeständnis" und "Schwäche", daß dieselben Leute be-
kannt werden lassen, w o die Leichen bzw. ein kleiner Teil da-
von liegen. Damit läßt die derzeitige Junta den Angehörigen, der
argentinischen sowie der Weltöffentlichkeit die höchst offizielle
Auskunft zukommen, daß das S c h i c k s a l der desaparecidos
nun geklärt sei. Im übrigen läßt die Militärregierung mitteilen,
daß sie das Verschwindenlassen von Personen nicht angeordnet,
vielmehr entsprechende "Vorfälle" den "Gerichten gemeldet" und
den "Terrorismus immer offen und niemals mit illegalen Maßnahmen"
bekämpft hat. Mit dieser Tour einer Militärherrschaft, die schon
immer neben allen Brutalitäten ihre Ehre als vaterländische In-
stitution hochgehalten hat, lassen sich zur Zeit zumindest im
Verhältnis nach außen Punkte machen: Der gute Ruf der argentini-
schen Militärherrschaft, den sie sich mit ihrem "Piratenakt" und
ihrem "sinnlosen Krieg" verscherzt hatte, ist zwar noch nicht
ganz (im Unterschied zu Brasilien, wo laut "Süddeutscher Zeitung"
zu hohe Siege der demokratischen Opposition die vom Militär ein-
gerichtete Demokratie gleich wieder gefährden), aber schon ein
bißchen wiederhergestellt.
Die vorsichtig vorgebrachte Kritik hierzulande oder in Italien,
daß das "Schicksal" unschuldiger Landsleute in Argentinien noch
nicht geklärt sei, wird 6 Jahre nach der brutalen Eliminierung
von Oppositionellen laut. Noch in der Form der äußerst diplomati-
schen Beschwerde spricht sich die Genugtuung darüber aus, daß es
der argentinische Staat geschafft hat, alle möglichen Unruhestif-
ter zu beseitigen und damit gute Voraussetzungen dafür herge-
stellt hat, jetzt etwas Demokratie "wagen" zu können.
Dolchstoß auf argentinisch
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Die tatsächliche Niederlage auf dem Felde der Ehre gilt auch bei
den Militärs als unumstritten. Erlesener Streitpunkt ist jedoch,
wem die Schuld daran in die Schuhe zu schieben ist. "Unsere Jungs
waren tapfer" lautet die von allen Seiten - auch in der Zivilbe-
völkerung - geteilte Aussage; niemand in Argentinien will also
etwas gegen den Kriegszweck, die Heimholung der Malvinas, gesagt
haben und damit gegen den Versuch, die Vormachtrolle Argentiniens
im Süden Lateinamerikas durch die Erweiterung der Landesgrenzen
praktisch werden zu lassen. Bloß: Wer hat "unsere Jungs" daran
gehindert, sich endgültig und mit Erfolg den Engländern und ihren
Gurkhas entgegenzuwerfen? Diese Frage ist der Auftakt zu allen
möglichen Schuldzuweisungen, die im Militär und seinen Waffengat-
tungen kursieren:
- 1. D i e E n g l ä n d e r mit ihrer "kolonialistischen"
Kriegsmaschinerie, - Leute also, mit denen man bis vor kurzem be-
stens bei Handels- und Kreditgeschäften sowie bei gemeinsen Waf-
fenübungen auskam. Unstrittig ist in der Armee, daß Argentinien
nicht nur die verlorenen Waffen ersetzen, sondern sich noch viel
mehr Kriegsmaterial anschaffen muß. Anstatt die Niederlage gegen
eine NATO-Obermacht zum Anlaß zu nehmen, die Politik der
"nationalen Größe" zu revidieren, dient sie den Militärs zu einer
Bestätigung ihres Nationalismus und zu noch größeren Rüstungsan-
strengungen.
- 2. D i e A m e r i k a n e r, die sich niederträchtig auf die
Seite des für sie wichtigeren Bündnispartners gegen den Osten
stellten. Ganz plötzlich entdeckte man in Argentinien einige
Spielregeln des "Yankee-Imperialismus", den man umgehend mit ei-
nem Rückzug von der "brüderlichen" Waffenhilfe in El Salvador und
gegen Nicaragua zu "bestrafen" suchte. In der argentinischen Be-
völkerung wird dieser Vorwurf verlängert in: "Unsere Militärs wa-
ren so blöd, den Yankees ihre Neutralität zu glauben" und: "Die
militärische Führung unter Galtieri steckte unter einer Decke mit
den USA", die den nationalen Feind unterstützt haben.
