Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Ben Jonson und der 100-m-Skandal
DER FEINE UNTERSCHIED ZWISCHEN LEISTUNGSFÖRDERUNG UND DOPING -
ZWISCHEN "SPORTIDOL" UND "MANIPULIERTEM MONSTER"
"Doping ist Betrug" - Frankfurter Rundschau.
"Ein Betrug an all denen, die mit fairen Mitteln angetreten sind"
- der deutsche Schwimm-Präsident.
Betrug? Jetzt ist er doch seine 9,79 Sekunden gerannt. Geschoben
hat ihn jedenfalls keiner. Am Montag war das noch "das Absolute
im Sport schlechthin. Keine Show kann besser sein als die sport-
liche Darstellung der von Menschenkraft erzielten Höchstgeschwin-
digkeit", meinte die seriöse "Süddeutsche". Wenn alle Menschheit
so geil darauf ist, daß einer zu Fuß auf hundert Meter einen
Ferrari abhängt, dann soll sie doch zufrieden sein. Aber jetzt
war es "unehrenhaft" wegen "pharmazeutischer Beihilfe" (SZ)...
"Mit schmutzigen Mitteln..." (tz, München)
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Das gute Stanozolol von der Firma Winthrop (USA) war sicher ge-
nauso appetitlich eingepackt wie die Köstlichkeiten, in denen der
bundesdeutsche "Deutschland"-Achter geschlemmt hat:
"Ihre Kost sei leistungsfördernd, aber niemals verboten gewesen.
Nur Eiweiß- und Vitaminpräparate, alles regulär."
Von wegen "pharmazeutische Beihilfe" - seit wann schiebt sich
denn ein Hochleistungssportler überhaupt noch irgend etwas in den
Rachen, was nicht ernährungsphysiologisch ausgetüftelt und sport-
pharmazeutisch durchkalkuliert wäre?!
Und noch eine Warnung, nachdem man nun in aller Ausführlichkeit
über Leberschäden und Krebsförderung durch Johnsons Muskelpräpa-
rat informiert wird: Mit gesund und ungesund hat der feine Unter-
schied von Leistungsförderung und Doping auch nichts zu tun. Was
die Jugend der Welt da periodisch vorführt, steht von A bis Z un-
ter medizinischer Betreuung bloß eben überhaupt nicht wegen der
Gesundheit, eher umgekehrt. Wenn von der Selektion in der Nach-
wuchsförderung, übers Training bis zu den Wettkämpfen, alles un-
ter sportmedizinischer Regie abgewickelt wird, dann liegt das
eben daran, daß diese menschlich so wertvolle Betätigung namens
Leistungssport die Physis der beteiligten Persönlichkeiten im-
merzu ein bißchen überstrapaziert. Und das wissen die, die sich
jetzt als Gesundheitsapostel über Doping entsetzen, sehr gut;
sonst philosophieren sie ja so gerne über die sittliche Erbau-
lichkeit im Sport, wenn "der Mensch" über sich selbst und seine
Grenzen triumphiert, usw. usf.
Von wegen Gesundheit!
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Das Gerücht, wegen Gesundheit sei Doping verboten, ist damals in
die Welt gekommen, als die ersten Radler noch an Ort und Stelle
tot umgekippt sind. Klar, daß man das bei internationalen Sport-
festen nicht so gerne sieht. Bloß, gesund in dem Sinn sind des-
halb die IOC-e r l a u b t e n Praktiken auch nicht direkt. Der
systematische Test, was eine Lunge, ein Herz, ein Sprunggelenk
oder ein Gewichtheberkreuz so alles aushalten können, hat seine
Folgen. Aber die Sportkrüppel, die bei dem Geschäft anfallen,
ohne jemals in Medaillennähe gekommen zu sein, oder die, die sich
mit 30 Jahren mit genieteten Knien oder zerdätschtem Gehirn aufs
Altenteil zurückziehen, sind natürlich bei weitem nicht so inter-
essant wie einer, der erst "die Welt in Atem hält" und sich dann
erwischen läßt.
