Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Das Entsetzen über den ersten Fußballtoten in Leipzig:
konstruktiv bewältigt
Alle sind sich einig:
DAS HAT MIT FUSSBALL NICHTS ZU TUN!
Aber worum geht es denn beim Fußball? Daß zweimal elf Mann versu-
chen, ein rundes Leder ins jeweils gegenüberliegende Tor zu
bugsieren, ist wirklich das Unwichtigste an diesem wöchentlichen
Massenereignis: Das Fußballspielen mag Kraft, technisches und
taktisches Geschick verlangen, es mag denen, die es betreiben,
Spaß machen - und sogar Leuten, die bloß zuschauen. Wenn es aber
nur darum ginge, dann wären die Stadien nicht so groß, die
Presseberichterstattung über Tore, Siege und Fouls nicht so wich-
tig und die Versorung des Fernsehvolkes damit nicht so flächen-
deckend. Daß die "schönste Nebensache der Welt" eben keine Neben-
sache i s t, weiß der Volksmund ganz gut, der denn auch vom
"E r s a t z k r i e g" spricht.
Wenn zig Tausende begeistert "Toooor" brüllen oder in Wut wegen
eines Fouls gegen die eigene Mannschaft geraten, wenn sie umge-
kehrt von den eigenen Kämpen verlangen, dem Gegner an die Knochen
zu gehen, dann hat das nichts zu tun mit einem Vergnügen am ge-
schickten Umgang mit dem Ball. Sportreporter entdecken hier kei-
neswegs fußballfremde Einstellungen; sie lieben und loben diese
"Stimmung auf den Rängen" und wissen es zu schätzen, wenn die
Fans ihre Mannschaft nicht im Stich lassen.
Was wundert sich eigentlich der anständige Leipziger, Sachse,
Deutsche, der nach dem Spiel wieder heim geht, über Schlägereien
zwischen Fanklubs - wenn er selbst auch nichts anderes tut, als
sich einen Verein herauszusuchen, damit er dann zu ihm halten
kann. Natürlich den "e i g e n e n", heimatlichen, sächsi-
schen, deutschen: Man bekennt sich zu dem Kollektiv, das für die
Heimat steht und ist bedingungslos parteiisch für den Sieg dieser
"eigenen" Seite und für die Niederlage der anderen. Das Recht auf
den Sieg erwirbt sich der Fan durch die Treue, mit der er seiner
Mannschaft zu ihren Auswärtsspielen hinterherreist; da hinein
legt er seine ganze Ehre - und ist beleidigt, wenn "seiner" Mann-
schaft der Sieg verwehrt wird.
Was sich hier betätigt, ist purer N a t i o n a l i s m u s -
freilich auf einem Feld, auf dem weder befohlen wird noch ge-
horcht werden muß. Es geht um nichts. Erfolg, Wohlstand und Welt-
geltung von Deutschland, Leipzig oder Berlin hängen ja nun wirk-
lich nicht vom Torergebnis ab. Nichts als Nationalismus aber
liegt vor, weil das ganze Vergnügen des Fußballfans in der blin-
den Parteilichkeit für das lokale oder nationale Kollektiv be-
steht, zu dem man sich bekennt - und in der Feindschaft gegen die
anderen, nur weil sie die anderen sind.
Die H o o l i g a n s tun nichts anderes, als dieses herrliche
Vergnügen bitterernst zu ihrem Lebensinhalt zu machen: Da finden
sie einen Sinn, ein Höheres Ganzes, in das sie sich einreihen,
für das einstehen und in das sie ihre ganze Ehre hineinlegen. Zu-
gunsten dieses ihres allerhöchsten Anliegens lassen sie jede
Rücksichtnahme auf die eigene bürgerliche Existenz genauso fallen
wie die auf Leib und Leben anderer Fans, gegen die sie die Ehre
ihres Clubs rücksichtslos "verteidigen". Vom wirklichen Aktivi-
sten der nationalen Ehre, dem Soldaten, trennt sie nur eines: Sie
handeln nicht im Auftrag; die Ehrverletzung, die sie rächen, hat
nicht ein Bundeskanzler festgestellt, die Heilung der verletzten
Ehre nicht ein Staatschef befohlen. Den Wahn, daß Sein und Nicht-
sein des eigenen Kollektivs an der Bewährung und Wiederherstel-
lung der Ehre hängen, haben sich diese Patrioten zwar von ehren-
werten Staatschefs abgeschaut, praktizieren ihn aber autonom.
D a m i t stören sie die öffentliche Ordnung und bekommen
schlechte Noten für das, was umgekehrt höchste Pflicht ist, wenn
die Nation selber es anordnet.
Die Polizei mögen diese autonomen Patrioten nur aus einem Grund
nicht: sie tritt dazwischen, wenn sie untereinander ihre
Ehrenhändel bis zur letzten Konsequenz ausfechten. Dann werden
sie erst recht zu Freiheitshelden und entdecken Unterdrückung.
