Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst

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DIE OLYMPISCHE WAFFE DES WESTENS

Die Deutschen haben ein neues Gesellschaftsspiel-. "Würg'n ma dem Russ eins nei" hat den bisherigen Spitzenreiter "Wir befreien die amerikanische Botschaft in Teheran" in der Beliebtheitsskala er- regter Debatten klar überflügelt und dies dank der "nicht uner- schöpflichen Geduld" (Carter über Carter) derjenigen Figuren, die in diesem Match wirklich a g i e r e n, die v o r der soge- nannten ultima ratio alle anderen Erpressungsmittel ausschöpfen und sich erlaubt haben, "die sowjetische Invasion in Afghanistan zur größten Bedrohung des Weltfriedens seit dem 2. Weltkrieg" zu e r k l ä r e n. Weil die die wachsende Demonstration sowjeti- scher Militärmacht außerhalb (!) der Grenzen der UDSSR" (Carter) eine unverschämte Anmaßung wider die Herrschaft der USA über den Globus (= "Stabilität") ist, steht eine internationale (= westli- che) Bestrafung der SU auf der Tagesordnung: so ist man bei der Suche nach der "schärfsten Waffe" gegen die "ewistische Aggres- sion" nicht zuletzt auf den S p o r t gestoßen. Pro und Contra Olympiaboykott ----------------------------- 1. "Sport darf nicht zum Machtknüppel der Politik werden. "(Willy Weyer, Sportpräsident) - Eine total antiquierte Auffassung aus den Zeiten der Montrealer Spiele 1976, als a n d e r e Länder (und dazu noch unterent- wickelte) wegen der südafrikanischen Rassenpolitiik lieber daheim blieben und so in unerträglicher Weise den Sport, ja den "Geist Pierre Coubertins" in den Sumpf der Politik herunterzerrten. Mün- chen '72 sowieso, auch danach siegte das Ideal über den brutalen Zugriff der Politik auf amerikanisch: "The game must go on". Im- merhin gibt der deutsche Sportpräsident in einem beherzten Plä- doyer zu, daß der Sport, von den richtigen Nationen angewendet, durchaus sogar ein Knüppel werden k a n n. 2. "Die Behauptung vom unpolitischen Sport ist längst als nicht einmal fromme Lüge entlarvt." (H. Riehl-Heyse, SZ, als Journalist pro und contra) - Stellvertretend für alle, denen es jetzt wie Schuppen von den Au- gen fallen will, entlarvt dieser öffentliche Heuchler die "olympische Heuchelei" nach dem Motto: was die anderen können, können wir schon lange viel besser; die Ideologie hat Schuldig- keit getan, jetzt kommt sie auf den Speicher. Freilich nicht ohne ihren Ersatz durch eine neue: die Rede vom 'leider' politisierten Sport hat nämlich nichts mit der Wahrheit zu tun. Diese besteht, um es einmal ganz positiv zu sagen, darin, daß der internationale Sportbetrieb a u s s c h l i e ß l i c h der Politik gewidmet ist! 3. "Wenn die sowjetische Führung Friedenstauben während der Mos- kauer Olympiade aufsteigen läßt und gleichzeitig ein wehrloses Land mit Waffengewalt im Besitz halten kann, dann verhöhnt dies den Geist der olympischen Spiele". (CDU, nationale Speerspitze für Boykott) - Eine fromme Logik: die Partei, die an der Fußballnationalmann- schaft das M i t s i n g e n des Deutschlandliedes vermißt (Vorschlag: alle 3 Strophen), beschwört den "Geist" sportlichen Wettkampfes, um ihn gegen den "M i ß brauch Moskaus" in seinem eigentlichen Gehalt als politische Demonstration einzusetzen: "Olympia ist wichtig, aber Friede und Freiheit sind wichtiger". Auf diese Weise paßt sich der Olympiaboykott nahtlos in das Auf- rüstungsprogramm der NATO ein: militärische und moralische Stär- kung gehen Hand in Hand. 4. "Ein Boykott wäre ein Zeichen der Ohnmacht, ein Signal, daß man keine anderen Mittel zu Verfügung hat". (H. J. Wischnewski, SPD) - Ein kräftiges Wort eines Teilhabers an der Staatsgewalt, das noch alle Wege offen läßt - einerseits nimmt die SPD damit den einzi- gen Ruch, in den man in diesem Wahlkampf überhaupt kommen kann: die n a t i o n a l e n Interessen nicht offensiv genug zu ver- treten, von sich, indem sie den Rückzug aus der sportlichen Arena als schwächlich brandmarkt, andererseits - falls die "Solidarität mit den USA" "unumgänglich machen sollte - kann man den Olym- piaboykott als E r g ä n z u n g des eigenen Waffenarsenals durchauß begrüßen. 