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Sozialistische Internationale
SOZIAL-IMPERIALISMUS IN LATEINAMERIKA
Während die USA in Mittelamerika durch den Dialog der Waffen
Frieden und Demokratie garantieren bzw. herstellen und dabei
nicht nur auf viel Verständnis, sondern auch auf die offene Un-
terstützung so wesentlicher europäischer Bündnispartner wie Groß-
britannien und die BRD zählen können, bauen regierende und oppo-
sitionelle Sozialdemokraten in Europa für den Sieg der Freiheit
in Lateinamerika auf die "Waffe des Dialogs".
In Konkurrenz zum US-Imperialismus versprechen sie sich von der
Ablösung der Gorillaherrschergarnitur durch glaubwürdige Demokra-
ten zwischen Mexiko und Santiago einen Sieg von Freiheit und Ka-
pital mit U n t e r s t ü t z u n g d e r M a s s e n, (was
die materiellen und moralischen Spesen für deren Niederhaltung
minimiert.) Im Unterschied zur US-Lateinamerikapolitik, die ihre
Vor- und Hinterhöfe durch die Ausstattung uniformierter Henker
mit Geld und Kriegsgerät sichert und für die Erfüllung ihrer
Herrschaftsfunktionen die herrschenden Oligarchien kreditiert,
wollen die europäischen Sozialdemokraten den Nutzungsrechten des
US-Imperialismus an Land und Leuten in seiner Hemisphäre dadurch
Konkurrenz machen, daß sie Oppositionspolitikern aus den Reihen
der nationalen Bourgeoisie oder durch blutige Niederlagen
"vernünftig" gewordenen Ex-Revolutionären "sozialdemokratische"
Parteien aufbauen helfen, die sich, einmal an die Macht gekommen,
auf die Paten als "natürliche" (Handels-)Partner besinnen.
Diese 1976 auf dem 13. Kongreß der Sozialistischen Internationale
(SI) in Genf beschlossene Politik wurde damals noch mit deutschen
und britischen Sozialdemokraten a n d e r R e g i e r u n g
formuliert und vor Beginn er NATO-Offensive gegen den Osten, der
sich mittlerweile auch alle Formen von "Entwicklungspolitik" und
innerimperialistische Konkurrenz unterordnen. Dennoch können so-
zialdemokratische Oppositionspolitiker, zusammen mit den regie-
renden Mitterrand und Gonzalez, bruchlos an die Genfer Deklara-
tion anknüpfen, weil damals schon der sozialdemokratische Inter-
nationalismus als ü b e r l e g e n e Variante westlicher Frie-
denssicherung angepriesen worden ist.
1983 kann Mitterrand in seiner Politik den rückhaltlosen Einsatz
für die NATO-Hochrüstung mit Waffenlieferungen ans sandinistische
Nicaragua zusammenbringen, weil er beides für genuine Mittel des
sozialen Imperialismus erachtet. Und die SPD schickt ihren
Wischnewski nach Managua, läßt ihn mit sandinistischen Milizen
mittrainieren und gleichzeitig vor der Gefahr sowjetischen Ein-
flusses und antidemokratischer Entwicklungen in Nicaragua warnen.
Die SI spricht sich gegen die von den USA gesponsorten somozisti-
schen Contras aus, ohne deswegen eine Sammlung "Waffen für Nica-
ragua " zu initiieren. Ihre Politik b e n ü t z t die Loyalität
der nicaraguanischen Massen zu ihrer Regierung, um den USA einen
"tragischen Irrtum" bei i h r e r Wahrnehmung gemeinsamer west-
licher Interessen vorzuwerfen. Sie s e t z t auf die Verhand-
lungsinitiative der Contadora-Gruppe, um den Comandantes in Mana-
gua jegliche Unterstützung für die Guerilla in El Salvador, Gua-
temala und Honduras abzukaufen für eine ganz in westlicher Hand
liegende "Sicherung ihrer Souveränität", und sie v e r-
s u c h t, diese durch Hilfe für die "Tercerista"-Fraktion in
der FNSL zu sozialdemokratisieren, d.h. Nicaragua zu einem so-
zialdemokratischen Modell eines Entwicklungslandes zu machen.
Stabilität und Frieden auf der Welt...
