Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern


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SOLIDARITÄT MIT LATEINAMERIKA ODER ANTI-IMPERIALISMUS?

Veranstaltet von der Volkshochschule in Zusammenarbeit mit allen Bochumer Organisationen, die Wert darauf legen, zum kritischen und linken Lager der Öffentlichkeit gezählt zu werden (vom ASTA über die DGB-Jugend, die christlichen Hochschulgruppen bis zum Schauspielhaus), beschäftigte man sich eine ganze Woche lang mit den Verhältnissen in Süd - und Mittelamerika. Wie man sich frei- lich mit dem auseinandersetzt, was einem an diesen Weltgegenden unangenehm aufgefallen ist an Elend und Mord und Totschlag, hängt ganz davon ab. Man kann sich natürlich die Not der lateinamerikanischen Bevölke- rung in einem Kochkurs "Lateinamerikanische Küche" geschmackvoll veranschaulichen (wie kriegt man aus 20g Maismehl, Wasser und ge- riebenem Stein eine Tortilla für 10 Personen gebacken, die gar nicht so übel schmeckt); man kann sich natürlich ein paar schau- rig-schöne Kulturstunden bei exotischen Klängen machen und sich daran erbauen, in welch gänsehauterzeugender Weise sich (gerade!) aus Hunger und Elend allemal ein Verslein singen läßt; man kann natürlich unter dem Titel "Arbeit und Leben. Nicaragua - Versuch einer Selbstbefreiung" dem Dschungelkrieg auch die reizvolle Per- spektive der Selbstverwirklichung des Individualismus abgewinnen; man kann natürlich auch gleich die ganze Sache so sehr für Schick halten, daß man einen "Gottesdienst zu Lateinamerika" abhält, in dem man mit ganz politischen Fürbitten den lieben Herrn als ge- rechten Richter über Leben und Tod von Campesinos und Companeros anruft. Man kann aber auch durchaus unzufrieden sein mit dieser billigen Zurschaustellung der eigenen moralischen Integrität, die den Op- fern imperialistischer Taten die Ehre zukommen läßt, von einem mündigen westdeutschen Intellektuellen als (auch) wirkliche Men- schen anerkannt zu werden ('wer hätte das gedacht - sogar eine richtige Subkultur haben sie!'), die sich d e s h a l b "unser" Bedauern über ihren Zustand redlich v e r d i e n t haben. Und man kann sich deshalb die Frage nach den G r ü n d e n u n d U r s a c h e n der brutalen Verhältnisse stellen (wie es auf manchen Veranstaltungen geschehen ist) - aber auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich klarzumachen, woher es rührt, daß der "normale" Mensch in Lateinamerika die trostlose Le- bensperspektive hat, von der dort herrschenden politischen Gewalt umgebracht zu werden oder ein Leben zu führen, zu dem der Hunger- tod alltäglich dazugehört. - Kriege und Völkermord haben ihren Grund keineswegs in dem "Machthunger und Unterdrückungswillen beider Supermächte." Da muß man schon jedes Wissen und jede Erinnerung daran verges- sen, daß Macht für sich nie ein wirklicher Zweck der Politik ist, sondern die Verfügung darüber und ihre Erweiterung ja gerade ge- schieht, um die ökonomische Herrschaft über den ganzen Globus zu erringen und sicherzustellen. Da muß man umgekehrt auch davon ab- sehen, daß diesen selbstherrlichen Zweck schrankenloser Machtaus- übung die westlichen Nationen mit ihren dafür vorgesehenen Mili- tärmaschinerien deshalb so souverän handhaben können, weil sie sich die materiellen Mittel für dieses Programm aus der Ausnut- zung einheimischer und auswärtiger Arbeitskräfte und Rohstoffe laufend beschaffen. Und von diesem durchgesetzten Interesse aus ist es für die imperialistischen Nationen ein Unding, daß es die Staaten des Warschauer Pakts gibt, die sich dieser