- 3. Die EG mit ihrem Waffen- (Exocet!) und Handelsboykott. Das
ist umso verwerflicher, als sich jeder Argentinier einbildete,
daß die BRD und Frankreich als europäische Staaten mit eigenen
H a n d e l s interessen doch "eigentlich" hinter "uns" stehen
mußten. Da blieb den Argentiniern ja gar nichts anderes mehr üb-
rig, als sich ihre Raketen bei dem "Oberterroristen" Gadafi zu
holen!
- 4. Die o b e r s t e m i l i t ä r i s c h e F ü h r u n g
und hier speziell Galtieri, der mit seinen persönlichen Extratou-
ren und einem falschen Einsatz der nationalen Kräfte die ganze
Expedition verbaselt hätte. Die argentinische Tageszeitung "El
Tribuno" fand heraus, daß Generäle und Oberste im Unterschied zu
den rangniederen Majoren im Kampf nichts getaugt hätten. Ein
schönes Argument für alle die Offiziere, die mit der gegenseiti-
gen "Kritik der Waffen" zugleich ihren persönlichen Aufstieg ver-
folgen.
- 5. Die j e w e i l s a n d e r e W a f f e n g a t t u n g:
So wirft die Marine dem Heer vor, daß es seine Soldaten ohne aus-
reichende Lebensmittel und Winterkleidung auf die Inseln ge-
schickt hat, während das Heer die Luftwaffe kritisiert, weil
diese sich in spektakuläre Luftkämpfe verloren hätte, anstatt die
Truppen auf den Malvinas gescheit zu versorgen; und beide kriti-
sieren die Marine, weil sie erstens die Belgrano verloren und
sich zweitens danach in die Heimathäfen zurückgezogen hat, an-
statt ihre U-Boote zum Einsatz zu bringen...
Bei den ersten 3 Punkten sind sich alle Fraktionen und Unterglie-
derungen im Militär noch ziemlich einig, während der Rest noch
immer die Gemüter erhitzt. So wird von Schießereien auf einzelnen
Offiziersversammlungen berichtet und erst Ende September wurde
der Kommandant der südlichen Marinezone, der Konteradmiral Hora-
cio Zaratiegui, seines Amtes enthoben und in Hausarrest gesteckt,
weil er eine gegen die militärische Führung gerichtete Erklärung
in den Garnisonen hatte verbreiten lassen. Darin sprach er sich
für eine "endgültige Bestrafung der Verantwortlichen der Nieder-
lage" und eine "psychologische Bearbeitung der Bevölkerung in
triumphalistischem Tonfall" aus. Dieser sichtbare Teil eines
"iceberg de la frustracion;' (El Dia, Mexico, 28.9.82) hielt nach
der Kapitulation auf den Falklands eine Ansprache vor Marinesol-
daten, die auf den Inseln gekämpft hatten:
"Wir sind hier versammelt, um das Bataillon zu empfangen, das den
Befehl zum Gegenangriff bekam, während gleichzeitig der Befehl
zum Hissen der weißen Fahne gegeben wurde. Ein Bataillon, das
keine Unterernährten hat und das dem Feind nicht eine einzige
noch funktionsfähige Waffe übergab. Ein Bataillon, das sich er-
gab, weil es den Befehl dazu bekam, das jedoch bis zum letzten
Augenblick seine Kommandostruktur und seine Kampfstärke behielt.
Ein Bataillon, das seine wirkungsvolle Vorbereitung zeigte und
dessen Kommandant auf seinem Posten blieb, bis sich der letzte
seiner Männer zurückziehen konnte."
