Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst


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       Aus der Serie "Die Stasi ist an allem schuld":
       

DER FUSSBALLTOTE VON LEIPZIG

Ein von der Polizei Erschossener pflegt in einer fertigen Demo- kratie wie der westdeutschen keinen Skandal zu verursachen. Die Öffentlichkeit fragt höchstens an, ob es wirklich n ö t i g war, wen totzuschiessen. Auf Verfolgungsjagden "Verunglückte"; wg. "Gefahr im Verzug" niedergestreckte Geiselnehmer, Bankräuber oder erschossene Autodiebe wie erst neulich der in München fallen "bedauerlicherweise" immer mal wieder an. Und selbst auf politi- schen Demonstrationen "zu Tode gekommene" Demonstranten werfen keine Zweifel am Zweck von Staat und Polizei, sondern nur die Frage nach der "Verhältnismäßigkeit der Mittel" auf. Derlei ist die demokratische Öffentlichkeit seit 40 Jahren gewöhnt. Sie weiß es sogar ausgesprochen zu schätzen, daß ihre Polizei nicht zim- perlich ist bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung. Etwas anders verhält es sich mit der ersten Leiche auf dem Konto der mittlerweile g e s a m t d e u t s c h e n Polizei. Weil die nämlich in der O s t zone angefallen ist, kann die frei- heitliche Journaille nicht umhin, sich der rhetorischen Frage zu widmen: "Sind auch bei der ostdeutschen Polizeiführung heute die alten Seilschaften aus vergangen geglaubten SED-Zeiten allgegenwärtig?" (FR 6.11.1990) Die "Antwort" steht längst fest: Selbstverständlich steckt auch hier mal wieder die Stasi dahinter. Zumal sich das Gegenteil eh nicht beweisen läßt. Und die "vergangenen SED-Zeiten" sind halt exakt so lange "allgegenwärtig", wie sich demokratische Politiker und ihre Öffentlichkeit für das ewige Leben dieses Sündenbocks verbürgen. Zu "fragen, ob mit dem Auswechseln der Kokarde auf den Polizeimützen im deutschen Osten auch demokratische Gesinnung in die Köpfe eingezogen ist" (FR) heißt da stets, mit "Nein!" zu antworten. Zwar hat im W e s t e n eine "demokratische Gesinnung" unter der Mütze noch keinen Polizisten an der Ausübung seiner Amtsge- walt gehindert, den demokratisch beschlossenen "finalen Todes- schuß" inclusive. Zwar wurde immerhin auf den Leipziger Montags- demos vor einem Jahr n i c h t, jetzt aber schon geschossen. Aber dieser kleine Widerspruch macht offenbar niemanden irre. Ebensowenig wie der Umstand, daß erst neulich DDR-Innenminister Diestel (CDU) einen ungeheuren Nachholbedarf seiner Polizei an modernen Schießgerät angemeldet hat. Das hat ja damals prima in das Bild der Rückständigkeit des "alten Regimes" gepaßt, das jetzt am G e b r a u c h dieses Schießgeräts schuld sein soll ... * Auch beim O p f e r der Polizeischüsse liegen die Dinge diesmal ein wenig anders. Im w e s t deutschen Normalfall hat ein von der Polizei Erschossener fraglos verdient, was er gekriegt hat: Er hat ja schließlich den Polizeieinsatz e r f o r d e r l i c h gemacht. Verhalten und Ende des Leipziger Polizeiopfers hätten im Westen der Republik locker für eine Qualifizierung als Ter- rortäter gelangt. So einfach liegen die Dinge aber nicht, wenn der Tatort L e i p z i g heißt. Deswegen soll sich auch jeder Vergleich zwischen dem zeitgleichen Tod eines West-Hooligan in Düsseldorf und den Umtrieben seiner östlichen Kollegen erst einmal verbieten. Während im Westen ganz selbstverständlich gilt, daß es sich "nicht um Fans, sondern um Kriminelle" handelt, die entsprechend behandelt gehören, liegen die Dinge weiter östlich ganz selbstverständlich etwas kompli- zierter. Da ist erst einmal V e r s t ä n d n i s angebracht für die Aufführungen der Ost-Hooligans. Zwar gehört sich natür- lich Gewalttätigkeit prinzipiell nicht, wenn sie von unten kommt. Aber in d i e s e m Falle verweist sie westliche Beobachter pfeilgrad zurück auf den Charakter des ehemaligen S y s t e m s, auf "die tagtägliche Unterdrückung in den vergangenen 40 Jahren, die sich jetzt, da der Polizeieinsatz nach rechtsstaatlichen Grund- sätzen zu erfolgen hat (!), Luft macht." "Unterdrückt" worden ist dieser bestechenden Logik zufolge also 40 Jahre lang letztlich ein Rechtsradikalismus, den es w e g e n s e i n e r U n t e r d r ü c k u n g jetzt als weitere "Erblast" einerseits zu verstehen, andererseits zu bewältigen gilt. D r ü b e n sollen Hooligans und Rechtsradikale nichts mit der frisch erstarkten d e u t s c h e n N a t i o n, wenig mit N a t i o n a l i s m u s, aber alles mit der inzwischen besiegten e h e m a l i g e n Herrschaft über deren Ostteil zu tun haben. Das ist aber auch wirklich gemein, was Honecker und Co. "uns" da als Erblast hinterlassen haben: Erst bringen sie den Rechtsradikalismus und das Fußballrowdytum zu geheimer Blüte, indem sie es "unterdrücken". Dann blühen Rechtsradikalismus und Hooligans auf, weil die Unterdrückung "rechtsstaatlichen Grundsätzen" zu weichen hat. Und jetzt müssen "wir" die Drecksarbeit erledigen: "Veranstalter und Polizei müssen früher und härter durchgreifen." (für alle: Bild, 5.11.1990) zurück