Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 10, 15.02.1984
Olympia in Sarajevo
VÖLKER, HÖRT DIE SIGNALE!
zum Gefecht mit Brettern, Knüppeln und Stahlkanten. Mitten im
Frieden sind die Nationen auf dem Balkan angetreten und lassen
ihre Winterathleten aufeinander los. Die Fahne hoch, auf jeden
Fall bei Eröffnungs- und Schlußfeier, hoffentlich auch ein paar-
mal zwischendurch bei der Siegerehrung. "Gold für Deutschland" -
macht pro Haushalt DM 13. Gebühren, denn dieser (Wett-)Streit
wird vom Fernsehen rund um die Uhr übertragen. Zwei Wochen keine
anderen Sorgen als zum Beispiel die folgenden.
1
Claudia Leistner, Schlittschuhkunstfahrerin möchte gerne für
Deutschland zur Olympiade. Dafür hat sie schon als Kind freiwil-
lig auf die 35-Stunden-Woche verzichtet. Leider oder vielleicht
auch deswegen ist das mögliche Gold-Kind dauernd verletzt. Und
was machen ihre Firmenchefs vom Deutschen Eislaufverband? Sie
schicken sie zum Vertrauensarzt, damit er sie amtlich arbeitsfä-
hig oder krank schreibt. Bild am Sonntag" ist hell empört:
"Verletzungen hin. Wehwehchen her: Dieses Mädchen darf man nicht
verunsichern. Claudia gehört auf die Eisbahn zum Trainieren." Und
wenn die morschen Knochen noch so zittern, das Mädel muß ran,
wenn sie schon will. "Schlimmstenfalls muß sie bei der Endaus-
scheidung aufgeben" - aber dann hat sie es wenigstens versucht.
"Claudia ist Vize-Weltmeisterin, Anwärterin auf eine Medaille!"
Mit ihr sind 6 Millionen "Bild"-Leser solidarisch - für deutsches
Edelmetall in Sarajevo.
2
Unsere deutschen Eishockeyasse spielen bekanntlich nur so zum
Spaß Eishockey unter Einsatz ihrer Zähne. Hauptberuflich arbeiten
sie im Beruf. So fleißig und erfolgreich, daß es z.B. der Kollege
Erich Kühnhackl mit Weihnachtsgeld und Überstundenzulage per
Landshuter Haustarif auf 120.000 DM im Jahr bringt. Jetzt haben
die Finnen das häßliche Gerücht aufgebracht, bei Deutschland wür-
den auch Profis mitspielen. Bundestrainer Unsinn hatte darauf die
passende Antwort: Erstens haben die bloß Angst daß wir sie dies-
mal packen; und zweitens können sie rein gar nichts beweisen,
weil unsere Profis grundsätzlich nichts unterschreiben, was man
ihnen als Profivertrag anhängen könnte. Und überhaupt sollte sich
der Internationale Verband mal die Russen vornehmen. Das sind be-
kanntlich allesamt "verkappte" Profis. Weil es drüben kein freies
Unternehmertum gibt, werden sie als "Staatsamateure" verkleidet
auf unsere Jungs losgelassen. Und die haben dann keine Chance,
obwohl sie an sich besser spielen. Die Russen sind nämlich
'Roboter', die vom Staat mit nahezu unglaublichen Privilegien wie
einem Auto und einer schönen Wohnung bestochen werden, während
selbst ein deutscher Nationalspieler mit dem Moped zum Training
kommt und im Männerheim logiert!
3
Erfreulich ist die Entmilitarisierung einer olympischen Sportart
mittels erfolgreicher deutscher Militärsportler. Wir denken dabei
an das Biathlon. Eine Veranstaltung, bei der erwachsene Männer
mit Langlaufskiern und Schießgewehr stundenlang im Kreis herum-
rennen, in regelmäßigen Abständen längs in den Schnee fallen und
auf Scheiben schießen. Solange hier der Ostblock die Medaillen en
gros abstaubte, war dieser Sport bei uns verpönt als militarische
Übung für östliche "Sportoffiziere". Seit allerdings die Bundes-
wehr eine Förderkompanie aufgerüstet hat, in der deutsche Buben
mit deutschen Wertarbeitsgewehren durch die Landschaft robben,
und die deutsche Biathlonmannschaft "unsere deutsche Goldhoff-
nung" Nr. 1 ist, gilt Biathlon als "schöner, abwechslungsreicher
Wintersport" und wird vom Fernsehen in voller Länge übertragen.
4
Im alpinen Skisport fahren deutsche Männer leider immer hinter-
her, deutsche Epples berechtigen jedoch zu den allerfreudigsten
Erwartungen. Dennoch wird auch und gerade der Herrenabfahrtslauf
mit Spannung erwartet, auch wenn die Jugas die Piste fahrlässig
entschärft haben so daß es niemanden im Zielschuß "zerreißt".
Aber bei über 100 Teilnehmern besteht immer noch Grund zur Hoff-
nung auf das oijoijoijoijoij, sappra Bursch!" des sympathischen
ZDF-Sadisten Harry Valerien und sein berühmtes "Mein-Gott-ist-
das-furchtbar-kann-die-Regie-das-nochmal-in-Zeitlupe-bringen-
gell-bitt-schön!"