Daß Zaratiegui bei seinem anschließenden Putschversuch keine Un-
terstützung bekam und zunächst ausgeschaltet wurde, liegt nicht
daran, daß der Rest der Offiziere seine Dolchstoßlegende nicht
für richtig befinden würde. Worüber keine Einigkeit besteht, ist,
wer endgültig für den Dolchstoß verantwortlich gemacht werden
soll und deshalb keine weiteren Machtfunktionen in der nächsten
Junta oder Regierung zu übernehmen hat. Immerhin stand soviel von
Anfang an fest: Köpfe mußten rollen und sind gerollt, was einer-
seits die Institution Militär vor weiterer Kritik schützt, ande-
rerseits aber auch nicht zu weit getrieben werden darf, da so das
Soldatische überhaupt und der Vaterlandsauftrag angegriffen wer-
den könnte und die vorsichtig kaltgestellten bzw. ins gut hono-
rierte Privatleben versetzten Offiziere auf dumme Gedanken, d.h.
Putschgelüste zwecks Wiederherstellung der persönlichen und na-
tionalen Ehre kommen könnten. So sind die Absetzungen in der mi-
litärischen Hierarchie bisher äußerst zahm gewesen (9 Generäle)
und trafen auch nur einen Teil der direkten Galtieri-Gefolgsleute
bzw. der "duros".
Der Dolchstoß an der Wirtschaftsfront
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Die schon länger in und außerhalb der Armee schwelende Auseinan-
dersetzung um Erfolg oder Nichterfolg der "liberalen Wirtschafts-
politik" ist mit der militärisch en Niederlage zu einem weiteren
wichtigen Argument im innermilitärischen Machtkampf geworden. Der
"Prozeß der nationalen Reorganisation" hat das Programm verfolgt,
Argentiniens Wirtschaftskraft und nationale Größe durch
"Bewährung" auf dem Weltmarkt (i.e. Abbau von Importzöllen etc.),
Großprojekte wie AKWs und staatlich subventionierte Indu-
striegründungen herzustellen. Weil diesem Ideal einer Volkswirt-
schaft, das die beschränkte Basis der nationalen Akkumulation, im
wesentlichen moderne, nach kapitalistischen Prinzipien organi-
sierte Exportproduktion von Weizen und Rindfleisch, erweitern
wollte, kein Erfolg beschieden war und auch nicht sein konnte -
gerade dank des "frischen Windes" vom Weltmarkt her gab es jede
Menge Firmenzusammenbrüche und Bankkräche, ohne daß nennenswertes
neues Auslandskapital angelegt worden wäre; immer neue Kredite
mußten her, um die staatlichen Projekte sowie die enorme Aufrü-
stung (1981 bekam das Militär 65% des Staatshaushalts! ) zu fi-
nanzieren -, geht heute der Streit im Militär auch darum, wie we-
nig konsequent die Wirtschaftspolitik durchgezogen worden sei
oder wie sehr man nun wieder den "Schutz der einheimischen Indu-
strie", Importstops usw. auf die Tagesordnung zu setzen habe.
Der Streit hierüber ist offiziell noch längst nicht entschieden.
Demonstrativ einig ist man sich nach dem Veto der "duros" nur
darin, daß "IWF-Auflagen unakzeptabel" (Wirtschaftsminister
Wehbe) und gegen die "nationale Würde" gerichtet seien und die
inzwischen akzeptierte Normalisierung der Beziehungen auf dem
Banksektor (vom IWF und den internationalen Banken als Vorausset-
zung für Umschuldung und neue Kredite verlangt) keineswegs iden-
tisch sein darf mit der Aufhebung der Handelssanktionen gegen
England. Letztere bestehen also aus Patriotismus und zum eigenen
Nachteil weiter fort, während eine "inoffizielle" Delegation des
IWF das Land bereist und in Gesprächen mit der Regierung klärt,
welche wirtschaftspolitischen Schritte diese demnächst ganz
"autonom" und mit "nationaler Würde" einzuleiten hat, damit die
dringend benötigten "Stand by-Kredite" doch noch ins Land flie-
ßen. Nach einem "Absichtsbrief" der argentinischen Regierung hat
der IWF inzwischen 2 Milliarden Dollar bewilligt. Die IWF-Forde-
rungen werden also längst durchgesetzt, während getrennt davon
die Vertreter der "nationalen Würde" propagandistisch um den be-
sten Kurs streiten.
Die Stunde der Politiker?
