Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Aus Anlaß der "Europaschlacht"
VON DER MISSION EINES FANS, IHRE FOLGEN - UND IHRE GRENZEN
1. Richtigstellung
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Die Bezeichnung "Fußball-Fan" ist verkehrt. Sie verharmlost jenes
Engagement, dem sich die periodischen Straßenschlachten dieser
Spezies verdanken, zur Begeisterung für eine Sportart. Ganz als
bestünde der gewohnte Aufmarsch bei Bundesliga- und Länderspielen
in einer Zusammenkunft von Zeitgenossen, welche die Genüsse nicht
missen möchten, die aus der Betrachtung des körperlichen Ge-
schicks im Umgang mit dem Ball hervorgehen! Dergleichen würde
niemand zum Anlaß nehmen, sich in den Farben der einen Mannschaft
anzuziehen und schon in aller Frühe den Hauptbahnhof unsicher zu
machen. Nein, der F a n a t i s m u s, der sich da liebevoll
abgekürzt und tausendfach bemerkbar macht, gilt e i n e r Mann-
schaft, dem lokalen oder nationalen Verein. Dessen R e c h t
a u f S i e g machen die Fans unabhängig von und vor allen ge-
botenen Leistungen geltend und ihr harmlosester Beitrag zu
"ihrem" Erfolg besteht in phonstarkem Getöber.
2. Herbergers Irrtum
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Daraufhin befragt, was denn wohl für die Leute am Fußball so in-
teressant sei, befand damals der Herberger Sepp selig: "Weil
s'net wisse, wie's ausgeht!" Selten hat ein großer Denker so
gründlich gefehlt. Schon am ausgiebig gepflegten öffentlichen In-
teresse an den Meinungen und Prognosen des Bundestrainers hätte
der merken können, daß die Faszination anders zustande kommt: Die
Mannschaft auf den Tribünen, vor den Volksempfängern und an den
Bildschirmen leidet an der festen Vorstellung darüber, w e r
z u g e w i n n e n hat. Diese Leidenschaft ist die Quelle von
Freude und Enttäuschung, und sie beflügelt die Jugend bei ihrer
bescheuerten Suche nach Vorbildern ebenso wie die Alten zur qele-
gentlichen Amtsanmaßung dauernd tun sie so, als hätten sie die
beste Aufstellung und könnten haargenau zwischen Flaschen und
echten Kämpfern unterscheiden.
3. Ausschreitungen
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Die werden er dann registriert, wenn das Recht der Fans diese zu
Taten drängt, welche mit dem gültigen Recht nicht verträglich
sind. Selten sind sie gerade nicht. Dem ein treuer Fan steht zu
seinem lokalen und nationalen Verein. Er bringt für seine Sache
Opfer, reist für teures Geld und im Bewußtsein, seine Zeit dem
Wichtigsten verschrieben zu haben, seiner Mannschaft hinterher.
Das berechtigt ihn zum i d e e l l e n L o h n - zumal ein an-
derer nicht winkt. Und wer kommt ihm da bei seinem selbstlosen
Anliegen - "Was stört mich Weib, was stört mich Kind - Hauptsach'
is', daß Bayern g'winnt!" - in die Quere? Richtig - die anderen!
Und wo Recht gegen Recht steht, entscheidet der Kampf. Dies Wort
von Marx gilt selbst für eingebildete Rechte von fündig gewor-
denen Sinnsuchern. Also kracht's bisweilen jede Woche und bei in-
ternationalen Völkerbegegnungen schon gleich.
4. Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit
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Das bornierte Treiben von Fans geht erst einmal in Ordnung, da
weiß jeder - und die Betreuung durch den Sportjournalismus be-
zeugt es täglich. Immerhin lebt auch davon ein ganzer Geschäfts-
zweig, dessen Manager sich ein Kompliment auszustellen meinen,
wem sie alles recht "professionell" anpacken. Insofern ist die
Versorgung des Fan-Gemüts mit Material, das die Perspektiven des
erwünschten Erfolgs betrifft, auch ein guter Brauch. Wem aber wie
jetzt in Düsseldorf das Schlägern und Randalieren anhebt, ist Di-
stanzierung von den Konsequenzen geboten. Und diese Distanzierung
macht sich konsequent an der Tilgung der banalen Einsicht zu
schaffen, daß es sich um Konsequenzen handelt. Konsequenz:
"Ratlosigkeit" auf der ganzen Linie.
