Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern


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       Zur Mittelamerika-Veranstaltung in der KSG:
       

"BESONNENHEIT" WELTWEIT

Obwohl ihn der US-Außenminister im Anschluß an die vorletzte NATO-Tagung verboten hat, gibt es ihn noch, den Vorwurf der "Doppelmoral": Die USA könnten nicht zugleich in Polen Freiheit und Menschenrechte einklagen und "vor ihrer Haustür" i n Mit- telamerika blutrünstige Diktatoren unterstützen. Doppelt ist daran freilich nichts. Die westliche Führungsmacht verfügt näm- lich über nur e i n e n Maßstab ihrer weltweiten Durchsetzung, und der heißt freedom and democracy. Zu diesem Zweck ist sie in der Wahl ihrer Mittel überhaupt nicht wählerisch, und so kommt es, daß ein Walesa ebenso wie ein Duarte für ihren Imperialismus nützlich und daher unterstützenswert befunden wird - womit auch schon deren einzige Gemeinsamkeit benannt wäre. "In Mißkredit" bringt s i c h diese Politik durch den augenfälligen Relativis- mus beim Einsatz ihrer Mittel umso weniger, als Reagan und Co. nicht einmal mehr vorgeben, sie seien unparteiische Idealisten der Menschenrechte; siehe Haigs Parole, die Türkei sei nicht Po- len. Wenn jetzt in der westdeutschen Öffentlichkeit der "Doppelmoral"-Vorwurf ventiliert wird, so auch nicht als Bedenken gegen den handfest geltend gemachten Anspruch der USA, für die Freiheit in jedem Teil der Welt zuständig zu sein, sondern als Vorbehalt gegenüber den jeweils gewählten Mitteln hinsichtlich ihrer Zweckdienlichkeit. Der aktuelle Titel dieses Vorbehaltes lautet: kein "neues Vietnam" ("Spiegel", 5/82), nicht weil wie früher "Vietnam" als der "Sündenfall" einer friedliebenden Nation gehandelt wurde, sondern weil ein "neues Vietnam" in El Salvador für den e r f o l g l o s e n Einsatz des US-Imperialismus ste- hen sog: "Vergangenes Jahr bildeten die US-Berater eine mobile Sonderein- heit aus, die gegen die Rückzugsgebiete der Guerilleros operieren soll. Doch (!) Erfolge im Guerillakampf konnte diese 'Brigada At- lacati' nicht erringen... Sie setzte nur (!) einen vorläufigen Terror-Höhepunkt." ("Spiegel", 5/82) Terror bringt's nicht --------------------- Letzte Woche war der "Krisenherd Mittelamerika" das Thema einer Diskussionsveranstaltung in der KSG. Podiumsdiskutanten: zwei Bundestagsabgeordnete der Regierungsparteien und ein Vertreter der US-amerikanischen Botschaft. Letzterer gab ein gutes Beispiel ab für das selbstgerechte Bewußtsein einer Weltmacht, die nach ihren Kriterien entscheidet, wo Freiheit und wo Unfreiheit herrscht. Er wollte erst aus dem "Spiegel" vom gleichen Tag er- fahren haben, daß es in El Salvador so etwas wie regierungsamtli- chen Terror gäbe, und bestritt es damit rundweg. Nach der sim- plen, aber schlagenden Logik, e r könne das a l s A m e r i k a n e r doch wohl am besten beurteilen, wollte er den Berichten von "angeblichen Massakern" keinen Glauben schen- ken. Schlagend ist diese Logik deshalb, weil es in El Salvador der Standpunkt des US-Imperialismus i s t, von dem aus prak- tisch entschieden wird, was "Terror", weil regierungsfeindlich, und was "counterinsurgency", d.h. legitime Selbstverteidigung der dortigen Machthaber ist. Allein schon deshalb kann von "Massakern" keine Rede sein, und wo gehobelt wird, da fallen nun mal Späne! MdB SCHÄFER (F.D.P.) wollte das als Deutscher anders sehen. Die Einlassungen des Amis zu El Salvador waren ihm Anlaß zu dem Be- dauern, "daß der Ost-West-Gegensatz auf Mittelamerika übertragen würde" und dadurch den dortigen Staatswesen eine "eigenständige nationale Entwicklung" verbaut würde. War dieser Idealismus aus Politikermund, die Länder der "3. Welt" müßten "unabhängig blei- ben", schon immer ab die demonstrative