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Die nationalistische Beurteilung des Falkland-Krieges und die
sich daraus ergebende militärische, ökonomische und politische
Dolchstoßlegende kennzeichnet eine neue Stufe der Konkurrenz im
Militär. Die permanente Diskussion darüber, welche Offiziers-
gruppe den "Prozeß der nationalen Reorganisation" bestimmt und
mit ihren Personen die wichtigsten Ämter besetzt, erhält durch
die Niederlage neues Material und neuen Auftrieb. Die Debatte
entfernt sich sehr schnell von den strategischen Fragen und wird
spätestens bei der Ablösung oder drohenden Ausschaltung bestimm-
ter Offiziere zu einer Aufkündigung der bisher in der Armee gege-
benen Solidarität. Wenn grundsätzlich darüber debattiert wird,
welche Gruppe die Niederlage verschuldet und damit die "nationale
Würde" beschädigt hat, dann wird die militärische M a c h t-
ausübung zum Streitgegenstand, weil nicht die taktisch-
strategische K r i e g s führung zur Debatte steht, sondern die
Befähigung von Generälen für die Staatsgeschäfte, die in der Hand
der Militärs liegen. P o l i t i s c h e s Versagen steht da
zur Debatte, die sich deswegen auch noch ganz anderer "Beweise"
bedient. Längst verstaubte Affären werden jetzt wieder reakti-
viert, und sogar eine Beteiligung am "schmutzigen Krieg" gegen
die Guerilla und Linksperonisten wird ausgerechnet von ("nicht
blutbefleckten") Militärs als Vorwurf lanciert.
Um sich gegen die interne Kritik durchzusetzen, benützt die herr-
schende Offiziersgruppe die im Volk und bei den Parteien vorhan-
dene Kritik am Militär und macht den Politikern der bisher verbo-
tenen oder geduldeten Parteien Offerten bezüglich der Mitarbeit
an der Staatsgewalt.
"Wir gestehen alle unsere Fehler ein und streben, in Einklang mit
der Doktrin der Kirche, die nationale Aussöhnung ohne Haß und mit
Großzügigkeit an." (15-Punkte-"Konzertierungsprogramm" der Junta)
Weil die "Redemokratisierung" von oben die eigene Position stär-
ken soll, von einem freiwilligen oder erzwungenen "Rückzug in die
Kasernen" also nicht die Rede sein kann, wird sie ordentlich
"konzertiert", d h. mit Auflagen versehen. Welche Kautelen der
"Übergang zur Demokratie" im einzelnen bekommt, ist zur Zeit noch
innerhalb der Militärs umstritten, fest steht nur, daß sich kei-
nesfalls die - schon zweimal vom Militär weggeputschten - Peroni-
sten, die bei freien Wahlen mit einer sicheren Mehrheit rechnen
könnten, durchsetzen dürfen.
Um der Gruppe der Offiziere, die auf der kompromißlosen Rettung
der "Ehre der Nation" und der unveränderten Fortsetzung des
"Prozesses der nationalen Reorganisation" bestehen, das Wasser
abzugraben, setzt die Junta auf die Aufrechterhaltung des Sch-
eins, daß der Krieg mit England noch nicht beendet ist. Die offi-
zielle Linie lautet, daß es "keine formelle Beendigung der Feind-
seligkeiten", sondern nur einen "De-facto-Waffenstillstand" gebe.
Auf der anderen Seite ist es einem Helden des Falkland Krieges,
dem Luftwaffenchef Lami Dozo, verwehrt worden, sich an die Spitze
einer neuen politischen Partei zu stellen und auf diese Weise den
Versuch zu unternehmen, sich selber die weitere Führungsrolle zu
sichern. Ähnlich wie der frühere Juntachef Viola oder der General
Massera, der deswegen sogar mit den linksperonistischen Montone-
ros paktierte und ihnen eine Million Dollar zukommen ließ, speku-
liert Lami Dozo als Nationalist mit dem Populismus, d h. einer
Berufung auf die Kraft und die Wählerstimmen der Massen, mit der
er sich über die zivilen Parteien und Politiker und ihre be-
hauptete Vertretung politischer Massenansprüche hinwegsetzen
will. Die regierende Mannschaft baut dagegen auf die Brauchbar-
keit und Kontrollierbarkeit einer beschränkten "repräsentativen
Demokratie", also auf die Zulassung vorhandener Parteien, die un-
ter der Regie und letzten Entscheidungsgewalt des Militärs die
politischen Entscheidungen und Streitigkeiten verantworten sol-
len. Die diversen "politischen Kräfte" sind durchaus geeignet,
solchen Erwartungen zu entsprechen.
