Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 73, 02.05.1983
       
       Wochenschau
       

"DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND ÜBER ALLES"

gröhlten die Fans in der Dortmunder Westfalenhalle mit, als nach dem 4:3 der BRD/Westberlin-Auswahl gegen die Eishockeymannschaft der DDR die Nationalhymne gespielt wurde. 10500 westdeutsche Men- schen "vergriffen sich" keineswegs "peinlicherweise im Text", wie die "Süddeutsche Zeitung" vom 25. April kommentierte: Sie sangen, was die Stunde geschlagen hat, und lösten auf ihre Weise die "deutsche Frage". Beim Eishockey besteht sie darin, daß das Auf- treten einer DDR-N a t i o n a l mannschaft erstens ohnehin ein Skandal ist, der zweitens zur Provokation wird, wenn sie sich un- seren Jungs beim Erreichen der Finalrunde in den Weg stellt. Ob- wohl angeblich "zwei deutsche Teams" gegeneinander gespielt haben sollen, kam kein Zweifel auf, wem die "Deutschland, Deutschland" Anfeuerungschöre galten: Die DDR fertigmachen - das i s t Deutschland! Die Burschen auf dem Eis wußten, daß sie diesmal das S p i e l e n gar nicht erst probieren mußten, so k ä m p f t e n sie, mit Erfolg, was man den DDR-Spielern hin- terher ansehen konnte. Das Transparent eines Witzbolds auf den Rängen "Hallo Erich, schön daß wenigstens die raus dürfen!" paßte nahtlos zum Versuch anderer Sportfreunde, die Trennscheibe hinter der DDR-Spielerbank einzuschlagen: B e l i e b t hätte sich das Aufgebot aus Ostberlin und Weißwasser bei uns nur machen können, wenn es samt Trainer vor Spielbeginn seinen Entschluß erklärt hätte, im "freien Teil Deutschlands" zu bleiben. Das Ostberliner "Deutsche Sportecho" wundert sich hinterher: Die DDR-Mannschaft hätte doch "in keiner Weise mit i h r e m V e r h a l t e n auf und außerhalb d e s E i s e s Anlaß ge- geben, daß sie als Schweine, Mörder beschimpft wird." Als ob es darum ginge beim Sport, und nicht nur beim sogenannten innerdeut- schen: Da ist die beste E i s h o c k e y mannschaft die unbe- liebteste N a t i o n a l mannschaft in der Publikumsgunst (Sowjetunion), die CSSR wird einmal fanatisch angefeuert (gegen die Russen) und ein andermal höhnisch ausgezählt (gegen die BRD), die Italiener steigen verdient ab, weil sie mit etlichen einge- meindeten Kanadiern so foul holzen, wie das nur den unsrigen mit ihren Roy-Roedgers zusteht - und überhaupt ist jetzt die Bundes- republik a u c h im Eishockey wieder wer. Das ist das einzige Resultat dieser WM, auf das es wirklich ankommt! zurück