5. "Mit einem Boykott der olympischen Spiele könnte man die SU äußerst hart treffen - mehr als mit dem Lieferungsstopp für Wei- zen." (Politische Beobachter, die es ja wissen müssen) - Dies gilt zweifellos so lange, wie man nichts a n d e r e s un- ternehmen will. Man k ö n n t e schon den wirtschaftlichen Boy- kott durchziehen und die militärische Konfrontation noch härter gestalten - weil man sich aber jetzt für die 2. Wahl entschieden hat, geht man eben gegen die E h r e der Sowjetunion vor, an der diesem Staatswesen schon immer mehr gelegen hat als an der Beseitigung von Mängeln bei seinen Bürgern. Da kennen sich die westlichen Staatsmänner aus eigener Erfahrung sehr gut aus. Wer seine Bevölkerung kurz hält, muß ihr wenigstens im Medaillenspie- gel einen anständigen Platz bieten. 6. " Wir sollten die allerbesten unserer Athleten nach Moskau entsenden und alles Gold zurückbringen!" (Edward Kennedy, ameri- kanischer Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf) - Ein bestechender Vorschlag, dessen Verwirklichung allerdings un- wahrscheinlich erscheint: die Freiheit vermag zwar viel zu bewe- gen, aber jedes Yankeesportlers Körper zum Sieg über den Kommu- nismus zu beflügeln, das ist wohl doch nicht drin. Tja, die Trai- ningsmethoden! 7. "Die SU führt einen Aggressionskrieg auch nach innen, nämlich gegen die eigene Bevölkerung und vor allem gegen die Dissiden- ten." (Franz Alt, Report-Moderator, Ja-Sager) - Ach ja, der Sacharow kommt da grad noch recht: dessen Verbannung ist fast so schlimm wie die Panzer in Afghanistan, denn der ist ein Freund des Westens - das erhöht seinen Wert ungemein - und der Kopf in Sachen "Menschenrechtsverletzung". Ansonsten sind Feststellungen dieser Art trotz ihres hohen Alters sehr schwierig zu beurteilen. Franz Alt hat nämlich nicht dazugesagt, ob es ihn jetzt freut oder ärgert, daß die Russen einen so rohen Umgang mit ihren kritischen Bürgern pflegen. Klar ist nur eines: In diesen "Unrechtsstaat" fahren unsere Sportler also nicht, sie müssen da- heim bleiben. 8. "Die Teilnahme freier Sportler und die zahlreichen Westtouri- sten wären eine moralische Demonstration ersten Ranges." (SZ, STERN) - Genau umgekehrt kann man also auch darauf setzen, Moskau von in- nen her aufzuweichen. Jeanstragende Olympiatouristen, den Flair der Freiheit versprühend, verunsichern drei Wochen lang das ein- fache sowjetische Volk und befördern so den Niedergang Rußlands als 5. Kolonne - eine tolle Vorstellung! Dazu erhalten sie noch den staatlichen Auftrag, jeden Russen, der ihnen über den Weg läuft, "über Afghanistan und die Freiheit aufzuklären" (Wischnewski); wenn sie darüber das Finale im 100 Meter-Lauf ver- säumen, ist es für einen guten Zweck geschehen. Sportsleute sind eben Botschafter des guten Willens. 9. "Ich laufe in Moskau für das afghanische Volk." (Houston Mc- Tear, US-Neger, guter Sprinter, politisierter Sportler) - Also läuft er für die amerikanische Nation, wie bisher auch schon, denn ein afghanischer Schafhirte hat von einer amerikani- schen Goldmedaille auch nur etwas in der Einbildung eines schnel- len und schwarzen, aber Ami. 10. "Die Sportler brauchen Führung und sie würden ihr folgen." (Dwight Stones, Amateur(?), Hochspringer) - Einer, der nicht nur erkannt hat, daß man nicht für sich, sondern auch für seinen Staat Höchstleistungen aus seinem Körper heraus- schindet, sondern diese seine verantwortliche Stellung auch prak- tiziert. Leider bisher in der Minderheit: 11. "Wir haben doch so viel trainiert... (Eine ganze Reihe west- licher Sportler) - Auch ein Standpunkt, aber einer, dem "verständnisvoll" die größ- ten Hämmer entgegengehalten werden: von Materialismus über Unmo- ral ("Sie würden wohl guten Gewissens an dem Mörder Breschnew vorbeidefilieren") bis zur Kommunistenfreundschaft ("Wer zu den Olympischen Spielen gehen will, der demonstriert damit auch eine politische Haltung, aber eine, die weitaus gefährlicher wäre als ein Boykott", SZ) müssen Sportler, die nichts im Kopf haben, als ihre Gliedmaßen für das nationale Interesse in Bewegung zu set- zen, alle schlimmen Vorwürfe sich anhören, die es in Deutschland so gibt. Wer trotzdem fährt, ist ein Vaterlandsverräter. Das ist ungerecht. 12. "Da die Sportler ihre bloß sportlichen Interessen im Auge ha- ben, muß die Politik entscheiden." (H. Geißler, CDU) - Eben, das gehört sich ja auch so. Irgendjemand muß ja die Verant- wortung haben, wenn wir den Russen eine, zwei, drei reinwürgen. Da die Politiker ihre bloß politischen Interessen im Auge haben, kriegen die Russen auf jeden Fall über den Sport eine reinge- würgt. Im Moment wird darüber gestritten, wie am besten. zurück