Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst
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Alle Welt meint, man verdient, was man verdient, wegen seiner
Leistung. Das ist falsch.
Warum verdient wer wieviel?
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DER BE(Ä)CKER
Der Becker
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Bisher hat Boris Becker (21) 63 Millionen DM gemacht; weitere 28
Millionen in den nächsten 3 Jahren sind schon vertraglich gesi-
chert. Warum so viel? Daß diese stolze Summe so ganz von selbst
aus der Bearbeitung eines Tennisballs herauskäme, will ja niemand
ernsthaft glauben. Becker steht "hoch im Kurs", heißt es; wie so
oft, steckt auch in diesem Fall das G e s c h ä f t dahinter.
Was auch sonst. Bekanntlich kommen 80 dieser 91 Millionen nicht
auf irgendwelchen Schauveranstaltungen zusammen, sondern direkt
von Firmen, die ihr Geld nicht zum Zwecke ihrer Unterhaltung ver-
jubeln. Von denen wird üblicherweise "keinem etwas geschenkt" -
das wissen nicht nur die vielen Nicht-Beckers, die außer ihm bei
denselben Unternehmen ihre Brötchen verdienen. Eine Menge L e i-
s t u n g wird von ihnen verlangt, damit sie auf ihre 2000 -
3000 DM Lohn im Monat kommen.
Gemessen daran muß Becker ja geradezu gigantische Arbeitsqualitä-
ten aufweisen! Tatsächlich: Er hat schon in jungen Jahren ziel-
strebig etwas Praktisches gelernt, anstatt ewig die Schulbank zu
drücken. Er stellt sich auf flexible Arbeitszeiten ein und ist
sich auch nicht zu schade, mal eine Überstunde dranzuhängen, wenn
noch ein Tie Break weg muß. Er ist offen für vielseitige Anforde-
rungen und fragt nicht lange, ob der angebotene Job auch seiner
Ausbildung oder gar seiner Neigung entspricht: So war er bisher
nicht nur im Bankwesen tätig (Deutsche Bank, 3 Mio.), sondern
auch auf dem Ernährungssektor (Coca Cola, 8 Mio.), im Verkehrswe-
sen (Ford, 1,1 Mio.), für die Textilbranche (Ellesse, Puma, Fila,
31 Mio.), die optische (Polaroid, 2,5 Mio.), elektrische
(Philips, 4 Mio.) und Chemieindustrie (BASF, 0,5 Mio.) und auch
noch für die Firma Ebel (2,2 Mio.). Und nicht zu vergessen: Die
Arbeit macht ihm sogar meistens Spaß, auch wenn manchmal nicht
alles nach Wunsch läuft und es Ärger mit den Kollegen gibt.
Alles klar? Nein, für ein Spitzengehalt muß schon noch eine be-
sonders wichtige und verantwortungsvolle Tätigkeit hinzukommen.
Wie z.B. Tennis? Jenes Ballspiel, das meist in der Freizeit be-
trieben wird - und das gar nichts einbringt, sondern im Gegenteil
mehr kostet, als sich die meisten leisten können? Das ist sicher-
lich nicht gemeint, denn Becker spielt "Profi-Tennis", und dieser
kleine Unterschied hat mit T e n n i s überhaupt nichts zu tun.
Platz, Gerät und Regeln ändern sich ja nicht dadurch, daß Auf-
schlag und Return b e r u f l i c h erfolgen! Während das Ge-
ballere der Freizeitspieler keinen Hund hinter dem Ofen hervor-
lockt, raufen sich Tausende darum, fürs bloße Zuschauen bei einem
Becker-Match eine Menge Geld loswerden zu dürfen. Das soll an der
besseren Qualität des dabei gebotenen T e n n i s liegen? Dabei
hielt bis vor kurzem die Mehrheit des heute "Tennis"-begeisterten
Publikums eine "starke Vorhand" eher für einen Fall für die Or-
thopädie, verwechselte den Lob mit einer Kunstflugfigur und muß
sich heute noch vom Fernsehen darüber aufklären lassen, wie man
beim Tennis zählt!
Trotzdem begriff die Sportnation sofort, worauf es beim
P r o f i-Tennis ankommt: darauf, daß neuerdings ein semmelblon-
der Jungdeutscher, der der Einfachheit halber "Bum-Bum" heißt,
gegen diverse Bum-Bums a n d e r e r N a t i o n a l i t ä t
erfolgreich ist. Während es hierzulande vorher ziemlich uninter-
essant war, welcher Schwede oder tschechischer Amerikaner die
großen Preisgelder abräumt, wurde dies auf einmal zu einer Frage
nationaler Bedeutung. Und der Bundespräsident hatte seine helle
Freude an dem dämlich grinsenden Knaben, so daß er ihn gleich der
ganzen deutschen Jugend als V o r b i l d empfahl!
Damit war natürlich nicht gemeint, jeder sollte jetzt voll ins
Tennis einsteigen und sich die dazugehörigen Psycho-Macken zule-
gen. Alle Nicht-Beckers geben auch weiterhin notgedrungen an
i h r e m Arbeitsplatz ihr Bestes und geben sich Mühe, ganz ohne
Hilfe eines Managers mit 0,25% des Beckerschen Einkommens zu-
rechtzukommen. Dafür brauchen sie auf ein N a t i o n a l-
g e f ü h l nicht zu verzichten und bekommen für dessen Pflege
sogar noch Unterhaltung geboten. Mitzufiebern, wenn unser Boris
antritt: Auf diese Weise kriegt der Durchschnittsmensch
wenigstens auch mal was von der "internationalen Konkurrenz" mit,
die er sonst nur vom Hörensagen kennt. Auf diese Weise kann er,
ohne selbst mit irgendwelchen Ausländern zu schaffen zu haben,
seinen Stolz darüber betätigen, als Deutscher zu den einzig
Senkrechten zu gehören.
Diese Idiotie sehen die Weizsäckers und Co. bei ihrem Volk gern.
Und die deutsche Geschäftswelt macht damit ihre Werbung.
Der Bäcker
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Im Unterschied zum nationalen Idol gleichen Namens ist der Beruf
des Bäckers saumäßig nützlich: Er versorgt doch glatt die Mensch-
heit mit frischen Brötchen, sogar mit Fünf-Korn-Brötchen. Bloß
haben diejenigen, die in diesem Gewerbe arbeiten, gar nichts da-
von. Sie beginnen schon spät in der Nacht zu arbeiten - schon
Lehrlinge müssen da ran, weil sie bei hellichtem Tage das Backen
einfach nicht lernen. Sie sind geschult darin, Hitze und
Mehlstaub hervorragend zu bewältigen, so daß sie ihr bläßliches
Gesicht als typische Handbewegung ihres Berufs vortragen können.
Der Lohn für Nutzen und Entbehrung ihres verantwortungsvollen Be-
rufs ist aber recht bescheiden. Zu mehr, als auch draußen im Le-
ben kleine Brötchen zu backen, reicht er einfach nicht. Das liegt
daran, daß die Backfabrikanten, aber auch die selbständigen Mei-
ster dieses Handwerks, darauf achten, daß ihnen die Arbeit ihrer
Arbeitskräfte nicht zu teuer kommt. 'Harte Arbeit - karger Lohn'
gilt deshalb auch in diesem Geschäft als durchaus gerechtes Ver-
hältnis von Lohn und Leistung.
Vielleicht sollten sich die Arbeiter dieses Gewerbes auf den
Becker mit dem 'e' umschulen lassen. Wenn nur die Konkurrenz
nicht so groß wäre!
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