5
Und wie die Olympische Idee lebt! Vor allem wenn ein kurzbeiniger
Stangenwedler von den Fidschi-Inseln mit viel zu langen Skiern
einen Slalomhang hinunterstochert. "Ja mei, das müssen'n Sie sich
Ihnen anschauen. Aber eine Freud' hat er auch, der Bursch'. Die
woll'n halt auch dabei sein!" Kaum hat man denen da unten/hinten
das aufrechte Gehen beigebracht, schon dürfen sie bei der Olym-
piade mitmachen. Wie großzügig, gell!
6
Nationalistisch sind "wir" nie! "Wir" freuen uns bloß, wenn deut-
sche Teilnehmer gewinnen und sind stocksauer, wenn sie
"hinterherfahren". Dann hat nämlich die "Auslese der Besten"
nicht geklappt, und es stellt sich die Schuldfrage: War der Ver-
anstalter organisatorisch überfordert, waren die ausländischen
Punkt- und Schiedsrichter wieder einmal nationalistisch, oder ist
unser freiheitliches Sportsystem nicht doch zu lasch, wenn "wir"
eine komplette Mannschaft umsonst nach Sarajevo geschickt haben.
Nationalistisch sind z.B. die Österreicher. Deren Reporter freuen
sich am Mikrophon über ihre Sieger. Typisch für so einen Alpen-
zwergstaat. Die haben ja sonst nicht viel, worüber sie sich als
Nation im Vergleich mit anderen Nationen freuen dürfen. Unglaub-
lich nationalistisch sind vor allem alle Oststaaten, die mit Sie-
gen die "Überlegenheit ihres Systems" beweisen wollen. Dabei be-
weisen sie immer nur das Gegenteil, wenn sie ausgerechnet im Eis-
hockey besser sind und ihre Technik im Viererbob triumphiert
(wahrscheinlich haben ihnen den auch deutsche Kriegsgefangene
konstruiert und sowjetische Zwangsarbeiter zusammengebastelt).
7
Besonders ärgerlich sind die DDR-Funktionäre auf Skiern, Eis, Ro-
del und im Bob: Jetzt müssen "wir" sie schon mitmachen lassen
samt Spalterflagge und -Hymne, und dann gewinnen die auch noch!
Aber einer wird schon rübermachen in die Freiheit...
*
Es wird also auch wieder in Sarajevo "völkerverbindend" zugehen.
Dafür haben die Regierungen kein Geld gescheut, von der Moral
ganz zu schweigen, damit die "Spiele" fast so schön werden wie
ein echter Krieg. Aber die Olympiade wird auf jeden Fall vom
Fernsehen live übertragen, was im anderen Fall noch nicht gesi-
chert ist.
Olympische Winterspiele 1984
Sarajevo auf einen Blick
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Fairness
Bericht vom Eröffnungstag ... "Die Wettkämpfer verpflichten sich
im olympischen Eid, fair zu kämpfen ... Starke Schneefälle ver-
hindern das Abfahrtstraining der Damen. Das ist gut für Irene
Epple, die sich verletzt hat!"
Irene Epple (am 9.2.): "Die Zeit arbeitet für mich."
*
Frisch und frei
"Die ersten Winterspiele in einem blockfreien Land ... Die vielen
Uniformierten im Stadtbild ist man im Kommunismus ja gewöhnt ..."
"Die Bevölkerung von Sarajevo hat (am Eröffnungstag) nur ab 18.00
Uhr frei." (Wo es doch bei uns mindestens eine Woche Urlaub für
Olympische Spiele gibt!)
"Das Stadion hat 50.000 Plätze. Einige Auserwählte dürfen dabei
sein. Der Rest der Bevölkerung sitzt vor den Fernsehschirmen ...
"
Ein Interview mit unerwünschtem Ausgang: "Gefallen Ihnen die
Spiele? ... Haben Sie auch Karten? (Hä, hä!?) Ja, mein Betrieb
hat 5000. Da bekomme ich auch ein paar davon."
*
Zwei Nationalismen in einem Atemzug
Eishockeyspiel Schweden gegen Deutschland 11.2. Stand 1:0. Der
Rommentator:
"1:0 das ist ein Ergebnis für ein italienisches Fußballspiel,
aber doch nicht für Eishockey. Ach wäre es doch wenigstens ein
1:0 für uns!"
*
Berichte von der Front, 11.2.
"Seit sieben Stunden hat unsere Olympiamannschaft die erste Gold-
medaille ... Hoffentlich geht es weiter so, was Gold angeht."
Ein freudiges Ereignis:
"Die erste Medaille ist da und gleich eine Goldmedaille."
"Peter Angerer, jetzt kommt ER."
"Ehre dem, dem Ehre gebührt."
*
Letzte Meldung der Umbits
"Im bundesdeutschen Olympia-Team für die Winterspiele in Sarajevo
sind nicht weniger als sechs Mitglieder Studenten der Universität
München: Irene Epple ... Peter Angerer!"
Was studiert Peter Angerer?
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