Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern
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Marxistische Gruppe, Juni 1983
Die USA in Mittelamerika
FÜR "FRIEDEN IN FREIHEIT" ZU JEDEM KRIEG BEREIT
1.
Die Sicherheit der USA, nach ihrer maßgeblichen Auffassung die
Sicherheit der ganzen "freien Welt", soll in Nicaragua und El
Salvador auf dem Spiel stehen. Wie sie das wohl schaffen, die
paar tausend aufständischen Bauern in El Salvador, die sich mit
den amerikanisch geschulten Killertruppen der christlichen Regie-
rung eine blutige Schlacht nach der anderen liefern? Und wie
könnte wohl ein Staat wie Nicaragua, der noch immer auf das
Wohlwollen amerikanischer Bananenaufkäufer angewiesen ist, die
reichste und mächtigste Militärmacht der Welt gefährden? Sind
denn etwa schon mittelamerikanische Flugzeugträger vor New York
und San Francisco aufgetaucht? Oder haben sich nicht vielmehr um-
gekehrt die USA die Freiheit genommen die S i c h e r h e i t
Nicaraguas mehr als bloß zu "gefährden"?!
2.
Das hat mittlerweile jeder deutsche Fernsehzuschauer mitgekriegt:
Die USA haben zwei Flugzeugträgerflotten rund um Mittelamerika in
Stellung gebracht, von denen jede allein schon die stärkste Mili-
tärmacht der Region darstellt und nach Bedarf über die absolute
Lufthoheit verfügt; die USA bauen in Honduras eine nagelneue Ar-
mee auf, deren Gefechtsfähigkeit in wenigen Monaten durch groß
angelegte gemeinsame Manöver mit amerikanischen Truppen an der
Grenze zu Nicaragua unter Beweis gestellt werden soll - viel-
leicht gleich im Ernstfall; die USA können sich zu einem durch
Putsch an die Macht gekommenen Diktator in Guatemala beglückwün-
schen, der zum ersten Grundsatz seiner Staatskunst und der Größe
seines Landes erklärt, ebenfalls Gefechtsbasis der USA zu sein;
die USA haben die Kriegsmaschinerie vor Ort und erklären ihre Be-
reitschaft zu einer Seeblockade eine "Quarantäne" gegen den kom-
munistischen "Bazillus" die Kuba gleich miterledigen kann und im-
mer für den "Zwischenfall" gut ist, um gleich ganz hart zuzu-
schlagen. Auf jeden Fall machen sie es zu einer Frage ihrer Er-
laubnis, welcher Frachter "Uljanow" dort noch passieren darf.
Seine gute Meinung über "unsere amerikanischen Freunde" muß des-
halb kein Bundesbürger verlieren. Er muß nur die selbstgerechte
Moral der "Politik der Stärke" nachbeten. Wenn die USA ihre mili-
tärische Macht so einsetzen, dann müssen sie wohl einen guten
Grund haben. Die Friedenssicherung eben, die offenkundig den Ein-
satz der Kriegsmaschine überhaupt nicht ausschließt.
3.
Wenn der Einsatz amerikanischer Kriegsmaschinerie von vornherein
dem für gut befundenen Frieden dient, dann können es ja nur an-
dere sein, die ihn stören. Das soll man mit Reagan und Wörner
denken. In Washington jedenfalls hat man den Entschluß gefaßt, in
Nicaragua und El Salvador den "Weltkommunismus" zu bekämpfen,
ganz unabhängig davon, ob dort jemals kommunistische Revolu-
tionäre oder auch nur russische Helfer tatsächlich zu Gange,
waren. Die neue "sandinistische" Regierung hat eine Kreatur
Amerikas, den Schlächter Somoza, verjagt; sie hat - unerhört für
die Chefs mittelamerikanischer Bananenrepubliken - die Ernährung
des Volkes nicht bloß als wohlfeiles Ideal verkündet, sondern zum
Programmpunkt ihrer Herrschaft gemacht; sie hat dafür Hilfe
gesucht, wo sie sie bekommen konnte, ihre Außenpolitik nicht mehr
in Washington abgefragt - das reicht schon für eine
Feindschaftserklärung der USA.
4.