Da erhebt sich machtvoll der Ruf nach medizinischer Ethik:
"Für die Mediziner, die Ben Johnson vollgepumpt haben, ist eben
auch der Mensch nur Material, das sich manipulieren läßt." (AZ,
München)
Ja, was denn sonst? Warum bilden denn alle zivilisierten Nationen
ganze Horden von Sportärzten aus, die nützliche Hinweise geben,
wie man per Training ein paar Zentimeter Muskel mehr, ein paar
Sekunden weniger herausschinden kann? Wie man trotz Verletzung
"weiterkämpfen", eine "Höchstform planen", einen "Leistungsabfall
kompensieren" kann, usw. usf. Da ist eben der Organismus das An-
wendungsfeld der gesammelten fortschrittlichen Medizin und die
Chemie nur ein Unterkapitel. Und bloß wegen ein bißchen möglicher
krebsfördernder Wirkung - wo doch, wie man inzwischen weiß, die
Arbeitswelt z.B. eine einzige Ansammlung "kanzerogener Stoffe"
ist, mit der der (Arbeits-)Mensch als "Lebensrisiko" leben muß -
soll man hier darüber aufjaulen, daß die böse Medizin den
(Sport-)Menschen "nur als Material" nimmt?! Das kann ja nicht
ganz stimmen, und unsere hochanständigen Jungs vom Achter liegen
schon etwas richtiger mit der Auskunft, daß es bei der Chemie,
die man frißt, nur darum geht, ob sie "verboten" oder "regulär"
ist.
Leistungsmessung der höheren Art
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Wenn die "Jugend der Welt" einerseits mit einem ganzen Troß von
Trainern, wissenschaftlichen Betreuern und Sportdiplomaten an-
rückt, wenn andererseits der friedliche Wettbewerb ein 3-Millio-
nen-Dollar-Labor für Urinproben, x Juries, Schiedsrichterstäbe,
nationale Vertreter und eine eigene Gerichtsbarkeit aufstellt und
mindestens die Hälfte der Veranstaltung in der Beratung über
Streitfälle, Demarchen und höchstoffiziellen Pressekonferenzen
über diffizile Entscheidungen besteht, dann heißt das dem Namen
nach "Spiele". Der Sache nach dreht sich der ganze Zirkus um eine
Sorte von Wettbewerb, in der es auf Leistung so sehr ankommt, daß
einerseits ein ganzes Regelwerk über erlaubte und unerlaubte
Hilfsmittel erstellt worden ist - logischerweise plus Überwa-
chungsapparat - und daß andererseits lauter Techniken zur Lei-
stungssteigerung entwickelt werden, die logischerweise wieder die
laufende Überprüfung auf erlaubt/unerlaubt nach sich ziehen. Und
die teilnehmende Menschheit beschäftigt sich hingebungsvoll mit
lauter so metaphysischen Fragen, ob nun der Mensch oder das Mate-
rial gewonnen hat, ob der xy nun wirklich seine Grenze erreicht
hat und nicht bloß schlaff war, statt der einzig rationellen:
Leistung wofür? Für welchen Zweck soll es denn was sein, wenn
diese Heerscharen immer schneller, höher und stärker herumtoben
wollen?
Für ein bürgerliches Gemüt einerseits eine völlig abwegige Frage.
Denn das ist ja schließlich ein Abfallprodukt der stinknormalen
Konkurrenz, daß bei "Leistung" gar nicht nach dem materiellen Er-
trag gefragt wird, sondern daß sie f ü r s i c h zählt, auf
dem Feld der Selbstachtung und Ehre. So wird ja auch ein Mensch,
der wahrhaftig einen ganzen Bundesbahnfahrplan auswendig hersagen
kann, von Herzen bewundert, wenn er in "Wetten daß?" damit auf-
tritt. Und da ist einer, der seine Knochen gegen alle Gesetze der
Schwerkraft auf 2,30m hochbewegt, ohne jede Frage ein klasse Typ.
Und zweitens ist die Antwort auf die Frage, wozu das gut sein
soll, was man denn davon hat, wenn man Jahre seines Lebens auf
das Überhüpfen einer Latte oder das Hochheben von zu schweren
Klötzen verwendet, viel zu selbstverständlich: die Ehre der Na-
tion, um die geht es. Und wegen der bekommt man auch als Sport-
ler, der es packt, ziemlich viel Ehre und auch Geld.
A propos Geld!
