Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Fußball WM
NATIONALISMUS HEMMUNGSLOS
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Ginge es einfach um Fußball, so bestünde das Vergnügen im Spielen
und Zuschauen. Die Frage wäre, wer gewinnt. Da aber vierundzwan-
zig Nationalmannschaften gegeneinander antreten, steht etwas ganz
anderes "auf dem Spiel". Es geht um die Sache der Nation, die
durch die elf Spieler entweder vertreten oder vergeigt wird. Ihre
Leistung ist eine Verpflichtung, und die heimatlichen Betrachter
sind sehr parteilich wie kritisch. Die Frage ist: "Löst unsere
Mannschaft den Anspruch der Deutschen ein und wird Weltmeister?"
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Deswegen wird jedes Spiel erstens ganz parteilich betrachtet.
Schon bevor es losgeht, gilt die Sorge der Nation dem Zustand der
Mannschaft, ihren Wehwechen und er Seelenlage des Trainers. Der
läßt sich von unzähligen Zeitungsidioten und Fernsehmenschen be-
knieen, und ganz geduldig gibt er Auskunft darüber, daß er schon
unser Bestes getan hat, trotz aller Schwierigkeiten. Dabei han-
delt er sich ein Volk von Beratern ein, die mit Kritik nicht hin-
ter dem Berg halten. Als hätten sie kein anderes Interesse mehr
durchzusetzen auf der Welt, engagieren sich Millionen Menschen,
die recht und schlecht von ihrer Arbeit leben, für das Gelingen
des nationalen Balltretens.
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Doch was heißt das: sie "engagieren" sich? Sie sind "Fans" - und
das kommt von "fanatisch". Begeisterung und Ärger nehmen da Aus-
maße an, wie sie im privaten und politischen Leben nie vorkommen,
in der "Arbeitswelt" sowieso nicht. Hier, im Ernstfall der natio-
nalen Fußballehre, versteht keiner mehr Spaß. Jeder legt sich
eine Rangfolge zurecht, die durch die Länderspiele bestätigt zu
werden hat; und jeder wacht aufgeregt darüber, ob nicht eigent-
lich die Verkehrten gewinnen. Manche opfern sogar Zeit und Geld,
um direkt am Schauplatz des Geschehens mitzuwirken. Stimmgewaltig
und bisweilen auch handgreiflich gegen die Anhänger des Gegners
vertreten sie "ihre Sache".
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Entsprechend solid wenden sie die Vorurteile ihrer Parteinahme
auf den Verlauf das sportlichen Teils an. Immer holzen die ande-
ren, während die "eigenen" nur "energisch dazwischengehen". Der
Schiedsrichter pfeift immer verkehrt, nämlich gegen "uns" - so
daß man sich merken muß, woher er kommt. Durch die nationale
Brille besehen, wird aus so einem Fußballspiel leicht eine kleine
Verschwörung - kein Ausländer gönnt "uns" den Sieg, der "uns" zu-
steht. Kundige Anleitung zu dieser Betrachtungsweise geben die
Herren Reporter. Rudi Michel hat Hochkonjunktur, wenn er in ein
und derselben Aktion ganz verschiedene Sachen erkennt. Einmal ist
es eine "geschickte Verzögerung des Spiels", das andere Mal wird
"das Mittelfeld zu langsam überbrückt". Einmal ist ein Weitschuß
nur "aus Verlegenheit" abgegeben worden, das andere Mal "hat
nicht viel gefehlt" und der Mann traut sich was und ist
"selbstbewußt". Ein Rückpaß zeugt von "Konzeptlosigkeit" - oder
eben von einer "souveränen Abwehr". Ob sich einer "geschickt vom
Gegner gelöst" hat oder ob ein Stürmen "völlig frei" zum Torschuß
kommt, ist auch erst die Frage...
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Fragen und Antworten ganz eigentümlicher Art kommen allerdings
auf, wenn es gar nichts Zweifelhaftes festzustellen gibt: wenn
die "Unseren" einfach nichts zustande gebracht haben und unterge-
gangen sind. Dann wird ganz ernst von einer "Katastrophe" geredet
und die Schuldfrage aufgemacht. Und zwar in der Weise, wie Natio-
nalisten ihre Enttäuschung über ein ihnen vorenthaltenes Recht
eben ausdrücken: "Wer hat uns verraten?", lautet der Fahndungsbe-
fehl - und die Verräter sind sehr schnell ermittelt; die verwöhn-
ten, zu gut bezahlten und nur ans Geld denkenden Lumpen der na-
tionalen Fußballtruppe haben ihre Pflicht nicht getan.
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Nach dem Österreich-Spiel hatte diese Auffassung so manchen auf
ihrer Seite. Die Lohnabhängigen der Nation kümmerten sich endlich
einmal um das Verhältnis von Lohn und Leistung. Natürlich nicht
bei sich und an ihrem Arbeitsplatz, sondern bei den Herren Natio-
nalspielern. Daß diese z u v i e l kassieren, wollten auf ein-
mal alle bemerkt haben, und die BILD-Zeitung hatte jede Menge Le-
serbriefe zur Verfügung, die die Senkung, ja Streichung von Fuß-
ballergehältern forderten. Darauf, daß an Millionen von Ar-
beitsplätzen z u w e n i g verdient wird, ist seltsamerweise
niemand gekommen. Über den gerechten Lohn streiten deutsche Lohn-
empfänger - wahrscheinlich, weil sie nur "Amateure" im Geldver-
dienen sind - eben nur bei "Profis". Bei denen, die öffentlich
damit angeben, b e r u f s m ä ß i g in der Unterhaltungsbran-
che der Nation tätig zu sein und daher ein Recht auf eine fürst-
liche Entlohnung zu haben.