Wie sehr sämtliche politische Parteien in Argentinien Rücksicht
auf die Armee nehmen, belegt ihre Aufarbeitung des "schmutzigen
Krieges": Wohl wissend (und schätzend), daß das Militär mit jeder
ernsthaften Opposition im Land gründlichst aufgeräumt hat, ver-
wandeln sie den in der Bevölkerung weit verbreiteten Haß gegen
die Armee in ein Problem der "Reinwaschung" des Militärs vom Vor-
wurf des "schmutzigen Krieges". Sie garantieren den Offizieren
schon jetzt, daß sie die feste Absicht haben, die gegen sie ge-
richtete Einstellung auf jeden Fall unter Kontrolle und "die Be-
stien" (Militärjargon für das Volk) im Käfig zu behalten. Von da-
her gesehen stehen sie voll dahinter, daß man den Müttern der
"Verschwundenen" - die die trostlose Bestätigung "Was ist aus ih-
nen geworden...?" wollen, obwohl sie wie alle Argentinier genau
Bescheid wissen -, irgendetwas, z.B. 1000 Leichen vorschmeißen
sollte. Anschließend können dann alle möglichen Untersuchungen
angestellt werden, beispielsweise, welchen Namen die Leichen ha-
ben bzw. hatten, und es lassen sich schöne, "richtige" Begräb-
nisse arrangieren... So läuft in Argentinien
"Vergangenheitsbewältigung".
Solange die politische Teilhabe der Parteien noch nicht institu-
tionalisiert ist und diese nicht das staatspolitisch Notwendige
mittragen dürfen, dient ihnen der verlorene Krieg und auch die
gegenwärtige Wirtschaftspolitik als Material für einen Verrats-
vorwurf an die Adresse der Militäregierung. Neben der Verkündung
von Verbalradikalismen, die insgesamt "eine von den Zentren der
Weltmächte unabhängige Politik" verlangen, verhalten sich die Re-
präsentanten der Parteien allerdings äußerst "realpolitisch" und
vermeiden jeden zu direkten Angriff auf die Armee als Institution
und Organisator des "Prozesses der nationalen Reorganisation".
Dies gilt selbst für die früheren "Todfeinde" des Militärs, die
Peronisten, die sich immer mehr als normale Politiker aufführen
in Absetzung vom früheren Charakter ihrer Partei als "Bewegung",
die Argentinien unter Berufung auf die eigenen ökonomischen Po-
tenzen und die Arbeitskraft der Massen zu wahrer Souveränität
verhelfen wollte. Genau darauf, daß nämlich der Peronismus nicht
mehr der gleiche wie früher ist, also Massen nur noch repräsen-
tiert und nicht mehr für den Volksführer mobilisiert, baut das
"Konzertierungsprogramm" der Junta - was sie natürlich nicht hin-
dern wird, gegen unbeabsichtigte mögliche "Ausuferungen" des De-
mokratisierungsprozesses Vorsorge zu tragen.
Druck von unten?
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Die ab und zu öffentlich ausbrechenden Proteste und Beleidigungen
gegen das Militär bestätigen - anders als das journalistische Be-
obachter wahrhaben wollen - die nationalistischen Ziele der Mili-
tärdiktatur und werfen ihr ein V e r s a g e n nach dem anderen
vor: "Nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch mili-
tärisch haben sie uns verraten!" Gerade weil der Protest nicht
die Zwecke der Militärherrschaft kritisieren will, sondern von
der Einbildung lebt, der argentinische Staat sei unter den Mili-
tärs eine Mischung von "nackter Gewalt" und "Unfähigkeit", kommt
es in Argentinien dazu, daß "plötzlich" während des Krieges um
die Malvinas die Kritik an der Armee zurückgestellt und mit einem
"endlich!" ihr Einsatz für die nationale Sache gelobt wird.