praktizierten Weltherrschaft widersetzen. Demgegenüber ist mit "Machtgier" (selbst wenn man nur oder vornehmlich die USA damit treffen will) ein vergleichsweise läppischer Grund angegeben, der dann auch keine andere Notwendigkeit mehr kennen will als überkandidelte Politikerindividuen. Auch eine Weise also, es als nicht zum Wesen der Politik zugehörig zu erklären, was man an den Resultaten ihres Wirkens bemerkt hat. Zweitens: Wann und vor wem wollen solche Kritiker eigentlich im- mer ihre Glaubwürdigkeit unterstreichen, wenn sie selbst noch in Gegenden, in denen sich der CIA hart tut, russische Unterwanderer zu stellen, östlichen Einfluß aufspüren müssen? Außerdem ist mit dieser Sichtweise zwar jeder Politik der abstrakte Trieb nach Ausdehnung ihrer Gewalt (ohne daß man da noch nach speziellen Ab- sichten sich zu erkundigen brauchte) nachgesagt, aber dann noch in der absichtsvoll inkonsequenten Form, daß die imperialisti- schen Mitmacher hierzulande, die mittlerweile ihre politische Zu- ständigkeit für den ganzen Globus zumindest mit offensiv vertre- tenen Waffenlieferungen und ökonomischen Erpressungen (z.B. Nica- raguas) geltend machen, als reine Unschuldsengel im Vergleich mit den Molochen aus Washington und Moskau dastehen. Viertens schließlich halten wir es für töricht, sich ausgerechnet am Krieg der USA in Grenada die Gültigkeit von "Machthunger der Super- mächte" belegen zu wollen. Nicht nur, daß es ersichtlich nicht die Russen sind, die hier einen berechtigten Kriegsgrund reklamieren. Für die westliche Führungsmacht ist offenbar die Existenz eines evtl. vom welt- politischen Hauptfeind nutzbaren Rollfeldes auf einer Karibik- Insel ein Grund, diesen Staat und die dort hausende Bevölkerung zu bestrafen und mit einem Krieg zu überziehen, der diesen unerträglichen Zustand für die NATO-Hauptmacht beendet. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie ernst es dem Westen mit seinen Weltkriegsplänen gegen die SU ist; so sehr, daß er bei der Beurteilung und dem Umgang mit den Souveränen Zentral- und Südamerikas deshalb auch nur noch ein Kriterium anlegt: jede Nation, die sich nicht reibungslos in diese Vollendung imperialistischer Weltherrschaft von sich aus einreibt, hat die geballte Militärmacht der USA und ihrer Verbündeten zu gewärtigen. Angesichts dieser Sorte aufmerksamer Zuwendungen, deren sich die Staaten Lateinamerikas durch westliche Gewalt erfreuen, und der brutalen Folgen, die dies für Land und Leute hat, Bettelbriefe und Unterschriftenlisten an die Verantwortlichen zu senden und ein paar Pfennige für die Notleidenden zu spenden, scheint uns selbst als der symbolische Akt, als der so etwas gemeint ist (damit man "wenigstens Überhaupt etwas" getan hat), eine Übung zu sein, die man sich besser sparen sollte. Was soll überhaupt das ach so ehrenwerte Gewissen hiesiger aufge- klärter Staatsbürger, das aus der Betrachtung von Elend und Ge- walt in der "Dritten Welt" immerzu darauf verfällt, alle Bürger der westlichen Welt in moralische Sippenhaft und Verantwortung zu nehmen, anderes bewirken, als daß man eben dieses Gewissen hat. So als ob ausgerechnet die kaffeetrinkenden Arbeiter und chiquitaverzehrenden Studenten der imperialistischen Mutterländer es sich leisten sollten und könnten, durch etwas mehr Mitgefühl und Spendierfreudigkeit den ökonomischen und politischen Machern ihrer Heimat ihr weltweites Wirken zu versagen. Die "Alternative" ist doch sowieso klar, oder? - Not und Elend der Massen in Lateinamerika haben ihren Grund keineswegs in einer nur "m a n g e l h a f t v e