Gewißheit zu verstehen, daß diese Länder aus ökonomischen Gründen gerade als National- staaten um 'gute' Beziehungen zum Imperialismus gar nicht herum- kommen - wo sollten sie auch sonst ihre Bananen verkaufen? -, so bekannte sich SCHÄFER auf kritische Nachfragen aus dem Publikum auch freimütig dazu, wie seine Krokodilstränen über den "Ost- West-Gegensatz" gemeint waren: "Treibt Reagan durch seine falsche Gleichsetzung: Befreiungsbewe- gung = Marxismus diese Bewegungen nicht geradezu in die Arme des Kommunismus?" Im Klartext: Wir sind uns einig, daß gegen die Russen, wenn sie denn ihre Finger im Spiel haben, jedes Mittel recht ist. Ist es aber nicht klüger, daß sich der Westen den mittelamerikanischen Nationalismus gefügig macht, ohne 'g l e i c h' auf die militä- rische Karte zu setzen? - 1. hat sich das Reagan natürlich auch schon überlegt, aber nicht als Alternative. Oder hat man schon davon gehört, daß wegen der US-"Militärhilfe" für Duarte auf ge- zielte "Wirtschaftshilfe" und diplomatische Erpressungen der an- deren Seite jeglicher Couleur verzichtet worden wäre? Im Fall Ni- caragua: daß sich Haigs Interventionsdrohungen und Wirtschafktio- nen samt Unterstützung der oppositionellen "La Prensa" - Fraktion irgendwie ausschließen würden? 2. plauderte SCHÄFER auf diese Weise die Grundlage seiner Kritik aus, die Reagan-Administration betreibe eine mangelhafte Außenpolitik. D a ß nämlich die USA nachhaltig dafür sorgen, daß kein sogenannter Russe ihren "Vorgarten" zertrampelt, dieses Prinzip der pax americana muß man teilen, um zu dem geschmäcklerischen Vorbehalt zu kommen, das State Department solle doch in der Wahl seiner Mittel etwas fein- fühliger, d.h. nur umso mehr auf ihren Erfolg bedacht sein. Dies ist das Prinzip des regierungsamtlichen Antiamerikanismus: Weil und insofern die USA die militärische Inschachhaltung einer gan- zen Weltgegend besorgt, die sie zu diesem Zweck als kommunistisch infiltriert definiert, machen sich BRD-Politiker dafür stark, dort mit den Betroffenen a u c h friedlich handelseinig zu wer- den. Dem SPD-MDB HOLTZ blieb die eigentlich überflüssige Klarstellung, daß dieser Antiamerikanismus nicht als Kritik, vielmehr als Un- terstützung des Bündnispartners verstanden werden will. Er brachte dies allerdings fertig auf die unnachahmliche Tour eines SPD-Politikers, ein vergebliches Problem der Glaubwürdigkeit po- litischer Aktionen als Schwierigkeit des von ihm vertretenen Volks auszugeben, sich damit identifizieren zu können. Kurz: Schaden sich nicht die USA selber am meisten dadurch, daß ihre Mittelamerika-Politik hier angeblich so schlecht ankommt? Demnach machten es z.B. die Amis "der Berliner Bevölkerung dadurch nicht leicht, ein noch fröhli- cheres Bekenntnis zur amerikanischen Schutzmacht" abzugeben. Die armen Berliner! Anders ein HOLTZ: Er macht es sich demonstrativ schwer mit seinem Bekenntnis zur Führungsmacht, um es mit dem puren Gestus des Widerwillens als unabdingbare Notwen- digkeit verstanden zu wissen. Dafür stehen die markigen Sprache der Art, Mittelamerika sei "nicht nur der Vorgarten der USA" - und für das selbstbewußte Pochen auf eine Qualität deutscher Au- ßenpolitik, die seit "Polen" unter dem Titel "Besonnenheit" da- herkommt. Wo so viel Einigkeit mit den USA herrscht, daß Mitglie- der der Regierungsfraktion imaginäre Mißerfolge bei der Durchset- zung der pax americana an die Wand malen und Glaubwürdig- keitsprobleme beim Wahlvolk heucheln müssen, um auf ihre Anwart- schaft auf die Durchführung einer kompetenteren Mittelamerikapo- litik hinzuweisen - da werden sie wohl noch andeuten dürfen, daß sie El Salvador, Nicaragua usw. a u c h als "Vorgarten" einer, freilich "besonnenen" BRD-Politik sich sehr wohl vorstellen könn- ten. zurück