N a c h dem v e r l o r e n e n Krieg heißt es dann wieder,
die Offiziere hätten die Niederlage verschuldet, indem sie z.B.
von der Bevölkerung gespendete Lebensmittel für die Soldaten auf
eigene Rechnung verkauft hätten... Solch ein Protest, der seiner
Obrigkeit vorwirft, sie würde nichts taugen, und der gegen ge-
standene Offiziere, die sich voll für die nationale Sache einset-
zen, nichts mehr einzuwenden hat (d e s w e g e n war Galtieri
während des Krieges durchaus populär), muß sich konsequenterweise
mit dem Gestus enttäuschter Fans äußern und ab und zu darauf be-
stehen, den Unmut laut werden zu lassen.
Auch die vielzitierten "Hungermärsche" sind nicht der Ausdruck
eines gegen die Armee gerichteten politischen Willens der Bevöl-
kerung (diese hat sich in der Mehrheit - sicher ein "Erfolg" der
Militärherrschaft - die Haltung der Gleichgültigkeit zugelegt,
der Offiziere und Politiker gleichermaßen als Diebe und Verräter
gelten, die Offiziere vielleicht noch ein bißchen mehr, die sich
ansonsten aber von jeder politischen Betätigung fernhält), son-
dern werden von den peronistischen Gewerkschaftsmitgliedern ver-
anstaltet, die die Wiederherstellung der Formen eines argentini-
schen Sozialstaates, wie er bis 1976 existierte, verlangen. Nach
dem Putsch von '76 hatten die Militärs die Gewerkschaften und die
unter Peron eingerichteten und von den Branchengewerkschaften
verwalteten Sozialeinrichtungen - auch Krankenhäuser standen da-
mals unter gewerkschaftlicher Regie - zerschlagen, weil sie ihnen
ihre Machtbasis entziehen wollten und in ihnen ein Hindernis für
die beabsichtigte Konkurrenz der argentinischen Industrie auf dem
Weltmarkt sahen. Damit wurde nicht nur die Existenz der argenti-
nischen Arbeiter radikal verschlechtert, auch der peronistischen
Gewerkschaft CGT wurde ihr eigentliches Betätigungsfeld, die Ver-
waltung des Arbeiterlebens, entzogen. Das von der Militärregie-
rung angebotene neue Praxisfeld, nämlich die reine Repräsentanz
der Arbeiterinteressen im neuen Argentinien des "nationalen Wie-
deraufbaus", vor allem im Ausland bei internationalen Gewerk-
schaftstreffen, wurde nur von einem Teil der Gewerkschaftsführung
akzeptiert. Der Rest fühlte sich um seine wahre Aufgabe betrogen
und hält noch heute daran fest, daß die alten Machtbereiche wie-
der her müssen. Für d i e s e n Zweck organisiert der
"radikalere" Gewerkschaftsflügel, die CGT-Azopardo, heute Stra-
ßendemonstrationen. Der "Druck der Massen" hält sich also auch
von dieser Seite sehr in Grenzen; - wenn der "Redemokra-
tisierung", wie sie die Junta zur Zeit auf dem Programm hat,
überhaupt Gefahr droht, dann deswegen, weil ein Teil der Ge-
werkschaften und der peronistischen Parteien es darauf anlegen
könnte, das "Rad der Geschichte zurückzudrehen" und auf neue bzw.
alte Formen der Mitsprache im Staat zu dringen. Nur kann sich die
vorherrschende Gruppe im Militär ziemlich sicher sein, daß die
Bevölkerung und auch die Gewerkschaften und Parteien das mit dem
"schmutzigen Krieg" statuierte Exempel für die nächste Zeit ver-
standen haben: Neben der Tatsache, daß alle potentiellen Stören-
friede, sprich "Extremisten", aus dem Weg geräumt sind, wirkt für
die Militärs beruhigend, daß alle irgendwie nicht-nationalisti-
sche oder alternativ-nationalistische Kritiker in ihr Auftreten
fest den nächsten Putsch und die daran anschließende Repressionen
einrechnen werden. Weil die Junta ihrerseits damit rechnen kann,
daß die "gesäuberte" Gesellschaft und die gegenwärtige Mannschaft
gemäßigter Oppositionspolitiker ihr die Freiheit garantieren,
nicht mit einer ernsthaften Infragestellung der Rolle des Mili-
tärs durch zivile Politiker rechnen zu müssen, existiert allen-
falls eine ernsthafte Bedrohung für die "konzertierte Demokrati-
sierung": Was denken die Waffenbrüder über den eingeschlagenen
Weg?
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