5. Ursachenforschung
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Zivilisiert, wie wir Demokraten sind, wissen wir für alles einen
Grund. Wenn nicht, fragen wir unsere Wissenschaftler, die für ih-
ren Durchblick schließlich bezahlt werden. Und deren Eingebungen
werden dann vermasst. Selbstverständlich ist es die englische Ar-
beitslosigkeit, die zur Radikalität "führt" und es "verständlich"
macht, daß die Jungs hin und wieder allerhand kurz- und klein
schlagen. K r i t i k a l s V e r s t ä n d n i s - für einen
Übergang von der Not zur Stadionschlägerei, den man für irgendwie
fällig und logisch hält! Die dumpfen Triebe, Instinkte des Viehs
im Menschen kommen selbstverständlich in den Deutungen zu ihrem
Recht. Allerdings nicht ohne die laut vernehmlichen Seufzer nach
gekonnter Anleitung dieses irregelaufenen Geziefers: Hätten "wir"
denen gescheit beigebracht, "wofür es sich aufzustehen, einzuset-
zen, zu leben und auch zu sterben lohnt" so ein Psychologe damals
anläßlich der "Katastrophe von Brüssel" -, sie hätten das Theater
glatt unterlassen. Ein schöner Beleg dafür, d a ß geistige Füh-
rung nottut, w o f ü r sie wirbt und w a s eine Elite für
ihre Masse doch Schönes leisten kann! Zur richtigen Zeit am rich-
tigen Ort für den richtigen Sinn den gerechten Einsatz, das brau-
chen sie!
6. Was lernen wir daraus?
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Natürlich erst wieder einmal, daß n i c h t a l l e Fans be-
teiligt waren, sondern nur d i e b ö s e n. Die irischen und
dänischen z.B. gelten als richtig liebenswert, wenn sie sich grün
und rot anmalen und schwer von sich begeistert sind. Die radika-
len dagegen sind sicher in der Minderheit und gehören von den
Ordnungskräften kontrolliert bis vermöbelt, damit sie selber
nicht mehr zum Vermöbeln kommen. Und während sich die Jungs von
der britischen Insel und die deutschen Kontrahenten für nichts
als die Ehre ihrer Nationen prügeln, wird von der britischen Ob-
rigkeit die spannende Frage aufgeworfen, ob diese "sog." Fans
nicht dem Ansehen des "sauberen" England schaden. Und die deut-
sche Kommentatorenmannschaft warnt vor nationalem Hochmut "wir"
haben keinen Anlaß, auf die Briten mit den Fingern zu zeigen,
weil das "Problem" wieder einmal "europäische Dimension" hat.
Natürlich nicht, ohne sich zuvor an dem "Alptraum" zu weiden, der
das "vereinigte Königreich" wg. der prügelnden "'Hooligans" er-
griffen hat. Als vor ein paar Jahren britische junge Männer junge
Argentinier um die Ecke brachten, war das natürlich kein
"Alptraum", sondern ein Einsatz, der der Nation rundherum Ehre
eintrug und keineswegs "die britischen Wirtschaftsinteressen
nachhaltig gestört hat" (Thatcher über den angeblichen nationalen
Schaden durch die jüngsten "Ausschreitungen").
7. Ausblick
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Für die spannende Frage: "Wie geht es mit dem d e u t s c h e n
Fußball (Hand-, Basket-, Volley-, Turnen, Brieftaubenwesen etc.)
weiter?" gibt es eine dauerhafte Grundlage: die Unterhaltung von
anständigen Nationalisten, die sich daran gewöhnt haben die Sache
der Heimatstadt und der Nation allemal für höher als ihre Priva-
tangelegenheiten zu halten und sich daher auch immer wieder die
Freiheit herausnehmen, sich für ihre Privatperson dieser höheren
Sache in polizeiwidriger Form zu engagieren. Der Tadel seitens
der geistigen Führung hält sich daher durchaus in Grenzen: Den
"Sumpf dieser Gewalttäter" will kein Staatsmann trockenlegen. Es
ist nämlich der Sumpf, an dem er sich zu gegebener Zeit selbst
bedienen will, wem es gilt, dem Willen zur Begeisterung für die
Nation eine offiziell-schlagkräftige Orientierung zu geben.
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