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"Weltweit sind wir Zeugen des obszönen Schauspiels von Armut in-
mitten des Überflusses... Dies ist nicht nur ein Zustand von
wirtschaftlichem Anarchismus und Ungerechtigkeit, sondern die
neidischen Blicke, die die Darbenden der südlichen Hemisphäre auf
den Überfluß der nördlichen Hemisphäre werfen, sind zudem eine
stets gegenwärtige Gefahr für die Stabilität und den Frieden der
Welt." (Resolution des 13. Kongresses der Sozialistischen Inter-
nationale in Genf, 1976)
Es gibt nichts Schrecklicheres für einen demokratischen Soziali-
sten als die I n s t a b i l i t ä t. Denn ohne Stabilität
keine Geschäfte, und ohne Geschäfte kein Sozialismus! Diese Prä-
missen werden weltweit vertreten durch die Sozialistische Inter-
nationale. Bis vor kurzem eine rein europäische Organisation, hat
die SI seit den 70er Jahren eine "Offensive gegenüber Lateiname-
rika" gestartet. Dort wurde die alte Parole der deutschen Sozial-
demokraten "mehr Demokratie wagen!" an "südlichere Bedingungen"
angepaßt und in "mehr Demokratie s t i f t e n!" umgewandelt.
Dieser Verein zur kritischen Förderung des sozialverpflichteten,
Privateigentums praktiziert jetzt eine dauerhafte Einmischung in
die inneren Angelegenheiten der lateinamerikanischen Staaten.
M o r a l i s c h verkörpert er dort das höchste I d e a l der
Menschheit, den "demokratischen Sozialismus"; politisch repräsen-
tiert er das außenpolitische Interesse der westeuropäischen Na-
tionen am höchsten G u t der Menschheit: eine grenzüberschrei-
tende Stabilität; o r g a n i s a t o r i s c h bietet er ein
Forum der Diplomatie, auf dem Repräsentanten des imperialisti-
schen Erfolgs und des nationalen Mißerfolgs sich mit beidem kri-
tisch auseinandersetzen. Ö k o n o m i s c h geht das "obszöne
Schauspiel" so weiter:
"Um die verschiedenen Aufgaben, die die neue Weltwirtschaftsord-
nung uns stellen wird, erfüllen zu können..., (werden) die fol-
genden Maßnahmen erforderlich sein:
- volle Nutzung von Produktionsmitteln zusammen mit einer Inve-
stitions-, Kredit-, Gewinn-, Preis- und Einkommenspolitik, die
die Inflation dämpfen
- verbesserte Methoden der Kontrolle von Kapitalbewegungen und
grenzüberschreitenden Transaktionen durch multinationale Gesell-
schaften."
Hier ist die Freude der südamerikanischen Politiker groß: Das
Wort "Kontrolle" übersetzen sie prompt in "Partizipation", glau-
ben, die Sozialdemokraten der Alten Welt hätten ein Programm für
den wirtschaftlichen Erfolg des "S ü d e n s" ersonnen und
überlesen dabei geflissentlich, daß in Genf die Strategie für
eine W e l t w i r t s c h a f t s o r d n u n g ausgeheckt
worden ist, mittels derer den Staaten der "Dritten Welt" ihre
"verschiedenen Aufgaben" zugeteilt worden sind, die sie "erfüllen
können" m ü s s e n. Eine sehr handfeste E i n m i s c h u n g
in die künftige Wirtschafts p o l i t i k der adressierten Staa-
ten - nicht umsonst tauchen im SI-Programm alle Punkte auf, die
man sonst als A u f l a g e n d e s I W F kennt.
Die Männer des Sozialismus in Freiheit vergessen auch nicht den
internationalen Handel und seine guten und schlechten Wirkungen:
"- bessere Möglichkeiten für zunehmende Importe von Industriegü-
tern aus Entwicklungsländern zu sichern;
- Zusammenarbeit zwischen Ländern, um den Handelsverkehr zu er-
leichtern, eine gesunde Wirtschaftsentwicklung zu gewähren und
Handelsbilanzdefizite für Länder... zu finanzieren; und
- der Transfer von Technologie und Know-how von entwickelten Län-
dern an Entwicklungsländer." (Resolution über die internationale
Wirtschaftssolidarität, SI, 1976)
Ja - und "angesichts der Größe und Komplexität der Aufgabe"
reicht eine "internationale Aktion" nicht, um "ausgeglichenere
Beziehungen" zu gestalten,
"es sei denn, sie wird durch nationale politische Strategien in
jedem Staat ergänzt ... Nur durch das Zusammenspiel nationaler
und internationaler Politik ... und in Zusammenarbeit mit der Na-
tur" (!) "... können Frieden und Gerechtigkeit gesichert ... wer-
den..."