Indem diese Feindschaft von den USA und ihren westlichen Freunden
in die Tat umgesetzt wird, verschafft sie sich ihre "guten
Gründe". Noch immer ist Nicaraguas Wirtschaft kaum mehr als ein
Anhängsel des US-Marktes für tropische Früchte. Dazu ist es
schließlich jahrzehntelang entwickelt worden. Heute betreiben im-
mer härtere Wirtschaftssanktionen der USA und der Beschluß deut-
scher Entwicklungspolitiker, Kredite zu streichen - als wären sie
je ein Geschenk gewesen -, zielstrebig den Ruin Nicaraguas. So
wird ein ganzes Volk durch einen Federstrich in westlichen Mini-
sterien mit Hunger und Not dafür bestraft, daß es einer Regierung
gehorcht, die der Westen weghaben will. Daß diese trotz der Zer-
störung ihrer Grundlagen durch die "freie Welt" noch existiert,
liefert den billigen Beweis, daß hinter ihr nur noch der russi-
sche Hauptfeind stehen kann. Was bisher immer noch ein bißchen
versteckt geschehen ist, wird nun mit geradezu demonstrativer Of-
fenheit betrieben: Der amerikanische Geheimdienst CIA steckt Mil-
lionen Dollar und hunderte von - Agenten in die Aufrüstung einer
Söldnerarmee, die vom Gelände der, nördlichen Nachbarn Nicara-
guas, von Honduras aus, einen unerklärten Krieg gegen die
"frechen" neuen Herren des Landes fährt. Jede Abwehrmaßnahme der
Regierung Nicaraguas kostet erstens ein Geld, das die Nation gar
nicht übrig hat, vergrößert ein das Elend, das die Sandinisten
besiegen wollten. Zweitens dient sie den Mittelamerikapolitikern
der USA als Beweis, daß die neue Regierung der wahre Unruhestif-
ter in der Region sei. Da wird dem Staat ein Krieg aufgezwungen -
und jede Waffe, die der sich besorgt (aus dem Osten natürlich,
weil ihm sonst niemand welche verkauft), entscheidet die
S c h u l d f r a g e. Gegen die regierenden Sandinisten, ver-
steht sich; und zwar gleich so, daß die USA sich aufgerufen füh-
len, sofort "schlichtend" und "friedenssichernd" einzugreifen. So
liefert jeder Vormarsch amerikanischer Gewalt den moralisch ein-
wandfreien Grund, daß mehr davon hin muß: Flugzeugträger...
Nach ihrer durchgesetzten Auffassung sind es die USA ihrer Ver-
antwortung für "Frieden in Freiheit", für eine antikommununisti-
sche "Weltordnung" schuldig, "ein Exempel zu statuieren". Ein Ex-
empel dafür nämlich, daß sie nirgends mehr auch nur die Möglich-
keit sowjetischen Einflusses dulden wollen und diese Gefahr ent-
deckt eine US-Regierung, verräterisch genug, bereits dort, wo ein
paar Leute sich gegen die fortschreitende Verelendung ihres Vol-
kes auflehnen und dem durch die freie Welt garantierten Unter-
drückungsapparat einen Schaden zufügen. D a fängt bereits die
"Wohltätigkeit" des Sowjetkommunismus an und bedroht Amerikas Si-
cherheit! Sogar dort, wo sie kaum bis gar nicht wirklich enga-
giert ist, sollen der Sowjetunion die Grenzen ihrer weltpoliti-
schen Bewegungsfreiheit enger gezogen werden: D a f ü r hat in
Mittelamerika ein ganzes Volk nicht nur zu hungern, sondern auch
zu bluten.
5.