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Das ist in der moralischen Scholastik, die den angeblich so ver-
gnüglichen und unterhaltsamen internationalen Sportzirkus beglei-
tet, ein genauso beliebtes und schwieriges Thema wie die Unter-
scheidung von ehrlichen Vitaminpräparaten und gewissenlosem Do-
ping. Geldverdienen: 1. eine elementare Notwendigkeit für jedes
Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, 2. unter dem Titel
"Marktwirtschaft" der ehrenwerteste Zweck - im Sport ist er auf
einmal anrüchig. Da gehört sich nämlich die moralische antimate-
rialistische Fiktion, daß es um Leistung um ihrer selbst willen
zu gehen hätte - von wegen "der Mensch", der immerzu seine Gren-
zen überhingsen will usw....
Im jahrelangen Gezerre um nationale Ehre und Amateurstatus, um
Werbeverträge und Preisgelder, haben sich die verantwortlichen
Instanzen zwar zur offiziellen Anerkennung der Tatsache durchge-
rungen, daß sich eine normale Angestellten- oder Arbeitertätig-
keit mit nationalen Rekorden nun wirklich nicht verträgt. Ohne
ein paar Idioten, die die "schönste Nebensache der Welt" zur
Hauptsache in ihrem Leben machen und dafür finanziert
w e r d e n, kommt keine Nation aus. Allerdings bloß f ü r s
G e l d darf noch lange nicht geturnt, gerannt, geschwommen wer-
den. Da besteht die nationalistische Öffentlichkeit auf der
Selbstlosigkeit ihrer Sportidioten, denen die Ehre gefälligst
wichtiger als der Mammon zu sein hat. Und umgekehrt beschweren
sich die Sportidioten bitterlich über den Massengeschmack, der
aus manchen Sportarten eine einwandfreie Geldquelle gemacht hat
und aus ihrem Florettfechten, Dressurreiten oder Wasserpistolen-
schießen nicht. Obwohl medaillenmäßig da viel mehr für die Ehre
der Nation abkassiert worden ist.
Geld und/oder Ehre?
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Daß ohne Geld die verlangten Höchstleistungen nicht zu haben sind
- und sei es in Gestalt einer Bundeswehrsportkompanie oder von
freiwilligen Zuschüssen der deutschen Industrie für ihre
"Amateure" -, haben sich die maßgeblichen Subjekte der Veranstal-
tung praktisch schon längst und jetzt auch offiziell genehmigt.
Aus Gründen der Konkurrenzgerechtigkeit, die hier, wie auch
sonst, das Geschäft belebt. Bloß das Sportler-Individuum darf
deshalb noch lange nicht die offizielle Heuchelei stören. Kaum
hat sich der unglückselige kanadische Neger erwischen lassen,
werden ihm gnadenlos seine ganzen Werbeverträge vorgerechnet. Und
die hochgeistigen kritischen Mitdenker entdecken das Geld als
Grund des Übels:
"Die Hochleistungssportler sind hochbezahlte Leute, und sie be-
schäftigen hochbezahlte Leute, Manager, Ärzte, Physiotherapeuten.
Für die ist der Athlet der Esel, der Dukaten fallen läßt. Nur
wenn er arbeitet, verdienen sie. Und auch der Sportler will ganz-
jährig Einkommen beziehen. Wenn bloß der dumme Körper nicht
wäre..." (Frankfurter Rundschau)
Wenn bloß diese Meister der Kritik des Gelderwerbs an der
falschen Stelle einmal - wirklich nur einmal! - nur einen Milli-
meter weiterdenken und sich fragen würden, wofür denn da Geld be-
zahlt wird, dann wären sie sofort bei sich selbst angekommen.
Nämlich bei den gutbezahlten intellektuellen Nationalisten, Ar-
beitsgebiet Sport. Sonst bei jeder Gelegenheit jeden Schwimmer,
der noch gar nicht japsen kann, vors Mikrofon zerren und fragen,
warum er denn nicht sein Bestes gegeben und Gold für die Nation
geholt hat. Sonst von Sportstudio zu Sportstudio immerzu die
Frage wälzen, ob denn die Nation auch genug für ihre Sportler
tut. Und dann, wenn aus dieser liebenswerten Freizeitbeschäfti-
gung eine komplette Geschäftssphäre mit lauter Sponsoren, Bundes-
verdienstkreuzen und adidas geworden ist, negativ aufgefallenen
Sportlern nachsagen, ihre Geldgier wäre schuld, das haben wir
gerne. Es ist langweilig, aber wahr: Nationalismus ist der ein-
zige Grund, sowohl für die sogenannten Fehltritte wie für die Ex-
zesse an moralischer Heuchelei, die dann nachgeschoben werden.