Dieses "Zusammenspiel" von dem die SI spricht, verrät selbst noch
im Idealismus der Formulierung, daß der Sozialdemokratismus in-
ternationalistisch eine Ordnung durchsetzen möchte, deren Basis
gerade die A b h ä n g i g k e i t der mit ihr zu beglückenden
Staaten vom imperialistischen Weltmarkt ist, und daß dieser den
"nationalen politischen Strategien" vorausgesetzt bleibt, weshalb
kein Zweifel darüber aufkommt, daß die "Industrienationen " des
Westens nach wie vor das Subjekt jeder Weltwirt-
schafts(neu)ordnung sind. Daß der S c h e i n überhaupt aufkom-
men kann, so ein Programm käme den nationalen Ökonomien der
"Dritten Welt" zugute, ist allein der Form geschuldet, deren es
sich zur Durchsetzung bedient, der Form des Dialoges, der auf Ta-
gungen der SI mit verblüffender Aufrichtigkeit geführt wird. Der
ehemalige Präsident von Venezuela und Chef der Partei "Accion De-
mocratica", Carlos Andres Perez:
"Wir Entwicklungsländer wollen Vertrauen haben in die fort-
schrittlichen Länder von Westeuropa, von denen viele von Sozial-
demokraten regiert werden. Wenn wir überhaupt von etwas überzeugt
sind, dann davon, daß wir ohne ihre aktive und entschiedene Ko-
operation unser Ziel einer Modifikation und Überwindung der Ver-
hältnisse, die unsere Volkswirtschaft stark schädigen, nicht er-
reichen werden." (Rede vor der SI)
Was Lateinamerika in den "Dialog" einbringt, sagt er auch, näm-
lich seine Souveränität über "die Natur" und über die Bankno-
ten... Druckerei!
"Wir sind entschlossen, unsere volle Souveränität über die Natur-
reichtümer auszuüben, und wir werden ohne Wenn und Aber die Kauf-
kraft unserer nationalen Währungen verteidigen..."
Beides sind natürlich sehr beschränkte Mittel für einen Latino-
Staat: Die "Naturreichtümer" können nur von den imperialistischen
Metropolen profitlich genutzt und zur Akkumulation von Kapital
angewandt werden, weshalb sie ohne Käufer aus der Welt des west-
lichen Kapitals nichts nützen. Und die jeweiligen nationalen Kre-
ditzettel dienen zwar dem G e s c h ä f t, aber keinem, das den
Reichtum der eigenen Nation vermehren würde. Das sagt sogar noch
ein Sprecher der Betroffenen, um einen artigen Dank an die Nutz-
nießer der bestehenden Weltwirtschafts"ordnung" abzustatten und
für den lateinamerikanischen "geoökonomischen Raum" eine ähnliche
v e r t r a g l i c h e Festschreibung der Benutzung anzustre-
ben, wie dies die afrikanischen und karibischen Ex-Kolonien der
EG-Staaten in Lome "erreicht" haben:
"Wir begrüßen die Verträge von Lome. Sie sind Ausdruck von Groß-
zügigkeit, Menschlichkeit und konkreter Solidarität. Nun aber
kritisieren wir die Beschränkung des geoökonomischen Raums dieser
Verträge, die Ausschließung der Länder, die keine europäischen
Kolonien waren." (Carlos Andres Perez)
14 großzügige Milliarden hat es sich die EG kosten lassen, sich
in 58 Staaten der Welt ökonomische und politische Vorzugsbedin-
gungen zu verschaffen. Sehr sorgfältig und genau werden diese
Milliarden auf 5 Jahre so verteilt, daß eine Stabilisierung der
Rohstoffpreise eintritt: Menschlicherweise muß die jeweilige Lan-
desbevölkerung nicht gleich in großen Scharen sterben, wenn mal
die Weltmarktpreise fallen, das Abkommen deckt dann die Lücke -
sollten die Preise aber mal übers ausgemachte Mittel steigen,
dann haben die dortigen Herrschaften sofort Rückzahlungen zu lei-
sten. Für die konkrete Solidarität mit d i e s e n ist aller-
dings einiges geleistet, macht dieses Abkommen seinen Nutznießern
doch unmißverständlich klar, auf welcher Hälfte der Erde sie ihre
Freunde zu suchen haben - im Moment der Unbotmäßigkeit würde ein
Verlust der "Hilfe" das, was man in diesen Ländern "Ökonomie"
nennt, blitzschnell ruinieren; das ist ja gerade der Witz der Ar-
mut, die man mit einem solchen Abkommen "stabilisiert". (Vgl. MSZ
Nr. 4/1980. "Lome II: Wie das Überleben gesichert wird".)
