Quelle: Archiv MG - LATEINAMERIKA ALLGEMEIN - Amerika den Amerikanern
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Mittelamerika
EIN 'SOZIALES PROBLEM'
Darin scheinen sich alle Manager und Begutachter des mittelameri-
kanischen Elends einig zu sein: Mittelamerika ist ein Problem-
fall, ein ganz gewaltiger und brisanter sogar.
Fragt sich nur: F ü r wen und inwiefern?
Da reisen führende Politiker aus den Führungsländern der Welt-
wirtschaft, von Willy Brandt und den besorgten Anführern der
"Sozialistischen Internationalen" bis hin zu Henry Kissinger, von
US-Präsident Reagan zum Vorsitzenden einer Extra-Kommission zum
Thema eingesetzt, nach Mittelamerika und kommen mit der überra-
schenden Erkenntnis zurück: Schlecht geht es dort den Leuten. Die
Sorge schließt sich an: Wie lange mag das noch gutgehen? In
selbstkritischen Rückblicken werden Versäumnisse gebeichtet. Und
der Schluß heißt: Mehr kümmern will man sich um die Region.
Wenn im Ostblock irgendetwas nicht klappt - in einem Leipziger
Kaufhaus fehlen Druckknöpfe, in Moskau sind die Bananen teuer und
schrumpelig, Autos haben jahrelange Lieferfristen -, dann ist die
freiheitlich-demokratische Diagnose gleich klar. Das ist nie und
nimmer eine Panne im System, das System selbst ist schuld, die
Planwirtschaft ist eine einzige riesige Panne.
Wenn in der westlichen Hemisphäre, in die die USA niemanden hin-
einregieren lassen, das Verhungern an der Tagesordnung ist, dann
trifft das westliche System nie eine Schuld. Beweist es denn
nicht an den New Yorker Hochhäusern und der bundesdeutschen Auto-
produktion zur Genüge seine "Leistungsfähigkeit"? Wenn ganze Erd-
teile verelenden, die der Westen unter seiner Kontrolle hat, dann
- so lautet der absurde Schluß - wird das eigentlich segensreiche
freiheitliche System nicht genügend angewendet; oder es paßt
nicht zu den exotischen Verhältnissen; oder es sind gar die Na-
tur, Ackerboden und Kinderreichtum, die seine wohltuenden Wirkun-
gen behindern. Irgendwelche Gesichtspunkte lassen sich noch immer
finden, unter denen das massenhafte Elend unter westlicher Obhut
nur eines "beweist ": Das freiheitliche Wirtschaftssystem
f u n k t i o n i e r t d o r t n i c h t richtig.
Dabei liegt das haargenaue Gegenteil eigentlich offen zutage. Der
Weltmarkt funktioniert so perfekt, daß er noch dem letzten Bauern
in Mittelamerika einen für ihn ruinösen Preisvergleich mit indu-
striell erzeugter Ware aufzwingt. Die Gesetze der Grundrente gel-
ten so unbeschränkt, daß die Landpächter dort aus jeder Ernte
noch ärmer hervorgehen, als sie vorher schon waren. Der Kredit
"arbeitet" so wirksam, daß noch der äußersten Armut ein in Geld
bemessener, als Zins eingeheimster Überfluß abgewonnen wird. Von
Nicht-Funktionieren keine Spur - im Gegenteil. So sehr ist alles,
was sich in diesen verarmten Ländern wirtschaftlich tut, das Pro-
dukt des marktwirtschaftlichen Systems, so zuverlässig und wie
von selbst stellen sich die verheerenden Resultate des Preis- und
Kreditsystems dort ein, daß die Sachwalter dieses Systems sich
vor diese Ergebnisse wie vor lauter Naturereignisse ganz unschul-
dig hinstellen und aller Welt treuherzig versichern können: Das
haben wir nicht gewollt - also sind wir auch nicht daran schuld.
So bombensicher sorgen die "marktwirtschaftlichen Mechanismen"
für die R e a l i t ä t des Elends, daß Bankiers und Wirt-
schaftspolitiker sich aufspielen können als die leider ohnmächti-
gen, v e r h i n d e r t e n I d e a l i s t e n einer besse-
ren Welt. Die Werke ihres Systems geben sie als P r o b l e m
aus, unter dem sie selbst am meisten leiden und seufzen.
Zu solchen unverschämten Verklärungen ihrer
"Weltwirtschaftsordnung" sehen westliche Politiker sich durch den
Alltag des Elends allerdings nicht gedrängt. Der normale Hunger
reicht allenfalls für die Caritas und für ausgewählte Festtage
hin, um ihn zum "Problem" auszurufen. Zu einem politisch ernstzu-
nehmenden Problem, dessen ein Kissinger sich annimmt, wird das
Elend überhaupt nur, wenn um des Überlebens willen ein Aufstand
gegen die örtlichen "Vorposten" des marktwirtschaftlichen Systems
organisiert wird wie in EI Salvador - oder sogar die Regierungs-
macht in die falschen Hände gerät - wie in Nicaragua. Dann hat
jeder schon längst gewußt, was für ein dringliches und
"explosives" "soziales Problem" Hunger und Not sind.
Damit ist allerdings auch schon alles darüber entschieden,
i n w i e f e r n das Elend als Problem gewürdigt wird und wel-
che "Lösungen" es erfährt. Das wahre Problem heißt "Kommunismus-
gefahr"; und die liegt überall dort vor - nach der maßgeblichen
Problem-"Definition" -, wo Leute mit Gewalt ihr Überleben zu
retten versuchen. Und dementsprechend fällt die angemessene
"Antwort" des marktwirtschaftlichen Systems aus. Sie besteht in
der gewaltsamen Klarstellung, daß so e r s t r e c h t
n i c h t zu überleben ist.
In diesem Sinne werden in El Salvador Vernichtungsfeldzüge gegen
die Partisanen organisiert, wirkliche und mögliche Sympathisanten
gleich miterledigt; alles unter sachkundiger Anleitung amerikani-
scher Experten. In Nicaragua wird dieselbe "Überzeugungsarbeit"
von Überfallkommandos und Sabotagetrupps in CIA-Diensten gelei-
stet. Das Land in offener Feldschlacht für die Freiheit zurückzu-
erobern, steht den USA immer noch offen. Durch Kleinkrieg und den
Zwang zu kostspieliger Gegenwehr wird einem Volk, dem der ver-
jagte Freund der USA das Hungern beigebracht hat, der imperiali-
stische Lehrsatz eingeprügelt, daß es sich als Feind der Freiheit
allemal noch schlechter (über)lebt.
Während CIA-Söldner dieses schmutzige Geschäft erledigen und
w e i l sie es so zuverlässig tun, sondern demokratische Mo-
ralapostel die dazugehörigen idealistischen Phrasen ab. Praktisch
wird von außen dafür gesorgt, daß es den Nicaraguanern unter ih-
rer sandinistischen Regierung noch schlechter geht als vorher.
Das Ideal dazu heißt: Ohne Sandinisten würde es den Nicaraguanern
gleich viel b e s s e r gehen.
Tatsächlich garantiert wäre durch eine "sozialliberale" Kreditdi-
plomatie nur eines - und genau darauf bereiten die CIA-Trupps das
Land gerade vor: Die Nicaraguaner dürfen dann wieder so hungern -
so wie früher und so wie ihre Nachbarn -, daß es sich für ge-
schäftstüchtige Interessentern l o h n t. D a n n ist das
"soziale Problem Mittelamerika" endlich wieder unter Kontrolle.
So daß auch die strategischen Probleme der Region wieder konjunk-
turgemäß in Angriff genommen werden können.
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