Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Fußball-WM in Mexiko
ALEMANIA - HA - HA - HA!
"Gurkentruppe", sagte Uli Stein und mußte nach Hause fahren. Da-
bei wollte keiner sagen, daß er völlig unrecht hat. Kritik an der
deutschen Mannschaft gibt es mehr als genug. Die muß aber, egal,
wie hart sie ausfällt, immer "das Positive", das Vorankommen der
Mannschaft im Auge haben.
Hier handelte es sich aber eindeutig um bloß negative, zerset-
zende Kritik eines beleidigten Edelreservisten, der sich noch
keine einzige Ruhmestat im schwarz-weißen Dreß gutschreiben
konnte. Die Mannschaft mag zwar schlecht spielen, aber daß man
das schlicht und einfach sagt, dazu womöglich noch, sie sei eben
schlecht, um sich dann anderen Dingen zuzuwenden das ist ganz un-
möglich. Nein, wenn nicht gleich der Schiri, das Wetter, der Ra-
sen oder Montezuma schuld waren, muß die "Analyse" jedesmal nach
demselben Strickmuster verfahren, daß die Mannschaft nicht so gut
gespielt hat, wie sie "eigentlich" spielen k ö n n t e. Dann
ist sie "unter ihren Möglichkeiten" geblieben oder - so die ganz
"Realistischen" - sie hat zwar "beschränkte Möglichkeiten", aber
daraus könnte sie "mehr machen".
Es gibt also z w e i deutsche Mannschaften: Eine, die auf dem
Rasen steht, oder auch wie vergiftet darauf herumrennt und grad
so schlecht ist, wie es der Gegner zuläßt - und eine im K o p f
der Kommentatoren und Zuschauer. Und der Vergleich zwischen die-
sen beiden Mannschaften geht unbeirrbar immer zugunsten der
i d e a l e n Mannschaft aus. Man h ä l t z u i h r, weil
sie ja viel besser sein könnte, erst recht natürlich, wenn sie
mal wirklich gut spielt; und wenn sie ganz besonders beschissen
spielt, ist man ganz besonders enttäuscht - bis zum nächsten
Spiel. Zwischendrin gibt es viele Siege, die nie recht zufrieden-
stellen: irgendwas fehlt immer, "eine große Mannschaft ist das
doch nicht" (Rehagel)
...
Ein bißchen verrückt ist das schon. Mit Fußballspielen - Sie wis-
sen schon: mit dem Fuß oder Kopf den Ball genau weiterleiten,
einen Gegenspieler umkurven; den Ball raffiniert oder mit Bums im
Kasten unterbringen - hat das herzlich wenig zu schaffen. Dieses
harmlose Bewegungsspiel ist einem höheren Zweck untergeordnet,
was ihm meistens gar nicht gut bekommt:
R e p r ä s e n t a t i o n d e r N a t i o n. Dafür ist Fuß-
ball tatsächlich eine "Nebensache" - der Lebenszweck der
N a t i o n a l mannschaft ist nämlich, aller Welt vorzuführen,
aus was für einer tollen Nation sie kommt. Und für jeden, der mit
ihr mitfiebert und -leidet, fällt garantiert und völlig kostenlos
ein Stück dieser Tollheit mit ab. Das klappt immer, egal wie die
Mannschaft spielt: Gewinnen "wir" überlegen, dann muß alle Welt
einsehen, daß sie vor einem jeden Deutschen den Hut zu ziehen
hat; gewinnen "wir" mit Ach und Krach, dann sind die anderen zu-
mindestens mal geschlagen und eigentlich können "wir" es noch
viel besser; verlieren "wir", dann waren hält die Umstände gegen
uns.
Es geht schließlich auch um eins der wichtigsten Güter des tägli-
chen Gebrauchs um N a t i o n a l s t o l z. Der, läßt sich von
Niederlagen nicht beirren, geschweige denn eines Besseren beleh-
ren. Aber weil er schon vor dem Spiel so bedingungslos zur Natio-
nalmannschaft hält, bildet er sich um so fanatischer ein Recht
ein: Die Mannschaft hat E r f o l g e zu bringen, das ist ihre
P f l i c h t gegenüber einem deutschen Arbeiter.
Wenn man sich nämlich bloß noch als deutscher Fußballfreund mit
allen anderen deutschen Fußballfreunden v e r e i n t fühlt und
sich mit seiner Nation i n e i n s s e t z e n will, wenn man
sich also völlig von der Frage verabschiedet hat, was man eigent-
lich von seiner Nation hat und was sie einem täglich und prak-
tisch a b v e r l a n g t - dann verlangt man von "seiner" Na-
tion eigentlich bloß noch eins: daß sie einen bei der
H e r s t e l l u n g von Nationalstolz u n t e r s t ü t z t.
Diesem unzweifelhaften Recht wird von allen Seiten recht gegeben:
Jawohl, die Mannschaft muß "Leistung" bringen, das können "wir zu
Hause" doch wirklich verlangen. Zeitungen und Fernsehen bringen
riesige Berichte über jeden Hirnfurz eines deutschen Spielers
oder Trainers und ob das, nun die "Moral" fördert oder -
beeinträchtigt; wenn sich einer "schlecht" benimmt ("Alemania ha-
ha-ha"), muß er natürlich "bestraft" werden. Die Bestrafung
besteht in der nationalen V e r a c h t u n g, die "wir"
sowieso für alle anderen Mannschaften haben - man kann ihnen zwar
Respekt zollen, die "Exoten" treffen sogar einen Ball, aber sie
haben eben alle das Pech, keine Deutschen zu sein -, und diese
Verachtung können "wir" sehr locker und lässig auf Verräter und
Minenleger im eigenen Lager ausdehnen.
In solchen Fragen wird die Nation sehr pingelig, hat sie es doch
extra schwer. "Wir" haben die schwere Aufgabe, z u s ä t z-
l i c h zum schon feststehenden Erfolg der Nation auf anderen
Gebieten dem Rest der Welt zu zeigen, wo's im Fußball langgeht.
Dafür ist gewöhnliches Siegen eigentlich viel zu wenig - nein.
"Wir" sind es uns schuldig, die anderen nicht nur irgendwie,
sondern mit großartigem, überwältigendem, "maßstäbesetzendem" -
(Harry Valerien) Fußball niederzuschmettern.
Tja, da hat der Nationalstolz, wenn er erst einmal so
"anspruchsvoll" ist ein weites Betätigungsfeld - und viel zu lei-
den. Aber andererseits ist es bei uns doch wieder wie immer in
der Demokratie: Der Erfolg gibt recht, wie bescheuert er auch im-
mer zustande gekommen ist. "Am Schluß zählt der Sieg" - Hauptsa-
che gewonnen, auch wenn dabei der Fairness-Pokal flöten geht! Wie
sagte Hauptmeckerer Otto Rehagel nach dem Mexiko-Spiel - noch
schlechter als das gegen Marokko - ? "Ich bin restlos glücklich!"
*
Und sollten "wir" wider Erwarten doch nicht Weltmeister werden,
geht deswegen die Welt nicht unter: Made in Germany bleibt
Spitze: von adidas über den Leo II bis zur Deutschen Mark!
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