Ein Lome auch noch zwischen Lateinamerika und Westeuropa! Was für
ein Sieg der internationale Kooperation! Einem solchen wirt-
schaftlichen Protektorat steht nur eine Kleinigkeit im Wege: die
Weltmacht Nr. 1. Aber mit solchen "Gedankenspielen" wollte Perez
sicher nur die imperialistische Konkurrenz "ausnutzen".
Auch ein Revolutionär trat vor die SI um das "Zusammenspiel" von
Revolution und imperialistischer Kreditvergabe als den histori-
schen Beitrag des Sandinismus zu würdigen:
"Wir sind mit einer sehr hohen Auslandsschuld konfrontiert, die
unsere Regierung bis jetzt anerkannt hat... das ist ein Novum,
weil bis jetzt keine einzige Revolution in der Welt ihre Aus-
landsschulden anerkannt hat, im Gegenteil, sie haben sie nicht
anerkannt, und es ist unser kleines Land, das nichts hat, das al-
les braucht, das nichts geben kann außer seinem leuchtenden Bei-
spiel von Kampf und Standhaftigkeit, das mit dieser Anerkennung
von neuem seine Bereitschaft, seine Reife, seine Verantwortung
demonstriert, sich der Herausforderung der Geschichte zu stel-
len." (Comandante C. Nunez. Rede vor der SI in Sto. Domingo,
1980. Mitglied der sandinistischen Regierungsjunta.)
Der Comandante übersieht, daß der Imperialismus seine Beziehungen
zum sandinistischen Nicaragua nicht nach den Kriterien eines
K a u f m a n n s ordnet. Die Anerkennung der S c h u l d e n
Nicaraguas beim Imperialismus bürgt noch lange nicht für eine
A n e r k e n n u n g der Revolutionsregierung in Managua durch
den Imperialismus! Ginge es nur d a r u m, dann gäbe es keinen
Grund zur Feindschaft des Westens gegen das "sozialistische La-
ger" der Sowjetunion. Mittlerweile haben die Sandinistas auch er-
fahren müssen, daß die Übernahme der Folgen imperialistischer Ab-
hängigkeiten und Verpflichtungen ihres Landes nicht ausreicht,
wenn sie nicht der Auftakt dazu ist, in
u n e i n g e s c h r ä n k t e r Abhängigkeit vom Imperialismus
a l l e n daraus resultierenden Verpflichtungen nachzukommen.
Was die südamerikanischen Diktatoren betrifft, haben sie den Weg
zur SI noch nicht gefunden, gesucht jedoch schon. Einige von ih-
nen üben Selbstkritik und Kritik an der Militärherrschaft und
werden Politiker. Die Parteien, die sie gründen, heißen immer
"Partido democratico social" (die des Admiral Massera in Argenti-
nien) oder "Partido social democratico" ( die des General Fi-
gueiredo in Brasilien). Dabei treten sie in Konkurrenz mit den
echten Politikern, die schon lange im Geschäft mit den Männern
des internationalen Sozialismus sind, wie Lionel Brizola,
jetziger Gouverneur von Rio de Janeiro, der als unumstrittener
Erbe des "trabalhismo" (= "Arbeit-ismus" So nannte Brasiliens
populistischer Präsident Getulio Vargas sein Programm für mehr
ökonomische Selbständigkeit der Nation durch die Ausstattung des
dafür eingespannten Arbeitermaterials mit allen staatsbürger-
lichen Rechten.) seine Partei PDT (Partido Democratico
Trabalhista) in Partido Socialista umbenennen will, oder
Alfonsin, der Chef der Radikalen Partei in Argentinien, der als
"presidenciable" (tauglich als Präsident) für die Wahl im Oktober
gilt.
