Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern
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"Solidarität mit Nicaragua und El Salvador"
SAUBERMÄNNER DES IMPERIALISMUS
Unter einem Bürgerkrieg irgendwo in der "3. Welt" macht es hier-
zulande keine Solidaritätsbewegung, wenn es für sie darum geht,
ihre Parteinahme für ein unterdrücktes Volk und seine "nationale
Unabhängigkeit" zu demonstrieren. Das wäre kein Vorwurf, wenn da-
mit nicht schon einiges über die Sorte "Antiimperialismus", die
s i c h auf den einschlägigen Solidaritätsfesten mit all ihrem
widerlichen Zirkus (Liedermacher, Dichter und ein möglichst ge-
folterter, eingeborener Kämpfer) feiert, entschieden wäre. Eins
steht nämlich fest: Wenn erst einige -zig Opfer die Anteilnahme
am Wirken des Imperialismus durch eine betroffene Gemeinde si-
cherstellen, dann gelten solche blutigen Zustände ebenso als
"Auswüchse" des "normalen" imperialistischen Gangs wie dieser
selbst als Idylle. Zweitens ergibt sich daraus eine Parteinahme
für die zivilisierten westeuropäischen Zustände, die sich gewa-
schen hat: denn verhungern muß hier bekanntlich niemand, vielmehr
sterben die Leute an Herzversagen und man geht freiwillig zur Ar-
beit und zur Wahl! Und mal ehrlich - was auch immer von diesen
Leuten an Errungenschaften des modernen Kapitalismus für höchst
bedenklich gehalten wird (zuviel Konsum, zuwenig Ideale), der "3.
Welt" wird die Demokratie noch immer als "Fortschritt" zur Nach-
ahmung anempfohlen - ganz so, als wären dort nicht gerade die Re-
sultate des d e m o k r a t i s c h e n Imperialismus zu be-
sichtigen. So wundert es auch nicht, daß es dieselben Schäfchen
sind, die werktags brav studieren oder auch arbeiten u n d die
sich das Feiertagsbewußtsein einer Gegnerschaft zum Kapitalismus
halten und pflegen, das von den Gründen, ihn dort zu bekämpfen,
wo er sich die Grundlagen seiner imperialistischen Betätigung
verschafft, nichts hören und wissen will.
I.
Mit dieser Gleichgültigkeit geht eine Weltanschauung einher, die
gerade diejenigen Länder bewundert und für geeignet hält, den Im-
perialismus zu "schwächen" oder gar zu "schlagen", deren ganze
Existenz sich darauf gründet, daß es dort einen Rohstoff auszu-
beuten gibt, mit dem sich in Chicago oder London ein Geschäft ma-
chen läßt. Selbst wenn es den betreffenden Ländern möglich wäre,
dieses Geschäft ohne den sofortigen Ruin des jeweiligen Landes
aufzukündigen, was schon alles über das Gewicht dieses
"Druckmittels" aussagt, käme dies einer Kriegserklärung an die
Adresse vor allem der USA gleich. So gibt die von den Sandinistas
in Nicaragua nach dem Umsturz ausgegebene Parole: "Verglichen mit
dem was kommt, war unser Sieg leicht", eine Ahnung von der Alter-
native, die ihnen "offensteht": ökonomische und politische Frie-
densangebote an den Imperialismus oder s o f o r t i g e Kapi-
tulation. Daß sie sich dann für ersteres entschieden haben, hat
ihnen zwar zu einigem Ansehen im Westen verholfen, gibt aber dar-
überhinaus nur Über eins Auskunft: das Geschäft geht vorerst wei-
ter. Hinsichtlich der veränderten Konditionen, unter denen es
stattfindet und auf die sich die Sandinistas sehr viel einbilden
-
So haben sie verbreitet, die Umschuldungsvereinbarungen seien ein
"Erfolg" ihrer "Drohung", die Auslandsschulden aus der Somoza-
Zeit nicht anzuerkennen. Es verhält sich genau umgekehrt: Eben
diese Anerkennung war die Bedingung ihrer weiteren Kreditfähig-
keit.
- werden gerade die Sandinistas inzwischen am besten wissen, daß
ihre politische Kreditierung durch den Westen an Wohlverhalten
sowohl nach innen (Zurückhaltung bei der Enteignung ausländischen
Kapitals) als auch nach außen (Zurückhaltung gegenüber Havanna
und Moskau) gebunden war. Mittlerweile haben die Amerikaner be-
schlossen, daß es selbst damit nicht getan ist: Streichung der 15
Mio. Dollar.
II.
Daß in Mittelamerika und vor allem in El Salvador allein dadurch
ein neue Lage entstanden ist, daß die USA diese Region ab sofort
als Schauplatz des Ost-West-Gegensatzes behandeln, für dessen
Austragung sie sich dort die Anlässe s c h a f f e n, ist
selbst für die kein Geheimnis, die darüber die MSZ-Artikel
(zuletzt in Nr. 2/81: El Salvador - Ein Testfall für den Imperia-
lismus) nicht gelesen haben. Für die betroffenen Staaten hat das
im Fall Nicaragua zur Konsequenz, daß selbst die Bereitschaft,
dem Imperialismus auf allen Feldern "Zugeständnisse" zu machen,
nicht ausreicht, den Bestand der "Revolution" sicherzustellen;
für El Salvador bedeutet es, daß die Chancen für einen militäri-
schen Sieg der Linken gegen Null gehen.
