Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Fußball EM 1984
LAUTER VERRÜCKTE IM DIENST DER NATION
Als Toni Schuhnacher bei der letzten WM dem Franzosen Battiston
mit beiden Knien und mit voller Absicht ins Gesicht sprang, hätte
man ihn nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch verknacken und nach
sportlichen Gesichtspunkten für immer vom Platz stellen müssen
wegen erwiesener Brutalität. Im wirklichen Leben geht es aber
darum, wieviel Tore unser Toni im Auftrag Deutschlands verhin-
dert. Hermann Neuberger spricht ein Machtwort: "Toni ist unsere
Nummer 1!" Fraglich ist die Position des Keepers überhaupt nur
deswegen geworden, weil mit dauernden Pfeifkonzerten in den fran-
zösischen Stadien zu rechnen war. Ob da nicht die Nerven des Tor-
mannes das Flattern anfangen? Nein, sagen die Mannschaftsführer.
F ü r die Nervenstärke Tonis spricht ja seine wohlkalkulierte
Brutalität...
*
Manche Nationalspieler überkommt nach eigenem Bekunden beim Anhö-
ren der Nationalhymne ein tiefes Schaudern. Andere Spieler tref-
fen schon zitternd im Trainingslager ein: "Nach allem, was ich
von Falkenmayer gehört habe, ist er ein Junge, der früh gelernt
hat, Verantwortung zu übernehmen. Aber als er zu uns kam, zit-
terte er am ganzen Körper." (Rummenigge) Dieses Z i t t e r n
verläßt sie anscheinend während des ganzen Spieles nur, wenn es
darum geht, "beinhart zur Sache zu gehen". Als Glücksfall wird
dann gefeiert, wenn eine Mannschaft "trotz der großen Belastung"
und "trotz des Wissens, worum es geht" einen guten Fußball hin-
legt.
Ansonsten wird fachmännisch zwischen n ö t i g e n und
u n n ö t i g e n Fouls unterschieden und der Standpunkt vertre-
ten: "Hauptsache aus einer verstärkten Abwehr heraus gewonnen!"
*
Nicht ganz entschieden ist die Frage, ob sich die Spieler ver-
rückt machen, oder ob sie verrückt sind. Wahrscheinlich beides.
Da rennen lauter P s y c h o - I d i o t e n herum, die dauernd
gefragt werden, ob sie nicht besonders bescheiden oder betont
selbstbewußt auftreten müssen, damit es ihnen dann richtig in die
Beine fährt und sie nicht "unter ihren Möglichkeiten" bleiben.
Sie fragen sich dann selber auch nie, wie gut oder schlecht sie
spielen, sondern ob sie den Erwartungen des heimischen Volkes
entsprechen und sich vor den Ausländischen nicht blamieren: "Als
der Peter Briegel verletzt war, war ich plötzlich dabei. Da habe
ich mir gesagt: Jetzt darfst du bei der Nationalelf nicht vor
Ehrfurcht sterben das ist deine Chance." (Brehme) Und dann wun-
dern sie sich, wenn sie Lähmungserscheinungen in den Oberschen-
keln kriegen, wenn der gegnerische Verteidiger vor ihnen auf-
taucht: Schließlich sollen sie ja nicht bloß den umhacken, son-
dern gleich eine ganze gegnerische Nation. "Sobald Allofs den
Bundesadler auf der Brust trägt, spielt er wie der letzte Heu-
ler... Deshalb Jupp: Lob den Jungen mal! Er wird's dir mit gutem
Fußball danken." (Max Merkel in BILD)
*
"Kalle, sei ein Egoist!" fordert Breitner in seiner Zeitungs-
spalte den Rummenigge auf. Wegen der N a t i o n soll er mehr
an sich denken - nur so springen Tore heraus. Prompt rennt Rumme-
nigge im Trainingslager herum und erzählt jedem, daß sein natio-
naler Auftrag wohl darin bestünde, in die Spitze zu gehen, weni-
ger mannschaftsdienlich zu spielen, nicht abzugeben, nicht die
Nebenleute in gute Schußposition zu bringen - und ob ihm das auch
als selbstlose Hingabe an die Sache gewürdigt wird. Selbstver-
ständlich, ist die Antwort, wenn er halt Tore schießt - so weit
kommt es aber nicht, weil er sich vorher immer in fremde Beine
verknotet. Dann war er eben zu eigensinnig. Die Leier geht von
vorne los. Mehr Egoismus, weniger Egoismus, oder was?
*
Die einfache Aussage: "Wir haben verloren, weil wir schlechter
spielten", ist ums Verrecken nicht zu haben. Nicht einmal ein
menschlich verständliches "Pech gehabt, Schwamm drüber!" Nein, es
müssen sich tausend Gründe d a z u ausgedacht werden, warum es
(mal wieder) nicht geklappt hat. Ziemlich der blödeste, ab er
gern geglaubt: "Wir haben es versäumt, ein Tor zu schießen." Und
warum: "Dann kam die Angst, weil wir das Tor nicht schossen, das
0:0 doch nicht halten zu können." (Jupp Derwall nach der Nieder-
lage gegen Spanien) Also weil wir verloren, wußten wir schon
gleich, daß wir verlieren könnten, also verloren wir auch prompt.