Daß die wohltätigen Aktivitäten der SI und der Friedrich-Ebert-
Stiftung in Südamerika zu Erfolgen führen konnten, ist nicht zu-
letzt auch ein politisches Produkt, das mit dem ökonomischen Re-
sultat der "Entwicklung einiges zu tun hat: Denn mit 200 Milliar-
den Dollars Schulden bei den Demokratien des Freien Westens, mit
schönen Autobahnen, auf denen niemand fährt, weil die Gebühren
unbezahlbar sind, mit modernen KKWs, die lieber nicht in Betrieb
genommen werden, da sie nur Kosten verursachen, mit der nationa-
len Finanz- und Wirtschaftsverwaltung unter dem Diktat der frem-
den Gläubiger, die die Inflationsraten, Zinsen, Preise und Löhne
"empfehlen", und ohne Rechtsstaatlichkeit haben die energischen
Oberbefehlshaber in Brasilien, Argentinien, Chile und Uruguay
nicht viel, worüber sie befehlen könnten. Abgesehen von ihren
privaten Konten in Zürich oder Miami, der materialistischen Seite
ihres "Entwicklungsidealismus", hat, sich ihr berühmtberüchtigtes
"Akkumulationsmodell" - Folter + Mord + fremde Kredite = natio-
nale Größe - für ihre politische Herrschaft n i c h t
r e n t i e r t. Aus kreditwürdigen "starken Männern" sind daher
zahlungsunfähige Despoten geworden:
"Es muß genügend nationaler Reichtum zur Verfügung stehen, damit
die Staatsgewalt frei, d.h. emanzipiert von den Gesetzen der Pro-
duktion dieses Reichtums, agieren und auf diese Weise den Erfolg
der nationalen, Geschäfte sichern kann. So bedingen sich Souverä-
nität und Reichtum gegenseitig: Erstere ist so frei wie letzterer
erfolgreich, und dieser Erfolg ist so sicher, wie erstere von ihm
unabhängig ist." (Marxistische Gruppe, El Imperialismo, S. 169)
So haben die Militärs nacheinander in Brasilien und in Argenti-
nien Konkurs angemeldet und Wahlen ausgerufen. Nicht als Krönung
des Erfolgs einer Politik, mit der sie einst angetreten sind, die
Rettung der Nation und ihre Reifwerdung für die Demokratie, son-
dern als Produkt ihres Scheiterns:
"Nicht um die Früchte der Integration in den Weltmarkt zu ernten,
sondern um sie zu bezahlen." (a.a.O.)
Die Diktaturen haben die Leute mit Terror überzogen und ihnen das
Brot weggenommen. Die Demokratie soll nun die Nation "sanieren",
indem sie den Massen weder Terror noch Brot verspricht, aber da-
für ihre Beteiligung an der P o l i t i k. Ab sofort werden dem
Volk keine Opfer mehr auferlegt g e g e n seinen Willen, son-
dern mit seiner an den Urnen ausgedrückten Z u s t i m m u n g.
Nur Chiles General Pinochet widersetzt sich noch, seinen Bankrott
anzuerkennen, und will auch keine sozialdemokratische Partei
gründen; stattdessen bringen seine Schergen genügend Leute um, um
zu verhindern, daß irgend sonst jemand die sozialistische Partei
Salvador Allendes in Chile neugründet. Deshalb fragen sich einige
"Kenner" der lateinamerikanischen Szene auch in den Erholungspau-
sen auf Kongressen der SI, ob nicht ein Attentat der Geschichte
auf die Sprünge helfen könnte.
So ist die Zeit reif geworden für eine konstruktive Kritik an den
Diktatoren, die "Redemokratisierung" ist angebrochen. Wobei die
demokratischen Politiker überall, in vollem Bewußtsein der
"Sachzwänge", die Weltwirtschaft und Weltpolitik der Nation ge-
genüber gebieten, dem Volk immer wieder sagen: "Wir lateinameri-
kanischen Sozialdemokraten haben die Schulden nicht gemacht, aber
wir müssen sie zahlen, und wir werden sie zahlen!"
D a f ü r müssen erst die Mexikaner, Brasilianer, Bolivianer
etc. einen neuen "nationalen Kuchen" backen - ein Aufruf zu Fleiß
und Bescheidenheit, der locker darüber hinweggeht, daß ein Groß-
teil von ihnen nicht an der Produktion und schon gar nicht am
Konsum beteiligt ist, daß die Geschäftsmittel für den National-
reichtum weitere Verschuldung ist und deshalb nach Abzug der aus-
wärtigen Gewinne und einheimischen Herrschaftskosten fürs Volk
nichts als "Schuldendienst" übrig bleibt - und die Lüge, die un-
verantwortlichen, bereicherungssüchtigen Diktatoren seien schuld
an seiner Misere. Für die Untertanen der ruinierten Nationen, die
ihr Vaterland lieben und sich immer wieder einbilden, sie hätten
Pech gehabt mit ihren Staatsmännern und Oberbefehlshabern, die
richtige Parabel, denn diese Kritik ist auch schon das Programm
für eine bessere gewählte Regierung, die allerdings nur eines
verspricht: Dem Gläubiger dienen!