III.
Statt daran wahrzunehmen, daß es sich bei diesen Ländern mangels
eigener Mittel um die Manövriermasse der Weltpolitik handelt, de-
ren Subjekt sie nicht sind, verfährt die deutsche Solidarität ge-
nau umgekehrt. Man s e t z t auf FSLN und FDR, eben w e i l
sie die O p f e r des Imperialismus repräsentieren. Wie wenig
diese Haltung mit einer Gegnerschaft zum Imperialismus zu tun
hat, zeigt sich schon daran, daß sich unter dem Obertitel
"antiimperialistische Solidarität" ein forscher "Antiamerikanis-
mus" - die billigste Tour h i e r sich kritisch zu fühlen - mit
einem strammen Antikommunismus paart. Wenn nämlich beispielsweise
ein Vertreter der FDR, ohne danach gefragt worden zu sein, die
angebliche Gefahr dementiert, El Salvador könne kommunistisch
werden und dann die Ölversorgung der USA gefährden (El
Salvador!), weil er meint für die amerikanische Entschlossenheit,
den "Weltkommunismus" ausgerechnet in Mittelamerika
"einzudämmen", wäre sein Parteibuch der Grund - so ist das die
Sorte Meldung, die hier bevorzugt zur Kenntnis genommen wird.
Denn damit ist bewiesen, daß die dortige "Befreiungsbewegung"
über lautere (d.h. von einem Deutschen anzuerkennende) Motive
verfügt, aus lauter guten Menschen (d.h. keine Kommunisten) be-
steht und daher ganz u n s c h u l d i g zum Opfer der neuen
US-Außenpolitik geworden ist.
IV.
Diese saubere und saubermännische Sortierung der Weltpolitik in
ihre gerechten und ungerechten Opfer vollzieht sich auf der
Grundlage eines ebenso moralischen "Antiamerikanismus", der in
nichts als der sicheren S e l b s t gewißheit der d e u t-
s c h e n Unschuld in Sachen Imperialismus besteht. Als wäre die
BRD nicht in der NATO und deren erster europäischer Scharfmacher,
geht diese Vorstellung so weit, Nicaragua, El Salvador u n d
die BRD gleichermaßen als die wehrlosen Opfer des State
Departments sich auszumalen! So sehr gefällt sich die west-
deutsche "3. Welt"-Gemeinde im Ideal einer weltweiten Frie-
dens m i s s i o n des BRD-Imperialismus, das von den Politikern
als die Begleitmusik ihrer Friedens-Groß m a c h t wünsche
genährt wird, daß niemand auf die Idee kommen will, dem dicken
Genscher einmal die Absichten zu unterstellen, die er hat, wenn
er sagt, in Mittelamerika müsse man sich von wegen "Krisenherd"
wieder vertragen: Einfluß zu nehmen auf die Gestaltung einer für
den Westen günstigen Herrschaft in El Salvador. Es will ihr auch
nicht auffallen, daß die offizielle und die kürzliche Reise des
SPD-Krisenmanagers Wischnewski dorthin selbst jeden Anschein
peinlich vermieden hat, es sei Sache der BRD, dort für irgendet-
was oder -jemand, und sei es auch für die "Demokratie", Partei zu
ergreifen, außer für eins. Daß er demnächst nach Washington zum
Rapport fährt, wird ihm sicher wieder als Knebelung des unbändi-
gen Friedenswillens der SPD ausgelegt werden. Schließlich verfügt
die "antiimperialistische" Schafsnatur über ein gefestigtes
Welt b i l d.
V.
Im gleichen Maß, wie diese fromme Vorstellungswelt über das Bemü-
hen ihrer Besitzer Auskunft gibt, mit Deutschland ganz national
im Reinen zu bleiben, verfährt sie u n v e r s c h ä m t auf
dem Feld der "internationalen Solidarität". Da hebt nämlich dann
die Taxierung an, inwieweit sich einzelne Länder der Anteilnahme
(noch) würdig erweisen. Für Nicaragua gilt da die zentrale Frage,
ob nicht auch die Sandinistas sich inzwischen durch "die Macht"
haben korrumpieren lassen, an der das Gewissen sich entscheidet.
Andererseits ist man bereit, viel verständnisvolle Nachsicht für
"Sachzwänge" aufzubringen. El Salvador: Wieviele Tote sind durch
einen Sieg noch gerechtfertigt? Wie stehen die Chancen, wie das
militärische Kräfteverhältnis? Läßt sich ein Bürgerkrieg mit mei-
nem Pazifismus vereinbaren? So und noch ausgeteilter lauten die
delikaten Gewissensfragen, die im Normalfall mit einer Spende in
die übliche Kollekte beantwortet werden, die i m m e r einem
guten Zweck gedient hat, egal was praktisch dabei herauskommt.
Was schließlich die Details angeht, da kann es der Gemeinde nicht
"genau" und "konkret" genug zugehen. Da muß zumindest gerade ei-
ner dort gewesen sein, vielleicht auch noch mit dem Erziehungsmi-
nister geredet haben, damit er dann von seinen "Erfahrungen" zu
berichten weiß und möglichst noch einen Film mitgebracht hat. Mit
dem läßt sich freilich die eigene edle Gesinnung, die zu feiern
man sich versammelt hat, am besten bebildern.
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