Der Fußball muß gerettet werden -
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durch mehr Polizei in den Stadien!
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Wenn es dann Tote gibt, ist der Öffentlichkeit eines klar: Mit
Fußball hat das alles nichts zu tun: "Das sind keine Fußballfans,
das sind Verbrecher!" (BILD) Also muß der Fußball besser ge-
schützt werden - vor seinen treuesten Anhängern, denen die Nation
unisono den Ehrentitel "Fan" versagt. Gerade weil jedermann in
der Nation die S a c h e, um die da gekämpft wird, als das men-
schennatürlichste Bedürfnis geläufig ist, wird der Schutz des
Fußballs vor seinen Konsequenzen zum reinen O r d n u n g s-
p r o b l e m:
Höhere und festere Metallgitter müssen her, um die Freunde des
Sports zuverlässig einsperren und so "voreinander schützen" zu
können. Man braucht spezielle Polizeieinheiten, die das Prügeln
mehr trainieren; überhaupt braucht es in den neuen Bundesländern
mehr polizeiliches Selbstvertrauen: also Schluß mit der Verunsi-
cherung und der Vergangenheitsbewältigung.
An den Gewaltorgien und dem Toten von Leipzig soll also letztlich
ein Mangel an staatlicher Gewalt schuld sein: Gewalt in der Ge-
sellschaft kommt daher, daß sie nicht vollständig genug
u n t e r b u n d e n wurde. Und wie konnte das passieren? Die
Polizei im Osten ist nicht nur verunsichert, sondern, wie man von
westlichen Sachverständigen hört, noch allzu unprofessionell. Und
da ist sogar etwas dran: Der Polizei in den fünf neuen Bundeslän-
dern fehlt tatsächlich die Selbstverständlichkeit im Umgang mit
der alltäglichen Gewalt in der freien Gesellschaft; ihr fehlt die
Gewohnheit im Umgang mit Bürgerkriegsausrüstung und Bürgerkriegs-
situationen. Aber das wird sich finden, erfahrene Vorgesetzte aus
dem Westen, die die ganze Palette der Gewaltmittel fein abgestuft
einzusetzen wissen, werden das Problem schon erledigen.
Soziale Ursachenforschung:
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Ersatzdrogen für Fanatiker gehören her!
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Einer breiten Koalition von Rita Süßmuth bis zur PDS ist die aus-
schließlich polizeiliche Erledigung der Ausschreitungen von
Fußballfans zu billig, die Ordnung, die sie stiftet, zu ober-
flächlich. Diese Leute erschrecken über den Grad der
"Verwahrlosung unserer Jugend", bemühen sich um Verständnis für
die Motive der Hooligans und erklären sie falsch aus deren sozi-
aler Lage: Eine "Jugend, die ins Nichts fällt, arbeitslos und
auch sonst ohne Perspektive ist", kann bei der größten Barbarei
mit einem gewissen Verständnis engagierter Sozialpolitiker rech-
nen. Als ob der Übergang so klar wäre: Ist es denn einleuchtend,
daß ein arbeitsloser Jugendlicher (im Übrigen: der Tote hatte
eine Arbeitsstelle!) mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen
weiß, als "Türken oder Linke zu kloppen" (ein Leipziger Fan) oder
andere Fußballfans zu verprügeln? Ersetzt das die Arbeit, bringt
das Einkommen oder was?! Aber darum scheint es den sozial empfin-
denen Kritikern offenbar gar nicht zu gehen. Ihnen ist vielmehr
der N a t i o n a l i s m u s nicht bloß arbeitsloser Volksge-
nossen so selbstverständlich, daß sie den Arbeitslosen nicht um
Arbeit oder gar Geld, sondern um die Chance betrogen sehen, die-
ses erste Menschenrecht in der "normalen" Weise betätigen zu
können. Sie sehen in den jugendlichen Krawallos
f e h l g e l e i t e t e n I d e a l i s m u s am Werk und
eine bedauerliche Entartung von lauter T u g e n d e n, die sie
an sich sehr zu schätzen wissen: Aufopferung für eine "höhere"
Sache, Ehrgefühl ... Das gefällt den um das Heil der Hooligans
Besorgten so gut, daß sie ein Betätigungsfeld dieser Tugenden
geschaffen wissen wollen und sich nach "Werten" sehnen, "für sich
aufzuopfern sich l o h n t".
Darin sind sich die Sozialhygieniker aller Parteien einig: Eine
Aufgabe, einen Dienst, für den sich die Jugendlichen hergeben bis
aufopfern können und der ihnen dafür einen Wert im Kollektiv zu-
weist, brauchen die Jugendlichen. Es wäre ja auch wirklich zu
schade, wollte man diese nationalistischen Energien brachliegen
lassen, statt sie auf die Mühlen zurückleiten, denen sie ihren
Antrieb verdanken!
Das Entsetzen über den ersten Fußballtoten
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in Leipzig: konstruktiv bewältigt
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