...vermittelt von der Sozialistischen Internationale!
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Hatten die Diktatoren auf ihre blutigen Fahnen geschrieben:
"Seamos grandes!" (Laßt uns groß sein!), steht auf dem sauberen
Banner der Sozialdemokraten geschrieben: "Seamos pobres!" (Laßt
uns arm sein!). A n e r k a n n t wird solche Bescheidenheit
der südamerikanischen Demokraten sicher. In erster Linie von den
westlichen Sozialisten. Schließlich waren Palme und Brandt, Mit-
terrand und Soares, Craxi und Felipe Gonzalez diejenigen, die in
der SI die große Frage gestellt haben: Verdienen nicht die Völker
Lateinamerikas eine bessere Regierung? und selber geantwortet ha-
ben: Ja! Wir geben sie euch! Ihr braucht nur zu wählen!
Und das alles sei als Beitrag zur Sicherheit der gesamten freien
Welt zu interpretieren, hat ein Sozialist gesagt, der verbli-
chenen Glanz und Gloria der spanischen Krone in ihren ehemaligen
Kolonien wieder aufpolieren will. Denn "Felipito" (so wird Felipe
Gonzalez in Südamerika genannt) hat die große Entdeckung, daß der
Sozialismus ohne die NATO gar nicht lebensfähig ist, schon folge-
richtig in dem Sinne weiterentwickelt, daß auch die Nationen La-
teinamerikas in der NATO vertreten sein müssen... durch ihn! Er,
Spanier und Sozialist, meldet sich an als Vertreter eines ganzen
Kontinents in Sachen Krieg und Frieden, Wirtschaft und Politik
gegenüber Weinberger und Nott, Wörner und Hernu. Ob sie auf ihn
hören? Das ist die Hoffnung, die ihm eine große Popularität in
Lateinamerika eingebracht hat. "Denn auf uns", räsonniert jeder
lateinamerikanische Nationalist, "hören die bestimmt nicht
(mehr)."
Nun hat sich Gonzalez auf seiner Tour durch Süd- und Mittelame-
rika die Sorgen seiner Klientel geduldig a n g e h ö r t - bei
seinem Besuch in den USA paßten sie ihm aber nicht ins Programm:
"Das einzige Thema der Außempolitik, bei dem Differenzen auftau-
chen könnten, die Lage in Mittelamerika, wird bei den Gesprächen
zwischen Gonzalez und Reagan ausgeklammert, weil der Besuch aus-
schließlich den bilateralen Fragen gewidmet ist." (El Pais vom
10. Juni)
In d i e s e m Rahmen, Angelegenheiten zweier NATO-Partner, ist
die freundliche Anerkennung, die der "spanische Pragmatismus" bei
der Reagan-Administration entgegen anfänglich geäußerten Besorg-
nissen über den "cambio" in Spanien erfuhr, eine b e i-
s p i e l h a f t e Ermutigung für die "sozialdemokratischen
Kräfte" in Südamerika: Wenn die imperialistische Führungsmacht
mit einem sozialistischen Regime in Europa zu "äußerst guten
Beziehungen" (El Pais) kommen kann, dann wird dieses "Modell"
doch - nach Ausräumung bestehender Mißverständnisse - vielleicht
auch als Anregung dienen für eine "pragmatischere" Politik
Washingtons in Lateinamerika.
So werden auch die "darbenden" Massen in Südamerika an der
"zarten Blume" Demokratie riechen dürfen, die immer wieder
"zertreten" wird. Sie haben jetzt schon eine spanisch sprechende
Stimme in der NATO, demnächst in den beiden größten Republiken
des Subkontinents eine demokratische Regierung, die ihrer Rolle
als billige und willige Lieferanten von strategischen Rohstoffen
und Agrarprodukten eine würdige innenpolitische Ausgestaltung zu-
kommen läßt - und endlich nicht mehr neidisch auf die demokrati-
schen Untertanen in den NATO-Staaten, können sie noch vor dem
nächsten großen Weltringen der Demokratie voll Dankbarkeit zuru-
fen: Morituri te salutant!
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