Allgemeines Kopfnicken. Wenn es die Bodenverhältnisse, das Wetter
oder die Überhärte des Gegners mal nicht waren, dann waren es die
Konzentration, der Nicht-Zusammenhang der Mannschaftsteile, eine
merkwürdige Passivität Rummenigges - vielleicht doch das Wetter.
Damit wird immer nur beteuert, e i g e n t l i c h hätten wir
das Spiel ohne weiteres gewinnen können, ja müssen. Die
G r ü n d e r f i n d e r e i speist sich aus dem Selbstbewußt-
sein von Größenwahnsinnigen, die den nationalen Auftrag einfach
umdrehen: Wenn die deutsche Nation in Europa bombis dasteht, dann
m ü s s e n doch auch die deutschen Kicker erste Klasse sein.
Lauter als Kritik getarnte E n t s c h u l d i g u n g e n wer-
den vorgebracht, warum man auch weiterhin an seiner Nationalmann-
schaft festhalten muß: Nicht, weil sie gut spielt, sondern weil
sie gut spielen könnte - was sich allein schon dadurch beweist,
daß sie die N a t i o n a l mannschaft ist. Die simple Haltung,
macht es mir Spaß, das Spiel anzuschauen, ist verboten. Erlaubt
und geboten ist hier ein viel größerer Anspruch: Die Elf hat Lei-
stung zu bringen für die E h r e d e r N a t i o n. Darauf
hat jeder Deutsche ein gutes Recht. Allerdings auch die Pflicht,
sich um "seine Jungs" zu kümmern.
*
Am perfektesten macht das der "Spiegel". Er will gemerkt haben,
daß die deutschen Kicker dumm sind. Sie ergötzen sich am liebsten
an Videofilmen und freuen sich über den Besuch Helmut Kohls im
Trainingslager. Sie fügen sich willig dem Vögel-Verbot Hermann
Neubergers - "Ich kann von Männern, die ihr Land vertreten, ver-
langen, daß sie sich 3 Wochen zusammenreißen" -, lassen sich die
Köstlichkeiten des Ein-Stern-Restaurants, in dem sie beherbergt
sind, vorenthalten und begnügen sich statt dessen mit dem übli-
chen: "Steaks, Salat, Kartoffeln, Brot, Eier, Wurst, Käse." Will
der "Spiegel" damit sagen, daß auf dem Fußballplatz lauter kommu-
nistische Einsteins, die es mit der Moral locker halten und sich
alle leiblichen Genüsse reinziehen, antreten sollen? Nein, was
die kritischen Redakteure vermissen, ist der überwältigende, der
rauschende Erfolg, weswegen sie für einen geschickteren Umgang
mit den ungehobelten Instinktklötzen plädieren (wofür Derwall ja
überhaupt nicht das feine psychologische Gespür hat): Sollte man
ihren Trieben nicht mal gezielt nachgeben? Vielleicht schießen
sie dann besser! Zum Beweis bedient sich das intellektuelle Blatt
eines Mitglieds der deutschen Elite, das schon immer durch gei-
stige Brillanz bestach:
"Profiboxer Rene Weller sagte: 'Mir schadet es, wenn mir im Trai-
ningslager die Decke auf den Kopf fällt, aber nicht, wenn ich
Spaß habe. Wenn ich eine Frau treffe und will mit ihr schlafen,
dann tu ich das auch noch eine Stunde vor dem Kampf'.
Geschadet hat es ihm offensichtlich nicht. B o x e r
W e l l e r i s t E u r o p a m e i s t e r."
*
Die S t a a t s m ä n n e r wissen, was sie an solchen nationa-
len Großereignissen haben. Die Anteilnahme am Schicksal der deut-
schen Mannschaft ist ja immer ein sicheres Indiz für eine sehr
grundsätzliche Übereinstimmung mit D e u t s c h l a n d. Für
dessen "Schicksal" entscheidet sich in einem Fußballspiel über-
haupt nichts. Schmidt und Pertini bei der letzten WM in Spanien
und jetzt Kohl im deutschen Trainingslager verstehen sich darauf,
der Nationalmannschaft viel staatliches Wohlwollen entgegenzu-
bringen und zugleich die nötige Distanz zu wahren: Gewinnen sol-
len sie schon, aber es gibt Wichtigeres auf der Erde. Letzteres
ist den Politikern vorbehalten, was sie gerade dann deutlich ma-
chen, wenn sie sich einmal mit den Vergnügungen des gewöhnlichen
Volkes gemein machen.
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