"Ein Verbrechen an der sportlichen Gerechtigkeit" (SZ)
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ist es gewesen, was die einwandfreien 9,79 Sekunden auf einmal so
minderwertig gemacht hat. Das verletzte Rechtsgut steht zwar in
keinem bürgerlichen Gesetzbuch, wird aber von den internationalen
Sporthütern nicht minder fanatisch geschützt. Derselbe Nationa-
lismus, der solche Beschäftigungen wie Rennen, Hammerwerfen,
Pferde-Schikanieren überhaupt erst zu grundwichtigen Anliegen er-
klärt, der da von seinen "Aktiven" immerzu Weltleistungen und
Steigerungen verlangt, achtet erbittert auf die Gerechtigkeit
gleicher Konkurrenzbedingungen. So werden die sportlichen Vor-
kämpfer der Nation pausenlos dazu aufgehetzt, sich nach allen
möglichen Mitteln umzusehen, um ihre Gliedmaßen noch ein bißchen
mehr aufzupolieren. Trainer, Funktionäre und kritische Öffent-
lichkeit schnüffeln im Lager der Gegner nach den neuesten gehei-
men Tricks - u n d a l l e zusammen erlassen und verbessern im-
merzu das Regelwerk für die notwendige "sportliche Gerechtig-
keit". Damit man sich dann hinterher so schön entrüsten kann,
wenn es unterlaufen wird. Dabei handelt es sich im übrigen nicht
um "Doppelmoral", wie ein paar kritische Stimmen wissen wollen -
es ist ein und dieselbe Moral, die - wegen der Nation - Leistung
unter allen Bedingungen will und - wegen der Konkurrenz der Na-
tionen die Bedingungen ständig in erlaubte und unerlaubte sor-
tiert.
Gerechtigkeitsmäßig konsequent weitergedacht hat da zum Beispiel
ein bundesdeutscher 100-m-Läufer namens Christian Haas:
"Man sollte künftig vier Olympische Spiele veranstalten - für ge-
dopte Schwarze, für saubere Schwarze, für gedopte Weiße und für
saubere Weiße. Nur so kämen echte Vergleiche zustande." (Die
Welt)
Logisch gedacht, wenn allein schon die Negerphysis ein unfairer
Konkurrenzvorteil sein soll. Aber er liegt ein bißchen neben der
"Olympischen Idee", wo jede Nation nun einmal weltweit und nicht
inner-rassisch glänzen will. Die deutschen Mannschaftsärzte Krahl
und Liesen sind da realistischer:
"Entweder man verschärft die Kontrollen noch weiter. Aber dies
scheint wenig erfolgversprechend. Deswegen bin ich persönlich der
Auffassung, daß die Doping-Regeln weiter gefaßt werden sollten...
Die Einnahme von anabolen Steroiden sollte unter ärztlicher Kon-
trolle im gesundheitlich unbedenklichen Rahmen toleriert werden."
Sie müssen ja wissen, warum das mit den Kontrollen so schwierig
ist. Sie sind ja schließlich die Fachleute, die zusammen mit
denen von der Pharma-Industrie Pionierleistungen in der Entwick-
lung von solchen Präparaten wie Stanozolol erbringen:
"Süddeutsche Zeitung: Aktuelles Lexikon
... führt nicht nur zu einem Muskelzuwachs, der mit normalen
Trainingsmethoden nicht zu erzielen ist, sondern das Präparat
verkürzt auch die Regenerationszeit und erlaubt somit eine höhere
Trainingsintensität...".
Und sie sind die Fachleute dafür, wann man was wie einnehmen muß,
damit es in den Kontrollen nicht auftaucht. Insofern ist 'Doping
für alle', und zwar unter ärztlicher Kontrolle wie bisher schon,
die vorwärtsweisende Parole, und dann ist es auch kein Doping
mehr.
"Der Sport seiner pädägogischen und
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sozialbildenden Funktion beraubt..." (SZ)
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"Welche Wirkung das auf Kinder hat. Mein Sohn Daniel ist fürch-
terlicher Johnson-Fan. Jetzt frage ich mich, wie ich's ihm erklä-
ren soll. Heide Rosendahl, Olympiasiegerin" (Bild).