Wo auf der Welt amerikanische Gewalt wieviel Hunger und Leichen
produziert, soll die Gegenseite zu verantworten haben. Wo das der
Fall ist, entscheidet nicht sie, sondern der "freie Westen". Das
machen z.B. die amerikanischen Friedenspolitiker, die rund um die
von ihnen inszenierten Kriege in Mittelamerika herum ihre Mili-
tärmaschinerie vorerst "nur" in Stellung gebrcht haben. Wenn das
die Staatsmänner Nicaraguas einschüchtert, die angetreten waren,
um ihrem Volk ein bißchen Luft zu verschaffen von der Last ameri-
kanisch-freiheitlicher Geschäftemacherei und vom Druck der dazu-
gehörigen politischen Gewalt, dann, weil s i e einen K r i e g
f ü r c h t e n im Unterschied zu den USA. Denn diese Weltmacht
unterhält für solche Zwecke schließlich ein Berufsmilitär, das
während 30 Jahren NATO-Frieden auf aller Welt ständig im Einsatz
war. Einem US-Außenminister aber zeigen deshalb die immer schon
vorgebrachten Bekundungen Nicaraguas, es wolle kein Freund der
Sowjetunion, sondern weltpolitisch neutral sein, nur eines:
"Unsere Unterstützung für die Demokratie zeigt langsam Wirkung"
(Shultz). Der Erfolg heiligt die US-amerikanischen Mittel, und
nur sie. Mit ihnen ist der amerikanische Außenminister zufrieden,
keineswegs mit Nicaragua. Wenn die USA sich loben, genau die
"Sprache der Gewalt" zu sprechen, die Nicaragua einzig verstehe,
sagen sie nur eins: Außer der Kapitulation, außer der Abdankung
der Sandinistas, gibt es kein "Zugeständnis", über das die USA
"verhandeln" und mit dem die Sandinisten den amerikanischen An-
spruch auf Oberhoheit über die gesamte Region zufriedenstellen
könnten. Solange haben sie alle Eskalationen der US-"Politik der
Stärke" zu verantworten. Und das ist schon die ganze
"Verhandlungsbereitschaft" des freien Westens, von der sich ein
Bundesbürger immer noch vorstellen darf, daß sie "besser als
Schießen" sei. Weil die USA sich die Kapitulation Nicaragua zum
Ziel gesetzt haben, setzen sie sehr realistisch ihre militärische
(Gewalt ein - als das einzig geeignete Argument für dieses
"Verhandlungsangebot" in Sachen Frieden in Mittelamerika. Ent-
sprechend sieht die diplomatische Botschaft der USA an Kuba und
die Sowjetunion aus. Wenn die USA es zu einer G n a d e machen,
wenn sie russische Frachter auf einem Weltmeer passieren lassen,
und sich gleichzeitig weltöffentlich mit dem Hinweis auf eine an-
gebliche Waffenfracht das R e c h t einräumen, sie hätten ihn
auch versenken können, dann machen sie die N a c h g i e-
b i g k e i t des Ostens dafür verantwortlich, wo aus dem
Blockade m a n ö v e r der (weltweite) Ernstfall wird. Wo er
indessen eintritt, sollen die Kreml-Politiker nicht mehr
kalkulieren können. Das ist der maßlose Standpunkt der westlichen
Führungsmacht, daß die Sowjetunion auf der Welt n i c h t s
m e h r z u e n t s c h e i d e n haben soll, also auch keinen
noch so hohen Preis genannt bekommt, dessen Entrichtung den We-
sten zufriedenstellen könnte.
6.
Eine exotische Ausnahme ist er also keineswegs, der blutige
"Krisenherd" der Welt in Mittelamerika, auch wenn er noch so sehr
als eine gänzlich "andere Welt" erscheint, verglichen mit den
"geregelten Verhältnissen" hierzulande, wo der Mensch seinen
Dienst in Fabrik, Büro oder als Arbeitsloser verrichtet und mit
den Ergebnissen der neu anlaufenden Bundesliga-Saison als größter
Überraschung rechnet. Die "gesitteten" Verhältnisse hierzulande -
von ihrer weniger dramatischen, dafür um so penetranteren Unko-
sten für die betroffenen Bundesbürger 'mal ganz abgesehen! - sind
die Voraussetzung dafür, daß die westliche Lebensart mit Killer-
kommandos und Kriegsschiffen gegen Nicaragua, gegen Kuba und ge-
gen einen Verzweiflungsaufstand in El Salvador vorwärtsverteidigt
wird. All die blutigen Affären auf fremden Kontinenten, die man
sich für Mitteleuropa so überhaupt "nicht vorstellen kann" - hier
sollen ja das Wetter und das Waldsterben die größten Probleme
sein! -, haben ihren wichtigsten Grund in der Macht und Freiheit,
die die "ordentlichen" Zustände zwischen Flensburg und Berchtes-
garden, zwischen San Francisco und Wolfsburg den Managern von EG
und NATO zum Regieren verschaffen: zum Hineinregieren in aller
Herren Länder nämlich.
Und wenn man es schon am eigenen Lebensschickal nicht merken oder
mindestens nicht wahrhaben will: Am Umgang mit auswärtigen Völ-
kerschaften führen demokratische Machthaber völlig ohne Skrupel
vor, wie zielstrebig und effektiv sie das Wohlergehen und selbst
das Überleben ganzer Völkerschaften für ihre politischen Vorhaben
ein- und aufs Spiel setzen. Mord, Totschlag, Elend und Krieg -
eine ferne, andere Welt? Nein: die a n d e r e S e i t e der
geordneten Ausnutzung eines wohlgeordneten Menschenmaterials, die
hierzulande alltäglich ist. Und deswegen auch für den mitteleuro-
päischen Alltag eine Alternative, mit der die Betroffenen viel-
leicht nicht rechnen die M a c h e r des "Weltfriedens" dafür
aber immerzu!
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