r w i r k- l i c h t e n nationalen Eigenständigkeit" der dortigen Staaten. Vielmehr gilt es diese politischen Gebilde ja gerade so daß sie die gewaltsame Aufsichtsbehörde dafür sind, daß das Land und die Leute, über die sie befehlen, als billige Mittel zur Vermehrung der Reichtümer westlicher Geschäftsinteressen zur Verfügung stehen. Der Preis, den die dortigen Herrscher für diesen Dienst am Interesse kapitalistischer Nationen an ihnen zugestanden bekommen, besteht in ihrer Anerkennung und Ausstattung als politische Souveräne, die deshalb auch ganz eigenständig wissen, wie sie mit ihren Gewaltmitteln verfahren müssen, wenn sie sie erhalten und ausbauen wollen: da ist es eben ganz klar, daß alle natürlichen Reichtümer des Landes nicht der einheimischen Bevölkerung (etwa zu deren Ernährung) zur Verfügung stehen kön- nen; da ist es ganz selbstverständlich, daß existierende Subsi- stenzwirtschaft eine zu beseitigende Störung der Förderung von Rohstoffen etc. darstellt; da liegt es eben im Interesse dieses Nationalismus, sein Land durch Vertreibung, Verelendung und Ab- schlachtung seiner Volksmassen als günstig zu benutzendes Terri- torium für fremde Geschäfte herzurichten und zu "stabilisieren". Wenn schon, dann ist es also gerade dieser selbständige Nationa- lismus von westlichen Gnaden, der für das massenweise Krepieren lästigen Menschenmaterials sorgt. Wo (wie in Nicaragua) mit der Absicht der "Loslösung der Nation von der Bevormundung durch die USA" ein anderer Inhalt nationaler Politik verfolgt werden soll, scheitern selbst die besten Vorhaben der Tatsache, daß diese Na- tionen selbst nur so lange über eine Ökonomie verfügen, solange sie von auswärtigem Kapital ausgenutzt werden. Da bedeuten dann schon der Boykott der Bananenexporte und andere wirtschaftliche Erpressungsmanöver den absoluten volkswirtschaftlichen Ruin die- ser Staaten, denen praktisch klar gemacht wird, daß ihre wirt- schaftliche Existenz vom Wohlverhalten in der Politik abhängig gemacht ist. Und wo der Wille nach "Unabhängigkeit vorn Imperia- lismus" selbst ohne Rücksicht darauf verfolgt wird, zieht sich Nicaragua einen von den USA befehligten und bezahlten Kleinkrieg zu, der das Land endgültig reif machen soll, für seine "Rückkehr zu Demokratie und Marktwirtschaft". - Mord und Totschlag haben deswegen ihren Grund auch keineswegs in dem "F e h l e n von Recht und Gesetz" in diesen Regionen. Nicht nur, daß damit aus den ökonomischen und politischen Nutz- nießern dieser "staatlichen Terrorregimes" V o r b i l d e r werden, bei denen bekanntlich rechtsstaatliche Zustände eine ein- zige Versicherung ihrer Völker oder gar politischer Gegner vor Drangsalierung durch staatliche Gewalt bilden. Recht und Gesetz haben in den Ländern Zentral- und Südamerikas keinen anderen In- halt als den staatlich inszenierten Terrors gegen politische Kon- kurrenten und Opponenten sowie bedarfsweise gegen das berühmte "unschuldige" Volk immer dann, wenn es versehentlich und zufällig durch seine bloße Anwesenheit evtl. die Nutzung des Bodens für bessere als für landwirtschaftliche Zwecke stören könnte. Die Waffen für dieses Ruhe-und-Ordnung-Schaffen lassen sich die dortigen Herrschaften von den USA und Europa liefern obgleich schenken, ansonsten wären sie nämlich höchstens dazu in der Lage, ihre Bevölkerung in eine Schlägerei zu verwickeln. Und der aus- giebige Gebrauch dieser Mordinstrumente ist vom Standpunkt west- licher Politik keinesfalls verwerflich, solange damit die ge- wünschte Verfügbarkeit über diesen Erdenwinkel hergestellt ist. zurück