Keine Bange, wenn der kleine Rosendahl schon so perfekt verbogen
ist, daß er sich an Vorbildern gütlich tun will, wird er den
Übergang vom Anhimmeln zum Verachten schon auch noch hinbekommen.
So wie unser Willi Daume das vormacht, der den deutschen Zeitun-
gen nicht oft genug mitteilen kann, wie gräßlich d u m m dieser
Johnson eigentlich ist:
"Sie können doch nicht wegen so einem Typ wie dem Johnson alles
in Frage stellen. Das alles spricht auch dafür, daß er, wie ge-
sagt wird, ein Mann beschränkter Intelligenz ist..." (SZ)
"Es ist doch bekannt, daß Johnson dumm ist..." (Die Welt)
"Aus der kanadischen Delegation ist mir berichtet worden, daß er
ein ziemlich stupider Kerl ist..." (Frankfurter Rundschau)
Zwei Tage vorher dasselbe als menschlich rührendes Detail:
"Er sei so still und in sich gekehrt gewesen, berichtet Veda Fo-
ster, Grundschullehrerin des kleinen Ben..." (SZ)
"Ben Johnson fehlen auch nach Rom und Seoul die Attribute eines
Stars. Nur seine Beine bewegen sich schnell, seine Rede, seine
Gesten, sein Auftreten wirken gehemmt, zurückgenommen..." (FR)
Aber dafür haben wir schließlich unseren Willi Daume, der uns
auch offen und ehrlich erklärt, daß seine plötzlichen Erkennt-
nisse über die Dummheit Johnsons weniger damit zu tun haben, daß
ein Mensch, der seinen ganzen Lebenszweck und seine ganze Lebens-
führung auf das Zurücklegen von hundert Metern einstellt, notwen-
digerweise etwas einseitig geraten muß.
"Ich habe erklärt, es gehöre eine gute Portion Dummheit dazu, ge-
rade in seinem Fall zu dopen. Er wußte doch, daß er unter den er-
sten drei sein wird und zur Kontrolle muß." (FR)
"Dummheit", "Geldgier", "Medaillensucht", "gewissenlose Ärzte" -
Gründe für den Skandal liefert die kritische Öffentlichkeit hau-
fenweise. Bloß der einzige wirkliche Grund ist ihr völlig unbe-
kannt. Beziehungsweise zu gut bekannt, als daß er mit dem häßli-
chen Skandal etwas zu tun haben dürfte.
Nationalismus? Wir doch nicht!
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Sowas gibt's allenfalls bei so zweitklassigen Nationen wie Ka-
nada, und da finden seriöse deutsche Kommentatoren Nationalstolz
wegen Sportrekorden so befremdlich, daß sie ihn mit Anführungs-
zeichen einrahmen:
"In dem angesichts des mächtigen Nachbarn USA unter Minderwertig-
keitsgefühlen leidenden Land nahmen Bürger wie Kommentatoren
seine Leistungen als Grund, 'stolz auf Kanada' zu sein." (SZ)
Komisch, nicht wahr: Wo wir doch nur "Stolz auf Deutschland" ken-
nen, jeden Tag einen Medaillenspiegel abdrucken und zum Beispiel
den womöglich aus Angst vor Doping-Kontrollen inszenierten und
trainierten multiplen Fehlstart unseres Jürgen Hingsen völlig ge-
lassen und vorurteilslos kommentieren:
"Die erfolgreichste westdeutsche Disziplin hatte eine ver-
nichtende Blamage erlebt. Es ist deshalb zu begrüßen, daß einer
der Verantwortlichen schon vor Abschluß der Wettkämpfe die Dinge
beim Namen genannt hat: Werner von Moltke. Bebend vor Enttäu-
schung über Hingsen donnerte er ins Mikrofon, nun müßten endlich
die Ärmel hochgekrempelt werden, die Athleten wieder laufen ler-
nen, asketischer leben. 'Wir brauchen Männer, keine Memmen...'"
(SZ).
Und nachdem man jetzt erfährt, daß dieser Hingsen schon einmal
bloß wegen einer Sehne die Nation verraten hat -
"ein Mann, der der Patellasehne zu einem unverhofften Bekannt-
heitsgrad verhalf. Dieser Teil des Körpers nämlich zwackte Hing-
sen unaufhörlich" (FR) -,
muß man doch mal fragen dürfen, ob es denn gegen solche Sehnen
keine Mittel gibt.
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