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Umgekehrt ist die Besoldung keine Frage mehr, sobald die Kicker
"es" wieder schaffen - und die per Fußballturnier ausgetragene
Rechtsangelegenheit zugunsten aller Deutschen regeln. Die
"Kritik", die da laut wurde, galt ja ohnehin nicht dem Fußball
und seinen Akteuren, sondern Leuten, die das Bedürfnis befriedi-
gen sollen, zur besten Nation zu gehören. D i e s e n L o h n
brave Mitmachen am Arbeitsplatz, beim Wählen und beim Regiertwer-
den wollen gute Deutsche nämlich nicht missen: den Stolz darauf,
zu einem Staat stehen zu dürfen, der etwas hermacht in der Welt.
Dafür stehen sie schon ein mit dem ganzen Fanatismus von Unterta-
nen, die ansonsten herzlich wenig zu melden haben. Und darin wer-
den sie, beim nächtlichen Hupkonzert für den Sieg, den sie für
den ihren halten, den anderen Nationalisten in Italien und Eng-
land, Brasilien und Polen... so ähnlich.
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Harmlos ist das ganze Spektakel also nicht. Immerhin legen ganze
Völkerschaften aus Anlaß der Weltmeisterschaft Zeugnis davon ab,
wie ernst sie den i n t e r n a t i o n a l e n V e r-
g l e i c h nehmen. Zu diesem Vergleich werden sie auch künftig
kräftig herangezogen werden, aber nicht nur theoretisch, sondern
sehr praktisch. Für die weltweiten Siege der deutschen
Wirtschaft, für den Export der Freiheit bleibt da noch einiges zu
tun. Die richtige Einstellung zu Ausländern ist ja schon vorhan-
den.
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WM-Spiegel
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"Wir müssen über den Haß siegen!" BamS
"Haß, Neid und Geifer - und das wenige Stundet vor dem Höhepunkt
der Fußball-WM 82! Jetzt, weiß die deutsche Mannschaft wenig-
stens, worum es geht: Nicht nur um den ollen Pott, sondern auch
um ihren Ruf. (...) Mann-, zeigt Euren Feinden, daß ihr besser
und fairer seid als die Konkurrenz! Ihr könnt es!" BamS
"1:3 Schade! Aber ihr habt toll gekämpft." Bild, 12.7.
"Vielleicht haben wir dem Bild vom häßlichen Deutschen das entge-
gengesetzt, was uns gegenüber anderen ein bißchen mehr auszeich-
net: Kampf und Disziplin". H. J. Rauschenbach, ARD
"Aber selbst wenn elf Kicker schlecht spielen und sich in einer
ganz und gar nicht profihaften Weise aufführen, braucht sich eine
Nation nicht zu schämen. Wir sind nicht die Kicker, und die Kic-
ker vertreten uns nicht. Sie kämpfen für sich, für ihr Geld, und
sie kämpfen schon gar nicht für einen Begriff, den es seit 1945
nicht mehr gibt und der jetzt plötzlich wieder im Umlauf ist -
nämlich für Deutschland." Walter Jens (Westfälische Rundschau,
12.7.82)
"Sie und ich und Millionen Menschen können ihren Beruf nicht so
schlecht ausüben wie unsere Kicker." Walter Jens (WR, 12.7.82)
Zum Vizeweltmeister in Sachen Ausschlachtung des Fußballs für die
Interessen der Nation erklären wir hiermit Kurt Biedenkopf. Die
Frankfurter Rundschau berichtet:
"Biedenkopf preist Rummenigge als Vorbild für die Bundesbürger.
Westfälisch-lippischer CDU-Chef will auch andere Leistungsträger
ermutigen, bei ihrer Arbeit in die Verlängerung zu gehen. Nun ha-
ben die Spieler der bundeutschen Nationalelf gegen Algerien und
Österreich gezeigt, daß die Aussicht auf eine Siegesprämie allein
noch keine Garantie ist für eine respektable Leistung.
'Entlohnung muß auch wieder Belohnung sein. Die ideelle Entloh-
nung durch Anerkennung, Achtung, Respekt ist viel wichtiger ge-
worden. Wir brauchen Kreativität, Innovation, Gestaltungraft und
deshalb eine Ordnungspolitik, in der die Leistungsträger wieder
arbeiten können'. Der CDU-Landesvorsitzende entwarf das Bild ei-
ner hinter ihm stehenden 'neuen Mehrheit' im Lande, die sich
durch Wagemut, Opferbereitschaft, Leistungsähigkeit, Risikobe-
reitschaft und Bereitschaft zur Verantwortung auszeichnen - wie
jener Blonde von der Lippe." FR, 12.7.
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